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Full text of "Germania"

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GERMANIA. 


VIERTELJAHRSSCHRIFT 


DEUTSCHE  ALTERTHUMSKÜNDE. 


BEGRÜNDET  VON  FRANZ  PFEIFFER. 


HERAUSGEGEBEN 


KARL    BARTSCH. 


SECHSZEHNTER  JAHRGANG. 
NEUE  REIHE  VIERTER  JAHRGANG. 


WIEN. 

VERLAG  VON  CARL  GEROLDS  SOHN. 
1871. 


^7' 


BuchJruckerei  tob  Carl  Gerold'»  Sot«  in  rtUn 


INHALT. 


Über  die  sogenannten  Verba  Intensiva  im  Deutschen,  Von  Ludwig  Tobler.     .    .  1 

Germanische  Mythen  und  Sagen  im  alten  Amerika.  Von  Felix  Liebrecht..    .    .  S7 

Der  Mariencult  in  Österreich.  Von  Theodor  Vernaleken 42 

Zur  Deutung  von  Fiölsvinnsmäl.  Von  Theoph.  Kupp 60 

Bruchstücke  aus  dem  Rennewart  des  Ulrich  von  Türheim.  Von  Melzer,       .    .    .  64 

Bruchstücke  eines  Passiousspieles.  Von  Alwin  Schultz. 57 

Zum  Brandan.  Von  Karl  Schröder 60 

Margaretha  von  Schwangau.  Von  Ig.  Zingerle 75 

Kleine  Bemerkungen.  Von  A.  v.  Keller 78 

L  Heinrich  Steinhöwel 78 

IL  Das  Wort  Hien 78 

Fischart  in  Tübingen?    Von  Hermann  Kurz 79 

Kleine  Beiträge.  Von  Anton  Birlinger 82 

1.  Zum  wälschen  Gast 82 

2.  Zu  Meier  Helmbrecht 82 

3.  Her  Hüc  von  Werbenwac 83 

4.  Felix  Faber 83 

5.  Zu  den  Volksbüchern 83 

6.  Sprichwörter  und  sprichwörtliche  Redensarten 86 

7.  Mundartliche  Pflanzennamen 88 

Kleine  Mittheilungen.  Von  K.  E.  H.  Krause 89 

1.  Zu  den  deutschen  Monatuamen. 89 

2.  uns,  US,  ösek,  sek 93 

3.  Haueman 97 

Zum  Muspilli.  Kritisches  und  Dogmatisches.  Von  Ferdinand  Vetter 121 

Hartmann's  von  Aue  Heimath  und  Stammburg.  Von  F.  Bauer  und  Hans  C.  Freih. 

v.  Ow 155 

Bruchstücke  von  Wolfram's  Parzival  und  Willehalm.    Von  K.  Bartsch 167 

Das  Spiegelbuch.  Von  M.  Rieger 173 

Runen  aus  Rom  und  Wien.    Von  H.  F.  Maß  mann 253 

Altnordische  Wortdeutungen.    Von  Theodor  Wisen 259 

Straßennamen  von  Gewerben.    Von  E,  Förstemann 265 

Mythisches  von  dem  durch  den  Gunzenle  gefeierten  Konrad.  Von  K.  J.  Schröer.  286 

Zur  Ortsnamenforschung.  I.    Von  Lutterbeck 293 

Zur  Ortsnameuforschung.  H.    Von  Richard  Bück 297 

Sprachliches  zu  Closener.  Von  Karl  Schröder. .  300 


Seite 
Kleine  Mittheiliiiioen.    Vd.i  K.  E.  H.  Krause 303 

1.  Moneko.  Simon 303 

2.  Zum  Namenrätlisel  des  Primas 306 

8.  Lever-Meer.   1593.  Toten-Übersetzen 306 

-1.  Nachtrag  zu  uns,  us,  ösek,  sek 307 

Sieben  Wundergeschichten  aus  dem  XIII.  Jahrhundert.  Von  Karl  Hoj)f 308 

Über  das  Väpnatak  der  nordischen  Rechte.    Von  Konrad  Maurer 317 

Nachtrag •    •        •    .        .    .   462 

Von,  etslichen  Meisterstückelin.    Von  Fedor  Bech 338 

Bnichstücke  von  Handschriften  des  jüngeren  Titurel.  Von  Hugo  Graf  v.  Walder- 

dorff  und  K.  J.  Schröer 338 

Die  nordische  Erexsaga  und  ihre  Quelle.    Von  Eugen  Kölbing 381 

Der  urdeutsche  Sprachschatz.    Von  E.  Forst emann 414 

Lied  der  Ritter  wider  die  Städte.  Von  Richard  Wülcker 438 

LITTERATUR. 

Die  Kosenamen  der  Germanen.  Eine  Studie  von  Dr.  Franz  Stark.  Von  J.  Petters.  99 
Simrock,  Karl,  Handbuch  der  deutschen  Mythologie  mit  Einschluß  der  nordischen. 

Von  F.  Liebrecht 212 

Rumpelt,  Das    natürliche  System    der  Sprachlaute    und    sein  Verhältniss    zu   den 

wichtigsten  Kultursprachen.    Von  H.  Rück  er  t 229 

Kluge,  Geschichte  der  deutschen  National-Litteratur.    Von  R.  Bechstein.    .    .    .  346 

Menzel,  die  vorchristliche  Unsterblichkeitslehre.  Von  F.  Liebrecht 358 

Die  Programme  der  gelehrten  Schule  Islands.  Von  Konrad  Maurer 442 

Zeno ,  oder  die  Legende  von  den  heiligen  drei   Königen.  Ancelmus.  Herausg.  von 

A.  Lübben.    Von  Karl  Schröder 449 

Regel,  Karl,   Die  Ruhlaer  Mundart  dargestellt.  Von  Reinhold  Bechstein.    .    .    .  456 

BIBLIOGRAPHIE. 

Bibliographische  Übersicht  der  Erscheinungen  auf  dem  Gebiete  der  germanischen 

Philologie  im  Jahre  1870.  Von  Karl  Bartsch 463 

MISCELLEN. 

Drei  deutsche  Litterarhistoriker.  Von  Karl  Bartsch 109 

Der  litterarische  Verein  in  Stuttgart.  Von  demselben 120 

Adolf  Holtzmann.  Von  demselben.      . 242 

Georg  Gottfried  Gervinus.  Von  demselben 247 

Franz  Joseph  Mone.  Von  demselben 250 

Benedict  Greiff.  Von  demselben 252 

Luthers  Handexemplar  seiner  Schrift:  An  die  Pfarrherrn  etc.    Von  Dietz.     .    .    .  378 

Beide.    Von  Fr.  Möller 380 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSIVA 
IM  DEUTSCHEN. 


VON 

LUDWIG  TOBLER. 


Die  vor  einiger  Zeit  erschienene  Schrift  von  Dr.  G.  GerLind  „In- 
tensiva  und  Iterativa"  (Leipzig  1869)  hat  neben  andern  Verdiensten, 
deren  Würdigung  nicht  in  diese  Zeitschrift  gehört,  unstreitig  auch  das, 
die  im  Titel  genannte  Erscheinung  näher,  als  bisher  geschah,  ins  Auge 
gefasst  und  eine  Erklärung  derselben  versucht  zu  haben.  Wir  können 
nun  zwar  dieser  Erklärung,  obwohl  sie  dem  deutschen  Sprachgeist  eine 
für  ihn  schmeichelhafte  Eigenschaft,  nämlich  eine  ihm  in  hohem  Grade 
eigene  fortdauernde  Lebens-  und  Schöpfungskraft,  zuschreibt^  nicht  bei- 
stimmen; aber  wir  finden  dieselbe  immerhin  so  bedeutend  und  vom 
Verfasser  mit  solchem  Eingehen  auf  speciell  deutsche,  sowie  auf  all- 
gemeinere Spracherscheiuungen  vorgebracht,  daß  wir  die  Darstellung 
unserer  eigenen  Ansicht  am  besten  von  der  seinigen  und  dem  von  ihm 
beigebrachten  Material  ausgehen  lassen.  Was  wir  dabei  sowohl  Nega- 
tives als  Positives  vorzubringen  haben,  ist  so  Manches  und  mancherlei, 
daß  es  die  Haltung  und  die  Grenzen  einer  bloßen  Recension  über- 
schreiten musste. 

Herr  G.  beginnt  S.  2  mit  dem  Satze:  „Es  gibt  eine  nicht  unbe- 
deutende Anzahl  abgeleiteter  Verba  im  Deutschen,  welche  die  Bedeu- 
tung ihrer  Stammwurzel  in  intensiver  Steigerung  ausdrücken,  indem 
sie  den  Schlußconsouanten  der  Wui'zel  verdoppeln  und  theilweise  ver- 
härten, den  langen  Vocal  verkürzen ,  den  kurzen  aber  entweder  kurz 
lassen  oder  abschwächen."  Durch  solche  Gestalt  der  Wurzel  findet 
Hr.  G.  die  intensive  Bedeutung  derselben  symbolisch  angezeigt;  übri- 
gens erweisen  sich  die  betreff'enden  Verba  durch  ihre  schwache  Flexion 
als  abgeleitet,  meistens  von  starken,  welche  sich  neben  ihnen  erhalten 

GERMANIA.  Neue  Reihe  IV.  (XVI.)  Jahrg.  1 


2  LUDWIG  TOBLER 

haben.  —  Der  letztere  Umstand  ist  nicht  unwichtig,  denn  da  Hr.  G. 
von  diesen  Bildungen  als  im  Sprachgefühl  noch  lebendigen  spricht,  so 
kann  die  intensive  Form  und  Bedeutung  derselben  als  solche  wirklich 
nur  insofern  empfunden  werden,  als  die  entsprechenden  Stammwörter 
daneben  bestehen.  In  der  That  gibt  es  nun  zunächst,  im  Hochdeutschen 
mit  Einschluß  der  altern  Dialecte  und  neueren  Mundarten,  eine  Anzahl 
Verba,  bei  welchen  jenes  Verhältniss  stattfindet;  wenigstens  fühlen  Avir 
in  Bezug  auf  die  Bedeutung  zwischen  dem  einfachen  Verbum  und 
dem  abgeleiteten  eine  Intension  auf  Seite  des  letzteren,  wenn  wir  auch 
symbolischer  Bezeichnung  derselben  durch  geschärfte  Gestalt  des 
Wortes  uns  nicht  deutlich  bewusst  sind.  Aber  fi-eilich  ist  g-erade  dieses 
Merkmal  wieder  kein  unwesentliches,  und  wenigstens  für  die  ältere  Zeit, 
in  welcher  jene  Bildungen  zuerst  aufkamen,  sollte  behauptet  und  einiger- 
maßen nachgewiesen  werden  können,  daß  jenes  Gefühl  von  symboli- 
scher Kraft  der  Laute  vorhanden,  ja  daß  es  der  eigentliche  Trieb  der 
Bildungen  war  und  sein  musste ;  denn  an  unserm  heutigen  Sprachgefühl 
haben  wir  bekanntlich  sehr  oft  keinen  zuverlässigen  Halt  für  Etymo- 
logie ,  und  ohne  j enen  Nachweis  ,  der  wenigstens  W  a  h  r  s  c  h  e  i  n  1  i  c  h- 
keit  mit  sich  führen  sollte  (weil  ja  völlige  Gewissheit  in  solchen 
Dingen  nicht  zu  erreichen  und  zu  vei'langen  ist),  schwebt  die  ganze 
Auffassung  des  Hrn.  G.  in  der  Luft.  Wir  vermissen  aber  an  derselben 
eben  die  Wahrscheinlichkeit,  daß  in  einer  verhältnissmäßig  bereits 
späten  Zeit  wie  die  des  Althochdeutschen  (wo  uns  jene  Bildungen  zu- 
erst begegnen),  die  Sprache  noch  im  Stande  gewesen  sei,  solche  rein 
dynamische  Lautsymbolik  anders  als  höchstens  in  Schalinachahmungen 
zu  üben ,  und  wenn  Hr.  G.  in  dem  Vermögen  dazu  eben  eine  unter- 
scheidende Eigenthümlichkeit  und  Auszeichnung  des  deutschen  Sprach- 
geistes innerhalb  des  indogermanischen  findet ,  so  müsste  eine  solche 
doch  durch  ähnliche  erst  noch  bestätigt  werden.  Aber  auf  diesem  Gebiet 
und  mit  solchen  Waffen  ist  der  Streit  überhaupt  nicht  auszufechten, 
sondern  auf  dem  Boden  des  Deutschen  allein ,  und  zwar  durch  die 
directe  Untersuchung,  ob  die  Annahme  des  Hrn.  G.,  sei  sie  nun  an 
sieh  wahrscheinlich  und  möglich  oder  nicht,  sich  ftir  die  angeblichen 
Fälle  zunächst  als  in  sich  selbst  richtig,  sodann  als  einzig  mög- 
lich und  darum  schließlich  auch  als  noth wendig  erweise.  Wenn 
irgend  eine  oder  mehrere  andere  Annahmen  dem  Thatbestand  Ge- 
nüge thun,  ohne  eine  Möglichkeit  von  jener  allgemeinen  Art  als  Voraus- 
setzung und  Hilfe  zu  brauchen ,  vielmehr  gestützt  auf  bereits  festste- 
hende Thatsachen  der  deutschen  Sprachgeschichte ,  so  verdienen  sie 
offenbar  den  Vorzug,  und  wir  nehmen  ausdrücklich  mehrere  in  Aus- 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSIVA  IM  DEUTSCHEN.  3 

sieht,  weil  sieh  zeigen  wird,  daß  wir  es  hier,  trotz  oberflächlicher  Ähn- 
lichkeit der  Fälle  und  scheinbarer  Einfachheit  der  für  sie  alle  ange- 
nommenen Erklärung  des  Hrn.  Gr.,  nicht  mit  Erzeugnissen  eines  ein- 
heitlichen organischen  Grundtriebes  zu  thun  haben,  sondern  mit  Fac- 
toren  verschiedener  Art,  unter  denen  ein  ursprünglich  zufälliges,  erst 
nachträglich  in  den  Schein  von  Absicht  und  Zweckmäßigkeit  einge- 
tretenes Zusammentreffen,  verbunden  mit  falscher  Analogie  und  halber 
Onomatopoiie,  eine  Hauptstelle  einnimmt. 

Gleich  das  erste  Beispiel,  das  Hr.  G.  als  typisch  füi'  die  ganze 
Erscheinung  auch  später  noch  mehrmals  anfuhrt,  ist  von  dieser  ge- 
mischten Art,  und  wir  sehen  nicht  ein,  warum  er  gerade  dieses  voran- 
stellt, da  doch  das  betreffende  Stammverbum  kein  ursprünglich  deut- 
sches Wort  ist  und  darum  auch  nicht  starke  Flexion  hat,  die  in  der 
Regel  auch  nach  Hrn.  G.'s  Ansicht  der  Bildung  zu  Grunde  liegt;  viel- 
leicht wollte  er  aber  gerade  an  diesem  Falle  zeigen,  wie  tief  der  frag- 
liche Bildungstrieb  in  der  deutschen  Sprache  wurzle,  indem  er,  wie  ja 
auch  der  Ablaut  und  der  Accent,  sogar  Fremdwörter  ergriffen  habe. 

Wenn  wir  bei  Platen  lesen :  „Soll  ich  &w\^ plagen  mich  xxnii •placken'^ ^'' 
so  fühlen  wir  unstreitig  zwischen  den  beiden  Verben  das  oben  als  fac- 
ti seh  zugegebene  Verhältniss  der  Bedeutung;  aber  folgt  daraus  un- 
mittelbar, daß  jener  Zusammenhang  auch  ein  genetischer,  daß  also 
das  (nach  Weigand,  Wörterbuch)  seit  dem  17.  Jhd.  geläufige  placken 
damals  erst  auf  die  von  Hrn.  G.  angenommene  Weise  von  plagen  ge- 
bildet sei  ?  Über  die  Bedeutung  und  Herkunft  des  letztern,  wie  sie  von 
Weigand  a.  a.  O.  angegeben  sind,  ist  nichts  weiter  zu  bemerken ;  wenn 
er  aber  placken  ebenso  von  plagen  gebildet  findet  wie  jackern  von  jagen, 
wobei  auch  nicken  von  neigen  usw.  zu  vergleichen  sei,  so  haben  wir  zwar 
gegen  diese  „Vergleichung'',  wenn  sie  nicht  eine  Gleichsetzung  be- 
deuten soll ,  nichts  einzuwenden  und  wollen  sie  ,  wie  auch  die  von 
jackern  '.jagen  für  einmal  hinnehmen,  bis  wir  zu  jenen  Wörtern  der  Reihe 
nach  kommen;  für  placken  aber  ergibt  sich  aus  den  bei  Weigand  un- 
mittelbar folgenden  Worten  die  Möglichkeit  einer  andern  Erklärung. 
Placken  ist  nach  seiner  Angabe  aus  dem  Niederdeutschen  aufgenommen, 
dasselbe  gilt  aber  noch  von  einem  andern  gleichlautenden  placken,  wel- 
ches, zunächst  vom  Substantiv p?«c/.e(7i),  m.  ■=rz  Fleck,  Lappen,  abgeleitet, 
die  Bedeutung  hat:  Lappen  einsetzen  oder  aufkleben  (flicken),  dann 
auch:  Flecken  (==  Fehler)  machen.  Diese  beiden  Bedeutungen  werden 
zwar,  wie  die  entsprechenden  Substantive,  von  Weigand  auseinander 
gehalten,  aber  etymologisch  gehören  sie  ohne  Zweifel  zusammen,  da 
W.  selbst  für  placke(n)  =  Flecken  Entlehnung  aus  lat.  pläga   (Wund- 

1* 


4  LUDWIG  TOBLER 

mal)  möglich  findet,  für  die  Bedeutung  „Lappen"  aber  (mnl.  plagglie, 
abgetragenes  Zeug)  auf  lat.  pläga,  Teppich,  Bettdecke,  Vorhang  zurück- 
greift. Dieses  bedeutet  ursprünglich  überhaupt  etwas  breitgeschlagenes, 
ausgedehntes,  also  z.  B.  ein  Stück  Land  oder  Zeug,  daher  einerseits: 
Fläche,  Gegend,  andererseits:  ausgespanntes  Jägernetz,  Grewebe  usw. 
Lat.  pläga  und  pläga  stammen  aber  von  derselben  Wurzel  plag,  schla- 
gen, welche  in  'pla{n)ge  nasal,  in  pläga  (griech.  Ttltjy^,  nlriy-vv-^L 
neben  Ttlay-  im  Aorist  II)  vocalisch  verstärkt  ist;  die  verschiedene 
Quantität  der  lateinischen  Wörter  war  oder  wurde  bei  ihrer  Aufnahme 
ins  Deutsche  ebenso  wenig  festgehalten  wie  bei  einheimischen.  Übri- 
gens kann  placke{n)  =  Flecken  statt  aus  lat.  pläga  auch  direct  aus 
dem  bereits  verdeutschten  ^^acÄ;e(n)  =  Lappen  (plaga)  abgeleitet  werden ; 
denn  ähnlich  besteht  in  der  Schweiz  neben  dem  transitiven  Verbum 
flicken  ein  intransitives  flecken  ==  fehlen,  missrathen.  Wenn  nun  neben 
placke  schon  früher  Plage  und  plagen  aus  pläga  war  aufgenommen  wor- 
den, so  ist  doch  denkbar  oder  sogar  wahrscheinlich,  daß  volksetymo- 
logischer Trieb  zwischen  jenem  (ebenfalls  bereits  bestehenden) 
placken  und  dem  plagen  eine  Beziehung  suchte  und  irrthümlich  herstellte, 
indem  allerdings  placken  in  die  Stellung  eines  Intensivums  zu  plagen 
gezogen,  aber  nicht  daß  ein  neues  placken  als  Intensiv  zu  plagen  erst 
geschaffen  wurde  kraft  eines  ursprünglichen  Grefühls  von  speci- 
fischer  Angemessenheit  des  Lautunterschiedes  ftlr  jenes  Begriffsver- 
hältuiss ;  wohl  aber  mochte  das  erstere  geschehen  in  Folge  von  Analogie 
mit  bereits  bestehenden  (aber  auf  anderm  Weg  entstandenen)  Paar- 
formen ähnlicher  Art.  Natürlich  musste  auch  die  Bedeutung  von 
placken  Ankuüpfungspuncte  für  jene  Wendung  bieten,  und  sie  lagen 
in  dem  Begriffe  des  Herumflickens,  Aufheftens,  womit  sich  leicht  die 
Vorstellung  lästiger  kleinlicher  Zumuthungen  und  Misshandlungeu  ver- 
binden, oder  in  dem  von  placke  =  abgetragenes  Zeug,  aus  dem  sich 
der  von  Abnutzung  entwickeln  konnte ;  auch  war  ja  der  alte  Grund- 
begriff des  S  ch  l  a  g  e  n  s,  den  placken  mit  plagen  gemein  hatte,  in  jenem 
wie  in  diesem  nie  ganz  in  Vergessenheit  gerathen.  Wir  geben  gerne  zu, 
daß  diese  unsere  Erklärung  complicierter  und  mühsamer,  auch  auf 
den  ersten  Blick  nicht  so  einleuchtend  sei  wie  die  von  Hrn.  G. ,  aber 
nirgends  weniger  als  in  sprachgeschichtlichen  Dingen  gilt  der  Spruch: 
Simplex  sigillum  veri,  und  nur  durchgeführte  Prüfung  möglichst  vieler 
anderer  Einzelfälle  berechtigt  zu  einem  Urtheil  und  Entscheid. 

Hr.  G.  gibt  nun  auch  (S.  4 — 14)  eine  Reihe  von  44  weiteren  Bei- 
spielen, denen  sich  (mit  Unterbrechungen  S.  IG — 17.  20 — 22.  28 — 29) 
noch  ungefähr  14  beigesellen,  so  daß  die  Gesammtzahl  sich  auf  die  60 


ÜBER    DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSIVA  IM  DEUTSCHEN.  5 

beläuft,  womit  aber  noch  keineswegs  alle  wirklich  vorhandenen  auf- 
gezählt sein  sollen,  vollends  nicht  die  in  den  lebendigen  Mundarten 
noch  immerfort  neu  zu  bildenden  (S.  15).  Diese  letztern  zu  anticipieren, 
ist  Niemandes  Aufgabe,  dagegen  hätte  Hr.  G.  wenigstens  die  in  der 
Schriftsprache  vorhandenen  voll  ständig,  wenn  auch  nur  noch  in  Kürze, 
aufzählen  sollen;  denn  unzählbar  viele  andere  gibt  es  nach  den  ge- 
nannten jedenfalls  nicht  mehr  (wir  glauben  sogar  nur  noch  wenige), 
die  Aufzählung  der  übrig-en  hätte  aber  dazu  beigetragen,  den  Begriff, 
den  Hr.  Q.  mit  seinen  Intensiven  verbindet,  und  seine  Methode  dieselben 
ausfindig  zu  machen  und  zu  erklären,  noch  mehr  ins  Licht  zu  setzen. 
60  ist  zwar  schon  eine  ansehnliche  Zahl ,  aus  der  sich  wohl  etwas 
schließen  lässt;  aber  wenn  es  gilt,  ein  ganz  neues  Gesetz  aufzustellen, 
so  sollte  die  Induction  möglichst  vollständig  sein. 

Von  den  60  nun,  an  die  wir  uns  zunächst  zu  halten  haben,  die 
übrigens  auch  von  Hrn.  G.  nicht  alle  in  dieselbe  Linie  von  Regel- 
mäßigkeit gestellt  und  mit  gleicher  Sicherheit  angenommen  zu  werden 
scheinen,  sind  etwas  mehr  als  die  Hälfte  so  beschaffen,  daß  intensive 
Bedeutung  der  betreffenden  Verba  im  Verhältniss  zu  vorhandenen 
oder  anzunehmenden  Stammwörtern  sich  nicht  bestreiten  lässt,  obwohl 
genaue  Bestimmung  jenes  Begriffs  an  subjectiver  Verschiedenheit  des 
Sprachgefühls  zuweilen  eine  SchranJce  finden  mag.  Die  Differenz  der 
Ansichten  betrifft  aber  wesentlich  die  Entstehung  und  ursprüngliche 
Bedeutung  der  Laut  form,  in  welcher  die  fraglichen  Verba  auftreten, 
und  zwar  nicht  bloß  die  Ansicht  des  Hrn.  G.  von  derselben  im  All- 
gemeinen als  einer  unmittelbar  dynamischen,  sondern  auch,  diese  vor- 
ausgesetzt, die  Eichtigkeit  ihrer  Anwendung  im  Besondern.  Wir 
haben  also  die  von  Hrn.  G.  angenommenen  Fälle  zunächst  au  dem 
allgemeinen  Bildungsgesetz  zu  messen,  welches  er  selbst  aufstellt;  wenn 
sich  dann  ergibt,  daß  sie  ein  Gesetz  von  jeuer  Art  nicht  bewähren 
oder  daß  sie  anderweitigen  Gesetzen  widersprechen,  so  muss  für  die- 
selben eine  andere  Erklärung  gesucht  werden. 

Nachdem  Hr.  G.  die  45  ersten  Beispiele  abgehandelt  hat,  hält  er 
inne  (S.  15),  um  einen  Rückblick  auf  dieselbeu  zu  werfen  und  das  Ge- 
setz ihrer  Bildung  aus  ihnen  herauszulesen.  Dabei  findet  er  vor  allem 
bemerkenswerth,  daß  die  ahd.  Wurzel,  aus  welcher  sich  das  Intensivum 
entwickelt,  nie  auf  Tennis,  sondern  nur  auf  Media  oder  Aspirata  (Spi- 
rans) ausgehe,  und  er  erklärt  dies  daraus,  daß  die  Tenuis  eben  zur 
Bildung  der  Intensivform  vorzugsweise  bestimmt  gewesen  sei,  d.  h. 
daß  sie  zur  Verhärtung  von  Media  und  Spirans  habe  aufgespart  werden 
müssen.    Daß  nun,  wie  Hr.  G.  beifügt,  dieser  Ausschluss  der  Tenuis 


6  LUDWIG  TOBLER 

in  einer  altern  Periode  des  Hoclideutsclien,  d.  h.  vor  der  zweiten  Laut- 
verschiebung, nicht  habe  stattlinden  können,  sehen  wir  nicht  ein;  da- 
gegen wäre  zu  bedenken  gewesen,  daß  gerade  die  zweite  Lautver- 
schiebung ,  weil  sie  überhaupt  keine  vollständige  war  und  nicht  bei 
allen  liuchdeutschen  Stämmen  gleichmäßig  zum  Durchbruch  kam,  durch 
theilweise  Nichtfortschiebung  der  alten  Medise  b  und  g  in  Folge  der 
Stockungen  bei  /  und  h  im  In-  und  Auslaut  die  Zahl  der  auf  reine 
Tenuis  auslautenden  Wurzeln  überhaupt  verminderte,  so  daß  sie  fast 
auf  Null  reduciert  wurde ,  da  Wurzeln  auf  t ,  aus  andern  Gründen, 
ebenfalls  selten  waren:  hier  also  läge  die  Ursache  jener  Erscheinung, 
nicht  in  einer  absichtlichen  Ausschließung.  Aber  sehen  wir  nun  zu, 
wie  sich  nach  Hrn.  G.  die  Verhärtungen  der  Medise  und  Spiranten 
(denn  von  eigentlichen  Aspiraten  kann  ja  hier  nicht  mehr  die  Rede  sein) 
gestaltet  haben: 

g  wurde  intensiv  ck^  einmal  ch  (jcigeii  •.jochen'i). 

h       „  „  ck. 

ch      „  „         ck^  es  blieb  aber  iu  kelclien '.  kichern  \    siuchen, 

Sachen  (kranken),  weil  die  Gutturalaspirate  selbst  schon  ein  harter  Laut, 
also  für  Intensivbildungen  brauchbar  gewesen  sei,  und  weil  ch  für 
Verdopplung  derselben  stehe  (für  ahd.  hh?). 

b  wurde  jjf  {pp,  dieses  eigentlich  niederdeutsch),  einmal  bb  {rei- 
ben :  ribben,  mundartlich). 

f  (ff)  wurde /^',  zweim'di  ff  {streifen:  striffela,  mhd.  sifen^  tviei'en  : 
siffeln,  gleiten?). 

/  wurde  py,  mhd.  laßen,   lecken  :  uhd.  lappeti  (V). 

w  „  pj]  mhd.  ziuiven,  ziehen  :  nhd.  zupfen^  und  mhd.  kiuwen, 
kauen  :  kiffen  (?). 

z  (ß)  wurde  tz^  welches  aber  in  schnitzen  aus  d,  resp.  t  (schnei- 
den^ schnitt)  entstand. 

Als  Unregelmäßigkeiten  nimmt  Hr.  G.  an:  ch  :  ff  in  kriechen: 
kniffen  (hessisch,  was  aber  von  kriefen,  einer  hochd.  verschobeneu  Form 
des  nd.  kriepen ,  wovon  auch  krüppel ,  abzuleiten  ist) ;  w  :  k  in  mhd. 
spiiven,  speien  :  nhd,  spucken  (dessen  k  aber  aus  dem  häutigen  Über- 
gang von  10  zunächst  in  g  seine  Erklärung  findet)  und  d  :  pp  in  schnei- 
den :  mundartl.  schnippeln,  was  wir  so  wenig  anerkennen  können  wie 
den  Übergang  von  g  (k)  :  p  in  ags.  hntgan  :  hnipian,  nappian  (S.  9.39). 

Bei  genauerer  Prüfimg  (besonders  der  mundartlichen  Nebenformen, 
welche  Hr.  G,  unter  den  Hauptnummern  beibringt,  aber  nicht  mit  ge- 
höriger Unterscheidung  von  der  Schriftsprache)  ergibt  sich,  daß  er  noch 
3,nderc  Übergänge  annimmt,  so;  h  '.ff  {riffeln  von  reiben)^  p  :  pp  {hiippen 


ÜBE  R  DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSIVA  IM  DEUTSCHEN.  7 

von  kneipen,  oder  von  der  hoehd.  Form  kneifen?)^  hh  :  pp  (ags.  hebhan 
:  Jioppian?).  Einen  besondern  Zusatz  bildet  dann  noch  die  Entstehung 
von  intensivem  ck  aus  nk^  ng  (durch  Assimilation  ?) :  wackeln  aus  wanken 
(vgl.  jedoch  S.  14 — 15  loacken  aus  loegen,  ivagen) ,  hikkeln  aus  hinken, 
schlucken  aus  schlingen  (denen  ohne  Zweifel  auch  noch  drücken  aus 
dringen  beizugesellen  ist).  Endlich  wird  noch  bemerkt,  daß  der  Schluß- 
consonant  der  Intensivbilduug  nie  eine  Liquida  sei,  was  später  noch 
einmal  zur  Sprache  kommt ;  der  Grund  ist  wohl,  daß  die  Liquidse  von 
Natur  schon  mehr  als  die  Mutse  zu  Verdoppelung  geneigt  sind  und 
darum  schon  einfache  starke  Verba  dieselbe  zeigen  (vgl.  S.  22). 

Der  Vocal  des  Verbums,    von  welchem  das  lutensivum  abge- 
leitet wird,  ist  nach  S.  18  meistens  lang,  einfach  oder  diphthongisch; 
doch   kommen   auch   ungefähr   10  Fälle   von   kurzem  Vocal  vor.    Der 
Vocal  des  lutensivums  selbst  ist  meistens  der  kurze  des  starken  Prse- 
teritums   oder  Participiums ,    nur   selten   wird  der    des  Prsesens   beibe- 
halten.   Diese  Angaben  werden  aber  sofort  dahin  berichtigt,  daß  das 
Intensivum   den   kurzen  Vocal   der  Wurzel   beibehalte,    in  seiner 
ursprünglichen   oder  in  der  geschwächten  Gestalt,    die  gegenüber  den 
verwandten  Sprachen  dem  Deutschen  eigen  sei.  Daß  darum  diese  In- 
tcnsivbil düngen   etwas  specifisch  Deutsches  haben  sollen,    können 
wir  nicht  einsehen;  dagegen  folgt  aus  jener  zweiten  Fassung,  daß  von 
einer    erst   zum  Zweck   der  Intensivbildung   eintretenden  Verkürzung, 
welche  oben  als  Merkmal  aufgestellt  wm-de,  nicht  die  Rede  sein  kann. 
In  der  That  entsteht  der  Schein  davon  nur  daraus,  daß  Hr.  G.  zuerst 
die  Intensivbildung  von  der  Form  des  Praesens  oder  Infinitiv  ausgehen 
Hess,  Avo  ein  Theil  der  starken  Verba  eine  Steigerung  des  Wurzelvocals 
mit  sich  führt,   die  eben  nur  jenem  Tempus  und  in  noch  vollerer  Ge- 
stalt dem  Prset.  Sing,  angehört;  es  hindert  aber  nichts  (obwohl  Hr.  G. 
S.  73  und  74  sich  widersprechend  darüber  erklärt),  die  Bildung,  je  älter 
sie  sein  soll    um  so  mehr,  unmittelbar  von  der  Wurzelgestalt  ausgehen 
zu  lassen,    wie  sie  auch  im  Preet.  Plur.,    Part.  Perf.  und  in  Nominal- 
stämmen lebt.  Bei  den  Wurzeln,  welche  im  Prsesens  a  zu  i  (e)  schwächen, 
kann  auf  das  Prset.  Sing,  zurückgegriffen  werden  (icehen  :  icappen]  loippen 
kann  mit  den  Substantiven  icib  und  tcihil  und  dem  schwachen  Verbum 
■weihen  von  einem  starken  wlhen  abgeleitet  werden;  trecken  und  stecken 
veiTathen  sich  schon  durch  die  Aussprache  ihrer  e  als  nicht  unmittel- 
bare Ableitungen  von  trechen  und  stechen;  das  Verhältniss  von  schicken  : 
schehen  ist  noch  unklar);    oder  auf  das  Part.  Perf.    (brechen  :  brocken); 
Bildimgen  von  ungeschwächten  «-Wurzeln,  deren  Hr.  G.  mehrere  auf- 
stellt, werden  wir  als  unrichtig  erweisen.  Während  also  zur  Erklärung 


8  LUDWIG  TOBLER 

des  Vocals   der  Intensiva   die  Annahme    eines   besondern  Actes   von 
Verkürzung  nicht  nöthig  ist,  bleibt  die  wichtigere  Frage,  ob  für  die 
Consonanten  eine  „Verdopplung"  und  theilweise  „Verhärtung" 
sich   wirklich   als  Regel    erweise.     Eine  Veränderung  der  Consonanten 
liegt   allerdings   vor    (ausgenommen  die  Fälle   wo  ch  bleibt),    und   sie 
kann   im   Allgemeinen   wohl   als   eine   Verhärtung   bezeichnet   werden, 
„Verdopplung"  aber  linden  wir  auf  obigem  Verzeichniss  eigentlich  nir- 
gends, und  gerade  in  den  echt  hochdeutschen  Beispielen  am  wenigsten; 
eher  könnte   von  einer  Verdickung  des  Lautes  gesprochen  werden; 
überhaupt  aber  scheint  die  Veränderung  weniger  eine  quantitative  als 
eine  qualitative,    und  diese  veranlasst  durch  Einfluss  eines  fremden 
Lautes,  der  den  der  Wurzel  mannigfach,  je  nach  des  letztern  eigener 
Beschaffenheit,  modificierte.  Von  einer  unmittelbaren,  gleichmäßigen  und 
deutlich  symbolischen  Veränderung  der  Laute  kann  also  nicht  die  Rede 
sein,  und  was  wir  an  der  ganzen  Behandlung  des  Hrn.  G.  hauptsäch- 
lich vermissen,  ist  eben,  daß  er  nicht  vor  allem  die  Erscheinung  rein 
lautgeschichtlich   betrachtet  und  die  Frage   erhoben  hat,    welche 
Entstehung    und    Geltung   die   in   den   intensiven  Verben    auftretenden 
Doppellaute  im  Altdeutschen  überhaupt  haben;    er  würde  dann  ge- 
funden haben,  daß  sie  vielfach  auch  sonst  vorkommen  und  auf  einem 
Wege  erzeugt  werden,  welcher  zwar  eine  nachträgliche,  scheinbar  spe- 
cifisch  intensive  Bedeutung  derselben  in  Fällen,  wo  abgeleiteten  Verben 
noch  ihre  einfachen  Stammwörter  zur  Seite  stehen,    nicht  ausschließt, 
aber  doch  den  Ursprung  der  ganzen  Bildung  in  ein  anderes  Licht  setzt. 
Hr.  G.  weiß    sehr   wohl    (vgl.  S.  ö7.  73),    daß  es   viele   hochdeutsche 
Verben  gibt,  die  ganz  ähnliche  Lautgestalt  zeigen  wie  seine  Intensiva, 
nur  daß  eben  ihre  Stammwörter  verloren  oder  verdunkelt  sind ;  so  wenig 
nun  aus  jener  Lautgestalt  folgt,  daß  solche  Verba  ebenfalls  Intensiva 
sein  müssen^  eben  so  wenig  durfte  dieselbe  umgekehrt  als  primitives 
Merkmal  der  wirklich  intensiven  aufgestellt  werden,  von  denen  übri- 
gens manche  nach  Hrn.  G.  eigener  Aussage  (S.  36)    diese  Bedeutung 
kaum    noch   merklich   an  sich  tragen ,    so    wie    hinwider  manche  von 
den  erstem  auch  ihrer  Bedeutung  nach  gar  wohl  Intensiva  von  an- 
dern sein  könnten,  da  sie  eine  starke  oder  überhaupt  „angestrengte" 
Bewegung  bezeichnen,  z.  B.  schleppen,  raffen,  gaffen,  hocken,  schrecken, 
strecken,  jpochen  (vgl.  Jochen),  schwitzen,  putzen  und  viele  mundartliche. 
Bevor  wir  unsere  positive  Ansicht  näher  entwickeln,   haben  wir, 
immer  dem  Gange  des  Hrn.  G.  folgend,  nur  noch  einen  Punct  zu  be- 
rühren.   Er  findet  (S.  20),    daß  die  meisten  Intensiva  von  starken 
Verben  gebildet  sind,  was  richtig  und  bedeutsam,  aber  für  seine  Grund- 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VEEBA  INTENSIVA  IM  DEUTSCHEN.  9 

ansieht  nicht  eben  günstig  ist.  Denn  wenn  die  Bildung  rein  dynamisch 
symbolisch  sein  soll ,  so  ist  in  der  That  nicht  abzusehen ,  warum  sie 
nicht  von  schwachen  Verben  ganz  ebenso  gut  könnte  vollzogen  werden, 
sobald  ihre  Lautgestalt  jene  zwei  Operationen  der  Vocalkürzimg  und 
Consonantenschärfung  erlaubt,  was  ja  bei  sehr  vielen  der  Fall  wäre. 
Daß  die  starken  bevorzugt  sind,  lässt  sich  wohl  nur  daraus  erklären, 
daß  sie  durch  ihr  Ablautvermögen  überhaupt  in  der  Wortbildung  leben- 
diger und  fruchtbarer  sind ;  was  aber  eben  auf  einen  allgemeineren 
Ursprung  und  Charakter  auch  der  fraglichen  Intensivbildung  deutet. 
Die  wenigen  von  schwachen  Verben  gebildeten  Intensiva  beweisen 
natürlich  nichts  gegen  diese  Auffassung  und  erklären  sich  aus  über- 
wiegender Analogie  der  von  starken  gebildeten,  welche  übrigens  selber 
schon  zum  Theil  nur  jenem  Princip  ihr  Dasein  verdanken.  Daß  von 
reduplicierenden  Verben  keine  Intensiva  gebildet  wurden  (S.  23), 
ist  ebenfalls  richtig  und  für  beide  charakteristisch  ;  wenn  aber  siulzen 
im  Verhältniss  zu  stossen  ein  umgekehrtes  oder  unorganisches  Inten- 
sivum  genannt  wird  (S.  24.  25),  weil  es  die  ursprüngliche  Kürze  des 
Wurzelvocals  enthalte,  so  können  wir  dies  nach  dem  Obigen  nicht  mehr 
zugeben  ;  vielmehr  entsprang  aus  dem  Ablaut  des  auch  von  Hrn.  G. 
vorausgesetzten  stiozan  im  Pr?et.  Sing,  das  reduplicierende  stozan,  so 
wie  gleichzeitig  und  unabhängig  von  diesem  aus  dem  Ablaut  des  Prset. 
Plur.  (resp.  aus  der  alten  Wurzelkürze)  mit  ableitendem  und  dann  sich 
assimilierendem  j  stuzjan,  stuzzan.  Ganz  dasselbe  gilt  von  putzen  im 
Verhältniss  zu  hozen  (s.  Grimm  Wb.  unter  hntzen).  Aus  ahd.  studjcm 
konnte,  wenn  nicht  eine  unregelmäßige  Fortschiebung  wie  bei  schützen 
aus  schütten  stattfand,  kein  hochd.  stutzen,  sondern  nur  ein  stutten  ent- 
stehen, vgl.  retten,  schütten^  deren  tt  sächsischem  dd  aus  dj  entspricht. 
Studjan  und  gasttcdnon  gehören  nach  Grimm  zunächst  nicht  zu  stützen, 
sondern  zu  stad  als  Weiterbildung  von  sta  stehen,  vgl.  ahd.  stad,  sta- 
dal,  stat.  Das  angenommene  stiozan  aber  lebt  fort  im  ahd.  stiuz,  nhd.  Steiß, 
im  Schweiz.  Eigennamen  Stüfii  und  in  dem  obd.  Stotz,  Stamm,  Bein, 
stotzig,  stämmig,  steil,  stotzen,  auch  statzeln  =  nd.  stottern.  Hieran  knüpft 
sich  nun  bei  Hrn.  G.  S.  2^  ff.  ein  wichtiges  Capitel,  in  welchem  er 
selbst  EinAvürfe  gegen  seine  Ansicht  zur  Sprache  bringt,  aber  (wie  uns 
scheint,  allzu  leicht)  erledigt.  Es  schwebte  ihm  zunächst  die  Möglich- 
keit vor,  daß  die  Verdopplung  des  Schlußconsonanten  aus  Assimilation 
eines  ableitenden  j  entstanden  sein  könnte,  also  so  ziemlich  unsere  An- 
sicht; aber  er  verdarb  sich  diesen  richtigen  Blick  durch  eine  seltsam 
irrige  Ansicht  von  der  Bedeutung  und  Anwendung  der  verbalen  Bil- 
dungssilbe -ja,  von  dem  Verhältniss  der  Intensiva  zu  Causativen. 


10  LUDWIG  TOBLER 

Ganz  richtig  beginnt  er  mit  dem  Satze,  daß  das  -ja  im  Deutschen, 
wie  im  Sanskrit,  Causativa  bilde,  und  richtig  ist  auch  noch  die  Bei- 
fttgimg ,  daß  dabei  die  Wurzel  in  ungeschwächter  (a)  oder  in  ver- 
stärkter Vocalgestalt  (bei  i  und  tc)  auftrete,  wodurch  sich  also  die  Causa- 
tiva von  den  Intensiven  unterscheiden.  (Aus  dem  oben  Bemerkten 
ergibt  sich,  daß,  von  geschwächten  ^-Wurzeln  abgeleitet,  beide  gleich 
lauten  können.)  Daß  die  Silbe  -ja,  weil  sie  unter  anderm  auch,  und 
allerdings  oft,  Causativa  bilden  hilft,  darum  zu  keinerlei  andern  Ver- 
balableitungen, also  z.  B.  nicht  auch  zu  Bildung  von  Intensiven  dienen 
konnte  und  gedient  habe,  oder  daß  Causativa  und  Intensiva,  bei  un- 
leugbarer Verschiedenheit  ihres  Begriffs,  auch  in  der  Form  nichts,, 
auch  nicht  ein  Bildungselement  von  so  unleugbarer  Vielseitigkeit  wie 
-ja  (vgl.  S.  30.  31),  gemein  haben  konnten,  scheint  Hr.  Gr.  selbst  kei- 
neswegs zu  folgern;  denn  wenn  er  S.  10  ergetzen  ein  „causatives  In- 
tensivum"  nennt,  d.  h.  ein  Verbum  mit  intensiver  Form  und  causa- 
tiver  Bedeutung ,  S.  14  schicken  „intensiv  mit  factitiver  Bedeutung", 
S.  21  fützen  wieder  „intensiv  mit  causativer  Bedeutung",  und  auch  got. 
buc/jan  (S.  39)  für  ein  solches  halten  möchte,  wenn  ihm  nicht  ander- 
weitige Gewähr  fehlte  (S.  39),  so  liegt  darin  wenigstens  die  Annahme 
einer  Übertragung  intensiver  Form  auf  causative  Function.  Daß  er 
S.  33  auch  geradezu  Bildung  von  Causativen  aus  Intensiven  annimmt, 
hätte  nichts  gegen  sich,  wenn  die  Beispiele  sonst  richtig  wären,  aber 
bei  blecken  =  „blicken  machen"  bleibt  der  Vocal  unerklärt  und  die  Er- 
klärung von  Grimm  (Wb.)  unberücksichtigt,  bei  necken  =  „nicken  ma- 
chen" kommt  zu  derselben  lautlichen  Schwierigkeit  noch  die  begriff- 
liche hinzu.  Später  S.  80  (ob.)  heißt  es,  die  deutschen  Intensiva  werden 
fast  gar  nicht  (ausgenommen  die  vorhin  angeführten  Fälle)  auch  cau- 
sativ  wie  das  hebräische  Fiel,  wohl  aber  nehmen  sie  oft  das  causale 
Suffix  -ja  an  ;  S.  40  (ob.)  aber  wird  das  ags.  hnwgan  (aus  hnäg-ja-u) 
als  Beweis  dafür  angeführt,  daß  die  Bedeutung  des  j  nicht  causal  sei. 
(Hncegan  heißt  aber  wirklich  humiliare,  prosternere,  hiipian  :  se  incli- 
nare.)  Schon  S.  31  hat  nämhch  Herr  G.  gesagt,  da  die  Endung  aller 
schwachen  Verba  von  dem  Suffix  -ja  stamme,  so  müsse  es  seine  ur- 
sprünglich wohl  causale  Kraft  theilweise  aufgegeben  und  mit  so 
erweiterter,  allgemein  ableitender  Bedeutung  sich  auch  au  die  Intensiva 
angesetzt  haben  (schon  darum,  weil  ja  diese  eben  auch  schwache 
Verba  seien),  aber  offenbar  nur  pleonastisch,  nicht  wesentlich  für  das 
Intensivum  als  solches.  —  Es  hält  schwer,  aus  allen  diesen  Wendungen 
eine  definitive  und  widerspruchslose  Ansicht  des  Verfassers  über  das 
Verhältniss  von  Intensiven  und  Causativen  herauszulesen:    sollte  die 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VEKBA  INTENSIVA  IM  DEUTSCHEN.        H 

ursprüngliche  causative  Bedeutimg  des  -ja,  nachdem  sie  in  einer  all- 
gemeineren aufgegangen  war,  in  jenen  Intensiven  mit  causativer  Be- 
deutung wieder  aufgelebt  oder  geblieben  sein,  so  bliebe  noch  immer 
ganz  unerklärt,  warum  diese  Verba  überhaupt  intensive  Form  ange- 
nommen haben,  da  ihre  Bedeutung  nichts  Intensives  hat  und  ein 
Übergang  von  intensiver  zu  causativer  Bedeutung  noch  weniger  denkbar 
ist  als  der  umgekehrte.  Übrigens  ist  wenigstens  ergetzen  auch  der  Form 
nach  gar  nicht  Intensivum,  sondern  ein  regelrechtes  Causativum  wie 
setzen  und  ätzen  (S.  28).  „Selbständige  Existenz  des  Intensivums  neben 
dem  Causativum"  halten  auch  wir  für  „gesichert"  (S.  28  ob.)  und 
linden  sie  nur  durch  Hrn.  G.'s  eigene  obige  Auffassungen  gefährdet; 
auch  daß  das  Intensive  nicht  in  dem  -j  selbst  liege,  ist  klar  (sonst 
müssten  ja  alle  damit  abgeleiteten  Verba  intensive  sein!),  daß  hingegen 
das  Fehlen  des  Umlauts  beweise,  es  seien  nicht  alle  Intensiva  mit  y 
gebildet  worden  (was  auch  wir  glauben,  nur  aus  andern  Gründen), 
ist  nicht  zuzugeben,  da  der  Umlaut  nirgends  ganz  consequent  durch- 
gedrungen ist  (vgl.  Gr.  1,  336)  ;  der  conson  an  tische  Bestandtheil 
des  j  konnte  darum  doch  wirken,  und  es  fragt  sich  also  nur,  ob  und 
wie  er  es  gethan  habe,  ob  und  wie  er  die  Verhärtung  und  Verdopp- 
limg  des  Schlußconsonanten  erzeugen  konnte,  was  Hr.  G.  bestreitet 
(S.  31);  davon  wird  denn  auch  abhangen,  ob  und  in  welchem  Sinne 
von  „selbständiger  Existenz  des  Intensivums  gegenüber  sonst  abge- 
leiteten Verben"   die  Rede  sein  kann. 

Die  Verschiedenheit  zwischen  Intensivum  und  Causativum  findet 
Hr.  G.  besonders  deutlich  ausgeprägt,  wo  vom  selben  Verbum  beide 
Ableitungen  neben  einander  überliefert  sind  und  fortbestehen,  wie  von 
ahd,  hnigan,  Causat.  hneigjan,  Intens,  hnikjan  ;  sUfan,  Causat.  sleifan, 
Intens,  slipfan.  Aber  wenn  er  aus  der  Form  hnik-j-an  weiter  beweisen 
will,  daß  die  Verstärkung  des  Schlußconsonanten  beim  Intensiv  auch 
vor  dem  -ja,  d.h.  unabhängig  von  demselben,  eintrete,  während  in 
hneigjan  das  g  unverhärtet  bleibe,  so  hat  er  die  Zufälligkeiten  und 
Unregelmäßigkeiten  ahd.  Schreibung  nicht  bedacht,  denn  meistens  findet 
sich  geschrieben  (h)nicchan,  anderseits  auch  {k)neikan,  beide  mit 
eingetretener  Assimilation  des  j  und  Verhärtung  des  g,  und  wollte 
man  das  k  der  letztern  Form  etwa  als  streng  ahd.  Schreibung  er- 
klären, so  wäre  natürlich  für  hnikjan  dasselbe  geltend  zu  macheu. 
Letzteres  ist  allerdings  eine  Art  von  pleonastischer  Schreibung,  aber 
sie  findet  zahlreiche  Parallelen;  denn  wie  dort  das  /  noch  mitgeschrie- 
ben wird,  nachdem  es  eigentlich  bereits  in  dem  k  (=  gg  aus  gj)  auf- 
gegangen und  vertreten  ist,  so  wurden  im  Ahd.  imd  Mhd.  ursprünglich 


12  LUDWIG  TOBLER 

kurzsilbige  Verba  der  ersten  schwachen  Conjugation,  nachdem  sie  durch 
Assimilation  des  ;'  scheinbar  langsilbig  geworden  waren ,  wirklich  als 
solche  behandelt,  mit  unorganischem  Rückumlaut  im  Prseteritum,  z.  B. 
zeiht  (aus  zelju)  Prset.  zalta  neben  und  statt  zelifa,  weil  man  der  Ent- 
stehung von  zellan  aus  zcdjan  sich  nicht  mehr  bewusst  war;  s. Grimm, Gr. 
1 '  874,  947.  Eher  könnte  die  Frage  erhoben  Averdeu,  Avarum  nicht  aus 
hnig-ja-n  eher  hniggan  entstand  und  ob  hmk(j)an  für  jenes  geschrieben 
und  gesprochen  werden  konnte.  Daß  nun  nirgends  hniggan  sich  ge- 
schrieben findet  und  auch  in  andern  Verben  dieser  Art  nie  gg,  sondern 
meist  eck,  bleibt  allerdings  auffallend;  denn  wenn  sonst  ahd.  kJc,  cc, 
ck  mit  gg  wechselt,  jene  also  dieses  vertreten  können,  wie  vorliegt  in 
den  Formen  (man-)  sleggo  und  -slecco,  mhd.  -slecke  und  -slegge  aus  slagjo 
von  slalian  {slagan),  loeggi  und  wekki  Keil,  äioiggi  und  mcicki,  unweg- 
sam (welchem  letzteren  Hr.  G.  S.  68  ganz  ohne  Grund  intensive  Form 
und  Bedeutung  zuschreibt),  so  haben  wir  es  hier,  wie  noch  im  mnhd. 
flücke  neben  flügge ,  offenbar  nur  mit  dialectischen  Varianten  zu  thun, 
übrigens  zugleich  mit  Beispielen  derselben  Assimilation  von  gj  in  gg 
wie  beim  Verbum.  Aber  wirkliche  Verwirrung  der  Schreibart,  näm- 
lich Schwanken  auch  zwischen  gg  und  eck  (welches  allerdings  durch 
ableitendes  J  entsteht,  aber  aus  ch  =  got.  k),  bezeugt  doch  auch  Grimm, 
Gramm.  1*,  193;  sie  konnte  eben  durch  den  doppelten  Lautwerth  der 
Zeichen  c  und  k  (bald  als  härtere  Medien,  bald  als  wirkliche  Tenues)^ 
des  g  im  Auslaut  geradezu  auch  für  c  (k)  und  des  ch  im  Inlaut  auch 
für  cch  (weil  h  im  Auslaut  =:  ch)  herbeigeführt  werden ,  und  daß  sie 
schon  alt  ist,  geht  auch  daraus  hervor,  daß  gerade  in  den  Mundarten 
der  Schweiz ,  welche  dem  streng  ahd.  Typus  am  nächsten  stehen,  die 
Aussprache  gg  theils  neben  cch  gilt,  theils  diese  verdrängt  hat,  z.  B. 
in  der  allgemein  gültigen  Form  Ingg  =  nhd.  locker,  von  got.  lükan, 
mhd.  lüchen,  Uechen  (schließen,  eigentlich  zuziehen),  woher  Loch  und 
Lücke,  vielleicht  auch  loc  (Locke)  und  locken  (herbeiziehen);  daß 
jenes  lugg  mit  ahd.  luggi^  lukki,  mendax,  von  lügen  zusammenhänge 
(Weigand),  ist  unAvahrscheinlich,  da  das  letztgenannte  Verbum,  im  got. 
liugan  nubere,  auf  die  Grundbedeutung  „verhüllen"  weist.  Daß  nun 
die  Schreibung  cch  für  gg  gerade  bei  unsern  Verben  sich  festsetzte, 
kann  freilich  nicht  bloßer  Zufall  sein,  sondern  es  mag  ein  Gefühl 
davon,  daß  sie  Neubildungen  mit  verstärkter  Bedeutung  waren,  zur 
Differenzierung  auch  ihrer  Form  nach  jener  Seite  hin  beigetragen 
haben. 

Dieselben  Consonantenverhältnisse   wie  bei   nicken  :  neigen  haben 
wir  anzunehmen  bei  hucken  :  biegen  (ahd.  huck{j)an  findet  sich   zwar 


ÜBEE  DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSIVA  IM  DEUTSCHEN.        13 

nicht,  ist  aber  durch  bucchelön,  curvare,  mittelbar  bezeugt)  und  schmücken 
:  schmiegen.  Das  c  in  mhd.  smuc,  smuckes  erklärt  Weigand  geradezu 
als  Verdopplung  und  Verdichtung  von  g,  smücken  hingegen  vom  Sub- 
stantiv durch  j  abgeleitet;  aber  die  erstere  Annahme  ist  doch  gewalt- 
sam, wir  werden  eher  umgekehrt  smtic  von  smücken  abzuleiten  haben 
(dessen  verschiedene  Bedeutungen  sich  auch  nicht  alle  aus  der  von 
smuc  erklären  würden) ,  und  dieses  aus  smiegen  mit  j,  ahd.  smukjan^ 
wozu  dann  auch  smoccho  (engl,  smock)  Hemd,  gehört,  ähnlich  wie  hrocco 
zu  mhd.  brücken  (ahd.  bruchjan)  von  brechen ',  vgl.  auch  Grimm  Wb. 
und  Boch  und  Bock  und  die  vorhin  genannten  Ableitungen  von  lüchen, 
nur  daß  hier  das  ck  aus  ch  sich  einfacher  erklärt. 

Zu  dem  aus  g  zu  erklärenden  ck  gehört  noch  das  in  zucken 
von  ziehen,  da  der  Vocal  uns  darauf  hinweist,  auch  hier  die  im 
Prset.  Flur,  erscheinende  Wurzelform  zu  Grunde  zu  legen ;  das  im 
Pra3sens  und  im  Prät.  Sing,  geltende  h,  das  mhd.  im  Auslaut  ch  ge- 
schrieben wird  und  bei  der  Gestalt  des  ahd.  ziecha  Überzug  (noch 
Schweiz,  zieche)  wenigstens  mitgewirkt  zu  haben  scheint,  mag  zu  der 
Verdickung  des  Lautes  beigetragen  haben,  obwohl  h  -\-  j  höchstens  in- 
lautendes chy  noch  kein  ck  ergibt;  letzteres  muss  dann  auf  obigem  Wege 
entstanden  sein.  Wie  ist  aber  das  neben  ahd.  zucchan  bestehende  fast 
gleichbedeutende  zocchon  (vgl.  mhd.  bocken  niedersinken  neben  bückea) 
und  wie  sind  noch  andere  Intensiva  zu  erklären,  welche  ebenfalls  der 
zweiten  schwachen  Conjugation  angehören,  also  kein  ^  mit  sich  führ- 
ten, aus  dessen  Assimilation  der  Doppellaut  entstehen  konnte,  z.  B. 
auch  das  bereits  angeführte  locchon  (wenn  es  wirklich  Intensivum  von 
lüchan  ist),  neben  welchem  mit  gleicher  Schwierigkeit  noch  locchen  nach 
dritter  Conjugation  besteht?  Substantiva,  von  denen  diese  Verba  abge- 
leitet sein  könnten,  bestehen  nicht  und  es  müsste  ihr  Auslaut  selber 
erst  erklärt  werden.  Wir  müssen  also  auf  das  vorhin  bei  smocco  Be- 
merkte zurückkommen.  Die  Ableitungen  mit  j  waren  die  zahlreichsten ; 
wenn  nun  auf  diesem  Wege  ein  Verbum  mit  Doppelconsonanz  ent- 
standen und  geläufig  geworden  war,  so  bildete  es  gleichsam  eine  Wurzel 
oder  wenigstens  einen  Stamm  zweiter  Ordnung,  von  dem  weitere  Bil- 
dungen ausgehen  konnten  wie  von  einer  starken  Wurzelgestalt.  Betref- 
fend den  Vocal  kommt  noch  in  Betracht,  daü  ein  c  in  dem  Sub- 
stantivum  zoc  (mit  einfacher  Consonanz)  bereits  vorlag.  Wir  haben  also 
eine  von  einer  Wurzel  abstammende  Gruppe  von  Wortstämmen 
als  ein  lebendiges  Ganzes  zu  betrachten,  dessen  Glieder,  wie  die 
einer  Familie,  mit  Einschluß  der  „schwachen",  aber  immerhin  un- 
ter   Vorwalten     der     „starken"     ihre     Eigenschaften     unter    einander 


14  LUDWIG  TOBLER 

austauschen    und    durch   Combinationen    derselben   neue    Sprossen  er- 
zeugen. 

Wälirend  das  h  von  ziehen  schon  innerhalb  dieses  Verbums  selbst 
sich  in  g  fortschiebt,  ist  hingegen  das  in  schehen  einem  solchen  Über- 
gange fremd,  so  daß  wir  in  schicken,  wenn  es  von  jenem  abgeleitet  ist, 
das  ck  nur  als  Schärfung  von  ch  (Jih  aus  h  -\- j)  erklären  können, 
also  durch  eine  ähnliche  Vermischung  der  Laute  und  Schriftzeichen 
wie  ck  aus  gg.  Wie  nun  für  die  Steigerung  von  g{g)  zu  k(k)  nach- 
träglich immerhin  noch  kann  geltend  gemacht  werden,  daß  der  streng 
ahd.  Dialect  die  Media  g  (wie  b)  eigentlich  verloren  hatte  (womit  frei- 
lich die  mhd.  Ersetzung  derselben  durch  c  im  Auslaut  nicht  wohl  zu- 
sammenhängen kann,  vgl.  Gr.  1,  378),  so  kommt  für  die  Steigerung 
von  ch  zu  ck  in  Betracht,  daß  das  Zeichen  h  im  ahd.  In-  und  Auslaut 
nicht  bloß  einem  got.  h  entsprach,  sondern  auch  einem  got.  k,  aber 
mit  der  Aussprache  ch,  welche  dann  irrthümlich  auch  auf  einzelne  h 
der  ersten  Art  übertragen  werden  mochte  (vgl.  Gr.  1,  189).  Eine  solche 
Ausnahme  scheint  in  schicken  von  schehen  vorzuliegen,  in  welchem  auch 
Weigand  eine  Verdickung  des  h  zu  cch  durch  j  annimmt,  und  unsere 
Erklärung  ist  trotz  ihrer  mühsamen  Vermittlung  durch  Annahme  von 
Störungen  des  organischen  Lautverhältnisses  weit  mehr  dem  wirklichen 
Leben  der  Sprache  angemessen,  als  die  Annahme  eines  unmittelbaren 
Sprunges  von  einem  h  zu  ck  als  dessen  „Verdopplung"  oder  „Verhär- 
tung", was  allem  Lautgefühl  widerspricht.  Was  den  Vocal  betrifft,  so 
ist  derselbe  bei  der  Annahme,  daß  schicken  Causativ  von  schehen  sei, 
ebenfalls  nur  durch  Ausnahme  von  der  Regel  zu  erklären;  denn  nach 
dieser  müsste  die  Bildung  schecken  lauten;  es  ist  aber  möglich,  daß 
schicken  zwar  zu  schehen  gehört,  jedoch  nicht  als  Causativum  desselben, 
sondern  als  Ableitung  von  der  geschwächten  Wurzelgestalt  schih  mit 
transitiver  Bedeutung,  wie  denn  auch  gar  nicht  alle  Bedeutungen  des 
mhd.  schicken  sich  als  Causative  von  schehen  auffassen  lassen.  Der  Vocal 
würde  sich  verhalten  wie  im  mhd.  schricken,  aufspringen,  welches  doch 
auch  ein  starkes  schrehhan  voraussetzt,  zu  dem  es  denn  auch  schon 
mhd.,  aber  mit  Beibehaltung  des  aus  der  Ableitung  durch  ;  entstan- 
denen ck  aus  ch,  zurückgekehrt  ist;  auch  ßcken,  icipfen,  knittern,  von 
denen  noch  weiter  unten  die  Rede  sein  wird,  zeigen  diesen  ausnahms- 
weisen  Vocal.  Als  ein  solcher  müsste  er  auch  gelten,  wenn  wir  schicken 
von  schehen  trennen  und  es  mit  dem  für  das  Substantiv  schoc,  nhd. 
/Schock,  Haufe,  bestimmte  Menge,  alts.  scoc  vorauszusetzenden  ahd. 
sc'fihhan  in  Verbindung  bringen  wollten,  dessen  Bedeutung  ungefähr 
„in  Ordnung  anhäufen,  aufschichten'"  gewesen  sein  muss  und  zu  der 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSIVA  IM  DEUTSCHEN.        15 

von  mild,  schicken  mehrfach  passen  würde.  Bei  dieser  Annahme  wäre 
dann  auch  das  ck  ohne  weiteres  gerechtfertigt,  denn  daß  es  meistens 
einem  ahd.  cch ,  welches  seinerseits  aus  ch  -\-  j  entsprungen  ist ,  ent- 
spricht, wurde  schon  oben  bemerkt  und  bedarf  keines  Beweises  mehr; 
wir  können  daher  auch  die  hieher  gehörigen  Intensiva  des  Hrn.  G., 
als  im  Allgemeinen  richtig,  übergehen,  nur  mit  der  wiederholten  Be- 
merkung, daß  ihr  ck  nicht  anders  entstanden  ist,  als  in  vielen  andern 
Vei'ben,  die  dasselbe  enthalten,  ohne  darum  Intensiva  (oder  auch  immer 
Causativa)  zu  sein. 

Etwas  anders  verhält  es  sich  mit  den  nun  folgenden  labialen 
Bildungen,  indem  zwar  auch  hier  etwelche  Verwirrung  schon  der  ahd. 
Laute,  wie  bei  den  Gutturalen,  mitspielt,  jedoch  die  Doppelconsonanz 
nicht  einzig  aus  Assimilation  eines  j  zu  erklären  ist,  weil  manche  ahd.  ph 
auch  nur  den  Werth  eines  einfachen  /  hatten,  d.  h.  des  aus  p  verscho- 
benen, aber  nicht  mehr  voll  aspirierten  Lautes,  so  daß  in-  und  aus- 
lautend p/i  und/  zunächst  unter  sich,  dann  auch  (nach  kurzen  Vocalen) 
mit  p/  und  ff  wechseln.  Ahd.  ff  vertritt  nach  Gr.  1',  133  ff.  theils  ph 
theils  pf,  dieses  hinwieder  theils  ph  theils  ppA;  im  erstem  Fall  ent- 
spricht es  einem  niederdeutschen  p,  im  zweiten  einem  nd.  pp  und  ist 
dann,  wie  dieses,  oft  aus  Assimilation  von  j  entstanden  (wie  ck  aus 
cch  =  cÄ  -j-  j).  hh  und  p>p  schwanken  wie  die  einfachen  Laute  (und  wie 
gg  und  kk)  und  die  Dopplung  scheint  ebenfalls  aus  Assimilation  von  j 
entsprungen  (a.  a.  O.  S.  148).  Der  Wechsel  von  ff  und  pf  kommt  auch 
im  Mhd.  noch  vor;  tro2)fe  steht  für  tröffe,  vom  Prset.  Plur.  truffen  (von 
triefen),  wo  die  Verdopplung  (wie  bei  zz)  vielleicht  nur  graphisch  die 
Kürze  des  Vocals  festhalten  helfen  soll,  da  Gemination  überhaupt,  und 
oft  unorganische,  schon  im  Mhd.  zunimmt  (a.  a.  0.  S.  384  —  5).  —  Was 
folgt  nun  aus  diesem  Lautstand  im  Allgemeinen  für  unsere  Frage  im 
Besondern?  Zunächst  daß  der  Laut  pf,  um  den  es  sich  bei  den  Inten- 
siven zumeist  handelt,  entstehen  konnte  (nicht  musste,  da  er  auch 
schon  ohne  j  möglich  war,  =  einfachem  /)  aus  f  -\- j,  d.  h.  vertreten 
kann  ein  aus  jenen  Elementen  durch  Assimilation  entstandenes  ff,  also 
Verbalwurzeln  mit  Auslaut  /  voraussetzt,  deren  denn  auch  Hr.  G.  eine 
Reihe  aufzählt,  daß  er  hingegen  nicht  entstehen  konnte  aus  einem 
Wurzellaut  h,  den  Hr.  G.  ebenfalls  mehrfach  zu  Grunde  legt,  ausge- 
nommen wo  er,  wie  bei  schnauben,  mit  /  ohnehin  wechselt ;  aus  sniuben 
konnte  schnuhbern  entstehen,  aber  nicht  schnupfen  und  schnüffeln'  schnup- 
pern ist  entweder  hochdeutsche  Schriftvariaute  zu  schnubbern  oder  nie- 
derdeutsche Form  von  snüpen  ^=  hd.  snCfen,  und  nach  diesem  Beispiel 
sind  auch  andere  pp-Forraeu   zu  beurtheilen,     so   weit    sie  nicht  unter 


16  LUDWIG  TOBLER 

einen  anderen,  nächstens  folgenden,  Gesiehtspunct  fallen.  Unzulässig 
ist  auch  unmittelbarer  Übergang  von  tu  in  pf,  ohne  die  Zwischenstufe 
w  :  V,  f,  ähnlich  dem  Verhältniss  von  mhd.  splwen  :  spucken,  vermittelt 
durch  ?ü  :  g. 

Am  wenigsten  Schwierigkeit  machen  die  Lingualen,  bei  denen 
auch  bloß  eine  Gestalt  der  Intension  vorkommt:  ß:  tz,  denn  nhd. 
sproßen  erklärt  Hr.  G.  selbst  (S.  16)  als  Denominativ  von  Sproß.  Eigen- 
thümlich  ist  die  Entstehung  eines  tz  aus  d,  resp.  t,  in  schnitzen  (schweiz. 
auch  schnätzle{n)  ,  in  kleine  Stücke  schneiden) ,  welches  unzweifelhaft 
(statt  des  von  Hrn.  G.  angegebenen  schnippeln,  vgl.  jedoch  S.  33)  zu 
schneiden  gehört  und  sich  (nach  Weigand)  nur  aus  weiterer  Fortschie- 
bung des  d,  t  zu  z  erklären  lässt,  von  der  wir  freilich  im  Inlaute  weni- 
gere Beispiele  haben  als  im  Anlaut  mit  folgendem  lo  {dicahan,  tivahen, 
zivahen).  Das  ableitende  j  konnte  den  Übergang  von  snit  zu  snitz  be- 
günstigen, aber  nicht  erzeugen  (was  Hr.  G.  S.  28  anzunehmen  scheint); 
dagegen  scheint  die  Annahme  seiner  Mitwirkung  für  den  Übergang 
von  ß  (mhd.  zz)  in  fz  {zz)  nothwendig ,  obwohl  nach  langen  Vocalen 
mhd.  z  auch  dann  unverändert  bleibt  (beizen,  aus  heizjan,  nhd.  heizen, 
vielleicht  nur  zum  Unterschied  von  „beiüen'',  mhd.  hizen). 

Wir  haben  nun  mit  einiger  Ausführlichkeit ,  wie  es  nöthig  war, 
Hrn.  G.'s  Haupteinwurf  gegen  eine  von  der  seinigen  verschiedene  Er- 
klärung der  Intensiva  widerlegt.  Es  bleibt  also  dabei,  daß  dieselben 
ihre  Form  wesentlich  ableitendem  y  verdanken,  ihre  Bedeutung  aber 
dem  durch  Assimilation  des  j  an  den  Schlußconsonanten  der  Wurzel 
hervorgerufenen  Abstand  der  abgeleiteten  Form  von  der  daneben 
deutlich  fühlbar  bestehenden  einfachen,  welcher  nun  eine  Intension  der 
Bedeutung  mit  sich  zu  führen  schien,  in  demselben  Maße  wie  die 
Form  eine  Intension  der  Lautgestalt.  Hiemit  anerkennen  wir  aller- 
dings ein  Gefühl  von  Lautsymbolik  als  mitwirkend,  aber  nicht  als  ein- 
zige oder  wesentliche  Ursache,  nicht  als  einen  Trieb  zu  unmittelbarer 
Erzeugung  jener  Formen,  sondern  nur  zu  nachfolgender  Ausdeu- 
tung und  Verwendung  derselben,  nachdem  sie  auf  anderem  Wege 
einmal  entstanden  waren.  Feinere  Betrachtung  wird  zwischen  den 
beiden  Auffassungen  einen  bedeutenden  Unterschied  finden,  denn  das 
Zeitliche  und  causale  Verhältniss  der  Vorgänge  ist  so  ziemlich  umge- 
kehrt. —  Wie  viele  und  welche  von  den  anzuerkennenden  Inten- 
ßiveu  selbst  erst  wieder  nach  bloßer  Analogie  von  bereits  beste- 
henden, und  in  diesem  Sinne  dann  wohl  auch  unmittelbar,  ge- 
schaffen waren,  lässt  sich  nicht  mehr  ermitteln ;  daß  aber  solche  äußere 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSIVA  IM  DEUTSCHEN.         17 

Analogie  schon  frühe  mitwirkte,  halten  Avir  ebenfalls  für  unabweislich, 
weil  wir  sie  später  überhand  nehmen  sehen. 

Dies  führt  uns  nun  auf  einen  zweiten  Einwurf,  den  Hr.  Gr. 
S.  28 — 30  sich  selbst  macht  und  ebenfalls  nicht  genugsam  gewürdigt 
hat,  obwohl  derselbe  an  Gewicht  dem  ersten  nachsteht.  Dieses  zweite 
Bedenken  beruht  darauf,  daß  in  manchen  scheinbaren  Intensiven  der 
kurze  Vocal  der  alte  mundartlich  erhaltene  sein  könnte,  und  die  Doppel- 
consonanz  erst  durch  diese  Vocalkürze  hervorgerufen,  resp.  zur  schrift- 
lichen Bezeichnung  derselben  gemäß  dem  in  nhd.  Zeit  geltend  gewor- 
denen Principe  der  Aussprache  und  Orthographie,  wonach  Vocalkürze 
und  folgende  Doppelconsonanz  einander  meistens  bedingen.  Welche 
gewaltige  Umgestaltungen  und  Entstellungen  die  nhd.  Schriftsprache 
und  Aussprache  durch  dieses  Princip  erlitten  hat,  ist  bekannt,  und  wir 
halten  allerdings  dafür,  daß  dasselbe  auch  zur  Erzeugung  einer  zwei- 
ten, neueren  Schicht  von  noch  weniger  echten,  übrigens  auch  mehr 
der  Volkssprache  angehörigen  Intensiven  beigetragen  habe,  zusammen 
mit  einer  unleugbaren  Fähigkeit  und  Neigung  eben  der  Volkssprache 
zu  lautmalenden  Wortbildungen  innerhalb  gewisser  Schranken  und 
mit  Anlehnung  an  ältere  Wörter ,  welche  zwar  gar  nicht  immer  aus 
diesem  Trieb  entstanden  waren,  aber  demselben  gemäß  aufgefasst 
wurden,  wie  wir  so  eben  an  den  älteren  Intensiven  anerkennen  mussten. 
Die  älteste  Sprache  liebt^  mit  Ausnahme  gewisser  weitverbreiteter  Na- 
turlaute des  Kindesmundes,  keine  Doppelconsonanz;  sie  bedarf  der- 
selben auch  nicht,  weil  die  einfachen  Laute  ihre  ursprüngliche  Bedeut- 
samkeit noch  in  vollerem  Maße  besitzen;  Dopplung  entsteht  daher  zwar 
schon  früh,  aber  aus  secundären  Ursachen,  durch  Assimilationen  und 
auch  durch  Contraction  von  Iterativbildungen,  wie  Hr.  G.  im  Verlaute 
seiner  Schrift  vielfach  nachweist.  Gerade  die  spätere  Sprache  ist  es, 
die  in  Ermanglung  jenes  ursprünglichen  Gefühls  auf  das  Mittel  der 
Dopplung  leicht  verfällt  und  uns  dann  auch  leicht  verführt,  ältere  Bildun- 
gen fälschlich  demselben  Motiv  zuzuschreiben.  Übrigens  bleibt  die  Doppel- 
consonanz auch  so  mehr  eine  Sache  der  Schrift  als  der  Aussprache; 
wir  haben  uns  durch  unsere  ganze  moderne  Cultur  daran  gewöhnt, 
die  Sprache  mehr  zu  lesen  als  zu  hören;  es  hält  in  manchen  Fällen 
schwer,  phonologisch  einen  deutlichen  Unterschied  zwischen  der  Aus- 
spi'ache  eines  einfachen  Consonauten  (nach  kurzem  Vocal)  und  der 
Aussprache  seiner  einfachen  Verdopplung  (nicht  Verbindungen  Avic  ^jf) 
nachzuweisen,  und  in  vielen  Fällen  liegt  auf  der  Hand,  daß  wir  auch" 
hier  gar  nicht  sprechen  was  wir  schreiben.  Aber  wir  stehen  nun  mit 
Hrn.  G.  zunächst  auf  dem  Standpuncte  des  Geschriebenen,  und  da  ist 

GERMANIA.  Neue  Keihe  IV.  (XVI.)  JaUrg.  2 


13  LUDWIG  TOBLER 

bekannt  genug,  daß  Formen  wie  Knappe,  Rappe  nvcv  Varianten  der 
altern  knähe,  rahe{n)  sind,  während  in  Mutter,  Waffen,  schleppen  (nach 
Weigand  aus  nd.  slepen  =  hd.  schleifen)  ausnahmsweise  gerade  das 
Widerspiel  des  sonstigen  Prineipes  Platz  gegriffen  hat :  Bezeichnimg 
ursprünglicher  Länge  durch  (überflüßige  und  falsche)  Position,  welche 
dann  aus  der  Schrift  in  die  Aussprache  zurückdrang  und  diese  gerade 
entgegengesetzt  der  ursprünglichen  Absicht  gestaltete  (vgl.  auch 
noch  nhd.  tappen  neben  mhd.  täpe,  Pfote;  ScMippe,  mhd.  schuope).  Es 
gibt  nun  auch  Beispiele  von  Verben,  wo  die  Doppelconsonanz  nur 
die  ursprüngliche  Vocalkürze  bezeichnen  und  festhalten  sollte ,  wie 
zappeln,  rappeln,  schnappen  u.  a,,  und  wo  der  Schein  von  Intension  nur 
darum  nicht  eintritt,  weil  die  einfachen  Verba  fehlen  (für  schnappen 
könnte  Schnabel  als  Vergleich  dienen),  Trappen  aber  erklärt  Hr.  Gr.  als 
„nach  Form  und  Bedeutung  richtiges  Intensivum  zu  traben,  wie  placken 
=  plagen" ;  trappen  soll  nicht  bloß  die  alte  Kürze  des  mhd.  droben 
bewahren ,  sondern  als  Gegensatz  zu  nhd.  traben  neu  gebildet  oder 
wenigstens  gewerthet  sein.  Aber  abgesehen  davon,  daß  auch  hier  eine 
Vermengung  hochdeutscher  und  niederdeutscher  Formen  mitspielt, 
welche  durch  die  von  Grimm  Wb.  unter  draf  angeführte  Berührung 
mit  treffen  vermehrt  wird  —  ist  denn  der  Begriff  von  „trappen"  als 
„schweres  festes  Auftreten"  Intension  von  „traben"  =  leichtes  flüch- 
tiges Laufen?"  ist  es  nicht  vielmehr  der  Gegensatz  dazu,  das  andere 
Extrem  von  dem  gemeinschaftlichen  Begriff  des  „Auftretens",  das  De- 
minutiv zu  trappen  aber  (vgl.  S.  90)  trippjeln ,  welches  S.  13  offenbar 
unrichtig  als  Intensiv  von  treiben  gefasst  wird?  So  soll  sich  auch  (doch 
nur  „vielleicht")  happen ,  gierig  sein  und  -essen ,  zu  haben  verhalten 
und  zu  letzterem  auch  (doch  nicht  etwa  als  Intensivum  mit  langem 
Vocal?)  hapern  gehören,  während  wir  es  auch  hier  wieder  zunächst 
mit  niederdeutschen  Formen  zu  thun  haben.  Was  das  S.  30  noch  an- 
geführte gäken  :  gacke{r)n  betrifft,  so  ist  sehr  die  Frage,  ob  nicht  das 
letztere  ebenso  ursprüngliche  Lautnachahmung  sei,  wie  das  erstere,  ja 
dieses  vielleicht  eher  von  jenem  aus  gebildet  als  umgekehrt.  Bei  solchen 
Lautmalereien,  welche  theilweise  auch  in  bloße  Laut  Spielereien  über- 
gehen, verlieren  wir  übrigens  festen  Boden  und  Maßstab  und  müssen 
uns  begnügen,  die  Volkssprache  in  ihrer  Fähigkeit,  eine  Fülle  sinn- 
licher Nuancen  jener  Art  auszudrücken,  mit  aller  Aufmerksamkeit  zu 
belauschen  und  zu  bewundern,  aber  diese  Schöpfungslust  in  Regeln 
und  Begriffe  zu  bannen  geht  nun  einmal  nicht  an  und  widerstreitet 
dem  Wesen  der  Volksmundarten  im  Unterschied  von  der  Schriftsprache, 
wir  können  daher  die  betreffenden  Bildungen  auch  nicht  als  besonders 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VERRA  INTENSIVA  IM  DEUTSCHEN.         19 

gelungene  Erzeugnisse  neuhochdeutschen  Sprachgeistes ,  als  Blüthen 
und  Zierden  und  als  Zeugnisse  einer  besondern  schöpferischen  Leben- 
digkeit desselben  gelten  lassen.  Bei  genauerer  Betrachtung  stellen  sie 
auch  im  günstigsten  Falle  eher  ganze  Scalen  von  Gradunterschieden 
dar  als  Paare  von  je  zwei  Begriffen  ,  welche  unter  sich  in  dem  ein- 
fachen und  klaren  Verhältniss  eines  Positivs  zu  seinem  Intensiv  stünden, 
wie  die  wenigeren,  aber  auch  weniger  sinnlichen,  welche  wir  oben  als 
echter  und  älter  bezeichnet  haben ;  man  darf  daher  die  relative  Regel- 
mäßigkeit der  letztern  nicht  verwirren  durch  Hereinziehen  der  erstem 
unter  dasselbe  Gesetz,  dem  sie  doch  nicht  genügen  können,  sondern 
in  ihnen  höchstens  eine  etwas  verwilderte,  in  die  Breite  ausgeschlageue 
Fortsetzung  und  Nachahmung  des  edleren  Triebes  erkennen,  in  welche 
allerlei  Unorganisches  und  Zufälliges,  Schwankungen  und  Verirrungen 
der  Mundarten  unter  einander  mit  eingedrungen  sind. 

Einen  dritten  Einwand,  den  Hr.  G.  noch  kürzer  als  die  beiden 
ersten  abweist ,  wollen  auch  wir  nicht  weiter  ausführen  ,  nämlich  daß 
die  Intensiva  allerdings  mit  j  gebildet  sein  könnten,  aber  als  Deuomi- 
nativa  (S.  32).  Wir  haben  diese  Möglichkeit  bereits  gelegentlich  einmal 
berührt  und  es  wäre  gegen  dieselbe,  besonders  wenn  sie  nur  für  einen 
Theil  der  Verba  angenommen  würde,  an  sich  nichts  einzuwenden. 
Was  Hr.  G.  geltend  macht,  ist  nicht  entscheidend,  denn  wenn  die  No- 
mina, von  denen  die  Verba  abzuleiten  waren,  nicht  alle  vorliegen,  son- 
dern zum  Theil  erst  ergänzt  werden  müssten  ,  so  sehen  wir  uns  bei 
der  Erklärung  aus  Verben  ebenfalls  zu  jenem  Verfahren  genöthigt; 
ob  aber  die  Bedeutung  der  Nomina  passen  würde  ,  wäre  für  die  ein- 
zelnen Fälle  eben  zu  prüfen,  und  gerade  bei  Hrn.  G.'s  Annahme  von 
intensiver  Bedeutung  auch  mancher  Nomina  (S.  68 — G9)  wenigstens 
im  Allgemeinen  nicht  von  vornherein  zu  bezweifeln.  Es  entstünde  aber 
die  Frage,  wie  sie  selber  dazu  gekommen  seien,  und  hier  steckt  die 
Schwierigkeit ,  denn  davon  daß  Ableitung  mit  -j  auch  bei  Nominen 
ähnliche  Assimilationen  wie  die  bei  Verben  nachweisbaren  mit  sich 
brachte,  haben  wir  nur  wenige  Spuren,  die  oben  angeführten  Beispiele, 
meist  von  Adjectiven,  denen  gerade  keine  Verba  intensiva  entspre- 
chen. Dennoch  muss  Ableitung  intensiver  Verba  von  Substantiven  offen 
gelassen  werden,  wenigstens  für  die  (freilich  nur  wenigen)  zweiter  und 
dritter  Conjugation,  welche  kein  j  enthielten,  und  zwar  in  der  oben 
bereits  angedeuteten  Weise,  daß  das  betreffende  Substantiv  seine  Stamm- 
gestalt von  einem  mit  /  gebildeten  Verbum  unmittelbar  empfangen  oder 
mittelbar  entlehnt  hatte.  Indessen  kann  man  auch  ohne  diesen  Umweg 
Verba   zweiter  und  dritter  Conjugation   unmittelbar   von  den    offenbar 

2* 


20  LUDWIG  TOBLER 

vorherrschenden  der  ersten  ihre  Stammgestalt  entnehmen  lassen;  denn 
wenn  starke  Verba  von  starken  konnten  gebildet  werden  (vgl.  Gr.  2, 
70  fF.),  warum  nicht  auch  schwache  von  schwachen?  Wir  verkennen 
zwar  nicht,  daß  die  starken  überhaupt  die  lebendigeren,  triebkräftigeren 
sind,  aber  wenn  die  Thatsache,  daß  sie  trotzdem  zum  Theil  abgeleitete 
sind,  jener  Eigenschaft  keinen  Abbruch  thut,  so  darf  etwas  ähnliches 
auch  den  schwachen  zugetraut  werden ;  unter  ihnen  sind  nicht  alle 
gleich  schwach,  wie  unter  jenen  nicht  alle  gleich  stark:  die  der 
ersten  schwachen  entsprechen  ungefähr  den  starken  der  VIII. — XI.  Con- 
jugation.  Leider  hat  uns  Grimm  über  die  Ableitungsverhältnisse  der 
schwachen  von  starken  Verben,  oder  auch  von  Substantiven,  ohne  Auf- 
schluß und  Vorarbeit  gelassen,  so  daß  wir  genöthigt  sind,  selber  einen 
Weg  in  jenes  Gebiet  zu  bahnen;  aber  so  viel  scheint  klar:  wenn  Grimm 
Hrn.  G.'s  Ansicht  von  den  Intensiven  als  einer  ganz  besondern  pri- 
mären Bildung  gehegt  hätte,  so  hätte  er  sie  irgendwo  und  irgendwie 
aussprechen  müssen;  er  konnte  sich  aber  dessen  enthalten,  wenn  sie 
ihm  als  ein  nur  secundäres,  specielles  Product  der  jf- Ableitung  neben 
andern  erschienen. 

Daß  Hr.  G.  jene  höhere  Ansicht  von  ihnen  hegt,  zeigt  sich  be- 
sonders in  dem  S.  38  folgenden  Capitel  „über  Alter  und  Verbreitung 
des  deutschen  Intensivums"  und  in  dem  spätem  „Einfluß  der  Intensiva 
auf  die  Wortbildung"  (besonders  S.  67  fi".),  „Ursprung  der  deutschen 
Intensiva"  (S.  73 — 6).  Wir  müssen  also  auch  diese  Abschnitte  noch 
durchgehen,  obwohl  sich  von  selbst  versteht,  daß  wir  bei  Bestreitimg 
der  Grundansicht  auch  die  Consequenzen  derselben  nicht  anerkennen 
können. 

Hr.  G.  erklärt  S.  38  imter  andern  hungern,  wundern  als  Deside- 
rativa  mit  r  gebildet,  während  diese  Verba  doch  offenbar  zvinächst  von 
den  entsprechenden  Substantiven  stammen,  welche  allgemein  ablei- 
tendes r  enthalten;  die  got.  'Form  des  Substantivs,  huhrus,  steht  von 
huggrjan  ab  {-wiejukiza  von  jugg),  auch  wenn  man  das  umgekehrte  Ver- 
hältniss  annimmt,  und  kann  gegenüber  den  andern  Dialecten  nichts 
beweisen.  Ferner  findet  Hr.  G.  Spuren  der  alten  Bildvmg  von  intran- 
sitiven und  passiven  Verben  auf  -na  auch  im  Hochdeutschen ,  „allei*- 
dings  mit  abgefallenem  Suffix";  ahd.  bleichen,  heilen,  blinden,  haften, 
stummen  sollen  nicht  bloß  in  der  Bedeutung,  sondern  auch  in  der  Form 
den  got.  hailnan,  blindnan  entsprechen;  die  Bildungen  auf  -e  von  Ad- 
jectiven  haben  aber  im  Ahd.  von  Haus  aus  und  ohne  weiteres  intran- 
sitive und  nicht  so  fast  passive,  als  zugleich  inchoative  Bedeutung. 
Das  Suffix  im  )ulid.  glitzenen  (ahd.  -in  -on)  ist  von  dem  got.  -na  deutlich 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSrV^A  IM  DEUTSCHEN.        21 

verschieden,  obwohl  got.  lekinon  auch  in  passiver  Bedeutung  vorkommt 
und  im  Altn.  die  hieher  gehörigen  Verba  durch  Vei'hist   des  i  mit  denen 
auf  -na  zusammenfallen ,    so    wie    hinwider  ahd.  stwch-an-en  dem  got. 
staurknan  nahe   kommt;  vgl.  Gr.  2,  169.  173  ff.  Doch  diese  Bildungen 
haben  mit  den  Intensiven  nichts  zu  schaffen;  es  handelt  sich  vielmehr 
darum  ,    Hrn.  Gr.'s  Ansicht   vom  Alter  der  letzteren   zu  prüfen.    Dem 
Gotischen   fehlen   sie  und   ebenso   nach   Hrn.  G.   dem  Altsächsischen ; 
um  so  auffallender  ist,  daß  er  sie  in  dem  nahe  verwandten  Angelsäch- 
sischen vorfinden  will;    die  Ausbeute  ist  aber  gering  und  zweifelhaft, 
besonders  da  Hr.  G.  selbst  erinnert,  daß  dort  nach  kurzem  Vocal  der 
Consonant  sich  ohnehin  gern  verdopple  (wie  im  Mhd.  und  Nhd.,  s.  ob.). 
Für  hojypjnn,  saltare  (dessen  Ableitung  von  hehhan  übrigens  noch  nicht 
ausgemacht  ist,  s.  unt.)  citiert  er  Gr.  1,  250,  wo  auch  zu  lesen  steht, 
daß  die  meisten  Fälle   solcher  Verdopplung   aus  ableitendem  i  zu  er- 
klären seien   wie  im  Althochdeutschen.     In  hnnjypjan  =  ahd.  naffizan, 
mhd.  nipfen,    dormitare,    mögen  die  beiden  eben  angeführten  Gründe 
der  Verdopplung  zusammentreffen;    ist   sie    bloß    dem    zweiten   zuzu- 
schreiben, so  gilt  betreffend  die  Schreibiing  des  j  das  oben  über  ahd. 
hnikjan  Bemerkte ;  daß  aber  diesem  die  ags.  Form  hnijrjan,  mit  Über- 
gang der  Gutturale  in  die  Labiale,  entsprechen  soll,  können  wir  nicht 
einsehen,  wenn  nicht  andere  Beispiele  solchen  Lautwandels  in  diesem 
Dialect  aufzuweisen  sind.  Man  „könnte"  nun  noch  manche  andere  Bil- 
dungen  als  Intensivformen   erklären ,    aber  daß  Hr.  G.  selbst    (S.  40) 
dies  nicht  wirklich  thut,    ist  bedeutsam,    und  aus  dem  beigebrachten 
Material  kann  jedenfalls   nicht  der  Schluß   gezogen  werden,    daß  die 
Intensivbildimg  dem  Ags.    mit  dem  Ahd.   gemein  und  darum  noch   in 
die  Zeit  der  Ungetrenntheit  der  Stämme  hin  aufzusetzen  sei.    Das  Alt- 
sächsische   soll  dann   mit  dem  Gotischen   diesen  urgemeinsamen  Trieb 
aufgegeben  haben ,    aber  die  niederdeutschen  Beispiele ,    welche   nach 
Hrn.  G.  bloß  aus  dem  Hochdeutschen    sollen   eingedrungen   oder   ihm 
nachgebildet  sein,   tragen  echt  nd.  Lautgestalt  und  sind  vielmehr  um- 
gekehrt ins  Hochdeutsche    eingedrungen.     Da  übrigens  das  Englische 
eine  Anzahl   den  neuhochdeutschen   ähnlicher  Intensivformen   aufweist 
(vgl.  noch  INIätzner,  Gramm.  1,  433.  4.35),  so  kann  und  soll  gar  nicht 
behauptet  werden ,    daß  die  Bildung   dem  Ags.   gefehlt  habe  ,    wie  ja 
überhaupt  nicht  das  Daß,  sondern  das  Wie  ihrer  Entstehung  streitig 
ist;  aber  wenn  Hr.  G.,  nachdem  er  dieselbe  als  eine  urgermanische  er- 
klärt hat,  aus  der  überwiegenden  Ausbildung  derselben  im  Hoch- 
deutschen (doch  besonders  erst  im  Neuhochdeutschen)  schließen  will, 
daß  dieses  „schon  lange  vor  dem  ersten  Auftreten  der  Germanen  sich 


22  LUDWIG  TOBLEE 

selbständig  entwickelt  habe",  so  ist  das  offenbar  wieder  zu  viel,  zumal 
da  die  dem  Hochdeutschen  zugeschriebene,  größere  geistige  Regsam- 
keit doch  auch  wieder  vom  Englischen  gelten  soll. 

Daß  das  deutsche  Intensivum  auch  bei  der  Nominalbildung 
gewirkt  haben  soll  (S.  66) ,  ist  eine  von  vornherein  etwas  auffallende 
Behauptung,  da  der  Nominalbegriff,  besonders  der  des  Substantivum, 
principiell  den  specifisch  verbalen  einer  Intension  auszuschließen  scheint, 
aussrenommen  natürlich  von  bereits  bestehenden  intensiven  Verben  ab- 
geleitete  Substantiva,  dergleichen  wir  oben  selber  angenommen  haben. 
Nominale  Intensivbildungen  sollen  nach  Hrn.  G.  im  Deutschen  alle  die- 
jenigen sein,  welche  durch  Verkürzung  langvocalischer  Verbalstämme 
entstanden  sind.  Hr.  G.  weiß  sehr  wohl  und  fügt  ausdrücklich  bei,  daß 
diese  Länge  nicht  ursprünglich  ist,  es  sollen  aber  die  verkürzten  No- 
miualstämme  nicht  etwa  Bildungen  aus  der  kurzvocalischen  indogerma- 
nischen Wurzelgestalt  sein,  sondern  eine  absichtliche  besondere  Art 
von  Bildung  aus  der  verlängerten  deutschen  Verbalwurzel  (S.  67,  vgl.  73). 
Diese  Auffassung  entspricht  ganz  der  des  kurzen  Vocals  der  intensiven 
Verba  (s.  ob.)  und  leidet  auch  an  demselben  Mangel,  denn  es  ist  gar 
nicht  abzusehen,  warum  überhaupt  der  Vocal  des  Prsesensstammes  für 
das  Verbum  maßgebender  sein  soll  als  der  des  Prseteritums ,  wo  die 
alte  Kürze  der  Wurzel  fortlebt  und  sich  zu  weiteren  verbalen  und 
nominalen  Bildungen  von  selbst  darbot.  Daß  die  betreffenden  deutschen 
Nominalbildungen  bis  in  die  indogermanische  Urzeit  hinaufreichen,  ist 
also  auch  unsere  Meinung  nicht,  so  wenig  als  bei  den  int.  Verben; 
aber  wenn  snit  von  siitdan,  sloz  von  sliuzan  Beispiele  von  jenen  sein 
sollen,  so  muss  (pvyri  von  cpavyca,  XCna  von  akeCcpa  eben  so  aufgefasst 
und  es  kann  dann  nicht  gesagt  werden,  daß  die  urverwandten  Sprachen 
ihre  Nomina  nie  durch  Verkürzung  der  Verbalstämme  bilden,  son- 
dern nur  durch  Verlängerung,  wie  üjj^  von  6k,  vOx  von  voc,  lex  von  leg. 
Hierüber  kann  mau  sich  am  Ende  noch  verständigen  (da  Hr.  G.  selbst 
S.  74  von  bloß  scheinbarer  Kürzung  spricht) ,  aber  worin  soll  denn 
das  Intensive  jener  Nominalbildungen  liegen?  Sie  sollen  „den  all- 
gemeinen Begriff  des  Verbums  in  eine  einheitliche  concreto  Anschauung 
zusaramengefasst"  enthalten,  und  diese  Intensität  des  substantivischen 
Begriffs  soll  durch  die  intensive  Formation  des  Wortes  ausgedrückt  sein 
(S.  68,  wo  der  intensiven  Form  auch  oolleotive  Bedeutung  zuge- 
schrieben wird,  während  diese  in  mhd.  gewicke  offenbar  von  dem  ge- 
herrührt).  Hr.  G.  macht  S.  69  ff.  den  Versuch,  diese  Erklärung  etwas 
näher  auszuführen,  kommt  aber  mit  den  Beispielen  offenbar  ins  Gedränge, 
Die  intensive  Form  soll  gelten,   wenn  das  Substantivum  einen  einma^ 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSIVA  IM  DEUTSCHEN.        23 

ligen  prägnanten  Act  des  Verbalbegriffes  bezeichnet,  z.  B.  smuc,  grif, 
oder  für  Namen  von  Dingen,  an  welchen  sich  jener  besonders  stark 
zeigt,  z.  B.  stock,  sluzzil,  smiite,  oder  für  Nomina  agentis:  gripf  cere,  smüj 
dagegen  Abstracta  sollen  langen  Vocal  haben,  z.  B.  die  auf  -ung.  Aber 
„natürlich  kommt  man  mit  Regeln  hier  nicht  ganz  durch  und  es  laufen 
viele  willkürliche  Auffassungen  mit  unter",  wie  z.  B.  nhd.  „Griff"  con- 
cret  und  abstract  zugleich  ist,  während  altn.  grip  und  greip  sich  unter- 
scheiden, aber  mit  Umkehrung  der  Regel,  und  wenn  Hr.  G.  diese  wie- 
der hergestellt  finden  will,  im  Verhältniss  von  altn.  heit  Weide,  beita 
Lockspeise,  zu  bit,  Biss,  so  hat  er  übersehen,  daß  wenigstens  heita  gar 
nicht  von  bita  stammt,  sondern  vom  causativen  beita,  und  unserm  „Beize" 
entspricht.  Sogar  got.  shif- 1  und  drus  sollen  Intensivbildungen  sein, 
obwohl  intensive  V  e  r  b  a  dem  Gotischen  fehlen  und  auch  nicht  die  Spur 
von  Consonanzverstärkung  in  jenen  Formen  vorliegt ;  selbst  vippja  kann 
nicht  geltend  gemacht  werden,  da  es  die  einzige  Form  mit  pp  im  Go- 
tischen ist  und  daneben  vipja  besteht ,  jenes  also  nur  ein  früher  Fall 
doppelter  Schreibung  sein  wird. 

Wie  vielseitig  Hr.  G.  seinen  Begriff  von  Intension  zu  wenden  weiß, 
sieht  man  aus  der  (S.  71,  vgl.  auch  96  und  188 — 189)  versuchten  An- 
wendung desselben  auf  die  verkürzten  Koseformen  der  Eigennamen 
und  sogar  auf  die  Namen  einiger  weiblicher  Tliiere.  Hier  soll  die  ver 
kürzte  und  verschärfte  Form  des  Namens  die  auf  das  geliebte  Wesen 
oder  das  zartere  Geschlecht  eoncentrierte  Innigkeit  der  Vorstellung  aus- 
drücken ,  und  da  Intension  auch  beim  Verbum  sich  nicht  selten  mit 
Deminutiou  verbindet,  sowie  hinwieder  das  Kleinere  auch  sorgfältigere 
Behandlung  bedarf  und  findet,  so  ist  der  Zusammenhang  nicht  unfein' 
ausgedacht;  was  übrigens  das  Verhältniss  von  gitze  zu  Geiß  betrifft, 
so  wird  es  doch  lautlich  kein  anderes  sein  als  das  von  Hitze  zu  heiß, 
und  wie  Hr.  G.  für  kitze  eine  bloße  Verhärtung  des  Anlauts  annimmt, 
so  könnten  auch  im  Inlaut  g  und  k  von  ahd.  ziga  :  ziki  ursprünglich 
nur  dialectische  Varianten  sein,  oder  k  aus  g  erzeugt  durch  das  de- 
minutive {,  Gr.  3,  684.  Wir  können  aber  diese  Frage  dahingestellt 
sein  lassen,  da  auch  Hr.  G.  sie  mehr  nur  parenthetisch  vorbringt,  und 
wenden  uns  zum  letzten  Capitel,  dem  „Ursprung  der  deutscheu 
Intensiva. " 

Es  konnte  Hrn.  G.  nicht  entgehen ,  daß  die  von  ihm  noch  für 
intensive  Nominalbildung  angenommene  kurze  Gestalt  von  Wurzeln 
mit  {  und  ti  auch  im  Prset.  Plur.  und  im  Partie.  Perf.  der  betreffenden 
Verba  vorkommt,  wo  doch  von  keinerlei  intensiver  Bedeutung  die  Rede 
sein  kann;    eine  solche  weist  er  denn  hier  auch  ausdrücklich  ab,    da- 


24  LUDWIC4  TOBLER 

gegen  hat  ihn  dieses  Zusammentreffen  auf  die  Annahme  geführt,  daß 
die  i-  und  w-Stämme  den  ersten  Anlass  zu  deutschen  Intensivbildungen 
gegeben  haben,  wie  denn  von  ihnen  auch  der  Ablaut  ausgegangen 
zu  sein  scheine,  dessen  kürzere  (von  Grimm  sogenannte  „zweite")  Ge- 
stalt ja  eben  mit  der  intensiven  Verkürzung  des  Hrn.  G-.  zusammen- 
fällt und  besonders  im  Part.  Perf.  auftritt,  wo  der  Verbalbegriff  in  sei- 
ner abgeschlossensten  stärksten  Concentration  erscheint.  Mit  dieser 
Anschauung  bringt  Hr.  G.  in  wirklich  scharfsinniger  Weise  die  That- 
sache  in  Verbindung,  daß  die  germanische  Intensivbildung  im  Unter- 
schied von  der  indischen  und  griechischen,  welche  reduplicativen  Cha- 
rakter tragen,  gerade"  von  reduplicierenden  Verben  nicht  stattfindet, 
daß  hinwieder  die  i-  und  tt-Stämme,  von  welchen  am  meisten  Intensiva 
im  Deutschen  gebildet  werden,  die  Reduplication  schon  früh  aufge- 
geben haben,  und  daß  gerade  der  ahd.  und  ags.  Dialect,  welche  am 
meisten  Intensiva  bilden,  die  Reduplication,  auch  wo  sie  noch  geblieben 
war,  durch  Zusamraenziehung  verwischt  haben.  Gegen  diesen  Zusam- 
menhang ist  nur  einzuwenden,  daß  die  i-  und  ?t-Stärame  (wie  übrigens 
auch  die  a-Stämme  mit  folgenden  leichten  Consonanten)  schon  im  G  o- 
ti sehen  ebenfalls  die  Reduplication  nicht  mehr  zeigen,  aber  darum 
doch  dort  keine  Intensiva  erzeugt  haben.  Überdies  führt  Hr.  G.  selber 
als  zweiten  Grund ,  der  die  Inteusivbildung  beförderte  oder  hinderte, 
eben  die  leichtere  oder  schwerere  Gestalt  der  Wurzeln  selbst  an,  indem 
nur  die  erstere  noch  eine  consonantische  Verstärkung  zuliess.  Daß  von 
Wurzeln  mit  Liquidse  im  Auslaut  ebenfalls  keine  Intensiva  gebildet 
werden,  hängt  allerdings  damit  zusammen,  indem  bloße  Verdopp- 
lung jener  Laute  weniger  deutlich  empfunden  wird  als  die  von  Mutge 
und  durch  Assimilation  von  ;'  keine  andere  Art  von  Verstärkung  aus 
ihnen  entstehen  konnte.  Wir  können  also  diese  letzte  Ansicht  des  Hrn.  G, 
zugeben  und  thun  es  gerne,  um  wenigstens  am  Schluße  noch  in  einem 
Puncte  mit  ihm  uns  einig  zu  finden;  die  Intensiva  von  t-  und  it-Stäm- 
men  sind  in  der  That  nicht  bloß  die  zahlreichsten,  sondern  auch 
deutlichsten,  und  mögen  darum  wohl  die  ältesten  sein;  die  Ansicht 
vom  Ursprung  der  Bildung  selbst  wird  freilich  davon  nicht  berührt. 
Es  bleibt  noch  übrig,  unsere  allgemeine  Ansicht  von  den  Inten- 
sivbildungen an  einer  Reihe  einzelner  Fälle,  soweit  es  nicht  gelegent- 
lich bereits  geschehen  ist,  darzustellen,  zunächst  an  den  von  Hrn.  G. 
angenommenen,  so  weit  wir  seine  Aufstellungen,  auch  abgesehen  von 
der  Gesaramtansicht  über  die  Bildungsweise,  nicht  gutheißen  können, 
sodann  an  einigen  neuen  Beispielen  sowohl  voji  wirklichen  als  auch 
von  bloß  scheinbaren  Intensiven, 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSIVA  IM  DEUTSCHEN.        25 

schupfen,  nd.  schippen ,  stossen , '  und  mundartlich  (sich)  schobben, 
schihhern,  (sich)  reiben,  erklärt  Hr.  G.  als  Intensiva  von  schieben^  was 
aber  nur  von  den  letztgenannten  Formen  gelten  kann,  so  wie  von  ahd. 
scoppen  in  giscoppot,  onustus,  Schweiz,  sclioppen,  stopfen;  für  die  erst- 
genannten ist  ein  ahd.  sciofan,  alts.  sciopan  anzunehmen,  die  von  Hrn.  G-. 
angeführte  Neigung  des  got.  h  und  p  zu  Übergang  in  /  gehört  gar 
nicht  hieher,  wohl  aber  die  oben  von  uns  citierten  Erklärungen  Grimms 
über  ahd.  pph  aus  phj. 

klopfen  von  mhd.  Hieben,  spalten,  abzuleiten,  ist  schon  der  Be- 
deutung wegen  bedenklich,  dazu  kommt  dieselbe  lautliche  Unmöglich- 
keit wie  beim  vorigen.  Das  von  Hildebrand  und  auch  von  Weigand. 
angenommene  ahd.  clephan  ist  viel  weniger  „grundlos''  als  viele  An- 
nahmen des  Hrn.  G. ;  es  ist  bezeugt  durch  ahd.  chlaph  und  ebenso  ver- 
hält sich  ahd,  chlocchon  zu  einem  starken  chlehhan ,  wovon  mhd. 
klecken,  klac. 

zupfen  leitet  Hr.  G.  von  einem  mhd.  zieioen,  das  als  mitteldeutsche 
Nebenform  von  ziehen  erscheint  und  von  dem  auch  mhd.  zoutoen,  md. 
zoiven,  von  Statten  gehen,  eilen,  herstammt.  Das  von  Hrn.  G.  beige- 
brachte ziepen  ist  richtige  nd.  Form  eines  hd.  ziefen,  dem  wieder  ein 
md.  schwaches  zofen,  ziehen,  zur  Seite  steht,  aber  zu  Grunde  liegt  ein 
starkes  ahd.  ziofan,  von  dem  auch  zopf,  Schweiz,  zupfe  (vgl.  Locke  von 
liechen,  ziehen,  ob.). 

hüpfen,  mhd.  auch  huppen,  hoppen  kann  nicht  von  heben  abgeleitet 
werden,  schon  wegen  des  Vocals,  denn  das  letztere  zeigt  erst  im  Nhd. 
ein  ti  (aus  uo)  und  ein  o  (aus  a)  im  Prseteritum;  überhaupt  scheinen 
die  Verba  der  VH.  Conjugation,  mit  beibehaltenem  a  im  Praesens  und 
Particip,  den  redupliciereuden  näher  stehend,  keiner  Intensivbildung 
fällig.  Für  hüpfen  ist  vielmehr  ein  ahd.  hüfan  {wie  lühhan)  oder  hiofan 
anzunehmen,  dessen  Bedeutung  allerdings  „erheben"  gewesen  sein  muss, 
denn  es  sind  davon  auch  abzuleiten  die  Substantiva  ahd.  hiufila,  f. 
hüfeli,  n.  Wange,  weibliche  Brust,  mhd.  hilf,  hüffel,  Hüfte  (Namen  her- 
vorstehender Körpertheile),  hCfo,  Haufe  (Erhebung).  Die  Formen  mit  pp 
sind  entweder  aus  dem  Nd.  eingedrungen,  vgl.  ags.  hoppian,  oder  sie 
führen  auf  ein  got.  hiuhan,  wie  Haupt  und  Haube. 

ducken  könnte  der  Bedeutung  und  dem  Anlaute  nach  unmittelbar 
von  ahd.  dühan,  mhd.  diuhen,  drücken,  stammen;  da  aber  diese  schwach 
flectiert  werden  und  mhd.  tilcken  geschrieben  wird,  so  wie  andererseits 
ahd.  ingidüht,  immersus,  so  ist  allerdings,  wie  auch  Hr.  G.  meint,  Ver- 
mischung mit  ahd.  tühhan,  tauchen,  anzunehmen;  vgl.  Schweiz,  tüch, 
gedrückt  (in  Stimmung  und  Haltung) ;  Grimm  Wb.  deuhen,  kleine  Schrift. 


26  LUDWIG  TOBLER 

2,  409.  410.  Ags.  ist  thyan,  stossen,  alts.  hethüwjan,  deprimere  (Heyne, 
klein.  Denkm.). 

knüpfen  kann  nicht  von  got.  hniupan  kommen,  da  ein  solches  h 
im  Anlaut  sich  nicht  zu  k  verdichten  kann,  sondern  schwindet,  und 
da  auch  die  Bedeutung  „nectere"  aus  dis-hnmpan  =  dia-QQrjffösiv  kei- 
neswegs wahrscheinlich  erschlossen  ist;  es  ist  also  ein  got.  kniupan  an- 
zunehmen, davon  ahd.  chnuphjan. 

Daß  rupfen  nicht  von  raufen,  sondern  von  einem  starken  riufan 
abzuleiten  sei  (zu  dem  roufen,  got.  raupjan  der  Form  nach  ursprünglich 
Causativum  gewesen  sein  muss),  vermuthet  Hr.  G.  selbst,  S.  20. 

Mhd.  nücken  soll  regelrechtes  Intensivum  von  ahd.  hnüan  (filr 
hnugan)  sein  und  dieses  von  derselben  Wurzel  wie  hmgan.  Verwandt- 
schaft zwischen  diesen  beiden  ist  nicht  unmöglich,  aber  die  Bedeutung 
von  nüan  ist  nicht  „schlagen"  nach  der  Seite  oder  nach  unten,  sondern 
„zerstossen,  zerreiben"  und  davon  lässt  sich  die  Bedeutung  „nicken" 
(welche  übrigens  auch  im  Schweiz,  nuck ,  Schläfchen ,  fortlebt)  nicht 
ableiten.  Eher  ist  nücken  auf  die  Wurzelgestalt  hniv  (vgl.  got.  hneivan 
=  ahd.  hmgan,  lat.  niveo)  zurückzuführen,  aus  welcher  hniu  (vgl. 
gr.  vevco),  dann  hniuio  und  mit  Übergang  von  lo  in  g  wie  bei  spucken 
aus  spiicen,  spiuwen  (vgl.  auch  lat.  nixi  und  nix,  nivis)  im  Prset.  Plur. 
hnug  (für  hnuio)  entstehen  konnte.  So  mag  auch  amhd.  hlüg,  schüch- 
tern, niedergeschlagen,  zu  hlhiwen  gehören;  aber  vielleicht  auch  verblüffen, 
wie  kiffen  zu  kiuioen. 

Von  nicken  soll  aber  eine  bloße  Nebenform  auch  nippen  sein  und 
dazu  die  bereits  oben  angefilhrten  ags.  hnipian  und  hnappian,  ahd.  hna- 
ßzan,  dormitare,  gehören,  was  d,er  Bedeutung  nach  wohl  passen  würde. 
Aber  nippen  in  der  Bedeutung  „fein  trinken"  (welche  doch  aus  der 
von  leichter  Senkung  des  Kopfes  überhaupt  entstanden  sein  könnte) 
ist  nach  Weigand  nd.  Form  =  mnhd.  nipfen  (auch  nüpfen,  wie  nücken 
neben  nicken),  was  auf  ein  ahd.  nifan  führt;  dieses  könnte  aber  auf 
keinen  Fall  bloße  Nebenform  von  hiigan  sein,  sondern  es  entsprächen 
ihm  die  von  Grimm  (Haupt  Zeitschr.  7,  456)  angeführten  alts.  hnipan, 
inclinari,  altn.  kmpa,  incurvare,  -clinare,  hnipna,  trauern,  welche  von 
goi.  ganippan,  6Tvyvdt,siv.  ags.  genipan,  obscurari  (alts.  genip,  caligo), 
genäpan,  obrepere,  supervenire  (überfallen)  des  Anlauts  wegen  wohl 
zu  trennen  sein  werden.  Dem  nd.  nippen  entspricht  auch  ein  oberdeut- 
sches niffen,  stoßen,  Schweiz.  verniffe{n)  (starkes  Part.  Perf)  abgestossen,. 
vergriffen,  unansehnlich;  auch  Schweiz.  g-nepfe{ii),  schaukeln,  könnte 
hieher  gehören,  von  welchem  g-nappe{n),  wackeln,  in  Form  und  Bedeu- 
tung ungefähr  ebenso  absteht  wie  hoppe(n),  auf  einem  Beine  springen, 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSIVA  IM  DEUTSCHEN.        27 

von  üher-hüpfe{n) ,  springend  übergehen;  vgl.  tiifppig  und  topf,  schwül. 
Auffallend  ist  auch  daß  Schweiz,  mggele(n)  nicht  bloß  Deminutiv  von 
nicken  ist,  sondern  auch,  wie  niffe{n),  bedeutet  „hart  mitnehmen". 

Daß  zu  {h)nicken  auch  knicken  gehöre,  ist  ebenso  unwahrschein- 
lich wie  knüpfen :  got.  hniupan,  man  müsste  denn  annehmen,  das  k  sei 
nicht  eine  Verdickung  des  alten  Wurzelanlautes  h,  sondern  es  stecke 
darin  das  Praifix  ge-  in  der  streng  ahd.  Gestalt,  wie  Hr.  G.  S.  28 
kritzen  aus  ga-rizjan  erklärt;  knicken  wird  sich  eher  zu  knacken  ver- 
halten wie  kritzen  :  kratzen  (s.  noch  unt.) 

Für  glotzen  durfte  Hr.  G.  gar  wohl  ein  verlorenes  gliozan  verniu- 
then,  so  Avie  für  strotzen  ein  striozan,  das  dui'ch  strüz  gefordert  und  be- 
zeugt wird ;  auch  wird  S.  20  mit  Recht  auf  nahen  Zusammenhang  imd 
theilweisen  Übergang  zwischen  Verben  der  VIII.  und  IX.  Classe  hin- 
gewiesen, so  ^SiÜ  gliozan  va.  glizan  könnte  aufgegangen  sein,  wie^spritzen. 
für  sprützen  aus  spriozan  (nicht  spruan)  und  spreizen  für  spreuzen  (alth. 
spriuz{j)an)  eingetreten  ist.  Wir  finden  aber  noch  eine  Spur  des  gliozan 
im  Schweiz,  Substantiv  und  Verbum  glUße,  Funke,  funkeln,  während 
die  daneben  l)estehende  Form  des  Substantivs  gloitße  entstanden  sein, 
kann  durch  diphthongische  Ersetzung  der  nasalen*  Form  ghinze,  De- 
min.  glünzli,  Fünklein,  von  glinzan,  glänz,  vgl.  glumse,  ebenfalls  „Funke'^ 
bedeutend,  Stalder  Id.  1,  456 — 7. 

riffeln  kann  nicht  zu  reiben  gehören,  da  auch  die  Bedeutung  nicht 
diese  ist,  sondei'n  „streifend  durchziehen" ;  vielmehr  muss  es  zu  mhd. 
reffen  und  refsen  (von  einem  starken  ahd.  refan)  gezogen  werden,  welche 
meist  die  bildliche  Bedeutung  von  „durchhecheln"  tragen;  dazu  auch 
Rüffel,  Verweis,  für  Eiffel. 

kiffen  wird  allerdings  mit  kiiuoen  zusammenhangen,  wie  verblüffen 
zu  blimcen  (nur  daß  hier  der  Wurzelvocal  blieb),  aber  nicht  unmittelbar,, 
sondern  zunächst  durch  Reduction  des  letztern  auf  kticen  (der  umge- 
kehrte Fall  von  spticen  :  spimoen  s.  ob.),  wo  dann  lo  nach  kurzem  Vocal 
des  Prset.  Plur.  und  \äelleicht  durch  eine  nochmalige  Mittelstufe  v,  in/ 
übergehen  konnte ;  denn  kiffe  und  keve  sind  nd.  Formen  =  ahd.  ckiwa, 
cheioa,  cliieva,  Kiefer  (s.  Weigaud  unter  diesem  Worte).  Nahe  verwandt 
ist  auch  ahd.  cheva,  Schote  (von  der  mundähnlichen  Gestalt),  Schweiz. 
chäfe  und  chifel ;  chiße(n)  heißt  auch  »zanken",  und  grenzt  nahe  an 
chibe{n),  mhd.  kiben,  nhd.  keifen,  aus  nd.  kifen,  von  welchem  vielleicht 
das  mhd,  kiffen  unmittelbar  abzuleiten  ist. 

Jochen  mag  der  Bedeutung  nach  als  Intensiv  zu  jagen  gelten,  aber 
die  Form  ist  unklar  und  der  liegel  des  Hrn.  G.  entspräche  eher  das 
nd.  jackern.    Dieses  erinnert  aber  auch  au  jach  =  jäh,  ahd.  gähi,  und 


28  LUDWI6  TOBLER 

dazu  stimmt,  daß  das  mhd.  Jochen  in  den  Handschriften  der  betreffenden 
Stelle  des  (unechten)  Neithart  wechselt  mit  gähen  und  jauchen.  Letzteres 
könnte  mit  au  für  ä  (vgl.  Weinhold,  alem.  Gramm.  S.  52)  eine  bloße 
Nebenform  des  erstem  sein,  erinnert  jedoch  auch  an  das  Schweiz.  ?aw- 
ken,  welches  als  Intensiv  von  jagen  ganz  ähnlich  wie  jochen  und  jackeim 
gebraucht  wird,  aber  in  seiner  Form  durch  das  ebenso  seltsame  hräu- 
ken,  Intensiv  zu  brennen  oder  brauen,  nicht  erklärt  wird. 

Daß  schnijppeln  nicht  von  schneiden  kommen  kann,  wurde  bereits 
bemerkt,  viel  näher  liegt  ja  auch  schnippen,  schnappen,  welche  ebenftiUs 
von  Schneidgeräthen  gebraucht  werden.  Zu  schnappen  verhält  sich 
schnippen  als  Deminutiv  wie  tinppel{n)  zu  trappen  (nicht  zu  treiben). 
/Schnappen  selbst  wurde  oben  als  Beispiel  von  p(p)  für  b  angeführt, 
aber  es  scheint  sich  mit  einem  nd.  snappen  vermengt  zu  haben,  dessen 
p  hochdeutsche  Formen  mit  /  entsprechen.  Zu  diesen  gehört  das 
Schweiz,  schnäfle,  schnitzeln  (aber  ohne  Geschick  und  Zweck),  schnifel, 
Schnitzel,  und  das  reflexive  (Intensiv)  sich  verschiäpfe  =  sich  im  Reden 
verschnappen,  ein  Geheimniss  unvorsichtig  ausschwatzen.  Aus  der  alten 
Sprache  gehört  hieher  ahd.  snephezan,  singultire,  mundartl.  schnipzen, 
schluchzen,  einen  kurzen  Laut  ausstossen,  wovon  wahrscheinlich  auch 
die  /Schnepfe  benannt  ist.  Die  Grundbedeutung  ist  die  einer  schnellen- 
den Bewegung,  mit  dem  Munde  zum  Fassen,  Schwatzen  oder  Schluchzen, 
mit  der  Hand  zum  Schneiden,  mit  den  Füßen  zum  Straucheln,  mhd. 
snaben,  mundartl.  schnappen  =  hinken. 

wackeln  wird  eher  von  loagen,  wegen  als  von  wanken  abzuleiten 
sein,  weil  Ausstoßung  des  n  sonst  nur  bei  starken  Verben  vorkommt. 

recken  ist  auf  keinen  Fall,  weder  in  der  Form  noch  in  der  Be- 
deutung, Intensiv  zu  ahd.  reichjan,  aber  auch  zu  got.  rikan,  mhd.  rechen, 
zusammenhäufen,  ist  es  der  Bedeutung  nach  nicht  Intensivum,  ebenso 
wenig  aber  Causativum ,  obwohl  es  dies  der  Form  nach  sein  könnte, 
da  diese  für  Causativa  und  andere  Ableitungen  mit  j ,  sowohl  vom 
Verbalstamm  (Intensiva)  als  von  Nominalstämmen,  bei  den  Wurzeln 
mit  geschwächtem  a  dieselbe  ist.  Ebenso  ist  nicht  ganz  klar  und  sicher, 
ob  stecken  als  Intensivum  von  stechen  aufzufassen  sei ;  der  Bedeutung 
nach  ist  es  heute  eher  Causativum  von  stecken,  das  freilich  selber  schon 
abgeleitet  ist,  ahd.  stecchen.  /Sticken  ist  abgeleitet  von  stich ;  daneben 
aber  besteht  ahd.  sticchen,  vollstopfen,  unser  ersticken,  wofür  mit  tran- 
sitiver Bedeutung  in  der  Schweiz  auch  er-stecken  vorkommt ,  ebenso 
bairisch  und  schon  mhd.,  nicht  nothweudig  von  erstechen. 

schöpfen  soll  in  beiden  Bedeutungen  dasselbe  Wort  und  Intensiv 
zu  schaffen  sein,  und  zwar  soll  sich  die  Bedeutung  „haurire"  aus  „creare" 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSIVA  IM  DEUTSCHEN.        29 

entwickelt  haben  im  Sinne  von:  Herbeischaffen  des  Nothwendigsten 
zum  Lebensunterhalt,  des  Wassers.  Allerdings  findet  sich  mhd.  schuof 
in  solcher  Bedeutung  und  schon  ahd.  scafan  zwei  Mal  =:  „schöpfen", 
s.  die  Stellen  bei  Weigand,  welcher  aber  diese  Bedeutung  als  die 
ursprüngliche  des  starken  Verbums  ansieht.  Die  concretere  ist  sie  frei- 
lich, aber  sie  findet  sich  in  den  andern  alten  Dialecten  nicht  (alts.  heißt 
haurire  skeppian)  und  ein  unmittelbarer  Übergang  von  ihr  zu  der  andern 
ist  ebenso  schwer  wie  der  umgekehrte.  Eine  Vermischung  beider 
Formen  und  Bedeutungen  muss  aber  schon  früh  eingetreten  sein,  und 
wurde  ja  dadui-ch  begünstigt ,  daß  das  got.  skapjan  gemischte  Conju- 
gation  zeigte.  Nehmen  wir  nun  noch  /Schiß  hinzu,  welches  ursprünglich 
„Gefäß"  überhaupt  bedeutet,  wie  noch  in  der  Formel  „Schiff  und  Ge- 
schirr" und  wie  ahd.  scaf,  wenn  auch  dieses  erst  aus  lat.  scaphium 
entlehnt  ist  (vgl.  übrigens  lat.  vas  auch  =  Schiff  und  davon  franz. 
vaisseau),  so  lässt  sich  ein  Wurzelverbum  erschließen  mit  der  Bedeu- 
tung „aushöhlen",  welche  sowohl  auf  das  Graben  von  Cisternen  als 
auf  die  Verfertigung  von  Geräthen  durch  Sculpturarbeit  angewandt 
werden  und  die  beiden  fraglichen  Bedeutungen  zugleich  ergeben 
konnte,  wie  auch  die  entsprechenden  Bedürfnisse  beide  für  die  Anfänge 
der  Cultur  gleich  dringend  waren.  Das  griech.  öxccjiza  (exaq.-)  und 
das  lat.  scabo  bezeichnen  ungefähr  die  beiden  Richtungen  jener  ältesten 
„schöpferischen"  Thätigkeit  des  Menschen;  mit  der  Verschiebung  der 
Laute  scheinen  aber  zugleich  die  Bedeutungen  sich  gekreuzt  zu  haben. 

läppen  kann  weder  lautlich  noch  begrifflich  als  Intensiv  zu  laßan 
gelten,  aber  auch  das  alamannische  lüpfen  nicht,  ebensowenig  wie 
hüpfen  zu  heben.  Der  Bedeutung  nach  liesse  sich  lüpfen  wohl  auf 
W.  lab,  laß  „nehmen"  zurückführen,  da  hafjan  „heben"  zu  lat.  capio 
sich  ebenso  verhält;  aber  für  die  Form  haben  wir  ein  got.  liupan  an- 
auzunehmen,  von  dem  altu.  loptr,  Luft,  stammen  wird;  davon  lüßen 
(nd.  lichten),  erheben. 

loipfen  gehört  der  Bedeutung  nach  eher  zvnveben  (hin  und  her 
sich  bewegen)  als  zu  mhd.  icifen,  welches  „winden"  bedeutet;  Hr.  G. 
findet  das  Verhältniss  gerade  umgekehrt.  Der  Form  wegen  müssen 
wir  aber  wipfen  doch  mit  loifen  zusammenbringen  und  die  Bedeutung 
macht  kein  absolutes  Hinderniss,  da  auch  in  „winden"  der  Begriff 
einer  Bewegung  hin  und  her  liegt.  Sonst  könnte  man  am  Ende  an- 
nehmen, wipfen  sei  eine  hochd.  Nachbildung  des  als  nd.  aufgefassten 
ivippen  von  weben. 

tützen,  ahd.  duzzan,  nhd.  ver-dutzen,  braucht  nicht  als  Intensiv  mit 
causativer  Bedeutung  aufgefasst  zu  werden,  wenn  wir  ein  starkes  tiozan 


"30  LUDWIG  TOBLET? 

ZU  Grunde  legen,  dessen  Bedeutung  transitiv  war,  während  dem  schwa- 
chen tüzen,  totzen  intransitive  zukam.  Ein  Causativum,  welches  tözjan 
lauten  müsste  (nach  der  Regel,  die  im  mhd.  schützen  =  in  fallende  Be- 
wegung bringen,  nicht  verletzt  zu  sein  braucht,  da  dieses  Verbum  von 
scuz,  statt  direct  von  schiezen,  abgeleitet  sein  kann),  kommt  nicht  vor, 
dagegen  mhd.  tnizen,  mit  der  geschwächten  Steigerung  des  Praesens 
gebildet,  und  tiltzen,  mit  dem  kurzen  Wurzelvocal  des  Prset.  Plur.,  beide 
mit  j  gebildet,  das  letztere  intensiv;  vgl.  hnizen,  aufrufen  (refl.  sich  er- 
kühnen) und  daneben  das  gleichbedeutende  von  Hrn.  G.  S.  68  angefühi-te 
hützen  (welche  schwerlich  von  der  Interjection  hiic!  unmittelbar  gebildet 
sind,  da  das  Adjectiv  hiiize,  munter,  frech,  dieser  Erklärung  widerstellt) 
und  die  oben  angeführten  sprützen  und  spreuzen.  Die  Wortfamilie  der 
Wurzel  tuz-  wird  vermehrt  und  auch  etwas  verwirrt  durch  Übergang 
des  z,  ß  in  sck  und  auch  in  s;  Schweiz,  tüßle,  leise  gehen  neben  tusel, 
töseli,  leichter  Rausch  usw.,  s.  Grimm  Wb.  unt.  dus^  dusel,  dusen,  däsig, 
dös;  Zeitschr.  f.  deutsch.  Mundart.  3,  228.  Übrigens  erklärte  Grimm 
in  der  Abhandl.  über  Diphthonge  das  ahd.  tuzan  von  tutto,  Mutterbrust, 
also  „stillen"  im  Sinne  von  „säugen". 

ficken  mag  als  Intensiv  von  fegen  gelten,  aber  nicht  dieses  als 
Causativ  zu  got.  faxjr ;  sonst  ist  hier  nur  noch  zu  erwähnen ,  daß  in 
der  Schweiz  neben  ßgge(n) ,  reiben,  ein  ßcche(n) ,  „heimlich  und  rasch 
entwenden"  besteht,  welches  auf  die  Vorstellung  „wischen"  (vgl.  er- 
wischen) zurückgehen  wird,  oder  auf  Ficke,  Tasche? 

Als  Nachtrag  und  Schluß  führen  wir  einige  Bildungen  an,  welche 
Hr.  G.  nicht  behandelt,  aber  ohne  Zweifel  seinen  Intensiven  beizählen 
wird. 

In  knittern  ist  zwar  die  Tennis  wurzelhaft,  nicht  erst  intensive 
Verstärkung,  aber  die  Verdopplung  derselben,  wenn  man  sie  nicht 
als  bloße  Schriftbezeichnung  der  Küi'ze  des  vorangehenden  Vocals  auf- 
fassen will,  und  diese  letztere  selbst,  müssen  nach  Hrn.  G.  wohl  als 
Intensivbildung  erklärt  werden.  Da  sich  in  der  Bedeutung  „knistern, 
prasseln"  auch  gnetern  geschrieben  findet,  so  nimmt  Weigand  als  Stamm- 
wort das  mhd.  gmten,  reiben.  Aber  nahe  verwandt  mit  diesem  und  in 
der  Bedeutung  (zerdrücken)  dem  kmtterm  ebenso  nahe  ist  kneten,  von 
welchem  dann  die  geschwächte  Gestalt  des  Wurzelvocals,  i,  zu  neh- 
men wäre,  wie  in  schicken,  ficken,  xoijppen  {wickeln  und  wiegeln,  zu  loegen  f). 
Eine  unzweifelhafte  Intensivbildung  ist  das  Schweiz,  spacken,  un- 
ruhig und  gierig  spähen,  aber  nicht  von  diesem  abgeleitet  (welches  auch 
in  der  Mundart  nicht  lebt),  sondern  von  einem  starken  spehan,  das  auch 
dem  ahd.  spehon,  spähi,  mhd.  spoehe,  zu  Grunde  liegen  muss^  also  aus 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSIVA  IM  DEUTSCHEN.        31 

spah-j-an,  dessen  assimiliertes  hh  in  Aussprache  und  Schrift  ch  und  ck 
wurde,  wie  bei  zucken  von  ziehen  u.  a.,  nach  den  oben  nachgeuieseneu 
Lautverhältnissen.  So  könnte  auch  zioacken  aus  zioahen  gebildet  sein, 
denn  letzteres  bedeutet  nicht  bloß  „waschen",  sondern  wird  bildlich 
auch  =  züchtigen  (durch  Schläge)  gebraucht,  so  z.  B.  in  den  Schlacht- 
liedern des  15.  16.  Jhd.  Den  Mangel  des  Umlautes  haben  wir  schon 
oben  als  nicht  wesentlich  erklärt. 

hocken,  hucken  kann  als  Intensivum  zu  altn.  hoka^  hüka,  hangen, 
kauern,  hokinn,  niedergebogen,  krumm,  erklärt  werden,  wird  aber  nicht 
als  solches  gefühlt,  und  wir  fuhren  es  hier  nur  an,  weil  ein  Stamm- 
verbum  sich  vermuthen  lässt  und  dabei  ein  Lautübergang  mitspielt, 
den  wir  an  mehrern  Fällen  von  Intensivbildung  vorgefunden  haben. 
Aufhucken  bedeutet  „auf  dem  Rücken  sitzen"  und  es  findet  sich  auch 
geradezu  Hucke  =  Rücken.  Da  tritt  nun  Höcker  hinzu,  welches  mhd. 
und  noch  Schweiz,  hoger  lautet,  ahd.  aber  hovar,  lith.  kupra.  Diese 
Formen  werden  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  zusammengehören,  nur 
muss  zwischen  kupra  und  hovar  ein  hofar,  zwischen  hovar  und  hoger 
ein  hower  angenommen  werden  (denn  von/ zu  ^  unmittelbar  führt  kein 
Weg);  dann  aber  erhalten  wir  die  Reihe  iv,  g,  ck,  wie  bei  spucken, 
nicken.  Lassen  wir  aber  kupra  und  hovar  bei  Seite  und  nehmen  ein 
M'urzelhaftes  ^  an,  so  werden  wir  auch  Hügel  nicht  aus  Hüwel ,  Hühel 
(zu  Haube,  Haupt  usw.  s.  hüpfen  ob.)  erklären,  sondern  mit  amlid.  houc, 
altn.  haugr  von  einem  got.  hiugan,  sich  erheben  (vgl.  xavx-äed^aL?  bild- 
lich), von  welchem  vielleicht  auch  ahd.  hugu,  Geist,  herstammt  und 
kuck{j)an  regelrechtes  Intensiv  wäre. 

hecken,  brüten,  durch  Brut  sich  fortpflanzen  (verschieden  von  dem 
Germ.  8,  301 — 2  erklärten  hecken,  stechen,  beissen),  scheint  zusammen- 
zuhängen mit  hegen,  im  Sinne  von:  pflegen,  nähren.  Dieses  ist  zwar 
zunächst  abgeleitet  von  Hag,  welchem  aber  ein  starkes  ahd.  hagan  zu 
Grunde  liegt,  erhalten  in  kihagin,  gepflegt;  hegga,  Hecke,  ist  die  dazu 
dienende  Umfriedigung  (mhd.  hegge  bei  Neith.  XXI,  11,  Brut?);  und 
auch  das  alte  hagan,  Dorngebüsch,  Hain,  kann  auf  diesen  Begriff  zurück- 
geführt werden,  der  bildlich  auch  in  behagen  fortlebt.  Die  Grundbedeu- 
tung der  ganzen  Wortfamilie  möchte  aber  die  des  lebendigen  Wachs- 
thums,  der  Fortpflanzung,  gewesen  sein,  wie  sie  ja  auch  am  „grünen 
Hag"  (franz.  haie  vive)  alljährlich  erscheint;  dazu  stimmen  dann  aus 
dem  animalischen  Leben  das  mhd.  und  noch  Schweiz,  hage,  Zuchtstier, 
und  das  ahd.  hegadruosi,  Zeugungsglied,  welche  wieder  mit  hecken 
(aus  hag-j-an)  sich  zusammenschließen. 

schmettern  wird  von  Hrn.  G.  S.  77  geradezu  als  Intensivum  von 


'32  .  LUDWIG  TOBLER 

schmeißen  aufgefasst,  wobei  doch  wenigstens  niederdeutsche  Consonanz 
(Grundform  smiten)  angenommen  und  eine  Erklärung  des  e  statt  i  ver- 
sucht werden  sollte;  denn  sonst  findet  sich  mittel-  und  niederdeutsch 
öfter  umgekehrt  i  statt  e  (s.  das  folgende).  Im  Übrigen  käme  das  Ver- 
hältniss  schmeißen  \  schmettern  äußerlich  am  nächsten  dem  von  schleifen 
:  schleppen,  aber  letzteres  haben  wir  bereits  oben  nicht  als  Intensivum, 
sondern  einfach  als  niederd.  Form  des  erstem  mit  unorthographischer 
Doppelconsonanz  erkannt,  und  umgekehrt  ist  schmettern  nach  Weigaud 
nicht  von  nd.  smiten  abzuleiten,  sondern  eine  hochd.  Form,  früher  auch 
schmittem  geschrieben,  mit  tt  aus  //,  von  unbekannter  Wurzel,  vielleicht 
von  schmieden,  d.  h.  von  einem  altern  starken  smlden,  mit  fortgescho- 
bener Consonanz  wie  in  Scheit,  /Scheitel  neben  scheiden,  gescheid,  und 
Schnitt,  schnitzen  von  schneiden  (s.  ob.). 

kritzen  ist  nach  Weigand  mit  mitteld.  i  statt  e,  =  mhd.  Schweiz. 
kretzen  aus  ahd.  chraz-j-an  neben  rhrazzon,  und  mit  kratzen  haben  wir  es 
auch  bereits  oben  zusammengestellt,  gegenüber  der  Erklärung  des  Hrn.  G. 
aus  ge-ritzen.  Doch  anerkennen  wir  auch  an  dieser  etwas  Richtiges: 
es  könnte  nämlich  kritzen  zu  dem  sonst  einsamen  kreiß  von  einem 
starken  krtzen  gehören  und  dann  in  die  Analogie  von  reißen  :  ritzen  u.  s.  w. 
fallen.  Die  ursprüngliche  Bedeutung  von  kreis(z)  wird  wohl  nicht  die 
heutige  exact  geometrische  gewesen  sein,  sondern  „Umriß,  Figur"  über- 
haupt, aber  vom  „Eingraben^'  von  dergleichen  gieng  die  Benennung  aus 
und  das  mochte  die  Bedeutung  jenes  krizan  gewesen  sein,  welche  sich 
dann  verengte  und  verfeinerte  ,  wie  reissen  im  Englischen  (write)  ^= 
schreiben  geworden  ist;  vgl.  auch  noch:  Reißblei,  Abriß,  Aufriß,  vom 
Zeichnen.  Verwandtschaft  mit  kratzen  bleibt  auch  so  bestehen,  wie  über- 
haupt zwischen  Classe  VIII  und  X  durch  das  Ablautverhältniss  zwi- 
schen a  und  i. 

In  diese  Reihe  gehört  auch  das  Wort  Flitzbogen,  wenn  Weigand 
den  ersten  Theil  desselben  richtig  erklärt  aus  lA.ßits,  Pfeil,  mhd.  vliz, 
Streitbogen,  von  flizan,  streiten.  Das  Grimm'sche  Wb.  weiss  von  dieser 
Ableitung  nichts  und  hält  sich  mehr  an  die  Nebenform  ^«Vscä,  welche 
als  Schallnachahmung  des  Fliegens  und  Schwirrens  aufgefasst  werden 
könnte.  Die  romanischen  Formen  franz.  fleche,  it.  freccia  (s.  Diez  Wb. 
1,  191)  werden  bald  aus  den  deutschen  erklärt,  bald  diese  aus  jenen. 
Auflfallend  bleibt,  warum  gerade  der  Bogen  und  Pfeil  als  vorzugs- 
weise Waffe  benannt  sein  sollten,  was  sie  doch  bei  den  Deutschen  nicht 
waren.  Ist  trotzdem  die  erste  Erklärung  haltbar,  so  ist  sie  zugleich  ein 
neuer  Beweis,  daß  allerdings  die  sogen.  Intensivformen  auch  in  die 
Nominal  bildung   eingreifen,    aber  gar  nicht  mit  merklich  intensiver 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSIVA  DI  DEUTSCHEN.         33 

Bedeutung,  welche  sich  auch  in  dem  oben  sclion  angeführten  Hiize 
(:  heiß,  vgl.  schwitzen :  Schweiß)  und  in  spitz  (von  einem  sphan,  woher 
auch  /Spieß  für  spiz')  nicht  nachweisen  lässt :  allenthalben  haben  wir 
einfach  die  kurzen  wurzelhaften  Ablaute,  hinter  welchen  der  Consonant, 
meist  durch  ableitendes  -i  mitafficiert,  Verschärfung  erfährt.  —  Gele- 
gentlich sei  hier  beigefügt,  daß  das  Schweiz,  splße,  Splitter  (besonders 
ein  ins  Fleisch  gedrungener,  für  sprlße  steht,  mhd.  spi^zel,  ahd.  sprizalon, 
schnitzen,  und  daß  das  Wort  Splitter  selbst  nach  Weigand  nicht  etwa 
zu  spitzen  gehört,  als  Intensiv  von  der  nd.  Form  spUten  (vgl.  sihmet- 
tem,  ob.),  sondern  als  Umstellung  von  mhd.  spilter  zu  spalten  oder 
vielmehr  zu  einem  altern  spiltan,  vgl.  got.  spilda,  Taf<3l,  alts.  ags.  spil- 
da%  verderben,  auch  spillwi,  in  muspilli  usw. 

Wir  schließen  diese  Reihe  mit  einem  schweizerischen  Worte,  das 
intensive  Form  und  Bedeutung  zu  zeigen  scheint,  ohne  daß  M'ir  es 
doch  regelrecht  und  sicher  einem  Stammverbum  zuweisen  können. 

schletzen  bedeutet  1,  „die  Thüre  zuschlagen'^,  und  wird  in  dieser 
Bedeutung  volksetymologisch  wohl  als  Intensivum  zu  schließen  aufge- 
fasst,  was  es  doch  der  Form  nach  nicht  sein  kann;  2.  groß  thun  mit 
Aufwand ,  Verschwendung.  Dieser  Bedeutung  nach  könnte  es  auf 
schleißen  (etwa  als  eine  Nebenform  von  schlitzen)  bezogen  werden,  da 
auch  ahd.  spildan  (vgl.  das  vorhin  zu  Splitter  Bemerkte)  „verschwenden" 
bedeutet  und  lat.  lacerare  aus  dem  Begriff  des  Zerreissens  ebenfalls 
in  jene  Anwendung  übergeht;  aber  die  Form  steht  auch  hier  entgegen. 
Nun  kann  noch  zwischen  den  beiden  Bedeutungen  das  Gemeinsame 
geltend  gemacht  werden,  daß  das  geräuschvolle  gewaltsame  Zuschlagen 
der  Thüre  oft  Äußerung  eines  hochfahrenden  großthuendeu  Wesens 
und  Benehmens  in  Gesellschaft  ist,  wie  andererseits  Verschwendune- : 
aber  das  hilft  uns  nicht  auf  einheitlichen  Ursprung  der  Wortform,  und 
es  bleibt  nichts  als  die  ebenfalls  unbefriedigende  Annahme  einer  schall- 
nachahmenden Bezeichnung  von  „groß  thun,  Lärm  und  Aufsehen  machen". 

Betreffend  Lautverhältnisse  sei  hier  noch  die  Bemerkung  erlaubt, 
daß  die  schweizerischen  Mundarten  im  Auslaut  einiger  Wörter  noch 
z  neben  oder  statt  ß  zeigen,  im  erstem  Falle  zum  Theil  mit  ver- 
schiedener Bedeutung.  Man  hört  z.  B.  schütz  (ictus,  impetus,  nicht  tu- 
tela)  öfter  als  schuß,  und  hitz  (Bissen)  neben  hiß,  morsus,  ritz  (:=  Ritze) 
neben  riß,  auch  einige,  die  der  Schriftsprache  ganz  fehlen,  wie  sprutz 
(spritzender  Strahl  einer  Flüssigkeit)  von  sprießen  (s.  ob.),  wie 
umgekehrt  rinnan  (schon  im  Gotischen  und  so  auch  noch  Schweiz.) 
zugleich  vom  Ausschlagen  der  Pflanzen  gebraucht  wird.  Im  Ahd.  und 
auch   in  den  meisten   mhd.   Handschriften,    besteht   bekanntlich   keine 

GKRMANIA.  Neue  Reilie  IV.  (XVI.)  Jahrg.  3 


34  LUDWin  TOBLER 

schriftliche  Unterscheidung  der  beiden  Laute ;  die  mündliche  muss 
freilich  schon  damals  bestanden  haben ,  aber  schwerlich  ganz  ohne 
Schwankungen,  von  denen  nun  eben  Reste  in  den  Mundarten  begegnen 
mögen;  denn  man  hört  in  der  Schweiz  auch  noch,  freilich  nur  in  ab- 
gelegenen Gegenden  (wo  etwa  auch  noch  icas  für  tvar  vorkommt)  daz 
und  diz  und  hinwieder  nach  langem  Vocal /02  für  Floß. 

Nur  versuchsweise  nennen  wir  noch  einige  Wörter,  wo  intensive 
Form  eingetreten  zu  sein  scheint  als  Ersatz  für  ein  ausgestossenes  n; 
ob  dieses  ursprünglich  der  Wurzel  angehörte  oder  selbst  erst  als  Er- 
weiterung in  dieselbe  hineingekommen  war,  ist  eine  Frage,  die  nur  im 
Zusammenhang  einer  einlässlichen  besondern  Untersuchung  über  ger- 
manische Wurzelbildung  erledigt  werden  kann.  Die  Fälle,  die  wir  hier 
im  Auge  haben ,  schließen  sich  an  die  oben  angeführten  schlingen  — 
schlucken,  dringen  —  drücken  an,  d.  h.  aus  ng  (resp.  7id)  wird  ck. 

Aus  schlingen  bildet  die  Schweiz.  Mundart  neben  schhicken  auch 
noch  ein  Substantiv  Schlick  =  Schlinge,  Verschlingung,  z.  B.  an  einem 
Bindüiden  oder  Bande;  schlecken  gehöi't  zu  lecken. 

Wenn  Glück  zu  gelingen  gehört,  woran  man  der  Bedeutung  wegen 
fast  nicht  zweifeln  kann  ,  so  stammt  von  dem  einfachen  alten  lingen, 
von  Statten  gehen,  wohl  das  Schweiz,  erlicken,  einen  Vortheil,  Kunst- 
griff durch  geschickten  Versuch  erhaschen.  In  der  Chronik  von  Ju- 
stinger (ed.  Studer  1870)  findet  sich  U7ilik  Mißgeschick  =  mhd. 
ungelinge. 

Unsere  Mundart  kennt  ferner  ein  Substantiv  Schicick,  schnelle 
Bewegung,  Augenblick,  welches  von  schicingen  gebildet  sein  kann  wie 
Schlich  von  schlingen ,  und  schwerlich  das  mhd.  sicich  von  sictchen  ist. 

Während  nun  die  bisher  genannten  Bildungen  den  Vocal  des 
Praesens  zeigen,  könnte  Avieder  mit  dem  des  Prset.  Plur.  und  Part.  Perf. 
gebildet  sein  rücken,  Ruck  von  ringen^  wofür  abermals  unsere  Mundart  ein 
Mittelglied  bietet,  nämlich  das  Subst.  Rung ,  welches,  fast  schon  =  Ruck, 
eine  einmalige  kurze  drehende  Bewegung,  den  Ansatz  oder  Absatz  einer 
solchen ,    bezeichnet   und   dann   als  Zeitmaß  ^=  Mal  gebraucht  wird. 

Ob  nun  auch  das  Verhältniss  von  streng,  Strang  zu  strecken,  strack 
hieher  gehöre,  mag  zweifelhaft  bleiben,  ebenso  das  von  sprengen  (be- 
spritzen) zu  mhd.  spreckel,  Flecken,  auch  sprinkel,  spreckeloht,  fleckig, 
gesprenkelt  (vgl.  mhd.  sprenzen,  spritzen,  bunt  aufputzen,  sprinze,  Falke 
(vom  Gefieder?)  sprüzval,  fahl  gefleckt).  Vielleicht  handelt  es  sich  hier 
nur  um  eine  Steigerung  von  g  z\i  k,  auch  abgesehen  von  ^^,  wie  in 
schwingen  :  schwanken,  wo  übrigens  auch  der  ursprüngliche  Anlaut  zwei- 
felhaft ist,  denn  schwanken  verhält  sich  wieder  zu  u-anken  wie  schwingen 


ÜBER  DIE  SOGENANNTEN  VERBA  INTENSIVA  Ul  DEUTSCHEN.         35 

zum  englischen  wlng ^  Flügel.  Diese  Verhältnisse  liegen  über  unsere 
gegenwärtige  Frage  hinaus. 

Dagegen  kann  noch  icickeln  liieher  gezogen  werden,  welches  ge- 
wöhnlich als  eine  Art  Intensivum  zu  loegen  erklärt  wird,  und  allerdings 
ein  „hin  und  her  bewegen"  enthält,  aber  der  Bedeutung  nach  näher 
an  loinden  rührt  und  auch  der  Form  nach  auf  dieses  kann  zurückge- 
führt werden,  wenn  es  erlaubt  ist,  hier  einen  Wechsel  zwischen  nd :  ng 
anzunehmen,  wie  er  in  slinden  —  slingen  vorliegt ;  von  der  Form  icingen 
aus  würde  sich  dann  wickeln  gebildet  haben  wie  Schlick  (und  schlick- er-en, 
Gerland  S.  36)  von  schlingen.  Wicke,  Docht,  ist  Gewundenes;  au  Zu- 
sammenhang mit  ahd.  loichon,  tanzen,  gaukeln  (sich  im  Kreise  bewegen) 
ist  kaum  zu  denken. 

Endlich  können  wir  nicht  umhin,  einer  Schwierigkeit  zu  erwähnen^ 
welche  sich  beim  Durchgehen  der  abgehandelten  Verba  mehrfach  gel- 
tend macht  und  unsere  Zweifel,  ob  wir  wirklich  durchgehend  Intensivbil- 
dungen anzunehmen  haben,  noch  von  einer  neuen  Seite  vermehrt.  Die 
Schwierigkeit  rührt  her  von  der  tiefen  und  weiten  Verbreitung,  welche 
der  Ablaut  a,  i,  u  in  der  deutschen  Sprache  gewonnen  hat.  Hr.  G.  hat 
auch  diese  Erscheinung  in  seiner  Schrift  nicht  übersehen,  aber  er  hat 
sie  in  anderm  Zusammenhang  (S.  89  ff.)  behandelt,  als  den  wir  nun 
im  Auge  haben. 

In  Folge  jener  Verbreitung  des  Ablauts  tritt  uns,  besonders  bei 
Bildungen  mit  u  und  folgenden  Lippenlauten,  die  Frage  entgegen,  ob 
wir  hier  wii'klich  Wurzeln  mit  ursprünglichem  u  anzunehmen  haben 
(Classe  IX)  ^  oder  ob  die  u  sich  nur  als  Schwächung  von  a  neben  i 
entwickelt  haben,  in  Classe  XI.  XII,  zum  Theil  vielleicht  bloß  nach 
Analogie  von  diesen;  im  erstem  Fall  hätten  sich  dann,  da  die  Drei- 
heit  der  Laute  überall  vorschwebte,  von  u  aus  rückwärts  Formen 
mit  a  imd  i  entwickelt,  im  andern  wäre  die  Bildung  vorwärts  erfolgt, 
hätte  aber,  aus  dem  angegebenen  Grunde,  ti  auch  in  Fällen  hervor- 
getrieben, Avo  starke  Verba  dieser  Form  sonst  weder  vorliegen  noch 
anzunehmen  sind.  Jedenfalls  sind  auf  diesem  oder  jenem  Wege  Ave- 
nigstens  scheinbare  Übergänge  zwischen  Classe  VIII  und  IX  einer- 
seits und  X — XII  andererseits  geschaffen  worden,  durch  welche  die 
näher  liegenden,  häufigeren  und  unbestreitbaren  zwischen  VIII  und  IX, 
X  und  XI,  zwischen  X  -  XI  und  VI.  XII  vermehrt  werden  (vgl.  Grimm, 
Gramm.  1,  1035—6.  Gesch.  d.  Spr.,  Ablaut,  Dietrich,  Haupt  Zeitschr.  V). 
Die  Frage  der  Intensivbildung  hängt  damit  von  Seite  der  Conso- 
nanten  zusammen;  denn  Avährend  wir  bei  der  Annahme  von  wurzel- 
haftem ?f    ein  folgendes  pf  aus  /  -\-  j  erklären  können ,    also  mit  An- 

3* 


36  LUDWIG  TOBLER,   DIE   VERBA  INTENSIVA. 

nähme  schwacher  Bildung,  sind  bei  der  andern  Annahme  die  be- 
treffenden Verba  zwar  ebenfalls  schwache,  aber  nicht  entstanden  aus 
dem  Princip  der  schwachen  Verbalbildung,  sondern  unmittelbar  durch 
Ausdehnung  des  Princips  der  starken ,  und  die  Doppelconsonanz  ist 
dann  aufzufassen  als  wurzelhaft,  resp.  auf  hochdeutschem  Gebiet  durch 
Verschiebung  aus  einfacher  entstanden,  ff  aus  p,  ck  aus  ch  =  k  (nicht 
aus  h  +  j)  ,  oder  auch  nur  zur  Bezeichnung  der  Vocalkürze  in  die 
Schrift  eingeführt.  Eine  vermittelnde  Annahme  wäre,  es  seien  die  bei- 
den Triebe  einander  gleichsam  auf  halbem  Wege  entgegen  gekommen 
und  zusammengewachsen,  so  daß  eine  Ausscheidung  nicht  mehr  mit 
Sicherheit  zu  vollziehen  sei.  Thatsache  ist,  daß  eine  Anzahl  zwei-  und 
dreifacher  Formeln  vorliegen,  welche  uns  jene  Frage  vorlegen;  wir 
stellen  aber  folgende  Beispiele  einfach  zusammen,  ohne  auf  Form  und 
Bedeutung  der  einzelnen  nochmals  einzugehen. 

Neben  zupfen  besteht  zipf{el)  und  zapften),  letztere  vielleicht  Ver- 
schiebung von  nd.  tip{p)en,  tap>{p)en,  welche  neben  den  Formen  auf  j»/ 
ebenfalls  in  hd.  Gebrauch  gedrungen  sind.  Gemeinsame  Grundbedeu- 
tung könnte  sein:  Berührung  eines  Gegenstandes  an  einem  hervor- 
rao-enden  Theil  seiner  Oberfläche.  Nahe  verwandt  ist  tupfen,  der  Be- 
deutung nach  besonders  mit  tippen,  aber  dem  Anlaut  nach  davon  ver- 
schieden und  nach  der  ersten  Annahme  zu  tief  taufen  gehörig. 

Mhd.  guife,  Spitze,  Schweiz,  gupf,  Hügel,  kann  von  Gipfel  (schweiz. 
auch  Name  eines  hornförmigen  Gebäckes)  nicht  wohl  getrennt  und 
auch  mit  gaffen,  mhd.  kapfen  (hervorragen,  hervorblicken)  zusammen- 
gestellt werden,  aber  auch  mit  ahd.  goffa,  mhd.  giffe,  Hinterbacke,  goufe, 
hohle  Hand,  Kopfbedeckung  =  ahd.  chuppha]  güf,  Geschrei,  guß, 
Übermuth,  welche  Wörter  alle  auf  den  Begriff  von  Rundung,  Wölbung, 
Anschwellen,  Aufblasen  sich  zurückführen  und  dadurch  auch  mit  den 
erstgenannten  sich  vermitteln  lassen. 

Stupfen  lässt  sich  dem  Vocal  nach  mit  mlid.  stouf,  Becher,  Fels, 
zusammenstellen,  sonst  aber  mit  stapfen,  fest  auftreten,  staffeln  (schweiz. 
Deminutiv),  steppen  (nd.)  fest  stechen,  ahd.  stuph,  stopha,  Punct,  Tupf, 

Stich. 

Daß  zucken  von  ziehen  abzuleiten  ist,  bleibt  wohl  unbestreitbar, 
aber  es  steht  doch  auch  im  Ablautsverhältniss  zu  zick  und  zack,  welche 
ia  nicht  bloß  in  der  Verbindung  zick-zack  vorkommen  ,  sondern  auch 
einzeln:  schweiz.  zicken,  einen  scharfen  Geschmack  („Stich")  haben; 
zickli  feiner  Schlag  (vgl.  hick,  Schnitt,  zu  hacken,  hecken,  stechen); 
Zacke,  scharfe  Kante,  Spitze.  Die  Bedeutungen  „scharfer  Geschmack'' 
schnelle  Bewegung''  und  „spitze  Gestalt"  treffen  oft  zusammen. 


F.  LIEBRECHT,  GERMANISCHE  MYTHEN  UND  SAGEN  IN  AMERIKA.       37 

Einen  Fall  von  Berührung  zwischen  a  und  i-Reihe  und  zwar  bei 
folgendem  z,  haben  wir  oben  angeführt:  kritzen  im  Verhältniss  zu 
kratzen  und  kreiß.  Dieselbe  Consonauz  zeigen  auch  Schmitz  („verschmitzt" 
=  verschlagen,  gerieben),  schmatz  und  schmutz  (letztere  beide  mund- 
artlich =  Kuss^  ursprünglich  überhaupt  =  streichende  oder  streifende 
Bewegung),  dabei  auch  wieder  den  vollen  Dreiklaug  der  Vocale,  der 
sich  noch  in  vielen  Beispielen  findet,  aber  oft  ohne  daß  sich  i  und  u 
zugleich  als  möglicher  Weise  wurzelhaft  nachweisen  lassen. 

Weitere  Verfolgung  dieser  Erscheinungen  führt  in  etymologische 
Labyrinthe,  welche  wir  dieses  Mal  nicht  zu  betreten  im  Sinne  hatten. 
BERN,  October  1869.  LUDWIG  TOBLER. 


GERMANISCHE  MYTHEN  UND  SAGEN  IM 
ALTEN  AMERH^A. 


Ob  der  unter  den  alten  Bewohnern  Centralamerikas  als  Schlangen- 
gott vorkommende  Votan  mit  dem  germanischen  Odiu-Wuotau  in  nä- 
here Verbindung  zu  bringen  sei_,  ist  mehrfach  erörtert  worden,  s.  z.  B. 
J.  G.  Müller  Gesch.  der  amerik.  Urreligionen  S.  486 — 491,  und  bin 
ich  nicht  gesonnen,  hier  weiter  darauf  einzugehen,  wohl  aber  auf  die 
bemerkenswerthe  Analogie  hinzuweisen,  die  zwischen  einigen  Concep- 
tionen  von  Völkern  Europas  und  Mittelamerikas  stattfindet.  Zu  Grunde 
lege  ich  hierbei  das  bekannte  Werk  des  Abbe  Brasseur  de  Bourbourg, 
welches  den  Titel  führt:  Popol  Vtih.  Le  livre  sacre  et  les  mythes  de 
l'antiquite  americaine  avec  les  livi'es  heroiques  et  historiques  des  Qui- 
ches.  Ouvrage  original  des  indigenes  de  Guatemala  ,  texte  quiche  et 
traduction  frauQaise  en  regard ,  accompagne  de  notes  philologiques  et 
d'un  comraentaire  sur  la  mythologie  et  les  migrations  des  anciens  peuples 
de  l'Amerique  etc.,  compose  sur  des  documents  originaux  et  inedits. 
Paris  1861.  Ich  habe  den  Titel  dieses  wichtigen  Werkes  hier  deshalb 
genauer  angeführt,  damit,  wer  es  etwa  noch  nicht  näher  kennt,  durch 
denselben  eine  Vorstellung  von  dessen  Inhalt  erhalte ;  eine  Besprechung 
des  Buches  findet  sich  unter  anderm  in  Max  Müllers  Chips  from  a 
German  Workshop  2"^  ed.  Lond.  1808.  I,  314 — 42;  deutsch:  Essays  I. 

In  der  Einleitung  des  Popol  Vuh  wird  nun  zunächst  Folgendes 
mitgetheilt.  Als  Votan  von  der  Stadt  des  Gottestempels  in  seine  Heimat 
Valum- Votan  (Votansland,  wie  noch  jetzt  große  Ruinen  nicht  weit  von 


38  FELIX  LIEBRECHT 

Ciudad  Real  de  Cliiapas  in  Guatemala  heißen)  zurückgekelirt  war, 
berichtete  er,  daß  man  ihn  durch  einen  unterirdischen  Weg  gehen  Hess, 
der  quer  durch  die  Erde  gieng  und  sich  an  der  Wurzel  des  Him- 
mels endigte;  dieser  Weg,  fügt  der  bald  zu  nennende  Ordonez  hinzu, 
sei  aber  nur  ein  Schlangenloch  gewesen,  in  welches  er  kroch,  weil  er 
ein  Schlangensohn  war.  Hierauf  legte  Votan  in  der  Schlucht  des  Zuqui 
einen  gleichen  unterirdischen  Gang  an,  der  sich  bis  nach  Tzequil  er- 
streckte, welche  beiden  Localitäten  sich  gleichfalls  in  der  Nähe  von 
Ciudad  Real  de  Chiapas  befinden  sollen.  So  lauten  die  Angaben  des 
Ordoüez  in  seiner  Histcn^ia  del  Cielo  y  dela  Tierra,  deren  Handschrift  im 
Besitz  Brasseurs  ist;  s.  p.  LXXHI.  LXXXVH.  Der  Bischof  Nuhez 
de  la  Vega  führt  an  (p.  CVH  f.),  daß  Votan  sich  nach  Huehuetan  be- 
gab, mehrere  Tapire  dorthin  brachte  und  daselbst  mit  einem  Hauch 
ein  finsteres  Haus  baute,  wo  er  einen  Schatz  niederlegte, 
dessen  Obhut  er  einem  Weibe  (dame)  und  einigen  Wächtern 
(Tapianen  genannt)  übergab.  Hierzu  bemerkt  Brasseur,  daß  der  Hauch 
(souffle)  vielleicht  auf  einem  Irrthum  des  Übersetzers  beruht;  es  handle 
sich  wohl  eher  von  einem  dem  Ig  (Geist,  Hauch,  Wind)  geweihten 
Tempel.  Der  Tapir  war  ein  bei  den  alten  Amerikanern  heiliges  Thier. 
Die  Stadt  Huehuetan,  wo  das  finstere  Haus  gebaut  wurde,  lag  in  dem 
District  Soconusco  (der  Provinz  Ciudad  Real  de  Chiapas)  nicht  weit 
vom  Stillen  Meer,  und  noch  sind  bekanntlich  dort  merkwürdige  Ruinen 
vorhanden.  Der  obenerwähnte  Schatz  bestand  nach  dem  Bischof  Nuüez 
de  la  Vega  aus  einigen  großen  Urnen,  die  sich  nebst  den  Götzen- 
bildern des  Jahrcalenders  in  einem  unterirdischen  Gemach  befanden. 
Die  Frau  (dame)  und  die  Tapianen  oder  Wächter  der  Grotte  über- 
gaben dies  alles  dem  Bischof,  der  es  auf  dem  öffentlichen  Platze  von 
Huehuetan  verbrennen  liess.  —  Dies  sind  die  Angaben,  welche  sich 
bei  Brasseur  finden  und  bei  deren  Lesung  mir  alsobald  die  eddische 
Mythe  von  Ocfm  als  Bölverkr  einfiel.  Als  Schlange  (i  ormsliki)  schlüpft 
er  durch  das  Bohrloch  (ok  skreid  i  nafars-raufiua.  Gylfag.  58;  vgl. 
Hävam.  10(3 :  um  griot  gnaga  —  yfir  ok  uudir  stödumk  iötna  vegir), 
ganz  ebenso  wie  Votan  als  Schlange  durch  einen  unterirdischen  Pfad 
schlüpft  und  einen  ebensolchen  zum  Andenken  daran  in  einer  Fels- 
schlucht anlegen  lässt.  Die  Urnen  in  dem  unterirdischen  Gemache 
gleichen  den  Gefäßen  Odrcerir,  Boctn  und  Sönim  Hnitberge,  so  wie 
das  sie  hütende  Weib  der  Hüterin  Gunlöd  entspricht.  Brasseur  setzt 
zu  den  oben  angeführten,  sich  auf  den  unterirdischen  G-ang  beziehenden 
Worten :  „et  se  terminait  ä  la  racine  du  ciel"  die  parenthetische  Frage : 
„a  la  sagesse ?'^  Ohne  es  zu  beabsichten,  erinnert  er  also  an  den  Weis- 


GERMANISCHE  MYTHEN  UND  SAGEN  IM  ALTEN   AMERIKA.  39 

heit  verleihenden  Diclitermcth,  so  wie  seine  Erklärung  der  Worte:  ,,il 
bätit  d'un  sonffle  iine  maison  tenebreuse"  durch  ,,il  s'agirait  plutot  d'un 
temple  consacre  a  Ig,  l'esprit  le  souffle,  le  vent  de  la  nuit^',  den  Bei- 
namen Odins  Yggr  ins  Gedächtniss  ruft ,  der  selbst  zwar  unsicherer 
Bedeutung  ist,  allein  andererseits  wird  ja  der  Name  Odin  durch  Geist 
erklärt.  Alles  dies  sind  überraschende  Ähnlichkeiten,  und  man  darf  sie 
wohl  zusammenstellen  und  zusammenhalten. 

Demnächst  komme  ich  zu  einer  andern  Quichesage,  wende  mich 
dabei  aber  erst  nach  Europa  und  wiederhole  hierbei  zum  Theil  eine 
frühere  Notiz  von  mir  im  Philologus  (24,  159  f.).  Nach  einer  Sage  des 
Mittelalters  nämlich  wurde  die  Stadt  Acre  (Ptolemais)  in  Syrien  von 
den  Kreuzfahrern  unter  Gottfried  von  Bouillon  durch  hinein  geschleu- 
derte Bienenkörbe  erobert;  dies  erzählt  der  französische  Roman  Le 
Chevalier  au  Cygne  et  Godefroi  de  Bouillon  v.  26793  ff.  (vol.  III.  p.  253  ff. 
Acad.  roy.  de  Bruxelles  1854).  Dasselbe  Mittel  mit  gleichem  Erfolge 
brachte  Richard  Löwenherz  gegen  die  nämliche  Stadt  in  Anwendung, 
Avie  der  altenglische  aus  dem  Französischen  übersetzte  Roman  Richard 
Coeur  de  Lion  berichtet;  s.  Ellis  Specimens  of  Early  English  Metrical 
Romances  ed.  1848  p.  299.  Man  sieht,  es  handelt  sich  hier  von  ein  und 
derselben  Sage,  die  nur  auf  verschiedene  Zeiten  angewandt  ist.  Zahl- 
reicher jedoch  sind  die  Versionen,  wonach  eine  belagerte  Stadt  sich 
durch  geschleuderte  Bienenkörbe  von  den  Angreifern  befreit;  s.  Ad. 
Kuhn,  Westphäl.  Sagen  Nr.  167;  Baader,  Volkssagen  aus  Baden  Nr.  173, 
Müllenhof  Sagen  u.  s.  w.  aus  Schleswig-Holstein  Nr.  87;  Simrock,  Rhein- 
land S.  326  (4.  Aufl.)  und  früher  schon  im  X.  Jhd.  bei  Widukind,  Res 
Gestae  Saxon.  1.  II,  c.  23.  Diese  letztere  Gestalt  der  Sage,  wonach  die 
geworfenen  Bienenkörbe  nicht  beim  Angriff,  sondern  bei  der  Verthei- 
diguug  dieneU;,  ist  sicherlich  die  ursprüngliche,  da  sie  die  bei  weitem 
verbreitetste  ist,  auch  m  einer  andern  viel  altern  Form  vorkommt,  wo- 
nach die  so  verwandten  Thiere  nicht  Bienen,  sondern  Schlangen  waren, 
welche  die  belagerten  Byzantiner  in  thönerneu  Gefätien  gegen  ihre 
Feinde,  die  Skythen,  schleuderten;  s.  Tzetzes  Chil.  II,  929—949;  vgl. 
Philol.  1.  c.  und  Frontin.  Strateg.  4,  7,  10.  11.  Beide  Thiergattungen 
zuffleich  scheint  folsrende  Angabe  zu  umfassen.  Von  den  die  Stadt 
Themiskyra  unter  Luculi  belagernden  Römern  lieißt  es  nämlich  bei 
Appian  De  Bell.  Mithrid.  c.  78 :  ,,rovrc)v  ö'  oC  ^£v  totg  &S[ii,öKVQioig 
sr.iicad'rj^svoL  ^  TtvQyovg  SJirjyov  avrotg ,  xal  xa^arcc  excövvvov^  xal 
vTtovö^ovg  oj'pvtTov,  ovra  di]  rt  fisyaXovg,  ag  iv  avtoi'g  vno  tt^v  yfjv 
aAAifAofc?  nard  jilij&og  imxsiQslv,  Hai  oC  &eiiloxvqloc  o^ag  avatd'ev 
ig   avTOvg    oovrzovTsg ,    ccQxvovg    re  xal    ^y^ia    srsQa  xal  ß^rivri  ft£- 


40  FELIX  LIEBRECHl 

Xi<}ßc5v  ig  rovg  igya^oj^isvovg,  fv/ßuXXov."  Hier  möf^en  mit  den  ^rjgta 
evsQu  wohl  Schlangen  gemeint  sein ;  ob  es  sich  aber  hierbei  von  einer 
historischen  Thatsache  handelt,  muss  freilich  dahin  gestellt  bleiben. 
Zu  beachten  ist  jedenfalls,  daß  auch  diese  Thiere  alle  von  oben  herab- 
geAvorfen  werden,  wie  in  den  andern  betreffenden  Sagen  von  der  Höhe 
der  Stadtmauern.  Ich  wende  mich  nun  zu  den  Quiche,  welche  folgende 
hierhergehörige  Sage  besitzen.  Sie  erzählen  nämlich  (Popol  Vuh  p,  275 
bis  285),  daß  die  Vorfahren  ihres  Volkes,  deren  Stadt  auf  einem  Berge 
lag,  einst  von  den  feindlichen  Nachbarstämmen  belagert  wurden  und 
sich  deshalb  möglichst  verschanzten.  „Hierauf  machten  sie  hölzerne 
Figuren,  welche  wie  Männer  aussahen  und  stellten  sie  auf  die  Befesti- 
gungswerke ;  man  hängte  ihnen  Bogen  und  Schilde  an  und  setzte  ihnen 
goldene  und  silberne  Kronen  auf.  .  .  Alsdann  suchte  man  Hornissen 
und  Wespen  nebst  Bienen  und  brachte  sie  herbei ;  man  steckte  die 
Thierlein  in  vier  große  Kürbisse  (Kalabassen)  und  stellte  diese  dann 
rings  um  die  Stadt ;  dies  sollte  dazu  dienen ,  ihre  Feinde  zurückzu- 
schlagen. Da  geschah  es  nun ,  daß  die  Kundschafter  der  Feinde  die 
Stadt  auskundschafteten  und  ausspäheten.  „„Sie  sind  nicht  zahlreich"", 
sagten  sie  zu  wiederholten  Malen ;  allein  sie  sahen  bloß  die  hölzernen 
Figuren ,  welche  sich  mit  ihren  Bogen  und  Schildern  hin-  und  her- 
bewegten. Wahrlich,  sie  glichen  Menschen,  sie  gHchen  Kriegern,  als 
die  Feinde  sie  ansahen ;  und  diese  freuten  sich  über  die  geringe  Zahl 
derer,  die  sie  sahen.  Ihre  eigenen  Stämme  aber  waren  groß  in  ihrem 
Dasein,  und  man  konnte  die  Zahl  ihrer  Männer^  Krieger  und  Soldaten 
nicht  zählen. .  .  Und  als  sie  stürmend  am  Fuße  der  Stadt  anlangten. . . 
so  fehlte  wenig,  daß  sie  in  die  Thore  eindrangen.  Da  mit  einem  Male 
nahm  man  den  Deckel  von  den  vier  rings  um  die  Stadt  aufgestellten 
Kalabassen  fort  und  die  Hornissen  und  Wespen  strömten  heraus;  wie 
Rauch  strömten  sie  heraus  aus  dem  Bauche  der  Kalabassen.  So  kamen 
die  Feinde  durch  die  Thierlein  um ,  welche  sich  ihnen  an  die  Augen 
und  Augenbrauen,  an  die  Nasenlöcher,  an  den  Mund,  an  die  Beine 
und  an  die  Arme  hängten  und  sie  stachen.  .  Zahllos  umwimmelten 
die  Thierlein  einen  jeden  der  Feinde;  von  Sinnen  gebracht  durch  die- 
selben, konnten  sie  ihre  Bogen  und  Schilde  nicht  mehr  halten  und  fielen 
kraftlos  von  allen  Seiten  zu  Boden  ...  sie  empfanden  es  sogar  nicht, 
daß  man  sie  mit  Pfeilen  erschoss  und  mit  Beilen  auf  sie  loshieb ;  selbst 
die  Weiber  fiengen  an,  sie  hinzuschlachten  und  nur  die  Hälfte  der 
feindlichen  Stämme  kehrte  fliehend  in  die  Heimat  zurück.  . .  Also  ka- 
men jene  Stämme  unter  unser  Joch  und  dies  war  die  Niederlage  derselben 
durch  unsere  Väter  und  Mütter  auf  dem  Berge  Hacavitz."^ 


GERMANISCHE  MYTHEN  UND  SAGEN  IM  ALTEN  AMERIKA.  41 

So  lautet  die  Quichesage,  zu  der  ich  ferner  bemerke,  daß  außer 
der  Übereinstimmung  mit  europäischen  Sagen  in  Betreff  der  durch 
Bienen  geretteten  belagei'ten  Stadt  auch  die  Vertheidigung  der  letztern 
durch  hölzerne,  auf  den  Mauern  aufgestellte  Figuren  sich  in  europäi- 
schen Sagen  vielfach  wiederfindet;  s.  meine  Nachweise  in  den  Gott. 
Gel.  Anzeigen  1868  S.  432  f  Vgl.  Wolf  und  Hofmann,  Primavera  y 
Flor  de  Romances,  Berlin  1856  Nr.  133  (2,  44),  wo  es  jedoch  Leichname 
sind,  welche  auf  die  Mauer  gestellt  werden,  um  die  Belagerer  zu 
täuschen. 

Ich  führe  nun  eine  dritte  Quichesage  an.  In  der  Urzeit  lebte  ein 
Mensch,  Namens  Vukab-Cakix.  Er  hatte  zwei  Söhne,  Zipacna  und  Ca- 
bracan,  die  beide  zum  Spiele  die  größten  Berge  umherrollten.  Zipacna 
trug  einst  ganz  allein  einen  Baum,  welchen  400  junge  Leute  nicht  fort- 
schaffen konnten,  und  machte  ihnen  daraus  nach  ihrem  Wunsche  den 
Haupttragebalken  ihres  Hauses.  Aus  Furcht  hießen  sie  ihn  dann  in 
eine  Grube  steigen  und  sie  immer  tiefer  graben,  um  ihn  durch  einen 
hinabgeworfenen  Baum  zu  tödten ;  er  aber ,  der  ihren  Plan  wusste, 
grub  sich  tief  unten  eine  Nebengrube,  in  der  er  sich  verbarg,  als  sie 
auf  das  von  ihm  gegebene  Zeichen,  statt  die  ausgegrabene  Erde  hinauf- 
zuziehen, den  Baum  hinabwarfen.  Nach  einigen  Tagen,  als  sie,  ihn  für 
todt  haltend,  sich  in  frohem  Gelage  berauscht  hatten,  stieg  Zipacna 
aus  der  Grube  empor  und  riss  das  Haus,  worin  sie  sich  befanden, 
über  ihren  Köpfen  ein,  so  daß  sie  von  den  Trümmern  desselben  er- 
schlagen wurden.  Popol  Vuh  p.  35.  37.  47  ff.  cf.  p.  CXXVI  f.  —  Vgl. 
mit  dieser  Sage  Grimm  KM.  Nr.  90  „Der  junge  Riese",  so  wie  die 
Sage  von  Olifat  auf  ülea,  einer  der  Karolinen ;  s.  Chamissos  Reise  um 
die  Welt  (Werke  2,  387  ed.  Kurz),  wo  es  unter  anderm  heißt:  „Die 
Ai'beiter  fuhren  nun  mit  dem  Bau  fort  und  gruben  tiefe  Löcher  in  den 
Boden,  um  die  Pfosten  darin  aufzurichten.  Dies  schien  ihnen,  die  da- 
mit umgiengen,  den  Olifat  zu  tödten,  eine  gute  Gelegenheit  zu  sein. 
Olifat  erkannte  aber  ihren  Vorsatz  und  führte  bei  sich  versteckt  ge- 
färbte Erde,  Kohlen  und  die  Rippe  eines  Palmblättchens.  So  grub  er 
nun  in  der  Grube  und  machte  unten  eine  Seitenhöhle ,  sich  darin  zu 
verbergen.  Sie  aber  glaubten,  es  sei  nun  die  Zeit  gekommen,  warfen 
den  Pfosten  hinein  und  Erde  um  dessen  Fuß  und  wollten  ihn  so  zer- 
quetschen. Er  aber  rettete  sich  in  die  Seitenhöhle,  spie  die  gefärbte 
Erde  aus  und  sie  meinten,  es  sei  Blut.  Er  spie  die  Kohlen  aus  und 
sie  meinten,  es  sei  die  Galle.  Sie  glaubten,  er  sei  nun  todt.  Mit  der 
Cocosrippe  machte  Olifat  durch  die  Mitte  des  Pfostens  sich  einen  Weg 
und  entwich  usw."   Also  auch  hier  handelt  es  sich  von  einem  Bau, 


42  THEODOR  VERNALEKEN 

Nach  einer  andern  Sage  der  Quiclie  speit  der  auf  einen  Baum 
aufgesteckte  Todtenkopf  Hunliun  Ahpu's  der  Jungfrau  Xquiq  in  die 
nach  demselben  ausgestreckte  Hand,  wodurch  sie  schwanger  wird  und 
die  Zwillinge  Hunahpu  und  Xbalanque  gebiert;  s.  Popol  Vuh  p.  91  ff. 
Über  die  Zeugung  durch  Speien,  wozu  auch  die  des  eddischen  Kvasir 
gehört,  vgl.  Gervas.  von  Tilb.  S.  71. 

Schließlich  will  ich  noch  erwähnen,  daß  der  deutsche  Volksaber- 
glaube (s.  Wuttke  S.  329  §.  526,  2.  Aufl.),  wonach  der  Zahnschmerz 
meist  durch  einen  Wurm  im  Zahn  verursacht  wird,  sich  auch  unter 
den  Quiche  findet  oder  doch  fand.  „Wir  verstehen  die  Würmer  aus 
den  Zähnen  herauszuziehen. .  .  denn  es  ist  ein  Wurm,  der  dir  deinen 
Schmerz  verursacht",  sagen  einige  Zauberer  zu  einem  an  Zahnschmerz 
leidenden  Fürsten  der  Quiche  :  Popol  Vuh  p.  41. 

Ob  alle  oder  welche  von  den  vorstehenden  Analogien  in  den  An- 
schauungen und  Conceptioneu  europäischer  und  amerikanischer  Völker 
als  solche  zu  betrachten  sind,  die  überall  von  selbst  entstehen  können 
(wie  namentlich  die  letzte  sich  auf  den  Zahnschmerz  beziehende),  will 
ich  nicht  entscheiden;  mir  genügt  es,  auf  dieselben  hingewiesen  zu 
haben. 

LÜTTICH.  FELIX  LIEBRECHT, 


DER  MARIENCULT  IN  ÖSTERREICH. 

VON 

THEODOR  VERNALEKEN. 


Wir  betrachten  diesen  Cult  hier  nur  vom  Standpuncte  der  Volks- 
dichtung, wie  man  denn  überhaupt  seit  einem  Menscheualter  angefangen 
hat,  auch  das  Legendische  in  den  Kreis  wissenschaftlicher  Betrachtung^ 
zu  ziehen,  seitdem  man  im  Schachte  unseres  deutschen  Alterthums  eine 
Ader  entdeckt  hat,  die  zu  dem  versunkenen  Schatze  altdeutscher  My- 
thologie und  Volkspoesie  führt.  Das  hängt  mit  der  Bekehrungsweise 
imserer  Vorfahren  zusammen,  die  sich  auch  bei  uns  nach  den  Vor- 
schriften richtete,  welche  Pabst  Gregor  seinen  Sendboten  unter  den 
Angelsachsen  gab.  Das  Julfest  ward  zu  Weihnachten  ^  der  Tag  der 
Ostara  zum  Auferstehungsfest,  heilige  Berge  wurden  zu  Wallfahrts- 
örtern,    unter  alten  Bäumen   Avurden  Crucifixe   und  Bilder  angebracht^ 


DER  MARIENCULT  IN  ÖSTERREICH.  43 

und  die  Herrschaft  der  alten  Gottheiten  ward  durch  Heilige  verdrängt. 
Man  konnte  dem  Volke  nicht  alles  auf  einmal  nehmen,  nur  die  Namen 
und  Formen  wechselten,  um  das  Volk  desto  empfänglicher  für  die 
christliche  Lehre  zu  machen.  Ein  deutliches  Beispiel  theilt  Stöber  mit 
in  seinen  Sagen  des  Elsasses  S.  451  ff. 

Der  Heiligendienst  der  römischen  Kirche  erinnert  an  den  griechi- 
schen Heroendienst.  Im  Gegensatze  zu  den  Indern  war  bei  den  Griechen 
die  Vergötterung  von  Sterblichen  ein  Theil  der  Nationalreligion.  Das- 
selbe zeigt  sich  in  der  römischen  Kaiserzeit,  und  die  römische  Kirche 
wusste  dieß  zu  benützen. 

Die  Verehrung  der  Maria  begann  zwar  schon  in  den  ersten  Jahr- 
hunderten (Gervinus  I,  117),  aber  der  eigentliche  Madonnencultus  kam 
erst  durch  die  Romantik  der  Kreuzzüge  nach  Europa  und  hat  eine 
Menge  poetischer  Erzeugnisse  hervorgerufen.  Vor  den  Kreuzzügen  finden 
wir  wenige  Spuren,  darum  kommt  z.  B.  in  den  Salzburger  Urkunden- 
büchern  der  Name  Maria  vor  dem  12.  Jhd.  höchst  selten  vor.  Die  frü- 
hesten Belege  für  den  poetischen  Cult  stammen  aus  Osterreich  (vgl. 
Wackernagel  Leseb.  I,  163),  avo  die  Marienverehrung  im  Volksleben 
tiefe  Wurzeln  fasste.  Es  konnte  daher  nicht  fehlen ,  daß  sich  auch 
nationale  Anschauungen  hier  wie  anderwärts  einmengten.  Erst  im 
16.  Jhd.  verschwindet  die  mittelalterliche  Frauenhuldigung  aus  der 
Poesie  ;  wie  aber  das  Volk  in  seiner  Weise  die  alten  Sagen  weiter 
spann,  so  nahm  auch  der  Mariendienst  eine  nationale  Färbung  an,  und 
man  fühlt  sich  zu  der  Untersuchung  hingezogen,  in  wie  weit  deutsch- 
volksthümliches  sich  angelehnt  hat,  besonders  in  dem  Hauptlande  der 
Marienverehrung.  Viele  Marienlegenden  sind  von  Kaltenbäck  gesam- 
melt (Wien  1845  bei  Klang) ;  außerdem  leben  manche  noch  jetzt 
im  Volke. 

Von  den  naturreligiösen  Zügen ,  die  in  deutsch  -  österreichischen 
Überlieferungen  an  Maria  haften  ,  Avill  ich  zwei  der  auffälligsten  hier 
vorführen,  und  zwar  zum  Theil  auf  Grundlage  einiger,  meines  Wissens 
ungedruckter  Legenden.  Es  sind  dieß  die  Beziehungen  auf  Brunnen 
und  Bäume. 

1.    B  r  u  n  n  e  n  c  ul  t. 

Betrachten  wir  vorerst  die  Belege. 

Nahe  bei  Wien  liegt  Mariabruun,  ein  Name,  der  auch  in  Baieru 
vorkommt  (Panzer,  bair.  Sag.  1,  373) ;  auch  bei  Krems  ist  ein  Marien- 
bründl  (Kaltenbäck  212),  ein  anderes  in  Krain  (Kaltenbäck  49),  ferner 


44  THEODOR  VEENALEKEN 

Maria  Bruuneck  am  Tännengebirge  (Alpenburg  3),   der  Mariabrunnea 
in  der  Lausitz  (Haupt  2,  184). 

Nach  Kaltenbäck  soll  der  Erzherzog  Maximilian  Mariabrunn  (bei 
Wien)  entdeckt  haben  (S.  111).  Die  mündliche  Volksüberlieferung  lautet: 
Die  AVitwe  des  h.  Stefan  von  Ungarn,  Gisela  mit  Namen,  floh  nach  Öster- 
reich und  kam  in  die  Gegend  von  Wien.  Sie  litt  am  Fieber  und  machte 
deshalb  häufige  Spaziergänge  in  der  waldigen  Gegend,  wo  jetzt  Mariabrunn 
liegt.  Eines  Tages  fühlte  sie  Durst  und  verlangte  nach  einem  Trünke 
frischen  Wassers.  Ein  Diener  suchte  eine  Quelle  und  fand  bald  eine 
die  mit  Moos  und  Gesträuch  überwachsen  war.  Er  entfernte  dieß  und 
erblickte  in  dem  Brunnen  ein  Marienbild  mit  dem  Jesuskinde.  Ver- 
wundert berichtete  er  das  seiner  Herrin  und  diese  befahl,  das  Bild 
herauszunehmen.  Sie  tranli  dann  mit  großer  Zuversicht  von  dem  Wasser 
und  war  bald  von  ihrem  Leiden  befreit.  Aus  Dankbarkeit  für  die 
Wunderkraft  dieses  Marienbrunnens  ließ  sie  daneben  eine  Capelle  bauen 
und  das  Bild  darin  aufstellen. 

Gewisse  Brunnen  hält  man  für  heilkräftig  und  darum  waschen 
sich  Gläubige  die  Augen  mit  dem  Wasser  (Panzer  2,  46) ;  andere  Brunnen 
sind  glückbringend ,  wie  z.  B.  das  Jüngfernbründl  bei  Sivering  (vgl. 
meine  „Mythen  und  Bräuche"  19).  Panzer  (2,  17)  berichtet,  am  Rande 
eines  Brunnens  habe  man  die  Maria  weinen  hören,  weil  man  die  h.  Hostie 
hineingeworfen  habe.  Ferner  (2,  30) :  Ein  Maurer,  der  einen  eingestürzten 
Brunnen  ausbesserte,  hat  versichert,  er  habe  die  h.  Jungfrau  mit  einem 
weiß  glänzenden  Kleide  geziert  neben  St,  Leonhard  gesehen  und  beide 
haben  den  einfallenden  Steinen  Widerstand  geleistet.  Das  Bild  der 
„Maria  vom  Thale"  (Kaltb.  147)  ist  bei  dem  h.  Brunnen  gefunden. 
Im  Vintschgau  fanden  Hirten  ein  Muttergottesbild  im  Sumpfe,  der  er- 
hellt war ,  wie  wenn  tausende  von  Glühwürmern  darin  lägen  (Alpen- 
burg 244).  Im  Mai  1865  berichtete  „Sürgöny"  aus  dem  ungerischen 
Orte  Kesthely,  die  Eigenthümerin  eines  Brunnens  habe  in  demselben 
die  Mutter  Gottes  mit  dem  Sohne  gesehen,  von  brennenden  Kerzen 
umgeben.  Seitdem  strömte  eine  große  Menge  Volkes  zu  dem  Brunnen 
und  zuletzt  kamen  auch  Processionen  dahin.  Die  Behörde  sah  sich  aber 
genöthigt,  den  Brunnen  abzusperren.  —  In  Westfalen  an  der  Ruhr  ist 
ein  Brunnen,  zu  dem  wegen  seiner  Heilkraft  viele  Leute  herbeiströmen; 
er  soll  von  einer  frommen  Jungfrau  aufgefunden  sein  (Kuhn,  westfäl. 
Sagen  1  Nr.  142).  Ortsnamen  wie  Heilbronn  u.  a.  weisen  ebenfalls  auf 
diesen  Volksglauben  hin. 

Um  der  Quelle  dieses  Volksglaubens  auf  die  Spur  zu  kommen, 
muss  vor  allem  daran  erinnert  werden,  daß  seit  Einführung  des  Chri- 


DER  MAEIENCULT  IN  ÖSTERREICH.  45 

stenthums  heidnische  Culte  christlich  umgebildet  wurden,  und  auch 
dieser  Cult  hat  seine  Grundlage  größtentheils  in  der  Naturreligion  des 
Volkes.  Der  Brunnencult  weiset  auf  Holda  und  Berchta  hin.  Frau  Holda 
liebt  den  Aufenthalt  in  Brunnen  und  bei  ihr  halten  sich  die  noch  Un- 
gebornen  auf  und  die  Seelen  der  ungetauft  Sterbenden  fallen  ihr  wieder 
zu  (Wolf,  Beiträge  1,  162).  Weit  verbreitet  ist  der  Volksglaube,  datS 
die  Kinder  aus  den  Brunnen  geholt  werden,  entweder  durch  die  Heb- 
amme oder  durch  den  Storch  *).  An  die  Stelle  der  gütigen  Holda,  der 
brunnenbewohnenden  Göttin  unseres  Volkes,  trat  später  Maria,  wie 
St.  Martin  an  die  Stelle  Wodans. 

Zu  Köln  werden  die  Kinder  aus  Kuniberts  Pütz  geholt,  dort  aber 
sitzen  sie  um  die  Mutter  Gottes  herum,  welche  ihnen  Brei  gibt  und 
mit  ihnen  spielt  (Simrock  Myth.  399).  Holda  heißt  aber  auch  Hellia, 
und  man  lässt  sie  in  der  Tiefe  der  Flut  goldglänzende  Hallen  bewohnen, 
wo  sie  sitzt  umgeben  von  den  noch  Ungebornen. 

Es  ist  schwer  zu  sagen,  in  wie  weit  die  christliche  Symbolik  An- 
theil  an  diesem  Volksglauben  hat.  Es  verdient  wenigstens  nebenbei 
erwähnt  zu  werden,  daß  im  Hoheuliede  (4,  13)  der  verschlossene  Brunnen 
ein  Sinnbild  der  Jungfräulichkeit  ist,  welches  auch  auf  die  Jungfrau 
Maria  angewandt  wurde.  Von  dem  Brunnen  zu  Bethlehem,  aus  Avelchem 
Maria  getrunken,  heißt  es  bei  Gregor  von  Tours^  der  Stern  der  Magier 
lasse  sich  noch  immer  darin  sehen,  aber  nur  reine  jungfräuliche  Augen 
könnten  ihn  erblicken  (W.  Menzel,  Symbolik  1,  156).  In  der  „goldenen 
Schmiede"  Konrads  von  Wüi'zburg  (13.  Jlid.),  einem  Gedichte  zum  Lobe 
der  Jungfrau  Maria,  in  dem  er  alles  zusammenfasst,  was  au  Bildern 
und  Gleichnissen  in  dieser  Beziehung  im  Volke  oder  der  Litteratur 
vorhanden  war,  dort  heißt  es  (573):  din  güete  kan  uf  loallen  und  als 
ein  brunne  quellen.  Sie  wird  genannt  der  „Meerstern",  „ein  lebender 
Brunnen",  sie  ist  „des  heüwäges  hort^  (Grimm,  gold.  Schm.  XLV),  des  zu 
heiliger  Zeit  geschöpften,  alle  Wunden  heilenden  Wassers  usw.  In  den 
Kirchenliedern  heißt  die  h.  Jungfrau  ein  Brunnen  aller  Güte.  Das  alles 
sind  symbolische  Beziehungen,  und  es  begegnen  sich  hier  der  poetische 
Naturglaube  und  die  legendische  Überlieferung. 

Sehen  wir  uns  weiter  in  Nieder-Österreich  um,  so  treffen  wir  im 
Viertel  unter  dem  Manhardsberge  den  Namen  Ho  Ilabrunn,  oder  wie 
die  Bauern  sprechen  „Hollebrunn".  Es  fehlen  zwar  die  darauf  bezüg- 
lichen Überheferungen,  aber  ich  bin  geneigt,  sie  mit  diesem  Sagenkreise 

*)  Über  die  Storchenbotschaft  (Adebär)  vgl.  das  Gedicht  von  Ed.  Mörike  und 
die  drei  schönen  Kunstblätter  von  A.  Rosenthal  (Verlag  von  Kuntzmann  in  Berlin}. 
Vgl.  Simrock,  Myth.  315.  316. 


4ß  THEODOR  VERNALEKEN 

in  Verbindung  zu  bringen,  da  selbst  der  Name  der  alten  Göttin  sich 
darin  erhalten  hat.  Der  Name  Holle  erscheint  zwar  bei  uns  selten,  am 
häufigsten  Bercht  oder  weiße  Frau,  indessen  weisen  meine  „Mythen" 
aus  dem  V.  0.  M.  B.  den  Namen  Holke  auf  (S.  23).  Weitere  Nachfor- 
schungen wären  erwünscht.  Mir  ist  in  Bezug  auf  den  Brunnencultus 
noch  Folgendes  erzählt:  Unweit  Leobersdorf  (V.  U.  W.  W.)  ist  eine 
Mariencapelle,  unter  welcher  der  heilsame  Brunnen  entspringt.  Als  vor 
Jahrhunderten  der  Quell  plötzlich  hervorkam,  sah  man  auf  dem  Wasser 
ein  Marienbild  schwimmen.  Man  erbaute  die  Capelle  und  stellte  das 
Bild  hinein,  und  seit  der  Zeit  wallfahrten  viele  dahin  *). 

Unfern  Roding  (im  Regenthaie  Baienis)  steht  eine  Kirche,  „zum 
Brünnlein"  genannt.  Die  Heilquelle  Avurde  von  einem  Hirten  entdeckt, 
der  eines  Tages  ein  Marienbild  auf  dem  Wasser  schwimmen  sah. 

Solcher  Legenden  ließen  sich  noch  viele  beibringen,  die  alle  die 
Verdrängung  des  heidnischen  Volksglaubens  durch  kirchliche  Einrich- 
tungen und  Personen  bestätigen.  Da  auch  andere  Eigenschaften  Holdas 
auf  Maria  übergehen,  so  darf  (nach  Grimms  Myth.  246)  hier  auch  Maria 
Schnee  (ad  nives)  verglichen  werden  (vgl.  Kaltb.  126).  In  Süddeutsch- 
land heißt  sie  Berchta,  d.  h.  die  leuchtende,  glänzende  ;  sie  erzeugt 
wie  Holda  den  glänzenden  Schnee.  Berchta  ist  in  den  Erzählungen 
tiefer  herabgewürdigt;  sie  erscheint  nicht  bloß  als  Ahumutter,  als  weiße 
Frau,  besonders  in  fürstlichen  Häusern  (Gr.  Myth.  257),  sondern  auch 
als  kinderschreckend.  Nun  haben  wir,  wie  bei  der  Todesgöttin  Hellia 
oder  Hei ,  merkwürdigerweise  auch  die  Kehrseite  bei  Maria ,  denn 
schwarze  Madonnenbilder  findet  man  aller  Orten  (Haupt,  lausitz.  Sag. 
1,  12),  sogar  auf  dem  Wiener  Burgring  neben  dem  Volksgarten.  Ein 
schwarzes  Marienbild  gemahnt  zwar  an  die  trauernde  Erd-  oder  Nacht- 
göttin (Grimm  Myth.  289) ,  wie  die  schwarze  Proserpina  (furva)  der 
Alten ;  allein  diese  Vorstellung  hat  wahrscheinlich  bei  den  Marienbildern 
niemals  gewaltet. 

Endlich  ist  noch  zu  erwähnen,  daß  im  Mariencult  Beziehungen 
stattfinden  zu  Ähren  (Panzer  2,  7),  Kräutern  (2,  12)  und  besonders 
zu  dem  Getreide  (2,  8  ff.^,  ferner,  daß  die  Bauern  zu  Baselga  in  Ti- 
rol das  Frauenbild  verehren  zur  Erhaltung  der  Früchte  auf  dem  Felde, 
zur  Fernhaltung  der  Gewitter  (Kaltb.  224).  Wenn  wir  ferner  beden- 
ken, daß  die  schönsten  Blumen  nach  Maria  benannt  sind,  so  müssen 
wir  unwillkürlich  an  die  Erdmutter  des  deutschen  Volksglaubens  den- 


*)  Vgl.  auch  Kalteiiljmnn  in  Tirol  iKaltenl)äe',k  S.  GO),  Maria  vom  Gestade  an  der 
Leitha  (da.s.  115). 


DER  MARIENCULT  IN  ÖSTEREETCH.  41 

ken,  an  Holda,  die  in  dieser   Hinsicht   der  Demeter   ganz  nalie  stellt. 
(Panzer  2,  381). 

2.  B  a  u  m  c  u  1 1. 

Den  Bruunenbezieliungen  nahe  verwandt  sind  die  auf  Bäume  und 
Wald.  Diese  treffen  wir  häufiger  und  früher,  und  der  ganze  Cultus  ge- 
mahnt an  den  der  griechischen  Bergmutter  Kybele,  der  die  Eiche  und 
Fichte  heilig  waren.  Auf  altdeutschen  Bildern  sieht  man  nicht  selten 
die  h.  Jungfrau  in  einem  rings  ummauerten  und  verschlossenen  schönen 
Blumengarten  sitzen.  In  den  Legenden  aus  dem  13.  Jhd. ,  von  denen 
einzelne  noch  im  Munde  des  Volkes  leben,  kommt  eine  vor*),  nach 
welcher  ein  Schüler  in  einem  dichten  Holze  am  Wege  ein  Marienbild 
erblickt.  Er  fiel  nieder,  sprach  sein  Gebet,  sammelte  dann  schöne  Blu- 
men zum  Kranze  für  das  Bild,  damit  die  Waldvögel  es  nicht  beschmutz- 
ten. Das  Bild  stand  auf  einem  Baumstamme  (oder  Baumstinnpfe  vf 
ebne  ronen,  S.  177  Marienleg).  Volksüberlieferungen  dieser  Art  gehen 
bis  auf  die  neueste  Zeit. 

Über  das  wunderthätige  Bild  in  der  Mariahilferkirche  bei  Gutten- 
stein  ist  mir  Folgendes  erzählt.  Vor  vielen  Jahren  ist  das  Bild  von 
Hirten  aufgefunden.  Es  war  an  einer  Buche  befestigt.  Graf  Hoyos  ließ 
es  in  eine  Capelle  bringen,  allein  über  Nacht  verschwand  es  und  man 
fjind  es  Avieder  an  der  alten  Stelle.  Das  geschah  mehrere  Male ,  bis 
man  endlich  auch  den  Baumstamm  in  die  Capelle  brachte.  Nach  meh- 
reren Jahren  wurde  der  Graf  von  einem  Hirschen  angefallen.  Da  ge- 
lobte er  eine  Kirche  zu  bauen  und  er  blieb  unversehrt.  In  die  Kirche, 
die  an  die  Stelle  der  Capelle  gebaut  ward,  ließ  man  auch  das  Mutter- 
gottesbild stellen.  Von  dem  Buchenstamme  wurden  viele  Stückchen  ab- 
gerissen von  den  frommen  Pilgern,  die  alljährlich  die  Kirche  besuchten. 

Andere  sagen:  Die  Hirten  verehrten  das  Bild  lange  Zeit  und 
ließen  ihre  Schafe  in  der  Nähe  jener  Buche  weiden,  und  es  ruhte  der 
Segen  auf  ihrer  Herde.  Da  fanden  sie  aber  eines  Morgens  den  Baum- 
stamm verkohlt  und  in  der  Asche  lag  das  Bild  ganz  unversehrt.  Vgl. 
auch  Kaltenbäck  S.  235. 

Über  die  Entstehung  der  Wallfahrtskirche  „Maria  drei  Eichen" 
in  der  Nähe  von  Hörn  (Nied.  Österr.  V.  O.  M.  B.)  geht  folgende  Sage. 

Einem  kranken  Bürger  in  Hörn  erschien  die  Mutter  Gottes  im 
Traume  und  befahl  ihm,  ihr  Bild  auf  den  Muldenberg  zu  tragen,  wo 
er  eine  Eiche  finden  werde,  die  aus  einer  Wurzel  drei  Stämme  treibe. 
Dort  solle  er  das  Bild  zur  Verehrung   aufstellen.     Es  vergieng   einige 

*)  Pfeiffer  Marienlegenden   171  fg.    Gödeke,  Mittelalter  136. 


48  THEODOR   VERNALEKEN 

Zeit  und  er  dachte  nicht  mehr  daran.  Einst  reiste  er  von  Eggenburg 
nach  Hause  und  war  so  müde ,  daß  er  sich  unter  einem  Birnbäume 
niederließ  und  einschlief.  Da  wurde  er  von  einem  Gewitter  erweckt 
und  gewahrte  in  der  Xähe  die  dreistätnmige  Eiche.  Sogleich  eilte  er 
nach  Hause,  holte  das  Bild  und  festigte  es  an  dem  Stamme.  Nach 
einigen  Jahren  schlug  aber  der  Blitz  in  die  Eiche  und  zertrümmerte 
auch  das  Bild.  Allein  im  nächsten  Frühjahre  begann  der  Stamm  frische 
Zweige  zu  treiben,  und  an  dem  Stamme  dieses  wunderbaren  Baumes 
ließ  man  ein  anderes  Bild  anbringen.  Später  ward  an  der  Stelle  eine 
Kirche  gebaut,  und  Überreste  der  alten  Eiche  sind  dort  noch  aufbe- 
wahrt. Vgl.  Kaltenbäck  S.  227. 

Andere  erzählen,  ein  Bauer  habe  Holz  fällen  wollen,  da  habe  er 
drei  schöne  Eichen  angetroffen.  Als  er  aber  einen  Hieb  gegen  eine 
derselben  fährte,  prallte  die  Axt  zurück  und  verwundete  ihn.  Und  als 
er  hilflos  so  da  lag,  bemerkte  er  auf  dem  Baume  ein  Marienbild,  wel- 
ches aber  so  verdeckt  war,  daß  er  es  anfangs  nicht  bemerkt  hatte. 
Er  flehte  nun  die  Heilige  um  Hilfe  an  und  seine  Wunde  war  schnell 
geheilt.  Auch  andere  Kranke  pilgerten  dorthin. 

Ganz  ähnliche  Sagen  werden  erzählt  von  Maria  Taferl  (Kaltb.  190), 
von  Maria  Eich  in  Ober-Österreich  (Kaltb.  53).  Vgl.  Panzer,  2,  375. 
Über  den  Wallfahrtsort  Maria  Schein  (bei  Teplitz)  wird  erzählt:  Einer 
Magd  wand  sich  bei  der  Feldarbeit  eine  große  Schlange  um  den  Arm. 
Erschrocken  starrte  sie  auf  die  Schlange  hin.  Da  wurde  die  Magd  von 
einem  Scheine  geblendet  und  die  Schlange  war  plötzlich  verschwunden. 
Sie  suchte  nach  der  Richtung,  woher  der  Schein  gekommen  war  und 
gewahrte  eines  Muttergottesbildes,  das  an  einem  Baume  hieng.  Dann 
lief  sie  zum  Ortspfarrer,  der  das  Bild  in  die  Kirche  trug.  Tags  darauf 
war  dasselbe  verschwunden  und  man  fand  es  wieder  au  demselben  Baume. 
Das  wiederholte  sich  mehrmals.  Da  kam  dem  Pfarrer  der  Gedanke, 
an  der  Stelle  des  Baumes  eine  Capelle  zu  erbauen  und  man  nannte  sie 
„Maria  Schein". 

Roseldorf  (unweit  Retz)  wurde  einmal  ganz  überschwemmt.  Als 
sich  das  Wasser  verlaufen  hatte,  suchte  ein  Bauer  seinen  Weinkeller 
auf,  und  unterwegs  erblickte  er  auf  einem  Holunderstrauche  ein  aus 
Holz  geschnitztes  Bild  der  h.  Maria  mit  dem  Jesuskinde.  Er  drang  in 
das  Gebüsch,  um  das  Bild  zu  nehmen,  aber  es  gelang  ihm  nicht.  Dann 
lief  er  nach  Hause ,  versuchte  es  mit  Hilfe  anderer  noch  einigemale, 
allein  immer  kehrte  es  auf  den  frühem  Standort  zurück.  Das  Haus, 
welches  dem  Holunderstrauche  zunächst  stand,  gehörte  einem  gewissen 
Tasch,  und  nach  ihm  ward  das  Bild  „zur  h.  Maria  von  Tasch"   benannt 


DER  MARIENCULT  IN  ÖSTERREICH.  gg 

Der  Busch  wurde  ausgegraben  und  an  der  Stelle  die  jetzige  Pfarrkirche 
von  Roseidorf  gebaut,  in  welcher  sich  das  Bild  befindet. 

Auch  von  der  Klosterkirche  in  Freudeuthai  (östr.  Schlesien)  er- 
zählt man :  Ein  Bauer  erblickte  in  einem  Dorustrauche  ein  Licht,  und 
als  er  näher  trat,  sah  er  in  den  Lichtstrahlen  ein  hölzernes  Muttergottes- 
bild. Das  trug  er  als  einen  kostbaren  Hausschatz  zu  den  seinigen;  am 
andern  Morgen  aber  war  das  Bild  verschwunden,  man  fand  es  an  dem 
alten  Orte.  Abermals  ward  es  mitgenommen  und  abermals  kehrte  es  zu 
dem  Dornstrauche  zurück.  Zum  dritten  Male  holten  sie  es  und  baten 
die  h.  Maria ,  bei  ihnen  zu  bleiben.  Später  baute  man  an  dem  Platze, 
wo  das  Bild  in  den  Dornen  gefunden,  eine  Kirche.  Ganz  Ahnliches 
wird  zu  Turas  in  Mähren   erzählt    (Kaltenbäck  S.  17). 

Vergleichen  wir  andere  Überlieferungen,  so  finden  wir  eine  merk- 
würdige Übereinstimmung.  Das  Bild  wird  gefunden  an  einem  Baum- 
stock (s.  oben  u.  Kaltenbäck  S.  25  und  Panzer  2 ,  7.  15) ,  an  einer 
Eiche  (Meier,  schwäb.  Sag.  1,  323;  Stöber,  Sag.  des  Elsasses  S.  32.  134), 
an  einer  Linde  (Kaltb.  74.  176.  Haupt,  Lausitzer  Sag.  2,  181.  Wolf, 
Beiträge  1,  169),  an  einer  Weide  (Panzer  2,  375),  an  einem  Birnbaum 
(2,  14),  einer  Tanne  (2,  15),  an  einer  Kranowetstaude  (2,  5  und  348(, 
einer  Fichte  (Kaltb.  70),  als  Marienbaum  in  der  Lausitz  (Haupt  2,  146), 
im  verwilderten  Gestäude  (Tirol,  vgl.  Kaltb.  77),  im  Haselstrauche 
(Kaltb.  85) ,  im  Lärchenstamme  (Kaltb.  93).  Bemerkenswerth  ist  es, 
daß  Marienbilder  immer  nur  an  verdeckten  Orten  gefunden  werden, 
entweder  unter  Moos  versteckt  oder  im  Gebüsch  (Panzer  2,  16)  oder 
in  den  Baumzweigen,  sogar  unter  einem  Haufen  Kehricht  (Kaltenb. 
S.  184),  wie  das  bei  den  Karmelitern  zu  Wien.  Zuweilen  erscheint  die 
Jungfrau  „im  finstern  Walde"  (Kaltenb.  56  u.  Alpenburg  S.  184)  oder 
als  „Maria  im  Schatten"  (Kaltenb.  178).  Dabei  ist  wohl  zu  beachten, 
daß  das  Bild  an  Bäumen  erscheint,  die,  wie  die  uralte  Fichte  zu  Landeck 
(Alpenburg  S.  183)  geradezu  als  „heilige  Bäume"  lange  verehrt  wurden. 
Der  Bischof  verbot  erst  1658  die  processio  annua  ad  arborem  im  Valser- 
thale  und  zu  dem  „heil.  Larchbaum"  bei  Nauders  (Alpenb.  S.  225). 

Charakteristisch  ist  auch  der  Sagenzug,  daß  das  weggenommene 
Bild  immer  wieder,  meistens  dreimal,  an  den  alten  Ort  zurückkehrt; 
sonst  im  Wesentlichen  derselbe  Grundgedanke ,  aber  hundertfach 
variiert. 

Es  ist  nicht  schwer,  hier  Spuren  des  germanischen  Wald-  und 
Baumcultus  zu  entdecken.  Der  Baumcultus  galt  dem  hohem  Wesen, 
dem  der  Hain  geheiligt  war.  Daß  man  dem  uralten  Baumcult  durch 
Aufhängen  eines  Marienbildes  eine  andere  Richtung  gab  und  daß  das 

GERMANIA.  Neue  Reibe  IV.  (XVI.)  Jahrg.  4 


50  THEOPHIL  EUPP 

entfernte  Bild  immer  wieder  zu  seinem  Walde  zurückkehrte,  darf  nicht 
Wunder  nehmen;  denn  in  welch  hohem  Ansehen  Wälder  und  Bäume 
bei  den  Deutschen  standen,  berichtet  schon  Tacitus:  lucos  ac  nemora 
consecrant.  Am  meisten  standen  Eichen  und  Linden  in  Ansehen,  die 
Eiche  war  dem  Donar,  die  Linde  der  Frouwa  oder  Erka  geheiligt. 
Jede  Verletzung  solcher  Bäume  wurde  geahndet. 

Das  Erscheinen  der  Bilder  an  Bäumen  ist  übrigens  auch  aus 
dem  classischen  Alterthum  bekannt.  Man  lese  z.  B.  das  Werk  von 
Bötticher  „Baumcultus  der  Hellenen",  wo  er  S.  140  sagt:  „Bei  den 
Hellenen  wurden  gewisse  Götterbilder  unmittelbar  im  Baume  aufgestellt ; 
nach  der  Weise  des  Bildes  unter  oder  an  dem  Baume  war  der  nächste 
Schritt  die  Gründung  einer  aedicula,  eines  Tempelchens,  in  welchem 
man  das  Bild  aufstellte."  Also  genau  wie  in  Osterreich.  Wir  bemerken 
ferner,  daß  an  den  berühmten  Cultusstätten  der  Hellenen,  namentlich 
zu  Delphi,  donaria,  Weihgeschenke,  niedergelegt  wurden.  (Vgl.  Böt- 
ticher S.  156.)  Daß  das  auch  in  unsern  Wallfahrtskirchen  geschieht, 
ist  allgemein  bekannt  (vgl.  z.  B.  Kaltb.  S.  103).  Und  was  die  Wunder 
anbetrifft,  so  sagt  schon  Lucretius:  ut  omne  humanum  genus  est  avi- 
dum  uimi'  miraclorum.  „Das  Wunder  ist  des  Glaubens  liebstes  Kind." 
Alles  Wunderbare  zieht  an  und  das  Überlieferte  wird  nicht  leicht  auf- 
gegeben, selbst  wenn  es  längst  seine  ursprüngliche  Bedeutung  ver- 
loren hat. 

WIEN,  im  Mai  1870. 


ZUR  DEUTUNG  VON  FIÖLSVINNSMAL. 


Immer  wieder  taucht  der  Gedanke  auf,  das  Eäthselgewebe  der 
Fiölsvinnsmäl  sei  nur  ein  Bruchstück,  und  ohne  das  Fehlende  zu  finden, 
unerklärbar.  Leider  vertreten  auch  bedeutende  Gelehrte  diese  Auffas- 
sung, und  darum  haben  wir  zu  erwarten,  daß  vorerst  jeder  Versuch, 
dieses  Lied  als  ein  selbständiges  zu  deuten,  mit  einem  bequemen,  von 
sicherer  Höhe  fallenden  Schlagwort  ohne  weitere  Prüfung  abgewiesen 
wird. 

Wohl  in  der  Absicht,  einen  theilweisen  Ersatz  für  das  Verlorene 
zu  bieten,  gibt  der  Verfasser  der  Beiträge  zur  Kritik  der  Eddalieder 
(Germania  XTV ,  314)  verschiedene  Berichtigungen  des  Textes ,  und 
nimmt  die  von  Grundtvig  in  seinem  Werke   „Danmarks  gamle  Felke- 


ZUR  DEUTUNG  VON  FIÖLSVINNSMAL.  §1 

viser"  ausgesprochene  Idee  wieder  auf,  indem  er  auf  die  Deutung  des 
Ganzen  verzichtend,  Grogaldr  und  Fiölsvinnsmäl  als  zusammengehörige 
Bruchstücke  eines  umfangreichen  Gedichtes  erklärt. 

Diese  Annahme  setzt  nun  nothwendig  eine  gewisse  Übereinstim- 
mung im  Inhalte  der  beiden  Gedichte  voraus.  Bei  näherer  Untersuchung 
derselben  werden  wir  aber  finden,  daß  trotz  aller  Zulassung  von  irgend 
möglichen  Verbesserungen  und  Ergänzungen ,  weder  Zusammenhang 
noch  Übereinstimmung  in  den  vermeinten  Fragmenten  herauszubringen 
sind. 

Das  in  Grogaldr  Str.  3  vorkommende  Menglödum,  statt  Menglödu, 
gibt  Ettmüller  Veranlassung,  die  Strophe  als  verdorben  so  umzuge- 
stalten, daß  an  einer  unklaren  Stelle  herauskommt:  „wo  sie  Lohen 
weisst".  Er  setzt  kveyki  statt  des  in  allen  Ausgaben  vorkommenden 
kvedkij  was  ftir  die  Menglöd  der  Fiölsvinnsmäl  bezeichnender  wäre, 
und  deutet  das  Menglödu  am  Schlüsse  der  Strophe  eben  auf  diese 
personificierte  Gottheit  (vgl.  Germania  X,  433). 

Menglöd  ist  nun  allerdings  der  Name  der  Heldin  der  Fiölsvinns- 
mäl; aber  Menglöd  heißt  auch  monili  gaudens,  femina,  und  bezeichnet 
überhaupt  eine  schmuckfrohe,  eine  weibliche  Person,  und  so  könnte 
sich  die  Benennung  auch  auf  ein  Mädchen  oder  eine  Frau  beziehen. 
Doch  was  damit  gemeint  ist,  kann  nur  der  sonstige  Inhalt  des  Ge- 
dichtes lehren. 

Aus  Grogaldr  Str.  1,  2  und  3  erfahi'en  wir,  daß  ein  Sohn  seine 
IVIutter  an  die  Grabesthüre  ruft,  um  ihr  zu  klagen,  daß  seine  arglistige 
Stiefmutter  ihn  an  einem  Orte  mit  ihr  zusammenkommen  heiße,  wel- 
chen Niemand  kenne.  Sie  antwortet  ihm :  der  Weg  und  die  Fahrt  sind 
lang;  erwähnt  aber  weiter  nichts  von  Mühen  und  Gefahren,  auch  nichts 
über  das  Ende  seines  Unternehmens.  Er  fordert  sie  nun  auf,  ein  Zau- 
berlied zu  singen,  das  heilsam  sei  und  ihn  kräftige;  denn  er  fühle  sich 
unerfahren  und  fürchte  seinen  Untergang.  Hierauf  singt  sie  ein  Lied, 
das  ihn  veranlassen  soll,  hinter  sich  zu  werfen,  was  ihm  beschwerlich 
dünke,  und  sich  selbst  zu  vertrauen;  dann  will  sie  mit  ihrem  Zauber 
bewirken,  daß  der  Urd  Riegel  ihn  wahren,  wenn  auf  weiten  wonnelosen 
Wegen  er  Schändliches  sehen  sollte.  Weiter  spricht  sie  gegen  brau- 
sende Flüsse,  die  ihm  Untergang  drohen,  entrauthigt  durch  Zauber- 
worte die  ihm  entgegentretenden  Feinde  und  stimmt  diese  zum  Frieden. 
Ein  Lied  soll  die  Fesseln  lösen,  welche  sich  um  seine  Glieder  legen; 
ferner  (Str.  11)  Sturm  und  Fluth  beschwichtigen,  daß  sie  frohe  Fahrt 
gewähren.  Sie  spricht  gegen  den  Frost  und  glaubt  ihm  Schutz  sein  zu 
können,  wenn  auf  nebeligem  Wege  er  von  der  Nacht  überfallen  wüi'de, 

4* 


52  THEOPHIL  RUPP 

WO  auch  ein  getauftes  Weib  (wahrscheinlich  seine  Stiefmutter)  ihm 
nicht  schaden  werde.  Zum  Schkiß  ihrer  Zaubersprüche  sagt  sie  (Str.  14) : 
„Wird  dir  Noth,  mit  dem  Joten  dem  Schwertgeschmückten  zu  reden: 
Wortes  und  Witzes  sei  im  bewussten  Herzen  Fülle  dir  und  Überfluß". 
Aus  Fiölsvinnsmal  sehen  wir,  was  den  Wanderer  erwartet.  Ein 
anfangs  barscher,  doch  bald  freundlicher  Wächter,  der  eine  Waberlohe 
umwandelt  vmd  sich  Fiölsvidr  (Vielwisser)  nennt,  antwortet  dem  Fremd- 
ling auf  alle  seine  Fragen,  doch  nur  in  Räthseln. 

Der  Fremdling,  der  vorerst  als  Windkaldr  auftritt,  ist  mit  den 
Antworten  zufrieden ,  und  findet  keinerlei  Anlass  zu  Wortkämpfen. 
Von  einem  Schwert,  das,  nach  Grogaldr,  Fiölsvidr  haben,  ferner  daß 
dieser  ein  Jote  sein  soll,  ist  hier  nichts  bemerkt.  Windkaldr  sieht  ein 
Gitter  und  Fiölsvidr  sagt  ihm  auf  seine  Frage,  wie  es  wirkt,  und  wer 
es  gemacht;  erklärt  ihm  auch  weiter,  aus  was  die  Gürtung,  Gastropnir 
genannt,  geschaffen  worden  sei;  dann  sieht  Windkaldr  Himde,  von 
denen  immer  einer  wacht ,  wenn  der  andere  schläft ,  und  Fiölsvidr 
deutet  ihm  ganz  wohlwollend  an,  wie  diese  Bestien  kirre  zu  machen 
seien,  um  einzugehen,  weil  sie  essen:  nämlich  mit  den  Flügeln  des 
Halms  Widofnir,  der  auf  dem  Baume  Mimameidr  sitze.  Fiölsvidr  er- 
klärt nun  dem  Windkaldr  die  Natur  des  Baumes  Mimameidr ,  dem 
weder  Feuer  noch  Schwert  schade,  und  welche  Früchte  er  bringe; 
ferner  wie  er  den  Halm  Widofnir  zu  Hels  Behausung  senden  und  so 
die  Flügel  bekommen  könne.  Dies  geschieht  durch  eine  Ruthe,  deren 
Erwerbungsweise  Fiölsvidr  gleichfalls  angibt,  das  heißt  durch  die  blin- 
kende Sichel,  welche  in  Widofnirs  Schwingen  sich  finde. 

Windkaldr  fragt ,  wie  der  Saal  heiße ,  der  von  Waberlohe  um- 
schlungen, weiter  wer  gemacht  habe,  was  außerhalb  der  Brüstung  zu 
treffen  sei,  und  wie  der  Berg  genannt  werde,  auf  welchem  Meuglada 
wohne. 

Auf  alles  dieses  antwortet  der  vermeinte  feindliche  Jote  freund- 
lich entgegenkommend,  und  Windkaldr  nimmt  die  Antworten  auf,  wie 
Jemand,  der  seines  Erfolges  gewiss,  sich  von  den  ihm  entgegenti'e- 
tenden  Hindernissen  wenig  berührt  fühlt.  Endlich  fragt  Windkaldr :  ob 
wohl  ein  Mann  in  Mengladas  sanften  Armen  schlafen  möge?  Fiölsvidr 
antwortet:  kein  IVIann  mag  in  Mengladas  sanften  Ai-men  schlafen,  Svip- 
dagr  allein.  Die  sonnenglänzende  ist  ihm  verlobt  seit  Langem.  Nun 
ruft  Windkaldr:  reiss  auf  die  Thore!  schaff  weiten  Raum,  hier  magst 
da  Svipdagr  schauen!  Doch  soll  Fiölsvidr  vorher  fragen,  ob  seine 
Minne  Menglada  noch  erfreue.  Fiölsvidr  sagt  zu  Menghada:  ein  Mann 


ZUR  DEUTUNG  VON  FIÖLSVINNSMAL.  -     §3 

ist  gekommen,  geh'  und  besehe  den  Gast.  Die  Hunde  freuen  sich,  das 
Haus  erschloss  sieh  selbst.  Ich  denke,  Svipdagr  sei's. 

Vergleichen  wir  nun  den  Inhalt  der  Lieder ,  welche  gesprochen 
sein  sollen ,  um  den  Sohn  der  Groa  zu  schützen  und  die  Hemmnisse 
aus  dem  "Wege  zu  räumen ,  welchen  er.  auf  dem  Gang  zu  Menglada 
begegnen  würde,  so  finden  wir,  daß  keiner  der  Aussprüche  zu  dem 
passt,  was  zur  Erreichung  dieses  Zieles  nützlich,  vielweniger  nothwendig 
wäre.  Daß  in  Fiölsvinnsmill  gerade  das  verloren  gegangen  sein  könnte; 
was  in  Grugaldr  noch  vorhanden  oder  umgekehrt,  lässt  sich  nicht  an- 
nehmen, vmd  schon  desswegen  ist  die  Zusammengehörigkeit  mehr  als 
zweifelhaft. 

Fassen  wir  die  Persönlichkeiten,  nämlich  den  Sohn  der  Groa  und 
Windkaldr  ins  Auge,  so  erscheint  der  Erstere  als  Opfer  einer  arglisti- 
gen Stiefmutter  zu  einem  Unternehmen  getrieben,  von  dem  er  nur  un- 
glücklichen Ausgang  erwartet.  Er  ist  darum  missmuthig,  ängstlich, 
unsicher  und  glaubt  bei  seiner  todten  Mutter  und  ihrer  Zauberkunst 
Hilfe  und  Schutz  suchen  zu  müssen. 

Dieser  Zustand  schließt  das  Bewusstsein  einer  Verlobung  seit 
Langem  und  eines  sehnlichen  Erwartetseins  entschieden  aus;  und  doch 
ist  in  Fiülsviunsmul  genugsam  angedeutet,  daß  diese  Verhältnisse  dem 
Verlobten  Svipdagr  bekannt  waren,  wie  z.  B.  durch  seine  Bemerkung 
auf  Fiölsvidi's  zmnickweisende  Rede: 

,,Von  Augenweide  wendet  sich  ungern 
Wer  Liebes  sieht  imd  Süsses." 

Die  Voraussicht  der  Groa  geht  auch  nicht  über  das  hinaus,  was 
einem  gewöhnlichen  Menschenkinde  auf  Erden  zustossen  könnte,  wäh- 
rend Windkaldr  (Svipdagr)  nur  übernatürliche  Dinge  bewältigt  zu 
haben  scheint. 

Das  ganze  Auftreten  von  Windkaldr  zeigt  Sicherheit  und  das 
Bewusstsein  des  längst  Erwarteten,  Svipdagr  selbst  als  ebenbürtig  der 
Menglada.  Eine  Identification  der  beiden  Bewerber  ist  darum  geradezu 
ein  Widerspruch. 

Wie  wir  Germania  X,  433  gezeigt  haben  und  hier  theilweise  be- 
richtigen möchten,  bedarf  es  weder  der  Zauberkunst,  noch  Geistes- 
oder Körperkraft,  um  Svipdagr  mit  Menglada  zu  vereinigen. 

Die  Schwierigkeiten,  welche  dem  Wanderer  entgegentreten,  gelten 
dem  Unberufenen,  wie  Lüning  richtig  bemerkt,  und  die  Fragen 
Windkaldi's  haben  somit  den  Zweck,  ihn  selbst  als  einen  Unberufenen 
darzustellen,  damit  dem  Dichter  Gelegenheit  gegeben  ist,  seinen  ganzen 
Scharfsinn  iu  diesem  Räthselgewebe  zu  entfalten,  was  nicht  geschehen 


54  OTTO  MELTZEE 

könnte,  wenn  Windkalclr  gleich  als  Svipdagr  aufgefasst  würde.  Wäh- 
rend nun  durch  diese  Behandlung  des  Gegenstandes  das  erwähnte  Ziel 
erreicht  wird,  ist  durch  den  Umstand,  daß  Svipdagr  nicht  nur  keines 
der  angeführten  Hindernisse  zu  überwinden  hat ,  sondern  Alles  von 
selbst  sich  so  gestaltet,  daß  er  nur  Menglada  umarmen  darf,  unzwei- 
deutig dargethan,  daß,  außer  der  nöthigen  Einkleidung,  das  Ganze  ein 
sich  selbst  entwickelnder  Naturmythus  ist,  und  auch  die  Hindernisse 
und  ihre  Beseitigungsmittel  nur  Naturerscheinungen  sind. 

Hiemit  übereinstimmend  ist  auch  der  Schluß  von  Fiölsvinnsmäl. 
Er  spricht  die  Zuversicht  aus,  daß  die  nunmehr  Vereinigten  ihr  Leben 
mit  einander  brauchen  werden  *).  Der  Versuch,  Fiölsvinnsmäl  durch 
den  späteren  Gr6galdr  oder  gar  durch  den  noch  jüngeren  Ungen  Sven- 
dal  bessern  und  erklären  zu  wollen,  ist  demnach  ein  entschieden  un- 
glücklicher, der  zu  einem  annehmbaren  Erfolg  nie  führen  kann.  Die 
in  diesen  Gedichten  verwendeten  wenigen  Worte  und  Gedanken,  welche 
dem  rein  heidnischen  Fiölsvinnsmäl  entlehnt  sein  können,  gehören  mehr 
der  Form  als  dem  Inhalt  des  Gedichtes  an,  indem  der  Reiz  des  Neuen 
durch  Anklänge  an  das  Alte  gesteigert  wurde,  und  berechtigt  keines- 
wegs zu  der  Annahme  einer  sachlichen  Zusammengehörigkeit  der  er- 
wähnten Gedichte. 

EEÜTLINGEN,  Sept.  1870.  THEOPHIL  KUPP. 


BRUCHSTÜCKE  AUS  DEM  RENNEWART  DES 
ULRICH  VON  TÜRHEIM. 


Die  zwei  Pergamentfolioblätter,  welche  die  nachfolgenden  Bruch- 
stücke enthalten,  fand  ich  vor  Kurzem  in  der  zur  Zeit  von  mir  ver- 
walteten Bibliothek  des  Gymnasiums  z.  h.  Kreuz  in  Dresden.  Sie  ge- 
hören   zu    dem    noch    ungedruckten  Kennewart  Ulrichs    von  Türheim, 


*)  Sveinbjöm  Egilsson  tibersetzt  alita  aevi  ok  altri  saman  mit  „aeviim  aetatem- 
que  una  viventes  consumere".  Ettmüller  macht  daraus  das  für  ihn  bequemere  „daß 
sie  sich  nie  mehr  trennen  werden",  und  bemerkt  dabei:  „schon  hieraus  ergibt  sich, 
daß  die  Deutung,  nach  welcher  Menglöd  die  Sonne,  Svipdagr  der  Mond  sein  soll, 
eine  falsche  ist".  In  wie  fern  dies  der  Fall  sein  soll,  wird  nicht  gesagt,  ohne  Zweifel, 
weil  nach  wie  vor  der  Mond  nicht  mit  der  Sonne  vereint  bleibt ;  aber  als  Ehepaar 
gedacht,  bleiben  sie  doch  unter  einem  Dache;  dabei  geht  der  Mann  seinem  Berufe 
nach,  und  dies  ist  wohl  genug  für  ein  solches  Ehepaar. 


BRUCHSTÜCKE  AUS  DEM  RENNEWAET  DES  ULRICH  V.  TÜRHEIM.     55 


ihr  Text  stimmt,  wie  Herr  Prof.  Zarncke  mir  gütigst  mittheilt,  am 
meisten  zu  der  Kasseler  Hs.  Der  Inhalt  des  ersten  Blattes  entspi-icht 
dem  Abdruck  nach  den  Nabburger  Bruchstücken  und  der  Münchener 
Pap.  Hs.  bei  Roth  (Rennewart,  Regensburg  1856),  der  des  zweiten  ist 
noch  nach  keiner  Hs.  veröffentlicht.  Die  wohlerhaltenen  Blätter  dienten 
als  Vorsatzblätter  des  Liber  quadripartiti  Ptholemei  etc.  (Venetiis 
1493  fol.) 

Jede  Seite  ist  in  zwei  Columnen  von  je  28  Zeilen  beschrieben. 
Die  zwei  Initialen  (Bl.  1  v.  53,  Bl.  2  v.  8)  sind  ganz  einfach  gehal- 
ten, der  erste  blau,  der  zweite  roth;  die  Schrift  gehört  der  ersten 
Hälfte  des  14.  Jahrhunderts  an;  später  ist  sie  auf  keinen  Fall  anzu- 
setzen. Abkürzungen  begegnen  nur  wenige  und  allgemein  bekannte; 
ich  habe  ihre  Auflösung  durch  Cursiv  kenntlich  gemacht. 

Zwischen  Bl.  1,  Z.  3  u.  4  ist  ein  leerer  Zwischenraum  von  11, 
zwischen  Z.  63  und  dem  unteren  Ende  der  betreffenden  Columne 
(1")  ein  solcher  von  10,  endlich  zwischen  dem  oberen  Ende  der 
ersten  Columne  von  Bl.  2  und  dem  ersten  Vers  derselben  in  glei- 
cher Weise  ein  solcher  von  10  Zeilen  gelassen^  was  nur  zu  dem  Zweck 
der  späteren  Einlegung  von  Miniaturen  geschehen  sein  kann.  Dem- 
nach enthält  Bl.  1'  siebzehn,  Bl.  V  u.  Bl.  2*  je  achtzehn,  jede  der 
übrigen  aber  achtundzwanzig  Verse. 

DRESDEN.  OTTO  MELTZER. 


(1")  Van  strite  vnder  en  beiden 
Der  strit  was  vngescheiden 
Du  des  malefer  wart  gewar 
Du  begüde  her  uaste  dar 
5  Mit  sine  zu  riten 

Di  rotte  teilte  her  witeu 
Mit  vil  vngeuügen  streichen 
Wan  des  cruces  ceichen 
Daz  her  sach  di  cristene  tragen 

10  Ir  were  vil  van  ime  irslagen 
Groz  was  daz  gedrenge 
Vn  der  strit  uii  crenge 
Den  uachten  di  lantherren 
Sich  begüden  di  rotte  werren 

15  Vndir  einander  vaste 

Der  lantmä  mit  deme  gaste 

(l'')Vä  strite  lidde  groz  erbeit 
Karkar  mit  dem  vanen  streit 
So  wol  daz  ni  ritter  baz 

20  Nimäues  tat  vor  in  maz 
Zu  lebene  her  nicht  gerte 


Mit  spere  uii  euch  mit  swerte 
Beging  her  michel  wunder 
Di  cristene  al  bisunder 

25  Nach  prise  vaste  vachten 
Swo  sich  di  rotte  vlachten 
KunTg  malefer  dar  hin  rurte 
Die  rotte  her  gar  zu  vurte 
Mit  uii  harte  grozen  siege 

30  Di  künde  her  vf  di  heidene  lege 
Der  lag  da  manig  van  im  tot 
Nu  dachte  gamalerot 
Daz  her  ettewanne  was 
Eyn  heidene  vn  darvä  genas 

35   Swaz  irlebete  dannoch 

Der  werde  kunlg  van  marroch 
Her  sprach  la  mich  irwerben 
Daz  di  icht  uerterben 
Di  da  noch  sint  lebende      .    . 

40  Tote  ich  bin  dir  gebende 
Swes  din  lip  nicht  wil  ipern 
Des  wil  ich  allis  dich  gewern 


56      BEUCHSTÜCKE  AUS  DEM  EENNEWAET  DES  ULEICH  V.  TÜEHEIM. 


T< 


Wan  daz  du  mich  bescheidö  mus 
In  wilcheme  sinne  du  daz  tus 

45  Daz  sagich  dir  vil  libe?-  tote 

(l'')Da  weiz  ich  wol  daz  si  van  gotc 
Alle  meschen  wordö  sint 
Swi  doch  si  ein  vnderbint 
Vnder  heiden  |  luden  |  ci"isten 

50  Ob  dl  zvei  leben  wisten 
Wi  suze  cristen  leben  ist 

Si  globeten  alle  ane  crist 
ote  la  mich  versuchen 
Ob  der  kunTg  küne  ruche 

55  Daz  her  sich  wolle  tovfen  lan 
Dar  vme  ich  dich  gebeten  han 
Daz  sich  din  zorn  sol  mazen 
Vn  en  daz  leben  lazen 
Ich  wil  dir  des  nicht  versagen 

GO  Ich  wil  si  lazen  vnirslagen 
Min  vil  herce  liber  tote 
Van  ime  schit  gamalerote 
Hin  da  di  heidene  war5 

(l'*)Vnvro  an  al  irn  harcn 

G5  Van  strite  wäre  si  gebüden 
Ir  was  vil  tot  der  wunden 
Der  woste  nimau  achte 


Nimä  sich  ir  weren  machte 
So  groz  was  malefers  sterke 

70  Ein  iklich  heidene  merke 
Wi  stark  ist  der  cristene  got 
Daz  sin  gewalt  vii  sin  gebot 
Ir  schone  hat  gepflegen 
Daz  irkeiner  ist  tot  gelegen 

75  Daz  merkit  alle  gliche 
Beide  arme  vil  richc 
Di  da  sin  sarracine 
Wi  wol  kan  got  di  sine 
Mit  siner  gute  behuden 

80  Ist  v  lip  daz  guden 

So  hat  ein  ende  dirre  strit 
Di  kör  an  vch  beiden  lit 
Wolt  ir  sterben  oder  genesen 
Der  muz  daz  eine  schire  wcsen 

85   KunTg  van  marroch  dine  wort 
Di  han  ich  vil  gerne  gehört 
Mir  ist  geteilit  vor  ein  spil 
Des  ich  daz  weger  nemo  wil 
Ich  sol  losen  min  leben 

90  Daz  ich  malefer  wil  geben 
Eigentliche  mine  laut. 


BL  2  (=Casseler  Hs.  BI 
Bruchst.  BL  3,  v.  308—336;  v. 
231)  BL  199  d,  200  a.  b.,  v.  1- 
S.  39  f.  47  ff.) 

(2")  An  der  vrowen  man  do  sach 

Schone  clcider  harte  rieh 

Ich  wolte  alle  wip  han  ir  glich 

Di  wer  schone  vn  reine 
5  Vii  hettich  si  alleine 

Vn  were  gar  ane  vorchte 

Daz  si  ich  ir  eere  intworchte 
'u  di  vrowe  gecleidit  wart 

Der  kunTg  vä  polipoliart 
10  Sprach  nu  mogit  ir  schowe 

An  dirre  schone  vrowen 

Daz  si  ist  vz  geschonet 

Vor  aUe  wip  gecronet 

So  stüden  ander  vrowe  gnug 
15  Der  ettelich  di  schone  trüg 

Di  ein  wip  nu  mochte  nemeu 


D, 


,  372-— 373"— V.  1-31  =  Nabburg. 
32 — 102  =  Münchner  Hs.  (cod.  germ. 
-71  (Roth,  Uolr.  V.  T.  Rennewart  etc., 

Nu  küde  ir  gnuge  des  geceme 
Daz  si  sich  wolde  tovfen  lan 

(2'')  Der  reine  biscof  iohan 

20   San  daz  tovfen  nicht  vej-bar 
Hern  merte  gote  sine  schar 
Mit  dissen  reinen  kiuden 
Ich  muz  der  sage  irwinden 
Wi  di  vrowen  alle  hizzen 

25  Di  sich  da  tovfen  Kzzen 
Du  der  reine  tovf  geschach 
KunTg  malefer  du  sprach 
Werder  kunTg  fausaserat 
Daz  din  lip  gelobit  hat 

30  Herre  daz  soltu  cechen 

Din  gelobde  nicht  zubrechen 
Gedenke  der  geheize 


BRUCHSTÜCKE  EINES  PASSIONSSPIELES. 


S7 


Der  du  passagueize 
Hast  geheizzen  vii  ovch  mir 
35  Kunlg  malefer  waz  ich  dir 
Geheizen  han  daz  sol  gesehen 
Libe  tochtej'  ruch  veriehn 
Daz  du  tus  des  ich  dich  bite 
Ich  breche  miner  züchte  site 
40  Vater  ob  ich  nicht  tete 
Swes  diu  müt  mich  bete 
Ich  weiz  daz  du  mir  gutes  gas 
Vater  swaz  du  irdenken  kans 
Ich  bin  der  daz  gerne  tut 
45  Nu  höre  miner  tochter  mut 
Vil  hoch  gelobete  malefer 
(2")  Swaz  ich  an  mine  tochter  ger 
Daz  wirt  betalle  san  getan 
Westu  tochter  daz  ich  dich  han 
50  Gelobet  passagueize 
Nu  solt  dii  min  geheize 
Tochter  vollenbrengin  gar 
Bearosin  di  wol  gevar 
Sprach  vz  irm  müde  rot 
55   Libe  bruder  gamalerot 
Wi  swigistu  so  stille 
Vn  were  ich  secüdille 
Der  vrücht  hettich  groz  ere 
Van  kunig  te?ramere 
GO  Ich  wil  passagvweizen 
■"  Neme  vii  nicht  geheizen 
Ich  weiz  vej'war  her  ist  der  art 
Daz  ni  gesiechte  hoher  wart 
Gamalerot  sprach  swester 
65   Keyn  gewalt  wart  ni  so  vester 
Also  den  di  minne  vüret 
Swen  ir  gewalt  geruret 


Der  muz  sin  ir  eigen 
Si  kan  hohen  vn  neigen 

70   Gedanken  vn  sinne 

Swester  iz  sint  dri  minne 
Der  sol  zvo  din  herce  mme 
Der  dritten  nicht  gesinne 
Wan  mit  vügen  daz  ist  gut 
(2'')75Derglosen kennet  nicht  din  mut 
Di  min  müt  gesprochen  hat 
Sint  din  sin  des  nicht  verstat 
So  wil  ichs  dich  bescheiden  wol 
Din  lip  di  mlne  rainne  sol 

80   Di  nicht  vergat  vii  vmmer  wert 
Din  lip  der  mine  hat  gegert 
Daz  ist  der  al  di  werlde  pfligit 
Vri  allö  lute  ane  gesigit 
Der  selbe  minne  soltu  pflegä 

70  Daz  si  nach  eren  si  gewogen 
Si  ist  stete  vn  vnstete 
Volge  nicht  irme  gerete 
Minne  den  du  mine  solt 
Darvmme  ist  dir  di  mine  holt 

90  Di  da  nümer  kan  vergan 

Den  rat  den  ich  han  dir  getan 
Den  soltu  rechte  merke 
Vii  in  din  herce  Sterken 
Swester  dich  kan  geceme 

95  Daz  du  wilt  gerne  neme 
Den  kimlg  passagweize 
Der  in  al  der  werlde  creizen 
Geheizen  ist  ein  türe  helt 
Du  hast  dir  eine  man  irwelt 
100   An  deme  uil  ere  lit 

Wizze  swester  daz  mä  im  git 
Daz  lop  daz  harte  hohe  wigit 


BRUCHSTÜCKE  EINES  PASSIONSSPIELES. 


Auf  der  inneren  Seite  des  hölzernen  Buchdeckels  von  dem  Bres- 
lauer Schöppenbuche  no.  2  (städt.  Arch.  634)  1357 — 69  ist  ein  Blatt 
Papier  aufgeklebt,  das  zwei  Seiten  aus  einem  Passionsspiele  enthält 
(B'^  A'').  Die  ursprängliche  Hs.  war  in  Octavformat,  doch  ist  der  un- 
tere Theil  des  Blattes  dadurch,  daß  der  Holzdeckel  zur  Hälfte  abge- 


58  ALWIN  SCHULTZ 

brechen  ist,  defeet.  Nachdem  ich  das  Blatt  losgelöst,  stellte  sich  her- 
aus, daß  auch  die  beiden  anderen  Seiten  (B^  A')  beschrieben  waren 
und  zwar  enthält  B*  einen  ferneren  Theil  des  Gedichtes,  während  A^ 
in  der  entgegengesetzten  Richtung  mit  Fedei-proben  ausgefüllt  ist, 

Meynen  loyllygen  vndirtan  Wyssentlych  sey  vch  lyhyr  herr  kumtur  (?) 

Adam  sy  pater  est  nobys  sy  syt  mater  eva 

Hodye  heata  vyrgo  maria  'puerum  yhesum  praesentahat  (?) 

Vser  aller  icerke  yst  ny  .  .  . 

Dann  ist  quer  die  Figur  eines  Ritters  mit  der  Feder  gezeichnet, 
der  zu  Rosse  im  Costüm  des  14.  Jahrhunderts  die  Lanze  wie  zum 
Turnier  vorstreckt.  Zwischen  den  Beinen  des  Pferdes  liegt  eine  zweite 
sehr  roh  angedeutete  Figur.  A^  ist  sicher  die  letzte  Seite  des  ursprüng- 
lichen Manuscriptes  gewesen  und  daher  auf  diese  Weise  benutzt 
worden. 

Da  das  Blatt  bei  dem  wohl  bald  nach  1369  erfolgten  Einbinden 
des  Schöppenbuches  verwendet  worden  ist,  so  rührt  es  wohl  aus  einer 
viel  früheren  Zeit  her.  Der  Schrift  nach  muß  es  in  der  ersten  Hälfte 
des  14.  Jahrhunderts  entstanden  sein.  Daß  Papier  so  früh  zur  Anwen- 
dung kommt,  braucht  nicht  zu  befremden,  da  schon  das  älteste  Schöp- 
penbuch  von  1345  auf  Papier  geschrieben  ist. 

Die  Verse  sind  nicht  abgesetzt,  sondern  nur  hier  und  da  durch 
Punkte  getrennt.  Ich  gebe  einen  genauen  Abdruck  und  habe  selbst  an 
Stellen,  wo  eine  Correctur  leicht  wäre,  den  Text  der  Handschrift  treu 
wiedergegeben*). 

B  ^  Maria  die  it. 

Maria  lybe  mume  myn  Johannes  lyber  vi-unt  myn 

lan  den  grosis  wennyn  syn  1 0  ich  trösten  dich  gerne  mochtes  gesyn 
Johannes  dicit.  sint    mich    myn    lybis     kynt     dyr 

Maria  lybe  mume  myn  bevoln  hat 

du  salt  dyn  weynyn  lozyn  syn  zo  wil  ich  volgen  dynem  rat 

5    wen  her  mich  dyr  czu  zone  hot  ge-  beyde  vru  vnde  spat 

gebyn  Maria  cantat. 

Vnd  dich  myr  czu  mutyr  by  synem  Groser  clage  ist  myr 

lebem.  15   owe  leg  ich  vor  dich  tot 
zo  salt  du  bilch  volgen  myr  voter  schepfer  bist  du  myn 

vil  lybe  mume  als  ich  wil  dyr  vnd  ich  dyn  gebereryn 


*)  Ich  habe  mir  erlaubt,  einige  Verweisungen  auf  gleichlautende  Stellen  ande- 
rer Passionsspiele  hinzuzufügen.  Dies  Fragment  beweist  aufs  Neue,  wie  diese  Spiele 
immer  wieder  auf  Grundlage  älterer  Gesänge  zusammengestellt  wurden.  K.  B. 

3— t  =  Mone  1,  33.  Pichler  S.  25.  33.  14  lies  j;uV  not.         14—17  =  Pich- 

1er  S.  130.  Germ.  3,     283.    Mone     1,    33. 


BRUCHSTÜCKE  EINES  PASSIONSSPIELES. 


59 


Versus. 
Dyne  wonden  tun  myr  we 
myner  clag  ist  dennoch  me 
20   daz  du  hercze  lybes  trut 

wedir  mich  nyth  moht  werden 

Versus. 
Owe  wer 
hot  syn  sper 
her  czu  dir  genegit 


1  abse  icht  an  erem  herczen. 

lyden  worden  groze  smerczen. 

ich  geswige  gotis  zon  ihesum  crist. 

der  von  myr  mensche  worden  ist. 
5   ich  se  daz  Wut  hernydirrjTinen. 

daz  benymmit  myr  myne  synne 
Maria  cantat. 

Hercze  brich 

tot  nu  sprich 

vnd  loz  mich  dyr  volgyn. 
10   der  iuden  kynt 

sere  sint 

gar  of  vns  irbolgen 

Versus. 
Hercze  kynt 
dyne  wangyn  synt 
15   der  zo  gar  vorblichyn. 
dyne  craft 
dyne  macht 
dy  ist  dyr  gar  inswychjm 

Versus. 

20  Valsche  dyt   du   pruuist  nicht 
waz  syn  gotheyt  brengyt. 
allis   daz   syn    ougyn    ansya 
noch  syne  tode  is  ryngyt 


V  ersus. 
Dy  sunne  bu-git  eryn  schyn 
25  al  der  werlde  gemeyne 
dy  bebyt  do  si   lyt 
of  clibyn   sich  dy  steyne 

Ih  e  sus  cantat. 
Li  7)uinus  tuas  domine  commendo 
Ihesus  dicit. 
Vatyr  in  dyne  hende 
30  ich  dyr  mynen  geyst  sende 


—  —  von  myr  haben 


—  —  —  armer  m(ay)t 

als  daz  man  von  leyde  sprichyt. 

daz  ist  myner  leyde  eyn  wicht 

Maria    cantat. 

Owe  waz  hat  her  getan 
5  mocht  yr  yn  nich  lebynde  lan. 
vnd  nemt  myr  den  lyp 
was  sal  ich  vil  armis  wyp 
owe  nu  ist  her  tot 
nu  womowyt  sich  myt')  not 
10   vnd  myues  herczyn  bittyr  clage. 
dy  sycht  meryt  von  tage') 
synt  ich  syn  byn  ane 

Maria  dicit. 

Owe  vnde  owe. 

owe  hüte  vnd  ymmyrme 

15   owse  iamirliche  clage 
dy  ich  arme  mutyr  trage, 
von  mynes  lybes  kyndes  not 
daz  do  heyget  ^)  vor  myr  tot 
gecrucegyt  alzo  eyn  dyp 

20  her  waz  myn  trut  vnd  myn  lyp 


18—21  =  Fundgr.  2,  263.  Germ.  3,   283.     Mone  1,  34.  21  lies  werden  Mt. 

22  fg.  =  Germ.  3,  286.  Mone  1,   33.  Pichler  34.  Altd.   Bl.  2,  374.  7—12  =  Genn. 

3,    286  ;   vgl.    Fundgr.  2,    271.  Haupt  7,    549.  13—18  =  Germ.  3,    283.   Mone  1, 

32.  199.  Pichler  34.  23-26  =  Germ.  3,  285.  Pichler  32.   34.  26    Hes    di/    erde 

bebyt.         4—7  =  Germ.  3,  284.  Mone  1,  199.    Fundgr.    2,    263.  8—11  =  Germ. 

3,  285.  9  lies  myn  not.  11  lies  von  tage  czu  tage.  15—16  =  Germ.    3,  285, 

Pichler  20.  17  lies    henget.    Pichler    S.  35. 


60  CARL  SCHRÖDER 

nu  zoyt  alle  dy  martyr  syn  dy  ym  woren  czart  vnd  dar. 

wy  eyn  crone  doinnyu.  syn  antlicz  ist  czu   .... 

gedruckyt  ist  durch  syn  hobyt  daz  nmcz  ich  arme   .   .    . 

do  wou  ich  arme  byn  betoubit  —   —   —  —  —    — 


25  syn  ovgyn  synt  vor  vallyn  gar. 

BRESLAU.  ALWIN  SCHULTZ. 


ZUM  BRANDAN. 


Ueber  das  Verhältniss  zwischen  der  niederländischen  und  der 
niederdeutschen  poetischen  Bearbeitung  der  Brandanlegende  sind  von 
je  die  Urtheile  ziemlich  weit  auseinander  gegangen.  Während  Willems 
(Reinaert  de  Vos  p.  XVIII)  und  nach  ihm  Blommaert  (Oudvlaemsche 
Gedichten  I,  91)  und  Koberstein  (Grundriß  I,  4.  Aufl.,  S.  347  Anm.  h) 
den  niederdeutschen  Text  für  eine  verkürzte  Übersetzung  des  nie- 
derländischen erklären,  möchte  nach  Moues  Vorgang  Jonckbloet  (Ge- 
schiedenis  der  middennederlandsche  dichtkunst  I  p.  413)  für  das  nie- 
derländische Gedicht  ein  hochdeutsches  Original  annehmen,  und  eine 
neuere  Ansicht  endlich  lässt  im  directen  Gegensatz  zu  Willems  dem 
niederländischen  ein  niederdeutsches  Gedicht  zu  Grunde  liegen, 'welches 
in  der  That,  wenn  auch  in  späterer  Überlieferung  (bei  Bruns,  roman- 
tische und  andere  Gedichte  in  altplattdeutscher  Sprache.  Berlin  1798) 
erhalten  ist.'  (Martin  in  Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  I,  162.) 
Diese  Verschiedenheit  der  Ansichten  schien  gleichwohl  so  lange 
möglich,  als  eine  eingehende  Betrachtung  der  beiden  uns  überliefer- 
ten Gedichte  nicht  angestellt  worden  ist. 

Was  zunächst  den  niederdeutschen  Text  anlaugt,   so  musste  bei 
genauerem  Zusehen  die  Wahrnehmung  gemacht  werden,  daß  eine  An- 
zahl der  schlechten  niederdeutschen  Reime  bei  einer  Übertragung    zu 
tadellosen  hochdeutschen  werden.  Einige  Beispiele: 
V.  15.     sinne  :  wunne;  mhd.  sinne  :  winne. 

160.  s§de  :  clagede;  mhd.  sagete  :  clagote. 

hinderen  :  viuden;  mhd.  kinden  :  vinden. 

stempne  :  grimme;  mhd.  stimme  :  grimme. 

Avas  :  mat;   mhd.  was  :  maz. 

sit  :  sw(jtet;  mhd.  sitzet  :  switzet. 

lätet  :  gät;  mhd.   lät  :  gät. 

27  Vermuthlich  czuslagin,  reimend  auf  klag  in. 


V. 

58. 

V. 

248. 

V. 

348. 

V. 

460. 

V. 

626. 

V. 

660. 

ZUM  BRANDAN.  61 

V.  838.  ovcrstegen  :  liggen;  mhd.  überstigen  :  ligen. 

V.  8G1.  rü  :  bük*j;  mhd.   rücli  :  buch. 

V.  948.  sagen  :  na;  mhd.    stdien  :  nähen. 

V.   1079.  Ybernien  :  gerne;  mhd.  Iberne  :  gerne. 

Alle  diese  Beispiele  sind  ganz  auffallend.  Es  kommt  hinzu,  daß 
der  niederdeutsche  Text  nicht  wenige  Formen  bietet,  die  im  correcteu 
Niederdeutsch  anders  lauten  sollten: 

V.  7.  stat  :  gat;  niederd.  steit  :  geit. 

V.  75.  kil  :  vil;  niederd.  vel.  Vgl.  v.  141.  475.  575. 

V.  385.  gesach  :  bach;  niederd.  b^ke. 

V.  387.  guldin :  sin.  Die  Adjectivcndung  w  ist  nicht  nieder- 
deutsch ;  wirklich  steht  auch  v.  369 :   gülden  :  sin ;  v.  446 :  vüren  :  sin. 

V.  391.  sunne  :  brunne.  Die  niederdeutsche  Form  des  letzteren 
Wortes  bricht  gleich  darauf  durch  in  v.  395: 

mel  (1.  melk)  unde  honnichsem  dat    üt   dem    hörnen   vlot. 

an  ver  ende  sek  de  hörne  got. 

V.  471.  das  :  was;  niederd.    dat:  Avas. 

V.  924.  nennest  :  kennest;  niederd.  nomest. 

V.  1067.  besach  :  sprach;  niederd.   sprak. 

Endlich  fallen  einige  Ausdrücke  und  Redewendungen  ins  Auge, 
welche,  hochdeutschen  Gedichten  geläufig,  im  Gewände  des  Nieder- 
deutschen fremdartig  klingen  imd  gewissermaßen  maskiert  erscheinen- 
Dahin  gehört  z.  B.  v.  872: 

dar  stunden  6k  clor  schauwen       •  '" 
man  unde  frauwen, 
so  wie  nicht  minder  v.  1048 : 

dar  vunden  se  enen  schönen  man, 
de  was  nä  prtse  icol  gedän.  — 

Auf  solche  Erwägungen  gestützt,  hatte  ich  schon  vor  mehr  als 
Jahresfrist  unternommen,  noch  mehr  ins  Einzelne  gehend,  die  Ansicht 
zu  begründen :  daß  der  niederdeutsche  Brandan  eine  Übersetzung  aus 
dem  Hochdeutschen  sei.  Daß  ein  solches  hochdeutsches  Gedicht  exi- 
stiert habe,  dafür  gab  es  ein  bestimmtes  Zeugniss.  Frisch  nämlich  in 
seinem  Wörterbuch  I,  342  unter  gerhen  führt  aus  einem 'Ms.  vom 
St.  Brandano'    die  Verse  an: 

Er  gerbete  sich  viel  schone 
zu  der  messe  vrone,  — 
ein  Citat,  welches  Bruns  nicht  entgieng  und  auch  v.  d.    Hagens    Auf- 


*)  So,  und  nicht  wie  bei  Bnins,  sind  die  Verse  zu  theilen. 


62  KARL  SCHRÖDER 

merksamkeit  erregte:  letzterer  fand  eine  Notiz,  der  zu  Folge  die  Hs. 
in  Berlin  sein  sollte,  doch  gelang  es  ihm  nicht,  sie  aufzufinden  (Lite- 
rarischer Grundriß  zur  Gesch.  d.  deutschen  Poesie,  S.  295).  So  durfte 
ich,  als  ich  das  Ergebniss  meiner  Untersuchungen  in  die  Hände  des 
Herausgebers  dieser  Blätter  niederlegte,  mich  bei  der  Annahme  beru- 
higen, daß  die  Hs.  nicht  auffindbar  sei. 

Aber  noch  bevor  mein  Manuscript  zum  Drucke  gelangen  konnte, 
wurde  mir  die  Nachricht,  daß  das  in  Frage  stehende  Gedicht  wirklich 
erhalten  und  zugänglich  sei,  und  zwar  in  einer  Hs.  der  königl.  Biblio- 
thek in  Berlin  (Ms.  Germ.  Octav.  56),  welche  als  zweites  Stück  (fol. 
13" — 50'')  das  Gedicht  Von  sente  Brandan  enthält  *).  Unter  diesen  Um- 
ständen könnte  es  scheinen,  als  seien  weitere  Untersuchungen  über- 
haupt nicht  mehr  von  Nöthen.  Doch  ist  dem  nicht  so.  Einmal  lässt 
sich  wohl  für  den  Nachweis,  daß  der  niederdeutsche  Brandan  aus 
einer  hochdeutschen  Quelle  geflossen  ist,  eine  erhöhte  Wahrscheinlich- 
keit gewinnen,  doch  ist  der  Beweis  nicht  mit  voller  Evidenz  möglich; 
und  sodann  gibt  der  Umstand,  der  mit  Sicherheit  festgestellt  werden 
kann,  daß  wenigstens  unsere  Handschrift  es  nicht  war,  die  dem  nie- 
derdeutschen Bearbeiter  vorlag,  Anlaß  zu  Erörterungen  über  das  Ver- 
hältniss  der  verschiedenen  nunmehr  bekannten  Brandantexte. 

Die  Berliner  Hs.,  die  Avir  im  Folgenden  der  Kürze  wegen  mit 
B,  wie  den  in  der  Wolfenbütteler  Hs.  erhaltenen  niederdeutschen 
Brandan  mit  W  bezeichnen,  hat  einige  einleitende  Verse,  die  in  W 
fehlen;  dieselben  lauten  fol.  13"): 

Vornemet  alle  wie  er  vant 

Ein  herre  der  was  uz  trierlant 

Vil  manige  gotes  tougen 

Crist  irluchte  raines  herzen  ougen 

Vnde  richte  min  gemute. 

Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  hier  gleich  zu  Anfang  eine  Text- 
verderbniss  vorliegt :  wenn  die  beiden  ersten  Verse  einen  genügenden 
Sinn  ergeben  sollen,  so  müssten  sie  mindestens  umgestellt  werden. 
Aber  sie  sind  nur  einem  Missverständniss  des  ersten  Abschreibers  ent- 
sprungen: das  ergibt  sich  aus  dem  Anfang  des  in  der  Comburger  Hs. 
überlieferten  jüngeren  niederländischen  Brandan  (bei  Blommaert  a. 
a.  0.  H  p.  3): 


*)  Ich  bin  fiü-   diesen    Nachweis    Herrn    Professor    Zacher,    für  die  Zusendung 
der  Hs.  Herrn  Geh.  Regierungsrath  Pertü  zu  Danke  verbunden. 


ZUM  BRANDAN. 


Nu  vcraeemt  hoe  over  lanc 

Een  beere  was  in  Yerlant*), 

Die  sach  menich  Gods  teekijn. 
Interessant  ist  aber  diese  Corruption  dadurch,   daß   sie  uns   ver- 
räth,  wo  der  Absebreiber,  der  sonst  im  Allgemeinen    sieb  großer  Cor- 
rectbeit    befleissigte,    die    Heimat    seiner  Vorlage    suchte,    nämlich    in 
Trierlant. 

Ich  gebe  nun  im  Folgenden  zunächst  eine  Reihe  von  Stellen,  in 
denen  das  niederdeutsche  Gedicht  an  Unklarheiten,  Fehlern  und  Miss- 
verständnissen leidet,  die  sich  fast  ausnahmslos  aus  dem  hochdeut- 
schen Texte  berichtigen  und  ergänzen;  die  Nutzanwendung  ergibt 
sich  von  selbst. 


W.     63  In  dinemnamen  wileklieu  varen 
dat  ek  erkenne  den  deel. 
dar  tu  gif  mi  snel 
dat  ek  ervuUe  de  willen  diu. 

W.     78  alse  om  de  here  wisliken  gebar. 
6k    let   he   vele    dinges   mäken 

darinne 
nä  wislikem  sinne 
unde  ene  capellen  göt: 
sin  hilgredöm  darin  he  droch. 


W.     87  enen  nam  om  got  in  der  wise 
vor  dem  paradise. 

W.  108  do  kemen  se  in  grote  not. 

en  wölke  sekin  dem  ostenuntslut 
unde  van  enander  sek  entgot, 
darüt  so  vor  en  der  gröslik, 
dat  was  enem  herte  gelik. 
albernende  ot  vor  on  kam, 


B.  15*  Nach    diuen    wunderen    wil   ich 

varn 
uncz  ich  irkenne  etelich  teil, 
nü  verlie  mir  ouch  daz  heil 
daz  ich  irvulle  den  willen  din. 

B.  lö**  der  herre  vil  wislich  gebar, 
wol  getane  vensterlin 
liez  er  machen  darin, 
er  liez  ouch  machen  darinne 
nach  wislichem  sinne 
eine  capelle  schone  genüc: 
sin  heilictüm  man  darin  trüc. 

B.16*  den   einen  nam  im  got  der  wise 
vor  dem  vronen  paradise. 

B.  1 6''  darnach  nicht    lange   brächt  sie 

in  not 
ein  tir  daz  was  vreislich  : 
einem  trachen  was  ez  glich, 
vorslinden  woldez  den  kiel: 
im  was  der  munt  unde  der  giel 


*)  Das  von  Bruns  v.  19  gesetzte  Jitlant  steht  nicht  in  der  Hs.,  welche  viel- 
mehr Irlant  hat;  ein  später  hineingerathener  Strich,  der  mit  einem  t  eine  entfernte 
Ähnlichkeit  hat,  mag  Veranlassimg  zu  der  Lesung  Jitlant  gegeben  haben.  Beiläufig 
mögen  hier  noch  die  Stellen  verzeichnet  stehen,  an  denen  Bruns  falsch  gelesen  hat; 
v.  14  duchte  dut  vnmere  ;  v.  22  duchte  di  sin;  v.  285  were;  v.  337  ist  ausgelassen: 
Got  mote  vns  beide  geleiden;  v.  369.  grünt;  v.  531  bet  für  he,  auch  dies  verschrie- 
ben für  bek  mhd.  pech;  v.  539  dochtest;  v.  547  gestanden;  v.  662  we  für  wir,  das 
zweite  nicht  zu  streichen;  v.  680  vlogen;  v.  687  dore;  v.  739  so  komen.  vnscone ; 
V.  824  ist  ausgelassen  alsc  des  himmels  trone;  v.  875  scone ;  v.  879  stunt ;  v.  961 
iuwe;  v.  980  manklachter. 


64 


CARL  SCHEODER 


encn  draken  ot  in  der  stunde  nam 
unde  wantsekmit  om  in  de  lucht. 
tö  godde  se  repen   mit  ganser 
vlucht  etc. 


W.  123  darnä  de  hillige  man 
each  enen  walt  stiln 
gewassen  up  enem  vische. 
dat  wäter  was  gar  riscbe. 
do  se  kernen  in  de  have 
in  des  waldes  auwe, 
se  mfikeden  dar  en  scone  vur. 
de  vraude  was  one  dür, 
do  de  visch  dat  vur  vornam, 
he  one  mit  dem  entkam, 
dut  sach  de  hilge  man, 
dat  de  visch  unde  de  walt 
,  one  entkam  also  balt. 
küme  he  to  dem  kile  kam 
unde  sine  brodere  he  mit  sek  nam. 


W.  145  dut  mach  en  grot  visch  sin 
unde  meniges  däges  olt 
er  om  gewassen  is  de  wolt. 

W.  152   unde    brochten    se    in   körten 
stunden 
dat  Se  lant  vunden 
dar  se  holden  mochten  an. 

W.  170  sunte  Brandän  sprak.  de   visch 
begunde 
gän  to  des  meres  gründe, 
do  slügen  sek  de  bulgen 
went  se  der  not  entvloten. 


mancher  cläfter  wit  und  breit, 
darnach  quämen siein  grözerleit: 
ein   wölken   in    den    lüften    sich 

entsloz, 
von  einander  ez  sich  ergoz, 
darüz  so  vur  ein  tier  grülich, 
daz  was  eime  hirze  glich : 
alburnende  ez  varende  quam, 
den  trachen  ez  zu  der  stunde  nam, 
ez  want  sich  in  die  lüfte  üf. 
got  riefen  sie  an  der  sie  geschüf. 

B.  17"  darnach  sach  der  heilige  man 
einen  schonen  walt  vor  im  stän, 
der  stunt  üf  eime  vische. 
an  eime  wazzer  rische 
daz  in  daz  wilde  mer  ran, 
da  hatte  der  visch  in  getan 
unde  gewesen  zwäi-e 
wol  vier    tüsent  järe. 
do  sie  quämen  an  die  habe, 
dö  gienge  sie  alle  abe 
in  des  waldes  öwen. 
sie  wolden  holcz  houwen. 
ir  cleider  sie  üf  hiengen, 
wite  sie  umme  giengen. 
einen  dürren  boum  sie  vunden : 
do  sie  den  houwen  begunden, 
do  gienc  daz  wilde  lant 
sin  wec  hin  alzühant, 
daz  der  vil  heilige  man 
den  kiel  küme  wider  gewan. 

B.  1 7''  diz  mac  ein  visch  vil  wol  sin 
der  zühet  dissen  walt  in. 
er  was  vil  manges  tages  alt 
e  im  gewüchs  der  walt. 

B.  n^  sie  brachte  in  kurzen  stunden 
da  sie  ein  lant  vunden 
unde  sie  haben  mochten  hän. 


B.  18*  sprach  sente  Brandän 

als  der  visch  begonde  gän 
zu  des  meres  gründe, 
do  slügen  sie  die  unde 
biz  sie  der  not  entvlozzen. 
gotes  gute  sie  genozzen. 


ZUM  BRANDAN. 


65 


W.  186  lange  vor  ot  umme  den  kil. 

Brandän  vel  nedder  up  sine  kni 
went  dat  de  der  vorswunden. 


W.  197  van  dorste  unde  van  bitte  grot. 
sprak  sunte  Brandan  liere  got, 
over  uns  geit  nü  goddcs  slach. 


W.  2  1 8  he  let  dat  segel  wenden 
Ute  dem  elende 
mit  dem  vorsegelden  kile. 
der  sele  se  dar  v§le  vunden 
de  dar  lepen   umme  unde  repen 
lüde  acli  unde  we. 

W.  234.  dö  rep  dar  en  stempne  lüt 
dat  nü  so  wart  gehört : 
norden  up  dem  mere  wende, 
dar  sc  got  hen  sende. 


B.  iS"*  lange  vür  ez  um  den  kiel, 
sente  Brandan  der  viel 
dicke  üf  sine  bare  knie 
biz  daz  sie   daz  tier  verlie. 

B.  1  8^  von  dorste  und  von  hitze  not. 
waz  mac  diz  wesen,  hcrre  got 
sprach  der  vil  heilige  man, 
:        der  gute   sente  Brandan. 
ein  sele  wider  in  du  sprach 
'alsus  sei  wir  diz  ungemacli 
liden  biz  an  den  jungesten  tac. 
über  uns  get  nü  gotes  sl.ic. 

B.  1  9^  er  hiez  dö  umme  wende 
viz  so  getanem  elende 
"     ■      mit  dem  virsigelten  kil. 
der  seien  was  da  gar  vil 
die  um  den  se  liefen, 
owe  wie  lüte  sie  riefen. 

B.  19''  in  anrief  ein  stimme  lüt, 
daz  der  wise  gotes  trüt 
norden  üf  daz  mer  wente, 
_.     da,  in  got  hin  gesente. 

wan  ein  stein  liget  darinne, 
der  betrübet  manches  sinne: 
swaz  isens  da  bi  queme,  '   /// 

.    •.     daz  er  daz  al  zii  im  neme, 

ez  müste  ouch  immer  da  bliben. 
.  ,  I     dö  begonde  sie  ein  wint  triben 
nordenthalb  verre  genüc. 
kegen  einer   steiuwant    daz    mer 
in  trüc. 


W.  282  up  dem  sulven  stene 

dar  sat  en  minsche  allene, 
en  clüsener  vmde  rü  dat  lic  was. 
wü  he  dar  komen  were, 
vraofede  sunte  Brandän. 


W.  283  got  het  mi  dat  här 
tö  euer  bede  geven. 

W.  295  nü  nene  minschen  stempne  lur 
wen  allene  de  stempne  dine. 

GKKMANIA.  Neue  Reihe  IV.  (XVI. ;  Jahrg. 


B.  20^^  vif  dem  selben  steine 

saz  ein  mensche  aleine: 
rüch  als  ein  ber  der  was.. 
,    ^    der  üf  dem  wizen  steine  saz, 
der  was  ein  clüsenere. 
wannen  er  dar  kumen  were, 
.  des  vrägete  in  sente  Bj-andän. 

B.21'^got  der  hat  mir  daz  här 
zii  "einer  wete  gegeben. 

B.21*mc  keines  menschen  stimme  ie 
dan  dine  aleinc,  hcrre,  hie. 

5 


66 


KAEL  SCHRÖDER 


W.  305  do  wan  ek  to  wive 
miner  suster  live. 

W.  354  der  bösen  sprak  en  to  om. 


W.  379  dat  se  des  lechten  däges  nicht 
mochten  sen  vor  düsternis. 

W.  396  an  ver  ende  sek  de  borne  got. 
in  dem  säle  weren  6k 
vif  hundert  cedren  bome  gut. 
den  monniken  wart  gar  gut  ore 

möt, 
van  denne  se   kärden   ungeme 

wedder. 
me  kerde   den   sal   mit    päwen 

vedderen. 
boven  under  dem  dake 
dar  weren  alle  gemake  etc. 


W.  448  sin  swert  was  bret  undelang. 
Elias  sprak :  'wil  gi  mit  mi  gän  ?' 

W.  453  de  porten  sloch  he  nä  om  to. 


W.  499  vil  scher  wart  en  schin 

unde   worden     gelöst    van    der 

sorge  pin. 
darnä  en  stempne  om  to  sprak  : 
'wat  witestu  mi,  Brandän?' 

W.  558  me  hörde  dar  jämer  clägen 

van  den  de  dar  vorsegelt  wären, 
se  grepen  up  de  kile. 
de  döden  begunden  to  ilen 
al  de  dar  legen  sachhaftich. 
de      düvel      kam      unde      was 
creftich  etc. 


B,  21*do  gewan  ich  zu  wibe 
die  mine  swester  liebe. 

B.  22*  der  bösen  einer  sprach  im  zil : 
du  hast  diz  wol  vernumen  nü. 

B.  22'*daz  sie  des  clären  tages  liecht 
vor  vinsternisse  gesägen  nicht. 

B. 23*.  .  .  daz  an  vier  enden  sichergoz. 
von  dem  selben  brunnen 
haben  die  würze  saf  gewunnen 
die  got  liez  gewerden  ie. 
in  dem  sale  wären  hie 
vumfhundert  sidelen  gut. 
den    munchen     allen    wart    vrö 

der  Taut, 
von  dan  sie  ungerne  wider 
karten,  von  pfäwen  gevidere 
was  in  dem  sale  obene  daz  dach, 
da  was  inne  allez  daz  gemach  etc. 

B.  2  4*  daz  swert  daz  was  breit  und  lanc. 
Hellas  sprach:   nümitmirganc  . 

B.  2  4*  die  pforte  slüc  er  dräte  zu. 
dannen  hüben  sie  sich  nü. 

B.  25*vil  schire  wart  in  schin  darnach 
wie  ein  stimme    wider  in  sprach : 
'waz  wizestü  mir,  Brandän?' 


B.  25'' man  hörte  jämer  unde  clagen 
von  den  die  da  versigelt  lägen, 
die  grifen  an  den  kielen 
üf  die  töden  vielen 
al  da  sie  lägen  scharaft. 
ouch  quam  der    txivel  mit  grozer 
craft  etc. 


W.  594  de  möt  van  vrauden  släpen.  B  26** der    müz     von     vreuden     släfen 

durch  not. 

von  den  kumt  mancher  in  den  tot. 
W.  607  he  sprak,  he  wolde  se  leren  etc.      B.  26''er  hiez  sie  dar  keren. 

er  sprach,  er  wolde  sie  leren  etc. 


W.  622  des  mach  ome  wol  vordreten:        B. 27''daz  ez  in  wol  mac  verdriezen. 


ZUM  BRANDAN. 


67 


du  scoldest  di  darane  vliten. 
di  is  unse  let  so  lef, 
du  nemest  uns  den  t6md§f 
de  dar  hinder  sek  sit 
unde  van  verebten  swetet. 
de  monnik  lach  in  sorgen, 
he     hadde     sek      hinder      om 
vorborgen, 
de  düvel  en  glöendieh  most  dröcb, 
de  was  lang  unde  swäre  noch, 
he  warp  den  mast  an  den  kil 
de  swerliken  nedder  vil. 


des  soldestü  dich  nicht  vliezen. 

dir  ist  unser  leit  zu  lib. 

du  nemo  uns  ouch  den  zoumdieb 

der  hinder  dir  da  sitzet 

und  vor  angeste  svvitzet.' 

der  munch  der  lac  in  sorgen, 

er  hatte  sich   verborgen 

under  einer  kielbanc, 

die   wilc   düchte    in  eines  järes 

lanc. 
daz  er  in  so  sere  vorchte, 
des  spotte  der  verworchte: 
ein  glüende  masse  er  trüc. 
die  was  swere  und  gröz  genüc, 
er  warf  die  masse  an  den  kiel, 
der  munche  gnüc  nider  viel. 

Der  unglückliche  glühende  Mast!  Auch  Cholevius  in  seiner  Ge- 
schichte der  deutschen  Literatur  nach  ihren  antiken  Elementen  1,  169 
sagt:  die  'Teufel  werfen  wie  der  Cjclops  einen  glühenden  Mast  nach 
dem  Schiffe  um  es  zu  zerschmettern.'  Die  glüende  masse  aber  unseres 
hochdeutschen  Textes  beruht  auf  der  lateinischen  Legende:  portans 
.  .  .  massam  igneam.  Jubinal  la  legende  latine  de  S.  Brandaines  p.  4L 
Auch  dem  Schreiber  von  W  scheint  der  Mast  nicht  unbedenklich  ge- 
wesen  zu  sein:  er  schrieb  einmal  most  und  einmal  mast. 


W.  6 54  de    monnik    de    in     der    helle 

Wesen  was, 
tö  sunte  Brandäne  he  sprak. 

W.  731  up  anderhalve  dem  stene 
was  ora  so  bete, 
dat  he  nergen  hadde  hulpe. 
sus  was  ot  om  to   bete   unde  to 
kolt. 


B.  28' der  munch  der  in  der  helle  e  was, 
zu  sente  Brandän  sprach  er  daz. 


B  31^  anderhalb  uf  dem  steine 

was  im  so  heiz  daz  er  bran. 
nicht  beschirmes  er  me  gewan 
wan  ein  wizez  tvvelelin, 
daz  hielt  er  stetelich  vor  in 
und  slüc  die  hitze  von  im  dan. 
ein  schür  die  viel  in  eben  an, 
die  was  heiz  unde  kalt. 


W.  7 50' des  bin  ek  vorlorn 

dat  ek  on  hän  vorkorn. 
nü  enhebbe   ek   nummer  nene 
gnade. 


6.32"^ des  hän  ich  \nl  sere  entgolden: 
wen  dö  mich  rüwen  solden 
mine  sunde  uz  der  mäzen  groz 
von  der  wegen  ich  got  verlos, 
in  einem  zwivel  ich  da  besaz: 
mir  geriet  der  tüvel  daz 
daz  ich  mir  selbe  tet  den  tot. 
des  milz  ich  immer  liden'not. 

5* 


68 


KARL  SCHRÖDER 


W.  776  he  nam  dat  hilgedom  to  sek 
linde  wolde  merken  de  tit: 
al  se  gingen  imde  bededen  sere. 


W.  786  du  vellen  se  al  ilt  dem  gliile, 

dar  stank    swefel   unde   bernde 
viir  alse  stro. 


het  ich  gehabet  rüwe, 

got  der  ist  so  getrinve, 

er  hette  mich  entphangen  drat. 

alsus  enwirt  min  nimmer  rat. 

B.  33^dö  hiez  seute  Brandän 

daz  heihctüm  hervur  nemen, 
wen  die  tüvele  dar  quemen, 
daz  sie  ez  sehen  offenbaren, 
als  die  tüvele  kumftic  wären, 
do  kos  er  im  die  rechte  zit: 
er  gienc  durch  sin  gebet  besit. 

B.  33^dö  viel  in  allen  üz  dem  giele 
pech  rouch  als  ein  nebel, 
darinne  gar  burndez  swebel. 
alsus  daz  glüete  äne  zil: 
wä  ez  üf  daz  mer  gevil, 
da  brante  daz  wazzer  alse  stro. 


W.  812  unde  let  upten  dat  s^gel 

wentdatse  vorlornden  hellewech 
unde  den  rechten  gank  koren. 


W.  826  unde  lit  darumme  da 

dat  it  den  luden  si  ungelik. 
hadde  se  de  wiut  dar  nicht  hen 
slagen  etc. 

W.  840  lintworme  unde  dräken 

de  dar  von  dwanges  wegen  säten 
unde  hodden  de  porten. 

W.  878  nicht  schinen  konde  ist  reimlos. 


B.  34^*  do  hiez  der  gute  Brandän 
sine  segel  üf  zihen  sän 
biz  daz  sie  den  hellewec  verliiren 
imde  rechten  ganc  irkurcu. 

B.  35* und  ist  gelegen  hirumme  da 

daz  ez  den  lüten  were  unkunde, 
und  betten  sie  die  wilden  unde 
nicht  so  hin  geslagen  etc. 

B.  35^1intwurme  und  trachen 

die  von  getwanges  sachen 
da  hütten  der  pforten. 

B36''küme  schein  üf  die  erde. 

under  deme  boume  werde  etc.  es 
fehlen  16  Zeilen. 


W.  900  unde  kranekeshelse(so  dieHs.)      B.  37^crancheshelse,  menschliche  brüst, 
unde  minschen  brüst,  sie  hatten  richtüm  nach  irre  last : 

de  richteden  sek  nä  orer  lust.  sidiu  was  ir  gewete, 

Brandän  bat  to  gode  tröst  etc.  ir  ieglicher  hete 

ein  hoinin  bogen  in  der    heude. 

in  dem  grözen  elende 

bäten  sie  daz  sie  got  tröste  etc. 


W.  1021  we  kernen  up  dem  wege 

iip  ene  borch  de   het  Luprie, 


B.  45^  man  sagete  uns  vif  dem  wege 
al  des  berges  gelege 


ZUM  BRAND  AN. 


69 


dar  worde    we    eutfangen   ge- 
meine etc. 


W.  1037  he  sprak:    'de   di   dofte   unde 
makcde  van  Sunden  reine,    , 
der  sulven  bin  ek  eue.' 


W.  1058  de  nacht  wart  nü  so  dunker, 
he  sehen  lechte  also  de  dach 
alse  uns  secht  de  scrift  daraf.  . 
he  dröch  an  sinem  live 
cn  himmet  wit  van  siden 
van  schönen  beiden  gemäket. 


unde  wie  er  hieze  Lüprie. 

als  wir  dariif  solden  gc, 

wir  worden  entfangen  gemeine  etc. 

B.  45''  er  sprach  :  'der  dich  rif  Luprie 
toufte  unde  machte  vrie 
von  suuden  unde  reine, 
der  paten  bin  ich  eine.' 

6.48"  ez  enwart  nie  tac  so  tunkel, 

er  müste  Hecht  da  von  entpfän. 
die    nacht    wart     ouch   irlüchtet 

da  van, 
als  uns  die  buche  schribe. 
er  trüc  an  sime  libe 
einen  pelz  von  hermelin 
so  er  beste  mochte  sin. 
die  stüchen  wären  im  wit, 
darüber  ein  cleit  von  samit 
von  schönen  bilden  gemachet. 


W.  1079  hen  tö  hus  tö  Ybernieu. 

dar  were  ek  van  herteu  gerne." 
dö  sede  he  one  ore  tökumpst. 
'uns  helpe  Christus    de  ewige 

got, 
he  bescherme'  etc. 


B.  48'' hin  heim  zvi  Ibcrae, 

da  were  ich  vollen  gerne 

zu  miner  geistlicher  diet. 

dö  ich  zu  jungest  von  in  schiet, 

dö  sagete    ich  in    miue    zükumft 

siderc. 
des  helfe  uns  got  hin  widere 
unde  beschirme  etc. 


W.  1119  de  sulven  elende  geste 

unde  bunden  one   al  vaste. 
dö    kemen  tigen   one   bi'ödere 

mit  crucen  gangen 
de  se  Icfliken  entfengen. 
dö  sprak   en    stempne  goddes 
tigen  den  hilgen  man  etc. 


B.  50*  die  selben  elenden  geste 

bunden  den  kiel  veste. 

daz  buch  "trugen  sie  mit  in  hin. 

da  quamen  gegangen  kegeu  in 
■  ■'■  vil  der  brüdar  diesieentphiengen 

unde    mit   den    crucen   kegen  in 
giengen. 

dö  sprach  die  gotes  stimme  dö 

zu  dem  heilinren  manne  so  etc. 


W.  1128  wen  du  hir  nicht  lenk  machst 

bliven 
60  scaltü  vären  in  dat  rike  min. 


B.  50*^80  des  nicht  me  muge  sin 
so  vare  in  daz  riche  min. 


W.  1149  unde  sin  möder  Maria 

dat  we  de  ewigen   vraude  be- 
sitten  hir  nä  etc. 


B.  50'' unde  sine  müter  Marie 
die  suze  waudels  vrie 
daz  wir  da  mit  witzen 
müzen  die  vreude  besitzen  etc. 


70  KARL  SCHRÖDER 

Die  hier  beigebrachten  vergleichenden  Beispiele  liessen  sich  ohne 
Mühe  noch  erheblich  vermehren,  doch  werden  sie  schon  genügt  haben, 
jedem  Leser  den  Eindruck  zu  machen,  daß  der  niederdeutsche  Brandan 
eine  verkürzte  Bearbeitung  eines  hochdeutschen  Textes  ist,  und  daß 
diese  Verkürzungen  fast  durchweg  mit  außerordentlicher  Plumpheit,  mit 
größtem  Ungeschick  vorgenommen  sind.  Dabei  werden  wir  allerdings 
bekennen  müssen,  daß  an  einzelnen  Stellen  das  niederdeutsche  Gedicht 
richtigere  Lesungen  und  bessere  Wendungen  hat.  Richtig  ist  z.  B. 
in  W  581:  van  den  engelschen  tungen  gegenüber  der  unsinnigen  Le- 
sung von  B  26*:  von  engestUchen  zungen\  ebenso  darf  getrost  B  47'' : 
er  solde  daz  riche  da  verstän  nach  W  1054  in  richte  geändert  wer- 
den. Auch  stehe  ich  nicht  an  zu  sagen,  daß  mir  W  749:  den  Johan- 
nes doße  weit  mehr  zusagt  als  B  32*:  der  sich  durch  uns  toufte,  und 
daß  ich  es  keineswegs  für  glücklich  halte,  wenn  B  36**  schreibt: 
da  stunden  euch  durch  schowen 
pfaffen  unde  vrowen 
gegenüber  man  unde  frauwen  W  873- 

Daß  es  nicht  B  war,  aus  der  W  übersetzte,  ergibt  sich  aus  dem 
Umstände,  daß  B  eine  Lücke  hat,  die  sich  in  W  nicht  findet,  und 
zAvar  ist  diese  Lücke  der  Art,  daß  nicht  etwa  in  B  ein  Blatt  heraus- 
gerissen wäre;  vielmehr  findet  sich  mitten  in  der  Erzählung  in  B  25' 
ein  Sprung,  den  der  Schreiber  nicht  markiert  hat,  und  der  im  unver- 
kürzten niederländischen  Brandan  (Blommaert  I,  106)  von  v.  889 — 942 
reicht,  also  54  Zeilen  umfasst.  Wenn  die  Vorlage  von  B  dasselbe  For- 
mat hatte  wie  B  selbst,  so  wäre  das  gerade  ein  Blatt  und  dürften  wir 
also  annehmen,  daß  in  der  Hs.  von  der  B  abschrieb,  entweder  ein 
Blatt  ausgerissen  war  oder  daß  der  Schreiber  beim  Umschlagen  statt 
eines  gleich  zwei  Blätter  umschlug.  Es  war  also,  wie  gesagt,  nicht 
B  die  Vorlage  von  W,  und  es  ist  mir  in  hohem  Grade  wahrschein- 
lich, daß  diese  Vorlage  überhaupt  in  einer  andern,  einer  oberdeutschen 
]\Iuudart  geschrieben  war.  Reime,  wie  im  niederd.  Gedicht  v.  252 
u.  432  lecht  :  nicht'  v.  622  vordreten  :  vlitenj  v.  1011  rike  :  Grekeriy 
V.  1 1 26  hlr  :  si  geben  zwar  keine  genügende  Anhaltspunkte ;  sie  ent- 
sprechen hochdeutschen  Reimen  Hecht  :  nicht,  verdriezen  :  vUzen,  rtche  : 
Kriechen,  hie  :  si,  Reimen  wie  sie  auch  der    mitteldeutsche  Text  liebt. 

Der  Reim  i:  ie  ist  zahli'eich  belegt  gleichmäßig  für  die  baierisch- 
österreichische,  wie  für  die  alemannische  Mundart  (Weinhold  bair. 
Gr.  §.  90.  Alem.  Gr.  §.  40)  und  ist  auch  dem  Mitteldeutschen  geläu- 
fig; die  Schreibung  ^  für  ie  ist  zwar  im  Bairischen  selten  und  eignet 
mehr  dem  Alemannischen  (Alem.  Gr.  §.  40.  123),  aber  allerdings  eben- 


ZUM  BRANDAN.  7] 

falls  dem  Mitteldeutschen.  Was  ferner  v.  460  toas  :  mal,  v.'471  das: 
xoas  betrifft,  so  setzen  dieselben  hochdeutsches:  loas  :  mäz,  daz  :  loas 
voraus,  welches  wiederum  im  Baierischen  ungewöhnlich  (Bair.  Gr. 
§  151),  im  Alemannischen  häufig  ist  (Alem.  Gr.  §.  188) ;  ebenso  findet  sich 
diese  Bindung  im  Mitteldeutschen  und  speciell  die  Hs.  B  kennt  keine 
strenge  Unterscheidung  von  s  und  z,  sondern  setzt  Beides  willkürlich. 
Aber  es  sind  noch  andere  Einzelheiten,  die  uns  zwingen,  die  Heimat 
der  Vorlage  von  W  in  Oberdeutschland  zu  suchen.  In  W  v.  55  und 
208  ist  nämlich  sande  stehen  geblieben:  die  niederd.  Form  ist  sunte, 
die  niederländ.  sinte,  unser  mitteld.  Text  schreibt  sente,  also  auch  eine 
Form,  die  dem  Niederdeutschen  mehr  homogen  ist,  sande  aber  oder 
sante  ist  oberdeutsch.  Das  in  v.  23  erhaltene  froide  für  sonstiges 
niederd.  vraude  würde  zwar  allgemein  auf  alemannische,  speciell  aber 
noch  auf  elsässische  Mundart  weisen  (Alem.  Gr.  §.  69.  138).  Die  un- 
sinnige Schreibung  v.  288 

got  het  rai  dat  här 

to  ener  b^de  g^ven 
ist  nur  erklärlich  durch  die  Annahme,  daß  die  Vorlage  für  toaete, 
wete  ein  verhärtetes  bete  schrieb,  eine  Schreibung,  die  zwar  vorwie- 
gend der  bairischen  Mundart  eignet,  aber  doch  auch  alemannisch  hin- 
reichend belegt  ist  (Alem.  Gr.  §.  155).  Entschieden  hochdeutsch  ist 
W  826  Itt  für  niederdeutsch  licht -^  diese  Stelle  ist  dadurch  besonders 
wichtig,  daß  B  35'  nicht  Itt  hat,  sondern  ist  gelegen]  lit  für  liget  soll 
zwar  nach  Mhd.  Wb.  I  986"  ganz  allgemein  sein,  doch  s.  Weinhold 
Bair.  Gr.  §  51.  Entschieden  alemannisch  aber  sind  Reime  wie  v.  56 
u.  930:  Brandan  :  vornam ]  v.  222:  kam  :  an;  v.  707:  man  :  nam;  s. 
Alem.  Gr.  §.  203;  alemannisch  endlich  v.  476  noch  für  noch  niederd. 
nä,  so  wie  r.  739  komen  (kernen  bei  Bruns)  für  kämen  niederd.  kernen 
oder  quemen,  s.  Alem.  Gr.  §.  124. 

Es  erübrigt  noch,  auch  dem  älteren  niederländischen  Gedicht  et- 
was näher  zu  treten  und  es  auf  seine  Quelle  zu  untersuchen. 

Was  Mone  und  Jonckbloet  auf  die  Vermuthung  brachte,  daß 
dem  Bearbeiter  des  niederländischen  Brandan  ein  hochdeutsches  Ge- 
dicht vorgelegen  habe,  waren  hauptsächlich  die  ungenauen  Reime.  Es 
ist  freilich  dem  niederländischen  Text  gegenüber  einigermaßen  schwie- 
rig, eine  Untersuchung  auf  die  Reime  zu  gründen,  denn  der  Bear- 
beiter verfügte  über  eine  bedeutend  größere  poetische  Gewandtheit 
als  der  Niederdeutsche.  Dennoch  bietet  das  Gedicht  (bei  Blomraaert 
a.    a.    0.  p.    100 — 120)    eine    Anzahl    charakteristischer    Reime,    die 


72  KARL  SCHRÖDER 

:einen  Schluß  auf  eine  hoclideutsche  Vorlage  gestatten.  Dergleichen 
Reime  sind: 

V.  330.  1767.  wonder  :  comraer;  mhd,  wunder  :  kunder. 

V.  372.  1293.  armen  :  ontfermen;  mhd.  armen  :  erbarmen. 

V.  680.  708.  doncker  :  carbonkel;  mhd.  tunkel  :  karfunkel. 

V.  948.  besinghelt  :  ghelinget ;  mhd.  besenget  (versenget)  :  gelenget. 

V.  1110.  zee  :  eer;  mhd.  se  :  e. 

V.  1215.  alsoe  :  hoghe;  mhd.  also  :  ho. 

V.  1345.  Avert  :  vaert;  mhd.  wart :  vart. 

V.  1587.  porten  :  worden;  mhd.   porten  :  werten. 

V.  1735.  brande  :  scipmanne;   mhd.   bran  :  schifman. 

V.  1751.  buuc  :  ruut  (?);  mhd.  buch  :  ruch. 

V.  1755.  ghesetten  :  ghewettet;  mhd.  gesetzet :  ge wetzet. 

V.  1787.  nummes  :  kunnes;  mhd.  nennest  :  kennest. 

V.  1831.  geest  :  wits ;   mhd.  geist  :  weist. 

V.  1855.  2027.  sach  :  sprac ;  mhd.  sach  :  sprach. 

V.   1867.  Keerst  :  bist;  mhd.  Krist  :  bist. 

V.  1875.  Kerst  :  es ;  mhd.  Krist  :  ist. 

V.  2053.  wijt  :  sint;  mhd.  wit :  sit. 

Besonders  beachtenswerth  ist  der  drei  Mal  (v.  748.  1305.  1969) 
vorkommende  Reim  ticivel :  duvel,  beachtenswerth  deshalb,  weil  ein 
alemannisches  üvel :  zwlvel  (bei  Hugo  v.  Langenstein;  s.  Mhd.  Wb. 
III  42")  nachgewiesen  ist.  Au  alem.  Verwandlung  von  m  in  n  erin- 
nern ferner  Reime  wie  v.  498  vian  :  nam\  v.  878  inne  :  stemme;  mhd. 
inne  :  stimme'^  v.   \Q)H  scone  :  home  etc. 

Die  niederländischen  Literarhistoriker  sind  darüber  einig,  daß 
der  niederl.  Braudan  noch  dem  12.  Jahrhundert  angehöre.  Dieser 
Annahme  würde  die  Wahrscheinlichkeit,  daß  das  niederl.  Gedicht  aus 
einer  hochdeutschen  Quelle  geflossen  sei,  nicht  entgegen  stehen.  Wer- 
fen wir  noch  ein  Mal  einen  kurzen  Blick  auf  unser  mitteldeutsches  Gedicht. 

Die  Hs.  B  gehört  der  ersten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts,  aber 
das  Gedicht  ist  ohne  Zweifel  sehr  bedeutend  älter.  Niemand  wird  sich 
der  Wahrnehmung  verschliessen  können,  daß  zAvischcn  den  Legenden 
des  12.  und  denen  des  14.  Jahrhunderts  ein  sehr  merklicher  Unter- 
schied ist  und  zwar  namentlich  in  formeller  Beziehung.  Im  Gegensatz 
gegen  die  Rohheit  der  Verse  und  die  Unbeholfenheit  des  Ausdruckes, 
welche  wir  in  den  geistlichen  Dichtungen  des  12.  Jahrhunderts  finden^ 
sehen  wir  im  14.  Jahrhundert  eine  große  Sorgfalt  auf  die  Form  ver- 
wandt, die  sich  nicht  selten  bis  zur  Zierlichkeit  steigert.  Es  wäre  auch 
in  der  That  erstaunlich^  wenn   das  Beispiel    der    höfischen  Sänger  an 


ZUM  BRÄNDAN.  73 

den  dichtenden  Geistlichen  ohne  sichtbare  Spnren  vonibergegangen 
wäre.  Der  mitteldeutsche  Text,  wie  er  uns  vorliegt,  gibt  allerdings 
Zeugniss  von  einer  ziemlichen  Gewandtheit  in  der  Behandlung  des 
Reimes,  aber  die  ursprüngliche  Rohheit  der  Form  hat  er  doch  nicht 
verwischen  können.  Man  betrachte  z.  B.  Verse,  wie  die  folgenden,  die 
wir  aus  einem  verhältnissmäßig  kleinen  Räume  ausheben: 

B  42^  ich  enkan  in  nicht  gehelfen  als  ich   solde. 

42''  des  vreuwete  sich  des  guten  mannes  sin. 

48"  durch  mme  sunde  die  ich  hän  getan. 

48''  do  sageto  ich  in  mtne  zükumft  sidere. 

48''  den  ich  vor  dem  paradise  verlorn  hän. 

Alle  diese  Verse  gehören  entschieden  der  Verskunst  des  12.  Jahr- 
hunderts, und  zu  demselben  Ergebniss  gelangen  wir,  wenn  wir  den 
niederdeutschen  Reim  v.  81  gut  :  droch  in  mhd.  gut  :  truc  übersetzen 
oder  wenn  wir  aus  den  niederländischen  Reimen  von  450  deghen  : 
sevene;  v.  4bA:  gliedreghen  :  raven  \  v.  1082  deghen  :  hescreven-j  v.  1841 
oghen  :  gheloven  usw.  auf  mhd.  degen  :  sihen  (sehen),  getragen  :  rcdien, 
degen  :  geschriben,  ovgen  :  gelouhen  schliessen,  gleichfalls  lauter  Reime^ 
die  im  12.  Jahrhundert  nichts  Auffallendes  haben. 

Fassen  wir  das  Bisherige  noch  einmal  kurz  zusammen,  so  ergibt 
sich  als  sehr  wahrscheinlich  Folgendes:  das  mnl.  und  das  mnd.  Ge- 
dicht sind  nicht  eines  aus  dem  andern  geflossen,  sondern  beide  leiten 
ihren  Ursprung  aus  einem  hochdeutschen  Gedicht  her.  Dieses  hoch- 
deutsche Gedicht  war  vielleicht  in  alemannischer  Mundart  geschrieben; 
über  seine  Entstehungszeit  können  bestimmte  Angaben  nicht  gemacht 
werden^  doch  kann  es  recht  wohl  dem  12.  Jahrhundert  angehören 
und  wurde  sehr  früh  ins  Niederländische  übertragen.  Wann  die  nie- 
derdeutsche Bearbeitung  entstand,  ist  mit  Sicherheit  nicht  anzugeben; 
der  Zustand,  in  dem  uns  das  Gedicht  überliefert  ist,  spricht  dafür,  daß 
es  schon  durch  manche  Schreiberhand  gegangen  war,  ehe  es  im 
15.  Jahrhundert  in  die  Wolfenbütteler  Handschrift  gelangte. 

Über  das  hochdeutsche  Gedicht  hinaus  eröffnet  sich  aber  noch 
eine  neue  Perspective,  die  freilich  nur  in  sehr  nebelhaften  Umrissen 
erscheint,  über  die  aber  doch  vielleicht  ein  Wort  gesagt  werden  darf 

Die  Handschrift  B  stammt,  wie  wohl  aus  dem  häufigen  Vorkom- 
men des  apokopierten  Infinitives  geschlossen  werden  darf,  aus  der 
Gegend  des  jNIittelrheins,  etwa  vom  rechten  Ufer  des  Untermains.  Sie 
Aveiter  östlich  zu  setzen,  scheint  bei  dem  überwiegenden  Gebrauch  von 
e  statt  des  md.  i  in  Endungen  und  Vorsetzpartikeln  und  bei  der  ver- 
bal tnissmäüia;  seltenen  Schreibunsr  vor-  fiü'  ver-  nicht  thunlich. 


74  KARL  SCHRÖDER 

Dagegen  verdienen  einige  Formen  Beachtung,  die  über  das  Ge- 
biet des  Mitteldeutschen  hinausreichen.  Dahin  gehört  z.  B.  der  Reim 
sägen  (mhd.  sähen) :  jagen  36* ;  auch  außerhalb  des  Reimes,  gesägen 
22''.  herre  reimt  auf  ere  44',  auf  sere  46*;  herren  :  Teeren  steht  37'. 
Sehr  auffallend  ist  der  Reim  entpfän  :  da  van  48''.  Rechnen  wir  noch 
hinzu  mehrfaches  o  für  u  wie  orteil,  rohm,  o  für  ü  in  nor,  so  erscheint 
die  Vermuthung  gerechtfertigt,  daß  sich  B  einer  niederrheinischen 
Vorlage  bediente,  und  da,  am  Niederrhein,  dürfte  denn  auch  wohl 
der  Brandan  seinen  Ursprung  haben.  Die  Brandanlegende  nämlich  ist 
sowohl  was  den  Stoff  als  auch  was  die  Heimat  anlangt,  so  zu  sagen 
eine  Zwillingsschwester  des  Tundalus;  beide  in  Irland  entstanden, 
beide  inhaltlich  nahe  verwandt.  Die  natürlichen  Verbreiter  der  irischen 
Legenden  waren  die  Schottenmönche^  die  schon  seit  der  Zeit  der 
Christianisierung  Deutschlands  am  Nieder-,  wie  am  Oberrhein  ihr  We- 
sen trieben.  Nun  wohl:  vom  Tundalus  besitzen  wir  niederrheinische 
Bruchstücke*),  die  ins  8.  Decennium  des  12.  Jahrhunderts  gesetzt  wer- 
den und  die  in  formaler  Beziehung  eine  augenfällige  Ähnlichkeit 
haben  mit  dem  mitteldeutschen  Gedichte;  der  Gebrauch  lateinischer 
Wörter,  wie  munda  Syon  und  multum  bona  terra  B  35*  ist  dem  Sinne 
des  niederrheinischen  Dichters  nicht  fremd,  der  auch  zahlreiche  latei- 
nische Worte  einfließen  lässt.  Wäre  es  denn  seltsam,  wenn  in  den 
Kreisen,  in  denen  die  niederrheinischen  Bruchstücke  entstanden,  auch 
der  Brandan  einen  Bearbeiter  gefunden  hätte?  Daß  die  Zeit  für  der- 
artige Stoffe  empfänglich  war,  zeigt  das  Beispiel  des  Alberus,  dessen 
Tundalus  auch  noch  ins  12.  Jahrhundert  fallen  dürfte :  warum  sollte 
nicht  auch  der  Brandan  schon  früh  seine  Reise  rheinaufwärts  ange- 
treten haben?  Dann  könnte  man  freilich  sagen:  wenn  es  einen  alten 
niederrheinischen  Brandan  gab,  so  lag  es  den  Niederländern  wahrlich 
näher,  sich  den  ihrigen  an  der  Quelle  selbst  zu  holen  und  nicht  erst 
auf  Umwegen  zu  beziehen.  So  vernünftig  das  wäre,  so  steht  doch  ein- 
fach das  entgegen:  die  Geschichte  der  Dichtung  geht  gewiss  immer 
den  Weg,  der  durch  die  Summe  der  Verhältnisse  geboten  ist.  Dieser 
Weg  mag  uns  Heutigen  nicht  immer  der  kürzeste  scheinen:  Aufgabe 
und  Pflicht  der  literar-historischen  Forschung  ist  es,  nicht  eigenmäch- 
tig einen  Weg  zu  construieren,  sondern  nur  den  Spuren  des  alten  We- 
ges sorgsam  nachzuforscheii  und  da,  wo  dieselben  erkennbar  werden, 
einen  Merkstein  zu  setzen. 

LEIPZIG,  im  December  1870.  KARL  SCHRÖDER. 


*)  Lachmann  in  den  Abhandlungen  der  Berliner  Akademie  1836  p.  161  ff. 


75 


MAKGARETHA  VON  SCHWANGAU, 


Es  ist  bekannt,  daß  eine  Frau  des  Oswald  von  Wolkenstein 
Margaretha  von  Schwangau  war,  die  er  in  vielen  Gedichten  feiert. 
Allgemein  wird  angenommen,  daß  sie  die  erste  Gattin  unseres  Dich- 
ters war  und  er  sich  später  mit  Anna  von  Ems  vermählte.  StofFler 
sagt  in  seiner  Beschreibung  von  Tirol  II,  1032:  seine  zweite  Haus- 
frau hieß  Anna  von  Embs.  B.  Weber  schreibt  in  der  Einleitung  zu 
Oswalds  Gedichten  S.  15 :  „Er  schritt  bald  darauf  zur  zweiten  Ehe 
mit  Anna  von  Embs,  welche  ihm  ebenfalls  mehrere  Kinder  gebar", 
und  in  seinem  Werke:  Oswald  von  Wolkenstein  imd  Friedrich  mit 
der  leeren  Tasche  S.  393:  „Seine  Gemahlin  Margaretha  war  während 
seiner  Abwesenheit  in  Deutschland  voll  Gram  und  Herzeleid  ge- 
storben. 

Seine  zahlreichen  Kinder  bedurften  einer  Mutter  um  so  mehr, 
je  weniger  er  im  unstäten  Leben  gelernt  hatte,  für  die  Kleinigkeiten 
des  Haushaltes  und  der  Erziehung  unmündiger  Kinder  zu  sorgen.  Er 
vermählte  sich  bald  nach  seiner  Ankunft  in  Hauenstein  mit  Anna  von 
Ems,  welche  ihm  einen  Sohn  Friedrich  und  zwei  Töchter  gebar,  wo- 
von eine,  Maria^  uns  später  noch  einmal  begegnen  wird.  Kein  einzi- 
ges Lied  Oswalds  thut  derselben  Erwähnung.  Das  veranlasste  einige 
wolkensteinische  Geschlechtsforscher  mit  Unrecht,  die  Ehe  selbst  zu 
bezweifeln.  Gabriel  Buccellini  hält  sie  für  Oswalds  erste  Gemahlin  und 
Hormayr*)  ist  ihm  hierin  gefolgt.  Nach  der  bisherigen  Erzählung  ist 
diese  Annahme  schon  von  selbst  widerlegt  und  der  verlässlichste, 
von  Engelhard  Dietrich,  erstem  Grafen  von  Wolkenstein,  verfasste 
Stammbaum  stimmt  mit  uns  ganz  überein."  Ein  von  Herrn  Grafen 
Leopold  von  Wolkenstein  mir  übergebener  Stammbaum  nimmt  auch 
Margaretha  als  erste,  Anna  als  zweite  Frau  an. 

Ich  folgte  in  meiner  Abhandlung:  Oswald  v.  Wolkenstein,  Wien 
1870,  S.  3  und  39  ff.  dieser  Annahme,  muss  aber  dieselbe  nun  berich- 
tigen^ denn  der  um  die  Erforschung  tirolischer  Geschichte  hochver- 
diente P.  Justinian  Ladurner  fand  im  gräflich  Trappischen  Archive 
zu  Churburg  eine  mit  den  Siegeln  Michaels  von  Wolkenstein  und 
seiner  Mutter  Margaretha  von  Schwangau  versehene  Pergamenturkunde 


*)  Horraayr  sagt:  „Seine  Gemahlinnen  waren    Anna    Gräfin    zu  Hohenems  und 
Margaretha  von  Schwangau."  Tiroler  Merkwürdigkeiten  II.  12-2. 


76  IG.  ZINGEELE 

die  sicherstellt^  daß  Margaretlia  ihren  Gemahl  Oswald  überlebt  habe. 
Sie  lautet:  Ich  Margret  von  Wolkenstain  geporn  von  Swanga,  herrn 
Oswalts  saugen  wittib  und  ich  Micliel  von  Wolkenstain,  thumher  zu 
Brixsen,  bekennen  offenleich  mit  diser  zedl,  das  wir  unserm  lieben 
sun  und  brueder  Oswalten  von  Wolkenstain  das  geschlos  zu  Hawen- 
stain  ingeantwurt  haben  mit  sambt  dem  zeug  und  hausgerecht  an 
stat  uns  und  unser  sün  und  brüder  Gotharts  Leon.  Fridreichs. 

Item  am  ersten  ein  roten  seiden  polster  und  zwair  rote  sei- 
dene küß. 

Item  ain  kölnischen  polster  und  vier  kölnische  küß  und  dreu 
klaine  küß. 

Item  ain  türkisch  geslagen  messer. 

Item  zwai  silbrein  schalen. 

Item  zehen  pett  klain  und  groß. 

Item  zwen  haidnisch  tebich. 

Item  ain  wülfein  pelz. 

Item  ainleft  schaffeine  decken  und  ain  kitzene. 

Item  ain  neues  tischtuch  und  drei  genatte  hanttucher  und  fimf 
werchen  hanttucher. 

Item  vier  par  alte  leilacher  herweiner  und  sex  par  Averchainer 
leilach. 

Item  ain  guts  decklach   und  zwei  leichte  decklach. 

Item  neyn  ereiner  häfen. 

Item  ain  rost  und  ain  dreifuß  und  ain  pratspiß  und  ain  prantraid 
und  sex  pfannen  pos  und  gut. 

Item  ain  mörser  und  vier  groß  kessel  und  zwen   klain. 

Item  vier  haben  und  dreu   gutte  peck  und  ain  poß  peck. 

Item  drei  new  kandlen  aine  von  vier  massen,  aine  von  zwaien 
massen  und  aine  von  aiuer  maß. 

Item  zwo  alte  maßkandlen  und  zwai  trinkenkändl  und  ain 
zwimässige  kandl  und  aine  von  dreien  massen. 

Item  ain  große  zinein   flaschen  und  zwo   große   hulzin    flaschen. 

Item  sex  panzer  und  sex  hunczkappen  und  vier  schm-z  und 
zwai  kragl. 

Item  ain  mailaudisch  platten  und  zwohalb  die  vodertail  und  ain 
plecli  mit  einem  rugken  und  ain  sponäröl. 

Item  zwen  pärt  und  ain  paingewant  und  zwai  helmlin  und  vier- 
zchen  par  armrör  und  ein  englisch  hauben  und  zwai  klaine  spauaröl 
und  zwai  mäusel. 


MARGÄEETHA  VON  SCHWANGAU.  77 

Item  ain  hauben  mit  einem  visier  und  zwo  sezaläden  für  filr- 
völlen  imd  fünf  swarz  sezaläden. 

Item  sex  eisen  liuet  und  fünf  haubl. 

Item  sex  par  plechhäntschuch.  •'    - 

Item  fünf  lidrein  platten  und  zwo  ungrisch  tarschen. 

Item  zwen  vendscliild  und  fünf  pererspies  eisen. 

Item  ain  türkischen  hutt  und  zwen  türkisch  scliuch  uüd  zwo 
vischein  hosen  und  zwen  strober  schuch. 

Item  ain  türkischen  und  ain  ungrischen  kolben  und  zwen  tür- 
kisch Sporen  und  ain  türkische  ioppen. 

Item  acht  raisspieseisen. 

Item  dreissig  armbrost  mit  der  eiben. 

Item  ain  winden  und  drei  swäbisch  krappen  und  zwen  schlecht 
krappen  und  drei  leiter-ki-appen  und  zwen  mit  ringen. 

Item  siben  prait  spangürtl  und  zwo  swäbisch   gürtl. 

Item  zehen  new  hantpuxen    und    neyu    alt    hantpuxen  und  zwo' 
schermpuxen  und  siben  stainpuxen  und  ain  eisne  stainpux   mit  einem 
hacken. 

Item  zwelf  kalbvel  und  dreuzehen  kiczen  rauschvel  und  ain  halbe 
hirschhaut  und  drei  ganze  stuck  geprochens   leder. 

Item  ain  ganzen  schusterzeug  und  v  stückl  leder. 
Item  siben  eisenstangen. 

Item  zwen  ochxsen  gedigens  fleisch  imd  vierzehen  viertail  sweines 
fleisch  und  zehen  smerlaib. 

Item  ains  und  vierzig  pfunt  unslit  und  vierhundert   imslitkerzen. 

Item  drei  kästen  mel  und  zwainzig  star  salz. 

Item  acht  targen  und  zwen  ceuten  käß. 

Item  rörnabiger  imd  zwo  sagn  und  vier  zimmerhacken  und  sust 
vil  zimerzeug. 

Item  drei  krieg-  und  sex  groß  lange  sail  und  ain  ledreiue 
stricken.  .   •    ,  •  \       ,:  ,      '  ,  '  •.  _     ■:.„ 

Item  ain  maurerzeug. 

Item  ain  smitzeuo-. 

Item  ain  leck  mit  pfeil  und  tausent  pheileisen. 

Item  ain  puttreich  mit   swebl    und    ain  lidrein   sack   mit   salitter. 

Item  ainleff  wurfkegel  und  zwai  pleierne  platten  und  ain  viertail. 

Item  sex  und  zwainzig  ster  waiz. 

Item  fünf  vas  alts  weins. 

Item  zwei  vas  esseich. 


78  A.  T.  KELLER,    KLEINE  BEMERKUNGEN. 

Item  ain  kufkar  und  zwen  große  laur. 

Item  vier  raisspies  und  fanf  zuecket  spies   und  zwen  pererspiea 
und  ain  lanzen,  ainen  väleßsatl. 

Item  und  sex  küe. 

Das  Datum  der  Urkunde  fehlt,  sie  wird  aber  bald  nach  Oswalds 
Tode  (2.  August  1445)  gefertigt  worden  sein. 

IG.  ZINGERLE. 


KLEINE  BEMERKUNGEN. 


I.  Heinrich  Steinhöwel. 

Der  Name  Steinhöwel  wird  G.  14,  411  mit  ce  geschrieben;  öw 
ist  aber  als  Diphthong  =  öu  oder  =:  öiau  zu  betrachten,  sonst  könnte 
nicht  später  ei  (Steinheil)  daraus  entstanden  sein.  Ich  habe  dies  in 
meiner  Ausgabe  des  Decamerons  S.  673  ausgeführt.  Dort  finden  sich 
auch  weitere  Nachweisungen  über  das  Leben  des  denkwürdigen 
Mannes. 

IL  Das  Wort  Hien. 

In  dieser  Zeitschrift  XIII,  160,  wird  nach  der  Bedeutung  von 
verhiede  gefragt.  Hien  ist  futuere ;  Mtät  schon  ahd.  opus  gignendi  (Graff 
5,  334) ;  der  vorMgede  schalk  ist  also  foutu  coquin ;  verMter  zers  aber 
nicht,  wie  Germ.  15,  79  steht,  castratus,  sondern  eher  das  Gegentheil. 
Es  sind  auch  nicht  wie  Schmeller  und  Höfer  a.  a.  O.  thun,  mehrere 
Worte  darin  zu  suchen.  Die  Grundbedeutung  mag  reiben,  ficken  sein ; 
dann  1)  wie  ficken  (Grimms  deutsches  Wörterb.  3,  1618)  =  inire; 
2)  allgemeiner  =  belästigen.  Grimmeishausen  2,  66:  'Was  geheite 
«s  mich?'  2,  367:  „ich  geheie  mich  nichts  darumb."  Grimmeishausen 
empfand  noch  die  Obscönität  des  Wortes.  1,  1109:  „Das  Wort 
Gehay  ist  bei  uns  Teutschen  so  verhasset,  daß  sieht  ein  ehrlicher 
Mann  schämbt  außzusprechen,  und  wann  es  jemand  ungefähr  im  Zorn 
oder  sonst  entwischt,  so  wirds  einem  vor  eine  schändliche  Red  ge- 
rechnet; dahero  es  etliche  verzwicken,  wenn  sie  es  jemand  also  nach- 
sagen:  Was  geschneids  mich?"  So  gebraucht  es  Grimmeishausen 
selbst  2,  46.  Die  Deutung,  welche  im  deutschen  Michel  (1,  1109  f.) 
weiter  von  dem  Worte  gegeben  wird,   ist  so  unrichtig,   wie   die  mei- 


HERMANN  KURZ,  FISCH  ART  IN  TÜBINGEN?  79 

sten  Etymologien  jener  Zeit.  Heute  ist  denn  das  Verständniss  des 
Wortes  im  Volke  so  sehr  verschwunden,  daß  es  in  Schwaben  obwohl 
sehr  häufig,  doch  als  ganz  unanstössig,  selbst  von  Frauen  unbedenk- 
lich gebraucht  wird,  im  Sinne  von  beunruhigen,  kränken,  reuen. 
3)  Schwab,  gheien  heißt  aber  auch  werfen,  näu  gheien  =  zu  Boden 
werfen.  Granz  in  gleichem  Sinne  ward  das  französische  foutte  für  eine 
energische  Bewegung  gebraucht.  Hiernach  ist  wohl  zu  berichtigen, 
was  Schmeller,  bayr.  Wörterb.  2,  132  ausführt.  In  der  Verbindung 
ungeheit  ist  un-  verstärkend,  wie  in  Unkosten,  Unthier,  Ungethüm 
u.  dgl.  Schmeller  1,  73. 

A.  V.  KELLER. 


FISCHART  IN  TÜBINGEN? 


Schon  Uhland  hat  in  seiner  Einleitung  zum  glückhaften  Schiff 
(die  so  eben  im  neuesten  Bande  seiner  Schriften  von  W.  L.  Holland 
herausgegeben  wird)  die  genaue  Bekanntschaft  Fischart's  mit  Wahr- 
zeichen und  Eigenheiten  zu  Tübingen  auffallend  gefimden,  und  Wacker- 
nagel in  seiner  nachgelassenen  Schrift  „Johann  Fischart  von  Straßburg 
und  Basels  Antheil  an  ihm",  S.  16,  spricht  geradezu  die  Vermuthung 
aus,  „daß  er  selbst  auf  einige  Zeit  da  Student  gewesen."  Wacker- 
nagel eröffnet  diese  Schrift  mit  der  Entdeckung,  daß  „Joannes 
Fischartus  Argentoratensis"  im  Jahre  1574  zu  Basel  Doctor  beider 
Rechte  geworden,  und  bei  dem  Fehlen  des  Namens  in  der  Universi- 
tätsmatrikel, während  doch  „die  frühere  Ordnung  keine  Promotion 
außer  nach  vorheriger  Aufiaahme  in  die  Matrikel  gestattete",  schließt 
er,  es  sei  wahrscheinlich,  ja  es  habe  „seine  volle  Gewißheit",  daß 
unter  einem  „Johannes  Piscator  Argentinensis"^  den  er  im  gleichen 
Jahre  immatriculiert  fand,  niemand  anders  als  Fischart  gemeint  sein 
könne.  Wenn  dieser  Schluß  nichts  gegen  sich  hätte,  so  wäre  Fischarts 
Aufenthalt  in  Tübingen,  und  zwar  ein  langer  Aufenthalt,  von  1566  bis 
1571,  durch  dortige  Urkunden  nicht  weniger  als  halbdutzendfach  be- 
zeugt. Denn  „Joannes  Piscator,  Argentinensis"  steht  unter  dem  3.  Mai 
1566  in  der  Universitätsmatrikel  und  unter  dem  11.  August  1568  im 
Magisterbuche  der  Artistenfacultät ;  am  12.  August  1567  hat  er  der 
(dritten)  Hochzeit    des    Crusius    als    Ehrengast    angewohnt,  und  vom 


gO  HERMANN  KURZ 

27.  September  1570  bis  zum  7.  Februar  1571  ist  er  dessen  Kostgän-' 
ger  gewesen.  „Postea  Cinglianus.  78."'  hat  Crusius  zu  seinem  Namen  im 
Magisterbuclie  geschrieben,  und  da  just  im  Jahre  1*578  Fischart  im  Con- 
cordienformelstreite  die  Partei  Johann  Sturm's  gegen  Pappus  nahm,  so 
läge  es  nahe,  in  einen  Irrthum  zu  verfallen,  wenn  nicht  eine  andere 
Aufzeichnung  von  Crusius  diesem  Irrthum  vorbeugte.  Jene  Magister- 
promotion ist  ihm  nämlich  so  denkwürdig  gewesen,  daß  er  ihrer  auch 
in  seiner  Chronologie  gedenkt,  mit  den  Worten:  „Aug.  11  Lieblerus 
19  Magistros  fecit  inter  quos  erat  Joan.  Piscator  Argentinensis  et- 
Aegidius  Hunnius,  quorum  hodie,  ille  Caluini,  hie  Lutheri  sensum  sc-. 
quitur."  Hier  werden  deutlich  zwei  Theologen  einander  entgegengesetzt 
und  eine  Nachforschung  auf  theologischem  Gebiete  ergibt  denn  auch 
sogleich  den  seinerzeit  berühmten  Theologen  Piscator  von  Straßburg, 
der  in  Tübingen  studierte,  später  jedoch,  1574,  von  Tübingen  aus  in 
Straßburg  wegen  verdächtiger  Gesinnung  gegen  die  Ubiquität  denun- 
ciert,  durch  Verfolgung  auf  die  reformierte  Seite  getrieben  wurde,  den 
nachmaligen  Urheber  der  s.  g.  Straf-mich-Gott-Bibel.  Da  diesem  ge- 
rade im  Jahre  1574  der  Schutz  des  akademischen  Bürgerrechtes  von 
Basel  füi*  einige  Zeit  erwünscht  sein  konnte,  so  dürfte  er  wohl  mit  dem 
Piscator  der  Basler  Matrikel  identisch  sein.  Jedenfalls  ist  es  nicht 
wahrscheinlich,  daß  Fischart  bei  seiner  Inscription  den  gleichen  Namen 
mit  einem  damals  bereits  bekannten  Theologen  geführt  haben  sollte, 
und  sein  Fehlen  in  der  Matrikel  beruht  nun  wohl  auf  einer  in  den 
alten  Ordnungen  nicht  eben  seltenen  Inconsequenz.  Die  hohe  Schule 
von  Basel  verliert  nichts  hiebei;  denn  die  Ehre,  dem  Pflegevater  der 
Geschichtsklitterung  den  Doctorhut  aufgesetzt  zu  haben,  bleibt  ihr  ja 
unverkürzt,  und  auch  die  Nachweise,  die  Wackernagel  für  Basels  wei- 
teren Antheil  an  ihm  gibt,  sind  nicht  bloß  durch  die  bis  an  das  Grab 
unverwüstliche  Geistesfrische  des  Abgeschiedenen  bestehend. 

Ein  unmittelbares  Zeugniss,  daß  Fischart  zu  irgend  einer  Zeit 
in  Tübingen  gewesen,  findet  sich  bis  jetzt  nicht  vor.  Dagegen  wird 
man  in  den  von  Adalbert  v.  Keller  in  der  Universitätsbibliothek  ent- 
deckten, und  im  Serapeum  (VIII,  202)  bekannt  gemachten  Autogra- 
phen ein  mittelbares  Zeugniss  für  die  Anwesenheit  des  vielgereisten 
Mannes  mit  einiger  Wahrscheinlichkeit  erblicken  können.  Diese  drei 
Bändchen  der  Histoire  de  nostre  temps,  in  welche  sich  Fischart  je 
auf  dem  Vorblatte  mit  der  Jahreszahl  1567  als  Professor  eingeschrie- 
ben hat  (auch  die  drei  I.  F.  A.  auf  den  Titelblättern  stammen  ohne 
Zweifel  von  der  gleichen  Hand),  sie  sind  in  ihrer  äußeren  Erschei- 
nung sozusagen  gar  nicht  weit    her    und    können    also,    da  sie  nicht 


FISCHART  IN  TÜBINGEN  V  81 

etwa  in  späterer  Zeit  als  Rarität  erworben  wurden,  nur  um  1567  oder 
verhältnissmäßig  bald  hemaeli  mehr  oder  weniger  unmittelbar  aus  der 
Hand  des  Besitzers  in  die  (damals  bereits  vorhandene)  Universitätsbiblio- 
thek gekommen  sein.  Auswärts  sind  sie  nicht  gekauft;  die  Bibliothek 
war  überhaupt  damals  nur  auf  Geschenke  angcAviesen  (Klüpfel  Gesch. 
d.  Univ.  Tübingen  S.  496);  Ankäufe  von  Bibhotheken,  die  das 
Werkeheu  zufällig  hätten  mitbringen  können,  haben  erst  zu  einer 
Zeit  begonnen,  in  welcher  die  Einzeichmmgen  Fischart's  doch  Avohl 
sogleich  erkannt  worden  Avären,  nämlich  erst  im  gegenwärtigen  Jahr- 
hundert; und  die  freiherrlich  v.  Gremp'sche  Bibliothek,  dci'en  Grund- 
stock zwar  1586  aus  Straßburg  kam  (jedoch  in  ganz  anderen  Einbän- 
den als  diese  drei  Scharteken),  ist  vom  Anfang  an  bis  zu  diesem 
Tage  von  der  großen  Bibliothek  abgesondert  aufbewahrt  worden.  Die 
natürlichste  Annahme  also,  Avenn  man  sich  die  Herkunft  dieser  ur- 
sprünglich werthlosen  Kostbarkeiten  nicht  auf  eine  mehr  oder  weni- 
ger gewaltsame  Art  erklären  Avill,  scheint  doch  wohl  die  zu  sein,  daß 
deren  Besitzer  einmal  länger  oder  kürzer  in  Tübingen  geweilt  und  bei 
seiner  Abreise  das  Stückchen  TagesHteratur,  sei  es  als  Geschenk,  sei 
es  als  herrenloses  Gut,  zurückgelassen  habe. 

Eine  Begegnung  mit  einer  Tübinger  Persönlichkeit  übrigens, 
und  zwar  mit  der  weiland  bedeutendsten  jener  Tage,  muß  für  Fischart 
fast  so  gut  wie  unvermeidlich  gewesen  sein.  Merkwürdig  ist  es  schon, 
daß  er  und  Frischlin  ihre  Schriften  gegen  den  Convertiten  Rabe 
gleichwie  in  ausgesprochenem  Einverständniss  schrieben:  doch  schrie- 
ben sie  sichtbar  unabhängig  von  einander,  wieAvohl  Fischart  auch  hier 
wieder  einige  Vertrautheit  mit  Tübinger  Verhältnissen  zeigt.  Aber 
Frischlin  kam  ja  per  tot  discrimina  rerum  1584 — 85  nach  Straßburg, 
wo  er  Fischart's  Schwager  Jobin  zum  Verleger  gewann:  Angesichts 
der  Bedeutung  dieses  Schwaben,  mit  welchem  er  bereits  einmal  con- 
spiriert  hatte ^  welchen  auch  der  edelgesinnte,  versöhnliche  Sturm  in 
Straßburg  unterzubringen  suchte,  ist  Fischart  von  seinem  nahen  Amts- 
sitze Forbach  aus  der  freilich  nur  auf  wenige  Jahre  beschränkten 
Verbind,ung  gewiß  nicht  fremd  geblieben.  Wir  können  hier  eben  nur 
ganz  dämmerhaft  in  litterarische  Beziehungen  blicken,  die  zu  ihrer 
Zeit  wohl  einen  volleren  Tag  hatten:  —  und  so  mag  nebenher  bei 
dieser  Gelegenheit  die  Vermuthung  auftauchen ,  daß  Frischlin  dem  fa- 
mosen ersten  Faustbuche,  das  1587  bei  seinem  damaligen  Frankfurter 
Verleger  Spies  herauskam^'  vielleicht  auch  nicht  ganz  fremd  ge- 
bheben ist.  HERMANN  KTJl«. 


GüRUANIA.   Neue  Reihe  IV.  (XVI.)  Jahr^.  (j 


82  JANTON  BIRLINGER 

KLEINE  BEITRÄGE 

VON 

ANTON  BIRLINGER. 


I.  Zum  wälschen  Gast. 

In  des  bekannten  Zweib  rückener  Botanikers  Hieronymus 
Bock  (Tragus)  großem  über  400  Blätter  umfassenden  Kräuter- 
buche, Straßburg,  durch  Josias  Rihel  1560,  heißt  eine  Stelle  der  Vor- 
rede also: 

„Man  halts  darfür  und  dringen  auch  die  geistliche  Leut  hoch 
darauf  unud  wollen  das  die  bilder  unnd  das  gemäls  seien  der 
Ein  faltigen  Leyen  schrifft:  das  müssen  wir  gestehn,  sonderlich 
wann  die  kanzeln  und  die  Predigtstül  stumen  werden,  das  sie  von  der 
waren  geschrift    nichts    wissen    oder  nichts  wissen  wollen." 

Das  vergleicht  sich  der  Stelle  im  w.  Gast.  1103 — 1106  der 
pffijfe  sehe  die  schriff  an:  so  sol  der  ungelerte  man  diu  hilde  sehen,  $it 
im  niht  diu  schrift  zerkennen  geschiht. 

2.  Zq  Meier  Helmbrecht. 

35  und  öfter  daz  liin  entspricht  genau  dem  alera.  gupfe.  Vergl. 
mein  Augsb.  Wb.  317":  ranchloch  lynhutt  vel  fewerloch,  foramen.  Cgm. 
685.  f.  55".  Fuligo  ruß  um  lynhutt  f.  68''.  Es  ist  der  Kaminmantel 
unter  hüt  verstanden. 

153  gnippe  ist  das  neuhochd.  Kneippe.  Vergl.  Hildebrand  im  D. 
Wb.  V,  1404 ;  und  meine  Sprache  d.  Rotw.  Stadtrechtes.  Sitzungs- 
berichte d.  k.  b.  Akad.  d.  W.  1865,  II,  1.  Anhang  49. 

415  giselitze.  Das  in  Dilingen  zu  Anfang  deslß.  Jahrh.  gedruckte 
Kochbuch  bairischen   Idioms    (nicht    schwäbisch)    von    Staindl    bringt 
unsere  vielbesprochene  Speise  Giselitze  auch.  Bl.  44''  heißt  es: 
G ayßlitzt  zu  machen 

„Laß  ein  habern  zermalen:  nit  zii  klein,  nym  dan  ain  urhab, 
das  waich  ein,  wie  zu  ainem  brot,  darnach  du  vil  machen  wilt  und 
mach  ain  dumpfei  an,  bis  sich  erzaiget  seurlacht,  so  geuß  dan  ain 
Wasser  darein,  riirs  wol  durcheinander  und  blaß  mit  den  henden  auß, 
so  bleibet  das  dünn  im  wasser;  dann  so  seuchs  schön  und  kalt  ver- 
hilt:  das  ist.  nun  die  Gej/ßlitzt."' 


KLEINE  BEITRÄGE.  83 

3.  Her  Hüc  von  Werbenwäc. 

Dieser  Minnesänger  war  bisher  nur  in  einer  zu  Ettlingen  1263 
ausgestellten  Urkunde  nachgewiesen;  vgl.  Bartsch,  Deutsche  Lieder- 
dichter S.  XLIX.  Er  kommt  aber  schon  1258  in  einer  Hohenberffer 
Urkunde  vom  2.  September  mit  seinem  Bruder  Albert  vor:  Alberthus 
miles  de  Werhemcag  et  Hugo  miles,  frater  suus  (Monum.  Hohenb. 
Nr.  39,  S.  21).  Ferner  in  einer  Urkunde,  durch  welche  sein  Bruder 
Albert  zu  Gunsten  des  Klosters  Kirchberg  auf  seine  Rechte  an  den 
demselben  geschenkten  Gütern  verzichtet,  als  Hugo  ah  Werhemcag 
(ebend.Nr.  52,  S.32).  Im  Kirchberger  Copialbuch  steht  unterm  24.  Juli 
1268 :  Älbertho  et  Hugoni  militihus  de  Werhemcag  (ebend.  Nr.  53)^,  und 
noch  am  16.  März  1279  (ebend.  Nr.  101).  Er  scheint  das  Ende  seines 
Lebens  im  Kloster  verbracht  zu  haben,  denn  a.  1292  finden  '  wir  er- 
wähnt einen  frater  Hugo  de  Werhemcag  monachus  in  8alem  (ebend. 
Nr.  132). 

4.  Felix  Faber. 

Pupikofer  schreibt  in  seiner  Veste  Kyburg  (Mittli.  d.  Antiq. 
Vereins  in  Ziü'ch,  XVI,  2,  2)  den  Namen  Felix  F ab  er,  S.  42  (33), 
nicht  F  a  b  r  i.  S.  44  (36)  erwähnt  er  L'lrich  S  c  h  m  i  d,  Oswald  S  c  h  ra  i  d 
als  Vögte  von  Kyburg  und  Züricher.  Ferner  S.  49  (41) :  „Der  Nach- 
folger Schwends  in  der  Vogtei  Kyburg  war  Oswald  Schmid,  ein  Ge- 
schlechtsverwandter des  früheren  Vogtes  Uh'ich  Schmid,  hiemit,  unge- 
achtet Kyburg  wieder  österreichisch  geworden  war,  abermals  ein  Zü- 
richer. Er  war  ein  Oheim  des  Felix  Faber  (Schmid),  dem  wir  die 
Geschichte  Schwabens  und  in  derselben  mancherlei  schweizerische 
Nachrichten,  auch  über  Kyburg,  und  überdies  eine  sehr  lehrreiche 
Reisebeschreibung  nach  Jerusalem,  auf  den  Berg  Sinai  und  nach 
Egypten  verdanken.  Nicht  undeutlich  gibt  Faber  auch  zu  verstehen, 
daß  er  in  seiner  Jugend  durch  diesen  Oheim  wesentlich  gefördert 
wurde.  Er  verwaltete  bis  1466  das  Amt."  Ebenso  XVI,  2,  4,  108 
Felix  Faber;  desgleichen  Mone  Zeitschi-ift  für  Geschichte  des 
Oberrheins  8,  125  und  oft,  Feyerabend,  Ottobeurer  Jahrbücher  II,  22 ; 
und  V.  Weech,  Zeitschrift  für  den  Oberrhein    (23,  39). 

5.   Zu   den   Volksbüchern. 

1.  Schwäbisches  Zeugniss. 

„Ich  muss  darüber  lachen  und  hätte  nicht  gemeint,  da(j  man  von 
einem  Gelehrten   anstatt    der    Sprache    daneben    doch    nicht    nndewtli- 

6  '■■' 


84  ANTON  BIRLINGER 

chen  Zierlichkeit  einen  deutschen  Hochzcitläder-  oder  Leichenbitter- 
stilum  fordern  oder  von  ihm  gar  prätendiren  sollte  zu  schreiben,  wie 
vor  einigen  seculis  der  Amadis  aus  Graecia,  der  hörnerne 
Seyfrid  oder  der  Froschmeus  el  er  ihre  Schriften  stili- 
sirt."  Neue  Beschreibung  des  zu  Göppingen  gelegenen  uralten 
Sauerbrunnen,  herausgegeben  v.  Rosine  Lientillo,  verlegt  von  Seitzen 
Chir.  und  Badmeister.  Stuttgart,  M.  Müller  1725.  8.  (Streitschrift.) 
S.  45.  —  Ebendaselbst  S.  77  steht:  „Wann  man  sich  selbsten  mit 
Gewalt  ein  Fieber  an  den  Hals  zwingen  wollte,  wie  könnte  man  seinen 
Zweck  leichter  erhalten,  als  durch  solche  veritable  Eulenspiegels- 
touren." 

2.  Elsässisch. 

Der  Schlettstadter  Gelehrte  Gregorius  Rippel  schrieb  ein  Buch 
„Alterthumb,  Ursprung  und  Bedeutung  aller  Ceremonien,  Gebräuchen 
und  Gewonhciten  der  heil.  kath.  Kirchen  —  Straßburg,  Lerse  1723. 
S.  555  steht:  „Ich  laß  aber  gelten,  gesetzt  die  Bücher  der  Macht- 
haber seien  nicht  cauonisch,  so  seind  sie  dannoch  keine  Fabelbü- 
cher oder  Eulenspiegel,  sondern  glaubwürdige   Historibücher." 

3.  Niederrheinisch. 

Aus  dem  Buche:  „Predicanten  Latein,  das  ist  3  Fragen  allen 
genannten  evangehschen  Predicanten  —  oftmals  aufgegeben  —  Ge- 
stelt durch  Hermannum  Josema  —  durch  Johannem  a.  Werda.  Colin. 
B.  Wolthers  1608."  S.  12:  „Er  habe  sein  Kirchen  in  allen  Landen 
gewiesen,  da  er  doch  nit  ein  einigen  Calvinisten  oder  Calvinische  Ca- 
pell  vor  Luthers  Zeiten  gezeiget.  Vergleicht  sich  hierin  gar'wol  mit 
dem  Abentheurischen  Eulenspiegel,  welcher  auf  solche  weiß 
etliche  blinde  Bettler  betrogen,  die  von  jm  ein  Almosen  begert.  Gehet 
hin,  sagt  er,  da  habt  ihr  etliche  Gulden,  verzert  sie  in  meinem  Na- 
men. Die  Bettler  bedanken  sich,  gingen  hin  und  zechten  lustig  drauf. 
Da  es  nun  an  ein  Zechtzaleu  kam ,  sucht  einer  bei  dem  andern 
daß  Eulenspiegels  Geld,  finden  aber  nichts,  denn  er  jnen  nit 
ein  Pfenning  geben,  sonder  sich  nur  angestellt  und  mit  Worten  hören 
lassen  als  ob  er  juen  etliche  Gulden  dargereicht  und  geschenkt  hätte. 
Also  rühmet  sich  Christmann  Eulen  köpf,  er  und  die  Seinen  haben 
aus  der  Schatzkammer  der  heil.  Schrift  stattliche  Argumenta  herfür- 
"•ebracht."  —  S.  73:  „Wann  du  Christmann  den  Eulen  Spiegel  oder 
Finkenritter  veränderst,  wirst  du  darob  zum  Antichrist?  Dann  ich 


KLEINE  BEITRÄGE,  85 

sehe:  unser  Kalender  und  Eulensp  iegel  seind  bei  dir  eins  Tuchs 
und  Schmers."  — 

Ein  Fridrich  Kiviandts  in  Düsseldorf  schrieb  ein  kleines  Schrift- 
chen: „Der  bellende  Hund,  so  die  irrgehende  Schaf  aufsuchet"  1752. 
Dieses  volkstümliche  Ding  enthält  S.  16  die  Stelle:  „Hat  der  Calvi- 
nische Glaub  vielleicht  zwischen  Himmel  und  Erde  geschwebet  wie 
ein  Paradiesvogel  oder  hat  ergewohnetin  dem  beschreiten  Schla- 
raffenland, allwo  die  Htiner  Lobbenkräg  tragen?"  S.  19: 
„Wie  da?  sollte  die  wahre  Kirch  Christi  1000  Jahr  lang  das  For- 
tunatushütgen  aufgehabt  und  sich  unsichbar   gemacht   haben?" 

Folgendes  Buch  4. :  „Van  Arnt  Buschman  un  Henrich  sym  alden 
vader  dem  geyst,  eyn  wonderlich  myrakel,  dat  geschyet  ys  yn  dem 
land  van  Cleve  by  Düyßberch  zo  Meyerich  —  „Servais  kruffter  (sieh 
Germ.  XI,  411  ff.)  —  enthält  als   Schluß    eine   Notiz    über  Tundalus. 

Id  is  noch  ein  ander  boich  gedruckt  geheisscn  Tondalus 
ein  Rytter,  der  was  dry  dag  doit  vnd  quam  weder  zom  leuenn,  da 
vil  yn  beschreuen  steyt  van  den  pynen  die  dye  arme  Selen  lyden 
ym  fegefuyr  und  in  der  hellen,  euch  wat  grosser  freuden  dye  Selen 
liaiut,  die  selich  synt  ym  ewigen  leuenn.  also  dat  dit  boich  Ai^nt 
Busman  vnd  Ritter  Tondalus  seer  nae  öuer  eyn  dragen  vnd  meu 
hait  sy  gern  by  einander." 

4.  Von  den  sieben    Schwaben. 

Ich  lese  in  dem  von  einem  Augsburger  Dominicus  Maier  a.  1717 
und  ff,  Jahren  aus  Peru  an  seinen  Bruder  geschriebenen  Missions- 
briefen, die  a.  1747  vom  Neffen  Homodeus  Maier  herausgegeben  wor- 
den sind  unter  dem  Titel  „Neu  aufgerichteter  Americanischer  Maier- 
hof-'  usw.  Folgendes,  was  für  das  Volksbuch  der  7  Schwaben  nicht 
unwichtig  ist. 

„Unter  disen,  schreibt  Maier  (in  Turkuman)  2  Europäer  —  ein 
Niderländer  und  P.  Henricus  Cordele,  ein  Böhm;  beide  eines  zihm- 
lichen  ehrwürdigen  Alters ;  der  letstere,  dessen  Haupt  völlig  mit  Schnee 
bedekt  wäre,  doch  aber  noch  sehr  gute  Spezies  von  Teutschland,  be- 
sonders von  Schwaben  hatte,  gestalten  er  als  Knab  zu  Regensbui-g 
sich  in  studiis  aufgehalten,  fragte  mich  gleich  unter  anderem: 
ob  noch  wohl  in  Schwaben  jene  7  Bauern  anzutreffen, 
welche  sich  mit  gesamter  gcAvaffneter  Hand  wider  einen 
Hasen  ge  setzet,  deme  ich  seltzamc  Nachricht  ertheilt,  wie 
auch  andere  Sachen,  so  er  von  Europa  zu  wissen  ver- 
langet." 


86  ANTON  BIELINGEE 

6.  Sprichwörter  und  sprichwörtliclie  Redensarten. 

1.  Die  alten  weiber  sprechen  also:  Dost,  Harihaio  vnd  iveisse 
Heydt  Thuot  dem  texiffel  vil  leidt.  Hieronymus  Bock,  Kräuterbuch. 
Strßb.  15G0.  Josias  Rihel.  Bl.  26^ 

2.  von  disen  Graßkrenzen  (römisch)  haben  wir  noch  ein  Sprich- 
wort in  Festo  Pompejo  das  heißt  herbam  dare,  das  krenzlin  überant- 
worten oder  wie  wir  Teutschen  sagen:  das  helmilin  gehen,  das  ist :  er  sol 
mein  meister  und  herr  sein.  Ebenda  254*. 

3.  Gemelte  schwemme  verwelken  unnd  verdorren  im  meyen, 
werden  affter  der  Zeit  im  ganzen  jar  nit  mehr  gesehen.  Dannenher 
ein  Sprichwort  auffkommen :  du  icechst  und  nimmest  zu  toie  die  morchel 
m  meyen.  Ebenda  Bl.  346\ 

4.  Vil  Wort  füllen  den  Sack  nicht,  sondern  die  That.  Neueste  Be- 
schreibung des  Saurbronnens  zu  Jebenhausen  —  v.  Brebiß.  Rothen- 
burg a.  T.  Millenau  1723.  S.  7. 

5.  Doch  sol  dieses  hierbei  unerinnert  nicht  lassen,  daß  man 
auch  nicht  denken  soll,  als  wenn  in  der  kurzen  Zeit,  da  man  die 
Kur  gebraucht,  alle  Beschwerlichkeit  auf  einmal  Abschied  nehmen 
müsse  oder  man  hernach  es  auf  den  alten  Kaiser  wieder  anioagen  dürfe.^ 
Ebenda  S.  158. 

6.  Milch,  Käß  und  Butter  kommen  von  einer  iliwiter.  Ebenda  S.  147. 

7.  Was  das  Bad  bringet,  das  nimmt  es  auch  loieder  himveg.  Seitz, 
Göpp.  Saurbronnen  1725  S.  129. 

8.  Der  gute  Göppinger  Brunnen  hat  eben  nicht  allemal  das  Leberle 
gefressen.  Das  Göpp.  Bethesda  v.  M.  Makowsky,  Nördlingen  1688. 
S.  54. 

9.  Ich  rieht  man  bliebe  bey  dem  Wein  und,  ließ  das  Wasser  Wasser 
sein.  Ludwig  v.  Hörnigk.  37.  Frage.  Ebenda  S.  127. 

10.  Böser  Vogel,  böses  Ey  und  wie  der  Niederländer  sagt :  Quat  Ey 
quat  kuiten.  Predikantenlatein  1608.  Colin,  Wolthers  S.  27. 

11.  Ist  eben  Gurr  als  Gaul,  Viehe  als  Stall,  faid  Eyer  und  stinkende 
Bottev  gehören  zusammen.  —  Ebenda  S.  30. 

12.  Ins  Lügen  hast  du  dich  geioehnt,  gleich  icie  die  Atzel  in  das  Hü- 
llfen.  Ebenda  S.  31. 

13.  O,  die  legen  auch  ihr  Gelübd  Avie  man  pflegt  zu  sagen, 
in  die  lange  Truhen.   Imhenhofer  Mirakelbuch  4.  1659,  S.  205. 


KLEINE  BEITRÄGE.  87 

14*).  Hingegen  ist  es  ein  breuclilich  Sprichwort:  Gemein  ist 
selten  rein.  Vorred. 

Wer  hoch  ist,  der  feit  gmeinlich  hoch.  S.  39. 

Nun  sag  ich  dir  in  wahrer  Trew,  zu    vil  ist    bitter,    was    es  sei. 

Ein  Ring  von  Eysen  der  zerspringt,  s(4  jemand  jhn  mit  G'walt 
anzwingt. 

Kein  G'walt  ist  bleiblich,  sag  ich  dir,  G'mach  reichen  thut  wol, 
das  glaub  mir.  S.  75. 

Der  Heyd  sagt,  das  der  sei  ein  Laur  der  nur  das  Süß  will,  nit 
das  Säur.  S.  80. 

Weil  niemandt  mehr  des  Fewrs  begert  dann  welcher  mit  dem 
Frost  beschwert.  S.  109. 

Du  soltest  besser  sehen  zu  Nit  bschliessen  wan  fort  ist  die 
Kuh.  S.  110. 

Was  wir  begynnen  geht  zurück,  es  stieß  uns  umb  ein  müde 
Muck.  S.  124. 

Grecht  ist  der  Mann,  welcher  sein  Recht  gibt  jedem  an.  S.    137. 

Eein  will  kurtzumb  rein  g'halten  sein.  S.  156. 

Man  sagt  das  sey  eine  böse  Kuh,  die  d'andre  nit  laßt  kommen 
zu.  S.  195.  _    ;  -  .    , 

Ein  Ordnung  band  der  Ketten  ring,  wer  will  mag  drauß  ver- 
stehn  vil  ding.  S.  197. 

Wer  Honig  sucht,  der  hat  die  Gfahr,  das  ihm  der  Imb  stech 
auf  das  Haar.  S.  108. 

Ja  welcher  fischen  will,  der  muß  Netzen  im  Wasser  seinen 
Fuß.  S.  109. 

Ein  großen  Schatz  verbirgt  man  nit,  das  jeder  mit  dem  Fuß 
drauff  tritt,   a.  a.  O. 


*)  Das  Buch,  dem  die  folgenden  Spriclivvöi-ter  entnommen  sind,  das  ii;h  noch 
öfters  erwähnen  muss,  hat  folgenden  Titel:  Der  Eitter  Gottlieb,  daß  ist  ein 
geistliche  ganz  lustig  und  Läßwurdige  Hystoria  von  dem  edlen  Eitter  Theopliilo  zu 
teutsch  Gottlieb  genannt,  wie  er  von  dem  Gottgyrey  daß  ist,  einer  jeden  recht  christ- 
lichen Seel,  zu  trost  jlu-er  Seligkeit  mag  gesucht  und  gefunden  werdn.  Von  einem 
Hocherleuchten  Gottseligen  ungenampseten  Mann  vor  vil  Jahren  zusammen  getragen, 
aber  anjezo  in  Teutsche  Rithmos  gebracht  durch  den  Ehrwürdigen  und  Hochgelehrten 
Herren  Dr.  Franz  Beeren,  Administratorn  S.  Authonien  Hospitals  zu  Ysenheim  Ca- 
nonicmn  der  Stift  Thann  im  Obern  Elsaß. 
Lesen  vud  nit  verstehen 
Ist  gleichsam  müßig  gehen. 

Getruckt  zu  Brunntrut  durch  Johann  Schmidt.  MDXCVIII.  kl.  8. 


88  ANTON  BIRLINGEß,  KLEINE  BEITRÄGE. 

'    '"■  Also  bscliiclit,^wann  man  einen  ReyfF  au ß steckt^  so  ist  umb  Wein 
ein  G'leuff.  S.  328. 

Es  ist  ein  Sprichwort,  das  ist  wahr,  wer  wol   sitzt,   sey  nit  wan- 
delbar. S.  331. 

7.  Mundartliche  Pflanzennamen. 

Folgende  Notizen  entnehme    ich    dem    bekannten   Kräuterbuche 
H.  Bock's  (Tragus)  aus  Zweibrücken,  Straßburg  1560.  Josias  Rihel  (2.) 
Coriander  nennt  man  auch  Coliander.     Die   alte  Weiber  im  Bis- 
tumb  Metz  heißen  ihn  Anis.  El.  47".  —  Die  Genßhluomen  nennet  man 
im  Bischthumb  Meintz  St  Joliannishluomen.  Im  Bischthumb  Metz  Trier 
und   Speier    nennen  sie  die  Weiber  Kalbsaugen.    52^.    Zu    Hildebrand 
im  D.  Wb.  5,  59.  —  Die  Weiber  im   Wormhßer   und  Meintzer  Bisch- 
thumb geben  dem  Gewächs  (Streichblume)  kein  andern  Namen    dann 
Steinlilnmen  und  Streichblumen.  55''.  —  Dürrwurz  und   Flöhkraut,  die 
man  auf  dem  Gate  Speirer    Bischthumb    Dürrwurz    oder    Donderiourz 
nennt.  61".  Zum  D.  Wb.   II,  174.    —    Spargen    nennt    man    im    Gaw 
Teufelsdrauben  82''.  —    Im    Gaiü    (Rheingau)    nennt    man   diß  Kraut 
(Nachtschatten)   GenßfUssel  112",  dann  bei    uns    im    Westerich    nennt 
man  die   Günsel  mit  den  bloen  Bluomen  Braunellen.  - —  Dagegen  nennt 
man    die    braunen    Binomen     im  Elsaß  die    rechten    Braunellen.    1j5*. 
—  Das  erst  und  weiß  Nürnbergisch  Augentrost  nennt   man   im  Waß- 
gau  Teufelshlumen  121\  Das  (sog.)  süß  Kreutlin  im  Westerich  Knaioel 
genannt.  145".  —   Wild-Ängelica:  das    wild    Unkraut    in    den    Gärten 
nennt   man  Hinfuoß   und   im  Westerich    Witschen^lewetsch.    Fladert  hin 
und  her  wie  Quecken.  156%  —  Meisteriourz  wachset    auf    den    hohen 
Waiden,  umb   Tühingen  nennt  man  sie  so.  160\  —   Die   andern  (Erd- 
beeren), halb  rote  Beeren  nennt  man  umb  Speier  Harheeren,   der  rau- 
hen, harechten  Blätter  halben  und  Hättelheeren.    186\    —    Das    lassen 
wir  anstehn  vud  sagen,  das  der  Weyssen  im  Elsaß  als  die  allerbreuch- 
lichst  und  edelst  Frucht  Korn  genannt  wird.  237''.  —    Gleich   wie  die 
Elsäßer  den    Weyssen  und    die     Westericlier    den    Speltzen    und  Dinkel 
Korn  nennen,  also  thut  mau  mit  dem  Rocken 241". — Hasenbrot:  di?ix\xmh 
daß    solche   Körnleiu  stets  weben  und  zittern,  nennt  man   es  auch   im 
Gau  Zedern]   an    etlichen    Orten    Juugfrauenhaar,    dann    die   Meidlin 
liabcu  ihre  Kurzweil  darmit.  Im  Odenwald  und  über   Rhein  sagt  man 
(leui   Gras  Hasenörlein,  im  Westerich  Hasenbrot.  251".  —    Die    vierten 
(Hyazinthen)  mit  den  purpurfarben  holen  ghickliu  nennt  man  im  Beier- 
land  Sewzwibeln,  sagt  Herr  Jörg  Ocllinger  und   wachsen  in    den    Ha- 


K.  E.  H.  KRAUSE,' KLEINE  MITTHEILUNGEN.  89 

berfeldern  im  Beierland;  die  Sew  thuon  diesen  Zwibeln  fast  gedran^. 
288''.  —  Am  Rheinstrom  nennt  man  die  Goldköpflin  Sckabenkraut  oder 
Mottenhraut.  341^ 

Gelegentlich  bemerke  ich,  daß  H.  Bock  stets  Germania  sagt. 
Unser  Origanum  und  Dosten  in  Germania  ist  ein  wolriechendes,  lieb- 
liches Gewächs  13'\  —  Den  wilden  Satumy  hab  ich  in  Germania 
nit  gesehen  17".  —  Rosmarin  ist  zweierlei  in  Germania  20".  —  Die 
recht  wild  Raiit  ist  in  Germania  nit  vil  gesehen  25*.  —  Vom  Kraen 
oder  RappenfüÜlein,  dasselbig  kreutlin  aber  ist  noch  nit  so  gar  inn 
Germania  kunthar  36\  —  Es  haben  on  Zweiifel  inn  Germania  nit  vil 
Apoteker  das  Recht  gesehen.  74''.  —  Den  4  nachtschatten  hab  ich  in 
Germania  noch  nit  gesehen,  da  ich  solchs  schreib  112".  —  Ein  Ge- 
schlecht der  Grosseiheeren  hab  ich  wargenommen  in  Germania  und 
fast  gemein  umb  die  statt  Ti-ier  359". 


KLEINE  MITTHEILUNGEN. 


1.  Zu  den  deutschen  Monatnamen, 

Die  deutscheu  Monatnamen  des  Lüneburger  Kalenders  von  1480, 
die  ich  in  Wolfs  Zeitschr.  f.  d.  M.  2,  293  mittheilte,  sind  dort  durch 
4  Druckfehler  entstellt,  deren  Verbesserung  Herrn  Professor  Weinhold 
gerade  zugehen  sollte,  als  dessen  treffliche  Arbeit  *)  über  die  Monat- 
namen schon  fertig  die  Presse  verliess.  Erscheint  der  Stoif  darin  auch 
so  gründlich  verarbeitet,  daß  nur  geringe  Nachlese  übrig  sein  wird, 
so  erlaube  ich  mir  doch  die  Namen  jenes  Lüneburger  Kalenders  von 
1480  hier  noch  einmal  aufzuführen,  um  sie  richtig  zu  stellen,  nament- 
lich den  dmxh  Druckfehler  entstandenen  "^nundeman' ^)  auszurotten. 
Sie  lauten:  Wolghebaren,  Horningk.  Mertze.  Appril.  Mey.  Brakman. 
Hoyman.  de  Jmndeman.  Heruestman.    de    Satliman.  Winterman.  Cristman. 

Wo  der  niederdeutsche  Kalender  gedruckt  ist,  war  nicht  zu  er- 
mitteln, Bruchstücke  davon  sind  eingeldebt  innen  auf  die  Bauddeckel 
verschiedener  Theile  der  Incunabel  Nr.  39  der  Bibliothek  der  ehema- 

')  Die  deutschen  Monatnamen  von  Dr.  Karl  Wein  ho  hl  ord.  Professor  an  der 
Universität  zu  Kiel.  Halle  1869.  8.         ')  Weinhold  1.  c.  S.  20.  46.  51. 


90  K.  E.  H.  KRAUSE 

ligen  Rittcrakademie  zu  Lüneburg^),  die  sich  jetzt  auf  der  Universi- 
tätsbibliothek zu  Göttingen  befindet,  die  Monatsnamen  stehen  auf  einem 
der  Deckel  von  Tora.  IV.  —  Ob  der  Hundemonat  von  der  Zeit,  wo 
die  Hündin  läufisch  wird*),  seinen  Namen  hat,  möchte  doch  fraglich 
sein,  da  die  Hündin  bekanntlich  zwei  solcher  Zeiten  im  Jahr  hat. 
J.  Grimm  dachte  (brieflich)  dabei  an  die  Hundstage,  in  denen  auch 
ich  den  Ursprung  des  Namens  suchen  möchte. 

Ein  Computus,  in  den  Einbanddeckel  der  Mss.  Nr.  14  derselben 
Bibliothek^),  jetzt  auch  in  Göttingen,  eingeklebt,  hat  neben  dem  De- 
cemher  das  Bild  eines  Schioeines,  was  zu  'swynemaen'  Weinhold  p.  58 
zu  vergleichen  sein  möchte;  der  jetzt  verstorbene  Auditor  Möhlmann, 
der  lange  Zeit  am  alten  erzbischöflich-bremischen  Archiv  zu  Stade  ^) 
beschäftigt  war  und  eine  Menge  Handschriften  gesehen  und  copiert  hat, 
versicherte  mich,  dies  Bild  komme  neben  dem  December  in  alten 
Computis  viel  vor;  es  ist  gewiß  auf  die  Hauptzeit  des  Schweine- 
schlachtens  zu  beziehen,  (vergl.  Slachtmant.  b.  Weinh.  p.  54)  wie  der 
Name  'Kalvermaen'  für  Januar  (1.  c.  S.  47.)  auf  die  Hauptzeit  des 
Kalbens  der  Kühe  geht,  um  Lichtmessen,  natürlich  nur  da,  wo  die 
Thiere  noch  den  freien  Weidegang  gehen.  Im  Göttingischen  entspricht 
die  Kalbzeit  des  Februar  dem  Austrieb  im  Mai.  Zum  Sylter  hunger- 
Tnuun  (1.  c.  S.  46)  stellt  sich  der  Stader  Name  Hunger  Vierteljahr,  Jiun- 
gertyd,  füi'  die  Zeit  von  Ostern  bis  Johannis,  wo  die  alten  Vorräthe 
verzehrt  sind,  und  die  neuen  noch  nicht  anwuchsen.  Der  Name  *0«- 
senmaen'  für  Oktober  (1.  c.  S.  51)  hängt  wohl  mit  den  um  St.  Gallen- 
tach,  16.  Oct.,  herumliegenden  Viehmärkten  zusammen,  zur  Zeit  des 
Endes  der  Fettwfeiden. 

In  einer  Handschrift  der  Rostocker  Universitätsbibliothek  finde 
ich  folgende  niederdeutsche  Monatnamen:  de  hartman.  de  hornung.  der 
meHze.  der  april.  der  mey.  der  hrachman.  der  hoyman.  der  austmon. 
heriiestman.  der  tvindeman.  lüintermon.  ivluemon. 

Mit  Ausnahme  von  10.  und  12.  entsprechen  diese  Namen  der 
von  Weinhold  S.  20  aufgestellten  sächsischen  Reihe;  8.,  11.  und  12. 
wird  in  der  Handschrift  mon,  die  übiigen  man  geschrieben.  Beim  win- 


*)  Martini  Beiträge  zur  Kenntniss  der  Bibl.  des  Klosters  St.  Michaelis  zu  Lüneburg 
(Lüneb.  1827.  8.)  p.  94  hat  die  Kalendertheile  nicht  erwähnt.  Die  Incunabel  ist  der  Kobur- 
ger'sche  Druck  von  Anthonini  summa  theologiae  in  4  Theilen.  Nürnberg  1477—79. 
*)  Weinhold  1.  c.  p.  46.  ^)  Martini  1.  c.  p.  46  nennt  den  computus  nicht.  Die  Hand- 
schrift, eine  Postille,  ist  von  1472,  angebunden  ist  die  Koburger'sche  Ausgabe  von 
Guilherini  postilla.  Nürnberg.  1481.  Martini  1.  c.  p.  95.  '^)  Jetzt  befindet  sich  die- 
ses Archiv  in  Hannover. 


KLEINE  MITTHEILUNGEN.  91 

deman  dachte  man  gewiß  nicht  mehr  an  das  alte  Wort  winditmefniänoth  '), 
sondern  an  die  im  October  tobenden  Äquinoctialstürme,  loluemon  ist 
imdvemon,  Wolfmonat,  im  December  wird  also  hierzulande  der  Hunger 
die  AVölfe  zuerst  in  die  Nähe  der  Menschen  getrieben  haben.  Noch 
1648  tödtete  man  im  Lttneburgischen  in  einem  Jahre    182  Wölfe  ^). 

Das  Kalendarium,  welches  die  vorstehenden  Namen  enthält,  ist 
Theil  eines  Sammelbandes  mathematisch-astronomischen  Inhalts,  z.  Th. 
in  Thorn  (1437),  z.  Th.  in  Rostock  (1426)  geschrieben  und  später 
wahrscheinlich  in  Rostock  gedruckt,  wohin  auch  die  Familiennotizen 
zu  gehören  scheinen,  welche  neben  einzelnen  Kalenderdaten  von  1438 
bis  1464  eingetragen  sind.  Es  war  in  Besitz  eines  Gesselen,  dann  der 
Artistenbibliothek. 

Unter  jedem  Monat  ist,  vielleicht  erst  von  der  Hand  der  Fami- 
liennotizen, ein  deutscher  Knittelvers  von  vier  Zeilen  zur  Memorierung 
der  Hauptheiligentage  zugesetzt,  daneben  steht  der  lateinische  und 
deutsche  Monatname  von  derselben  Hand  in  folgender  Weise: 

Nota  versus  teidonicales  sanctorum  christianorum : 
Nye  iar  wide  twelfte  dach 
de  holden  dat  erste  s.  lach  Januarms 

Marcel  prisca  Sebastian  de  hartman.  ':     '■.' 

vor  jyaule  se  nicht  verne  stan. 

Auffällig  für  Rostock  ist  Nyejar  als  1.  Jan.,  da  in  der  Erzdiöcese 
Bremen  das  Jahr  am  25.  December  begann.  Twelfie  dach  (oder  Der- 
tien  dach,  namentlich  in  den  Niederlanden)  ist  bekanntlich  Epiphania, 
6.  Jan.,  das  sunte  lach  soll  wohl  die  Feste  als  eine  Festgesellschaft, 
heiliges  Festgelage,  fassen.  Aus  den  übrigen  Versen  könnten  nur  fol- 
gende ein  Interesse  bieten: 

Zum  Juni :    Vit  der  fleghen  ist  ein  hreter ; 

St.  Vitus  (15.  Juni)  bringt  die  Fliegen^),  weshalb  Ureter  viel- 
leicht an  Creator  anklingen  soll. 

Assumptio  Marie  (15.  Aug.)  ist   ausgedrückt  durch 
Maria  vorup  frig  (sie)  van  deiine-^ 

das  „vortip'-^  bezieht  sich  auf  den  nächsten  Vers:  „Bartholome 
mit  Johanne.'"'' 

Beim  November  habe  ich  für: 

liemigius  der  loas  milde  (1.  Oct.) 
dinges  dach  maket  gilde 
keine  Deutung*. 


•)  WemhoM  p.  61.         «)  F.  S.  Voigt  Lebrb.  der  Zoologie  p.  264.        ")  vleghen- 
maen,  die  Hauptzeit  der  Fliegen  im  August.  Weinhold   p.  37. 


92  K.  E.  H.  KRAUSE 

Weidenbach  hat  seinem  Calendarium  '")  ein  Glossarium  vocabu- 
lorum  medii  aevi  eingefügt,  welches  auch  die  deutschen  Mouatnamen 
enthält,  meist  nach  Ziukernagel,  Wallraff,  Lacomblet,  auch  wohl  Kilian, 
Ich  lasse  daraus  hier  die  Namensformen  folgen,  welche  ich  als  ab- 
weichendere von  Weinhold  außerdem  bemerkt  habe;  Belege  gibt  Weir 
deubach  sehr  selten;  da  ich  der  alphabetischen  Ordnung  folge,  ist  wei- 
teres Citieren  unnöthig. 

Bludemonat  Febr.  ist  wohl  nur  Blijdemaent.  —  evenmaent  Sept. 
wird  von  1439  angeführt.  —  Faremant  Apr.  —  Fülmant  neben  fulmant 
Sept.  —  Glanzmonat  März.  Fischarts  glentzman  bei  Weinhold  S.  49, 
Z.  2?  —  Für  grasniaend  wird  von  1420  citiert:  imme  aprile  de  man 
noempt  graesmaent.  —  Haherernde:  '^op  peter  vincidae  abend  (31.  Juli) 
zu  de)'  Haherernde.'  • —  Hauivemanth  1287  Juni:  imme  hauioemanihe  an 
deme  neisten  fridage  ....  Primi  et  feliciani.^  Dieser  Freitag  war  der 
13.  Juni.  —  Heilmond,  helmaent,  Decemb.  oh  thomasdag  imme  helmaent, 
da  unser  trost  geboren  loart  1415;  auch  14G5,  s.  v.  ^hoidzfehrdag."' — 
Horremaent,  horenmond  für  Februar.  —  'des  andern  dages  na  sente  Agne- 
tendage  in  dem  maent,  der  da  heisset  lasmaent'.  —  Lenziginmaent  März. 
Marzach  März.  —  Medmond  Juli  cf.  Weinhold  p.  49.  —  Oegste  als 
August  und  September,  mit  Beweisstellen  zu  Weinhold  p.  32  Abs.  3 ; 
mensis  messionum  gehört  auch  dahin.  — •  Zu  Ostermonat  gehören  die 
beiden  Ausdrücke  mensis  'paschalis  für  die  Woche  vor  und  nach  Ostern, 
also  nur  für  14  Tage  und  mensis  novarum  für  April,  Über  die  Weihe 
des  neuen  Feuers'  am  Judassamstag,  Charsamstag  s.  Weidenbach 
S.  198  Sp.  2.  —  Sextilenmaent  August,  wohl  niu'  gelehrte  Grille.  — 
Wintmaent  November.  —  Wynmonat  October.  —  Von  mittelalterlich 
lateinischen  Namen  stelle  ich  noch  her  mensis  fenalis  Juli,  also  Heu- 
monat und  mensis  magnus  Juni,  etwa  wegen  der  langen  Tage  zur  Son- 
ueuwendzeit  ? 

Zum  Schluß  erlaube  ich  mir  noch  ein  Wort  über  die  Januar- 
uamen  lasmand,  laumaen.  Las  ist  der  Lachs  (salmo  salar,  in  niederd. 
Glossaren  oft  esox,  eyn  lass),  ich  halte  den  Namen  für  Lachsmonat^ 
Monat  des  Lachsfanges,  vielleicht  auch  Anfang  des  Lachsfanges;  die- 
ser fällt  nach  der  (istlichen  oder  westlichen  Lage  in  verschiedene  Zei- 
ten: nach  V.  Siebold  'Süßwasserfische',  soll  er  freihch  vom  September 
bis  Decembcr  laichen,  wohl  am  oberen  Rhein,  dann  muss  er  aber 
schon  früher  aus  dem  Meer  hinaufgezogen  sein;  nach  Leunis  Synopsis 


'")  Caleudarium  lüstorico-clinatiauiuii  luedii  et  novi  aevi.  etc.  von  Aiiton  Josei»h 
WeidcubacL.  Eesreusburff  1855. 


KLEINE  MITTHEILUNGEN.  93 

zieht  er  im  Mäi  aus  der  Nordsee  in  die  Flüsse,  an  der  Ostsee  kommt 
er  aber  früher,  wenn  die  FKisse  offen  sind,  und  in  England  soll  er  im 
Herbst  in  die  Flüsse  zum  Laichen  ziehen").  Es  Aväre  daher,  da  las- 
rtiand  niederländischen  Ursprungs  scheint,  das  Einziehen  des  Lachses 
in  die  Maas  festzustellen. 

Den  laumaenf^^)  möchte  ich  nun  wirklich  auf  die  Gerber,  d.  h. 
auf  die  Gerberlohe  deuten,  daß  er  ein  Lohmonat  wäre.  Vor  der  jetzigen 
Arbeitstheilung,  bei  der  die  Gerber  ihre  Eicheuborke  kaufen,  oft  schon 
zerstampft,  zogen  sie  aber  zur  Zeit  des  Holzfällens  selbst  zu  Holze, 
um  die  Borke  von  den  gefällten  Eichen  mit  eigenen  Instrumenten  zu 
reissen;  und  die  Zeit  des  Fällens  der  Eiche  zu  haltbarem  Nutzholz 
ist  Januar  und  Februar.  Noch  in  den  Jahren  184G — 50  sah  ich  in 
Lüneburg  die  Schuster,  welche  dort  das  Recht  hatten^  das  selbst  zu 
verarbeitende  Leder  selbst  zu  gerben,  zu  Holze  ziehen  und  die  Borke 
von  den  angekauften  Bäumen  reissen,  freilich  schon  im  Knospentrieb, 
aber  allgemein  war  auch  die  Klage,  daß  seit  die  Lohe  theuer  gewor- 
den^ das  Eichholz  schlecht  werde,  weil  Gerber  und,  Schuster  die  zu 
fällenden  Eichen  jetzt  auf  dem  Stamme  kauften  und  dann  bis  zum 
Saft  stehen  ließen,  wo  die  Lohborke  freilich  leichter  und  vollständiger 
abzustreifen,  das  Holz  aber  weniger  haltbar  sei.  Der  Laumaent  ist 
nun  wirklich  niederländisch,  dort  aber  ist  der  altberühmte  Sitz  der 
Gerbereien,  und  deren  Bedüi-fniss  hat  die  blühende  Cultur  der  Spie- 
gelborke wachgerufen,  welche  namentlich  in  dem  Sambre-Gebiete 
Wohlstand  vei'breitet  und  von  deren  Ertrag  jene  ganze  Gegend  ab- 
hängig ist;  der  laumaent  ist  der  Monat  der  alten  Lohernte,  wann  jetzt 
die  Spiegelborke  geerntet  wird,  ist  mir  nicht  bekannt. 

2.  uns,  US,  ösek,  sek. 

Die  niederdeutschen  Formen  des  pron.  1.  pers.  plur.  and  seines 
Possessivs  sind  kürzlich  von  3  Seiten  von  Neuem  besprochen^,  von  R. 
Schröder  gelegentlich  des  Redentiner  Spiels,  Germ.  XIV.  vS.  185,  von 
A.  Lübben  in  der  Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  II,  192  cf  506 
und  von  Höfer  Germ.  XV,  S.  73.  Der  Unterschied  der  Formen  scheint 
mir  aber  nicht  nur  ein  sprachliches,  sondern  auch  ein  ethnographisches 
Interesse  zu  haben,  insofern  der  anscheinend  noch  heute  topographisch 
festzustellende  Bezirk  derselben  vielleicht  auf  alte  Stammesunterschiede 
zurückführt.  Dabei  machen  denn   freilich    die    schriftlichen    Überliefe- 


")  AuslaiKl  18Ö7.  Nr.  14.         '^  Wclnliolrl  S.  48. 


94  K.  E.  H.  KRAUSE 

rungen  manche  nicht  unerhebliche  Schwierigkeiten.  Eine  solche  bietet 
auch  die  Annahme  Schröders,  daß  das  \is'  '^use  allmählich  rechts  der 
Elbe  verdrängt  sein  möchte,  früher  aber  dort  neben  "^uns'  gehört  sei, 
eine  Erscheinung,  welche  auch  Nerger  p.  107  für  die  ältere  Zeit  con- 
statiert  *).  Es  ist  allerdings  auffällig,  Aveun  die  aus  ''uns'  erst  entsprun- 
gene Form  W  (Grimm,  d.  Gr.  1  (2.)  S.  781  Abs.  3)  wieder  zu 
ihrem  Ursprung  zurückgekehrt  sein  sollte,  und  in  einer  Zeit,  wo  Ein- 
fluß des  Hochdeutscheu  noch  nicht  anzunehmen  ist;  indessen  sind  die 
rechtselbischen  Gebiete  ja  ColoniaUänder  und  die,  niederd.  Einwande- 
rung hat  ihre  Sprachunterschiede  mit  herübergebracht  und  sicherlich 
erst  langsam  ausgeglichen;  an  einzelnen  Orten  sind  sprachliche  alte 
Unterscheidungszeichen  noch  heute  deutlich.  Andererseits  scheint  eine 
allgemeine  oder  doch  weit  und  breit  anerkannte  und  geübte  Schrift- 
sprache des  Niederdeutschen  sich  im  14.  und  15.  Jahrh.  über  den  ein- 
zelnen Dialecten  ausgebildet  zu  haben,  welcher  die  Urkunden  abfas- 
senden Kleriker,  auch  die  Chronikenschreiber  folgten,  wenn  sie  auch 
nicht  völlig  die  Localtöne  verleugneten.  Diese  niederdeutsche 
Schriftsprache  hat  aber  ziemlich  überall  das  pron.  in  den 
Formen  ''uns'  ""unse'  gebraucht;  doch  will  ich  gleich  bemerken,  daß 
die  Braunschweiger  Chroniken  (Bd.  1.  Leipzig  1868)  nur  'os  (s. 
Wortreg.  s.  v.)  ^iis'  (z.  B.  S.  57.)  'use  (z.  B.  S.  64.  65)  anwenden;  im 
Volkslied  kann  natürlich  von  einer  Schriftsprache  nicht  die  Rede  sein. 

Zwei  Sprachgrenzen  für  den  bezeichneten  Zweck  vermag  ich  et- 
was genauer  anzugeben,  vielleicht  folgen  Forscher  mit  ausgedehnterer 
Kenntniss  später  diesen  Spuren  genauer.  Im  Bremischen,  d.  h.  der 
preußischen  Landdrostei  Stade,  wird  an  der  Elbe  nur  'uns\  'tmse', 
um  Bremen  an  der  Weser  nur  'üs\  ''iise'  (auch  '^use')  gesprochen,  so 
consequent,  daß  die  Bewohner  ihre  gegenseitige  Heimat  sofort  an  die- 
sem Pronomen  erkennen;  auf  dem  Geestrücken  (der  Abdachung  der 
Lüneburger  Haide)  und  in  den  Morstrichen  zwischen  Oste  und  Weser 
ist  die  Grenze,  wo  sich  Vermischung  zeigt. 

In  den  Hamburger  niederd.  Chroniken,  die  Lappenberg  heraus- 
gab, finde  ich  nur  'wns',  in  den  Stader  Urkunden  ebenfalls,  z.  B.  in 
dem  von  mir  herausg.  Archiv  des  Vereins  f.  Gesch.  u.  Alterth.  zu 
Stade  I  (1862)  p.  123  (v.  1376),  126,  143;  Pratje  Altes  und  Neues 
I,  S.  343,    auch  meine  Beiträge  zur   Gesch.  Stades    im    Stader  Progr. 


*)  Er  sagt  User,  üs,  üs  komme  bis  über  die  Mitte  des  15.  Jabrh.  liinaus  in 
einer  Menge  Urkunden  etc.  vor.  Noch  von  1578  verzeichnet  Wiechmann  2,  94,  20 
uae  Juncker. 


KLEINE  MITTHEILUNGEN.  95 

1856,  S.  19*).  Das  poss.  \inse'  erleidet  um  Stade  dieselbe  Kürzung 
„wws"  wie  in  Holstein  (Schütze  holst.  Id.  4.  S.  314),  ebenfalls  der  gen. 
plur.  ('uns'  cn'  =  unser  einer) ;  an  der  Weser  wurde  dagegen  auch  im 
vorigen  Jahrh.  so  ausschließlich  gen.  user,  dat.  acc.  „?fs  oder  ?ms",  also 
bald  kurz,  bald  lang  gesprochen,  daß  das  brem.-nieders.  Wb.  2,  S.  G94 
nur  diese  Formen  verzeichnet,  auch  in  den  Nachträgen  nichts  hinzu- 
fügt, auch  nicht  einmal  in  dem  1869  erschienenen  Th.  VI.  Ich  selbst 
habe  'its'  Dat.  Acc.  lang  sprechen  hören,  ebenso  ^ms'  für  den  Gen. 
(üs  en),  das  poss.  aber  '^iise  und  '^use.  Auch  im  Oldenburgischen  und 
in  der  Grafschaft  Hoya  gilt  noch  "us",  fraglich  ob  mit  langem  oder 
kurzem  u  (Krüger  Übersicht  der  heut,  plattd.  Spr.  Emden  1 843  S.  36) ; 
in  Ostfrieslaud  bezeugt  Krüger  1.  c.  \ms\  Stürenburg  S.  203  W  und 
'mis';  hier  wie  in  den  friesischen  Landen  Oldenburgs  ist  bekanntlich 
die  friesische  Sprache  durch  das  nachbarlich  eindringende  Nieder- 
sächsische bis  auf  landschaftliche  Färbung  und  eine  Reihe  erhaltener 
Wörter  erstickt**).  Nebenbei  sei  bemerkt,  das  auf  Helgoland  dat.  acc. 
kurz  'üs',  das  poss.  lang  üs  lautet. 

Eine  ähnliche  Begrenzung  ist  der  Formenreihe  g.  'üser,  üs'  (auch 
durch  neuere  Übertragung  öWc,  nicht  aber  ösch),  Dat.  und  Acc.  ösek, 
ösch,  sek,  Poss.  'üse,  üs'  anzuweisen.  Sie  ist  am  sichersten  erhalten 
hart  an  der  Grenze  des  Niedersächsischen  gegen  das  Eichsfelder  und 
hessische  Hochdeutsch  im  Leinegebiet  und  rechts  an  der  oberen  We- 
ser, also  im  Göttingen-Grubenhagen'schen  und  weiter  in  Hildesheim 
und  Laienberg  (Stadt  Hannover),  mit  allmählicher  Abschleifung  des 
ösek  und  ösch  zu  ös.  Wie  weit  diese  Formen  nach  Braunschweig 
hineinreichen,  weiß  ich  nicht;  der  Brauch  der  Braunschweiger  Chro^ 
niken  ist  oben  angegeben.  Dieses  selbe    Gebiet   braucht    die    Formen 


*)  Nach  dem  heutigen  Sprachstande  und  dem  Urkundenbrauche  wird  SchrÖT 
ders  Annahme  (1.  c.)  einer  Herkunft  des  Hochzeitgedichtes  Nr.  6  im  Anhang  zu 
Lappenberg's  Lauremberg  aus  Buxtehude  unhaltbar,  auch  Lappenberg  sagt  das  nicht, 
noch  hätte  je  ein  Buxtehuder  es  übers  Herz  gebracht,  diese  seit  alter  Zeit  dort  bitter 
verhassten  Lästerscherze  der  Nachbarn,  vorzüglich  der  Hamburger  über  diese  kleinste 
der  Hansestädte  so  behaglich  zu  verwenden.  Das  Gedicht  wii'd  mit  Benützung  dieser 
Buxtehudiana  iu  Hamburg  verfasst  sein,  der  Urheber    aus   der  Wesergegend    stammen. 

**)  In  Hieronymus  Grestius  Eeimchronik  von  Harlingerland  (vor  1555)  Herausg. 
von  D.  Möhlmann,  Stade  und  Harburg  1845,  kommt  nur  einmal  p.  11.  v.  178  das 
betreff,  pron.  in  der  Form  'uns  vor;  Grestius  war  aber  ein  Ravensberger  aus  Her- 
ford. Im  Achimer  Kirchenlied,  das  ich  im  Rostocker  Schulprogr.  Ostern  1868  p.  7  ab- 
drucken ließ,  lautet  der  Acc.  uns,  das  poss.  unse ;  Achim  liegt  zwischen  Bremen  und 
Verden,  der  Schreiber  aber  stammte  aus  Minden  und  hatte  die  Herfurder  Schule 
besucht. 


96  K.  E.  H.  KRAUSE 

*mek  (mik')  Acc.  Dat.  sing.,  nicht  mi-^  und  in  der  2.  Pers.  delz  (dich), 
jök.  Das  ö  in  öseh  ist  ganz  kurz,  das  u  in  €ise  deutlich  laug*). 
Schambach  S.  55  v.  eh  und  S.  250  v.  iise  hat  die  genannten  Formen 
bis  auf  den  elidierten  G.  pl.  üs  {üs  ein  neben  iiser  ein) ;  das  genitivisch 
gewordene  ösek  habe  ich  nur  neben  Zahlen  gehört,  auch  Schambach 
bietet  nur  solch  ein  Beispiel  „ösek  wören  man  twei  lue",  unser  wa- 
ren nur  zwei.  Das  apocopierte  auffällige '  sek'  hört  man  seltener,  es  kommt 
aber  nicht  bloß  als  reflexiv  1.  pers.  oder  nach  Praep.  vor;  Sätze  wie 
„hei  het  sek  dat  sogt  (esegt)",  er  hat  uns  das  gesagt,  —  sind  mir  aus 
meiner  göttingischen  Heimat  wohlbekannt,  obgleich  dort  meist  ösch  ge- 
sagt wurde.  Überhaupt  hat  sich  das  alterthümliche  ösek  und  damit 
auch  sek  am  meisten  im  Solling,  dem  Waldgebiet  zwischen  Weser 
und  Leine,  erhalten ;  urkundlich  kommt  es  selten  vor;  das  sek  habe 
ich  nur  ein  einziges  Mal  so  gelesen,  leider  aber  den  Nachweis  nicht 
zur  Hand;  ich  meine  bestimmt,  es  war  eine  Urkunde  des  Klosters 
Höckelheim.  Die  von  Lübben  1.  c.  aus  dem  14.  Jahrh.  nachgewiese- 
nen seltenen  Formen  iisik,  usek,  osek  und  ebenso  die  von  Höfer  1.  c. 
angeführten  ussich  (also  mit  kurzem  u  und  sicher  weichem  s,  so  wie 
dem  ch  des  'ösch')  neben  os  und  use  gehören  demselben  Grebiete  an; 
die  von  Höfer  aus  Rügenschen  imd  Mecklenburg-Vorpommerschen 
Urkunden  beigebrachten  ganz  vereinzelten  usyk,  nsik  sind  meiner 
Überzeugung  nach  ebendaher  nach  dem  Osten  eingeführt,  vielleicht 
durch  Einwanderung  der  abfassenden  Cleriker. 

Dem  gegenüber  haben  wir  nun  die  auffällige  Erscheinung,  daß 
in  den  Gegenden,  wo  üs,  üse  und  wo  ösek,  ösch,  üse  durchaus  herr- 
schen, fast  alle  schriftlichen  Aufzeichnungen  urkundlicher  und  vielfach 
auch  chronistischer  Art  diese  Formen  nicht  gebrauchen.  Die  E,ynes- 
berch-Schene'sche  Chronik  gebraucht  meines  Wissens  nur  uns,  unse, 
unsse,  z.  B.  p.  96,  119,  125,  138,  139,  in  Lappenbergs  Ausg. ;  von  den 
meisten  Bremer  Urkunden  sind  die  Texte  allerdings  noch  nicht  diplo- 
matisch treu  publiciert,  aber  das  tins  ist  überall  herrschend;  die  genaueu 
Texte  im  Bremer  Jahrb.  Bd.  1 — 3  geben  überall  uns^  unse  mit  einer 
merkwürdigen  Ausnahme  in  der  Baurechnung  des  Bremer  Rathhauses 
von  1405  und  den  folgenden  Jahren.   Derselbe   Rechnungsführer,  wel- 

*)  Krüger  1.  c.  führt  für  Göttingen  und  Hildesheim  'wis  neben  'ösek'  an,  lässt 
aber  'ösch',  'sek',  'os'  und  poss.  'iise'  aus.  Ich  habe  jenes  'uns'  so  wenig  gehört  wie 
Schambach.  —  Gelegentlich  hier  die  Notiz,  daß  die  Magdeburger  Schöppenchroiiik 
(Die  Chroniken  der  deutschen  Städte.  Band.  VII.  Leipzig  1869.)  'uns'  'unse'  schreibt. 
—  dick  :  ick,  dat.  noch  1557  in  Mecklenburg  bei  Wiechmann  2.  S.  37  [Rost.  Geistl. 
ABC.)  und  wechselnd  mit  äy  als  acc.   1578  ib.  2.  S.  93.  Z.  6. 


KLEINE  RiriTHEILUNGEN.  97 

eher  bis  dahin  unse  geschrieben  (Br.  Jahrb.  Bd.  2  S.  305  ff.),  verlässt 
mit  dem  dritten  Hefte  diesen  Brauch  und  schreibt  us  und  uze  (z  =  wei- 
chem s)  bis  ans  Ende  (S.  318).  Die  Urkunden  dagegen  im  dritten 
Bande  S.  145 — 158  von  1411 — 1422  lassen  niemals  das  n  aus,  eben- 
sowenig der  Dialogus  über  den  Kriegszug  gegen  Bremen  1547  (Bd.  1. 
p.  179)  oder  die  Urkunde  von  1586  (Bd.  1.  p.  254).  Gegen  eine  an- 
genommene conventioneile  Schreibweise  ist  also  bei  jenem  Rechnungs- 
führer sein  heimischer  echter  Dialect  mit  dem  us,  uze  wieder  durch- 
gebrochen. —  Fast  ebenso  steht  es  mit  dem  südlichen  Gebiete  ;  die 
einheimischen  Formen  werden  in  den  Urkunden  verschmäht ;  beispiels- 
halber hebe  ich  aus  der  großen  Masse  hier  nur  eine  Reihe  Eimbecker 
und  Höckelheimer  von  1489 — 1522  heraus,  die  Grotefend  in  der  Zeit- 
schrift des  bist.  Ver.  f.  Niedersachsen,  Jahrg.  1867  p.  155  ff.  veröffent- 
lichte und  in  denen  mitten  in  jenem  Landstriche  nie  ösch  oder  dgl. 
stets  nur  uns,  unse  erscheinen. 

Ich  meine,  daß  diese  Thatsachen  die  Berechtigung  geben^  von 
einem  niedersächsischen  Schrift-  oder  doch  Kanzleige- 
brauch zu  reden,  welcher  die  Lokalsprache  wenig  beachtete  oder 
ganz  verwischte  und  vor  eiligen  Schlüssen  daraus  zu  warnen,  ob  be- 
stimmte Formen  in  den  schriftlichen  und  urkundlichen  Denkmälern 
einer  Gegend  nachzuweisen  sind  oder  fehlen. 

3.  H  a  u  e  m  a  n. 

^  Haueman'  ist  trotz  Dähnert's  (p.  179)  richtiger  Angabe  von  K. 
Schröder,  Germ.  XIV  S.  195  f.  als  Edelmann,  Herr  vom  Hofe,  be- 
zeichnet und  als  bäuerlicher  Hofbesitzer,  entsprechend  dem  Mhd.  ho- 
teman,  in  Anspruch  genommen;  ja  als  einziger  niederd.  Ausdi-uck  für 
den  ersteren  *  eddelman'  angegeben,  für  den  jetzigen  Gebrauch  richtig, 
nicht  aber  für  den  alten.  Hof  heißt  rechts  der  Elbe  in  Norddeutsch- 
land noch  vorzugsweise  das  große  Gut,  Rittergut  oder  Domäne*), 
richtiger  die  Gutsgebäude,  der  Name  haueman  ist  daher  für  den  großen 
Besitzer,  im  Mittelalter  also  für  den  Herrn  ritterliches  oder  diesem 
gleichgeachtetes  Geschlechts  durchaus  bezeichnend,  der  Colonus  hieß 
vielmehr  'büman',  da  er  gerade  das  Bauen  des  Ackers  besorgte,  wahr- 
scheinlich  auch  hüsman,  da  noch  heute  hüsmann,  anderwärts    husioerJ, 

*)  In  Lief-  und  Ehstland  ist 'hof'  gerade    der    Gegensatz    des  Herrschaftlichen 
gegen  Alles,  was  dem  Bauern  überlassen  ist.  (Hupel)  Idiot,  d.  deutschen  Spr.  in  Lief- 
und  Ehstl.  Riga  1795.  S.  95  fg. 
GERMANIA.  Neue  Reihe  IV.  (XVI.)  Jahrg.  7 


98  K.  E.  n.  KRAUSE. 

auch  werd  allein  neben  hümann  in  derselben  Bedeutung  vorkommt. 
Rostocker  Chronik  von  1310—14  (15.  Jahrh.)  in  Schröter  Beitr.  zur 
Mecklenb.  Gesch.-Kunde  I,  1,  "60  „dat  nen  borger  ne  scheide  lauen 
vor  yennigen  Jiaueman''^  kann  nur  heißen,  es  solle  kein  Bürger  für 
einen  fürstlichen  Lehensmann  Bürgschaft  übernehmen;  haueicerk  ouen 
ib.  S.  29  Not.  99  das  kriegerische  Thun  und  Treiben  der  fürstlichen 
Vasallen.  So  gebraucht  in  derselben  Bedeutung  Detmar  bei  Grautoff  II 
S.  103  hovelude  und  ebenda  „de  drosten  unde  /louekt^e  der  slote" ;  letz- 
teres sind  die  Burgmannen,  ersteres  die  fürstlichen  Vögte  (Grimm  D. 
W.  II  Sp.  1437  f.)  oder  auch  Pfandinhaber  fürstlicher  Schlösser,  die 
in  dieser  Eigenschaft  den  Vögten  gleichgeachtet  sein  mögen.  Rynes- 
berch-Schene  (Lappenberg  Geschichtsqu.  des  Erzstiftes  und  der  Stadt 
Bremen)  p.  88  setzt  geradezu  die  houelude  als  ritterliche  Leute  den 
reichen  Bürgern  gegenüber;  p.  140  wird  erzählt  wie  Herzog  Johann 
von  Beyern,  den  „edelen  von  Ruczvort  unde  enen  ritter  unde  vefftich 
guder  houelude  enthoueden"  Hess  (1408) ;  nicht  weniger  als  acht  Mal 
braucht  diese  Chronik  das  Wort,  s.  Lappenberg  1.  c.  im  Wb.  p.  256 
s.  V.  und  daraus  Brem.  nieders.  Wb.  VI.  p.  11 L  Die  Braunschweig. 
Chronik  hat  das  Wort  in  derselben  Bedeutung  I.  S.  139.  9,  wo  Hegel 
in  der  Note  die  ritterlichen  Mannen  nennt,  während  das  Wortregister 
V.  hovelude  „Kriegsleute"  erklärt;  hoveicerch  heißt  dort  aber  geradezu 
„Krieg"  (ib.  S.  147.  N.  das  Wortregister  erklärt  „Kriegsdienst")  und 
'verhovewerken  im  Kriege  verbrauchen.  In  der  Magdebui-ger  Schöppen- 
chrouik  ist  im  Wortreg.  (Chron.  d.  d.  Städte  VII,  S.  452)  hoveiverk 
als  Vasallenrosdienst  richtig  erklärt,  auch  der  Zusatz  „berittene  Schaar 
überhaupt"  ist  nach  den  beiden  Stellen  S.  254,  17  (wo  als  Gegensatz 
auch  „de  bur"  genannt  wird)  und  S.  390,  16  „hovewerke  und  seidener" 
wohl  anzuerkennen,  wobei  aber  vorwiegend  doch  an  die  Dieustman- 
nengeschlechter  gedacht  ist.  Das  Rostocker  'hauetverk  ouen  nennt  das 
Bremer  Lied  von  1408  (Haupt-Zeitschr.  XL  S.  375  f.  v.  Liliencron 
bist.  Volksl.  I.  S.  217  Bremer  Jahrb.  3.  S.  136  if.)  v.  74  hoveren,  wel- 
ches Wort  sonst  Turnierübungen  u.  dgl.,  ähnlich  wie  hoven*)  bedeutet, 
dem  mh.  Brauch  entsprechend.  Lappenb.  1.  c.  S.  88  und  96  (256)  und 
daraus  Brem.  nieders.  Wb.  VI.  S.  111.  Lied  von  1408  v.  3;  als  Subst. 
dazu  bietet  dann  die  Schöppenchronik  1.  c.    p.  451    hoverie  und    hove- 

ringe. 

ROSTOCK.  K.  E.  H.  KRAUSE. 


*)  Auch  die  mh.-Verbindung   liüsen  und  Iioven  kommt  mnd.  vor  als  hoven  edher 
hufeen.  Brem.  nieders.  Wb.  2.  S.  638  v.  hoven. 


LITTERATUR.  ß^ 


LITTERATÜR. 


Die  Kosenamen  der  Germanen.  Eine  Studie  von  Dr.  Franz  Stark.  (Mit  drei 
Excursen:  1.  Über  Zunamen.  —  2.  Über  den  Ursprung  der  zusammen- 
gesetzten Namen.  —  3.  Über  besondere  friesische  Namensformen  und  Verkür- 
zungen.) Wien,  Tendier  &  Comp.  1868.  191,  XII  SS. 
Das  genannte  Werk  hat  sich  zur  Aufgabe  gemacht,  die  Gesetze  darzulegen, 
die  bei  der  manigfaltigen  Bildung  der  germanischen  Kosenamen  zu  Tage  treten ; 
der  Verfasser  sagt  selber  von  seinem  'Versuche  zur  Lösung  dieser  Aufgabe:  „Er 
ist  in  diesem  Umfange  und  in  dieser  methodischen  Gliederung  der  erste  dieser  Art 
und  wird  bei  der  ihm  gegebenen  Grundlage  im  Ganzen  nicht  verfehlt  sein,  wenn 
auch  bei  einzelnen  Namen,  insbesondere  bei  den  aus  romanischen  Quellen  entnom- 
menen ,  wie  auch  bei  den  friesischen ,  abweichende  Ansichten  sich  geltend  machen 
können"  (S.  2).  Wenn  der  Verfasser  weiter  (S.  10)  als  das  Ergebniss  seiner  For- 
schungen den  Satz  aufstellt :  'Die  einfachen,  einstämmigen  Namen  sind 
Verkürzungen  der  zu  sammeugesetzteu  ,  so  kann  Referent  trotz  aller  An- 
erkennung, die  er  den  hohen  wissenschaftlichen  Vorzügen  der  Arbeit  mit  Freuden 
zollt,  nicht  umhin  gleich  hier  zu  erklären,  daß  er  die  Beweismittel  derselben  nicht 
durchaus  gleich  zuverlässig  und  stichhaltig  findet  und  darum  (im  Hinblick  auf 
S.  157)  die  Entscheidung,  ob  die  beigebrachten  einzelnen  Belege  für  die  ursprüng- 
liche Identität  einfacher  und  zusammengesetzter  Namen  volle  Beweiskraft  auch  für 
die  ungezählte  Schaar  aller  übrigen  einfach  scheinenden  Namen  in  sich  tragen, 
achtbareren  Fachgenossen  zu  überlassen  bereit  ist;  er  für  seinen  Theil  will  wenig- 
stens noch  eine  Zeit  lang  beim  alten  Glauben  bleiben. 

Da  wir  füglich  voraussetzen  können,  daß  wohl  der  größte  Theil  der  Leser 
der  Germania  mit  Starks  Kosenamen  schon  in  ihrer  ersten  Gestalt  (Wien  1866  in 
zwei  Heften)  bekannt  geworden  ist,  so  wäre  es  überflüssig,  wollten  wir  uns  über 
die  wohlbedachte  Anordnung  und  die  erstaunlich  reiche  Sachkenntniss,  die  sich 
allenthalben  zeigen,  des  Weiteren  ergehen  und  wir  schreiten  darum  sogleich  an  die 
Besprechung  des  Einzelneu.  Zunächst  halten  wir  uns  auf  S,  12  f.  bei  Burgundofaro 
und  dessen  Schwester  Burgundofara  auf.  Trotz  der  in  der  Anmerkung  ertheilten 
Warnung  lassen  wir  uns  durch  die  alte  urkundliche  Form  Faro  Burgundus  beii-ren 
und  erklären  uns  mit  der  Auffassung  bei  Pardessus  ganz  und  gar  einverstanden. 
Wenn  Faro  (welchen  Namen  man  nach  Belieben  für  einen  einfachen  oder  verkürz- 
ten ansehen  mag)  sich  Burgundo  unterschrieb,  so  ist  uns  damit  nur  ein  Beispiel 
mehr  geliefert,  wie  man  vormals,  wie  heute  noch,  im  fremden  Lande  des  heimi- 
schen Namens  sich  leicht  entledigte  und  wie  hin  und  wieder  frühzeitig  Namen  frem- 
der Völker  oder  Stämme  volle  Geltung  von  Personennamen  erlangten.  So  beur- 
theilen  wir  z.  B.  —  und  können  hier  wahrlich  nicht  an  Verkürzung  zusanimcn- 
gesetzter  Namen  denken  —  die  PN.  Durinc,  Duringin,  Pagin,  Pegirin,  Freso,  Fre- 
sin,  Sahso,  SaJisiii,  Walah,  Walahin,  Scot,  Cumbro,  Winid,  Winidin  imi  Vini- 
disco,  Vinidisca  (vgl.  FN.  Windisch,  Windischmann)  und  mit  Lautverschiebung 
des  Dentals  das  vertrackte  Coranzan,  das,  so  lange  keine  bessere  Deutung  kommt, 

7* 


100  LITTERATUR. 

für  den  Kärnter-  oder  Quarantanennamen  gelten  kann  (vgl.  Zeuss,  Die  Deutschen 
618).  Hatten  aber  Namen  solcher  Art  einmal  ihren  ursprünglichen,  mehr  appella- 
tivischeii  Werth  verloren,  so  erklärt  sich  gewiss  leicht,  daß  sie  wie  andere  echte  PN. 
in  neue  Verbindungen  treten  durften:  Durinchart  (=  Dumc  S.  17),  Turinbertus 
(=:  Thuringus  S.  16),  Sahsbraht,  Fresbraht,  Swabperaht  *),  Scothard,  anderseits 
Adalswab,  Lanfranc.  Halbthuring  und  Halbwalah  (Förstemann  1,  596;  Pott,  Per- 
sonennamen 185)  zeigen  uns  schon  im  Namen  die  Mischung  der  Stämme  und  Völ- 
ker, die  in  Saxwalo  den  genauesten  Ausdruck  erreicht  hat,  freilich  ohne  daß  man 
gerade  behaupten  könnte,  nur  die  Eltern  Saxwalos  seien  sächsischer  und  wälscher 
Herkunft  gewesen.  Erscheinen  uns  Composita  mit  walak  häufiger  als  solche  mit 
uinid,  so  ist  das  offenbar  ein  Beweis  dafür,  daß  romanisches  und  deutsches  Blut 
sich  leichter  vermischten  als  deutsches  mit  slavischem.  Wir  wollen  hier  gleich  noch 
ein  Weiteres  anschließen :  wo  solche  Mischung  von  Stämmen  uud  Völkern  vorkam, 
enthält  vielleicht  auch,  worauf  wir  die  Aufmerksamkeit  der  Forscher  lenken  möch- 
ten, mancher  Name  Dialectwidersprüche  in  sich,  mancher  ist  auch  geradezu  ein 
Mischling  aus  Deutschem  und  Fremdem,  wie  z.  B.  CeZsoildis,  CZarmunt,  Z^MZc^pert, 
Gund'isalvus,  Ursemsii;  wohl  auch  i^Msa^radus,  Sindefuscus  (vgl.  Kosenamen  29), 
welche  letzteren  Namen  unser  Verfasser  früher  zweifelnd  zu  funs  gestellt  hat 
(l.  Aufl.  283)  und  jetzt  lieber  unerklärt  lässt.  Selbst  an  slavische  Stämme  Hesse 
sich  hin  und  wieder  z.  B.  bei  Namen  mitmil,  dorn,  seli  denken  (Miklosich  PN.  220 
und  117,  ON.  aus  PN.  83). 

S.  14  sind  die  Namen  Perduto,  Pezittus  als  auf  fremden  Boden  übertragene 
deutsche  Namen,  die  dort  fremde  Suffixe  (augmeutatives  -uto,  deminutivisches 
-ittus)  annahmen,  unseres  Erachtens  nicht  mehr  wie  andere  deutsche  Namen  zu 
beurtheilen ;  die  Kürzung  von  Albert  in  Perd-,  Pez-  wird  uns  hier,  wie  Prandus 
für  Rot-,  Grisprandus ,  undeutsch  erscheinen  können  und  wie  Dries  =  Andreas, 
Län  =  Helena  u.  dgl.  Namen  zu  beurtheilen  sein.  VeiTäth  uns  Perduto,  Prandus 
vielleicht  auch  die  Betonung  AlMrto,  Gisprändo'i  Die  Betonung  wird  mehr  als 
bisher  geschehen  ist  bei  Namenkürzungen  in  Betracht  zu  ziehen  sein.  —  Die  auf 
S.  1 5  und  1 7  besprochenen  Namen  Wando  =  Wandregisilus,  Tado  =  Tadelbertus 
gehörten  nicht  in  die  Reihe,  sondern  in  die  Abtheilung  HI,  2.  —  Suappoto  = 
Suappo  (S.  20),  das  Stark  früher  auch  auf  Suadpoto  zurückführte,  wird  jetzt  auch 
aus  Svan-  oder  Sualpoto  erklärt.  An  welcher  Stelle  des  Namenbuches  wird  dann 
einst  Suappoto  sicher  zu  stehen  kommen,  wenn  die  strenge  AVissenschaft  die  ur- 
sprünglichen Stämme  wird  geschieden  haben?  Wer  billig  denkt,  wird  bei  solchem 
Stand  der  Dinge  den  stolzen  Ton  im  Vorwort  unsers  Buches  (S.  l),  der  sich  gegen 
Förstemanns  höchst  anerkennenswerthe  Vorarbeiten  wendet,  für  keine  sonderliche 
Zierde  der  sonst  gar  trefflichen  Arbeit  Starks  ansehen ;  wie  anders  schloß  Förste- 
mann das  Vorwort  seines  Namenbuches  (I.  Theil) !  Was  nun  Suappoto  beti-ilft,  so 
wird  die  einfachste  Deutung  desselben  an  Suap  (Swäp)  anknüpfen  ;  dann  könnte 
auch  Suappo  der  schlichte  Schwabenname  für  sich  sein  (vgl.  oben  Durnc,  Thurin- 
gus) und  bezüglich  pp  nach  ä  kann  auf  Weinholds  Bair.  Gramm.  §.123  verwiesen 
werden.  —  S.  20  werden  die  Namen  ElflFo,  Erffo  (Urkundenb.  v.  St.  Gallen  saec.  9) 
für  keltisch  erklärt.  Könnte  man  nicht  wenigstens  dem  zweiten  Namen  seine  Deutsch- 


*)  Wir  müssen  hier  wie  durchaus  auf  Bezeichnung  der  Längen  Verzieht  leisten, 
wie  es  Förstemann  und  Stark  getlian  haben,  da  ja  oft  die  Etymologie  eines  Namens 
unsicher  bleibt. 


LITTERATUR.  f  101 

heit  durch  Hinweis  auf  die  uralte  St.  Galler  Glosse:  fusms  erpfer  (Graff  I,  LXVI) 
sichern?  Man  vgl.  Erfman,  auch  Erqfman,  Erpfmar,  Erpherich,  Erphroh  usw. 
(Förstemann  unter  ARB).  Referent  muss  leider  gestehen,  daß  ihm  noch  nicht  die 
Muße  zu  Theil  wurde,  keltischen  Studien  obzuliegen,  daß  ihm  aber  gleichwohl  da 
und  dort,  wo  unser  Herr  Verfasser  Namen  aus  dem  Keltischen  erklären  will,  ger- 
manische Zweifel  kommen  mussten,  mitunter  sogar  lateinische  und  griechische. 
Wer  möchte  nicht  Ermogeniauus,  Armonius  (S.  43  Anm.  1),  Eufraxia  (S.  4)  für 
Hermogenianus,  Harmonius ,  Eupraxia  (vgl.  fressa  =  pressa,  Wackernagel,  Um- 
deutschung)  halten,  Antunia,  Prova,  Beatus,  Facetus  u.  dgl.  N.  für  lateinisch? 
Mit  Antunia  hat  man,  gleichfalls  im  Verbrüderungsbuch  von  St.  Peter,  z.  B.  Ju- 
vinianus  oder  diakun,  munistri,  mit  Prova  prüeven  zu  vergleichen.  Da  zweifelsohne 
viele  Namen  von  Umständen  der  Geburt  sich  herschreiben  (s.  Pott  537  ff.),  so 
möchte  man  Secumdina  doch  am  liebsten  mit  Quintus,  Sextus  usw.  verbinden  (vgl. 
bei  Pott  543  Herennia  Lucia  et  Herennia  Seeundina  aus  Neigebauers  Dacien), 
nicht  keltisch  erklären,  wie  unser  Verfasser  (S.  45),  oder  Manicius  (S.  76)  mit 
Pott,  aber  ohne  dessen  Bedenken,  an  Manir  Manilius  anschließen.  Am  wirksam- 
sten zeigt  sich  aber  der  alte  böse  Zaubeudes  Keltischen,  der  deutscher  Wissen- 
schaft schon  so  manchen  Spuk  bereitet  hat,  bei  den  Namen  Johel,  Jesus,  Suffonias 
im  'Ordo  patriarcharum  seu  prophetarum'  des  Verbrüd.  v.  St.  P. ,  die  nach  S.  4 
unsers  Buches  gut  keltisch  sein  sollen.  In  Förstemanns  verrufenem  Namenbuch 
finden  wir  diese  zudringliche  Trias  nicht.  —  Wofhart,  Wofcoz  u.  dgl.  Namen  sind 
S.  23  gewiss  mit  Recht  zu  wuof  clamor  gestellt  (auch  von  Förstemann  unter  VOP); 
warum  soll  Willoffus  (8.  Jhd.,  auch  Villof  bei  Neugart)  und  Erlofus  (8.  Jhd.,  bei 
Meichelbeck)  nicht  auch  so  erklärt  werden  (vgl.  Willolf,  Erlolf,  Erlolt)?  Die 
Schreibung  Willoff  ist  wie  woffit  gl.  K.  bei  Weinhold  Alem.  Gr.  §.  158.  —  Bei  den 
S.  26  aufgeführten  höchst  interessanten  Namen  Einbetta,  Vorbetfa,  Vlllbetta  des 
4.  Jhd.,  die  unser  Verfasser  für  keltisch  hält,  haben  wir  an  Identität  mit  den  von 
^^' (unhold,  Kiesen  des  germ.  Mythus,  besprochenen  Schicksalsjungfrauen  Einbet, 
Wal-  oder  Warbet,  Wilbet  nicht  zu  zweifeln.  Verdienen  die  Variauten  Eimberta, 
Aimbertha,  wie  doch  wohl  anzunehmen  ist,  unsere  Beachtung,  so  fällt  Weinholds 
Erklärung  aus  bet  =  bat,  Kampf  und  aller  Streit  über  -bet  hätte  zugleich  sein 
Ende  (s.  Simrock  Mythologie  [2.  Aufl.]  368).  Dann  hätten  wir  aber,  denken  wir 
uns,  die  Form  -betta  doch  in  eine  jüngere  Zeit  zu  versetzen,  als  schon  ins  4.  Jhd. 
—  Weshalb  das  an  diese  'keltischen'  Namen  angeschlossene  Bertramnus  (7.  Jhd., 
bei  Pardessus)  sicher,  wenn  nicht  ein  keltischer  Name,  doch  eine  keltische  Form 
ist,  wüssten  wir  nicht  zu  sagen.  Steckt  der  Celtismus  in  der  Form  bert,  was  west- 
fränkische Regel  sein  mag  (Förstemann  1,  236),  anderwärts  aber  auch  begegnet, 
oder  in  ramnus  =  hrabanus,  vgl.  Chramnus,  Chramnisindus,  Ramnolf,  Hramning 
bei  Förstemann?  Unser  Verfasser  ist  nicht  selten  so  knapp  im  Ausdruck,  daß  dem 
Leser  arges  Kopfzerbrechen  bereitet  wird.  —  Der  S.  27  f.  gegebenen  Deutung 
von  Focco  dürfte  —  wenn  hier  noch  einmal  von  friesischen  Namen  die  Rede  sein 
kann  —  auch  Fokdag  bei  Heyne,  Altniederd.  Eigenn.,  Voccho  im  Notizenblatt 
(Wien  1855)  VI,  21,  23  (aus  den  Urkunden  im  Verbrüderungsb.  v.  St.  P.),  ferner 
die  Varianten  zu  Vokenrot  bei  Förstemann  2,  534  zur  Stütze  dienen;  die  Mittel- 
stufe nähmen  Volke,  Folch  bei  Heyne  ein.  —  Wenn  wir  zu  dem  (S.  29)  aus  roma- 
nischen Quellen  geholten  Namen  des  Stammes  fuse  Fusca  (lO.  Jhd.),  Seitenthal 
des  Pinzgaues  (bei  Forst.  2,  542)  halten,  das  auf  Fuscaha  zurückführen  wird,  so 
könnten  wir  uns  verleiten  lassen,  wenigstens  bei  diesem  Fuscaha  frühes  Eindringen 


102  LITTERATÜR, 

des  ohnedies  heimisch  klingenden  lateinischen  Wortes  anzunehmen.  Wäre  dann 
Fusculo  bei  St.  P.  (8.  Jhd.)  wie  Enzolo,  Zozzolo  u.  dgl.  auch  mit  deutschem  Suffix 
versehen?  Doch  wäre  nicht  vielleicht  an  den  in  Dialecten  mehrfach  auftretenden 
ütamxn  f lisch  zu  denken  und  Fuscaha  das  rasche  Wasser?  Berührt  sich  das  zuletzt 
doch  wieder  mit  fims'i  —  Was  die  keltischen  Namen  der  Anmerkung  hinter  Sce- 
tildis,  Domnildis,  Emnildis  S.  31  zu  bedeuten  haben,  will  uns  nicht  einleuchten  — 
wozu  die  Wortkargheit?  Wir  könnten  nur  rathen:  kymrische  Namen  zeigen  yllt 
für  ill  oder  umgekehrt,  darum  (?)  sind  die  oben  genannten  Scetildis  usw.  ja  nicht 
an  -hildis  anzuknüpfen.  Und  diese  -hildis,  -ildis  sind  doch  gerade  auf  westfränki- 
schem Boden  so  häufig  und,  kann  man  meinen,  eine  gewiss  lockende  Analogie. 
Daß  Starks  Kosenamen  ein  schwergelehrtes  Werk  sind,  wird  Niemand  bestreiten 
wollen,  wir  erklären  es  aber  unbedenklich  für  einen  Fehler  desselben,  daß  darin 
zu  den  Namen  mitunter  gar  so  wenig  Worte  gemacht  werden.  —  Mit  der  Deutung 
der  Namen  mit  luit,  deren  auf  S.  33  Erwähnung  geschieht,  will  uns  der  Verfasser 
noch  eine  Zeit  lang  im  Ungewissen  lassen.  Wer  die  slavischen  Namen  mit  Ijud- 
daneben  sieht,  wird  doch  an  entschiedene  Analogie  denken  wollen.  Ausführlich 
handelt  hier  der  Verf.  über  Dudo  '■=■  Ludo ;  außer  spanisch  Nuno  statt  Munio  und 
engl.  Bobby  für  Robby  hätte  sich  mit  gleicher  Assimilation  Giggi,  ital.  Ghigo  = 
Friedrich  in  Frommanns  Z.  VI,  458  stellen  lassen.  Mehr  Beispiele,  aber  in  ur- 
sprünglich fremden  Namen,  sind  gleichfalls  dort  von  Tobler  beigebracht :  Dudi  = 
Theodor,  Dodo  =  Anton,  Bobi  =  Jacob,  Mömi  =  Salome  (vgl.  auch  Kuhns 
Z.  XVIII,  225);  wir  werden  mit  Pott  in  Namen  dieser  Art  R  eduplication  zu 
erkennen  haben,  die  besonders  in  aargauisch  Mangnangeli,  Mingniggeli  für  Anna 
Maria  und  Marianne  vorliegt  (Frommann  VI,  460).  —  Eine  Reihe  interessanter 
Namen  wie  Tuato,  Tuota,  Thuotmar  u.  dgl.,  über  welche  auch  Grimm  1,  154 
nachzusehen  ist,  werden  S.  36  an  das  vereinzelte  gaduadi  der  St.  Galler  Glossen 
angeknüpft.  Dann  dürfte  dieses  natürlich  nicht  gadwädi  gelesen  werden  (vgl.  a.  a.  0. 
zui,  suam ,  mitua)  und  stünde  doch  im  Widerspruche  mit  benachbartem  gloot, 
froter,  groit  u.  dgl.  =  gluot,  fruoter,  gruoit.  Referent  ist  der  Ansicht ,  daß  wir 
unser  gadwädi  in  dem  gleichfalls  vereinzelt  dastehenden  md.  getwedic  zu  erkennen 
haben  (Mhd.  Wb.  3,  158.  Pfeifi'ers  Nicol.  v.  Jer.  163  getwedic  geschrieben  und 
zu  gezwiden  gestellt),  überlässt  aber  das  Weitere  der  etymologischen  Untersuchung 
Anderer,  die  wohl  auch  constatieren  dürfte,  daß  an.  )5ydr,  das  zu  goth.  j^iu]:)  ge- 
hören wird,  weder  mit  gadwädi  (vgl.  pvasts?),  noch  mit  jenen  Namen  Tuato, 
Thuotmar  usw.  etwas  zu  schaffen  hat.  —  In  welchem  Verhältniss  zu  den  Namen 
mit  adal  (St.  P.  auch  adol,  wie  aus  adul)  und  isan  stehen  solche  mit  athu,  isu 
(Athuberaht,  -ger,  -lef,  Isuporo,  -warth,  vgl.  Isula,  Isunc)?  Liessen  sich  Atho, 
Iso  (S.  40)  vielleicht  enger  an  diese  kürzeren  Stammformen  anschließen?  Es  hat 
mit  den  S.  40 — 46  behandelten  Namen  überhaupt  seine  großen  Schwierigkeiten; 
unbeirrt  von  weitreichender  Namenverkürzung,  wie  sie  unser  Verfasser  annimmt, 
möchten  wir  z.  B.  ohne  Bedenken  Fagalind,  Warsinda,  Wachmunt,  statt  sie  aus 
Faginlind,  Warinsinda,  Wacharm unt  zu  erklären,  unmittelbar  an /a(/e7?  (vgl.  dolalih 
von  dolen,  Faliolf,  Fahswiud  mit  ftihejis,  fahjau),  loarm  oder  wara  (vgl.  Sindwar 
und  alle  übrigen  Namen  auf  -war,  wara  nebst  den  slavischen  mit  gleichbedeutendem 
var),  wachen,  wacha  anreihen.  Eine  endgültige  Entscheidung  über  derartige  Er- 
weiterung'' oder  'Verkürzung'  des  ersten  Theiles  comporiierter  Namen  ist  noch  un- 
erreicht; Referent  will  hier  nur  in  aller  Bescheidenheit  der  einen  Ansicht  Raum 
vergönnen,  daß  sich  nicht  selten  im  ersten  Theil  ein  bereits  mit  einem  häufigen 


LITTERATUR.  _  103 

Suffix  abgeleiteter  Name  wird  erkennen  lassen.  So  stellen  wir  Sigü-pidt,  Siginnlf, 
Frotlehert,  Geremhold,  Gundulvfar,  Theod ilhilda,  in  engere  Beziehung  zu  Namen 
wie  Sigilo,  Siguni  und  Sigina,  Frutilo,  Gerin,  Guntulo ,  Theodila  und  glauben, 
daß  unser  Verfasser  S.  66  mit  Unrecht  das  Auftreten  einer  Deminutivform  als 
ersten  Theiles  anzweifelt,  da  Namen  wie  D^eshelm,  ^/i^fezman,  Heinzaperht,  Gunzelm, 
G^MHcelindis  zu  finden  sind  (von  welchen  Beispielen  höchstens  Engezman,  vgl.  Enzi- 
man,  Enzawib  neben  Enzi,  Enza,  anders  erklärt  werden  könnte,  wie  auch  die 
zahlreichen,  von  unserm  Verfasser  nicht  besprochenen  Kosenamen  mit  -mann). 
Manches  -er  oder  -re  vor  dem  zweiten  Theile  wird  auf  -heri  oder  auf  ableitendes  r 
zurückführen:  man  vergleiche  z.  B.  mit  Landrohert,  Chindi-i\d\s ,  JP/of?erlindis, 
Baldrevert,  Wulfirmunt  Namen  wie  Landar,  Gundheri,  Flodarius,  Baldro,  Vulfara, 
ferner  Otbaldero,  Ermboldra,  Aruoluam  neben  Otbald,  Ermbold,  Aruolf.  Die 
westfränkischen  Namen,  denen  auch  unsere  Beispiele  zugehören,  bieten  so  viel 
Besonderes  dar,  daß  wir  eine  monographische  Behandlung  derselben  für  äußerst 
lohnend  halten.  Interessant  ist  auch  z.  B.  unter  den  ON.  bei  Heyne  Adikkarasluva 
von  einem  zu  Adiko  (auch  in  Adikonthorp)  gehörigen  sonst  unbelegten  PN.  Adik- 
kari,  den  wir,  bis  mehr  Formen  dieser  Art  untersucht  sind,  vorläufig  für  ein  Pa- 
tronymicum  halten  möchten  (vgl.  Camstra  mit  verwandtem  Suffix  ^=  Cammiuga 
Kosenamen  170).  Anders  werden  vielleicht  die  süddeutschen  Namen  mit  -er,  wie 
Hartler,  Matter  (z;u  Matthias),  Lexer  (zu  Lex,  Lexl,  Alexius)  zu  verstehen  sein, 
doch  sind  dieselben  nach  dem  Kämt.  Wb.  Hausnarren.  Lexer,  das  unserm  Ger- 
manistenherzen am  nächsten  liegt,  könnte  recht  wohl  einem  hexing  gleichkommen. 
Wir  vermissen  ungern  diese  Namensformen  in  Weinholds  bair.  Grammatik  §.  212  ■^). 
Im  Widerspruche  mit  der  Auffassung  des  Hrn.  Verfassers  befindet  sich  Re- 
ferent bezüglich  der  S.  53  f.  behandelten  Namen  wie  Ali,  Rodi,  Hugi,  Asi,  Bodi, 
Buni  usw.,  denen  Stark  zwei  bei  Förstemann  nicht  zu  findende  Namen:  Ambri 
aus  dem  4.,  Nausti  aus  dem  7.  Jhd.  als  die  ältesten  Beispiele  der  "einfachsten  De- 
minution mittelst  i'  beigesellt.  Wenn  auch  magati,  eimberi,  fugili  als  Demiuutiva 
gelten  könnten  (deren  Stämme  eigentlich  auf  -ina  ausgehen),  was  uns  nicht  völlig- 
gesichert  scheint  (man  denke  an  swin,  abgeleitet  von  sü  und  vergleichen  daz  laimi 
vezzeli  bei  Weinhold,  AI.  Gr.  S.  223  c),  so  will  uns  doch  die  deminutivische  Gel- 
tung jener  alten  Namen  auf  -i,  die  mit  an.  Brimir,  Hoenir,  Mimir  usw.  zusammen 
gehören  werden,  höchst  zweifelhaft  erscheinen.  Gegen  dieselbe  spricht  zuvörderst 
der  Abgang  obliquer  Casus  mit  dem  charakteristischen  n:  von  Seggi  lautet  der 
Genetiv  Secges  (Förstern.  1,  1086  Sighi),  zu  den  alten  ON.  der  trad.  Corb.  Hi- 
kieshusen,  Meckiestorp,  Siniestorp  müssen  die  PN.  Hiki,  Mecki,  Sini  (vgl.  Hiko, 
Meko,  Sini  bei  Heyne)  gestellt  werden,  ebenso  zu  Edieslebo  ein  PN.  Edi,  s.  För- 
stemanns  schätzbare  Untersuchungen  zur  Geschichte  altdeutscher  Declination  in 
Kuhns  Z.  XVI,  323,  329.  Diese  Namen  auf  -i  werden  also  ;a-Stämme  sein  und 
darum  keine  deminutivische  Geltung  haben.  Gilt  es  aber,  das  wechselseitige  Ver- 
hältniss  von  Namen  wie  Poppi,  Poppo,  Geli,  Gelo,  Ebbi,  Ebo,  Buni,  Buno  u.  dgl. 
zu  ergründen,  so  verdient  ein  besonderer  Fall  des   Zusammentreffens  von  solchen 


*)  Unter  den  Aargauer  Namen  bei  Frommann  VI,  456  ff.:  Wiser  ==^  Aloys 
Brechtölder  =  Berchtold,  Hemmeier  =  Abraham,  Münder  =  Sigismund  u.  dgl.  Mehr 
über  solche  Namen  (s.  Ruprecht  Germ.  N.  R.  I,  310)  bei  Becker,  Die  deutschen  Ge- 
schlechtsnamen. Die  von  Ruprecht  beigeb rächten  englischen  Formen  zeigen  ganz 
ähaliche  Verwendung  von  -er  (Suffix  des  Nomen  agentis)  zur  Weiterbildung  von 
Worten. 


104  LITTERATUE. 

Namen  unsere  Beaclitung,  zu  welchem  nur  noch  einige  Seitenstücke  nachzuweisen 
wären,  ura  zur  vollen  Gewissheit  über  solche  i-  und  o-Bildungen  zu  führen :  in 
den  tradit.  Corb.  finden  wir  einmal  (Förstemann  1,  641)  Haddi  als  Namen  des 
Vaters,  Haddo  als  den  des  Solmes.  Nach  Starks  Auffassung  wäre  seltsam  genug, 
gerade  der  erstere  ein  Deminutivum,  Haddo  einfach  ein  verkürzter  Name ;  beur- 
theilt  man  aber  diese  Formen  vom  Standpuncte  der  vergleichenden  Grammatik,  so 
ergibt  sich  leichtlich  aus  Haddi  latinisiert  ein  Had-ius,  aus  Haddo  ein  Had-ianus 
und  die  beiden  Namen  stehen  zu  einander  wie  Seius  zu  Seianus,  Vespasia  zu 
Vespasianus;  vgl.  Uo^Sfiav  und  no?.a(iG}VLOg.  Im  Urtexte  der  späten  Hand- 
schrift (des  15.  Jahrh.  nach  Förstemann,  bei  Kuhn  16,  323)  mochte  also  wohl 
für  Haddo  noch  ein  Haddio  zu  lesen  gewesen  sein.  Wenn  es  sich  in  einem  durch- 
aus kritisch  hergestellten  Namenbuche  um  die  Sicherstellung  der  ursprünglichen 
Stämme  handelt,  werden  auch  die  von  unserm  Verfasser  S.  55  aufgeführten  For- 
men :  Hrodio,  Vangio,  Agio,  Mandio,  wie  Eeferent  für  seinen  Theil  vollkommen 
überzeugt  ist,  in  Übereinstimmung  mit  Förstemann  1,  767  gothischen  Nomina- 
tiven wie  baurgja,  ganja  angeschlossen,  nicht  aber,  wie  in  unserem  Buche  S.  54, 
für  Deminutivformen  angesehen  werden,  in  welchen  das  verkleinernde  i  durch  o 
verhüllt  ist.  Förstemann  hat  ganz  richtig  erkannt,  daß  die  Formen  auf  eo  nicht 
anders  abgeleitet  sind  als  die  auf  -io,  und  daß  sich  also  Arbio  und  Arbeo,  Agio 
und  Erkeo,  Burgio  und  Burgeo  vollständig  decken.  Da  nun  aber,  wie  Jedermann 
bekannt  ist,  dies  ableitende  j  (i)  sehr  früh  sich  verflüchtigt  (treu  erhalten  ist  es  in 
den  ON.  Guddianstede,  Willianstede,  Willianwege  Kuhns  Z.  16,  334,  Wildionä 
neben  Wildonhä  bei  Heyne  30),  so  wird  eine  große  Anzahl  der  Namen  auf  -o 
älteres  -eo,  -io  gehabt  haben,  wie  das  oben  genannte  Haddo.  Unter  den  Formen 
auf  -eo  und  -io  finden  wir  übrigens  einige,  die  eigentlich  nichts  anderes  als  bloße 
Appellati  va  sind  und  die  zur  Theorie  der  Namen  Verkürzung  nicht  recht  zu 
passen  scheinen :  Wracchio  (trad.  Corb.)  Wreckio  (Heyne),  ist  ein  goth.  vrakja, 
wie  Arbio  arbja,  Wardeo  vardja,  Burgio  baurgja,  weiter  Kamfio,  Fendio  (vgl.  dem 
Sinne  nach  Faro),  Scuzzeo,  dieses  doch  zweifelsohne  =  Schütze  und  etwa  dem 
griechischen  Hfiav  an  die  Seite  zu  stellen  (Förstemann  liefert  uns  auch  Coufman 
als  alten  PN.)  Andere  Namen  dieser  Stammbildung  schliessen  sich  an  Adjective: 
Richio  an  richi,  Lezzio  an  lezzi,  Horskio  an  horsc,  Frickio  an  friks,  freh-  wären 
die  letzten  zwei  Namen  nicht  eine  gute  Stütze  für  ein  anzunehmendes  patronymi- 
sches  -Jan,  da  sie  zunächst  auf  PN.  Horsc,  Freh  (vgl.  Frehholt,  Frehholf)  oder  in 
schwacher  Form  Horsko,  Frehho  verweisen?  Schwierig  bleibt  die  Entscheidung 
über  weibliche  Namen  auf  -ia  und  -is,  in  deren  ersteren  unser  Verfasser 
ebenfalls  Verhülltes  i  der  Deminutiva  erkennen  will,  während  er  in  Hildis,  Bilis 
eine  Ableitung  -is  sieht  (S.  55),  Uns  schiene  es  am  bequemsten  und  natürlichsten, 
Formen  wie  Hildia,  Hiltea,  Cozia  als  movierte  Feminina  zu  den  Mannsnamen 
Hildi,  Cozi  zu  behandeln,  vgl.  wini :  winja,  nijojis  :  nipjo  Grimm  3,  333;  wäre 
Hiltun  von  Schannat  richtiger  gelesen  als  Hiltiu  bei  Dronke  N.  187  (Förstemann 
1,  665)?  Starke  Formen  zeigen  dagegen  ON.  wie  Kerhiltahusun,  Grimhiltaperg, 
Suanahiltadorf  usw.  (Kuhns  Z.  16,  330). 

Sorgsamerer  Untersuchung  bedürfen  noch  die  mit  -1  abgeleiteten  Na- 
me n,  denen  gewiss  nicht  durchaus  demiuutivischer  Werth  zukommt  und  bei  denen 
oft,  wie  bei  Namen  mit  ableitendem  n,  nicht  mehr  zu  ermitteln  sein  wird,  ob  ein 
spätes  -il  oder  -in  nicht  etwa  auf  älteres  -ul,  -un  oder  -al,  -an  zurückgeht;  die 
Assimilation,  die  unseren  Ahnen  ihre  Wortformen  so  bequem  machte,    macht    uns 


LITTERATUE.  105 

die  kritische  Sichtung  und  Etymologie  derselben  ebenso  unbequem.  Nicht  jede  -il- 
Ableitung  bildet  ein  Deminutivum :  mihhil,  putil,  scephil ;  romanisierte  Namen  wie 
FluduUus,  Teuduhis,  Prandulus  (S.  56  Anm.  2)  sind  gewiss  anders  zu  beurtheilen 
als  gut  deutsche  uI-Ableituugen.  Jenem  wird  deminutivische  Bedeutung  zuzuerken- 
nen sein,   diesen  gewiss  nicht  in  allen  Fällen.  Kann  es  gothischem  veinuls,   sakuls, 
skajiuls  gegenüber  bedenklich  erscheinen,   den    ON.    Thanculashuth    bei    Heyne 
(wenn  nicht  nach  Freccius'    Vermuthung  =  Thancolbeshuth)  mit  Thankilingthorp 
der  Frekenhorster  Heberolle  auf  einen  alten  PN.  Thankul  zurückzuleiten,  wie  die 
PN.  Situli,  Huguli  (von  denen  der  erstere  nach  unserem  Buche  S.    61  keltisch   ist) 
auf  älteres  Situl,  Hugul?  Daß  wir  aber  PN.  wie  Thankul,  Situl,  Hugul  uns  nicht 
als  verkürzte  Composita  denken,  ebenso  wenig  wie  goth.  veinuls,  au.  Jiögull  (vgl. 
Tagulo?)  u.  dgl.  Adjectiva,  brauchen  wir  nicht  erst  zu  erklären.  Ein  gemeinver- 
ständlicher Name  des  Cod.  salisb.  St.  P.  (Notizenbl.  1856)  ist  Frazal,  gebildet  wie 
släfal,  scamal.  —  lieber  die  Namen  mit  -iriza,  -enza,  -inzo,  -enzo  ist  Referent  ziem- 
lich gleicher  Ansicht  mit  unserem  Verfasser  (S.    58),  der   in    diesen    Suffixen   Er- 
weiterung durch  -n  (-in),  nicht  einen  bloß    euphonischen  Einschub  sehen  will,  nur 
möchten  wir  die  Erweiterung  für  ein  altes  Suffix  halten.  Unser  Verfasser  hat  seiner 
Erklärung  zuliebe  Namen  wie  Maganza,  Sigunzo  und  die  Nebenformen  Slauganzo, 
Slouganzo  unerwähnt  gelassen,  die  gewiss  schwer  ins  Gewicht  fallen;  tritt  Maganza 
nicht  in  nächste  Nähe  zu  Magan,  Maganus,  Sigunzo    zu   Sigun    oder    Siguni,   wie 
die  Flußnamen  Warinza,  Argenza  neben  Warinna,  Arguna  stehen  (vgl.  Förstemann, 
Deutsche  ON.  248)?  Bei  Heyne  steht  Werinza  (aus  Crec)  neben  VVerina;   vgl. 
Wirinzo  der  Frekenh.  Heber.  Was  den  ganz  besonderen  Namen  Slauganzo  be- 
trifft,  so  ist  vielleicht  der  Gedanke,   es  sei  in  ihm  ein  slavisches  Slovanec,  Sla- 
vanec  zu  erkennen,  unter  Berufung  auf  den  ON.  Slougenzin  ]\Iarchan   (in  Ungarn, 
9.  Jahrh.  Forst.  2,  1278),  die  alemannische  Form  Alpicauge  (Weinhold  §.   216) 
und  bairisches  Frogipolt,  Peigiri  (Weinhold  §.  178)  mit  g  für  w  gestattet.  — Daß 
in  der  Anmerkung  auf  S.  59  dem  itahenisch  geformten  Perduto  Namen  wie  Fa- 
stida,  Sueridus,  Fravitha,  ferner  Wanito,  Tarih  u.  a.  angeschlossen  sind,   können 
wir  nicht  billigen.  Soll  man  zweifeln,  ob  sich  in  den  ersten  drei  Namen  gothisches 
Jjvastij:)a  und    sverif)a    mit   ahd.  frewida  finden  lasse  oder,  wenn  man  dem  fremden 
-US  von  Sueridus  seinen  guten  Grund  zuschreiben  will  und  zugleich  die  Suffixe  ge- 
nauer in   Acht  nimmt,  sind  Fastida,    Fravitha  nicht  mittelst  -an  von  den  Abstrac- 
ten  abgeleitet    (vgl,    griechische    Namen   Tf'p^ig,  Tiöiag,    und    den    alten    PN. 
Friuntscaf),  lassen  sich  nicht  Sueridus,  Wanito  als  Participien  von  sveran,  wänjan 
(genauer    also    Sueraidus?)    erklären,    so    daß    Sueridus    einem     AyaTtcoasvöq, 
Qi^ov^svos  als  ähnlich  zur  Seite  träte,  und  könnte  man  nicht  Wanito  genau 
mit  Speratus  übersetzen?  Tarit  mit  andern  -it  oder  -id  hat  vielleicht  activen  Sinn 
mit  scephid,  helid,  leitid.  Hier  sind  noch  große  Schwierigkeiten  zu  beseitigen  und 
Referent  begnügt  sich  gern  damit,   auf    sie  nur  aufmerksam  gemacht   zu  haben, 
wenn  auch  keine  seiner  obigen  Deutungen  für  stichhaltig  befunden  wird.  —    Ob 
unser  Verfasser  mit  vollem  Rechte  S.  67  und   100  in  Giüki,   Sveinki,  Brynki  alt- 
nordische Deminutionsformen  bestreitet  (s.  dagegen  Grimm  3,  6  76  und  2,  285, 
nicht  1,  258  wie  auf  S.  100  citiert  ist),  da  uns  doch  auch  deminutivisches  Steinka 
überliefert  wird,   erscheint  uns  zweifelhaft.   —  Die  S.   77   besprochenen  Namen 
Strune,   Struno  mit  dem  FN.  Struntz  möchte  Ref.   statt  an  an.   struns  fallacia  lie- 
ber an  das  (vermuthlich  damit  verwandte)  näher  liegende    striunjan    anschhessen, 
das  gerade  so  wie  der  genannte  FN.  in  Baiern  fortlebt  (Schmeller  3,   686);  ü  für 


106  LITTERATUR. 

iu  Weinhold  Bair.  Gr.  §.  60.  —  Dodalagia,  das  unser  Verfasser  S.  78  Anm.  4 
für  keltisch  erklärt,  lässt  sich  mit  Hinblick  auf  Dodelindis,  Dodobergia,  gewiss 
auch  als  Deoda-lag-ia  auffassen  (vgl.  Deodrada,  Deodramnus)  und  an  Namen  wie 
Hermlagia  Odelegius,  Willagius,  Tetlagius  schließen,  die  wir  mit  Förstemanns 
Stamm  LAG  zu  ags.  lagu,  ahd.  ur-lac,  an.  lag  stellen.  —  Die  in  der  1.  Anm.  auf 
S.  79  aufgeführten  Sklavennamen  Dopiriz  (nach  Förstemann  auch  Dapariz)  und 
Pezzista,  beide  aus  Meichelbeck,  Historia  Frisingensis,  gemahnen  uns  an  slavische 
und  deutsche  Klänge ;  wenn  auch  der  erstere  Name  durch  seine  Variante  schwie- 
rig wird,  so  möchte  Ref.  doch  keinen  Augenblick  zögern,  Pezzista  für  den  regel- 
rechten Superlativ  zu  Pezzira  (bei  Förstemann)  zu  erklären  und  mit  Liebesta, 
Hc'osta  den  häufigen  griechischen  Namen  solcher  Bildung:  Ol^lött},  OsQi0zog^ 
0EQtaTog.,  'Ayiötri  (auch  mit  Weiterbildung:  KaXXiGTicov,  OL^cötcav  und 
charakteristisch,  wie  Dinge  des  Besitzes  behandelt,  Neutra  wie  KaXkiöTLOv^ 
^LkiöTiov)  an  die  Seite  zu  stellen.  Wie  mag  unser  Verfasser  den  erwähnten  Na- 
men Pezzira  (bei  Förstemann  auch  Fezzer  und  Richiro),  Liebesta,  Herosta  (dazu 
wohl  auch  Neosta,  vgl.  NeätSQOg  bei  Pape)  gegenüber  sich  verhalten?  Will  man 
solche  Superlativ-  und  Comparativnamen  zugeben,  so  führt  das  consequenterweise 
auch  zur  Anerkennung  gleich  verwendeter  Positive  und  darüber  ist  natürlich  die 
Theorie  der  Verkürzung  in  große  Gefahr  gerathen.  Wenn  solche  einfache  Namen 
wirklich,  wie  unser  Verfasser  annimmt,  nur  in  vorhistorischer  Zeit  üblich  waren, 
so  möchten  wir,  obschon  uns  diese  Behauptung  durch  nichts  begründet  erscheint, 
dem  Verfasser  wenigstens  die  eine  Frage  entgegenhalten,  ob  sich  nicht  hin  und 
wieder  ein  schwachherziger  Germane,  der  den  Umschwung  der  Namengebung  nicht 
gehörig  wahrgenommen  hatte,  durch  den  Verkehr  mit  den  imponierenden  Römern 
und  der  Geistlichkeit  konnte  verleiten  lassen,  Namen  wie  Probus,  Felix,  Fortuna- 
tus,  Longinus,  Gratus  usw.  usw.  nachzubilden?  Gäbe  es  denn  wirklich  erhebliche 
Gründe,  Geilo  (vgl.  FN.  Fröhlich),  Tulgo,  Prun  (bei  Crecelius  auch  ein  Brunist), 
Ercan,  Tiurea,  Sconea,  Fruoto,  Nando,  Horsco,  Perhto,  Perhta  ( nata  est  eis  filia, 
cui  nomen  imposuerunt  Bertham,  quae  interpretatur  fulgida  seu  spleudida  För- 
stemann 1,  240),  Salicho,  Suozo  (Herbordus  Dulcis  =■  Suzo  S.  82;  vgl.  FXvxcov 
und  Dulcissima,  das  nach  S.  57  keltisch  isi),  Leodro,  Wirdigo,  Wirdika  für 
etwas  anderes  zu  erklären  als  für  substantivisch  verwendete  Adjectiva,  und  nicht 
aus  componierten  Namen  herzuleiten? (Bei  Pott  718  stehen  altindische  Namen  mit 
Superlativform:  Vasistha  =  Dulcissimus,  St.  Peter  dreimal)  —  Volzo,  Foldger 
u.  dgl.  Namen,  die  Ref.  mit  as.  folda,  ags.  folde  verbinden  möchte,  werden  S.  80 
an  an,  fyldr,  ahd.  fultar  angeschlossen  und  diesem  Adjectivum  der  Sinn  ferox  un- 
tergeschoben. Wir  möchten  dieser  Deutung  wenigstens  das  Eine  entgegenstellen, 
daß  ahd.  fultar  höchstwahrscheinlich  wie  fuo-tar,  hlah-tar  gebildet  ist  und  nichts 
weiter  zu  bedeuten  hat  als  'Füllung^  Futter  des  Kleides  (vgl.  im  Mhd.  Wb.  vülle 
3,  364,  2  und  33)  —  Bei  dem  S.  81  erwähnten  FN.  Spatz  wird  manchem  Leser 
die  köstliche  Figur  Spazzos  in  Scheffels  Ekkehard  in  den  Sinn  gekommen  sein  — 
woher  hat  der  kenutnissreiche  Dichter  den  Namen?  Der  FN.  kann  natürlich  auch 
den  Vogel  meinen,  dessen  Name  übrigens  ja  auch  ein  hypokoristischer  ist  wie 
Bezo,  Gezo  usw.  Gelegentlich  möchte  Ref.  den  Elsternamen  Atzel  und  das  nieder- 
deutsche Erpel  (zu  der  oben  erwähnten  Glosse  fuscus  erpfer)  als  ähnliche  Kose- 
formen anschließen.  —  Zudamaresfelt,  das  S.  82  an  Zuzo,  das  wohl  =  Zuozo, 
Zuto  u.  a.  N.  angereiht  ist  (S.  auch  S.  117),  wird  am  leichteten  aus  slavischem 
Cudomir  gedeutet,   das  sich  seinem  Etymon  nach  an  AiÖiQioq  u.   ähnl.  Griechen- 


LITTERATUE.  107 

namen  schließt ;  in  -mar  für  slavisches  -mir  haben  wir  eine  Art  Volksetymologie. 
Man  vergleiche  auch  Stresmaren  bei  Föi'stemann  2,  1320,  dessen  Sinn  ungefähr 
der  von  Warfrid  ist,  wenn  man  ein  syntaktisches  Verhältuiss  dieser  Art  wollte 
gelten  lassen  (was  ja  im  Allgemeinen  nicht  statthaft  sein  wird). 

Zu  dem  S.  85  unter  Strinzo  beigezogenen  strichen  gibt  das  Mhd.  Wb.  mehr 
und  bessere  Belege ;  lip  ist  aus  der  ersten  Auflage  stehen  geblieben.  Dem  Namen 
Froiza  mochte  Ref.Fruza  nicht  ohne  Bedenken  anreihen  und  lieber  an  den  Stamm 
frod  erinnern,  dem  mit  begreiflicher  Unterdrückung  des  Dentals  Fruarit,  Fruarad 
zugehören  werden.  Aehnlich  ist  Flarid,  Flarich  aus  Fladrid,  Fladrich  zu  erklären; 
das  Erstere  zeigen  deutlich  die  Nebenformen  des  ON.  Flaridingun  bei  Förstemann. 

—  Clauza,  nach  S.  86  =  Clawiza  ist  der  Kosename  der  in  derselben  Urkunde 
vorkommenden  Claudiana,  wie  dem  Ref.  von  verehrter  Seite  versichert  wurde.  — 
Bei  Wieza  (S.  86),  das  mit  Wiezil  (S.  93)  zusammenzustellen  ist,  erscheint  uns 
besonders  auflPällig,  daß  das  verschwundene  r  seine  Spur,  das  dialektische  ie  für 
gleichfalls  dialektisches  i  an  der  Stelle  von  ursprünglichem  e  (nicht  e)  zurückließ; 
man  vgl.  Weinholds  Bair.  Gr.  §.  9l  die  Beispiele  für  ie  statt  e  und  §.  18  i  statt  e. 

—  An  das  S.  89  besprochene  Trizo,  über  dessen  Deutung  unser  Verfasser  keine 
volle  Sicherheit  erreicht  hat,  lehnt  sich  wohl  der  FN.  Treiz  (=  Trizo  und  mit 
Tiigbald,  Trigmund  zu  vereinigen  ?),  vielleicht  auch  Treitschke  und  Treitzsauer- 
wein  von  Emtreitz.  Die  FN.  Tretzl  und  Tretzer  werden  aber  zu  traz  gehören.  —  Zu 
S.  9 1  erlauben  wir  uns  die  Bemerkung,  daß  'pro  Euurwini,  Madalwyni,  Brunheri, 
Meynheri  nicht  einen  obliquen  Casus  der  Namen  liefern  muß  und  Förstemann 
eher  im  Rechte  sein  wird,  als  unser  Verfasser.  Dem  weiter  unten  besprochenen 
Rukelo  werden  sich  süddeutsche  FN. :  Rock,  Ruck,  Rockinger  und  bei  Heyne  der 
ON.  Rokkonhulis  auschliessen  lassen.  —  Das  schon  von  Grimm  3,  693  f.  als 
doppelte  Deminution  behandelte  Asig  und  Asico,  das  unser  Verfasser  S.  94  auf 
Adsico,  Aziko  zurückführt,  kommt  uns,  wenn  man  Osic  (bei  Heyne)  neben  Osbern, 
Osbraht,  Osi  u.  a.  N.  in  Anschlag  bringt,  wie  eine  Bildung  aus  dem  Stamme  ans 
vor.  Die  Deutung  unseres  Verfassers  könnte  dagegen  in  Hese  =  Hedwig  (bei 
Grimm),  osi  gegenüber  odi,  zaser  neben  zader  u.  dgl.  eine  Stütze  finden.  —  S.  95 
sind  zu  den  abgefallenen  Stämmen  bald,  berga  usw.  aus  dem  Folgenden  mehrere 
nachzutragen:  bero,  deo,  funs  usw.  Warum  ist  unter  diesen gytha  in  Lioba  =  Liob- 
gytha  (s.  S.  15)  besonders  aufgeführt  und  nicht  an  gund  angeschlossen?  Der  Name 
hat  Dialectwidersprüche  in  sich  und  verräth  nur  im  ersten  Theile  richtige  Auffas- 
sung des  entsprechenden  ags.  leöf.  —  Die  S.  95 — 97  gegebene  Uebersicht  erin- 
nert uns  an  eine  ähnliche  in  Förstemanns  Deutschen  Ortsnamen,  wo  die  ver- 
witterte Wortmitte'  von  ON.  in  Betracht  gezogen  ist.  Zwischen  der  heutigen 
und  der  ältest  überlieferten  vollen  Form  mancher  Namen  liegt  wohl  eine  Mittel- 
stufe mit  hypokoristischer  Namensform:  zwischen  Erboldeswane  und  Erbenschwang 
ein  Erbineswanc,  zwischen  Engilbertisriuti  und  Euglisreute  ein  Engilisriuti,  ähn- 
lich wird  es  mit  Blatmarisheim  und  Blödesheim,  BaldhereswilareuudBaltenschwail, 
Ansuinesheim  und  Enzheim  usw.  sich  verhalten.  Wir  glauben,  daß  diese  Art  der 
Erklärung,  nicht  die  von  Förstemann,  besonders  dort  berechtigt  erscheint,  wo  das 
zweite  Compositionsglied  starrerer  Natur  ist,  z.  B.  Alfrikesrod,  jetzt  Alvesrode, 
Waltricheswilare,  jetzt  Waltenschweil.  —  Zu  bedauern  ist  es,  daß  uns  der  Ver- 
fasser über  seine  Auffassung  des  Namens  Sabarethus  (=  Saba)  nichts  sagt;  die 
mit  aufgeführten  Formen  stören  das  Vcrständniss,  Sebbi,  das  für  Sabarethus 
steht,   möchte  wohl  auf  einen  einstämmigen  Kosenau^cn   weisen.   Könnte  ags.    aefa 


108  LITTERATUK. 

zum  Etymon  gehören?  Dem  interessanten  Cannabas  =  Cannabaudes  stellt  sich 
vielleicht  aus  dem  Namenwulst  Gundobagaudus  (Forst.  1,  558)  ein  ganz  ähnliches 
Guudoba  an  die  Seite  (Gaudus  appellativisch?).  —  Wenn  S.  108  Zemifrid^  Ze- 
midrud  und  Zemfo  zusammengerathen  sind,  so  möchte  Eef.  bei  Zemidrud  darauf 
hinweisen,  daß  neben  diesem  Namen  St.  P.  107,  9  andere  entschieden  slavische 
Namen  stehen:  Liubona,  Wizzemir  und  ein  zweiter  unleserlich  gewordener  Name 
auf  mir.  Zemidrud  wird  unserer  Ansicht  nach  ein  Missverständuiss  für  Zemidrug 
sein;  man  vergl.  auch  Zemiliub,  Zemusesdorf  (F.  2,  1583),  Zemigneu  (St.  F.) 
und  sehe  hierüber  Miklosich,  PN.  142,  ON.  35.  —  Die  Concession,  zu  der  sich 
unser  H.  Verf.  bezüglich  des  Namens  Wamba  herbeilassen  will,  'eine  Ableitung 
mit  b  auch  für  germanische  Namen  anzunehmen',  regt  entschiedenes  Bedenken 
an.  Wir  erlauben  uns,  in  Wamba  nach  schlichter  alter  Weise  aus  vamba  (st.  f,) 
mittelst  -an  gebildet  aufgefaßt,  einem  Jaörpcov,  Naso  u.  dgl.  Namen  gegen- 
über weiter  nichts  Anstößiges  zu  finden,  ob  diesen  Namen  ein  König  oder 
ein  Diaeon  in  den  schönen  Tagen  seiner  Kindheit  erhalten  hatte.  —  Den 
Namen  Joppo,  Jöppo  und  Joperht,  Eoperht  an  iwa  anzuschließen,  hält  Refe- 
rent nicht  für  rathsam.  Jenem  Joppo  bei  St.  P.  möchte  man  zunächst  Jüflfo 
(Notizenbl.  1855  S.  474)  anreihen,  vielleicht  auch  Jodunch  (St.  P.) ;  es  scheint 
über  die  Etymologie  noch  nichts  Sicheres  gewonnen  werden  zu  können. 

Über  den  Sinn  der  Worte  (S.  119),  daß  es  zweifelhaft,  doch  in  dieser 
Zeit  immerhin  möglich'  sei,  Nappo  (12.  Jahrhundert)  ähnlich  wie  Woppo, 
Noppo  (10.  11.  Jahrhundert)  zu  erklären,  bleiben  wir  im  Ungewissen; 
sollen  wir  annehmen,  Nappo  aus  Natbold  sei  gerade  noch  vor  Thor- 
schluss  entstanden?  Weiß  unser  Herr  Verf.  schon  etwas  Bestimmtes  über 
die  zeitliche  Abgrenzung  solcher  Namensformen,  so  hätten  wir  gern  davon  ge- 
hört; Tobler  gibt  uns  bei  Frommann  VI,  460  Noppi  aus  später  Zeit  =  Ne- 
pomuk  (?),  vielleicht  aus  Norbert?  —  Wenn  der  ags.  Name  Wyppa  (S.  122) 
auch  in  der  Variante  Pybba  (das  zweite  Mal  ist  Pyppa  wohl  verdruckt  wie 
auch  Wybba?)  und  ebenso  Porr  für  Worr  zu  finden  ist,  so  haben  wir  hier 
wohl  nichts  weiter  vor  uns,  als  eine  irrige  Auifassung  des  asg.  w,  das  sich  leicht 
mit  p  verwechseln  lässt.  —  Vergleicht  unser  Verf.  S.  127  den  friesischen 
Namen  Hebe  =  Hebrich,  was  er  für  Hedbirgis  hält,  mit  Hebetet  bei  Crecelius 
(Heyne  13),  so  müssen  wir  in  letzterem  Namen  vielleicht  eine  Analogie  zu 
Enziman,  Enzawib  erkennen  und  tet  appellativisch  fassen?  Man  denke  an  ther 
sun  zeizo  ,  Schmeller  gibt  4,  287  zeizo -pusio.  Wie  erklärt  sich  dann  das  neben 
Hebetet,  auch  in  der  frekenhorster  Heberolle,  erscheinende  Hebo  und  Hevo? 
Der  Deutung  Ruprechts  (Germania  13,  308)  kann  Ref.  sich  nicht  an- 
schließen und  will  nur  auf  Heyne  39,  25  f.  verweisen  (Teta,  Tetico  usw.)  — 
Die  S.  130  aufgeführten  Namen  Eburnus,  Gagand,  Leodego  möchte  Ref.  an- 
ders auffassen  als  unser  Verf.  In  Eburnus  haben  wir  wohl  eine  synkopierte 
Form  von  Eburinus  (F.  1,  361)  zu  erkennen,  Gangand  (das  unser  Verf.  in 
Gagand  ändert)  ließe  sich  für  Gangard  =  Gaginard  ansehen  und  bezüglich 
des  Lautwandels  auf  Weinholds  Bair.  Gramm.  §.  170  verweisen,  bei  Leodeguz, 
woraus  Leodego  erschlossen  ist,  kann  auch  das  abkürzende  Zeichen  für  ri  ver- 
gessen sein.  Jedenfalls  muss  es  bedenklich  erscheinen,  in  ungewöhnlichen  alten 
Namensformen  Lautwandelungen  viel  späterer  Zeiten  anzunehmen.  —  Die  mei- 
sten auf  S.  130  — 141  besprochenen  Namen  möchte  Ref.  gar  nicht  als  Kose- 
namen behandeln:  Freck  =  Frederik,  Sirck  =  Sirik,   Sigerik  ist  ebenso  wenig 


MISCELLEN.  109 

hypokoristisch  wie  sziurke,  Ijurke,  kirche,  Lerche  und  si  =  sige,  wie  schuoster, 
weit  u.  dgl.  m.  Vielleicht  ist  auch  hin  und  wieder  das  Jota  subscriptum  der 
Friesen  (Grimm   1,^    414)  übersehen  worden. 

Sehr  zu  Danke  verpflichtet  sind  wir  dem  Verfasser  für  die  drei  sorgfäl- 
tigen Eicurse  am  Schlüsse  seines  Buches,  der  letzte  derselben  hat  in  dieser 
Zeitschrift  zu  einer  eingehenden  Betrachtung  friesischer  Namen  geführt,  wobei 
es  sich  besonders  auch  um  einen  Punkt  handelte,  bezüglich  dessen  Ref.  nicht 
der  Ansicht  unseres  Verfassers  beistimmen  kann:  das  nach  S.  170  einmal  be- 
legte Armet  für  Arnet,  Arnold  (wo  vielleicht  gar  ursprüngliches  w  von  wald 
auf  n  einvnrken  konnte,  wie  es  bei  b  oft  der  Fall  ist),  scheint  die  Annahme 
der  Vertretung  von  ursprünglichem  n  durch  m  in  vielen  andern  Namen  noch 
nicht  zu  rechtfertigen,  wir  sind  vielmehr  geneigt,  den  Aixsführungen  Ruprechts 
über  den  Ursprung  des  m  in  einer  Reihe  friesischer  Namen  (Germania  13, 
301 — 304)  Recht  zu  geben. 

Was  schließlich  die  Ausstattung  unseres  Buches  betrifft,  so  haben  wir 
an  manchen  Stellen  Grund  über  entstellende  Druckfehler  zu  klagen,  wie  z.  B. 
Matathesis  (S.  27),  si/copirt  und  sincopirt  (S.  32  und  136),  ^7pokoristisch 
(S.  4l),  gemminirt  und  Gemmination,  Exce^ten,  Petronymicum,  Polypt^chon  (im 
3.  Jahrg.  unserer  Zeitschrift  war  durchaus  nur  Typtychon  zu  lesen).  Ob  alle 
Citate  correkt  gedruckt  sind,  kann  Ref.  leider  nicht  beurtheilen;  bei  Strinzo 
(S.  58)  fanden  wir  eine  auffällige  Verschiedenheit  zwischen  'Drouke  n.  115 
a.  883'   und  Förstemanns    Dronke  n.   515   a.   838. 

Leitmeritz,  Juni  1869.  J.  PETTEES. 


MISCELLEN. 


Drei  deutsche  Litterarhistoriker. 

Die  letzten  Jahre,  wie  sie  den  Kreis  der  Germanisten  überhaupt  in 
schmerzlicher  Weise  gelichtet,  haben  rasch  nacheinander  drei  unserer  verdien- 
testen Litterarhistoriker  weggerafft.  In  der  Nacht  vom  29.  auf  den  30.  Juli 
1868  starb  August  Friedrich  Christian  Vilmar,  am  21.  December  1869  folgte 
Karl  Heinrich  Wilhelm  Wackernagel,  und  am  8.  März  1870  Karl  August 
Koberstein.  Ein  reiches  Stück  Entwickelung  unserer  Wissenschaft  ruht  in 
diesen  drei  Namen;  die  Darstellungen  deutscher  Litteraturgeschichte,  die  wir 
ihnen  verdanken,  haben  jede  ihre  Eigenart  und  laden  zu  einer  vergleichenden 
Betrachtung  ein. 

Koberstein,  der  zuletzt  Heimgegangene,  betrat  am  Früheston  unter 
den  Dreien  das  germanistische  Gebiet.  Am  10.  Jänner  1797  zu  Rügenwalde 
in  Pommern  geboren,  empfieng  er  den  ersten  Unterricht  von  seinem  Vater,  der 
Prediger  war,  seine  weitere    Ausbildung    seit    1809    durch    die    Cadettenanstalt 


110  MISCELLEN. 

zu  Stolpe,  seit  1811  zu  Potsdam,  wohin  dieselbe  verlegt  worden,  und  von  1812 
bis  1816  auf  dem  Friedrich- Willielms-Gymnasium  zu  Berlin.  1816  bezog  er 
die  dortige  Universität  und  widmete  sich  vorzugsweise  philologischen  Studien, 
nach  deren  Vollendung  er  eine  Adjunctenstelle  an  der  Landesschule  Pforta 
erhielt.  Er  trat  dieselbe  am  3.  August  1820  an,  wurde  1824  zum  Professor 
ernannt  und  rückte  1855  in  die  Stellung  des  ersten  Professors  auf.  Einfach 
sind,  wie  man  sieht,  die  äusseren  Umrisse  dieses  Lebens,  aber  es  war  inner- 
lich reich  an  segensreicher  Wirkung  auf  die  Jugend,  die  mit  begeisterter  Liebe 
an  dem  bis  ins  Greisenalter  jugendfrischen  Lehrer  hieng.  Denn  hier  war  neben 
gediegenstem  Wissen  ein  warmes  Herz,  ein  ästhetisch  durchgebildeter  Geist,  der 
seine  Anregung  Männern  wie  Böckh,  Hegel,  Solger  und  Tieck  verdankte.  So 
frisch  wie  sein  Geist  blieb  auch  bis  ins  Alter  hinein  sein  Körper:  der  statt- 
liche kräftige  Mann  erfreute  sich  der  dauerhaftesten  Gesundheit,  als  ihn  im 
Sommer  1869  eine  Lungenentzündung  befiel.  Zwar  erholte  ersieh,  aber  wahr- 
scheinlich in  Folge  einer  Erkältung  kehrte  im  Frühjahr  1870  die  Krankheit 
wieder  und  raffte  ihn  dahin,  als  eben  seine  CoUegen  und  seine  ehemaligen 
wie  gegenwärtigen  Schüler  sich  zu  seiner  im  August  bevorstehenden  Jubel- 
feier rüsteten. 

Für  Litteraturstudien  hatte  er  schon  auf  der  Schule  und  Universität  eine 
"Vorliebe  gezeigt.  Gleich  seine  erste  Arbeit  über  das  wahrscheinliche  Alter 
und  die  Bedeutung  des  Gedichtes  vom  Wartburger  Kriege  (Naumburg  1823.4) 
bewährte  seine  Befähigung  zu  litterarischen  Forschungen  auf  einem  schwieri- 
gen Boden,  so  daß  Lachmann*)  ihn  mit  einem  'herzlichen  Gruß'  in  der  Ge- 
sellschaft der  Freunde  des  deutschen  Alterthums'  empfieng.  Angeregt  durch  J. 
Grimms  Bemerkung,  daß  die  Sprachstufe  zwischen  dem  Mittelhochdeutschen 
und  Neuhochdeutschen  erst  lückenhaft  dargestellt  sei,  nahm  er  einen  Dichter 
dieser  Periode,  Peter  Suchenwirt,  zum  Gegenstande  von  Specialuntersuchungen, 
hauptsächlich  grammatischer,  aber  auch  metrischer  Art.  Zuerst  erschien  sein 
Pi-ogramm  'Über  die  Sprache  des  österreichischen  Dichters  Peter  Suchenwirt. 
Erste  Abtheilung:  Lautlehre  (1828.  4.);  es  folgten  'Qusestiones  Suchenwirtianae. 
n.  Leges  quaedam  a  Suchenwirtio  observatae  in  arte  metrica.  Denominum  de- 
clinatione'  (1842.  4.),  'Über  die  Betonung  mehrsilbiger  Wörter  in  Suchenwirts 
Werken  (1843.  4.),  und  die  'Dritte  Abtheilung:  Abhandlung  der  Conjugation' 
(1852.  4.)  Diesen  in  streng  gelehrter  Form  verfassten  Arbeiten  schließen  sich 
andere  an,  die,  auf  gleich  gediegener  Grundlage  ruhend,  doch  in  der  Form  den 
Bedürfnissen  eines  weiteren  Leserkreises  sich  anpassen,  meist  Vorträge,  die  er 
seit  1837  im  litterarischen  Vereine  des  benachbarten  Naumburg  gehalten.  Sie 
erschienen  als  'Vermischte  Aufsätze  zur  Litteraturgeschichte  und  Ästhetik' 
(Leipzig  1858.  8.)  und  spiegeln  in  ihrer  Mannigfaltigkeit  Kobersteins  vielsei- 
tiges Wissen  ab.  Göthe  und  Shakespeare  sind  seine  Lieblingsgegenstände,  die 
Abhandlung  über  das  Naturgefühl  der  Deutschen,  die  über  die  in  Sage  und 
Dichtung  gangbare  Vorstellung  vom  Fortleben  menschlicher  Seelen  in  der 
Pflanzenwelt,  so  wie  die  über  Thüringens  und  Hessens  Verhältniss  zur  deutschen 
Litteratur  greifen  in  die  ältere  Zeit  hinüber. 

Ausschließlich  der  neueren  Periode  gehört  die  Herausgabe  von  Heinrichs 
von  Kleist  Briefe  an  seine  Schwester  Ulrike'    (Berlin   1860.   8.),    ein    wichtiger 


■■)  In  der  jenaischen  Allg.  Litteratur- Zeitung  1S2.'>,  Nr.  194-195. 


MISCELLEN.  lU 

Beitrag  zur  Geschichte  der  Eomantik,  für  welche  Koberstein  ein  besonderes 
Interesse  hatte.  Sodann  die  Weiterführung  von  Wilh.  L(5bells  Entwickelung 
der  deutschen  Poesie  von  Klopstocks  erstem  Auftreten  bis  zu  Gothas  Tode', 
nach  den  von  Löbell  ihm  noch  bei  seinen  Lebzeiten  übergebenen  Vorarbeiten: 
so  erschien  1865,  bald  nach  Löbells  Tode,  der  dritte  Theil,  der  mit  Lessing 
sich  beschäftigt.  Auch  ein  kleiner  Beitrag  zu  Gosches  Archiv  für  Litteratur- 
geschichte  I,  312 — 314  'über  die  17 7G  unter  dem  Namen  von  J.  M.  R.  Lenz 
erschienene  Komödie  die  Soldaten',  das  letzte,  was  Koberstein  geschrieben  und 
erst  nach  seinem  Tode  veröfientlicht,  gehört  derselben    Litteraturepoche  an. 

Der  langjährige  Unterricht  im  Deutschen  rief  seine  'Laut-  und  Flexions- 
lehre der  mittelhochdeutschen  und  der  neuhochdeutschen  Sprache  in  ihren 
Grundzügen  zum  Gebrauch  auf  Gymnasien  (Halle  1862,  8,  2.  Auflage  1867) 
hervor,  ein  Büchlein,  welches  unter  den  vielen  gleichartigen,  durch  Klarheit 
der  Darstellung  und  besonnene  Auswahl  des  Stoffes  eine  ausgezeichnete  Stellung 
einnimmt. 

Sein  Hauptwerk  zu  nennen  habe  ich  bis  zuletzt  verschoben,  wiewohl  es 
in  die  Anfänge  seiner  litterarischen  Thätigkeit  hinaufreicht :  seinen  Grundriß 
der  Geschichte  der  deutschen  National-Litteratur'  (Leipzig  1827.  8.)  Hervor- 
gegangen aus  der  Praxis,  sollte  das  Buch  ein  Leitfaden  für  Lehrer  und  Schüler 
sein.  Der  damals  freilich  noch  nicht  umfangreiche  Apparat  für  die  ältere  Lit- 
teratur  wurde,  hauptsächlich  zum  Frommen  des  Lehrers,  in  Form  von  Anmer- 
kungen beigegeben,  während  dieselben  für  die  neuere  Zeit  sparsamer  ausfielen. 
Es  war  der  erste  Versuch  von  Seiten  eines  Germanisten  von  Fach,  und  er 
fand  solchen  Beifall,  daß  schon  1830  eine  neue  Auflage  nöthig  ward,  der  1837 
die  dritte  folgte.  In  beiden  kam  der  allmählich  angewachsene  Apparat  haupt- 
sächlich den  Anmerkungen  zugute,  indem  Koberstein  die  neuesten  Forschungs- 
resultate unter  Angabe  der  Quellen,  oft  auch  der  maßgebenden  Äußerungen  mit- 
theilte, nach  denselben  aber  auch,  wo  es  nöthig  war,  den  Text  umgestaltete. 
Auf  diese  Weise  waren  für  die  ältere  Zeit  schon  in  der  dritten  Auflage  die 
Anmerkungen  zu  bedeutendem  Umfange  angewachsen.  In  noch  höherem  Grade 
war  dies  der  Fall  in  der  vierten  Bearbeitung,  die  etwa  1841  begonnen  wurde, 
und  ihren  Abschluß  mit  drei  starken  Bänden  1866  fand.  Wesentlich  unter- 
scheidet sich  diese  letzte  von  den  früheren  durch  die  Behandlung  der  neueren 
Litteratur.  Während  im  Mittelalter  nach  wie  vor  Koberstein  auf  die  Forschun- 
gen bewährter  Fachgenossen  sich  stützte  und  der  Werth  seiner  Darstellung  in 
der  kritischen  Sichtung  des  Stoffes  besteht,  machte  er  für  die  neuere  Zeit,  da 
es  hier  an  Vorarbeiten  fehlte,  diese  selbst.  Das  erklärt  die  langsam  vorschrei- 
tende Bearbeitung,  den  gewaltigen  Umfang  (3391  S.  gegen  299  der  ersten 
Auflage),  die  den  Text  überwuchernden  Anmerkungen,  in  denen  das  Forschungs- 
material niedergelegt  war,  das  jedoch  ausführlicher  mitgetheilt  werden  musste, 
weil  nur  selten  auf  vorausgehende  Forschungen  verwiesen  werden  konnte.  Das 
verleiht  aber  der  vierten  Auflage  ihren  bedeutenden  originalen  Werth  und  macht 
sie  zu  einer  unschätzbaren  Fundgrube  gewissenhaftester  Einzelstudien  aus  den 
Quellen,  Die  metrischen  Beobachtungen,  die  schon  für  die  ältere  Periode,  we- 
sentlich auf  den  Forschungen  anderer,  namentlich  Lachraanns,  ruhend,  einge- 
streiit  waren,  haben  für  die  neuere  einen  durchaus  originalen  Werth  und  ber- 
gen  eine  Fülle  des  werthvollsten  Stoffes. 

Als  in  den  letzten  Jahren  Koberstein  zu  einer    fünften    Bearbeitung  sich 


112  MISCELLEN. 

entschloss,  musste  sein  Hauptaugenmerk  auf  die  Neugestaltung  des  ersten  Theiles 
gerichtet  sein,  denn  hier  lagen  25  Jahre  fleißiger  und  ausgedehnter  Arbeit  da- 
zwischen. Die  Vorarbeiten  dazu  waren  bei  seinem  Tode  im  Wesentlichen  ab- 
geschlossen, in  Blättern  und  Fascikeln  mit  Excerpten  nach  der  Seitenzahl  der 
vierten  Auflage  geordnet,  und  die  Ausarbeitung  des  Textes,  der  bedeutend  um- 
gestaltet werden  sollte,  beschäftigte  ihn  bereits  lebhaft,  als  der  Tod  das  rü- 
stige Schaffen  abschloß.  Wenn  auch  nur  ein  kleiner  Theil  der  Ausarbeitung 
vorläge,  es  wäre  für  den,  der  die  fünfte  Auflage  auszuführen  übernommen  *), 
eine  große  Erleichterung,  weil  dann  ersichtlich,  in  welchem  Sinne  und  Umfange 
Koberstein  die  frühere  Bearbeitung  umgestaltet  haben  würde.  Aber  aus  den 
sehr  reichlichen  Excerpten,  die  oft  zu  ein  Paar  Seiten  des  Textes  gegen  30 
Seiten  Ms.  bieten,  ist  so  viel  klar,  daß  die  Textgestaltnng  sehr  verändert 
worden  wäre,  uud  darauf  deuten  auch  die  Äußerungen  Kobersteins  in  seiner 
letzten  Lebenszeit  hin. 

Keine  unserer  Litteraturdarstellungen  gibt  ein  so  augenfälliges  Bild  von 
dem  Gange  vxnserer  Forschungen,  gerade  der  referierende  Charakter  von  Ko- 
bersteins Arbeit,  der  mit  seinem  persönlichen  Urtheil  sich  nirgend  vordrängt, 
macht  sie  demjenigen  so  werthvoll,  der  die  Geschichte  der  Forschung  verfol- 
gen will.  Aber  auch  bei  keiner  hängt  die  Form,  die  das  Buch  allmählich  ge- 
wonnen, so  innig  mit  ihrer  Entstehungsgeschichte  zusammen.  In  wieweit  hier, 
namentlich  im  Verhältniss  von  Text  und  Anmerkungen  in  der  fünften  Bear- 
beitung Veränderungen  eintreten  dürfen,  wird  der  Gegenstand  sorgfältiger  Er- 
wägung sein    müssen. 

Von  Kobersteins  Persönlichkeit  musste  sich  auch  wer  nur  kurze  Zeit  mit 
ihm  verkehrte,  lebhaft  angesprochen  fühlen.  In  den  letzteren  Jahren  bildete  er 
den  patriarchalischen  Mittelpunkt  eines  Kreises  von  jüngeren  thüringischen 
Germanisten,  der  Vogelweide\  die  im  Sommer  in  Kosen  zusammenkam*  Hier 
habe  auch  ich,  nachdem  ich  ihn  im  Herbste  1865  zuerst  kennen  gelernt,  im 
Juni  1867  einen  fröhlichen  Tag  mit  ihm  und  anderen  Freunden  verlebt,  und 
mich  an  des  rüstigen  Greises  jugendfrischem  Geiste  und  Herzen  erquickt  und 
erfreut. 

Vilmar,  dem  Alter  nach  Koberstein  der  nächste,  und  auch  nächst  ihm 
mit  einer  Darstellung  der  Litteraturgeschichte  hervorgetreten,  wurde  am  21.  No- 
vember 1800  zu  Solz  in  Kurhessen  geboren,  auch  er  eines  Geistlichen  Sohn, 
auch  er  durch  den  Vater  ersten  Unterricht  empfangend.  Nachdem  er  das  Gym- 
nasium zu  Hersfeld  absolviert,  bezog  er  1820  als  Theologe  die  Universität  Mar- 
burg, und  erhielt  1827  eine  Stelle  als  Lehrer  an  dem  Gymnasium,  dem  er 
als  Schüler  angehört  hatte.  Als  Mitglied  der  kurhessischen  Ständeversammlung 
(seit  1831)  und  der  Kirchen-  und  Schulcommission  übte  er  auf  die  hessischen 
Gelehrtenschulen  einen  bedeutenden  Einfluß.  1833  wurde  er  zum  Direktor 
des  Gymnasiums  zu  Marburg  ernannt,  und  wirkte  hier  als  Lehrer  ebenso  wie 
in  seiner  früheren  Stellung  (auch  am  Hanauer  Gymnasium  war  er  kurze  Zeit 
thätig),  höchst  anregend  und  fruchtbar.  1850  als  vortragender  Rath  ins  Mini- 
sterium des  Innern  bei-ufen,  1851  vertretender  Vorstand  der  Generaldiöcese  an 
der  Diemel  und  Schwalm,     und    1852  Mitglied  der  ersten    Kammer,  wandte  er 


*)  Auf  Wunscli  des  Herrn  Verlegers  und  der  Erben  Kobersteins  habe  ich  mich 
der  schwierif:cen  Aufgabe  unterzogen. 


MISCELLEN.  113 

sich  überwiegend  praktischer  Thätigkeit  zu,  die  in  Kirche  und  Schule  dem 
strengsten  Orthodoxismus  huldigte.  1855  wurde  er  als  Professor  der  praktischen 
Theologie  nach  Marburg  berufen  und  hat  bis  zu  seinem  Tode  diese;  Stelle  be- 
kleidet. Man  sieht,  es  ist  kein  so  ruhig  hinfliessendes  Leben  wie  das  Kober- 
steins,  sondern  tief  eingreifend  in  die  Strömung  der  Zeit  und  tief  von  ihr  er- 
griffen, ja  selbst  fortgerissen.  Der  Leidenschaftlichkeit  dieser  Natur  musste  inne 
werden,  wer  in  das  von  tiefen  Linien  durchschnittene  Antlitz  Vilmars  sah. 
Seine  religiöse  Richtung  zu  beurtheilen,  liegt  uns  hier  fern;  auch  seine  nach 
dieser  wie  nach  der  pädagogischen  und  politischen  Seite  gehende  litterarische 
Thätigkeit  lassen  wir  bei  Seite  und  beschäftigen  uns  ausschließlich  mit  seinen 
Leistungen  für  deutsche  Sprache  und    Litteratur. 

Dieser  brachte  Vilniar,  der  Landsmann  der  Brüder  Grimm,  eine  warme 
verständnissvolle  Theilnahme  entgegen.  Sein  erster  Versuch  auf  dem  Gebiete 
war  das  Programm  de  gcnitivi  casus  syntaxi  quam  prsebeat  harmonia  evan- 
geliorum  saxonica  dialecto  saec.  IX  conscripta  commentatio'  (Marburg,  Elwert. 
4.),  eine  gründliche  grammatische  Specialforschung,  Von  geringer  Bedeutung 
war  die  Herausgabe  des  Lehrgedichtes  Von  der  stete  ampten  und  von  der 
fursten  ratgeben  (Ebend.  1835.  4.),  in  welchem  erst  viel  später  F.  Bech  ein 
Werk  von  Johannes  Rothe  erkannte.  Um  so  bedeutsamer  ist  seine  Untersuchung 
über  'Die  zwei  Recensionen  und  die  Handsclniftenfamilicn  der  Weltchronik 
Rudolfs  von  Ems'  (Marb.  1839.  4.;  2.  Ausg.  Frankf.  a.  M.  1864),  denn  sie 
setzte  einen  schwierigen  Punkt  der  älteren  Litteraturgeschichte  ins  Klare  und 
muss  in  ihren  Hauptresultaten  noch  heute  als  maßgebend  gelten.  Seine  Deutsche 
Grammatik'  (Marburg  1840.  8.)  war  dem  Bedürfniss  der  Schule  entsprungen, 
an  welcher  Vilmar  den  deutschen  Unterricht  der  Prima  leitete,  der  erste  von 
echt  wissenschaftlicher  Seite  ausgegangene  Versuch,  die  Resultate  der  histori- 
schen Betrachtung  der  Sprache  in  die  Schule  einzuführen.  Der  Erfolg  zeigte, 
daß  es  ein  glücklicher  Griff  war;  schon  1841  war  die  kleine  Auflage  vergrif- 
fen, und  1864  erschien  die  sechste,  wiewohl  seitdem  die  Zahl  derartiger 
Schriften  sich  bedeutend  vermehrt  hatte.  Als  zweiten  Theil  veröffentlichte  kürz- 
lich Grein  Die  deutsche  Verskunst  nach  ihrer  geschichtlichen  Entwickelung 
unter  Benützung  von  Vilmars  Nachlasse  (Marb.  1870),  eine  ebenfalls  sehr  ver- 
dienstliche Arbeit,  die  unter  den  Händen  des  Herausgebers  bedeutende  Er- 
weiterung und  Vervollständigung  gefunden.  Einem  anderen  Gebiete,  für  wel- 
ches Vilmar  viel  Begabung  besaß,  dem  der  Culturgeschichte,  gehören  seine 
'Deutsche  Alterthümer  im  Heiland'  (Marb.  1845,  4.;  2,  Ausg,  1862.  8.),  worin 
er  mit  feinem  Sinn  zeigte,  wie  bei  allem  treuen  Anschluß  des  altsächsischen 
Dichters  an  seinen  Stoff,  doch  sein  Werk  einen  deutschen  Charakter  trage, 
sein  Christus  im  Sinne  eines  deutschen  Volkskönigs  aufgefasst,  das  ganze  Leben 
als  ein  Abbild  altgermanischen  Lebens  zu  betrachten  und  somit  aus  der  alt- 
sächsischen Evangelienharmonic  reicher  Gewinn  für  unsere  Alterthumskundc 
zu  ziehen  sei.  Die  Abhandlung  *Znr  Litteratur  Johann  Fischarts'  (Marb.  1846.8.) 
brachte  einen  werthvoUen  Beitrag  zur  Litteratur  des  16.  Jahrhucderts  und  er- 
schien 17  Jahre  später  (Frankf.  a.  M.  1865.  8.)  in  bedeutend  erweiterter 
Gestalt,  hauptsächlich  durch  Benützung  der  unvergleichlichen  Meusebach'schen 
Bibliothek.  Fischart  war  ein  Lieblingsdichter  Vilmars,  und  in  seinem  Nachlasse 
befindet  sich  eine  mit  allem  kritischen  Apparat  versehene  Ausgabe  vom  Bie- 
nenkorb' so  gut  wie  druckfertig.  1852  erschien  sein     Spicilegium    hymnologicum 

GERMANIA,  Neue  Reihe  IV.  (XVI.)  Jahrg.  8 


114  MISCELLEN. 

(Frankf.  a.  M.),  welches  unedierte  lateinische  Hymnen  und  ältere  deutsche  Über- 
setzungen brachte;  die  einzige  litterar-historische  Frucht  dieser  für  Vihnar  so 
bewegten  Periode.  Um  so  ergiebiger  waren  seine  letzten  Lebensjahre,  die  außer 
neuen  Ausgaben  älterer  Schriften  zunächst  sein  Deutsches  Namenbüchlein' 
(Frankf.  a.  M.  1861,  8.,  4.  Aufl.  1865)  brachten,  eine  hübsch  geschriebene 
und  für  ein  größeres  Publicum  berechnete  Darstellung  über  die  Entstehung 
und  Bedeutung  der  deutschen  Familiennamen.  Daran  reiht  sich  sein  'Hand- 
büchlein für  Freunde  des  deutschen  Volksliedes'  (Marb.  1867.  8.),  eine  so 
recht  Vilmars  Geistes-  und  Gemüthsrichtung  entsprechende  Arbeit,  eine  treff- 
liche Charakteristik  des  Wesens  des  Volksliedes,  die  solchen  Beifall  fand,  daß 
schon  im  folgenden  Jahre  eine  neue  Auflage  nöthig  wurde.  Auch  seine  letzte 
germanistische  Arbeit,  sein  'Idioticon  von  Kurhessen'  (Marb.  1868.  8.)  hängt 
mit  dem  Volksleben  nahe  zusammen  und  beruht  auf  langjähriger  Sammlung 
des  Stoffes  und  genauester  Beobachtung  und  Kenntniss  des  Landes,  dessen 
Sohn  er  selbst  war.  Nach  seinem  Tode  gab  Vilmars  Schüler  Piderit 'ein  Weih- 
nachtsspiel aus  einer  Hs.  des  XV.  Jahrhunderts'  unter  Benützung  einer  Abschrift 
Vilmars  mit  dessen  Anmerkungen  heraus  (Parchim  1869.  8.).  Ebenso  erschien 
aus  dem  Nachlasse  noch  eine  Arbeit  über  Goethes  Tasso  (Frankfurt  a.  M. 
1869),  wieder  voll  schöner  Bemerkungen,  wenn  auch  nicht  unbeeinflußt  von 
seinem   Standpunkte. 

Keine  seiner  Arbeiten  kann  jedoch  gleichen    Erfolges    sich    rühmen    wie 
seine    Geschichte   der  deutschen  National-Literatur .    Das    Buch    war  •  aus    Vor- 
lesungen hervorgegangen,  die  Vilmar  im  Winter   1843 — 44  in  Marburg  gehal- 
ten hatte,  und   trug    daher    bei    seinem    ersten    Erscheinen    (Marb.     1845.   8.) 
den  Titel    Vorlesungen  zur  Geschichte   der    deutschen    National-Literatur'.    Die 
Entstehung  aus  Vorlesungen   vor  einem  größeren  Publicum  muss  als  bedeutsam 
für  den    Charakter  des  Buches  angesehen  werden:  ihr    verdankt    es    die    geho- 
bene   schwungvolle  Sprache,   die  oft  blühend  ist,   das  Zui-ücktreten  aller  Detail- 
forschung,  das   Verzichtleisten  auf  Vollständigkeit    des    Stoffes,     das    Verweilen 
bloß  auf  den  Höhepunkten.  Fast  überall  tritt  Beherrschung  des  Stoffes  zu  Tage, 
überall  ein  feiner  ästhetischer  Sinn,  eine    liebevolle  Hingabe    an     den    Gegen- 
stand. Den  hervorragenden  Theil  des  Buches  bildet  die    Darstellung    der  älte- 
ren Litteratur,   bis  zum  16.  Jahrhundert,  dieses  mit  eingeschlossen,  also  die  Zeit, 
in  der  auch  Vilmars  eigene  Foililhungen  sich  bewegen.  In  der  Darstellung   der 
neueren  Zeit  macht  sich  der  individuelle  Standpunkt  des  Verfassers  mehr  gel- 
tend, und  hier  wird  man  seinen    Urtheilen    nicht    immer    beipflichten    können. 
Auch  nachdem  bei  neuen  Auflagen  die  Bezeichnung  'Vorlesungen'  weggefallen, 
blieb  doch   der  Charakter  des  Buches  wesentlich   derselbe;  es  wurde  in  einzel- 
nen Partien  erweitert  und  vervollständigt,  die  beigefügten  Anmerkungen,  reich- 
licher beim  ersten  als  beim  zweiten  Theile,  gaben  das  nothwendigste  litterarische 
Material.  Von  Jahr  zu  Jahr    wuchs   die  Verbreitung    des  Buches,  1869  erschien 
es  in   13.   Auflage.  Was    man  den    späteren    Auflagen    zum    Vorwurf    machen 
darf,  ist  daß  nicht,  weder  im  Texte,  noch    in   den    Anmerkungen,    die  neueren 
Forschungen  berücksichtigt    worden    sind.     Gleicliwohl    ist    unter    den    populär 
darstellenden  Litteraturbüchern  keines,   das  mit  gleichem  Rechte  sich  die   Liebe 
des   Publicums   erworben.    Vilmars     Buch     hat    viel    dazu  beigetragen,    daß   die 
altdeutsche  Litteratur  dem  Volke  vertrauter  wurde.  Ob    es  auch    das    Studium 
der  Originale  begünstigt  hat,  ist  allerdings  die  Frage,  denn    gar    mancher  ließ 


MISCELLEN.  115 

sich  an  Vilmar  genügen,  und  noch  andere  lesen  sogar  Vilmars  Auszag  aus 
dem  Nibelungenliede  lieber  als  das  alte  Lied  selbst.  Eine  Ergänzung  zu  dem 
Buche  bilden  die  nach  Vilmars  Tode  herausgegebenen  'Lebensbilder  deutscher 
Dichter'  (Frankfurt  a.  M.  1869.  8.),  so  wie  die  'Charakterbilder  der  deutschen 
Litteratur  von  E.   Labes'  (2   Bände,  Jena   1866 — 67.   8.) 

Wackernagel,  unter  den  drei  Männern,  von  denen  wir  hier  reden,  in 
geistiger  Begabung,  in  Ausbreitung  und  Vielseitigkeit  des  Wissens  unbestritten 
der  bedeutendste,  wurde  ara  23.  April  1806  zu  Berlin  geboren.  Sein  Vater, 
ein  aus  Thüringen  stammender  Buchdrucker,  starb  frühe  und  des  Knaben  Ju- 
gend war  eine  entbehrungsreiche  und  gedrückte.  Auf  dem  grauen  Kloster  ge- 
bildet, widmete  er  sich  1824 — 27  unter  Lachmanns  Leitung  ausschließlich  den 
altdeutschen  Studien,  die  er  schon  auf  dem  Gymnasium  getrieben  hatte.  Die 
Zeit  bis  zu  seiner  Berufung  nach  Basel  (1833)  verlebte  er  theils  in  Breslau, 
theils  in  Berlin,  als  Privatgelehrter,  indem  er  sich  seinen  Lebensunterhalt  durch 
litterarische  Arbeiten,  Copieren  von  Handschriften,  auch  durch  Theaterkritiken 
erwarb.  Die  Professur  an  der  Universität  Basel,  der  er  36  Jahre  angehörte  und 
der  er  zur  glänzenden  Zierde  gereichte,  war  mit  einer  Stellung  am  Pädagogium 
verbunden,  und  darin  berührt  sich  seine  Thätigkeit  mit  der  Kobei-steins  und 
Vilmars.  Wie  diese,  wirkte  er  anregend  fördernd  und  weckend  auf  seine  zahl- 
reichen Schüler.  Ihm  ist  daher  diese  Schulthätigkeit,  wenngleich  sie  die  Mühen 
seines  Berufes  vermehrte,  zeitlebens  eine  liebe  und  theure  geblieben.  An  Basel 
durch  geknüpfte  Familienbande  gekettet,  schlug  er  die  glänzendsten  Berufungen 
nach  größeren  Universitäten,  München,  Berlin  und  Wien  aus,  an  denen  sicli 
seinem  akademischen  Lehrtalente  ein  ganz  anderes  Feld  eröffnet  hätte.  Die 
Schweiz  war  ihm  zur  Heimat  geworden,  hier  hatte  er  eine  Ruhestätte  gefun- 
den nach  der  Wanderzeit  einer  harten  Jugend.  Ihre  Entbehrungen  hatten  ihn 
aber  an  Leib  und  Seele  gestählt;  die  hohe  kräftige  Gestalt  entsprach  dem 
Eindrucke  seines  geistigen  Wesens  und  der  Energie  seines  Charakters.  Allzu- 
gesteigerte geistige  Anstrengung  brach  jedoch  auch  diese  feste  Natur.  Seit 
Jahren  nervös  reizbar,  zeitweise  schlaflos,  wurde  er  in  den  50er  Jahren  wie- 
derholt krank.  Der  Winteraufenthalt  in  Nizza  (1864 — 65)  schien  ihn  wieder 
herzustellen,  aber  auch  nur  vorübergehend,  und  er  sah  sich  genöthigt,  die  Thä- 
tigkeit am  Gymnasium  ganz  aufzugeben.  Im  Winter  1867 — 68  erkrankte  er 
von  Neuem  bedenklich,  aber  kaum  genesen,  wandte  er  sich  mit  rastlosem  Eifer 
gelehrten  Arbeiten  zu.  Eine  Wiederkehr  des  alten  Leidens  im  November  1869 
schien  anfangs  nicht  so  gefahrvoll,  um  so  unerwarteter  kam  ein  neuer  Anfall 
am  11.  December,  der  am  21.  Decembcr  seinem  reichen  Leben  ein  Ziel 
setzte. 

In  der  Beurtheilung  Wackernagels  darf  seine  künstlerische  und  dichte- 
rische Begabung  nicht  bei  Seite  gelassen  werden.  Sie  verlieh  Allem,  was  er 
schuf,  das  eigenthümliche  Gepräge,  der  Form  die  künstlerische  Gestaltung, 
den  Gedanken  die  weittragende  Kühnheit  und  Combinationskraft,  der  Sprache 
den  edlen  dichterischen  Schwung.  Nach  der  philologischen  Seite  von  Lach- 
mann angeregt,  und  in  der  That  einer  seiner  bedeutendsten  Schüler,  hat  er 
in  der  Geistesrichtung  und  Anlage  doch  mehr  Verwandtschaft  mit  J.  Grimm, 
dem  er  auch  an  Vielseitigkeit  von  allen  Germanisten  am  nächsten  tritt.  Seine 
gelehrte  Thätigkeit  begann  er  in  frühen  Jahren;  schon  1827  ließ  er  die  Ge- 
dichte zweier  der  ältesten  Ijyrikor,  des   Kürenbcrgers  und    Alrams  von  Gereten 


116  MISCELLEN. 

(Berol.  8.)  erscheinen,  gab  'Spiritalia  theotisca'  (Vratisl.)  und  eine  Abhandlung 
'Das  Wessobrunner  Gebet  und  die  Wessobrunner  Glossen  (Berlin)  heraus.  Die 
Zahl  seiner  Schriften  und  Abhandlungen  beläuft  sich  nach  dem  von  Sieber 
und  J.  G.  Wackernagel  gegebenen  Verzeichniss  (Zeitschrift  für  deutsche  Phi- 
lologie 2,  337 — 342)  auf  114  und  würde  noch  bedeutend  höher  sein,  wenn 
man  die  einzelnen  Aufsatze  der  Jahrgänge  einer  Zeitschrift  besonders  beziifern 
Avollte.  Indem  wir  im  Allgemeinen  auf  dies  Verzeichniss  verweisen,  wollen  wir 
nach  den  Hauptrichtungen  seine  bedeutendsten  Arbeiten  kurz  besprechen. 

Von  der  eigentlich  philologischen  Thätigkeit  der  Textkritik,  durch  welche 
Lachmann  glänzte,  giengen  seine  frühesten  Arbeiten  aus.  Sie  beziehen  sich  über- 
wiegend auf  die  mittelhochdeutsche,  einige  auf  die  althochdeutsche  Litteratur. 
Außer  den  schon  erwähnten  sind  es  das  Wachtelmaere  1828  ^),  Walther  von  Klingen 
(Basel  1845.  4.),  Altdeutsche  Predigten,  1848  gedruckt,  aber  noch  nicht  aus- 
gegeben, mit  einer  litterarischen  leider  im  Drucke  unterbrochenen  Einleitung, 
die  nun  wohl  ein  Fragment  bleiben  wird,  die  Meinauer  Naturlehre  (Stuttgart 
1850.  8.),  Hartmanns  von  Aue  armer  Heinrich  (Basel  1855.  8.),  begleitet  von 
zwei  jüngeren  Prosalegenden  verwandten  Inhalts,  die  sechs  Bruchstücke  einer 
Nibelungenhandschrift  (Basel  1866.  4.),  und,  die  bedeutendste  unter  allen,  die 
mit  M.  Rieger  gemeinsam  unternommene  Ausgabe  Walthers  von  der  Vogel- 
weide nebst  Ulrich  von  Singenberg  und  Leutold  von  Seven  (Giessen  1862.  8.). 
Mit  Walther  hatte  Wackernagel  sich  schon  30  Jahre  vorher  gründlichst  be- 
schäftigt, wie  seine  Anmerkungen  zu  Simrocks  Übersetzung  (2  Bände.  Berlin 
1833.  8.)  bezeugen.  Dem  rechtshistorischen  Gebiete  gehören  die  Publicatio- 
nen  *Das  Landrecht  des  Schwabenspiegels  (Zürich  1840.  8.)  und  'Das  Bi- 
schofs- und  Dienstmannenrecht  von  Basel  in  deutscher  Aufzeichnung  des  13. 
Jahrhunderts  (Basel  1852.  4.).  Feines  Verständniss,  liebevolles  Erfassen  des 
Autors  zeichnet  die  Ausgaben  Wackeruagels  aus,  seine  Textkritik,  wenn  auch 
nicht  genial,  ist  schonend  und  conservativ,  oft  sinnig,  sie  verschmäht  das  Ge- 
waltsame zu  kühner  Änderungen  und  willkürlicher  Behandlung  in  Sprache  und 
Metrik,  wovon  sein  Meister  nicht  immer  freizusprechen  ist. 

Mehr  zog  ihn  die  Neigung  jedoch  zu  litterarhistorischen  Untersuchungen 
hin.  Seine  ersttj  derartige  Arbeit,  die  Geschichte  des  deutschen  Hexameters 
und  Pentameters  bis  auf  Klopstock'  (Berlin  1831.  8.)  fasst  gleich  einen  wei- 
ten Gesichtspunkt  ins  Auge,  und  streift  auf  das  Gebiet  der  antiken  Poesie 
hinüber.  Eine  stattliche  Reihe  von  Schriften  und  Abhandlungen  auf  diesem 
Gebiete  folgte,  zunächst  *Die  Verdienste  der  Schweizer  um  die  deutsche  Litte- 
ratur (Basel  1833.  4.),  seine  Antrittsrede  in  Basel  am  17.  Mai  1833,  ein  Ge- 
genstand, wie  er  kaum  passender  gefunden  werden  konnte.  Dann  die  altdeut- 
schen Handschriften  der  Basler  Uuiversitäts-Bibliothek'  (Basel  1836.  4.),  die 
schöne  Abhandlung  über  'die  epische  Poesie'  1837"),  die  über  Neidhart  von 
Reuenthal'  1838  *),  das  Programm  'über  die  dramatische  Poesie'  (Basel  1838.  4.), 
die  Abhandlung  über  'die  Gottesfreunde  in  Basel'   1842  *),  'über    das  Schach- 


')  Friedrichsstadt,  Januar.  8.  Aumerkuugen  dazu  in  Maßmanus  Denkmälern,  Mün- 
chen 1S28,  S.  lOö— 12. 

■-)  In  Schweizerisches  Museum  für  histor.  Wissenschaften  1.  341—372.  2.  36 
bis  102.  243—274. 

^)  In  von  der  Hagens  Minnesingern  4,  436 — 442. 

■*)  Beiträge  zur  vaterländischen  Geschichte  2,   111 — 163. 


MISCELLEN.  117 

zabelbuch  Konrads  von  Ammenhauseu  1846  '),  'Die  altdeutschen  Dichter  des 
Elsasses:  Otfried  von  Weissenburg,  Heinrich  der  Gleissner'  1847 '^j,  'Konrad 
von  Würzburg  aus  Würzburg  oder  aus  Basel?'  1858^),  'Leben  und  Wirken 
Walthers  von  der  Vogelweide  1865  in  Nizza  geschrieben*),  und,  der  alt- 
sächsischen Littcratur  angehörend,  die  altsächsische  Bibeldiclitung  und  das 
Wessobrunner  Gebet  1868  ^),  womit  er  theilweise  zu  einem  vor  41  Jahren 
behandelten  Gegenstande  zurückkehrte.  Endlich  seine  letzte  Arbeit  'Johann 
Fischart  von  Straßburg  und  Basels  Antheil  an  ihm  (Basel  18  70.  8.),  die  in 
die  Hände  seiner  Freunde  kam,  als  der  Tod  schon  an  seine  Thür  pochte: 
ich  erhielt  das  Buch,  sein  letztes  Geschenk,  am  15.  December  1869.  Ins  ro- 
manische Gebiet  hinüber  greifen  seine  'Altfranzösische  Lieder  und  Leiche' 
(Basel  1846.  8.),  die  von  sprachlichen  und  noch  werthvolleren  litterarischen  Un- 
tersuchungen begleitet  sind.  Aber  auch  die  neuere  Litteratur  gieng  nicht  leer 
aus:  ihr  gehören  die  Abhandlung  zur  Erklärung  und  Beurtheilung  von  Bür- 
gers Leonore'  (Basel  1835.  4.)*'),  die  Rectoratsrede  über  Lessings  Nathan 
den  Weisen  1855'^)  und  die  Gedächtnissrede  auf  Ludwig  Uhland  bei  der 
Uhlandsfeier  zu  Basel  am   13.   Jänner   1863^). 

Auch  seine  grammatischen  Arbeiten  ziehen  sich  durch  sein  ganzes 
Leben  hindurch.  Bereits  1830  veröffentlichte  er  eine  Abhandlung  'über  Con- 
jugation  und  Wortbildung  durch  Ablaut  im  Deutschen,  Griechischen  und  La- 
teinischen ^)  und  in  demselben  Jahre  erschien  seine  gediegene  Untersuchung 
über  die  mittelhochd.  Negationspartikel  ne  ^°).  Von  seinen  späteren  Arbeiten 
gehören  dem  sprachlichen  Gebiete  an  der  'Vocabularius  optimus  zur  Begrüßung 
der  Philologen  in  Basel  (Basel  1847.  4.),  'Die  deutschen  Appellativnamen' 
1859'^),  'Die  Umdeutschung  fremder  Wörter  (Basel  1862.  4.,  2,  Auflage 
1863),  die  'Voces  variac  animantium,  ein  Beitrag  zur  Naturkunde  und  zur 
Geschichte  der  Sprache'  (Basel  1867.  4,,  2.  Ausgabe  1869),  und  über 
'Sprache  und  Sprachdenkmale  der  Burgunden'  1868  '"). 

Wie  hierin,  so  berührt  er  sich  mit  J.  Grimm  auch  in  der  Neigung  zu 
culturhistorischen  und  antiquarischen  Forschungen,  und  hierin  liegt  eine  der 
hervorragendsten  Seiten  seines  Geistes.  Außer  zahlreichen  kleineren  Abhand- 
lungen, namentlich  in  der  Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum  (Band  II — IX), 
sind  zu  erwähnen  'Familienrecht  und  Familienleben     der  Germanen'    1846    '^}, 


')  Kurz    und  Wcissenbach,  Beiträge    zur    Geschichte    und  Litteratm-  1,  28  —  77. 
158—222,  314—373. 

*)  Elsässische    Neujahrsblätter  1847  S.  210—237;  1848  S.   190—216. 

^)  Pfeiffers  Germania  3,  257  —  266. 

')  Herzogs  Realencyclopaedie    für   protestant.    Theologie    und    Kirche,    Supple- 
mentband. 

')  Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  1,  291  —  309. 

'^)  Mit  Nachträgen  wdederholt  in  den  altdeutschen  Blättern  1,  174—204. 

')  In  Geizers  protestantischen  Monatsblättern  1,  6,  232—256. 

')  Ebendaselbst  Jahrgang  18G3. 

^)  Seebodes  Arclüv  für  Philologie  und  Pädagogik  1,  17 — 50. 

'")  Hoffraanns  Fundgruben  1,  269—306.  347—400. 

")  Pfeiffers  Germania  4,  129  —  160.  5,  290-356. 

^^)  In  Bindings    Geschichte    des     burgundisch-romanischen  Königreiches    S.  329 
bis  404. 

'')  Schreibers  Jahrbuch    für    Geschichte    und  Alterthum    in    büddeutschlaud  5, 
259-316. 


118  MISCELLEN. 

^Gewerbe,  Handel  und  Schiffahrt  der  Germanen ,  ein  Vortrag  '),  "^Eitter-  und 
Dichterleben  Basels  im  Mittelalter  (Basel  1858.  4.)  und  'Die  Lebensalter.  Ein 
Beitrag  zur  vergleichenden  Sitten-  und  Eechtsgeschichte'  (Basel  1862.  8.) 
Ferner  aus  der  Mythologie  seine  Etcsu  TCregoevra'  zur  Jubelfeier  der  Uni- 
versität (Basel  1860.  4.)  und  das  mit  trefflichem  Humor  gewürzte  Hündchen 
von  Bretzwil  und  von  Bretten   18G5  ^). 

Aber  gleiches  Interesse  brachte  Wackernagel  der  Kunstgeschichte  ent- 
gegen, und  zeigt  darin  eine  bei  Philologen  sehr  seltene  Vereinigung  geistiger 
Fähigkeiten.  Sein  Buch  über  'Die  deutsche  Glasmalerei'  (Leipzig  1855.  8,), 
seine  Abhandlungen  'der  Todtentanz  1856  ')  und  über  ""die  goldene  Altar- 
tafel von  Basel  (Basel  1856.  4.)  bewähren  seine  Meisterschaft  auch  auf  die- 
sem Gebiete.  Dahin  gehören  auch  seine  lebendigen  Vorträge  Pompeji  (Basel 
1849,   2.  Auflage   1870.   8.)  und    'Sevilla     (Basel    1854,   2.    Aufl.     1870.   8.) 

Tritt  hier  die  künstlerische  Begabung  Wackernagels  hervor,  so  noch 
mehr  in  seinen  dichterischen  Leistungen,  die  mit  wenigen  Ausnahmen  nicht  so 
bekannt  und  gewürdigt  sind,  wie  sie  es  verdienten.  Als  Dichter  trat  er  schon 
1828  auf  und  gab  die  'Lieder  eines  fahrenden  Schülers'  (Berlin.  8.)  heraus. 
Außer  zahlreichen  Gedichten  in  Zeitschriften,  veröffentlichte  er  dann  noch 
selbständig  'Neuere  Gedichte  aus  den  Jahren  1832 — 4l'  (Zürich  1842.  8.), 
"^Zeitgedichte,  mit  Beiträgen  von  Balth.  Eeber'  (Basel  1843)  und  das  'Wein- 
büchleiu'  (Leipzig  1845).  Nach  seinem  Tode  gab  Geizer  in  seinen  Monats- 
blättern noch  manche  Gedichte  der  letzten  Jahre  heraus.  Der  in  streng  philo- 
logischer Schule  gebildete  Formsinn  verleiht  Wackernagels  inhaltsreichen  Ge- 
dichten noch  einen  besonderen  Eeiz,  wie  denen  Simrocks,  und  wie  dieser,  hat 
er  sich  nicht  gescheut,  manche  Wendung,  manchen  Ausdruck  aus  der  alten 
Sprache  in  die  moderne  Dichtersprache  einzuführen. 

Zwei  Werke  haben  wir  noch  zu  erwähnen,  die  in  innigem  Zusammen- 
liange  mit  einander  stehen.  Zuerst  sein  Deutsches  Lesebuch',  dasselbe  erschien 
in  drei  Bänden,  die  von  der  ältesten  Zeit  bis  auf  das  Jahr  1842  reichen 
(Basel  1835  —  42.  4.  Aufl.  des  1.  Theiles  1861).  Eine  so  allseitige  Auswahl 
aus  dem  Schatze  der  gesammten  deutschen  Litteratur  besaßen  wir  noch  nicht; 
keine  Eichtung,  keine  bedeutende  Erscheinung  in  Poesie  und  Prosa  ist  unver- 
treten,  überall  ist  das  Charakteristische  mit  feinem  Sinne  ausgewählt,  die  Texte 
in  kritischer  Bearbeitung  mitgethcilt.  Den  ersten  Band,  das  'Altdeutsche  Le- 
sebuch' empfahl  dem  Philologen  außerdem  das  treffliche  beigegebene  Wörter- 
buch, Avelches  in  der  neuesten  Bearbeitung  (1861)  zu  einem  'Altdeutschen 
Handwörterbuch  erweitert  worden  ist.  Von  den  zahlreichen  Lesebüchern  kann 
keines  auch  nur  entfernt  mit  W.  Wackernagels  Werke  verglichen  werden,  nur 
Gödekes  elf  Bücher  deutscher  Dichtung  dürfen  für  die  neuere  Zeit  eine  gleiche 
Berechtigung  beanspruchen.  Eine  neue,  vom  Verf.  vorbereitete  Ausgabe  soll 
als  erste  Abtheilung  nur  'gothische  und  altsächsische  Lesestücke  sammt 
Wörterbuch   enthalten  und  ist  druckfertig. 

Mit  dem  Lesebuche  hängt  aber  seine    Geschichte  der  deutschen  Littera- 


')  Erweitert  aljgediiickt    in    der    Zeitschrift    für    deutsches    Alterthum     9,  530 
bis  578. 

")  Neues  Schweizer.  Museum  ö,  339 — 350. 

^)  Basel  im  U.  Jahrlmudert  S.  213—250.  377—425. 


MISCELLEN.  XI9 

tur  (Basel  1851 — 55.  8.  3  Hefte)  nahe  zusammen.  Die  getrennten  Vorzüge 
Kobersteins  und  Vilmars,  die  gewissenhafte  Durchforschung  und  Beherrschung 
des  Stoifes  bei  dem  einen,  und  die  geschmackvolle,  oft  schwungvolle  Darstel- 
lung des  andern,  vereinigt  Wackernagels  'Handbuch.'  Es  bietet  dem  Forscher, 
zumal  in  den  Anmerkungen,  den  gelehrten  Stoff  in  erwünschter  Vollständig- 
keit und  weiß  doch  durch  die  zusammenhangende,  stets  lebendige  Darstellung 
zu  fesseln.  Kein  litterarisches  Denkmal  unerwähnt  lassend,  und  darin  noch  voll- 
ständiger als  Koberstein,  geht  er  an  dem  unbedeutenden  doch  schnell,  oft 
nur  mit  Namensnennung  vorüber,  aber  auf  dem  Bedeutsamen  verweilt  die, 
wenn  auch  immer  knappe,  eigenthümliche  Charakteristik.  Die  Entwickelung  der 
Ansichten,  wie  wir  sie  bei  Koberstein  in  den  Anmerkungen  finden,  ist  mehr 
beschränkt,  Wackernagel  tritt  oft  mit  ganz  selbständigen  Ansichten  herr- 
schenden Meinungen  entgegen.  Sein  Werk,  begonnen  nach  mehr  als  zwanzig- 
jähriger litterarischer  Thätigkeit,  trägt  daher  gleich  im  ersten  Wurfe  dca 
Stempel  hoher  Vollendung,  bekundet  überall  den  Mann,  der  unmittelbar  aus 
den  Quellen  geschöpft,  aus  ihnen  sich  sein  Urtheil  gebildet  hat  und  doch  die 
Meinungen  aller  Mitforscher  genau  kennt,  ihre  Gründe  und  Gegengründe  reif- 
lich erwogen  hat.  Leider  ist  es  ein  Torso  geblieben,  es  reicht  bis  in  den 
Anfang  des  17.  Jahrhunderts  und  seit  15  Jahren  ist  es  nicht  fortgeführt. 
Auch  ist  dazu  keine  Aussicht  vorhanden;  denn  wer  vermöchte  bei  den  riesig 
wachsenden  Dimensionen  der  neueren  Litteratur  in  gleicher  Weise  es  zu  vollen- 
den? Vielleicht,  daß  Wackernagel  selbst  vor  der  außerordentlichen  Stofffülle 
zurückschreckte. 

Von  den  Früchten  seines  Geistes  hat  er  auch  in  dieser  Zeitschrift  ein 
Paar  niedergelegt,  die  ihr  zum  bleibenden  Schmucke  gereichen.  Sein  Zurück- 
ziehen seit  1860  beruht  auf  persönlichen  Verhältnissen,  die  hier  auseinander- 
zusetzen nicht  der  Ort  ist.  Als  ich  im  Herbste  1868  mich  zur  Uebernahme 
der  Eedaction  entschloß,  schickte  ich  auch  ihm  das  damals  erlassene  Pro- 
gramm. Sie  fordern  mich  auf',  schrieb  er  mir  am  26.  October  1868,  'an  der 
von  Ihnen  redigierten  Germania  wieder  mitzuarbeiten.  Es  braucht  für  mich  kein 
langes  Bedenken,  was  ich  darauf  erwiedern  solle :  ich  sage  gerne  Ja.  .  .  . 
Aber  ich  erkläre  zugleich,  daß  Sie  viel  der  Art  nicht  erwarten  dürfen,  und 
auch  nicht  so  gar  bald.  Ich  habe  nun  einmal  meine  Verpflichtung  gegen  Zacher 
und  sehe  überdies  für  längere  Zeit  wenig  Kraft  und  Müsse  litterarischer  Thä- 
tigkeit voraus.  Ich  spüre  die  Leiden  des  Alters'  usw.  Und  als  er  mir  am 
28.  August  1869  für  den  übersandten  H.  Ernst  dankte,  schrieb  er:  'Leider 
kann  ich  auch  für  diese  Gabe  Ilmen  einstweilen  keine  Gegengabe  bieten  und 
nicht  einmal  als  Zeichen  meines  Dankes  und  meiner  Anhänglichkeit  einen  Bei- 
trag für  die  Zeitschrift.  Ein  volles  Semester,  der  ganze  Winter,  ist  mir  in 
Krankheit  dahingegangen,  seitdem  lebe  ich  in  langsamer  stockender  Reconva- 
lescenz:  ich  soll  die  60  nicht  ungestraft  überschritten  haben.  Da  gelange  ich 
außer  den  Vorlesungen  nicht  zu  viel  Anderem'.  So  kam  es,  daß  die  Germania 
ihn  nicht  wieder  in  den  Reihen  ihrer  Mitarbeiter  erblickte,  wie  er  seitdem 
auch  zu  Zachers   Zeitschrift  keinen  Beitrag  mehr  steuerte. 

Als  wir  im  September  1862  nach  den  schönen  Tagen  der  Augsburger 
Philologenversammlung,  der  ersten,  wo  eine  germanistische  Section  getagt  hatte, 
von  einander  Abschied  nahmen,  schrieb  er  die   Worte    des    Dichters    mir    ein  : 


120  MISCELLEN. 

"^Wann  sehn  wir  uns,  ihr  Brüder, 
In  diesem  Schifflein  wieder?' 
Mir  war  es  nicht  vergönnt,    ihn    wiederzusehen,    aber    theure    Erinnerun- 
gen werden  mir  die  Tage  sein,   die  ich  in    Basel    1860,    Frankfurt    1861   und 
Augsburg   1862  in  innigem  "Verkehr  mit  ihm  verlebt  habe. 

ROSTOCK,  December  1870.  K.  BARTSCH. 

Der  litterarisclie  Verein  in  Stuttgart. 

Den  kürzlich  ausgegebenen  hundertsten  Band  der  Bibliothek  des  littera- 
rischen Vereins  hat  der  gegenwärtige  Präsident  desselben,  A.  v.  Keller,  mit 
einer  Denkschrift  (Tübingen  1870,  36  S.)  begleitet,  welche  eine  Uebersicht 
über  die  Greschichte  und  Thätigkeit  des  Vereins  gewährt.  Wenig  Bibliophilen- 
Vereine  können  sich  einer  so  erfreulichen,  die  Wissenschaft  fördernden  Thätig- 
keit, wenige  eines  so  laugen^  unverkümmerten  Blühens  und  Gedeihens  rühmen. 
1839  gegründet,  steht  er  seit  1849  unter  Kellers  Leitung  und  hat  seitdem 
nicht  nur  die  Zahl  seiner  Mitglieder  beständig  wachsen  sehen,  sondern  na- 
mentlich auch  eine  gesteigerte  litterarische  Thätigkeit  entwickelt.  Während  in 
den  ersten  neun  Jahren  des  Bestandes  nur  17  Bände  veröffentlicht  wurden,  be- 
läuft sich  die  Zahl  der  von  1849  — 1870  herausgegebenen  auf  83,  was  auf 
jedes  Jahr  durchschnittlich  vier  Bände  ergibt.  Getreu  seinem  Program,  hat  der 
Verein  historische  Quellen  im  weitesten  Sinne  eröffnet.  Ausser  den  eigentli- 
chen Geschichtsquellen,  unter  denen  die  auf  Deutschland  bezüglichen  natür- 
lich vorwiegen,  erstrecken  sich  die  Publikationen,  und  dies  macht  sie  nament- 
lich dem  Philologen  so  werthvoU,  auf  Litteraturdenkmäler.  Auch  hier  ist  die 
deutsche  Poesie  vorzugsweise  vertreten,  und  ihr  sind  nicht  weniger  als  50 
Bände  gewidmet.  Aber  auch  die  verschiedenen  romanischen  Sprachgebiete  finden 
wir  in  italienischen,  portugiesischen,  provenzalischen  und  altfranzösischen  Publi- 
cationen  vertreten,  ebenso  die  lateinische  Dichtung  des  Mittelalters  und  der  neueren 
Zeit.  Welche  gewaltige  Lücke  in  unserem  philologischen  Apparat,  wenn  diese 
Bände  fehlten!  Im  Interesse  der  Wissenschaft  liegt  daher  das  Gedeihen  dieses 
Vereins,  dem  man  nur  wünschen  kann,  dass  sein  umsichtiger  Leiter  ihm  noch 
lange  erhalten  bleibe. 

ROSTOCK,  December  1870.  K.  BARTSCH. 


ZUM  MUSPILLT. 

Kritisches  und  Dogmatisches 

VON 

FERDINAND  VETTER. 


Das  Muspilli  ist  in  den  letzten  Jahren  wiederholt  in  kritischer  und  im  Zusam- 
menhang damit,  in  dogmatischer,  resp.  mythologischer  Beziehung  eingehend  bespro- 
chen worden.  Zwei  fast  gleichzeitige  Arbeiten:  von  Bartsch  (vom  Juli  1857)  im 
dritten  Bande  dieser  Zeitschrift,  und  von  Feifalik  im  26.  Bande  der  Wiener 
Sitzungsberichte  (Febr.  1858)  behaupteten  seine  Entstehung  aus  verschiedenen 
cälteren  Liedern,  resp.  seine  Intei-polation,  weil  es  Heidnisches  mit  Christ- 
lichem mische;  ihnen  gegenüber  verfocht  Zarncke  (Ber.  d.  k.  sächs.  Ges.  d. 
Wissensch.  1866)  die  Einheit,  weil  es  nur  Christliches  enthalte. 

Es  war  mir  höchst  interessant,  im  vorigen  Frühjahr  mit  diesen  Schriften  be- 
kannt zu  werden,  als  ich  zum  Behuf  meiner  Doctor-Dissertation  eine  eigene  frühere 
Arbeit  über  Muspilli  wieder  vornahm,  die  ich  einst  meinem  verehrten  väterlichen 
Lehrer  Wackernagel  vorgewiesen  und  in  der  ich  ebenfalls  über  die  Unebenheiten  des 
Gedichtes  durch  Annahme  einer  Ueberarbeitung  hinwegzukommen  gesucht  hatte.  Jetzt 
prüfte  ich  meine  Ergebnisse  nochmals;  das  Resultat  sind  die  folgenden  beiden  Ab- 
handlungen, die  ich,  da  ich  schließlich  einen  weiteren  dritten  Theil  füber  den  Vers- 
bau des  M.)  der  beabsichtigten  Dissertation  allein  zu  diesem  letzteren  Zwecke  be- 
stimmte, hier  zur  Beurth eilung  vorlege. 

CHUK,  im  Februar  1871. 

Kritisches. 
(Zusammenhang  und   Ordnung.)  ;.; 

[Die  Verse  des  Muspilli  sind  nach  dem  Text  bei  Müllenhoff  u.  Scherer  citiert.] 

Bartsch  und  Feifalik  in  den  angeführten  Aufsätzen  und 
Müllenhoff  in  den  Denkmälern  (im  Gegensatz  zu  seiner  früheren 
Ansicht ,  Haupts  Ztsch.  11,  392)  treffen  in  der  Behauptung  zusam- 
men, daß  die  Schilderung  vom  Kampf  des  Elias  und  Antichrist  und 
vom  Weltbrande  den  Zusammenhang   unterbreche   und   eingeschoben  sei. 

GERMANIA.  Neue  Reihe  IV.  (XVI.)  Jahrg.  9 


122  FERDINAND   VETTER 

Im  Einzelnen  weichen  ihre   Herstellungsversuche    ab.    Einschiebungen 
nimmt  auch  Conrad  Hofmann  an. 

Gegen  alle  Versuche  einer  Zerlegung  wendet  sich  nun  Zarn- 
cke's  angeführte  Arbeit,  die  Einheit  und  im  Wesentlichen  treue 
Überlieferung  des  Gedichtes  behauptend. 

Den  ersten  Eindruck  des  Springenden,  Unverbundenen  macht 
das  Gedicht  gewiß  auf  jeden  unbefangenen  Leser;  auf  ihn  legt  Zarn- 
cke's  Widerlegung  (s.  unten),  wie  mir  scheint,  nicht  genug  Gewicht. 
„Er  ist",  sagt  Feifalik,  „kein  einheitlicher;  man  fühlt  dunkel  in  dem 
Gedichte  die  Verbindung  von  ursprünglich  Fremdartigem,  nicht  Zu- 
sammengehörigem." 

Wir  wollen  sehen,  ob  sich  dieser  erste  Eindruck  auch  bei  nä- 
herer Betrachtung  als  richtig  erweist,  und  werden  dabei  nicht  bloß 
das  betreffende  Stück,  das  jene  drei  Gelehrten  seines  Inhalts  wegen 
als  an  falscher  Stelle  stehend  erklärt  haben,  sondern  das  ganze  Ge- 
dicht nach  drei  Gesichtspunkten  in  Betracht  ziehen. 

1.  Der  erste  kritische  Messer  für  ein  allitterierendes  Gedicht  ist 
die  Allitteration,  die  Prüfung,  ob  diese  durchgängig  in  Ordnung  sei. 
Die  Allitteration  in  Vs.  73  führt  uns  nun  auf  eine  frühe  Zeit  zurück: 
hlütjan,  hlüi,  hlidi  finden  wir  nur  in  den  Keronischen  Glossen,  in 
Hraban,  Isidor,  den  Psalmen;  später  ist  das  li  vor  l  und  lo  durchgän- 
gig abgefallen.  Die  Durchführung  dieser  älteren  Formen  durch  das 
ganze  Gedicht,  die  in  einem  einheitlichen  Denkmal  vor  Allem  mög- 
lich sein  muss,  hat  keine  Schwierigkeit,  seitdem  durch  Hofmann's 
Entdeckung  (Sitzungsber.  d.  bair.  Akad.,  philos.-philol.  GL,  3.  Nov. 
1866.  S.  232)  in  Vs.  66  auf  uueiz  und  uuenago  der  richtige  Eeim 
{uuartil)  gefunden  ist  {liuueliJihan  ist  Malfüllung,  uuartü  Hauptstab); 
man  kann  also  Vs.  7  kuuederemo,  19  huueWihemo,  30  h^iuanta,  60 
liuuär,  62  Jiuuiü,  64  huueUhha,  66  himielihhan,  82  hleuuo,  92  huuelih, 
93  huuaz  einsetzen,  Avie  die  gleichzeitige  Entstehung  mit  Vs.  73  ver- 
langen würde,  ohne  daß  irgendwo  die  Allitteration  gestört  wäre;  auch 
62  und  82  können  nicht  dagegen  sprechen,  wie  Müllenh.  HZ.  11,  382 
glaubt:  1  Reimstab  im  1.  Verse  genügt: 
ni  uueiz  mi  huuiü  puoze, 
sär  verit  si  za  uuize. 
Zossan  sih  ar  dero  hleuuo  vazzon, 

schal  irao  avar  sin  ?ip  piqueman. 
Freilich  darf  man  lossan  nicht  streichen,  wie  MS.  in  den  Denkm.  —  ein 
Reimstab  fällt  auch  in  .30  weg ;  dafür  gewinnen  wir  einen  neuen  in  7. 
Bei  diesem  imzweifelhaft  alterthümlichen  Stand  der  Allitteration   muss 


ZUM  MUSPILLI.  \  123 

CS  nun  sehr  auffallen,  daß  plötzlich  2  Verse,  61,  62,  mit  unbestreitbar 
beabsichtigtem  Endreim  begegnen. Nur  der  zweite  allitteriert daneben 
noch  =  uueiz  :  uiüze,  was  aber  bei  der  deutlichen  Absicht,  eine  Reim- 
strophe nach  Art  Otfrieds  zu  bilden,  nicht  in  Betracht  kommen  kann, 
wenn  auch  nicht  mit  Hofmann  aus  dem  Grunde,  weil  uuize  an  falscher 
Stelle  stünde  (vgl.  Vs.  58,  59.  Hildebr.  40.  60).  Endreime  ohne  AlHtt. 
sind  aber  überall  Merkmale  späterer  Bearbeitung.  Und  für  später  er- 
klären denn  diese  beiden  Verse  auch  aus  Gründen  des  Inhalts,  auf  die 
wir  unten  kommen  werden,  übereinstimmend  Bartsch,  Feifalik,  Müllen- 
hoff  in  den  Dkm.  und  (nach  Zarncke's  Vertheidigung  der  Einheit) 
Hofmann. 

Das  Ergebniss  unserer  ersten  Anforderung  an  ein  einheitliches 
Gedicht:  Richtigkeit  der  Allittcration,  ist  also:  das  Gedicht  hat  jüngere 
Verse,  es  zeigt  Spuren  einer  späteren  Bearbeitung. 

2.  Zweitens  verlangt  mau  von  einem  einheitlichen  Gedicht,  daß 
es  keine  Widersprüche  enthalte.  Haben  Avir  also  oben  Entstellung 
der  alten  Gestalt  vermuthen  müssen,  so  werden  wir  diese  anzunehmen 
doppelt  geneigt  sein,  da  wo  sich  einzelne  Züge  widersprechen.  Das  Letz- 
tere aber  war  es,  was  mir  vor  mehreren  Jahren  beim  ersten  eingehen- 
deren Lesen  des  Gedichtes  auffiel,  und  wovon  ausgehend  ich  schon 
damals  mit  der  ganzen  Litteratur  über  Muspilli  noch  völligunbekannt, 
wesentlich  dieselben  Umstellungen  vornahm,  die  ich  unten  darlegen 
werde,  —  indem  ich  mir  dazu  bemerkte:  „Im  ersten  Theile  (bis  Vs.  30) 
ist  nur  von  dem  Gericht  über  die  einzelne  Seele  die  Rede,  im  zwei- 
ten vom  allgemeinen  Weltgericht;  im  ersten  ist  das  Urtheil  über  die 
Seele  —  oder  vielmehr  die  gewaltsame  Entscheidung  durchs  Faust- 
recht —  bereits  vollendet,  Lohn  und  Strafe  vollzogen^  im  zweiten 
findet  noch  einmal  am  Ende  der  Tage,  nach  Untergang  der  Welt, 
ein  gi'oßer  Gerichtstag  und  regelrechter  Prozeß  statt. 

Ich  schied  daher  Vs.  1 — 30  als  ein  besonderes  Gedicht  ab,  ließ 
mit  daz  hortih  rahhon  ein  neues 'Gedicht  beginnen,  und  zugleich,  der 
besseren  logischen  Aufeinanderfolge  wegen  die  Verse  so  denne  der 
mahttgo  khuninc  bis  Iduuerhot  hajjeta  der  Beschreibung  des  Kampfes 
nachfolgen. 

Ganz  ähnlich  fand  ich  nun  auch  bei  Bartsch  (a.  a.  O.  12  ff.) 
mit  daz  hortih  rahhon  ein  zweites  Gedicht  begonnen  (Vs.  37—62), 
und  mit  so  denne  der  m.  k.  sogar  ein  drittes  (31  —  36,  und  63  bis 
Ende).  Bartsch  stützt  sich  auf  die  epische  Eingangsformel  Vs.  37,  auf 
den  besseren  Anschluß  der  Theile  und  auf  die  bemerkte  Unverein- 
barkeit der  beiden  Urtheile  über  die  Seele.  Zugleich  findet  er  im  gan- 


124  FERDINAND   VETTER 

zen  Gedichte  heidnische  Elemente,  und  hebt  von  den  3  Liedern  na- 
mentHch  das  zweite  als  dasjenige  heraus,  das  „am  meisten  den  unver- 
änderten mythologischen  Charakter  trage."  Heidnischen  Ursprung  gibt 
diesem  Abschnitt  auch  Feifalik  und  verlangt  deswegen  seine  Aus- 
scheidung. 

Nun  weist  aber  Zarncke  a.  a.  0.  schlagend  nach,  nicht  nur, 
daß  sich  fast  sämratliche  als  heidnisch  gefasste  Züge  aus  christliehen 
Quellen  herleiten  lassen,  sondern  daß  namentlich  auch  die  zwei  ver- 
schiedenen scheinbar  sich  ausschließenden  Gedichte  schon  eine  kirch- 
liche Überlieferung  sind  und  zur  Trennung  des  Gedichtes  keinen 
Anlaß  geben  können. 

Feifalik's  und  Bartsch's  Gründe  zur  Zerlegung  in  einen  christli- 
chen und  einen  heidnischen  Bestandtheil,  bezw.  in  drei  verschiedene 
heidnische  Mythen,  fallen  hiemit  dahin:  der  Inhalt  an  sich  berechtigt 
uns  zu  keiner  Zerlegung. 

Ferner  steht  durch  Zarncke's  Nachweisungen  fest^  daß  die  da- 
malige Kirchenlehre  wirklich  zwei  verschiedene  Gerichte  annahm,  daß 
sie  dann  aber  den  darin  liegenden  Widerspruch  in  der  Ausbil- 
dung des  Dogmas  eifrigst  zu  heben  bemüht  war  (indem  sie 
namentlich  durch  die  Theiluahme  des  Leibes  und  die  Steigerung  des 
Lohn-  und  Strafzustandes  beim  zweiten  Gericht,  diesem  zulegte,  was 
sie  dem  ersten  entzog). 

Daß  aber  in  einem  Gedicht,  wo  doch  die  Einheit  oberstes  Gesetz 
ist,  dieser  Widerspruch  sich  findet,  ohne  irgend  einen  Versuch,  ihn 
zu  glätten,  vielmehr  noch  recht  in  aller  Schroffheit  hingestellt,  dürfte 
denn  doch  auffiillen. 

Die  von  Zarncke  dargelegten  Ansichten  der  Kirchenlehrer  und 
ihre  Versuche,  die  doppelte  Entscheidung  über  die  Seele  zu  erklären, 
zerfallen  dem  Wesen  der  Sache  nach  in  zwei  Gruppen. 

Entweder  findet  nur  ein  Gericht  statt,  am  jüngsten  Tage.  So 
Cyrill  von  Alexandrien,  Gregor  von  Nyssa,  Ephräm  der  Syrer.  Vor- 
her geht  eine  Art  Seelenschlaf  oder  Unthätigkeit,  oder  ein  indifieren- 
ter  Aufenthalt  der  Seelen  an  zwei  geschiedenen  Orten  je  nach  ihrer 
Natur,  nicht  aber  nach  einem  Richterspruche    (Lactanz,  Eustratius)  *). 

Oder  es  finden  zwei  Gerichte  statt,  eines  gleich  beim  Tode  des 


*)  Vgl.  namentl.  von  den  Stellen  bei  Zarncke:  Lactant.  div.  inst.  VII.  21: 
Nee  tarnen  quisquam  putet  animas  post  mortem  protinus  judicari;  und  EvatQKxCov 
,loyds  ävuxQfmiv.öq  bei  Leo  AUatius  de  utriusque  ecclesise  perpetua  in  dogmate  de 
purgatorio  consensione  p.  531.  538. 


ZUM  MUSPILLI.  125 

einzelnen  Menschen,  wenn  Seele  und  Leib  sich  scheiden,  ein  zweites 
am  jüngsten  Tage.  Nach  den  älteren  Kirchenvätern  kommen  dabei 
durch  das  erste  Gericht  die  Frommen  in  den  aumuthigen,  hellen  Theil 
der  Unterwelt  (des  aörjg,  ccßvGöos)  '•  in  den  nagadeiöos  oder  xoljtog 
^ Aßgaä^i,  die  obere  (nach  Hippolyt  rechts  gelegene)  Unterwelt,  das 
infernum  superius,  die  Bösen  in  die  dunkle,  untere  (links  gelegene), 
das  infei'num  inferius,  in  der  Nähe  der  Hölle  *) ;  durch  das  zweite 
werden  sie  dann  in  Himmel  und  Hölle  aufgenommen.  So  namentlich 
Hippolyt,  Justinus  Martyr,  Hieronymus,  Augustin,  Isidor.  Die  Spätem 
erhöhen  die  Competenz  des  ersten  Gerichtes  und  lassen,  der  Zeitten- 
denz entsprechend,  die  Seelen  der  Guten  sogleich  in  den  Himmel,  die 
der  Bösen  in  die  Hölle  eingehen,  durch  das  zweite  Gericht  aber  nur 
noch  Erhöhung  von  Seligkeit  und  Qual  empfangen,  woran  nun  auch 
der  Leib  theilnimmt.  So  namentlich  Gregor  d.  Gr.  und  Beda,  dessen 
großer  Einfluß  auf  die  spätere  Eschatologie  bekannt  ist**).  (Wacker- 
nagel, Basler  Handschriften  S.  21.) 

Auf  diesem  letzteren  Standpunkte  Gregor's  imd  Beda's,  w^o  das 
ganze  Schicksal  der  Seele  vom  ersten  Gericht,  von  der  Entscheidung 
in  der  Sterbestunde  abhängt,  steht  nun  auch  die  Schilderung  der  Vor- 
gänge beim  Tode  im  Muspilli.  Die  Seele  des  Guten  nehmen  sogleich 
beim  Scheiden  Engel  in  Empfang  und 

pringent  sia  sär 

üf  in  himilo  rihhi; 
sie  erhält  pü  in  pardtsü,  hüs  in  Mmile\  die  des  Bösen  aber   leiten  die 
Teufel  sär,  sogleich 

dar  iru  leit  uuirdit, 

in  fuir  enti  in  finstri, 
und  beide  Orte  werden  denn  auch  ganz  mit  denselben  Farben  ge- 
schildei't  wie  sonst  der  definitive  Lohn-  und  Qualort,  so  daß  eine 
Steigerung  durch  das  jüngste  Gericht  kaum  noch  denkbar  wäre,  wenn 
nicht  dann  noch  der  Lohn  und  die  Strafe  am  Leibe  dazu  käme.  — 
Demgemäß  mußte  nun  unser  Dichter,  wo  er  zur  Auferstehung  des 
Leibes  imd  zum  Weltgerichte  kommt,  etwa  so  sagen:  Engel  wecken 
die  Völker  zum  Gericht;  die  Seelen  kommen  aus  Himmel  und  Hölle 
heran,  wo  sie  die  oben  beschriebene  Belohnung  und  Bestrafung  em- 
pfangen haben;  sie  ziehen  ihre  Leiber  wieder    an;    Jeder    muß    seine 


*)  Bes.  Hippolyt,  opp.  ed  Fabricius,  Hamb.  1716,  I.  220  ff. 
**)  Bes.  Giegorii  M.  Dialogi  IV,    25,    und    die  Vision    des    Northumbriers  bei 
Beda,  ed.  Gilet  III.  200  tf   von  Zarncke  theilweise  angeführt.  S.  201. 


12G  FERDINAND   VETTER 

Sünden  bekennen  und  geht  danach  zur  höchsten  Sehgkeit  oder  Qual 
ein.  Aber  das  Muspilli  erwähnt  mit  keinem  Wort  der  früheren  Ent- 
scheidung, der  verschiedenen  Aufenthaltsorte  der  Seelen,  die  es  doch 
eben  geschildert:  Die  Menschen  stehen  auf  aus  dem  Staube,  lösen 
sich  aus  des  Grabes  Belastung,  erhalten  wieder  ihr  Leben  (Up)  und 
ängstigen  sich  nun,  wohin  wohl  der  Spruch  des  Weltrichters  sie  ver- 
setzen  werde.  Keine  Steigerung  eines  früheren  Zustandes,  überhaupt 
kein  Bezug  darauf:  dieser  ist  einfach  ignoriert. 

Sehen  wir  zu,  wo  sich  gleichzeitig  und  später  die  Vorstellung 
vom  doppelten  Gericht  noch  ausgesprochen  findet  und  wie  da  die 
Auferstehung  geschildert  ist. 

Unserem  Gedichte  der  Zeit  nach  zunächst  mögen  wohl  die  an- 
gelsächsischen über  denselben  Gegenstand  stehen.  Die  Angelsachsen 
nahmen  auch  wie  Beda  eine  Entscheidung  über  die  Seele  gleich  nach 
dem  Tode  an  und  bildeten  diese  Ansicht  mit  Vorliebe  aus.  Vgl. 
Judith  112  ff.:  Holoferues  kommt  sogleich  nach  dem  tödtlichen  Stx'eich 
in  die  Hölle,  den  W \xrm&a.a\  (vyrmsele) : 

lag  se  füla  leäp  syctctan  asfre, 

gesne  be  äftan,  vyrmum  bevuuden, 

g£est  ellor  Jwearf  vitum  gebunden, 

under  nevvelne  näs  hearde  gehäfted 

and  |ja3r  genycterad  väs,  in  helle  bryne 

süsle  gesEßled  äfter  hinside. 
Phönix  484  flf.: 

od  p'At  ende  cymed  snüde  sendaä 
dogorrimes,  sävlum  hinumene 

]>onne  deäd  nimed Isene  lichoman, 

ealdor  änra  geliväs,  })3er  hi  longe  beöd 

and  in  eordan  fädm  ort  fyres  cyme 

foldan  bij^eahte. 

Crist  1667  ff.  (Abschied  der  Seele  vom  Körper)  i 
ofgiefed  hiö  ]3äs  eordan  vynne, 
forlseted  })äs  Isenan  dreamas 

and  hiö  vid  jiam  lice  gedseled, 
und  der  Engel  spricht  zu  ihr  (1673  ff.); 
Vegas  J)e  sindon  rede 
and  vuldres  leöht 
torht  ontyned: 

eart  nu  tidfara 
to  pam  hälgan  häml 
Also  ganz  dieselbe  Vorstellung  wie  im  Anfang  des  Muspilli:  die 


ZUM  MUSPILLI.  127 

Seele  wird  sogleich  zur  Seligkeit  oder  Verdammniss  abgeholt;  —  noch 
näher  ist  die  Uebereinstimmung,  wo  ein  wirklicher  Kampf  von  Engeln 
und  Teufeln  stattfindet,  wie  in  Älfrics  Homil.  II.  334  ff.,  wovon  unten. 
—  Demgemäß  lesen  wir  denn  aber  auch^  ganz  entsprechend  dieser 
Trennung  von  Seele  und  Leib: 

Domes  däg  102:  beod  j^onne  gegädrad 
gsest  and  bänsele, 
..     ,:  gesomnad  to  |)äm  side;  :, 

in  demselben  Crist,  in  dem  der  Tod  so  beschrieben  war,  wie  wir  eben 
sahen,  kommen  beim  Schall  der  Posaune  die  auferweckten  Menschen 
(889)  als  Engel  und  Teufel,  weiß  und  schwarz,  vor  Gericht,  je  nach- 
dem ihr  bisheriger  Aufenthalt  beschaffen  war: 

895  &.  par  gemengde  beöd  hvitra  and  sveartra, 

onhcrlo  geläc  .  svä  him  is  häm  sceapen 

engla  and  deöfla  '  ungeliee 

beorhtra  and  blacra ;  englum  and  deoflum. 

veordeit  bega  cyme  "  i     ,  :      r 

und  ebenda  1028  ist  der  Vorgang  der  Auferstehung  näher  so  be- 
schrieben: 

}5onne  call  hrade  (sceal)  leocfum  onfon 

Adames  cynu  and  lichoman 

onfehd  flcesce  ....  edgeong  vesan. 

auch  der  Phönix,  aus  dem  wir  oben  484  ff.  verglichen  haben,  lässt 
demgemäß  beim  Gericht  513  leomu  Hc  somod  and  lifes  gcest  sich  wie- 
der vereinigen;  519:  gcestas  hveorfad  in  hänfatti'  vgl.  523.  584,  sowie 
Ileliahd  p.  125  bei  der  Auferweckung  des  Lazarus. 

Ebenso  denn  auch  im  Linzer  Entekrist,  Fundgr.  2,   130,  25: 

Sa  ze  der  stunde  gehifin  Jiant  wnz  dar, 

von  der  engil  munde  .  mit  ouh  die  got  in  siner  hticare 

dizint  diu  hörn  dicke.        :^  .  vil  seone  hehaltin  hat 

in  aime  ouginblickc  oder  svi  iz  umbe  si  stat : 

irstaut  die  totin  alli,  die  sulu  irstan  algeliche 

heide  die  in  denn  hellewalle  mit  ganzim  libe  werliche. 

In  der  Görlitzer  Evangelienharmonie,  Fundgi*.  1,  201,  1 : 

so  choment  von  ehriste  di  toten  ai  wecchent, 

di  vier  ewangeliste,  so  sament  sich  eren 

daz  gebein  sich  chucchet,  lip  unde  sele. 

In  dem  Gedicht  von  den  15  Zeichen  H.  Z.  I.  117  dieselbe  Vor- 
stellung: in  Folge  dessen  stehen  Himmel  und  Hölle  leer  (dazu  noch 
mit  ausdrücklicher  und  hervorhebender  Berufung  auf  huoch): 


128  FERDINAND  VETTER 

251 :  an  dem  drizenden  tag  des  tages  stand  all  hdlwiz  leer, 

so  erstand  si  all  von  dem  grab.  und  daz  paradys, 

diu  greber  tuont  sich  uf,  daz  schaffet  krist  der  rieh, 

die  toten  rihtnt  sich  darus.  so  kumt  denn  mit  vollaist 

diu  buoch  sagent  uns  mssr:  iedlichen  sin  gaist. 

Nur  aus  der  Vorstellung  eines  Zwischenaufenthaltes  der  Seele  in 
Himmel  und  Hölle  und  der  Wiedervereinigung  von  Leib  und  Seele 
am  jüngsten  Tage  konnte  auch  das  vielbeliebte  Motiv  eines  Gesprä- 
ches der  den  Leichnam  besuchenden  Seele  erwachsen,  wie  es  uns 
zuerst  bei  den  Angelsachsen  begegnet:  auch  hier  ist  stets  die  Wie- 
dervereinigung der  seligen  oder  gequälten  Seele  mit  dem  Körper  das 
Bezeichnende  für  den  jüngsten  Tag :  Grein  I.  202 ,  98  (vorher  Vs.  4 
beim  Tode:  dsyndred  pä  syhhe,  pe  cer  samod  voeron,  Uc  and  sävle): 
Jjonne  rede  bid  svylcra  yrmda, 

dryhten  ät  pam  dorne  .  .  ,  svä  pu  unc  her  aer  scrife. 

sculon  vit  }3onne  ätsomne  204,159  forpan  vyt  beod  gegäderode 

siddan  brücan  ät  godes  dorne  etc. 

und  in   den   entsprechenden  lat.  und   deutschen  Gedichten:    Karajans 
Frühlingsgabe  1839: 

et  scio  prseterea  quod  sum  surrectura 
in  die  novissima,  tecumque  passura 
poenas  in  perpetuum  etc. 
doch  weis  ich  .... 
und  an  dem  jungesten  tage 
mit  dir  dan  mich  liden  clage,  u.  a. 
Rieger  in  Germ.  3,  401  b    (Darmstädter  Gespräch): 
des  mois  ich  in  pinen  beven  och!  da  vort  in  is  gein  sparen:     • 

bis  an  den  enxstelichen  dach  van  ewen  zu  ewen  moisen  wir  birnen 

dan  du  is  allis  hores  gewach,  des  in  kunnen  wir  neit  internen. 

und  dan  mois  ich  in  dich  varen. 
im  niederländischen  Van  der  Zielen   ende  van    den    lichame,    wo    die 
Seele  hi  den  vate  was  ghestaen  des  lichamen  daer  si  ute  ivas  ghegaen: 
(Blommaert  Theophilus  1836) 

dat  ic  hier  na  verrisen  sal,  daer  moet  ic  loerden  dijn  ghenoet, 

alse  God  sal  comen  doemen  al,  met  di  dan  doghen  pinen  groet. 

dan  comt  ierst  mijn  ongheval, 
dan  moet  ic  in  der  hellen  dal. 

Ueberall  also  finden  wir  die  Rückkehr  der  bis  dahin  getrennten 
Seele  in  den  Körper  ausdrücklich  erwähnt^  oft,  besonders  wo  dane- 
ben die  Trennung  der  beiden  beim  Tode  beschrieben  war,  mit  dem 
Beifügen,  daß  sie  aus  Himmel  oder  Hölle  kommt.  Unser  Gedicht  hatte 
aber  doppelten  Anlaß  zu  Beidem,  da  es  eben  noch  so  eingehend  den 


ZUM  MUSPILLI,  129 

Zwischenzustand  der  Seelen  in  Himmel  und  Hölle  geschildert  hatte 
(und  zwar  mit  der  äußersten  Schrofflieit)  und  an  dieser  Stelle  sich 
nothwendig  daran  zurückerinnern  musste.  Der  Dichter,  der  Vs.  8  bis 
17  gedichtet,  konnte  die  Auferstehung  nicht  anders  schildern,  als  oben 
Cynevulf  im  Crist  oder  der  Dichter  des  Entekrist  zum  Theil  ohne 
so  zwingenden  Anlaß  es  gethan  haben. 

Aber  er  begeht  nicht  bloß  diese  Unterlassungssünde,  er  wider- 
spricht sich  noch  recht  eigentlich;  denn  erstens  kann 

denne  scal  manno  gilih 

fona  deru  moltu  arsten, 

lossan  sih  ar  derö  hleuuö  vazzon, 

scal  imo  avar  sm  lip  piqueman 
unmöglich  anders  verstanden  werden,  als  daß  der  ganze  Mensch  mit 
Leib  und  Seele  im  Grabe  liegt  und  wieder  Leben  (Ivp)  bekommt  (oder 
sollte  lip,  was  mir  weniger  passend  scheint,  den  Körper  bedeuten, 
dann  wäre  es  erst  recht  die  Seele,  die  im  Grabe  liegt  und  die  allein 
unter  manno  gilih  und  imo  zu  verstehen  wäre);  zweitens  ist  die  Sorge 
vor  dem  Gericht  und  die  Ungewißheit  über  seinen  Ausgang  nach  der 
einen  oder  der  anderen  Seite  (65,  66,  94.)  gänzlich  undenkbar,  wenn 
es  sich  bloß  um  Erhöhung  des  bisherigen  Schicksals  und  um  Mit- 
theilnahme  des  Leibes  handelt,  und  vorher  schon  dieselbe  Sorge  beim 
ersten  Gericht  beschrieben  ist  (6);  drittens  ist  die  Ermahnung,  recht- 
schaffen zu  leben,  damit  man  das  große  Gericht  nicht  zu  fürchten 
brauche,  schlechterdings  unerträglich,  wenn  derselbe  rechtschaffene 
Wandel  (nach  20 — 21)  schon  die  günstige  Entscheidung  des  ersten 
Gerichtes  herbeigeführt  hat,  welche  ja  die  des  Weltgerichtes  in  sich 
schließt;  hat  man  durch  sein  Erdenleben  den  Himmel  verdient  oder 
verscherzt,  so  kann  keine  Ermahnung,  keine  Befolgung  oder  Nicht- 
befolgung  derselben  (wann  müsste  dieß  geschehen?)  die  Entscheidung 
des  Weltrichters  ändern. 

Alle  diese  indirecten  und  directen  Widersprüche  gestatten  uns 
zwei  Lösungen. 

Entweder  steht  der  zweite  Theil  unseres  Gedichtes  aufeinem  an- 
deren dogmatisc  hen  Standpunkte  als  der  erste,  aufeinem  ante- 
oder  doch  anti-Gregorianischen,  —  etwa  auf  dem  des  Cyrill  von  Alexan- 
drien,  wonach  kein  erstes  Gericht  stattfindet,  sondern  die  Seelen  bis 
zum  Weltgericht  im  Leibe  schlafen*); 


*)  Vgl.  Flügge,  Geschichte  des  Glaubens  an  Unsterblichkeit.  III.  216.  317  ff. 


130  FERDINAND   VETTER 

oder  der  Dicliter  des  zweiten  Theiles  hat  sich  die  Situationnicht 
klargemacht  —  das  musste  er  aber^  wenn  er  den  ersten  Theil  ge- 
dichtet —  und  folgt  einer  einfacheren,  vielleicht  im  Volke  umlaufen- 
den Ueberlieferung,  welche  ein  abgesondertes  Schicksal  der  Seele 
nicht  kennt. 

In  beiden  Fällen  aber  war  es  nicht  derselbe   Dichter. 

Dies  also  das  Resultat  unserer  zweiten  Anforderung  an  ein  ein- 
heitliches Gedicht:  keine  Widersprüche! 

Drittens  verlangt  man  von  einem  einheitlichen  Gedicht  logisch 
richtige  Aufeinanderfolge  der  Theil e. 

Diese  Forderung  berührt  unser  zweites  Gedicht.  Schon  Bartsch 
Feifalik,  Müllenhoff  sind,  wie  bemerkt,  darin  einig,  daß  es  diese  nicht 
erfülle,  und  ich  kann  kurz  sein  in  der  Darlegung  meiner  schon  vor 
mehreren  Jahren  selbständig  angenommenen  Umstellung.  Unser  zwei- 
tes Gedicht  zeigt  folgende  Theile: 

1.  Weltgericht  und  Rechenschaft  (31 — 36); 

2.  Kampf  des  Elias  mit  dem  Antichrist,  Weltbrand  und  Weltunter- 
gang (37 — 56),  mit  Nutzanwendung  (56 — 62),  welche  den  Übergang 
bildet  zur  Wiederaufiaahme  der  Schilderung  von 

3.  Weltgericht  und  Rechenschaft  (63  bis  Ende). 

'  Aber  Theil  2  steht  ganz  unvermittelt  hinter  1  und  hebt  ganz 
wie  von  Neuem  an:  daz  hortih  rahhon  d.  uu.  1  und  3  gehören  ihrem 
Inhalte  nach  zusammen  und  der  Weltbrand  und  Weltuntergang  in  2 
kann  nicht  zwischen  das  Gericht  hineinfallen,  sondern  muss  ihm  vor- 
angehen. Der  Übergang  von  2  zu  3  ist  ein  sehr  gezwungener.  — 
Logisch  und  historisch  viel  richtiger  ist  folgende  Umstellung: 

1.  Kampf  des  Elias  mit  dem  Antichrist,  daraus  folgend  der 
Weltbrand  und  AVeltuntergang :  Vs.   37 — 57. 

2.  Diesem  historisch  folgend:  Weltgericht  und  Rechenschaft: 
Vs.  31 — 36  und  63  bis  Ende. 

Hiebei  fallen  die  Übergangsverse  58 — 62  aus^  von  denen  zwei 
sich  durch  den  Reim  (s.  oben)  als  später  kennzeichneten^  und  die 
(s.  unten)  ein  persönlich  gefärbtes  lückenfüllendes  Machwerk  des 
Schreibers  zu  sein  scheinen.  Daß  durch  ihre  Wegreissung  vom  Folgen- 
den (bezw.  Streichung)  die  Ermahnungsreden  armseliger  und  einsei- 
tiger werden  sollten  (Zarncke  226),  sehe  ich  nicht  ein :  der  Mahnung 
an  die  Richter  braucht  nicht  eine  an  die  streitenden  Parteien  zu  ent- 
sprechen; jene  konnte  sich  ganz  ungezwungen,  ohne  einen  Gegensatz 
zu  haben,  an  die  Schilderung  des  Gerichtes  anschließen  —  ans  himm- 
lische Gericht  eine  Empfehlung   der  Tugenden  des  irdischen   Gerich- 


ZUM  MUSPILLI.  131 

tes  —  es  mochte  dem  Dichter  Matth.  7,  1,  2  im  Gedächtniss  liegen: 
[17]  XQLVsrs,  Xva  fi^  xgtd'rjts.  ev  a  yccQ  xQi^ian  xqCvszb^  XQi&rjösö&s 
xal  elf  (p  [lirga  [isrQstts,  avtcfiETQrjd^rjösrac  vfitv.  Daß  sich  beide 
Ermahmingen  an  die  Streitenden  und  die  Richter  nicht  entsprechen 
konnten,  zeigt  wohl  auch  die  verhältnissmäßige  Kürze  der  ersteren: 
diese  sollte  eben  nur  so  gut  als  möglich  vom  Weltbrand  zur  Ermah- 
nung der  Richter  überleiten.  —  Der  Anschluss  von  63  an  36  ist  ganz 
ungezwungen;  aber  er  wird  es  wohl  kaum  dadurch;,  daß  man  unter 
mahal  63  ein  anderes  Gericht  versteht  als  in  Vs.  34  und  31,  wie 
Müllenhoff  will,  nämlich  das  „gewöhnlich  irdisch-bürgerliche"  (Zarncke 
bemerkt  mit  Recht,  daß  die  beiden  verschiedenen  mahal  so  unmittel- 
bar neben  einander  völlig  unerträglich  wären),  sondern  geradezu  um- 
gekehrt durch  die  Auffassung  als  himmlisches  Gericht  wie  34  und  31, 
und  suona  65,  mit  Beibehaltung  des  unnöthig  gestrichenen  Artikels 
demo :  daß  der  Manu  jegliche  Sache  recht  richte,  das  kommt  ihm  zu 
statten,  wenn  er  zum  jüngsten  Gericht  kommt:  dann  braucht  er  nicht 
zu  sorgen^  wenn  er  zur  Entscheidung  kommt  —  ich  wüßte  nichts 
was  dagegen  zu  erinnern  wäre. 

Die  Resultate  der  drei  gestellten  Anforderungen  sind  also: 

1.  Das  Gedicht  hat  eine  Bearbeitung  erfahren. 

2.  Der  Theil  vom  Antichrist  und  Weltgericht  und  derjenige  vom 
Tod  und  der  Vergeltung  sind  nicht  von  demselben  Dichter  verfaßt. 

3.  Der  zweite  Theil  ist  in  Unordnung  und  bedarf  der  angege- 
benen Umstellungen  und  Streichungen. 

Demgemäß  halten  wir  uns  für  berechtigt 
auf  Grund  von  1  (und  3):   Vs.  58 — 62  zu  streichen, 
auf  Grund  von  2  (und  1):  hinter  Vs.  30  unser  Denkmal  in  zwei 
selbständige  Gedichte  abzutheilen. 

Für  eine  verschiedene  Ahfassungszeit  finde  ich  keine  ganz  entscheidenden 
spraclilichen  Anhaltspunkte;  si«  sind  nicht  zu  erwarten  bei  dem  geringen  Umfang 
der  Stücke,  und  die  spätere  gemeinsame  Aufzeichnung  hätte  wohl  das  Meiste  ver- 
wischt. Die  Durchführung  des  anlautenden  hl  und  huu  ist  (s.  oben)  in  beiden  zu- 
lässig; nöthig  jedoch  nur  im  zweiten.  Die  Wörter  rauor  53  (Notker  hat  noch 
sahmuorre),  stiiatago  55  (sonst  nur  vb.  stuen)  des  zweiten  sind  UTta^  XsyofiSVCC 
(Graff) ;  doch  lassen  himilzungal  (im  9.  Jahi-hundert  nicht  mehr  vorkommend 
(Graff"  Sprachsch.  5,  683),  das  halbgothische  (Zaz?,  dari  (nach  Hoffmann  stand 
vielleicht  auch  86  deri)  auch  das  erste  nicht  zu  spät  ansetzen;  es  muß  auch 
schon  zu  Otfrieds  Zeit,  der  es  benutzt  (thär  ist  lih  uno  tod,  Höht  äno  finstri,!,  18), 
ziemlich  bekannt  gewesen  sein.  —  Dagegen  scheint  es  entschieden  für  spätere 
Entstehung  zu  sprechen,  wenn  der  erste  Theil  in  didaktischer  Schilderung  ein 
einzelnes  Factum  giebt,  während  die  zweite  Handlung  in  epischem  Fortschritt  er- 
zählt,  —  wenn  ferner  der  erste  eine  längere  Didaxis  an  einen  epischen  Eingang 


132  FERDINAND   VETTEE 

knüpft  (vgl,  Otfrieds  Mystice  und  Moraliter),  während  der  zweite  nur  sehr  selten 
eine  kurze  Ermahnung  einmischt:  vgl.  Wackcrnagel,  Littgsch.  S.  269,  Anm.  1., 
das  Hildebrandslied  zeigt  erst  einen  einzigen  Spruch.  —  Auch  hat  das  zweite 
einige  schwache  Erinnerungen  ans  Heidenthum  bewahrt  (s.  unten). 

Die  beiden  Gedichte  können  übrigens  schon  früh  in  Vortrag  und  Aufzeich- 
nung vereinigt  gewesen  sein ;  das  zweite,  mehr  volksmäßig  gehaltene,  war  ohne 
Zweifel  sehr  bekannt  und  konnte  sich  leicht  aus  dem  Gedächtniss  dem  ersten  an- 
schließen —  ohne  daß  man  die  Widersprüche  beachtete,  —  oder  aber  einen 
Geistlichen  zu  einer  mehr  orthodoxen  dogmatischen  Einleitung  veranlassen. 
Auf  Grund  von  3  (und  1):  das  zweite  Gedicht  mit  Vs.  37 
daz  hortih  rahhön 

diä  uueroltrehtuuison 
"beginnen  zu  lassen,  also  echt  episch  mit  Berufung  auf  fremde  Quelle 
(vgl.  bei  den  altern  geistlichen  Dichtungen;  Wessobr.  G. :  dat  gaf regln 
ih.  Hei:  tho  gifragn  ik,  thär  gifragn  ik,  so  gifragn  ik.  Cynev.  gi fragil 
ic  pä  an  v.  O.;  spcätere  Berufung  auf  Bücher:  Otf)\  then  buahhon 
mäht  thar  uuarten:  Cyn.  us  secgact  hec  u.  a.)  und  die  Theile  wie  oben 
angegeben  zu  ordnen:  37 — 57,  31  —  36,  63  bis  Ende;  Kampf  des  Elias 
—  Weltuntergang  —  Weltgericht,  endlich,  wenn,  nach  Wackernagels 
kaum  zu  beweisender^  aber  sehr  ansprechender  Vermuthuug  das  Bruch- 
stück vom  jüngsten  Gericht^  Fundgr.  II,  135.  Wackern.  Leseb.  I. 
153,  die  Fortsetzung  unseres  Gedichtes  war  *) ,  zum  Abschluß  noch 
die  Seligkeit  der  Guten  und  die  Qual  der  Bösen.  Wir  hätten  damit 
die  gesammte  altdeutsche  Eschatologie  in  einem  Liede  ver- 
einigt vor  uns,  vor  welchem  die  Verse  1 — 30  ganz  störend  und 
widersprechend  wären. 

Dieses  ursprüngliche  zweite  Gedicht  umfaßte  also  die  Verse 
31  bis  57,  31—36,  63  bis  Ende,  das  erste  Vs.  1—30. 

Alle  diese  Entstellungen  der  ursprünglichen  Gestalt  der  Gedichte 
dürften  sich  leicht  so  erklären : 

Ludwig  der  Deutsche  (Schmeller,  Musp.  p.  6,  undWackernagel^ 
Littgesch.  §.  29)  oder  wer  sonst  mit  des  Alters  irrendem  Gedächtniss 
diese  Lieder  aufzeichnete,  hatte  beide  schon  als  Ganzes  in  der  Erin- 
nerung und  schrieb  zuerst  das  (jüngere?)  vollständig  auf  (außer  dem 
Anfang,  der  ihm  entfallen  sein  mochte,  wenn  das  nicht  Fehler  des 
Handschriftblattes  ist)  (Vs.  1 — 30).  Sodann  fielen  ihm  von  dem  zwei- 
ten zuerst  die  Verse  so  denne  der  mahtigo    khuninc  (31)  ff.    ein  und  er 


*)  Es  schließt  gerade  da  an,  wo  unsere  Handschrift  abbricht:  beim  Voran- 
tragen des  Kreuzes  und  Vorzeigen  der  Wunden;  dann  folgt  die  Eröffnung  der  Bü- 
cher (vgl.  Musp.  69  in  niovu).  Kömite  es  vielleicht  gerade  Ueberarbeitung  des  fol- 
genden uns  verlornen  Blattes  der  IIs.  sein? 


ZUM  MUSPILLI.  133 

schrieb  sie  (mit  großer  Initiale !)  nieder,  bis  ihn  das  kiuuerJcot  hapeta 
(36)  an  den  ähnlichen  Schluß  des  ersten  Liedes  {öfter  ni  uuerkota) 
gemahnte,  dem  er  die  Anfangsverse  des  zweiten  {daz  hortih  rahhon) 
folgen  zu  lassen  gewohnt  war.  Er  schreibt  daher  unbeirrt  so  weiter 
(37  ff.);  hinter  57  etwa  fühlt  er  aber  die  Lücke,  die  jetzt  durch  Vor- 
wegnahme der  Verse  vom  Ansagen  des  Gerichtes  und  der  Rechen- 
schaft (31  — 36)  entstehen  muß  bis  zur  Schilderung  derselben ;  er  füllt 
sie  aus  so  gut  es  geht  und  bringt  einen  leidlichen  Übergang  zu 
Stande,  wobei  er  ausspricht,  was  eben  sein  Herz  am  nächsten  bewe- 
gen musste:  eine  wehmüthige  Betrachtung  über  den  Streit  von  Bluts- 
verwandten, das  Unglück  seines  Lebens;  neben  dieser  für  den  Styl 
des  Ganzen  wenig  passenden  Specialisierung  fließt  als  Merkmal  der 
Posthumität  bereits  eine  ganze  regelrechte  Reimstrophe  dem  Zeitge- 
nossen Otfrieds  in  die  Feder  (61,  62)*).  Dann  nimmt  er  das  ursprüng- 
liche Gedicht  (63  ff.)  wieder  auf  und  bringt  es  völlig  zu  Ende. 

[Viel  unwahrscheinlichei-  als  diese  leicht  erklärliche  Verschiebung  scheint 
mir  die  Annahme,  daß  Vs.  37 — 62  ein  Zusatz  des  Bearbeiters  sei,  welcher 
„die  dem  Weltgericht  vorangehenden  Ereignisse,  die  in  dem  älteren  Gedicht  über- 
gangen waren,  schildern  wollte,  aber  mit  seinem  Zusatz  an  die  falsche  Stelle  ge- 
rieth,"  wie  Müllenhoff  Dkm.  261  darzutlmn  sucht,  der  hier  auch  die  Zusammen- 
gehörigkeit von  36  und  63  anerkennt.  Der  Verfasser  eines  so  trefflichen  lebendig 
bewegten  Stückes  wie  37  —  62  hätte  ihm  auch  die  richtige  Stelle  zu  geben  ge- 
wußt, anderseits  trägt  gerade  dieses  Stück  entschieden  das  alterthümlichste  Ge- 
präge und  ist  auch  poetisch  viel  besser  als  63 — 72,  was  auch  Müllenh.  a.  a.  0. 
zugibt.] 

Dies  Alles  festgestellt,  würden  sich  Theile  und  Gedankengang 
folgendermaßen  herstellen : 

1.  Gedicht:  Vom  Tode  und  der  Vergeltung.  ( 

(Episch-didaktisch^  jünger?) 

Vs.  1—30. 
„Dem  Menschen  ist  gesetzt  zu  sterben.  Die    Seele    verlässt    den 
Leib;  Himmels-  und  Höllenheer  streitet  um  sie.  Siegt  das  letztere,  so 

*)  Vielleicht  ist  auch  das  unrichtige  farprinnit  für  farprenuit  eine  Ungenauig- 
keit  späterer  Zeit:  vgl.  umgekehrt  das  Trans,  für  das  Intrans.  in  der  Sangallischen 
Rhetorik,  Hattemer  Denkm.  des  MA.  II,  577.  sin  bald  ellhi  ne  läzet  in  v  eil  in,  wo 
zur  Bestätigung  der  Ansicht  von  Haupt  (Müllenh.  u.  Seh.,  Dkm.  318),  daß  vellen  für 
Valien  mundartlich  thurgauisch  sei,  (wofür  im  12.  Jahrh.  der  Lanzelot,  im  14 — 15. 
die  Appenzeller  Eeimchronik  spricht),  auch  noch  der  Sprachgebrauch  des  heutigen 
Thurgauer  und  Schaffhauser  Dialects  gestellt  werden  kann,  in  dem  man  jetzt  noch 
kein  Fallen,  gefallen  hört,  sondern  nur  fella,  gfella.  Vgl.  das  allgemeine  schweize- 
rische heba  intr.  =  fest  sein,  dauern,  das  daneben  auch  als  Trans,  dient,  wofür 
mhd.  ebenfalls  stets  haben. 


134  FERDINAND  VETTEE 

kommt  sie  ins  ewige  Feuer,  im    anderen  Falle    ins  Himmelreich,    wo 
lauter  Leben  und  Seligkeit  ist. 

Moral  (18  ff.)  Deßlialb  tliue  der  Mensch  Gottes  Willen,  auf  daß 
er  nicht  in  die  Hölle  zum  Satan  komme.  Wehe  dem,  der  im  Höllen- 
feuer brennt:  Gott  erhört  seinen  Jammer  nicht." 

2.  Gedicht.  Vom  jüngsten  Gericht. 

(episch,  älter?) 

Vs.  31— bl.  31—36.  63  bis  Ende. 

„Das  habe  ich  vernommen  von  den  Weisen  dieser  Welt,  daß 
der  Antichrist  und  Elias  einst  mit  einander  kämpfen  werden.  EHas 
streitet  für  die  Frommen  ums  ewige  Leben,  von  den  himmlischen 
Mächten  unterstützt^  doch  soll  er,  nach  vieler  Meinung,  verwundet 
werden ;  der  Antichrist  kämpft  für  den  Satanas,  daher  wird  er  sieg- 
los. —  Von  des  Elias  auf  die  Erde  triefendem  Blute  entzündet  sich 
der  Weltbrand:  Berge,  Bäume,  Flüsse,  Meer,  Himmel,  Mond  werden 
vertilgt,  die  Welt  verbrennt,  so  daß  kein  Stein  stehen  bleibt;  dann 
naht  der  Gerichtstag  (stüatago)  im  Feuer  (55.)  —  Der  König  entbietet 
dazu  unter  Bann  (31  ff.),  und  alle  Menschen  müssen  vor  ihm  erschei- 
nen, um  Rechenschaft  zu  geben  über  ihre  Thaten.  Deßhalb  (63  ff.) 
sei  der  Mensch  gerecht  im  irdischen  Gericht,  so  kann  er  beim  himm- 
lischen ruhig  sein.  Denn  alle  Ungerechtigkeit,  alle  Bestechung  ver- 
zeichnet der  Teufel  in  ein  Buch.  —  Durch  ein  Hörn  angekündigt, 
fährt  der  Weltrichter  mit  seinem  Heer  zur  Gerichtsstätte;  Engel  wei- 
sen die  Völker  der  Erde  zum  Gericht  und  wecken  die  Todten  auf, 
die  sich  aus  dem  Staube  erheben  und  Leben  empfangen,  um  den 
Lohn  füi'  ihre  Thaten  zu  ernten.  Umringt  vom  himmlischen  Heere  und 
den  Guten,  sitzt  der  Herr  zu  Gericht.  Alle  AVeit  muß  erscheinen  und 
Alles  wird  offenbar,  ja  sogar  dmxh  die  Glieder  verrathen,  außer  was 
mit  Fasten  und  Almosen  gesülmt  ist.  Dann  wird  das  heilige  Kreuz 
herbeigetragen  und  der  Weltrichter  zeigt  seine  daran  erhaltenen 
Wunden. 

[Jetzt  (nach  dem  Bruchstücke  vom  jüngsten  Gericht)^  werden  die 
Bücher  vorgelesen,  doch  mit  Uebergehung  des  Gebeichteten;  die  Bö- 
sen schämen  sich,  die  Guten  frohlocken,  weil  ihnen  ihre  Sünden  ver- 
geben sind.  Die  Guten  werden  ins  Himmelreich  geladen,  die  Bösen 
ins  ewige  Feuer  geschickt;  sie  rufen  reuig  Gott  an,  aber  es  ist  zu 
spät;    auch    die    Guten    verweigern    ihnen,    als  Feinden  Gottes^  ihre 


ZUM  MUSPILLI.  135 

Hilfe.  So  gehts  zum  Scheiden  und  die  Bösen  jammern  in  eAviger 
Qual."] 

Dogmatisches. 
(Die  altgerman'sche  Esehatologie  und  das  Muspilli.) 

Wir  haben  diesem  Theil  unserer  Abhandlung  bereits  etwas  vor- 
greifen müssen,  wo  wir  die  Nothwendigkeit  der  Zerlegung  unseres 
Gedichtes  in  zwei  zu  begründen  suchten.  Doch  ist  es  vielleicht  nicht 
fruchtlos^  nachdem  Zarncke  die  Vorstellungen  des  Muspilli  aufwärts 
gegen  die  Quelle  hin  verfolgt  hat,  dieß  nun  auch  abwärts  und  seitwärts 
auf  dem  ganzen  germanischen  Boden  zu  thun  und  zugleich  von  eini- 
gen durch  Zarncke  weniger  berührten  Punkten  aus  eine  nachlesende 
Rundschau  thalauf  und  ab  zu  halten. 

Wir  werden  sehen,  was  in  Bezug  auf  die  letzten  Dinge  damali- 
ger Glaube  war,  und  werden  durch  Betrachtung  der  einschlagenden 
Producte  der  christlich-deutschen  Litteratur  die  Überzeugung  gewin- 
nen, daß  unser  Muspilli^  dem  Zarncke  bereits  den  Stammbaum  ge- 
macht hat,  auch  unter  diesen  nicht  als  ein  verwaistes  Kind  der  ver- 
storbenen heidnischen  Urgroßmutter,  sondern  als  freilich  älteres,  aber 
vollbürtiges  Glied  einer  weitverzweigten  und  uner- 
schöpflich fruchtbaren  Sippschaft  und  Mannschaft  dasteht. 

Die  Quellen  des  Muspilli  liegen  also  —  und  der  Nachweis  davon 
ist  wieder  Zarncke's  Verdienst  —  nicht  in  der  nordischen  Göttersage, 
sondern  in  der  christlichen  Kirchenlehre ;  als  diejenigen  unseres  ersten 
Gedichtes,  das  über  .         ,       .     „^ 

(I.)  Tod  und  Vergeltung 

handelt,  haben  wir  speciell  Gregor  und  Beda  gefunden.  Von  ihnen 
erst  gieng  die  dogmatisch  festgestellte  Lehre  vom  doppelten  Gericht 
und  von  einem  selbstbewußten  thätigen,  bereits  seligen  oder  unseligen 
Leben  der  Seele  im  Zwischenzustande  —  gegenüber  dem  indifferenten 
der  früheren  —  aus,  sowie  die  tendenziöse  Ausmalung  dieses  Zustan- 
des  und  seine  Steigerung  schon  fast  bis  zur  Höhe  der  wirklichen 
Himmelsfreuden  und  Höllenqualen. 

Den  Anlaß  zu  der  Annahme,  daß  sogleich  nach  dem  Tode  die 
Seele  zu  Lohn  oder  Strafe  eingehe,  gab  nach  Zarncke  zuerst  das 
Gleichniß  vom  reichen  Mann  und  armen  Lazarus.  Noch  entschiede- 
ner düi'fte  dafür  gesprochen  haben  das  Wort  Jesu  an  den  Schacher^ 
Luc.  23,  43:  '-r^ftjjv  /le'ycj  aot,  OrjfiSQOv  (lEtifioviöf]  iv  xä  TtagadstGcj. 


136  FERDINAND  VETTER 

Dieser  Ansicht  kam  bei  den  Germanen  entgegen,  daß  auch  nach 
deutschem  Glauben  die  Gestorbenen  sogleich  an  ihre  verschiedenen 
Aufenthaltsorte  (Valhöll  und  Niflheimr  im  Norden)  gelangten.  Darauf 
beruht  das  Amt  der  Valkyrien,  deren  psychagogische  Thätigkeit  sich 
früher  auf  alle  Todten  ohne  Unterschied  erstreckt  haben  mochte  (vgl. 
W.  Müller,  Geschichte  und  System  der  altdeutschen  Religion.  S.  405  fi.) 
darauf  die  Vorstellung  einer  langen  Todtenreise  und  daherige  Bestat- 
tungsgebräuche (a.  a.  O.  408),  darauf  anderseits  die  Schilderungen 
vom  Leben  der  Einherier  (Grimn.  18,  23.  Vafjsr.  41.  Gylfaginn.  2.  24. 
38 — 41).  Sigruns  Thränen  hindern  Helgi  am  Glücke  Vallhölls.  Bryn- 
hild,  um  mit  dem  todten  Geliebten  vereinigt  zu  sein,  will  hinter  ihm 
her  mit  großem  Gefolge  zu  Hei  fahren,  daß  nicht  die  Pforte  des 
Saales  dem  Fürsten  auf  die  Ferse  falle,  —  und  selbst  Baldr  muß 
den  Heiweg  reiten,  und  bleiben  bei  der  bleichen  Göttin,  da  der  Un- 
heilstifter in  Thöcks  Gestalt  die  Thränen  weigert  („Behalte  Hei  was 
sie  hat",  Gylfag.  49). 

Immer  aber  waren  diese  Zustände  nur  die  Fortsetzung  des  leib- 
lichen Erdenlebeus;  über  die  Art  und  Weise  des  Überganges  und  na- 
mentlich über  das  verschiedene  Schicksal  des  geistigen  und  leiblichen 
Theiles  der  menschlichen  Natur  zu  philosophieren,  lag  nicht  im  We- 
sen des  Heidenthums.  Desto  mehr  in  dem  der  Kirche,  und  zugleich 
in  deren  Interesse.  Anschließend  an  den  nationalen  Glauben  und  der 
Zeittendenz  wie  den  hierarchischen  und  materiellen  Bedürfnissen  ihres 
Standes  Rechnung  tragend,  sehen  wir  alle  Kirchenlehrer  deutscher 
Abkunft  dieser  Ansicht  vom  sofortigen  Selig-  und  Verdammt- 
werden der  Seele  huldigen. 

Aber  das  ergab  einen  Übelstand.  Waren  die  Menschen  beim 
Tode  schon  gerichtet,  so  verlor  das  jüngste  Gericht  seine  Bedeutung. 
Man  legte  nun  daher  ein  besonderes  Gewicht  darauf,  daß  die  Seele 
getrennt  vom  Körper  jene  Wonnen  und  Qualen  erfuhr,  und  stimmte 
meist  (in  unserem  Gedichte  allerdings  nicht,  eben  weil  der  Verf.  des  ersten 
Theiles  einen  undogmatischen  Standpunkt  einnimmt)  diese  auf  einen 
etwas  niedrigeren  Grad  herunter  ;dieWiedervereinigungvon  Leib 
und  Seele  (nach  Ezechiel  und  der  Apokalypse)  und  der  Übergang  zur 
höchstmöglichen  Seligkeit  und  Qual  durch  das  jüngste  Gericht  war 
dann  willkommen,  diesem  die  entzogene  Würde  wieder  zu  geben. 

Schon  Herzog  Radbod  zu  Ende  des  7.  Jahrhunderts  erhält  auf 
die  Frage,  wo  seine  tapferen  Vorfahren  sich  befinden,  die  Antwort: 
„in  der  Hölle."  Seither  sind  die  Dinge  nach  dem  Tode  und  insbeson- 
dere die  dunkeln  Probleme  der  Trennung  und  Wiedervereinigung  von 


ZUM   MUSPILLI.  137 

Leib  und  Seele,  welche  Allem  zu   Grunde    liegen,    ein    Haupttummel- 
platz  der  Thätigkeit  deutscher  Scholastik,  die  sich  hier  namentlich  iu 
Petrus  Lorabardus  (f   1164)    und    seinen    Comraentatoren    gipfelt.  Er 
und  Richard  von  Middletown  (in  librum  IV.  Sententiarum)  wissen  ein 
Langes  und  Breites,  zu  erzählen  über  das  Schicksal  des  von  der  Seele 
getrennten  Leibes  Christi   und    die    di'eifache    beim    Tode    aufgelöste 
unio  unica  von  Gottheit,  Seele  und    Leib,    sodann    über    die  Art  und 
Weise  der  Auferstehung  des  Leibes :  ob  auch  Mißgeburten  auferweckt 
werden,  ob  die  Leiber  warm  oder  kalt,  in    gleichem    Alter    und    glei- 
cher Größe  mit  ihren  früheren  Schwächen  wieder  ins  Leben  kommen, 
ob  alle  Glieder,  alle  Säfte  des  Körpers,  ob  Haare  und  Nägel  mit  auf- 
erstehen usw.  (zu  distinct.  44).  Besonders  populär  und  vei'breitet  wur- 
den ähnliche  Speculationen  durch  die  sog.  Elucidarii    (Lucidarii)  oder 
Elucidaria,  die  neben  theologischen  und  kosmologischen  Gegenständen 
ganz    besonders    gern  die  letzten  Dinge    behandelten.    Und  diese  letz- 
teren sehen  wir  denn  ganz  auf    demselben    dogmatischen    Grunde  ru- 
hen   wie  unser  Gedicht   und    finden    dieselben    Vorstellungen    wieder, 
nur  genauer  ausgeführt.  Aus  dem  IL  Jahrhundert   begegnet   uns   un- 
ter dem  Namen  des  Anselm  v.  Canterbury  (Elucidarium,  sive  dialogus 
summam  totius  Christianse  theologise  complectens,  in  Anselmi  Cantuar. 
opp.  Paris.  1721,  p.  457  ff.)*).  Der  Zwischenzustand    ist  ganz    beson- 
ders betont.  Ins  Paradies  (hierin  geht  er    also    weiter    als    Beda's  Vi- 
sion Hist.  eccl.  V,  12,  **)  kommen  nur  die   Seelen  der  Vollkommenen 
sofort  durch  den  Tod,  d.  h.  Derjenigen,    welche    mehr    gethan    haben 
als  geboten  war:  Märtyrer^  Mönche,  Jungfrauen.  Die  Gerechten  (justi) 
sodann  kommen  ins  irdische  Paradies,  vel  potius   in    aliquod    spiritale 
gaudium ;  denn    der  Geist  kann    an    keinem    körperlichen    Orte    sein. 
Die  unvollkommenen  Gerechten   (justi   imperfecti)    sind   in   amoenissi- 
rais  habitaculis;    durch  Fürbitte  und   Almosen    kommen   sie   noch   vor 
dem  Gerichtstag  iu  majorem  gloriam,  ut  omnes  post  Judicium  angelis 
consocientur.  Die  Seelen  der  electi  quibus  multum  deest  de    perfectione 
werden  den  Teufeln    eine    Zeit    lang    zur  Bestrafung    und  Reinigung 
übergeben,  zu  welchem  Zwecke  sie  einen  besondern  Körper  erhalten; 
durch  gute  Werke  können  sie  aber   nach    7^    nach    30    Tagen,    nach 
einem  Jahre  erlöst  werden.  Es  gibt  zwei    Höllen,    einen    internus    su- 


*)  Nach  C.  J.  Brandt  in:  Nordiske  Oldskrifter    VII.    pag.    V    ff,   ist    der   wirk- 
liche-Verfasser  Honorius  von  Autun,  zu  Anfang  des  12.  Jahrh. 

**)  Est  (paradisus)  in  intellectuali  coelo,  ubi  ipsa  üiviuitas,    qualis    est,  ab  eis 
facie  ad  faciem  contuetur.  lib.  .3  c.   1. 

OmniANTA.    N>iie  Keilu»    !V.   f XVI.) -'.I^r^.  ]0 


138  FERDINAND   VETTI^R 

perior  und  inferior,  im  ersteren  herrschen  varii  dolores,    im     letzteren 
das  unauslöschHche  Feuer  und  neun  Qualen,  nach  der  Zahl  der  neun 
Eugelchöre.   Im   obern   waren  die  Frommen  des    alten    Bundes,    doch 
ohne  Qual;  —  den  Bösen  aber,  die  sie  sahen,  schienen  sie    im  Para- 
dies zu  sein  (daher  die  Bitte  des  reichen  Mannes  an  Lazarus,  Luc.  16). 
Beim  jüngsten  Gerichte    finden    zwei    Auferstehungen    statt,    eine  der 
Seelen  imd  eine  der  Körper,  letztere    zu  Ostern,    —    hier    wirft    der 
Elucidarius  schon  nahezu  dieselben  Fragen  auf  wie  der  Magister  Sen- 
tentiarum.    —  Hier  finden  wir  auch  wieder  die   Vorstelluner,    die   man 
m  unserem  Gedichte  wiederholt  zu  einer  heidnischen  hat  machen  wol- 
len (so  J.  Grimm,  Mythologie  796  f.,  Bartsch,  Feifalik   a.  a.    0.,  Ka- 
rajan,  über  eine    bisher    unerklärte    Inschrift,    Wien    1865,  S.  17;  — 
vgl.  dagegen  Zarncke  a.  a.  O.  S.  202  ff.);  die  eines    Streites   um    die 
Seele,  oder  wenigstens    einer   sehr   gewaltsamen   Besitzergreiftmg   der- 
selben durch  die  Teufel:  lib.  3.  c.  4.  cum  mali  in  extremis    sunt,  dse- 
mones  maximo  strepitu  conglobati  veniunt,  aspectu  horribiles,  gestibus 
terribiles,  qui  animam  cum  pervalido   tormento    de    corpore   excutiunt, 
et  crudeliter  ad  inferni  claustra  pertrahunt. 

Die  Vorstellungen  dieses  Elucidarius,    welche    im    Wesentlichen 
auch  die  unseres  Gedichtes  sind,  wurden  bei  der  Beliebtheit    des   Bu- 
ches, die  ja    bis  heute  fortdauert,  maßgebend  für  die  spätere  Zeit.  In 
Deutschland  zeigt  seit  dem  elften    jedes  Jahrhundert   eine    oder   meh- 
rere Bearbeitungen    (vgl.    Wackernagel,    Basler    Handschr.    S.   19  ff.). 
Bei  den  Angelsachsen,  wo    das    ganze    Lehrgebäude    mit    besonderer 
Vorliebe  scheint  ausgebildet  worden  zu  sein,  finden  wir  sehr  früh  we- 
nigstens einzelne  Ideen   desselben    herausgegriffen    und   besonders    be- 
handelt, was  uns  denn  bald  auch  in  den  übrigen  Litteraturen,   beson- 
ders wieder  in  der  deutschen,  häufig  begegnet   (s.  unten).    Der    scan- 
dinavische  Norden  hat  uns    einen    vollständio-en,    noch    halb    altnordi- 
sehen  Lucidarius  aufbewahrt ,  der  sich  vielfach  ,    oft  wörtlich    an  den 
bei  Anselm  anschließt,  aber  doch   von    allen    das    meiste    Eigenthüm- 
liche   bietet.    (Lucidarius    en    Folkebog    fra    Middelalderen.    Kiobenh. 
1849  in  den  „Nordiske  Oldskrifter,  udgivne  af  det  nordiske  Litteratur- 
Sanifund.  VII.)  Es  ist  wieder  die  Ansicht   vom    sofortigen    Selig-   und 
Verdannntwerden    wie    im    Muspilli,     nur    näher    ausgeführt.    S.  56: 
Discip. :  Huart    hommcer   sioelcen   fra    legcemceth    thcer    hun   thcetccn  far  ? 
Mag. :  /  then  sammce    stimdh    anfigh    til    hemerighes    oüloßr    til    helvedces 
fi'lhi'v  til  skers  edd.  Dem  letzteren,  dem  Fegefeuer,    entgehen   von  den 
Gntcn    nur    ihe    fJurr    tvrce    vth    valdce,    so    sum  er  martires,  dgdha'.Ugo} 
johifnuir  oh  god<n  clostn>r   falk    (55.)     Die    Guten    werden     von    ihren 


ZUM  MUSPILLI.  139 

Schutzengeln  zu  Himmel  oder  Fegefeuer  abgeholt  (55),  die  Bösen 
von  den  Teufeln  in  die  Hölle  mit  großer  Qual,  oc  vordoe  thceroe  tu 
domcedaiocB,  oc  sicen  vordce  the  thcerce  mceth  therm  legcemmce  e  for  vdhen 
oendcB  (57).  Die  Hölle  ist  unter  der  Erde  und  dreifach  getheilt,  indem 
das  Fegefeuer  dazu  gerechnet  wird;  in  der  untersten  Hölle,  deren 
Weite  und  Tiefe  so  unermeßlich  ist,  daß  nur  Gott  sie  kennt,  und  daß 
die  Hineingeworfenen  in  Ewigkeit  keinen  Boden  finden,  sind  die  ge- 
fallenen Engel,  in  der  zweiten,  aus  der  keine  Erlösung  ist,  wo  aber 
auch  keine  Strafe  stattfindet,  außer  das  Entbehren  von  Gottes  An- 
blick, die  Ungetauften;  die  dritte  ist  das  Fegefeuer  und  daraus  gibt 
es  Erlösung  (27).  Bei  der  Auferstehung  wird  dann  Seele  und  Leib 
wieder  vereinigt,  letzterer  durchgängig  im  Alter  von  30  Jahren,  und 
mit  denselben  Einschränkungen  wie  bei  Lombardus  und  Pseudo- 
Anselm.  ,        i  . 

Aehnliche,  meist  spätere  Bearbeitungen  des  Elucidar.,  die  eben- 
falls unseren  Gegenstand  mit  Vorliebe  berühren,  finden  sich  aber  auch 
.im  Englischen,  Italienischen,  Französischen,  Holländischen  und  Böh- 
mischen. '  '     •  ' 

Die  Vorstellungen  unseres  ersten  Gedichtes  vom  sofortigen  Se- 
ligwerden nach  dem  Tode  sind  also  nicht  bloß  auf  christlichem  Grunde 
aus  dem  Boden  der  Kirchenväter  erwachsen,  wie  Zarncke  zur  Evi- 
denz erwiesen  hat  (und  zwar  aus  der  schroffsten  Ausbildung  ihrer 
Lehre,  bei  Gregor  und  Beda),  sondern  sie  sind  auch  von  der  Kirche 
in  allen  deutschen  Landen  eifrig  fortgepflegt  und  verbreitet  worden. 
Wie  populär  sie  denn  auch  von  den  frühesten  christlichen  Zeiten  an 
und  weiterhin  waren,  wird  sich  uns  aus  der  Vorliebe  zeigen,  mit  der  die 
geistliche  wie  die  volksmäßige  Litteratur,  und  besonders  die  poetische, 
einzelne  Ideen  aus  diesem  Kreise  von  Speculationen  selbständig  be- 
handelte. Daß  dabei  besonders  in  den  volksmäßigen  Schilderungen 
einzelne  nicht  gerade  orthodoxe  Vorstellungen  mit  unterlaufen ,  darf 
bei  der  Schwierigkeit  des  Dogmas  nicht  wundern.  Namentlich  die 
körperliche  Existenz  der  Seele  im  Zwischenzustande  war  eine  theo- 
logische Subtilität,  die  nicht  zu  fassen  war.  Der  Volksglaube  half 
sich,  indem  er  den  Seelen  Vögel  (Schwäne,  Enten,  Tauben,  Raben, 
vgl.  Müller,  Gesch.  und  Syst.  der  altd.  Rel.  S.  402)  substituierte,  wie 
in  Märchen  Schlangen  und  Blumen.  Aus  einem  ähnlichen  Zuge  in 
der  Edda  (Ssem.  127  a)  ist  dieß  wohl  kaum  herzuleiten ;  hier  wie 
dort  tritt  für  das  Unbegreifliche  ein  Symbol  ein,  während  das  frühere 
Heidenthum  eine  leibliche  Fortexistenz  angenommen  hatte.  —  Halfen 

10* 


14(»  FERDINAND  VETTER 

sich  doch    schon    die    Kirchenväter    bisweilen    mit    körperlichen    Vor- 
Btellungen !  *) 

a)  Kampf  der  Engel  und  Teufel. 

Die  verschiedenen    deutschen    und    französischen    Behandlungen 
einer  solchen  Episode,  des  Kampfes   der    Engel    und    Teufel  hat 
J.  Grimm  in  der  Myth.  S.  796  ff.  aufgeführt;    besonders    übereinstim- 
mend mit  unserem  G-edichte  ist  Willeh.  49,  10: 
vor  dem  tievel  nam  der    sele  war 
der  erzengel  Kerubin. 

Daß  dabei  nicht  mit  Grimm  an  einen  Streit  der  Walkyrien  im 
Auftrage  Wuotans  und  Frowa's  (bei  den  Christen  Michael  und  Ger- 
drut)  zu  denken  ist,  dürfte  nach  Zarncke  202  ff.  und  dem  Obigen 
nicht  zweifelhaft  sein.  —  Bei  den  Angelsachsen  aber  finden  wir  schon 
die  ersten  christlichen  Jahrhunderte  hindurch  eine  visionäre  Dichtung 
über  diesen  Gegenstand,  am  ausführlichsten  bei  Alfric  (f  1051),  aber 
kürzer  schon  bei  Beda  im  achten  Jahrhundert,  also  vor  unserem  Ge- 
dichte^ erzählt;  beide  fähren  auf  eine  noch  ältere  Lebensbeschreibung 
des  Schotten  Furseus  (ums  Jahr  633)  zurück.  (Beda  bist.  eccl.  3,  10: 
de  quibus  omnibus  si  quis  plenius  scire  vult,  legat.  .  .  libellum  vitse 
ejus).  Furseus  ist  krank  (Horailics  of  Alfric,  in  Homil.  of  the  Anglo- 
Saxon  Church  Part.  I,  vol.  IL  p.  334  ff.);  seine  Seele  wird  von  drei 
Engeln  in  weißen  Federkleidern  fortgetragen,  dann,  ohne  daß  sie  es 
merkt,  ebenso  wieder  in  den  Leib  zurück  (seo  sawul  ne  vühte  un- 
dergiton  hü  heo  on  (tone  licLaman  eft  hecom.,  for  dces  dreames  wynsum- 
nysse),  nachdem  sein  Leib  eine  ganze  Nacht  bis  zum  Hahnkrat  leblos 
gelegen.  Er  lebt  noch  drei  Tage,  da  holen  die  Engel  die  Seele  aber- 
mals und  es  beginnt,  wie  in  unserem  Gedichte,  ein  Kampf  {päga)  und 
eine  Auseinandersetzung  {suona).  Hiccet  da  comon  da  aicirigedan  deoflu 
071  atelicum  hiwe  dcere  saicle  togeanes,  and  heora  an  civaid:  uton  for- 
ständan  M  foran  mtd  gefeohfe.  pa  deoflu  feohtende  scuton  heora  fgrenan 
flän  ongean  da  sawle,  ac  da  deofeUican  flän  wurdon  pcerrihte  ealle  ad- 
wcescte  fjurh  dces  gewoepnodan  engles  scyldunge.  pa  englas  cicoedon  to  dam 

*)  Z.  B.  Gregorii  M.  Dialogi  IV,  9.  Aliqui  riavigio  Romani  petentes  in  mari 
niedio  positi  cujusdam  Servi  Dei  qui  in  Samnio  fiierat  inclusus,  ad  coelum  ferri  ani- 
mam  viderunt.  ib.  7  sieht  Benedictus  die  Seele  eines  Bischofs  Geimanus  von  Ca- 
pua  nocte  media  in  globo  igneo  ad  coelum  ferri  ab  Angelis. 

Tertullian  de  anima  philosophiert  über  die  Körperlichkeit  (corporalitas,  corpu- 
lentia)  der  Seele  und  ihre  Länge,  Breite  und  Höhe  ;  bei  Irenseus  nimmt  der  Körper 
die  Figur  der  Seele  a;i,  wie  das  Wasser  die  des  Gefäßes. 


ZUM  MUSPILLI.  141 

moirigedum  gastum:  hvl  ville  ge  leftan  ure  sktfcet?  Ni.s  pes  man  dcelni- 
mend  eoiveres  forwyi^des,  da  widericinnan  ciccedon,  Jtait  hit  unrihtlic 
wcere,  pmt  se  man  de  yfel  gedafode  sceolde  huton  xcite  to  reste  faran.  . . . 
Se  engel  da  feaht  ongean  dam  awyngdum  gastum  to  dan  swüte,  ])ces 
Pam  halgan  were  toats  geduht  pcet  pa;s  gefeoktes  hreäm  and  dcera  deqfia 
gchlyd  mihte  beon  gehyred  geond  ealle  eordan.  Es  folgt  wieder  ein 
Wortstreit,  aber  pa  iciderwimian  icunTon  ofersioidde,  Jmrh  dces  engles 
geivinne  and  wäre.  Als  sie  weiter  mitten  durch  die  Flammen  fliegen, 
beginnt  ein  neuer  Angriff:  ])a  deoßu  da  mid  gefeohte  ongean  da  saicle 
scuton,  und  neue  Wechselreden  über  Schuld  und  Unschuld  der  Seele, 
indelS  der  Kampf  fortdauert:  on  eallum  disum  geßitum  ica;s  doira  deoßa 
gefeoht  sioide  stidlic  ongean  da  saide  and  da  halgan  englas,  bis  endlich 
durh  Godes  dum  da  vndtrwinnan  wurdon  gescynde.  Nach  gefährlicher 
Wanderung  am  Höllenfeuer  vorbei,  kommt  die  Seele  wieder  in  den 
Leib ;  Furseus  ersteht  zum  zweiten  Male  und  lebt  und  predigt  noch 
12  Jahre  auf  Erden. 

Diese  ausführlichste  Dichtung  über  den  Streit  der  Engel  und 
Teufel  hat  also  auch  einen  Kamj^f  und  einen  auf  Gründe  sich  stützen- 
den Streit  neben  einander,  ganz  wie  unser  Gedicht  {dar  pägant  siu 
umpi,  unzi  diu  suona  arget),  endlich  noch  einen  den  Streit  entscheiden- 
den Obmann  wie  Pseudo-Cyrill  (Zarncke  S.  212).  Da  Beda  ausdrück- 
lich einen  Auszug  aus  einem  gi-ößeren  Ganzen  gibt,  in  den  ausge- 
zogenen Theilen  aber  wörtlich  mit  Alfric  stimmt,  so  dürfen  wir  wohl 
annehmen,  daß  die  Legende  gerade  so  wie  sie  bei  Alfric  erscheint, 
schon  dem  Beda  vorgelegen  habe  in  jenem  citierten  libellus  vitse 
Fursei,  dalj  also  die  Vorstellung  von  einem  wirklichen  handgreiflichen 
Kampfe  schon  vor  dem  achten  Jahrhundert,  also  auch  vor  unserem 
Gedichte  existiert  habe^  entgegen  Zarncke's  Ansicht  p.  213,  wonach 
sie  erst  viel  später  aufgetreten  wäre.  Wir  sehen  also  auch  in  der  Dar- 
stellung des  Muspilli  Vs.  2 — 13  nicht  bloß  einen  auf  Gründe  sich 
stützenden  Streit,  sondern  einen  eigentlichen  Kampf  zwischen  Him- 
mels- und  Höllenheer,  den  sich  der  Dichter  ähnlich  ausmalen  mochte 
wie  der  Angelsachse ;  es  ist  das  Natürlichste,  bei  dar  pägant  siu  umpi 
an  Schießen  und  Schirmen  mit  Ger  und  Schild,  bei  kiuuinnit  (8)  an 
die  ursprüngliche  Bedeutung  „erkämpfen",  bei  suona  vielleicht  auch 
an  einen  göttlichen  Entscheid  zu  denken. 

Auch  jener  nordische  Elucidarius  kannte  (a.  a.  O.  S.  55,  57, 
s.  oben)  wenigstens  eine  sehr  gewaltsame  Abholung  der  Seele  durch 
Engel  oder  Teufel. 

Also   eine    allgemeine    germanische    und    uralte    Vorstellung.    j;i, 


142  ■        FERDINAND   VETTER 

wenn  Feifalik's  böhmische,  mährische,  slovakische  und  polnische  Kin- 
derspiele, die  mir  nicht  zugänglich  waren,  wirklich  auch  darauf  be- 
ruhen, eine  auch  bei  Nichtgermanen  vielbeliebte,  eine  allgemein  kirch- 
liche, was  wiederum  ganz  entschieden  gegen  die  Ableitung  von  den 
germanischen  Walkyrien  spricht.  Zu  den  von  F.  weiter  angeführten 
Ausläufern,  einem  argauischen  Kinderspiel  bei  Rochholz  (S.  436),  wo 
man,  je  nachdem  man  beim  Tanzen  am  Eöcklein  Schwindel  be- 
kommt oder  nicht,  Engel  oder  Rüppel  wird  und  einem  schleswigschen 
bei  MüUenhoff  (S.  468),  wo  das  dreimalige  Überspringen  eines  Stri- 
ches, ohne  daß  man  dabei  lacht,  den  Ausschlag  für  Himmel  oder 
Hölle  gibt,  und  ein  Wettziehen  der  Mutter  Marie  (auch  Fru  Rosen) 
und  der  Gegenpartei  den  Beschluß  macht  (beide  kaum  sehr  zutref- 
fend), stelle  ich  noch  ein  viel  bezeichnenderes,  das  in  meiner  Heimat, 
der  nordöstlichen  Schweiz  zu  Hause  ist  (Vögelverchaufis) :  Ein  Kind 
ist  Mutter  oder  Vögelverkäuferin;  zwei  andere  treten  nebenaus,  die 
übrigen  erhalten  von  der  Mutter  Vögelnamen.  Eins  der  Beiden 
kommt : 

Holleho! 

Mutter:  Wer  do? 

De-r-  Engel  mittem  guldne  Schwert. 

M.  Was  wotter? 

E.  En  Vogel. 

M.  Wa  für  ein'n? 

E.  En  Spatz  (en  Gwaag,  e-n-Aegerste ,  en  Heerehetzler ,  e 
Rothhüseli.) 

Ist  der  genannte  Vogel  nicht  da,  so  sagt  die  Mutter:  Isch  keine 
do!  und  der  Engel  muß  abziehen;  ist  er  da,  so  springt  er  sofort  auf 
und  wird  vom  Engel  eingefangen.  —  Der  andere  Nebenausgetretene 
kommt: 

Holleho ! 

M.  Wer  do? 

Der  Tüüfel  mitter  Ofechrucke 

(oder:  Der  Cholli  mitter  Schindlehaue). 

M.  Was  wott  er? 
u.  s.  w.  wie  beim  Engel.  Zum  Schluß  muß  das  Gefolge    des    Teufels 
zwischen  dem  des  Engels    hindurch  „Spitzruete"    (Plumpsack)    laufen. 

Über  Seelen  als  Vögel,  vgl.  Grimm  Myth.  788,  Müller  altd. 
Rel.  402;  oben  S.  139.  Die  Mutter  könnte  die  heilige  Gertrud  sein, 
welche  die  Seele  in  der  ersten  Nacht  nach  dem  Tode  in  ihrer  Obhut 
hat,  in  der  zweiten  ist  sie  bei  St.  Michael  oder    den    Erzengeln   über- 


ZUM  MUSPILLI.  143 

haupt,  um  In  der  dritten  dahin  zu  kommen,  sicut  diffiuitum  est  de  ea, 
vgl.  Schmeller  in  Haupts  Zeitschr.  I.  423.  Grimm  Myth.  798.  54. 
282,  der  sie  weiter  mit  Freyja  zusammenbringt;  Müller  altd.  Rel, 
406  Anm.  und  111,  wo  wenigstens  der  Anklang  ans  Heidenthum  be- 
rtihrt  ist. 

b)  Gespräch  zAvischen  Leib  und   Seele. 

Eine  weitere  vielfach  ftir  sich  berührte  oder  behandelte  Episode 
aus  unserem  Ideenkreis  von  Tod  und  sofortiger  Vergeltung  ist  das 
Verhältniss  von  Leib  und  Seele  im  Zwischenzustand,  beson- 
ders gern  als  Gespräch  dargestellt.  Dali  die  Seele  zeitweise  vom 
Leibe  getrennt  ist,  namentlich  gern,  während  der  Körper  schläft,  in 
Thiergestalt  ihn  verlässt,  ist  eine  alte  Vorstellung  (Altd.  Rel.  403); 
in  einem  ags.  Gespräche  des  Salomon  und  Saturnus  erscheint  sie  in 
verschiedene  Leibestheile  zurückgezogen :  ßaga  nie  hwar  restect  pces 
mannes  saicul  ponne  se  lycliama  slepd?  Ic  ])e  secge,  on  prim  stoivum  heo 
hyd:  on  pam  bragene,  oppe  on  pere  heortan,  oppe  on  pam  Mode.  (Thorpe, 
Analecta  S.  98,  vgl.  die  Benennungen  lihhamo,  gästhof,  bdnfat,  vat 
vläm.  Theophilus) ;  bei  Visionen  (vgl.  oben  die  des  Furseus)  entfliegt 
sie  und  besieht  bei  der  Rückkehr  den  Körper  wie  einen  wildfremden 
Gegenstand:  Aefter  dissere  sprcece  comon  da  englas  mid  poire  saicle,  and 
gesceton  uppon  dcere  cyrcan  hrofe,  pa^r  poit  lic  Iceg  mid  mannum  besett\  and 
da  englas  hine  heton  oncnaivan  Ms  dgenne  Uchaman,  and  hine  eft  underfön. 
Furseus  da  beseah   to  his  Uchaman  sicilce  to   uncudum   hreawe,   and  nolde 

htm  genealcecan pa  geseah   he  geopeman   his   Uchaman   under   dam 

breoste,  und  schlüpft  wieder  hinein.  (Älfr.  IL  346.) 

Vornehmlich  ist  es  aber  die  abgeschiedene  Seele,  deren 
Schicksal  und  Verhältniss  zum  Körper  uns  geschildert  wird,  in  einer 
Reihe  von  Dichtungen ,  die  theilweise  oben  S.  128  angeführt  sind. 
Die  Bearbeitungen  vom  12.  Jahrhundert  an  nennen  als  Gewährsmann 
einen  Fulbertus  von  Francriche  (Philibertus  Francigena),  der  nach 
einer  um  815  geschriebenen  vita  (in  Chifflet,  bist.  Ternoviensis.  Dijon 
1733,  p.  70)  um  616  geboren.  Prior  zu  Raßbach  war,  642  ein  eige- 
nes Kloster  zu  Jumi^ges  gründete  und  zahlreiche  Visionen  hatte, 
worunter  jedoch  die  von  Seele  und  Leib  nicht  vorkommt.  Aber  schon 
früher  sehen  wir  denselben  Gegenstand  und  zwar  ohne  die  Einklei- 
dung in  eine  Vision,  in  England  bearbeitet  (im  Cod.  Exon.  u.  Vercell. 
—  bei  Grein  S.  198  und  203),  und  in  Italien  (von  Alberich  von  Monte- 
Cassino?)  in  drei  Florentiner  Handschriften  (vgl.    Karajan,   Frühlings- 


144  FERDINAND    VETTEE 

gäbe  1839.  S.   154.)  Als  Vision  und  unter  Philiberts  Namen    ersclieint 
eine  rixa  animse  et  corporis  erst  im  12.  Jahrhundert  (Karajan  a.  a.  O. 
"Wiener  Jahrbücher  der  Litt.  Bd.  59,  S.  30.),    wohl    auch    schon    dem 
Bernhard    v.    Clairvaux  oder  Walther  de  Mappes    zugeschrieben,    und 
seither  häufen  sich  die    Bearbeitungen,     namentlich    die    deutschen  in 
Handschriften  zu  Wien  (Karajan  a.  a.  0.  theilt  zwei   mit),    zu   Darm- 
stadt und  Basel  (Rieger  in  Germ.  III,  400  ff.),  zu  Nürnberg  (Bartsch, 
die  Erlösung  S.    325),     zu  Heidelberg  u.  a.  0.,  —  dann    auch    nicht- 
deutsche: französische,  spanische,  englische,    mittelniederländische,  dä- 
nische, schwedische;  das  Bruchstück  einer  noch  halb  angelsächsischen 
aus  der  bodleian.  Bibliothek  steht   in    Thorpes    Analecta    S.    142    (the 
grave,    a    fragmeut).    Die    Situation    beruht    auf  der   Vorstellung  der 
Trennung  von  Leib  und  Seele  beim  Tode,  wie  sie  auch   das   Muspilli 
kennt;  die  im  Höllenfeuer  gepeinigte  Seele  (nur    selten,  Avie    im   zwei- 
ten angelsächsischen  [Verceller]   und  im  Basler    Gespräch,    ist  es  die 
fromme,  bereits  selige,  oder  die  aus    dem    nur  kranken,    nicht  todtea 
Leibe  verzückte),  besucht  den  Leib    im    Grabe   und   spricht   mit   ihm. 
Dieß  großartige,    furchtbar    ahnungsvolle    Motiv,    wo    in     stürmischer 
Nacht  der  irrende    Geist    seine    modernde    Hülle,  einst    die  Genossin 
seiner  Sünden  wiedersieht,  und  eines  dem  andern  die  Schuld  zuschiebt, 
bis  der  Leib  vom  WurmfraLi  erschöpft  ist  oder  die  Seele  von  Teufeln 
in  die  ewige  Verdammniss  zurückgerissen  wird,  stammt  wohl  von  den 
poetisch  so  hochbegabten  Angelsachsen,  bei   denen   es   uns   zuerst  be- 
arbeitet erscheint.  Auf  den  Nordwesten  weist  wohl    auch    der    späteie 
Träo-er    der  Vision,  S.    Philibert ;    von    England    und    Nordfrankreich 
aus  verbreitete  sich  die  Vorstellung  in  der  ernsten  Zeit  des  12.   Jahr- 
hunderts   plötzlich    epidemisch    über    Europa,    gerade    wie    wir    drei 
Jahrhunderte  später  (um  1350)    unter    dem    Einfluß    einer    ähnlichen 
Stimmung  das  verwandte  Motiv  des  Todtentanzes  urplötzlich  zu  einem 
internationalen  werden  sehen.   —   Hervorzuheben  ist  noch,  daß  in  der 
einschlagenden    spanischen    „Revelacion"     (in  Sanchez  ,    coleccion   de 
poesias  castellanas  anteriores  1,  179)  ein  Vogel  den  faulenden  Leich- 
nam umflattert. 

c)  Höllenfahrt  Christi. 

Da  jeder  Sünder  und  Unchrist  sofort    in    die    Hölle    kommt,  so 
waren    auch     die    Frommen     des     alten     Bundes    einst     darin*)     und 

*)  Recht  im  Gegensatz  zu  dein  Schicksal  der  jetzt    Sterbenden,    also    iu    Über- 
ein.slimmung  mit  un^elem  Gedicht,  erwähnt  die!*  die    sehr    frühe    Homilie    in  Septua- 


ZUM  MUSPILLI.  145 

daraus  fließt,  im  Anschluß  an  Eph.  4,  9.  I.  Petr.  3,  19.  4,  6.  Mattli. 
12,  40.  die  öftere  poetische  Behandlung  der  Höllenfahrt  Christi, 
wo  das  Reich  der  Verdammniss  geschildert  und  der  Erlöser  bei  sei- 
ner Ankunft  von  den  vorchristlichen  Guten,  Johannes  der  Täufer  an 
der  Spitze,  freudig  begrüßt  wird.  Auch  dieser  Stoff  scheint  den  Angel- 
sachsen anzugehören.  —  Vgl.  namentlich  die  „Höllenfahrt"  im  Cod. 
Exon.  (bei  Grein  I,  191  ff)  und  Satan  V  ff.  (I,  141  ff.);  —  von 
deutschen  Bearbeitungen  ist  die  ausführlichste  die  im  Alsfelder  Pas- 
sionsspiel (Vilmar  in  H.  Z.  III,  510  ff.) 

d)  Bündniss  mit   dem  Teufel. 

Auf  die  Vorstellung  vom  Sogleichabgeholtwerdeu  zur  Verdamm- 
niss gründet  sich  auch  die  von  einem  Bündniß  mit  dem  Teufel, 
wonacli  die  Seele  nach  einer  bestimmten  Zeit  ihm  verfallen  ist,  — 
wie  sie  ia  schon  im  10.  Jahrhundert  von  Gerbert  im  Schwana-e  war. 
Hier  begegnen  wir  abermals  einer  internationalen  Legende,  der  von 
Theophilus,  wo  ein  griechisches  Original  durch  alle  europäischen  Lit- 
teraturen  die  Runde  macht*),  und  in  den  Bärenhäuter-  und  Faust- 
sagen bis  heute  unaufhörlich  wiederklingt.  . 

e)  Schilderungen  der  Seligkeit. 

Zu  der  formelhaften  Schilderung  der  Seligkeit  in  unse- 
rem Gedichte  endlich  hat  schon  Müllenhoff  (Dkm.  255)    die    Parallel- 

gesima  (Thorpe  Anal.  S.  72) :  Edla  hu  fela  heähfcedevas  cer  Moyses  ce  rihilice  leofodon, 
and  hu  fei o,  wisegnn,  under  pcere  ce,  Gode  gecwemlice  dröhtnodon,  and  hi,  swa  ]ieoh, 
nceron  gelcedde  io  heofonan  rice,  cerdan  pe  Drihlen  nyder  as/dh.  se  dr.  neörxna  ivdnyes 
fotsien  mid  his  dgenum  dedde  gi-öpnode  and  hl  pa  mid  langsumre  glcunge  heora  m^de 
under  f engon,  pa  de  webiitan  ^lcunge,pcBrrihte,  swa  w  e  of  ürum  lichd- 
man  ge  w  i  t  a  d,  underfSd. 

*)  (i.  W.  Dasent  (Theopliilus  in  Icelantlic,  Low  German  and  other  tongues. 
Lond.  1845}  gibt  sie  in  den  meisten  Bearbeitungen  und  erwähnt,  obwohl  nicht  ganz 
vollständig  die  übrigen.  Sie  tritt  zuerst  griechisch  auf,  dann  bei  Hroswitha,  Marbod 
(f  1123,  opp.  ed.  Eeaugendre  p.  1507),  Hartmann  (12.  Jh.  von  dem  gelouben,  v. 
1927  ff.)  Vincent  de  Beauvais  (f  1261,  «peculum  Historie  22,  69),  Eutebeuf  (drama- 
tisch in  Jubinal's  Mysteres  inedits  du  XY.  si^cle  Paris  1837.  II.  79),  ferner  flämisch 
(Theophilus,  v.  Bloniniaert),  isländisch,  schwedisch  (14.  Jahrh.  bei  Dasent)  wird  er- 
wähnt oder  benutzt  von  Älfric  10—11.  Jahrli.  in  der  Homilie  de  assumptione  beatse 
Marise,  Älfr.  Society  Part  I  Vol.  I.  448),  Fulbertus  Carnotensis  f  1029  (opp.  Paris, 
16(^8,  p.  136),  S.  Bernhard  (f  1153,  opp.  Paris  1615  p.  268),  von  Gautier  de  Coinsi 
(t  1236),  Berceo  (f  1268).  Bonaventura  (f  1274),  Jac.  de  Voragine  (f  1298,1  im  13.  Jh. 
und  von  verschiedenen  deutscheu  Dichtern  (Altd.  Bl.  1,  79.  Mone's  Anz.  1834,  273. 
1832,  25).  •     ■• '  '  .' 


146  FEKDINAND   VETTER 

stellen  angeführt:  daß  sie  sämmtlicli  erst  von  dem  nach  dem  jüng- 
sten Gerichte  eintretenden  himmlischen  Leben  gemeint  sind,  worauf 
Zarncke  a.  a.  O.  195  aufmerksam  macht,  entkräftet  sie  nicht,  da,  wie 
wir  sehen,  nach  dem  ersten  Theil  des  Muspilli  und  überhaupt  nach 
deutscher  Anschauung,  namentlich  in  späterer  Zeit,  der  Zwischenzu- 
stand ganz  derselbe  ist,  wie  in  der  Ewigkeit.  Ich  stelle  dazu  (neben 
Cynev.  Crist  1650  ff.)  noch  Phönix  607  (Grein  S.  231),  wo  denn  auch 
sorgün  und  dar  quimit  imo  hilfä  kinuok  seine  Parallele  findet. 

....   leöhte  in  life    .  .  . 

ne  bid  him  on  |)äm  vicum         viht  to   sorge, 

vroht  ne  vedel  ue  gevindagas, 

hungor  se  häta  ne  se  hearda   ]iurst, 

yrmdu  ne  yldo :  ,  him  se  ädela  cyuing 

forgifed  goda  gehvylc, 
welche  Stelle  denn  wohl  auch  mit  der  bei  Muspilli,  Cynevulf  und  Ka- 
rajan  auf  dasselbe  gemeinsame  Vorbild  in  der  Freisinger  Predigt  und 
der  des  Bonifacius  zurückgienge,  wenn  wenigstens  solche  Überein- 
stimmungen in  einer  Schilderung,  die  überhaupt  in  den  sämmtlichen 
angefühi'ten  Stellen  ziemlich  dieselbe  formelhafte  ist  und  sich  in  den- 
selben Ausdrücken  bewegt,  etwas  bewiesen  für  eine  gemeinschaftliche 
Quelle. 

Die  mittelalterlichen  Darstellungen  über  Himmel  und  Hölle, 
welche  auch  Grimm  Myth.  767  und  781  ff.  sammelt*),  sind  meist  eben 
so  allgemein  gehalten  wie  die  des  Muspilli,  die  nähere  Beschreibung 
und  dogmatische  Feststellung  der  Ideen  überliess  man  der  Scho- 
lastik**). Später  wird  die  mehr  biblische  Vorstellung  einer  himmli- 
schen Stadt  für  das  Himmelreich  häufiger:  so  in  „Himmel  und  Hölle" 
(Wackern.  LB.  S.  155  und  MüUenh.  und  Seh.  Dkm.  XXX)  und  oft  im 
Barlaam,  wie  schon  in  dem  früheren  nordischen  Roman  dieses  Na- 
mens (Barlaams  ok  Josaphats  saga,  udg.  af  R.  Keyser  og  C.  R.  Un- 
ger,  Christ.  1851.  Cap.  208:  til  hinar  sarau  borgar,  bei  Rudolf 
V.  Ems.  S.  393). 


*)  Eine  höchst  merkwürdige.  Vorstellung  über  die  Hölle  zeigt  auch  noch  eine 
Antwort  in  dem  von  Thorpe  Anfll.  S.  100  niitgetheilten  Gespräch  des  Saturnus  und 
Saloraon:  Saga  me  forhwan  hyd  seo  suiine  read  on  cefen'i 

Ic  Jie  secge,  forpon  heo  loca  d  o  n  helle. 

**)  Auch  um  Widersprüche  kümmerte  man  eich  nicht,  wie  z.  B.  überall  die 
Hölle  zugleich  feurig  und  dunkel  ist 


ZUM  MUSPILLI.  147 

Wir  haben  den  kirchlichen  Vorstellungskreis  von  Tod  und  Ver- 
geltung, wie  er  im  Muspilli  erscheint,  bis  in  seine  Ausläufer  verfolgt, 
und  gesehen,  daß  er^  der  im  Einzelnen  von  den  meisten  Kirchenleh- 
rern abwich;  doch  den  späteren  einschlagenden  Producteu  ohne  Aus- 
nahme zu  Grunde  lag  und  so  recht  eigentlich  als  der  Ausdruck 
dessen,  was  damals  Glaube  war,  gelten   kann. 

Wir  haben  ferner  gesehen,  wie  tief  und  wie  vielseitig  diese 
Ideen  in  das  geistige  Leben  und  die  Litteratur  der  germanischen  Völ- 
ker eiugrriffen,  wie  weithin  und  in  wie  übereinstimmender  Weise  sie 
fruchtbar  waren:  dieß  und  der  Umstand,  daß  meist  Geistliche  die 
Träger  dieser  Litteratur  waren,  dürften  ihnen  zum  Überfluß  abermals 
ihren  unheidnischen  Ursprung  sichern. 

Streit  um  die  Seele,  Gespräch  zwischen  Seele  und  Leib,  Höl- 
lenfahrt, Geholtwerden  vom  Teufel,  Himmel  und  Hölle:  das  ist  eine 
Reihe  von  Momenten,  an  deren  jedes  sich  die  dichtende  Phantasie  an- 
heften konnte.  Weniger  mannigfaltig  ist  die  Ausbildung  und  die  Lit- 
teratur derjenigen  Vorstellungen,  welche  djem  zweiten  Theil  des 
Muspilli  zu  Grunde  liegen. 

(H.)  Antichrist  und  Weltgericht. 

Hier  lag  bei  den  Kirchenlehrern  eine  einfach  epische  und  prag- 
matisch zusammenhängende  Folge  von  Ereignissen  vor,  die  denn  auch 
immer  einfach  episch  bearbeitet  erscheinen,  nicht  in  den  freieren, 
auf  Situation  en  fußenden,  didaktischen  und  dramatischen    Formen. 

Die  Litteratur  über  Antichrist  und  Weltgericht  ist  gesammelt  in 
Hoffm.  Fundgr.  H,  102—104.  Das  Weltgericht  allein  mit  den  dem- 
selben vorhergehenden  Zeichen  ist  außerdem  vielfach  behandelt  (vgl. 
Sommer  in  H.  Z.  3,  525  ff.),  und  diesen  Gegenstand  liebten  auch  die 
Angelsachsen,  vgl.  bes.:  Cynev.  Crist  779  ff.  (bei  Grein  I,  169);  M 
domes  dage  (I,  195),  denen  dagegen  die  Behandlung  des  Antichrist- 
mythus in  dieser  Zeit  fremd  gewesen  zu  scheint;  auch  der  altdän. 
Lucidarius  kennt  ihn  nicht.  Das  Gewöhnliche  in  den  deutschen  Be- 
arbeitungen des  Weltendes  ist,  daß  die  Erzählung  vom  Antichrist, 
als  dem  Vorläufer  desselben,  vorangeht,  und  zwar  ganz  übereinstim- 
mend so,  wie  sie  nach  Augustin,  Lactanz  und  den  sibyllinischeu  Bü- 
chern uns  zuerst  zusammengefasst  in  dem  zwischen  949  und  954  ver- 
fassten  libellus  de  Antichristo  Adsonis  Abbatis  Dervensis  (Abt  von 
Moutier-en-Der)  entgegentritt.  (Albuini  opp.  ed.  Frobeu  Tom.  11^  p. 
526  ff;  —  angeblich  ad  Carolura  Magnum  ab' Alcuino    edita;    ebenso 


148  FERDINAND   VETTER 

fälschlich  dem  Augustin  und  Hrnban  zugeschiieben.)  Anschließend  an 
die  Deutungen  jeuer  Kirchenväter  wird  hier  und  später  aus  den  Stel- 
len Genes.  49,  17,  Jes.  11,  4.  25,  7.  Jerein.  33,  16.  Ezech.  38,  8.  39, 
8-16.  Daniel  7,  25  ff.  8,  23  ff.  11,  37.  45.  12,  1.  7.  11,  Zach.  4,  11. 
14.  Maleach.  4,  5.  Sirach  48,  1  ff.  10  ff.  Matth.  11,  21.  17,  10.  24, 
14.  16.  22.  Luc.  10,  13.  Ev.  Joh.  5,  43.  Rom.  9,  27.  II.  Thess.  2,  3. 
8.  Apocal.  11,  2.  3.  7.  12,  6.  14  ff  13,  7.  19,  20,  20.  1.  ein  Gebäude 
aufgeführt,  dessen  hauptsächliche  Bestandtheile  sind*):  Abstammung 
vom  vStamme  Dan  —  Mitwii-kung  des  Teufels  bei  der  Empfängniss  — 
Geburt  in  Babylon  —  Erziehung  in  Bethsaida  und  Chorazim  — 
Herrschaft  in  Jerusalem  mit  Verfolgung  der  Christen,  Zeichen  und 
Wundern,  3V<.  Jahr  lang  —  Untergang  des  Römerreiches  und  Ver- 
kündigung des  Evangeliums  auf  dem  ganzen  Erdboden  —  Gog  und 
Magog  —  Predigt  des  Elias  und  Enoch  —  ihre  Tödtung  durch  den 
Antichrist  —  Auferstehung  nach  3  Tagen  • —  nach  Erfüllung  der 
3 '4  Jahre  Untergang  des  Ant.  durch  Gott  selbst  oder  Michael  — so- 
dann 40  Tage  und  unbestimmte  Zeit  Ruhe  bi.s  zum  Eintritt  des 
Gerichtes. 

Bei  dem  Letzten  müssen  wir  doch  noch  kurz  verweilen.  Alle 
Bearbeitungen  des  Gegenstandes  ruhen  auf  den  obigen  Momenten, 
nur  daß  die  Dichtungen  meist  die  Entwicklungsgeschichte  des  Anti 
Christ  weglassen  und  nur  bei  den  dramatisch  ergiebigen  Punkten  ver- 
weilen; einzelne  Abweichungen  gerade  unseres  Gedichtes  hat  Zarncke 
S.  213  ff.  aus  Varianten  des  christlichen  Mythus  selbst  oder  aus  be- 
wußter genialer  Änderung  des  Dichters  hergeleitet^  so  daß  jetzt  we- 
nigstens Niemand  mehr  mit  Feiftilik  in  der  Schilderung  des  Kampfes 
und  Weltunterganges  „das  Bruchstück  eines  altheidnischen  religiösen 
Liedes  von  der  Götterdämmerung,  welches  verdunkelt  und  christiani- 
siert im  9.  Jahrhundert  etwa  noch  in  Baiern  mag  im  Volksmunde 
umgegangen  sein",  sehen  Avird.  Aber  für  Eins  genügen  mir  jene  bei- 
den Erklärungen  doch  nicht:  eben  für  jene  chronologische  Abvrei- 
chung  und  die  Aneinanderreihung  von  Elias'  Tod  und  dem 
Weltbrand. 

Den  Enoch  mochte  unser  Dichter  übergehen:  von  den  einschla- 
genden vier  biblischen  Stellen  (Malach.  4,  5.  Sir.  48,  10.  Matth.  17, 
10.  Apoc.  11,  3)  erwähnen  die  drei  ersten  bloß  den  Elias;  die  Deu- 
tungen schwanken  auch  sonst  (vgl.  Zarncke),    und    namentlich  kennt, 


*)  Die  ganze  Litteratur  am  besten  gesammelt  in  deip   großen   Werke    de.s  Tho- 
mas Malvenda    de   Antichristo.  Lugd.  1647. 


ZITM  MTsriLLI.  140 

wie  ich  sehe,  das  zweite  der  sibylliuischen  Bücher  (dein  unser  Ge- 
dicht ganz  besonders  nahe  zu  stehen  scheint)  bloß  den  Thisbiton 
Elias,  der  auf  einem  Wagen  vom  Himmel  hernieder  kommt*).  Auch 
die  Tödtung  des  Antichrist  (46,  47 ;  —  es  steht  ja  nirgends,  daß  sie 
durch  den  Gegner  geschehe)  während  des  Kampfes  erklärt  sich 
ganz  ansprechend  aus  einer  poetischen  Prolepse  seiner  späteren  Ver- 
nichtung durch  Gott  oder  Michael. 

Aber  die  40  (nach  Anderen  42  oder  45)  Tage  der  Ruhe  nach 
dem  Tode  des  Antichrists,  oder,  was  in  unserem  Gedichte  der  Zeit 
nach  dasselbe  ist,  dem  des  Elias,  sind  ein  so  wesentliches  Element 
der  Eschatologie,  so  verhältnissmäßig  gut  begründet,  und  gerade  zur 
Zeit  unseres  Gedichtes  so  eifrig  commentiert  und  verfochten  (während 
jene  früheren  Fragen  sehr  häufig  offen  gelassen  werden),  daß  ihre 
Übei'gehung  aufs  Höchste  auffallen  muß,  und  die  Annahme  einer  in- 
dividuellen poetischen  Licenz  sehr  gewagt  erscheinen  lässt.  Gleich 
Beda  im  7.  8.  Jahrhundert  spricht  sich  sehr  entschieden  aus  (de  tem- 
porum  ratione  G8) :  Percusso  autem  illo  perditionis  filio,  sive  ab  ipso 
Domino,  sive  a  Michaele  Archangelo,  ut  quidam  docent,  et  eeterna 
ultione  damnato,  non  continuo  dies  judicio  secuturus  esse 
credendus  est,  und  der  Grund  dafür  ist  bei  Allen  derselbe,  schon 
biblische  (Beda  a.  a.  O.):  alioquin  scire  possent  homines  illius  sevi 
tempus  judicii,  si  post  tres  semis  annos  inchoatae  persecutionis  Anti- 
christi  confestim  sequeretur.  Diese  Ruhezeit  sah  man  angedeutet  in 
dem  Silentium  nach  der  Eröffnung  des  siebenten  Siegels  Apoc  8,  1. 
(vgl.  Beda  zur  Apoc);  für  die  Dauer  gibt  Dan.  12,  12  den  Anhalts- 
punkt, was  nach  Hieronymus  Vorgang  ausgelegt  wird:  beatus  qui  in- 
terfecto  Antichristo  supra  MCCXC.  dies  i.  e.  tres  semis  annos,  dies 
quadraginta  quinque  prsestolatur,  quibus  est  Dominus  atque  Salvator 
in  sua  majestate  venturus.  Dies  ist  die  allgemeine  Ansicht.  Requiescet 
orbis,  lehrt  schon  Lactauz  (de  vita  beata^,  mit  Berufung  auch  auf  die 
Sibylle)^  und  im  10.  Jahrh.  Adso  (a.  a.  O.):  non  statim  (nach  dem 
Tode  des  Antichrist)  ad  Judicium  Dominus  veniet,  sondern  (nach  Da- 
niel) gebe  der  Herr  den  incantatis  et  caracteratis  40  Tage  zur  Buße, 
—  mit  Berufung  auf  Hieron.  in  Dauielem  11,  45,  und  auf  Augustin 
(Epistel  über  H.  Thess.  4,  12;,  die  übrigens  nichts  dergleichen  ent- 
hält), sowie  auf  des  Hieronymus  expositio  VII.  tubarum  ad  Evervinum 
(Ed.  Veron.  I.  793).  Die  durchaus  übereinstimmenden  Ansichten  der 
Kirchenväter  hierüber  sammelt    Malvenda    de    Antichristo    IL  243  ff.^ 


*)  CoiTodi,  kiit    Geschichte  des  Chiliasnius  1781.  JI.   341. 


150  FERDINAND    VETTP:R 

wo  auch  die  scheinbar  widersprechenden  Angaben  Ezech.  39,  12  (Be- 
gräbniss  der  Gefangenen  7  Monate  lang)  und  9  (Verbrennung  der 
Waffen  7  Jahre  hindurch),  als  bloß  typisch,  aus  den  Kirchenvätern 
widerlegt  werden.  Auch  der  Pseudo-Anselin'sche  Elucidarius  kennt 
40  Tage  Frist,  auf  die  dann  zu  unbestimmter  Zeit  das  Gericht  folgt; 
im  Basler  Lucidarius  erhalten  die  Juden  40  Tage  zur  Buße  (Basl. 
Hss.  22.);  der  Entekrist,  Fundgr.  IL  126  bemerkt  dazu:  so  hat 
uns  der  wise  heda  gekundit,  iohannes  in  apokalypsi  kit,  man  lisit  in 
daniele. 

Und  in  diese  so  allgemein  angenommene  Zwischenzeit  setzt  nun 
zudem  noch  ganz  übereinstimmend  das  deutsche  Mittelalter  ein  mit 
Vorliebe  ausgebildetes  Moment:  die  sogenannten  15  Zeichen,  auch 
diese  allgemein  auf  Hieronymus  zurückgeführt,  und  namentlich  von 
Thomas  v.  Aquin,  Richard  v.  Middletown,  Petrus  Comestor  ausgebil- 
det, dann  vielfach  poetisch  behandelt:  vgl.  Haupts  Z.  I,  117.  III, 
523.  Fundgr.  I,  130.  II,  106.  Wunderhorn  3,  199.  Riegers  alt-  und 
angels.  Leseb.  213,  der  Meißner  in  Minnes.  III,  96  b,  über  die  ganze 
Litteratur,  Sommer  in  H.  Z.  III,  526  ff.;  und  bei  den  Angelsachsen, 
obwohl  ohne  das  bestimmte  Zahlenverhältniss,  Crist  800  ff,  und  Domes 
däg  (Grein  I.  195).  Erst  nach  dieser  Zwischenzeit,  der  nach  Anderen 
sogar  noch  eine  weitere  unbestimmte  Frist  folgt  (vgl.  Fundgr.  II, 
129,  32),  tritt  die  Auferstehung  ein;  bei  denen  die  ein  tausendjähriges 
Reich  erwarten,  bloß  die  der  Märtyrer,  bei  den  Uebrigen  die  allge- 
meine zum  Weltgericht.  —  Alle  aber  trennen,  oft  mit  ausdrücklichen 
Worten,  das  Gericht  vom  Kampf  des  Elias  und  Antichrist. 

Diasen  übereinstimmenden  Ansichten  steht  nun  die  Darstellung 
unseres  Gedichtes  gegenüber  als  völlig  uubiblisch  und  unkirchlich. 
Gieng  der  Dichter  von  jenen  aus,  wollte  er  biblisch  und  kirchlich 
dichten,  so  war  kein  Grund,  hier  davon  abzugehen,  auch  nicht  der 
einer  wirksameren  Concentration;  man  sieht  nicht  ein,  warum  er,  wenn 
es  ihm  darum  zu  thun  war,  dann  nicht  gleich  auf  Elias  Tod  die 
rächende  Ankunft  Gottes,  von  dem  das  Feuer  ausgehen  konnte,  fol- 
gen ließ.  Hier  tritt  auch  eine  ziemlich  unpoetische  Pause  und  Stockung 
in  der  Handlung  ein,  die,  wenn  sie  concentriert  sein  sollte,  gerade 
im  Nahen  des  Richters  gipfeln  mußte. 

Aber  mir  scheint,  dor  Verfasser  unseres  zweiten  Gedichtes  steht 
eben,  wie  wir  schon  bei  der  Schilderung  der  Auferstehung,  im  Gegen- 
satz zu  der  des  ersten,  bemerken  konnten,  nicht  auf  dem  streng  kirchli- 
chen Standpunkt,  sondern  schließt  sich  an  den  Volksglauben  an, 
diesem  und  nicht  seiner  eigenen  Genialität  glaube  ich,   so  hoch  ich 


ZUM  MUSPILLI.  151 

ihn  sonst  als  Dichter  stelle,  auch  diese  Abweichung  zurechnen 
zu  müssen.  Wie  viel  das  Mittelalter  von  Elias  zu  erzählen  wusste,  das 
wissen  wir  aus  Myth.  157  ff.;  warum  sollte  sich  die  dichtende  Phan- 
tasie nicht  gerade  hier,  auf  dem  Glanzpunkt  seiner  göttlichen  Sendung, 
an  seine  Gestalt  geheftet  haben?  —  Aber  jene  Causalverbin  düng 
zwischen  Elias  und  dem  Weltbrand  ist  auch  nicht  unserem 
Dichter  allein  eigen. 

Im  zweiten  sibyllinischen  Buch  lesen  wir:  der  Thisbit  kommt  auf 
einem  Wagen  vom  Himmel  (Enoch  fehlt  ebenfalls)  und  thut  vier  Zeichen 
—  xccl  TOTE  Sil  (also  ohne  Zwischen-  oder  Ruhezeit) 

TCOTUfiog  TS  (isyas  nvgog  aid-ofisvoio  gavösi,  ajt  ovgavöd^ev,  xal 
Tcävxa  TOTCov  öannriGEi,  yatav  t  cjxsavov  xe  (isyav,  yXavKrjv  rs 
d-älaöffajf,  XL^vccg  xal  notafiovg,  Jii]yag  xal  a^Eikiiov  ädrjv  xaC  nökov 
ovQUViOv  atttQ  ovQccvcoL  (paörrJQSg  €('g  ev  GvQQrj^ovGc  xal  sig  ^OQ(prjv 
TtavsQtjfiov  aöxEQa  d'  ovgavo&sv  Q^aXÜGöia  nävxa  nsoatrai,. 

Nun  hören  Avir,  daß  die  sibyll.  Orakel  früh  in  Deutschland  be- 
kannt und  beliebt  waren.  Die  Kirchenväter  selbst  dagegen  sind  mit 
dem  ersten  und  zweiten  Buch  derselben  gänzlich  unbekannt  (Her- 
zog, Realencycl.  unter  Sibylle),  selbst  der  Sibylloman  Lactanz;  diese 
beiden  werden  daher  für  viel  später  abgefaßt  erklärt,  als  die  übrigen. 
Wie,  wenn  die  volksmäßige  Verbindung  von  Elias  und  Weltbrand  aus 
diesen,  also  aus  der  späteren  apokryphen  Überlieferung  stammte,  wäh- 
rend die  übrige,  namentlich  spätere,  geistliche  Dichtung  den  Kirchen- 
vätern und  der  orthodoxen  Lehre  folgte?  Jener  Überlieferung  konnte 
im  Volksglauben  so  Manches  entgegenkommen,  was  diese  Verbindung 
noch  fester  knüpfte.  Nebenumstände  konnten  sich  nach  Analogie  hei- 
mischer Sagen  umgestalten:  das  Blut  des  Drachen  verzehrt  den 
Struthen  (vgl.  das  Gift  der  Weltschlange  Völusp.  55  und  Gylfaginn. 
51,  —  wohlverstanden  nur  als  Analogie),  das  Gift,  das  auf  Loki 
träufelt,  veranlaßt  das  Erdbeben.  Es  wäre  wohl  möglich,  daß  unserer 
Darstellung  jene  jüdische*)  Überlieferung  in  germanischem  Gewände 
zu  Grunde  läge. 

Und  auf  den  Volksglauben  und  die  volksmäßige  Umgestaltung 
des  Überlieferten  führen  uns  denn  auch  noch  einige  andere  Züge,  die 
in  der  Kirchenlehre  geringen  oder  keinen  Grund  linden;  sie  sind,  um 
mit  Wackernagel  zu  sprechen,   „nicht    heidnisch,    sondern    deutsch." 

*)  Vgl.  die  Voi-stellung  bei  Pirke  Eliezer  (Coirodi  a.  a.  O.),  wo  der  Feuerfluß 
Dinor,  durch  den  alle  Menschen  gezogen  werden,  aus  dem  Scli weiße  der  Che- 
rub e  am  Wagen  Gottes    entsteht. 


]r)2  FKRDIXAND    \  HTTF.R 

Der  unarh  39  konnte  in  der  bestia  ex  abysso  (Apoc.  11^  7)  be- 
gründet sein;  aber  der  Deutsche  mochte  doch  wohl  bei  der  bloßen 
Allegorie  nicht  stehen  bleiben  wie  Beda  (i.  e.  vidi  hominem  saevissimi 
ingenii  de  tumultuosa  irapiorum  stirpe  progenitum  cui  mox  nato  et 
per  magicas  artes  a  pessirais  inibuto  magistris  adjungens  se  diabolus 
totam  virtutis  suse  potentiara.  .  .  individuus  comes  attulit,  de  temporuni 
ratione  68),  sondern  sich  ein  halbthierisches  Ungethüm  vorstellen, 
einen  Werwolf,  wie  der  Angelsachse  seinen  Grendel,  der  heoro-vearh 
heißt  (Beov.  1268,  wohl  mehr  als  bloß:  Geächteter),  oder  wie  der 
skandinavische  Norden  den  Fenrir,  In  S.  Oswalds  Leben,  H.  Z,  2, 
125,  erscheint  eine  Heidin  in  der  Hütte  als  eyne  grosse  icoJffynne,  der 
die  Teufel  Schwefel  und  Pech  eingießen. 

Die  Theilnahme  Satans  am  Kampf  kann  im  Volksglauben  nicht 
befremden,  wo  oft  der  tiuvel  und  der  antekrist  (H.  Z.  6,  382)  identi- 
ficiert  vorkommen. 

Die  bloße  Verwundung  des  Elias  konnte  die  populäre  Überlie- 
ferung, die  ihn  verherrlichen  wollte,  seiner  Tödtung  substituieren; 
von  seiner  Wiederbelebung  scheint  sie  nichts  zu  wissen,  sonst  wäre 
sie  jedenfalls  erwähnt. 

Die  Schilderung  des  Weltbrandes  ist  echt  volksthümlich,  ganz 
entsprechend  der  des  Chaos  im  Wessobr.  Geb.  (Z.  3  stein  zwischen 
poum  und  pereg  nach  Wackern.,  Höpfn.  und  Zacher  I,  309):  Himmel, 
Erde,  Mond,  Meer  sind  dem  Deutschen  für  das  Weltall,  —  Bei'g, 
Baum  (vgl.  im  Altn.  Gras)  und  als  Letztes  der  feste  Stein  für  die 
Ei'de  das  Bezeichnende  (vgl.  Völusp.   3.  5). 

In  der  christlichen  Lehre  wird  der  Mond  einfach  verfinstert  in 
blutigen  Schein  (Matth.  24,  29  u.  ö.,  vgl.  Heliaud  131,  20.);  fallen, 
wie  hier,  dürfte  er  nach  Beda  (in  Matth.  24)  nicht,  da  nach  Apoc. 
12,   1    die  Kirche  auf  dem  Mond  steht. 

Auch  ein  wirkliches  Vergehen  des  Himmels,  d.  h.  des  Äthers, 
geben  die  Kirchenlehrer  nicht  zu,  trotz  Matth.  24,  35:  nur  die  Er- 
denluft wird  zerstört,  denn  nach  Beda  (de  die  judicii  69)  wäre  Ver- 
finsterung von  Sonne  und  Mond,  und  Fallen  der  Sterne  unmöglich,  si 
coelum  ipsum,  locus  videlicet  eorum,  igne  voratum  transibit;  auch 
der  „neue  Himmel"  (Apoc.  21,   1)  ist  nur  per  ignem  innovatum. 

Die  Kirchenlehre  von  den  Vorzeichen  des  Gerichtes  läßt  seit 
(Pseudo-)  Hieronymus  übereinstimmend  durch  eines  derselben  alle 
Berge  geebnet  werden  (so  schon  im  Codex  unseres  Gedichtes  selbst 
das  in  die  Predigt  eingeflochtene  sibyllinische  Orakel:  jam  aequantur 
campi  montes  et  ebenda    pouti,    Schmeller    Musp.    S.  5;    —  H.  Z.  II, 


ZUM  MUSPILLI.  153 

523  und  im  Fries.  Asegabok  ist  cließ  das  neunte  Zeichen,  ebenso  bei 
Petrus  Comestor  bist,  evang.  141,  —  bei  Ricardus  a  Media  Villa  das 
elfte,  beim  Meißner  das  sechste,  H.  Z.  I,  123  das  zehnte;  P.  Comestor 
nimmt  sich  sogar  bist.  ev.  a.  a.  O.  die  Mühe  des  Beweises,  daß  trotz- 
dem noch  das  Thal  Josaphat,  avo  Gericht  gehalten  werden  soll,  exi- 
stiert); hier  verbrennen  sie  erst  im  Weltbrand. 

Um  das  Alles  kümmert  sich  unser  Dichter  nicht;  er  gab  eben 
einfach,  was  Glaube  war,  voll  volk  sthümlicher  Züge  — 
„heidnischer"  sagen  wir  lieber  nicht,  damit  man  diesen  Ausdruck 
nicht  wie  bei  Bartsch  und  Feifalik  von  directer  Entlehnung  aus  dem 
Norden  verstehe.  Nicht  Alles  was  volksmäßig-heidnisch  ist,  ist  nor- 
disch, hinwiederum  aber  dürfte  Manches  was  christlich  sclieiut,  schon 
im  germanischen  und  noch  älteren  Glauben  begründet  und  später 
durch  ihn  begünstigt  sein.  So  ist  gewiß  der  Zwiespalt  der  Verwand- 
ten, den  unser  Gedicht  andeutet,  nicht  zuerst  aus  christlicher  An- 
schauung (Marc.  13,  12.  Luc.  21,  6)  geflossen,  sondern  ruht  mit  dem 
skeggöld,  skalmöld,  vindöld,  vargöld  der  Völuspä  (entsprechend  dem 
ßmbidvetr  in  der  Natur)  auf  einheimischer  Vorstellung,  nach  welcher 
den  Stürmen  und  Verfinsterungen  in  der  Natur  auch  Sturm  und  Er- 
löschen aller  Liebe  in  der  Menschenwelt  entsprechen  mußte  (Dietrich, 
Alter  der  Völusp.  H.  Z.  VII),  und  der  wir,  wenn  ich  nicht  irre, 
schon  im  indischen  Kali-Alter  vor  dem  Weltende  (Kali  Streit)  be- 
gegnen (Vishnu  Puräna  übs.  von  Wilson  S.  622  ff.):  the  observance 
of  caste,  Order,  and  Institutes  will  not  prevail  in  the  Kali  age . . . 
family  descent  will  no  longer  be  a  title  of  supremacy...  the  mother 
and  father-in-law  will  be  venerated  in  place  of  parents,  and  a  man's 
friends  will  be  bis  brother-in-law,  or  one  who  has  a  wanton  wife. 
Men  will  say;  „Who  has  a  father?  who  has  a  mother?  each  one  is 
born  according  to  bis  deeds." 

Wüßten  wir,  ob  der  nordische  Ragnaröks-Mythus  und  wie  viel 
davon  auch  in  Deutschland  gelebt  habe,  so  könnten  wir  mit  Sicher- 
heit von  heidnischen  Zügen  sprechen  und  die  betreffenden  Theile, 
wie  Bartsch  thut,  ins  Heidenthum  zurückübersetzen.  So  aber  können 
wir  nur  volksthümliche  Behandlung  des  christlichen  Gegenstandes  und 
Einmischung  volksthümlicher  Züge  erkennen  und  müssen  uns  begnü- 
gen, einfach  die  ähnlichen  heidnischen  Anschauungen  daneben  zu 
stellen^  es  unentschieden  lassend^  ob  sie  wirklich  verwandt  —  viel- 
leicht unverwandt  —  sind,  oder  nicht.  Es  sind  bes.  Völusp.  45.  47. 
55  (vgl.  Gylfaginn.  51).  56. 

Auch  die  entsprechenden  Stellen  der    ags.    Gedichte    wird    man 

GERMANIA.   Neue  Reihe  IV.  (XVI.)  Jahrg.  H 


154  FEEDINAND  VETTEE 

nicht,  wie  Bartsch  die  Deutschen  {der  inan  farsenkan  scal  =  sigr  fold  t 
mar),  direct  mit  denen  der  Edda  in  Verbindung  bringen.  Es  wird 
dasselbe  Verhältuiss  zwischen  ÜberHeferung  und  Volksglaube  wie  im 
Muspilli  herrsehen  in  Crist  808  ff.  (vgl.  Domes  däg  7  ff.),  oder  931  ff. : 

dyned  deop  gesceaft  möna  pät  sylfe, 

and  fore  diyhtne  färect  pe  aer  moncynne 

välmfjrr  miest  nihtes  lyhte, 

ofer  vidne  grund,  nider  gehre6se3 

hlemmed  häta  leg,  and  steorran  svä  some 
[              heofonas  berstact,  stredad  of  heofone 

trume  and  torhte  Jaurh  pä.  strongan  lyft 

tungol  ofhrdosad:  stormum  äbeätne. 

J)onne  veorded    sunne  Vile  älmihtig 

sveart  gevended  mid  his  engla  gediyht 

on  blödes  hiv,  mägencyninga  meotod 

seö  \)e  beorbte  scän  on  gemot  cuman, 

ofer  ffirvoruld  Jjrymfäst  f)eöden. 

älda  bearnum 

Also:  Volksglaube,  aus  judenchristlicher  (2.  sib.  Buch) 
und  altnationaler  Grundlage  zugleich  üppig  emporwu- 
chernd, ist  es,  worauf  unser  zweites  Gedicht  im  Gegensatz  zum 
ersten  ruht. 


Es  sei  endlich  auch  noch;,  nach  den  resultatlosen  Anderer,  ein 
Versuch  gewagt  zur  Erklärung  des  heidnischsten  der  heidnischen  Züge 
oder  der  einzigen  ganz  sicher  heidnischen:  des  Wortes  von  dem  unsere 
Gedichte  seit  Schmeller  den  Namen  haben.  Das  ahd.  muspilli  (oder 
muspil?*)  dat.  muspille  (Vs.  57),  das  an.  Muspell,  Muspelsheimr,  und 
das  as.  mudspelli  mutspelli  (Hei.  79,  24.  133^  4.)  mit  Leo  (H.  Z. 
III,  226)  aus  dem  wälschen  mud  und  yspel  oder  dem  gälischen  muth 
und  spuill  abzuleiten  und  „Hinausschaffen"  oder  „Plünderung  des  Be- 
weglichen" zu  erklären,  ist  bei  einem  so  alten  und  vorzugsweise  bei 
den  Skandinaven,  die  nie  mit  den  Kelten  nachbarlich  sich  berührten, 
gebräuchlichen  Worte  sehr  bedenklich. 

Jac.  Grimm's  Erklärungen  oris  eloquium  oder   mutationis  nun- 


*)  Der  Muspil  Laclim.,  das  Muspilli  Schmeller,  MüUenh.,  Bartsch,  Zarncke. 
Die  ahd.  u.  as.  Stellen  bieten  nur  den  Dat.  u.  Gen.,  und  den  artikellosen  Nom. 
(muspilli  Hei.  133,  4.).  —  Die  altnordische  (wohl  männliche?)  Personification  in 
Muspells  lySir,  synir,  Muspellsheimr,  kann  für's  Hochdeutsche  nicht    entscheiden. 


ZUM  MUSPDLLI.  155 

tlus  (Gr.  IL  526)  haben  formelle  wie  sacliliclie  Bedenken  und  werden 
von  ihm  selbst  (Myth.  768)  aufgegeben.  Richtig  aber,  wie  ich  glaube, 
ist  an  letzterer  Stelle  der  zweite  Theil  des  "Wortes  zu  au.  spilla^  ags. 
spillan,  ahd.  spildan,  as.  spildian,  pendere  gestellt;  für  den  ersten  ge- 
nügt Grimm  keine  der  dortigen  Ableitungen;  man  ist  nach  ihm  be- 
fugt, darin  „eine  altverdunkelte  entstellte  Form  zu  finden." 

Ich  denke  an  den  allgemein  nordgermanischen  Ausdruck  für 
Gott:  metod  (meotod)  im  As.  und  Ags.,  miötuär  im  Altn.  (vgl. 
Myth.  20),  welcher  Gott  oder  die  Götter  (als  die  Messenden,  Bilden- 
den, Schaffenden)  bezeichnet  (vgl.  die  mhd.  Parallelen,  Myth.  20, 
Müller  altd.  Eel.  148).  Der  hochdeutschen  Form  der  Wurzel  „mii" 
mit  z  würde  der  Mangel  des  ^-Lautes  in  hd.  muspilU  entsprechen, 
(z  vor  s  fiel  aus,  vgl.  hezüt-hest),  während  sich  zu  as.  metan,  metiri, 
richtig  das  t  oder  d  in  mulspelli  stellt;  das  An.  assimilierte  regel- 
recht. (Das  Vb.  meta  kommt  nur  im  Ptc.  Pt.  metinn  sifiagiiEvr},  vom 
Schicksal  bestimmt,  vor,  Sigdrf.  20).  Die  Vorstellung  von  den  Göt- 
tern als  Bildnern  reicht  in  die  Urzeit  zurück :  auch  im  Sanskrit  ist 
die  Bildnerin,  mätar,  nom.  iiiatri  (zur  Wurzel  iiia)  personificiert  als 
Göttermutter.  Dem  ssk.  mä  würde  g.  an.  as.  mo  entsprechen,  also  ein 
dunkler  Vocal.  Für  die  Zusammensetzung  darf  wohl  statt  derjenigen 
mit  -od-udh  auf  eine  ähnliche  kürzere  Bildung,  entsprechend  deijeni- 
gen  im  Sanskrit  zurückgegriffen  werden,  die  in  mud  mut  steckt. 
metodo-spelli  (resp.  motspelli)  Götterverderben,  wäre  für  das  Feuer 
und  speciell  das  des  Weltbrandes,  die  passendste  Bezeichnung  und 
würde  sich  sehr  ansprechend  neben  metodo-giskajpu,  regano-giskapu 
stellen. 

GÖTTINGEN,  im  August  1870.  ^  ;:•,.-. 


HARTMANN'S  VON  AUE  HEIMATH  UND 
STAMMBUEG. 


i.     ."■■■.  "  •: 

über  Hartmann's  Heimat  bestehen  vier  Hauptansichteu.  Die  einen, 
noch  vertreten  durch  Kurz,  halten  ihn  für  einen  Thurgauer  aus  dem 
Geschlechte  von  Westerspül.  Diese  Annahme  wurde  bereits  von  den 
Brüdern  Grimm,  Lachmann,  Haupt,  wie  mir   scheint,    mit    Erfolg  bg. 

11* 


156  F.  BAUER 

kämpft,  Wilmanns  meint,  der  Dichter  wäre  ein  Franke;  Bech  wies 
auf  Eigentliümliclikeit  der  Sprache  imd  historischen  Beleg  sich  stützend 
diese  Ansicht  als  irrig  zurück.  So  bleiben  noch  zwei  Aufstellungen 
übrig.  Stalin*),  Lachmann,  Schreiber,  suchen  seine  Stammburg  im 
badischeu  Oberlande,  Brüder  Grimm  und  Karl  Roth  im  oberen  Neckar- 
thaie. Welche  beider  Annahmen  ist  nun,  wenn  nicht  die  allein  rich- 
tige, doch  berechtigtere? 

In  der  nächsten  Nähe  des  bezüglichen  badischen  Au  lebend, 
stellte  ich  mir  die  Aufgabe,  die  Gründe  für  die  Stälin'sche  Ansicht 
einer  näheren  Prüfung  zu  unterziehen.  Das  Resultat  derselben  erlaube 
ich  mir  hiemit  als  bescheidenen  Beitrag  zur  Lösung  obschwebender 
Frage  beizusteuern. 

Das  Dörfchen  Au,  das  in  dieser  Frage  zunächst  in  Betracht 
komrat^  ist  eine  Stunde  von  Freiburg  am  östlichen  Fuße  des  Schün- 
berges,  in  dem  lieblichen  Hexenthälchen  belegen.  Dasselbe  begegnet 
uns  schon  als  Auiva  in  einer  Urkunde  des  Klosters  St,  Gallen  vom 
Jahre  861  **). 

Die  Schreibung  des  Ortes  erscheint  urkundlich  in  folgenden 
Formen:  Oiva,  Ooica  (de)  Rot.  San.  Petr.  85,  75;  Oivon,  Owen,  86, 
79,  um  1120.  Owe,  Öwe,  um  1280.  Schreib.  Urk.  d.  Stadt  Freiburg, 
I,  113;  Ouive  1350,  II,  150;  Aiv  um  1470^  II,  551  und  jetzt  Au. 

Den  Bestand  einer  „Burg"  in  dem  genannten  Dorfe  belegt  die 
Stelle :  Au,  hurg  ze  Ohhusen,  Mone,  Zeitschr.  des  Oberrh.  VIII,  390, 
sie  lag  auf  einem  allseitig  sanft  abfallenden,  oben  flachen  Ausläufer 
des  genannten  Schünberges,  in  der  Gegend,  wo  heute  die  3  „Burg- 
höfe" sich  befinden.  Doch  muß  diese  „Burg"  weder  von  beträchtli- 
chem Umfange,  noch  fester  Bauart  gewesen  sein,  denn  der  unbefan- 
gene Wanderer  würde  kaum  ahnen,  daß  hier  ehemals  eine  Burg  ge- 
standen, so  wenige  Spuren  zeigt  noch  die  Stelle,  so  wenig  geeignet 
für  eine  Veste  überhaupt  erscheint  die  Ortlichkeit, 

Auf  dieser  Burg  nun  waren  Ministerialen  der  Herzoge  von  Zäh- 
ringen seßhaft;  sie  nannten  sich  zweifelsohne  vom  Orte  selbst  von 
Ouwe.  Ihnen  soll  nach  der  Ansicht  bezüglicher  Forscher  der  „arme 
Heinrich"  und  so  der  Dichter  Hartmann  selbst  angehören.  Die  Stel- 
len, welche  zu  dieser  Annahme  führten,  sollen  der  Übersichtlichkeit 
und  Wichtigkeit  wegen  soweit  als  nöthig  im  Wortlaute  folgen. 

*)  Wirtemb.  Geschichte  II,  762;  Lachmann  Walther^  196.  A.Schreiber:  Die 
Minnesänger  an  den  Fürstenhöfeu  im  Breisgau.  Freib.  1862. 

**)  In  ea  ratione  ut  annis  singulis  persolvamus  den.  IL  ad  basilicam  quae  di- 
citur  Auwa...,  Neug.  cod.  dipl.  I,  320. 


HARTMÄNNS  VON  AUE  HEIMATH  UND  STAMMBURG.  157 

In  einer  größeren  Schenkung  des  Herzogs  Bertliolcl  IIL  und 
seines  Bruders  Konrad  an  das  nahe  Kloster  S.  Peter  vom  26.  Decem- 
ber  1112  werden  in  folgender  Reihe  als  Zeugen  aufgeführt:  ...astan- 
tibus  nobilibus  viris,  quorum    nomina    in  rei  gestae    testimonium    sus- 

scripta  sunt :  Cuonone  de  Kunringen (Folgen  neun   Zeugen)  et 

de  domo  ducis:  Cuonone  de  Blankenberg,  Reginhardo  de  Wilare^ 
Berewardo  de  Verstatt,  Heinrico  de  Owon,  Gisilberto  de  Wilare 
et  aliis  quam  pluribus.  Rotul.  San  Petrinus,  Beigabe  zu  „die  Zährin- 
ger" von  Leichtlen,  Freib.  1831,  S.  65. 

Ganz  dieselbe  Fassung  bezüglich  der  Zeugen  hat  die  Schenkung 
Nr.  97,  S.  75  ff.  nur  erscheint  die  jüngere  Form  de  Owen.  Gewichti- 
ger erscheinen  noch  die  beiden  Stellen  des  Rotulus^  worin  eigene 
Schenkungen  besagten  Heinrichs  verzeichnet  sind,  da  dieselben  uns 
belegen,  daß  derselbe  wirklich  im  Dörfchen  Au  begütert  und  seßhaft 
war.  Die  Vergabungen  lauten:  Heinricus  de  Owa  vineam  unam  et 
pratum  apud  Ufhusen  ^)  situm  pro  salute  animae  suae  S.  Petro  do- 
nauit.  S.  85.  Der  Wortlaut  der  größeren,  die  um  das  Jahr  1120  zu 
setzen  ist ") : 

Heinricus  de  Owen  curtem  suam  una  cum  domo  et  omnibus, 
quae  ibi  possidebat,  S.  Petro  donauit  in  praesentia  domini  sui  Ber- 
tholdi  III  et  fratris  eius  domini  Cuonradi;  audientibus  quoque  his  li- 
beris  hominibus :  Cuonone  de  Kunringen  et  filio  eius  Cuonone .  . . 
(folgen  noch  5  liberi,  dieselben^  die  oben  nobiles  hießen)  et  de  fa- 
milia  ducis  Cuonone  de  Blankenberg,  Reginhardo  de  Wilare  et  aliis 
quam  plurimis.  Rot.  S.  86. 

Aus  vorgelegtem  Material  ergibt  sich:  Der  Ministeriale  Heinri- 
cus de  Owen  ist  persönlich  unfrei,  denn  anders  könnte  „liberi"  der 
„familia  ducis"  —  und  zu  dieser  gehört  er  ja  —  nicht  so  entschieden 
gegenüber  gestellt  sein  ^). 

Selbst  unter  den  genannten  Ministerialen  ist  Heinricus  weder 
durch  persönliche  Stellung,  noch  durch  etwaigen  Besitz  hervorragend, 
da  er  drei  anderen  ebenfalls  unbedeutenden  Geschlechtern  nachgesetzt 
und  hinter  dem  nächstfolgenden  mit  namentlicher  Aufzählung  der 
Zeugen  als  ganz  unbedeutender  Personen  abgebrochen  wird.  Sein  mit 


')  Ufhusen,  jetzt  Uffhausen,  Dorf  3/^   Stund  von  hier,  Y^  St.   von  Au. 

-)  So  Schöpflin,  hist.  Bad.  V,64,  Stalin  II,  20. 

*)  Alle  Dienstleute  (ministeriales)  waren  Hörige  ihres  Herrn.  Stenzel,  Gesclaichte 
Deutschlands  unter  den  fränk.  Königen  I,  179  ;  damit  im  Einklang  Stalin  Wirt.  G. 
II,  594;  u.  nach  Bader  Badenia  (ältere)  III,  45,  „konnte  der  geringste  Leibeigene  der 
Stammvater  eines  edlen  Geschlechtes  werden." 


158 


F.  BAUER 


Genehmigung  geschenkter  Besitz  war  nicht  von  Belang,  sonst  würde 
wie  bei  anderen  beträchthchen  Schenkungen  dieselbe  detailliert  sein, 
namentlich  waren  darin  keine  Eigenleute  inbegriffen^). 

Demnach  ist  Heinrich  von  Au  ein  unbedeutender,  nicht  einmal 
persönlich  freier  Dienstmann  der  Zähringer:  ein  Ergebniss,  mit  dem 
unsere  obigen  Angaben  bezüglich  der  Burg  völlig  übereinstimmen. 
Betrachten  wir  dem  historischen  Heinrich  gegenüber  den  „armen". 
Mit  Übergehung  der  rein  persönlichen  Züge,  als  hier  nicht  ins  Ge- 
wicht fallend,  halten  wir  nur  die  Angaben  über  Geschlecht,  Heimat 
und  Besitz  fest. 

Der  herre  HeinrUh  war  von  Omoe  geboren,  gesezzen  ze  Siväben. 
Er  war  persönlich  frei^  von  gehurt  iinivandelbcere,  ja  icol  den  für- 
sten  glich.  "War  reich  an  Besitz  und  Habe,  —  er  hete  ze  sinen 
handen  gehurt  und  darzuo  richheit.  . .  ^vart  richer  vil  dan  e  des  guotes, 
verfügte  selbständig  über  freies  Eigenthum  (vgl.  246  ff.  dazu  Sti^aßb.  Hs. 
sinen  liebsten  vreunden  zehant,  den  hevalch  er  hurge  und  laut  und  1452  er 
gap  in  ze  eigen  da  zehant  doz  hreite  geriute,  die  erde  und  die  Hute. .  . .,  ge- 
bot über  Mannen,  V.  1470  und  konnte  so  in  der  That  ein  schilt  siner 
mäge  sein. 

Wohl  hat  in  dem  „armen  Heinrich"  der  Dichter  das  Musterbild 
eines  echten  Ritters  der  damaligen  Zeit  gezeichnet  ^),  wir  legen  darum 
auf  die  persönlichen  Vorzüge  weniger  Werth,  denn  zu  unterscheiden, 
wie  viel  Wahrheit,  wie  viel  Dichtung  vorliegt,  ist  unmöglich,  müssen 
aber  deßhalb  obige,  das  Geschlecht  berührenden  Angaben  auch  Er- 
dichtung, beziehungsweise  unhistorisch  sein?  Sehen  wir  zu. 

Anzunehmen,  daß  Hartmann  sein  eigenes  Geschlecht,  denn  auch 
er  ist  ein  OuAvajre  3),  über  die  Wahrheit  gefeiert  habe,  widerspricht  zu- 
nächst geradezu  seinem  Charakter,  in  welchem  als  Hauptzug  die 
Ildze  anerkannt  ist*);  dann  hätte  er^  und  das  will  bei  einem  Hart- 
mann viel  sagen,  durch  eine  derartige  Verherrlichung  sich  unter  den 
mit  den  wirklichen  Verhältnissen    des    Geschlechtes    der  Auer    gewiß 


')  Die  Schenkung  solcher  wird  im  Rot.  ausdrücklich  erwähnt.  So  S.  66,  Nr.  14; 
67,  Nr.  24;  68,  Nr.  34,  35,  36,  44  und  noch  oft. 

*)  Wackeraagel,  Lit.  105, 

^)  So  nennt  er  sich  selbst,  so  andere,  die  mit  und  nach  ihm  lebten.  Vgl.  die 
Citate  bei  Bech.  „Ritter"  und  vorübergehend  (freiwilliger)  „Dienstmann"  eines  noch 
nicht  ermittelten  Herrn,  aber  nicht  eines  „von  Owe".  War  gesessen  „ze  Owe",  A.  H. 
5,  wenn  man  nicht  die  Lesart  B  „von  Owe"  übereinstimmend  mit  I.  B.  29  vor- 
ziehen will. 

*)  Wackernagcl,  Lit.  197. 


HARTMANN'S  VON  AUE  HEIMATH  UND  STAMMBURG.  159 

genau  vertrauten  Landes-  und  Stammgenossen  geradezu  lächerlieh  ge- 
macht. Ist  dieß  von  dem  loisen  Hartmann  denkbar?  Daß  endlich  der 
Dichter  seine  Familiengeschichte,  reicht  sie  auch  noch  weiter  zurück, 
gekannt  habe,  gederkt  wohl  Niemand  ernstlich  in  Abrede  zu  stellen  ^). 

Ich  halte  daher  an  der  Ansicht  fest,  daß  die  Angaben  über  den 
Adel  des  Geschlechtes,  über  Hab  und  Gut  historisch  seien  und  komme 
zu  dem  Schluße : 

Jener  persönlich  unfreie^  unbedeutende  Zähringische  Ministeriale 
Heinrich  von  Au  im  Breisgau  kann  nicht  identisch  sein  mit  dem  per- 
sönlich freien  über  Land  und  Leute  selbständig  verfügenden  Herrn 
Heinrich  von  Au  in  Schwaben*). 

Ist  nun  die  Stammburg  des  „armen  Heinrich"  nicht  im  Breisgau 
zu  suchen,  so  kann  auch  der  Dichter,  da  er  zu  demselben  Geschlechte 
zählt  und  eine  Verwandtschaft  zwischen  beiden  Auern  nicht  nachweis- 
bar ist,  nicht  aus  unserer  Gegend  stammen. 

Mit  diesem  allerdings  negativen  Resultate  könnte  ich  abbrechen. 
Doch  möge  noch  der  Vollständigkeit  wegen  und  zur  Erhärtung  un- 
serer Ansicht  das  Geschlecht  der  Breisgauer  Auer,  so  weit  als  ur- 
kundlich möglich,  zur  Besprechung  gelangen.  In  keiner  Urkunde  aus 
der  zweiten  Hälfte  des  12.  Jahrb.,  und  ich  habe  deren  nicht  wenige 
durchgesucht,  begegnete  mir  ein  Breisgauer  Auer  außer  wieder  im  Rot. 
San  Pet.  S.  75. 

Die  Stelle  heißt:  Liuffridus,  miles  de  Oowa,  uineam  unam  apud 
Ufhusin  pro  remedio  anime  sue  Sancto  Petro  dedit.  Die  Vergabung 
geschah  ungefiihr  um  1180 — 1190,  wie  aus  dem  Zusammenhang  sich 
ergibt,  mit  welcher  Annahme  auch  Sachs  bad.  Geschichte  I,  53  über- 
einstimmt. Auch  dieser  „miles"  muß  als  Zähringer  Ministeriale  ange- 
sehen werden,  wenngleich  er  ohne  ausdrücklich  erwähnte  Zustimmung 
seines  Herrn  vergabte^). 


')  Oder  sollte  wirklich  der  „arme  Heinrich"  schon  „mythisch"  sein?  Stalin 
(a.  a.  O.)  und  Lachmann,  Walther  3.  A.  S.  196  setzen  ihn  durch  die  Identificierung 
mit  dem  Heinricus  de  Owon  um  1112 — 1123,  also  60—50  Jahre  vor  Hartmann:  ein 
Großvater  oder  Großoheim  wäre  somit  schon  „mythisch?" 

*)  Da  Hartmann  offenbar  Heinrichs  und  seine  Heimat  durch  „ze  Swahen"  aus- 
drücklich angeben  wollte,  so  würde  er  in  Beziehung  auf  unser  Au  schwerKch  in 
Schwaben,  sondern  im  Breisgau  gesetzt  haben,  denn  letztere  Bezeichnung  war,  so- 
weit ich  überschaue,  die  allein  übliche.  Man  vgl.  z.  B.  Dumge,  reg.  bad.  S.  119  vom 
J.  1101;  S.  13ü  V,  J.  1155;  §.  138  v.J.  1198;  S.  147  v.  J.  1187  und  öfter.  —Wenn 
immerhin  kein  allzu  großes  Gewicht  diesem  Umstand  beizumessen  ist,  so  darf  er 
doch  nicht  ganz  übersehen  werden. 

^)  Herzog  Konrad  1122-1152  hatte  der  Abtei  St.  Peter  die   Freiheit  bestätigt, 


160  F.  BAUER 

Zu  diesem  „miles  Liuffridus",  der  so  wenig  als  sein  Ahne  Hein- 
ricli  eine  Persöuliclikeit  von  Bedeutung  gewesen  war,  müsste  unser 
Hartmann  in  näherem  verwandtschaftlichen  Verhältnisse  gestan- 
den und  wie  dieser  ein  Zähringischer  Ministeriale  gewesen  sein  *). 
Sein  Herr  wäre  Berthold  IV,  gest.  8.  Dezember  1186.  Gegen  diese 
Vermuthung  streitet:  1.  das  Verhältniss  Hartmanns  zu  seinem  Herrn 
war  mehr  ein  freundschaftliches  als  streng  dienstliches,  Bech,  Lieder 
2,  37;  8,  37  ff.;  solche  Innigkeit  ist  aber  zwischen  dem  bis  30  Jahre 
jüngeren  und  niederstehenden  Dichter  und  dem  Herzog  nicht  anzu- 
nehmen; 2.  Hartmann's  Herr  muß  kurz,  bevor  derselbe  den  Kreuzzug 
antrat,  gestorben  sein,  denn  aus  den  bezüglichen  Stellen  spricht  der 
noch  ganze  frische  Schmerz  um  den  herben  Verlust  des  Freundes. 
Würde  kaum  zutreffen,  selbst  wenn  wir  die  Betheiligung  des  Dich- 
ters am  Kreuzzuge  1189  annehmen^);  3.  der  geborne  Dienstmann 
wäre  nothwendig  an  Berthold  V.  übergegangen.  Dieser  kunstsinnige 
Freund  des  Gesanges  (vgh  Wackernagel,  Lit.  S.  110;  Stalin,  w.  G. 
II,  298  ff.)  hätte  wohl  einen  sonst  unbekannten  Berthold  von  Her- 
bolzheim, nicht  aber  den  so  bedeutenden  Hartmann^  dazu  seinen  Va- 
sallen an  seinen  glänzenden  Hof  gezogen  und  dort  fest  gehalten? 
Hätte  unter  solchen  Umständen,  da  ja  gerade  bei  Berthold  V.  die 
gebührende  Würdigung  und  Wertlischätzung  dem  Sänger  in  sicherer 
Aussicht  stand,  er  über  seines  Herrn  Hinscheiden  in  dem  Grade  be- 
trübt sein  können,  als  uns  die  citierten  Stellen  belegen?  —  Nun  aber 
ist  überhaupt  kein  zweites  Dienstverhältniss  des  Auers  nachweisbar; 
er  scheint  vielmehr  zurückgezogen  auf  seinen  Gütern  dem  Familien- 
glücke^  den  ländlichen  Beschäftigungen  und  seiner  Muse  gelebt  zu. 
haben  ^). 


daß  seine  Dienstleute  ihre  Güter  diesem  Gotteshause  nach  Belieben  freiwillig  über- 
lassen könnten.  Sachs,  bad.  Geschichte,  I,  38.  Von  dieser  Freiheit  machte  auch  schon 
Heinrich  von  Au  bei  seiner  kleineren  Schenkung  Gebrauch. 

')  Daß  der  Dichter  aber  nicht  wie  Stalin  (a.  a.  O.)  und  auch  Andere  meinen, 
dessen  Vasall  gewesen  sein  könnte,  ist  nun  aus  dem  bereits  mitgetheilten  Materiale 
klar,  denn  der  „miles  Liuffridus"  ist  ja  selbst  im  Besitz  des  Lehens,  und  anderen  grö- 
ßeren Besitz  hatten  die  Auer  nicht. 

')  Diese  hat  neuerdings  wieder  Seizier,  (Forschungen  z.  d.  G.  1870,  1.  H.) 
durchzuführen  gesucht.  Er  nahm  deshalb  die  schon  von  Grimm  aufgestellte  Lesart 
wieder  auf: 

ebte  min  her.  Salatin  und  al  sin  her 
Arm.  H.  S.  135  Berl.  1815. 

3)  Von  dem  Wappen,  den  Farben,  womit  Hartmann  in  der  Hs.  erscheint,  auf 
welche  Stalin  an  angeführter  Stelle  einiges,  Schreiber  dagegen  mehr  Gewicht  legt,  ist 


HARTMANN'S  VON  AUE  HEIMATH  UND  STAM5IBUEG.  161 

Es  mögen  nun  noch  einige  Auer  sich  anreihen,  von  denen  ich 
allen  Grund  habe  zu  vermuthen,    daß    sie   dem   Breisgau    angehören. 

1.  1258.  Eine  Schenkung  an  das  benachbarte  Kloster  Thennen- 
bach:  domine  Adelheidis  usoris  mee  dicte  de  Owe.  Ihr  Gatte  war 
Werner  Koler  von  Freiburg.  Mone,  Zeitschr.  d.  Oberrh.   IX,  471. 

2.  1327.  Rudolf  von  Owe  Zeuge  bei  einer  Schenkung  des  Al- 
bert von  Falkenstein.  Mone,  Z.  12,  463. 

3.  1366.  Clara  von  Ouwe,  Rudinis  von  Ouwe,  Wittib,  gibt  dem 
Markgrafen  Otto  das  Wiederiösungsrecht  über  eine  Gilte.  Sachs  bad. 
G.  I,  441. 

4.  1373.  Ein  Bruder  Johannes  von  Ouwe,  Johanniter,  Zeuge  bei 
verschiedenen  Schenkimgen.  Mone,  Z.  XVI,  469. 

5.  1427.  Agnes  von  Ow,  Wittib  Rudinis  de  Ow,  armigeri,  macht 
eine  Meßstiftung  ins  hiesige  Münster.     Lib.  benef.  Stadtarch. 

6.  1465.  Edelin  de  Ow,  Priorin  des  Klosters  Adelhausen.  Kloster- 
chronik. Stadtarchiv  *). 

In  den  bereits  von  Schreiber  veröffentlichten  zahlreichen  städti- 
schen Urkunden  finden  wir  von  dem  Geschlechte  keine  Erwähnung, 
eine  Thatsache,  die  nicht  unterschätzt  werden  darf.  Wäre  das  vor  den 
Thoren  der  Stadt  seßhafte  Geschlecht  durch  Grundbesitz,  Adel,  Ver- 
dienste bedeutend  je  gewesen  oder  vorübergehend  geworden,  so  müßte 
doch  auch  diese  Bedeutung  in  der  Geschichte  unserer  Stadt,  wie  bei 
anderen  in  der  Xähe  wohnenden  Geschlechtern  es  wii-klich  der  Fall^ 
urkundlich  bewiesen  hervortreten. 

Daß  nun  unter  solchen  obwaltenden  Verhältnissen  von  einer 
Freiherrschaft  zu  Au,  deren  Annahme  doch  durch  die  PersönUchkeil?» 
des  „armen  Heinrich"  bedingt  ist  (vgl.  Haupt,  Lied.  XI),  keine  Rede 
sein  kann,  wird  auch  dem  Fernestehenden  augenscheinlich.  Der  Orts- 
kundige weiß  aber,  daß  für  eine  solche  in  dem  rings  von  der  Zäh- 
ringer und  anderer  Edlen  Gut    eingeschlossenen    kleinen  Gebiete  des 


ganz  abzusehen.  Wie  wenig  damit  anzufangen,  zeigt  der  Umstand,  daß  auch  für  die 
Behauptung,  Hartmann  sei  ein  Edler  von  Westerspül,  das  Wappen  beigezogen  wird.. 
Vgl.  Haupt,  Lieder  X  ff.  Wenn  ferner  Schreiber  sich  lediglich  auf  die  Lesart:  „Her 
hacchen«  in  B,  Haupt  L.  1806  stützend  von  einem  die  Dichtkunst  fördernden 
Hochbergischen  Hofe  spricht  und  den  Dichter  als  einen  Dienstmann  dieses  Hauses 
betrachtet,  so  vermag  ich  dahin  nicht  zu  folgen.  Vgl.  üb^r  die  Lesart  Haupt 
S.  V.    [und  Germ.  XV,  411.] 

*)  Balthasar  von  Ow  zu  den  Vorderöst.  Ständen  zählend  1468,  Mone,  Z.  XH, 
470  und  Melchior  von  Au,  Landvogt  zu  Hochberg  1553,  Sachs  bad.  Gesch.  I,  388 
gehören  dem  Wirt.  Geschlechte  von  Ow  au. 


162  H^^S  C.  FREIH.  V.  OW 

Hexenthälcliens  gar  kein  Raum  vorhanden  wäre,  und  so  fehlt  nach  jeder 
Seite  hin  uns  die  Berechtigung,  sowohl  den  „armen  Heinrich",  als 
den  Dichter  Hartmann  diesem  Geschlechte  einzureihen  imd  unserer 
Gegend  zuzusprechen. 

Zu  diesem  Resultate  wurde  ich  nach  und  nach  nur  ungern  nach- 
gebend gedrängt.  Schon  im  Begriffe,  meine  Forschungen  auf  die  Auer 
im  Oberneckarthaie  auszudehnen,  hatte  Freiherr  v.  Ow,  den  ich  um 
gefällige  Unterstützung  in  dem  Vorhaben  gebeten,  die  Güte,  mich 
mit  einer  vollständigen  Abhandlung  über  unsern  Dichter  zu  erfreuen, 
eine  Arbeit,  die  um  so  mehr  zum  Danke  verpflichtet,  als  Familien- 
urkunden dazu  verwendet  und  verarbeitet  sind,  welche  einem  andern 
Forscher  unzugänglich  wären.  Nach  erbetener  Genehmigung  des  Herrn 
Verfassers  lege  ich  dieselbe  hiemit  den  Verehrern  des  Dichters  un- 
verkürzt vor  mit  dem  Beifügen,  daß  Freiherr  v.  Ow  auf  meine  Bitte 
die  Zusage  gegeben,  die  bezüglichen  Familienpapiere  später  vollstän- 
dig veröffentlichen  zu  wollen. 

F.  BAUER. 

II. 

Her  Hartman  hieß  nicht  bloß,  sondern  war  von  Owe  (I.  Büch- 
lein 29,  Ambraser  Handschr.),  ein  Oiaoaere  (Iwein  29),  von  Ouive  gehorn, 
wie  der  allda  ze  Sicäben  ge^ezzene  Freie  {sm  hurt  iimcandelhoere  und  lool 
den  fürsten  gelich)  herre  Heinrich,  welchen  hochgeehrten  und  allbe- 
liebten Ahnherrn  er  den  Nachkommen,  damit  sie  ihm  mit  Gebet  dafür 
lohnen  mögen,  besungen  hat  (1—81). 

*  Ihre  Stammburg  mit  dem  gleichnamigen  StätÜin  Owe,  nach  1300 

Obern-Owe  genannt,  seit  1400  Obern-Ow,  endlich  Obern-Au  (zum 
Unterschied  von  dem  abgetrennten  jetzigen  Bade  Niedern-Au)  —  ist 
eine  Stunde  oberhalb  Rotenburg  am  Neckar  gelegen,  theilweise  er- 
halten und  noch  jetzt  bewohnt. 

Ebenso  findet  sich  noch  von  ihrer  zugehörigen  freien  Herrschaft 
Owe,  —  hurg  und  laut  (wie  die  Straßb.  Hs.  v.  250  ff.  sagt),  —  der 
Theil  ob  dem  Berge  in  dem  Besitze  der  Reichsfreiherrn  v.  Ow  (Linie 
ob  dem  Berge)  zu  Wachendorf,  Birhngen,  Neuhaus,  Altdorf  etc.^  der 
bis  1805  reichsunmittelbar  bliebe  mit  Urkunden  auch  über  den  ande- 
ren Theil  unter  dem  Berge  (der  ausgestorbenen  Linien) ;  wonach  sich 
etwa  12  Orte  und  5  Burgen  des  Gesammtgebietes  als  die  alte  Frei- 
herrschaft Owe  (des  13.  Jahrh.)  erweisen. 

Der  freie  Herr  Heinrich  von  Owe^  von  dem  wir  aus  den  Heidel- 


HARTMANN'S  VON  AUE  HEIMATH  UND  STAMMBUEG.      163 

berger-  der  Koloczaer-  und  der  Straßburger  Handschrift  wissen, 
(siehe  bei  Haupt  und  Grimm  die  Noten  am  Ende,  die  in  Bech's  neuer 
Bearbeitung  leider  fehlen),  daß  er  nach  dem  Tode  seiner  Frau  sich 
in  ein  Marienkloster  zurückzogt  war  wohl  derselbe^  der  noch  1081 
und  1091^  als  in  der  Nähe  der  Owe  Reichenbach  und  das  Marienklo- 
ster Zwifalteu  gestiftet  wurden,  jenem  als  clericus  eine  Schenkung 
seines  Bruders  —  des  dominus  Mangold  —  bestätigte,  diesem  als 
mon.  noster  ein  werthvolles  beinernes  Crucifix  schenkte.  (Würt.  Urk. 
B.  H,  401,  3.  9,  namentlich  die  Verbesserungen  446.  47  und  Heß 
mon.  Guelfica  XXI  gegen  Ende.) 

Weitere  Familienglieder  sind:  die  Freien  Gerbold  und  Werner 
Gebrüder,  Zeugen  bei  der  Stiftung  von  Alpirsbach  1095,  Wolf  und 
Albert  desgleichen  1125 — 37_,  Letzterer  auch  im  Cod.  Hirsaug.  f.  44*, 
sowie  allda  um  1150  mit  einem  Gütertausche:  Hermann  I,  der  sichere 
Stammvater  der  jetzigen  Freiherrn  v.  Ow,  1161  Heinrich  H,  Zeuge 
in  Barbarossas  Dipl.  für  Pfeffers,  Herman  H  Dominus  de  Owe  1245 
Zeuge  und  1251  f,  nachdem  er  mit  seinem  Sohne  Dominus  Ber- 
thold und  seinen  Enkeln  freie  Güter  der  Herrschaft  Owe  an  Bebenhau- 
sen geschenkt  hatte. 

Gleich  Letzterem  war  Hartman  um  1170  geboren^  in  glückli- 
chen Verhältnissen,  (demfröuden  von  kinde  wonten  hl,  L.  2,  39  —  der- 
ie  schein  in  wenden  schar  in  Heinrichs  von  Türlein  Krone  2415)  und 
zeitweise  auf  der  väterlichen  Burg  Owe,  wo  er  die  maere  des  Ahn- 
herrn Heinrich  geschrihen  vant,  wenn  nicht  in  dem  nahen  Kloster  Zwi- 
falten,  dessen  berülimte  Schule  er  bis  in  sein  16.  Jahr  also  durchlau- 
fen haben  dürfte^  wie  er  dieß  im  Gregor  (987 — 1028)  noch  aus  fri- 
schem Gedächtnisse  ganz  umständlich  beschreibt.  Wahrscheinlich 
hatte  man  auch  ihn,  der  sich  mit  Recht  einer  für  damalige  Zeit  sel- 
tenen Gelehrsamkeit  rühmen  durfte  (Anfang  des  Heinrich  und  Iwein), 
zum  Pfaffen  heranzubilden  gesucht.  Allein  er  wollte  lieber  gotes  ritter, 
dann  ein  hetrogner  Mosterman  werden. 

Dazu  sich  den  Weg  zu  bahnen,  feine  Sitte  sich  anzueignen  und 
zugleich  sein  Dichtertalent  auszubilden,  hatte  er  ganz  nahe  die  aller- 
beste Gelegenheit^  das  benachbarte  Hoflager  des  Schwabenherzogs 
Friedrich  V.  von  Hohenstaufen,  wo  er  auch  dessen  Bruder^  den  ihm 
altersgleichen  Konrad  und  den  kaiserlichen  Vater  Friedrich  I.  selbst 
(1187 — 89)  kennen  lernen  mußte.  War  er  doch  noch,  als  er  den  Gre- 
gor schrieb  (V.  1401  ff.),  nie  mit  gedanke  ein  Beier  noch  ein  Franke. 
Die  Ritter  ze  Henegöu,  ze  Bräbant  und  ze  Haspengöii  aber ,  die  auch 
er  als  gute  Reiter  preist,  hatte  er  wohl  selbst  gesehen  als  er  jetzt  — 


164  HANS  C.  FEEIH.  V.  OW 

wahrscheinlich  bereits  jenen  Herzog  Konrad  begleitend  —  nach  Nord- 
frankreich^  der  Musterschule  des  höfischen  Geschmackes  reiste  und 
allda  sein  Französisch  lernte.  Denn  von  Karlingen  hrähte  er  einen  zou- 
herlist  (I.  B,  1280),  ohne  Zweifel  den  Urtext  des  Erec  und  vielleicht 
auch  des  Gregor  zurück,  welche  Werke  er  nun  deutsch  in  Schwaben 
bearbeitete.  {Erec  den  von  der  Swähe  lande  uns  hrähte  ein  tihtcere  meister 
Hartman]  Heinr.  v.  Türlein  in  s.  Krone  2353 — 60). 

Daneben  beschäftigte  ihn  auf  der  Owe  auch  noch  eine  Herzens- 
angelegenheit. Er  schwärmte  für  eine  freundliche  Jugendgespielin 
seiner  Nachbarschaft,  der  ich  gedienet  hän  mit  stcetekeit  ie  sit  der  stunt 
deich  minen  stap  gereit  (L.  2,  44).  Doch  dieselbe^  ein  Mädchen  von 
Stande,  zur  Jungfrau  aufgeblüht,  auch  gehütet  von  strengen  Ver- 
wandten, zog  sich  bald  scheu  zurück,  so  daß  er  nicht  einmal  da, 
zukam,  sich  zu  erklären,  als  er  endlieh  wieder  schied  (L.  16,  9  —  10). 
Daher  dann  die  klagenden  Minnelieder  und  in  gleichem  Tone  sein 
erstes  Büchlein.  Letzteres  schrieb  er ,  nachdem  er  das  Meer  ge- 
sehen hatte  (352 — 66),  vielleicht  im  Herbste  1191  mit  seinem  nun- 
mehrigen Schwabenherzoge  Konrad  und  Kaiser  Heinrich  VI,  nach 
der  Krönung  zu  Rom  von  den  Küsten  Apuliens  und  Neapels  zurück- 
gekehrt war,  da  jenem  unglücklichen  Zuge  die  Klageworte  über  ver- 
sunkene Schiffe  gelten  mögen: 

daz  ist  allen  den  wol  kunt 

die  da  mite  gewesen  sint 

und  hat  vil  manne  den  tot  gegeben. 

In  jene  Zeit  paßte  auch  V.  1 688 :  wcer  ich  in  Onende,  weil  da- 
mals Richard  Löwenherz  mit  den  Kreuzfahrern  noch  im  Oriente  weilte. 

Sicherer  scheint,  daß  Hartman  dann  einige  Zeit  in  Franken  bei 
eben  jenem  seinem  Herzog  Konrad  ein  Ehrenamt  bekleidete ,  der 
allda  schon  1189  Herzog  von  Rothenburg  war,  dazu  1191  das  Hei'- 
zogthum  Schwaben  erhielt,  1196  aber  am  15.  August  bei  Durlach  er- 
schlagen wurde.  Nahm  er  doch  aus  Kummer  unmittelbar  darauf  das 
Kreuz  in  dem  ihm  lieb  gewordenen  Franken,  daraus  man  ihn  noch 
nicht  gebracht  haben  würde,  hätte  nicht  jener  traurige  Sommer  ihn 
so  plötzlich  seines  lieben  hohen  Herrn  und  Freundes  beraubt,  bei  dem 
er  immer  Freude,  Freundschaft,  Treue  und  Ehre  fand,  den  er  pflegte 
und  dem  auch  seine  Fahrt  zu  Hilfe  kommen  sollte,  damit  er  ihn  vor 
Gott  wieder  sehe.  L.  2,  1  u.  37—40.  8,  I,  37—48.  14,  1—18  und  na- 
mentlich L.  10: 

Ich  var  mit  iuwereu  hulden,  herreu  unde    mäge: 
Hut    unde  laut  diu  müezen  sselic  sin. 


HARTMANNS  VON  AUE  HEIMATH  UND  STAMMBURG.       165 

es  ist  unnot  daz  iemen  miner    verte  frage : 

ich  sage  wol  für  war  die  reise  min. 

und  lebte  min  her  Salatin   und  al  sin  her^ 

dien  brsehten  mich  von  Vranken  niemer  einen  fuoz. 
Als  ein  freier  Mann  hatte  daher  Hartman  des  Herzogs  Dienste 
genommen  und  Franken  wiederum  verlassen,  um  jenen  Kreuzzug  mit- 
zumachen, der  nach  Saladins  Tode  (f  1193)  im  Frühjahre  1197  unter 
dem  Kanzler  Konrad,  Erzbischof  von  Mainz  und  dem  Herzoge  Ber- 
told  V.  von  Zähringen  von  Franken  aus  nach  Italien  und  von  Apu- 
lien  zu  Schiffe  nach  dem  gelobten  Lande  gieng.  Bei  dem  Aufbruche 
mit  dem  Kreuzesheere  schrieb  er  jenes  Abschiedslied,  um  jeder- 
mann die  Nachfrage  zu  ersparen,  an  seine  noch  nicht  unterrichteten 
fernen  Verwandten.  Letztere  hcätte  Wilmans  (Haupt  Zeitschr.  XIV,  150) 
um  so  mehr  in  Schwaben,  nicht  in  Franken  suchen,  Bech  dagegen  das 
ganze  Lied  nicht  wegen  der  Erwähnung  Frankens  etc.  (in  s.  Vorbe- 
merkung und  noch  in  s.  Einleitung  zum  HL  Theile  VII)  auffällig 
finden  sollen. 

Hartman  beweist  ja  durch  seinen  Heinrich  nicht  bloß,  daß  er 
von  demselben  edlen  Geschlechte  von  Owe  ze  Sicähen  stamme,  son- 
dern daß  er  auch  dieses  Familiengedicht  in  Franken  erst  vollendet 
habe,  wo  er,  obwohl  schon  Ritter,  gleich  stolz  sich  auch  noch  brüsten 
konnte:  als  des  Herzogs  freier  —  selbstverständhch  nicht  geborner 
Dienstmann.  "■  ■ 

Ein  ritev  beginnt  er,  der  loas  Hartman  genant  und  loas  ein 
dienstman  {und  loas)  von  Owe  {geborn  wie  der  Jierre  Heinrich).  So 
die  Heidelberger  und  Koloczaer  Handschrift.  Wogegen  man  endlich 
einmal  aufhören  sollte,  der  Straßburger  Handschrift  nachzuschrei- 
ben :  dienstman  zuo  Owe ,  (woraus  erst  Haupt  ze  gemacht  hat). 
Auf  der  Owe,  mitten  in  Schwaben  würde  ja  der  Dichter  schon  gar 
nicht  gesagt  haben:  es  war  einmal  ein  Herr  Heinrich  von  Owe  ze 
Swähen  gesezzen;  oder  (V.  1422  ff.):  den  Swaben  muoz  ieglich  hiderh&r 
man  jehen,  der  st  dd  keime  hat  gesehen,  daz  hezzers  willen  niene  waH. 
Freiwilliger  Dienstmann  aber  war  er  nur  in  Franken  bis  1196,  nach- 
her wie  vorher  sein  eigener  Herr  —  der  sorgen  erlän,  diu  manegen  hat 
gebunden  an  den  fuoz,  daz  er  beliben  muoz  (L.  8.  II.  19  ff.)  —  wie  er 
sich  denn  auch  in  seinen  späteren  Gedichten  nunmehr  die  Riter- 
Würde  gibt.  IL  Büchlein  67  und  306,  Iwein  21. 

Letztere  Stelle  zeigt  zugleich,  daß  er  Mittel  genug  hatte,  um 
nicht,  wie  so  Viele  des  Broterwerbes  wegen,  sondern  nur  zum  Zeit- 
vertreib zu  dichten,  sivenne  er  stne  stunde  niht  baz  bewenden  künde. 


166  HANS  C.  FREin.  V.  OW,  HAETMANN  VON  AUE. 

In  dem  zweiten  späteren  Büchlein  beurkundet  Hartman,  daß  er 
mehr  Lebenserfahrung  gewonnen  hatte  und  auch  der  Geliebten  näher 
gekommen  war  (105  ff.,  157  ff.,  465).  Er  spricht  zu  ihr  in  einem  viel 
vertraulicheren  und  begehrlicheren  Tone  und  mit  einiger  Hoffnung 
auf  ihren  dereinstigen  Besitz  (245,  318,  660),  trotz  der  Huth  von 
Seite  ihrer  mißgünstigen  Umgebung  (97.  309  ff.  363.  576.).  Abge- 
faßt mochte  er  es  etwa  während  der  Kreuzfahrt  1197 — 98  haben,  da 
er  oft  wiederholt:  daß  er  die  edle  Jungfrau  treu  wieder  schauen  möge, 
wie  er  ihr  treu  bleibe,  da  er  sich  durch  drei  Länder  von  ihr  geschie- 
den weiß  (659)  und  (V.  44)  sagt:  wenn  er  einen  wüßte^  der  seinen 
Kummer  heilen  könnte,  zu  dem  würde  er  nach  Griechenland  gehen  — 
nach  dem  strich  ich  ze  Kriechen. 

Fast  in  derselben  Zeit  und  in  ähnlicher  Stimmung  geschrieben 
sind  die  Lieder:  7.  9.  11.  12.  17.  18,  und  namentlich  verräth  L.  16, 
9 — 16,  daß  Hartman  die  Geliebte  nach  langem  Scheiden  endlich  in 
einer  seligen  Stunde  ohne  Huth  getroffen,  sich  ihr  erklärt  und  sie  ihn 
so  empfangen  habe,  daß  Gott  es  ihr  immer  lohnen  möge,  —  si  tcas 
von  kinde  iinde  muoz  sin  min  kröne,  ganz  wie  in  L,  2.  14,  weßhalb 
Wilmans  (Haupt  Ztschr.  XIV.  146 — 55)  nicht  an  zweierlei  Minnever- 
hältnisse denken  sollte. 

Ernsteren  Sinnes  von  seinen  Fahrten  heimgekehrt,  nunmehr  Mit- 
besitzer auf  der  Owe  —  em  Omcoere  —  schuf  Hartman  sein  Spiegelbild, 
den  Löwenritter  Iwein,  der  1204  vollendet  war,  als  Wolfram  den 
Parzival  (253,  9—17,  vgl.  auch  436,  5—10)  schrieb.  Darin  zeigt  er 
sich,  beziehungsweise  seinen  Helden,  nicht  mehr  wie  im  Erec  vor- 
zugsweise von  der  Minne,  sondern  ganz  von  der  Ritterlichkeit  be- 
herrscht. Sein  Vorbild  war:  der  ch^valier  au  lyon,  (von  Christian 
von  Troyes),  gleich  dem  er  selbst  der  riter  mittem  (Owischen)  leim 
hieß  und  sprechen  mußte:  ich  icil  sin  erkant  hl  mime  leun  der 
mit  mir  vert  (V.  5496—97.  5502),  denn  im  13.  Jahrhundert,  wie  noch 
heute,  führten  Alle  v.  Owe  den  Löwen.  (So  siegeln  1275.  1289.  1291 
die  Brüder  Alb.  Herrn,  und  Volkart  Nobiles  de  Owe;  Mone,  Ztschr. 
m  222,  IV  128  etc.) 

Der  Dichter  lebte  noch  1207,  da  Gottfried  von  Straßburg  an 
seinem  Tristan  (117,  21—37)  arbeitete.  Heinrich  von  dem  Turlin  in 
seiner  um  1220  verfaßten  Krone  beklagt  (2406),  daß  der  reine  Hart- 
man schon  todt  sei.  Er  mochte  kaum  40  Jahre  alt,  auf  der  Owe  ge- 
storben sein. 

Nachkommenschaft  ist  nur  von  Herrn  Herman  H.  von  Owe  be- 
kannt, der  —  wohl  als  der  ältere  Bruder  —  schon  um  1200  mit  Fa- 


K.  BARTSCH,  BRUCHSTÜCKE  V.  WOLFRAMS  PARZIVAL  U.  WILLEHALM.     1G7 

milie  auf  der  Stammburg  saß  und  Stammvater  der  verschiedenen  Li- 
nien wurde,  die  nach  1275  die  freie  Herrschaft  Owe  ob  und  unter 
dem  Berge  theilten. 

Die  Erinnerung  an  Hartman  aber  vererbten  in  dem  von  Owischen 
Archive  ein  orientalischer  Dolch  und  goldener  Ring  (Talisman),  die 
er  nach  der  alten  Haussage  einem  erschlagenen  Sarazenen  abgenom- 
men haben  soll.  Seinen  Namen  fahrt  Eines  der  lebenden  Familien- 
glieder. ,,  .     ,        :   ,  , 

Schloß  WACHENDORF,  den  1.  Juni  1870. 

HANS  C.  FREIH.  V.  OW. 


BRUCHSTÜCKE  VON  WOLFRAMS  PARZIVAL 
UND  WILLEHALM.  ; 


In  seinem  'Quellenmaterial  zu  altdeutschen  Dichtungen',  Heft 
n.  (18G8)  hat  Pfeiffer  sämmtliche  Handschriften  und  Handschriften- 
bruchstücke verzeichnet.  Hinzugekommen  ist  seitdem  ein  Bruchstück 
einer  Wülehalm  -  Handschrift,  welches  Rückert  in  dieser  Zeitschrift 
mittheilte  (XIV,  271).  Einige  weitere  Mittheilungen  lasse  ich  hier 
folgen. 

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Von  den  Regensburger  Bruchstücken,  welche  jetzt  in  den  Besitz 
des  germanischen  Museums  übergegangen  sind,  hat  Pfeiffer  S.  29 — 31 
das  erste  und  letzte  Blatt  abdrucken  lassen,  von  dem  letzteren  jedoch 
nicht  die  zerschnittenen  Spalten:  das  erste  war  unter  seinem  Nach- 
lasse nicht  aufzufinden. 

Das  zweite  Blatt  begann  mit  I,  369  (=  Lachm.  13,  9)  und 
reichte  bis  I,  552  (=  L.  19^  12).  Von  der  ersten  Spalte  fehlen  369 
bis  381,  von  dem  übrigen  382—414  ist  nur  wenig  erhalten  und  les- 
bar. 383  man.  386  get.  387  iht  388  an.  389  habest  reht  390  ht  393  ha. 
395  nive.  398  n  schin.  398  shevin.  399  holt.  400  da  den  solt.  402  vze  h.  n. 
403  Ga  din.  405  den  siten.  406  ten.  408  nder  sin.  410  smarat.  411  te 
gar.  412  gevar.  Auf  der  zweiten  Spalte  fehlen  V.  415 — 427 :  sie  reicht 
bis  460.  Hier  ist  mehr  lesbar,  aber  auch  keine  Zeile  vollständig.  Ich 
lasse  daher  das  erlesene  nicht  abdrucken,   sondern  bemerke  nur  Ab- 


168  KÄKL  BARTSCH 

weichungen  von  meinem  Texte,  aucli  in  der  Schreibung,  weil  diese 
in  den  Bruchstücken  sehr  sorgfältig  ist.  439  Tomasch  {=  G).  451 
strebte.  452  :  on  danne...  456  flos  scheint  das  Bruchstück  zu  ha- 
ben, vmh. 

Von  der  dritten  Spalte  fehlen  V.  461 — 472 :  von  473  ist  nur  ein 
e  noch  lesbar.  Das  Übrige  aber  ist  fast  vollständig  erhalten  und  folgt 
daher  hier  im  Abdruck. 

474  Da  wart  er  vil  geschowe  E  r  bot  sin  dienst  vmbe  gvt. 

D  0  sach  er  vz  an  daz  velt  A  Is  noch  vil  diche  ein  riter  tvt. 

D  a  was  geslagen  manech  ge  0  de  dazs  im  sagten  vmbe  waz. 

A  Ivmbe  die  stat  v mer  Er  solde  dvlden  der  viende  haz. 

D  a  lag:  n     kreftigiu  her.  D  o  sprach  vz  einem  mvnde. 

D  o  biez  er  fragen  der  mjere.  Der  sieche  vii  der  gesv 

V  ves  div  bvrch  wasre.  D  az  im  wsere  al  gemeine. 

V  vande  ir  chvnde  nie  gewan.  (I)  r  golt  vil  ir  gesteine. 
Er  noch  dehein  sin  schifman.  .  .  .solder  alles  herre  .  .sn. 
S  i  taten  siuen  boten  chont.  E  r  mohte  wol  bi  in  genesn. 

si  hiezze  Patelamunt.  0  vch  bedorft  er  Ivcel  soldes. 

daz  wart  im  minnecliche  enboten.  V  on  Arabie  des  goldes.^ 

V  ii  manten  in  bi  ir  goten.  H  eter  manigen  knollen  biaht. 
D  az  er  in  hvlfe  des  wsere  in  not.  L  vte  vinster  so  div  naht. 

S  ine  rvngen  niht  wan  vmben  tot.  Waren  alle  die  von  zazamanc, 

D  o  der  ivnge  anshevin.  B  i  den  dvht  in  div  wile  lanc. 

V  ernam  ir  chümberlichen  pin. 

Von  der  vierten  Spalte  fehlen  die  Verse  507 — 518  :  von  dem  Übri- 
gen, V.  519 — 552,  fehlen  die  Schlüße  der  Zeilen.  Ich  beschränke  mich 
auf  die  Abweichungen.  519  hetz.  520  ze  sehn  in  Ivzel  des  (=  G).  521 
im,  (=  G).  522  het  gesehn.  524  muse.  527  kein  Absatz.  529  cehn  sovmcei'e. 
630  zogten.  531  zioemze .  .  b32  sinen  povel.  534  die  hetten  sich.  537  do 
(=  Dd).  540  müse.  541  Absatz.  544  einen.  546  da  bi  nach  dem.  547 
Ivsvncere  (=  G).  548  tambürre  (=  dg.)  549  sinen  (=  G).  552  vü 
welscher  videl. . .   (=  G). 

Das  unmittelbar  darauf  folgende  Blatt,  BI.  4  der  Hs.,  umfaßte 
V.  553—736  (=  Lachm.  19,  13-25,  16).  Der  vordere  Rand  des 
Blattes  ist  weggeschnitten,  und  oben  etwa  2 — 3  Zeilen  abgerissen. 
Von  der  ersten  Spalte,  V.  553 — 598  fehlen  die  zwei  oberen  Zeilen, 
außerdem  durch  Beschneiden  der  vordere  Theil  der  Verse.  Das 
Bruchstück  hat  V.  bbl  folches.  558  morinne.  567  mangem.  568  arzt. 
569  genesn.  blO  geivesn.  bllßoch.  574  .  .nchel.  576  .  .ns  farwe.  bll  en- 
ffienc.  578  frevde..  583  manigen.  584  arme  Mengen  (=  G).  585  hovbt 
waren.  586  seihe.  588  . .  t  lagen.  595  mureten  chüste.  596  Ivzel  (=:  gg) 
Ivste  (=  G).  598  icas  alsvs  getan  (=  dgg).  Auf  der  zweiten  Spalte  feh- 


BRUCHSTÜCKE  VON  WOLFRAMS  PARZFV^AL  UND  WILLEHALM.      169 


(0 


'  len  zwei  Zeilen  (V.  599.  600);,  und  von  der  dritten  ist  nur  vüg.  .  .hofe 
übrig.  Das  folgende  aber  ist  meist  lesbar. 

Fröwe  nv  ist  vnser  not.  

M  it  freüden  zergangen. 

(D)  en  wir  hie  han  enpfangen. 

(D)  az  ist  ein  riter  so  getan. 

(D)az  wir  ze  daneben  iemer  han. 

(V)  nsern  goten  die  in  vns  brahtcn. 

(ü)  az  si  des  ie  gedahten. 

(N)  V  sage  mir  vf  die  tri'we  din. 

.  .  .  d .  r  riter  mvge  sin. 

Fröwe  er  ist  ein  degn  fier. 

D  es  Bariiches  soldier. 

E  in  an .  .  evin  von  hoher  art. 

A  .  .  i  w .  .  Ivcel  wirt  gespart. 

S .  .  1 .  .  .  .  a  man  in  laezzet  an. 

.  .e.ehte  er  dar  vü  dan. 

Entwichet  vn  cheret. 

D.e  viende  er  schaden  leret. 

I  ch  sach  in  striten  schone.  ■-'  ■ 

D.  die  babilone.  .     >    '•    '' 

Alexandrie  losen  solden. 

Vn  do  si  dannen  wolden. 

Den  Baruch  triben  mit  gcwalt. 

Uvaz  ir  da  nider  wart  gevalt. 

An  der  tschunfentiiire. 

Da  begie  der  gehiüre.  •'  ' 

libe  seihe  tat. 
S  ine  heten  fliehens  deheinen  rat. 
D  a  zu  hoer  ich  in  nennen. 

in  wol  ercheunen. 
Daz  er  den  pris  vber  manigiv  lant. 

het  al  eine  ze  siner  hant. 

nv  sih  et  wenne  i  de  wie. 

V  n  fuge  daz  er  mich  spreche  hie. 

V  vir  han  doch  fride  allen  disen  tac. 
Da  von  der  helt  wol  riten  mac. 
Her  vf  zemir  ode  sol  ich  dar. 
Er  ist  anders  denne  wir  gevar 
Cwi  wan  tsete  im  daz  niht  we. 
D  az  het  ich  gerne  erfvnden  e. 
0  b  mirz  die  mine  rieten. 
Ich  solde  im  ere  bieten. 
Gerüchet  er  mir  nahen. 

V  vie  sol  ich  in  enpfahen 


min  Hp  genennet  pfant. 
Fr'jwe  ich  wil  i^wern  fvrsten  sagen. 
Daz  si  richiv  cleider  tragen. 
V  ii  hie  vor  iv  biten. 
Vnz  daz  wir  zu  iv  riten. 
D  az  sagt  euch  ivwern  frowen  gar. 
Vvan  swenne  ich  nv  hinnider  far. 
So  bringich  iv  den  werden  gast. 

m  svzzer  tvgende  nie  gebrast. 
D  ar  an  doch  1 ...  1 
Vil  dech 

Der  marschalch  siner  frowen  be(t). 
Bälde  wart  do  Gahmuret. 
B,  ichiv  clei     dar     agen. 

div  legter  an  sus  ho      ich  sagen. 

daz  div  tiür  wge 
Ancherdie  swasren.     ■■       ' 
Von  arabischem  ;    '1'    '    ■     ■ 

L  agen  drvffe  als  er 
D  0  saz  der  minne  geltes  Ion. 
Vf  ein  ors  daz  ein  babilon. 
Gein  im  dvrch  tiostieren  reit. 
Den  stach  er     be  daz  was  dem  Icit. 

0  b  sin  wirt  mit  im  iht  var. 
Er  vil  sine  riter  gar.  r    ; 

1  (a)  deiswar  si  sint  es  fro. 
S  i  riten  mit  ein  ander  do. 
Vn  erbeizten  vor  dem  palas 
D  a  manech  riter  vff 
Die  musen  wol  gecleidet  sin. 
S  iniv  chinder  lieffen  vor  im  in. 
Ie  zwei  ein  ander  an  der  liaiit. 
Ir  hene  manige  fruwen  vant. 
Gecli  idet  w  liehe. 
Der  chvneginne  riebe. 
I  r  ovgen  fücten  grozzen  pin. 
Dos!  gesach  den  ansbeviu. 
Der  was  so  minneclich  gevar.         •'  ' 
Daz  er  entsloz  ir  herze  gar. 
Ez  wsre  ir  liep   ode  leit. 
D  az  besloz  da  Vor  ir  wipheit. 
Ein  wcnech  si  im  engegentrat. 

Ir  gast  si  sich  chvssen  bat. 


GERMANIA.  Meue  Reihe  IV.  (XVI.)  Jabr^i 


12 


170  KARL  BARTSCH 

Der  Anfang  der  vierten  Spalte  ist  stark  lädiert:  es  fehlen  V.  691. 
92,  im  Folgenden  bemerke  ick:  693  (S)  azens  in.  694  {V)f  einen. 
695  (D)  ar  vnde  ein:  die  einzige  Hs.,  welche  das  richtige  unde  {=under) 
hat.  697  gelichet.  698  het.  703  hovbt.  708  zvht  si  (=  G).  709  {i)cJi.  710 
d. .  .nahe.  .  .  herzen.  711  weh  des  niht  (:=  Gr).  712  s.  .  .{u  werre  ode 
wirret  :  loerre  ist  eigenthümlich,  ode  steht  dem  vom  Verse  geforderten 
od  am  nächsten  unter  allen  Hss.  715  wan  einech  man.  716  ode,  derselbe 
Fall  wie  712.  720  hoüptman.  721  viende.  722  fridebrant.  724  Mez 
(nicht  der  hiez,  wie  Gg  lesen).  725  Herlinde.  728  helde.  729  Hvteger. 
730   {r)iters  tat  (=  G).  manigiv.  733  manigen.  735  degn. 

Zum  vierten  Blatte,  welches  737 — 920  (=  Lachm.  25,  17—31, 
20)  umfasst,  bemerke  ich,  daß  Sp.  a  ganz  bei  Pfeiffer  abgedruckt  ist ; 
doch  ist  zu  lesen  25,  19  Die  hraht  alle.  25,  29  Ir  herzen  regn 
in  gvsse  loarp  {=  G).  26  6  .  .  er  halt.  26,  7  daz  die.  9  Diz.  14  wac. 
21  ein  tor.  27,  1  Ivzzel.  5  den.  Mit  Emvech  27,  16  beginnt  das  Stück 
der  zweiten  Spalte,  dessen  größerer  Theil  weggeschnitten  ist,  daher 
sind  von  V.  796—826  (^  27,  16 — 28,  16)  nur  wenige  Silben  jeder 
Zeile  erhalten.  Ich  bemerke  802  Manige.  803  diz.  805  der  fehlt  (=:  G). 
808  Eingroz..  (=  G).  811  Absatz  (=  28,  1).  812  Da  er  o(vch):  also 
eine  eigenthümliche  Lesart,  wahrscheinlich  da  er  ouch  sin  ende  gewan. 
815  Eins  richtig.  816  dag.  .  819  lehn  iv.  .,  genauer  als  DG.  825  ouch 
fehlt,  in  keiner  anderen  Hs. 

Das  Folgende  steht  bei  Pfeiffer  (S.  31):  an  V.  886  (=  30,  16) 
schließt  sich  der  Schluß  der  vierten  Spalte,  deren  unterer  Theil  durch- 
geschnitten ist,  doch  so,  daß  die  Stücke  sich  ergänzen.  V.  887 — 920 
lauten : 

M  an  besl  sit.  Irn  geschaehe  nie  so  leide. 

Vns  git  vor  ahte  por  strit.  Vvan  sit  daz  Isenhart  lac  tot. 

D  es  getriwen  Isenhar  M  iner  frowen  frumt  ei-  herce  not. 

D  ie  hant  vns  schaden  S  o  stet  div  chvnegin  gemal. 

Si  ringent  mit  zorn  Proü  Belacane  svnder  twal. 

Die  irrsten  wol  gebor  In  eine  blanchen  samit. 

D  es  chvnges  man  von  Gesniten  von  swarzer  farwe  sit. 

V  or  ieslicher  por  D  az  wir  div  wapen  chvrn  an  in. 

b  schar  ein  I  r  trivwe  han  iame       at  gewin. 

Ein  dur  D  ie  stechent  ob  den  porten  hoch. 

Als  Isenhart  den  lip      erlös.  Fvr  die  andern  sehte  uns  süchent  noch. 

Sin  folch  div  w  nach  Des  chunen  Fridbrandes  her. 

Da  engegen  han  wir  einen  site.  Die  getouften  von  vber  mer. 

D  a  stillen  wir  ir  iamer  mite.  I  eslicher  porte  ein  fvrste  pfligt. 

Unser  vanen  siut  erchant,  D  er  sich  strites  vz  b     wigt. 

daz  zwene  vinger  vz  der  hant,  M  it  siner  banier 

B  ivt  gein  dem  eide.  V  vir  haben  6         ere. 


BRUCHSTÜCKE  VON  WOLFRAMS  PARZIVAL  UND  WILLEHALM.      171 

n. 

Nicht  angeführt  ist  das  Bruchstück  einer  Pergamenthandschrift 
des  Parzival  aus  dem  14.  Jahrhundert,  drei  Quartblätter,  im  Besitze 
des  germanischen  Museums  in  Nürnberg  (Nr.  17439).  Das  erste  Blatt 
umfaßt  639,  5 — 641,  4,  das  zweite  651,  5 — 653,  4,  das  dritte  657, 
5 — 659,  4:  also  immer  30  Zeilen  auf  der  Seite,  eine  Seiten-  und  Spal- 
teneinrichtung, die  beim  Parzival  vmd  Willehalm  auf  die  ältesten 
Quellen  zurückgeht.  Der  Text  des  Bruchstückes  gehört  zur  Klasse 
von  G. 

639,  13,  kein  Absatz.  13  danckten.  16  zetantze.  17  der  tantz^, 
28  vn  dl  freude  reichen.  29  die\  ir.  640  rothes  G.  Seyue.  8  zuo  im 
ward  er.  10  versivanf.  11  am  liest  das  Bruchstück.  13  kein  Absatz. 
16  eivren.  20  rates  geleich  reiche.  22  zu.  23  hin  gar.  26  fraio  ich  loil  in 
so.  27  freundin  nie.  641  rothes   G.  Dar  nach  schier  nam  ende.  2  fraiven. 

651,  11  Zu  hw^  da  hin  nu.  23  so  gib  im  daz.  27.  28  =  Ggg.  652 
rothes  N.  schuf.  2  =^  Grgg.  10  oh  der.  11.  12  solden  :  holden.  13  al  di 
tauelründe)'.  17  ze]  an.  21  =  Ggg.  25  Ze.  30  Zu.  653  rothes  A.  2  Vn. 
3  w''  nach.  12  =  Ggg. 

657,  7  =  Ggg.  16  in  hei  seine  iceih.  20  mit  dez.  28  Persica.  29  al- 
rerst.  658,  1  nu.  3  rothes  D.  4  so  enioart.  8  dez  kan  in  von  hertzen  xcol 
gezemen.  9  Gyrot.  10  d'  vorhte.ll  rotsche  sahins:  sins.  20  daz.  23  =  Grgg. 
27  heo  gent.  29  wont.  659,  1  scharpfeu.  2  =  Ggg.  3  rothes  S. 

'  III. 

Die  Wiener  Bruchstücke  des  Willehalm,  welche  Pfeiffer  S.  6 
unter  Nr.  10  aufführt  und  von  welchen  J.  M.  Wagner  im  Anzeiger 
für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1860,  Sp.  178  Anfang  und  Ende,  so 
wie  einige  Varianten  mitgetheilt,  hat  mir  J.  Haupt  in  vollständiger 
Abschrift  geschickt:  das  zweite  Blatt  umfaßt  nicht,  wie  Wagner  an- 
gibt, 37,  22 — 41,  6,  sondern  §6,  15 — 41,  6.  Ich  theile  die  Lesarten 
vollständig  mit.  1,  13  La.  23  di  tauf.  24  di  mich  zweifei.  29  kein  Ab- 
satz. 30  deiner  tief  antreite.  2,  1  an  daz.  2  laufet.  4  daz  si  den.  5  Luft 
feuver  wazzer  vnd  erde.  6  wonent.  7  deinem.  9  Absatz.  10  .  .ruhe  naht. 
15  din  &rt.  28  wenne.  29  svnthaf.  .  .  o,  1  In  div.  3  hilf.  7  hertzen  not. 
8  lantgraf  von  during  herman.  9  maer  hat  das  Br.  10  in  frazois.  11 
Licont  wilhalms  von  orangis.  13  hilf.  14  nimmer.  15  Er  sag.  not  var 
got.  16  Der  vnvertzagt  loerde  hot.  17  Der  erchennet  ritter  chumher  gar. 
19  erchand,  20  der  den  heim  auf  haubet  pant.  21  Gegen  seines  uerhes 
chost.  23  veinden.  24  der  schat  von  art.  25  hört  allein  richtig  das  Br.  27 

12* 


172         K.  BARTSCH,  BRUCHSTÜCKE  V.   PARZIVAL  U.  WILLEHALM 

stvnd  vber.  29  sein  mag  loaren  di.  30  an  dem  chunich  charl  nie.  4,  1 
So  tverde.  gepom.  2  di  für.  3  vnd  Met.  4  helfer.  5  diemut.  hohsten. 
6  hilf  tet  berJiant.  7  helfer.  8  hilfe.  9  Seit  daz  div.  10  du]  div.  11  i/i'e 
«i  erd  also  pist  du  dort.  13  sand  loilhalm.  14  meines  sundhafte.  19  ilf«c/i 
wolframen.  20  parcifalen  sprach.  21  aventewer  mich  weiset.  22  etleich. 
preiset.  23  c?e  ez  smahten.  24  ivahten.  25  (ran  miV  n?^  ^of.  26  minne  vnd. 
28  <^em.  30  vnsanft  mag  sich  genozen. 

5,  2  c?t  ?'cA  7IW.  3  beginne  —  minne.  5  /ac?  (Ziseü.  6  hause.  9  Äz- 
6ent  11  wn«?  omcä]  noch:  die  richtige  Lesart  ist  Joch,  was  keine  Hs. 
bietet,  wofür  und,  und  ouch,  noch  gesetzt  wurde.  13  Valshait.  14  höret 
ez  hie.  15  Daz.  16  von  Narribon  der  graf  heimreih.  18  purg.  19  ^o/< 
dhein  sein  reihheit.  22  zw  einem  sun.  25  sem  svne.  29  Stiez.  reht  ir  zil. 
6,  2  habent. 

36,  15  /vrf.  araboys.  16  setilyois.  17  Kricolang.  18  monfang.  19  sote)-j? 
i;nfl!  dl  von.  20  tüei&e  (ohne  umbe)  gruz  hef  er  vil  gepeten.  22  tesereiz. 
23  kein  Absatz,  terramern.  24  poydius.  anchi.  25  chrafi.  27  mii 
grozer  storie. 

37,  1  gesampten  schare.  3  seinem  ponder.  4  ez  moÄf  ericagen. 
6  war  v^^    fo^.  8  ^vc?e?,  leicht  die  richtige  Schreibung:  Tudela.  10  tshoys. 

11  puzzat.  13  at^/*.  17  bedivanch.  21  eicigen  leivens.  22  solhes  getoens. 
27  Ät?/'.  28  getravten.  29  kein  Absatz.  Äfer   6ei   tvilhalm  starb.   30  c?es. 

38,  1    ze    fehlt.    2  «^o  vns    verwans.    3  gegen.    9  so  fehlt.    10  rniV. 

12  ivambe]  leiioe.  14  hellischen.  16  gewern.  17  kein  Absatz.  ?'iwe,  beihte. 
18  -y^ic?  (^er  to.  an  cZe«?.  22  c?i  ÄiH?e^  <^one  si  loegten.  26  gegen.  27  en  fehlt. 
tveise.  30  cZa  fehlt. 

39,  5  manig.  7  marchgraf.  10  {a)lsus.  12  süeze]  mein.  14  hahen. 
16  minneclich]  zwair.  22  mer  cZawn.  23  (d)ann.  26  fehlt. 

40,  2  pvsavn.  3  tom  mavrn.  4  ??;  It/".  5  tr<'?f]  cÄ/wi  6  .  .  epurd  ie 
mit  tod  must.  9  {cä  so  üow  tw.  11  svnne  durch  sneit.  12  a^so.  13  swecÄ 
wacÄ  seinem.  15  an  dem.  16  ^üa  e?'z.  11  Jhsoyis.  19  entrant.  20  gegen. 
21  alitschantz.  23  gehurtet.  25  tJon  der.  26  di  darvber.    27    chreftlost. 

41,  1  kein  Absatz.  2  aA  ganch.  3  snellichleichen.  5  chorandes.  6  von 
dem  so/Ä.  7  erpitwen.  9  d^z]  daz.  10  kyburch.  11  termis.  15  chvniges 
korhand.  16  indyschem  land. 

Der  Text  dieser  Bruchstücke  stimmt  am  häufigsten  mit  Inopt, 
bald  mit  der  einen,  bald  der  anderen,  bald  mehreren  dieser  Hand- 
schriften. Bedeutsamer  wird  er  dadurch,  daß  an  einer  Anzahl  Stellen 
er  mit  K  allein  zusammentrifft:  so  3,  17.  4,  9.  5,  11.  37,  13.  38,  1. 
40,  19,  wozu  Stellen  kommen,  in   welchen   das  Bruchstück  seine  Las- 


M.  RIEGER,   DAS  SPIEGELBUCH.  173 

art  mit  K  und  ein  oder  ein  Paar  andern  Hss.  theilt,  wie  3,  20.  4,  26, 
5,  16.  0,  1.  36,  19.  37,  4.  Offenbar  stammt  es  aus  einer  guten,  alten 
Quelle  und  deshalb  verdienten  seine  Lesarten  eine  genaue  Mittheilung. 

KARL  BARTSCH. 


DAS  SPIEGELBUCH. 


Im  Anzeiger  für  Kunde  des  deutschen  Mittelalters  von  Aufseß  I. 
S.  164  findet  sich  folgende  Notiz :' Spiegelbuch. 

Hie  (Hs.  He)  hebt  ain  ein  spegel    buch 

der  weit  lauff  und  der  sunden  fluch 

und  hebt  sich  zo  dem  yrsten  ayn 

we  got  der  herr  den  verdampten  straffen  began 

der  nyt  dede  den  wyllen  syn 

darumb  moyst  er  lyden  groys  pyn. 
Bekelirungsgeschichte  eines  Sünders,  worin  Gott  Vater,  Teufel, 
Tod,  Hölleugesellen,  Lehrer  und  Sünder  im  Gespräche  mit  einander 
vorkommen.  Papierhaudschr.  aus  dem  15.  Jahrhundert,  13  Bl.  in  gr.  8. 
in  der  Stadtbibliothek  von  Trier.  Das  ganze  gegen  640  Verse.  Das- 
selbe in  einer  anderen  Papierhaudschr.  daselbst,  ebenfalls  aus  dem 
16.  Jahrb.,  16  Bl.  in  Folio.' 

Wackemagel  erwähnt  diese  Notiz  und  dieses  Werk  Lit.  Gesch. 
313  Anm.  74  mit  der  Bemerkung  *^Ein  Drama?  wahrscheinlich.' 

Als  in  Folge  des  Krieges  von  1866  das  vor  Kurzem  erst  dem 
Hause  Hessen-Darmstadt  heimgefallene  Homburg  vor  der  Höhe  preu- 
ßisch geworden  war^  kam  mit  anderem  ehemals  landgräflichem  Mobi- 
liarvermögen auch  eine  Bibliothek  aus  dem  dortigen  Schlosse  als 
Privateigenthum  des  Großherzogs  nach  Darmstadt.  Aus  einem  zu  ihr 
gehörigen  Saramelbande  löste  der  Director  der  großh.  Cabinets-Bi- 
bliothek;,  Herr  Dr.  Walter,  ein  namenloses  altdeutsches  Reimwerk  und 
hatte  die  Güte^  es  mir  zur  Untersuchung  und  Benutzung  anzuver- 
trauen. Als  ich  die  in  ihm  redenden  Personen  mit  der  Notiz  bei  Aufseß 
verglich,  ergab  sich  die  Wahrscheinlichkeit,  daß  ich  das  in  jener 
Trierer  Handschrift  enthaltene  Spiegelbuch  vor  mir  hätte,  obgleich  die 
gereimte  Inhaltsangabe  zu  dem  Anfange  des  Werkes  in  der  Hombur- 
ger Handschrift  nicht  paßte.  Inv  Sommer  1869  fand  ich  bei  einer  zu- 


^74  M-  RIEGER 

fälligen  Anwesenheit  in  Trier  meine  Vermuthung  bestätigt;  die  zweite 
Trierer  Handschrift,  von  der  bei  AufseÜ  die  Rede  ist,  konnte  ich  aber 
trotz  der  bereitwilligen  Unterstützung  des  Herrn  Bibliothekars  Schö- 
mann  nicht  ermitteln. 

Ich  fand  das  Werk^  so  sehr  es  in   vollkommener   Kunstlosigkeit 
und  sorgloser  Überlieferung  die  Kennzeichen  einer  späten    und  rohen 
Zeit  an  sich  trägt,  der  Beachtung  nicht  unwerth,  besonders    nachdem 
ich  beide  Handschriften  neben  einander  hatte.  Ein  Drama,  wie  Wacker- 
nagel   vermuthete ,    ist    es    freilich    nicht ,    aber    ein     auf     mehreren 
Dramen    beruhendes,    aus    ihnen    zusammengestelltes  Erbauungsbuch. 
Es    eröffnet    uns    den    Blick   in    die    dramaturgische  Thätigkeit  eines 
klösterlichen  Kreises,  in    welchem    man    das    Bedürfniss    fühlte,    dem 
gemeinen    Manne    über    den    Kreis    der    herkömmlichen    Festvorstel- 
lungen hinaus  etwas  nicht  nur  Erbauliches,  sondern  eigentlich  Asceti- 
sches,  unmittelbar   die    Gewissen  Angreifendes    zu   bieten.    Diese  Gat- 
tung verhält  sich  zum  Weihnachts-,  Passions-    und    Osterspiel,    sowie 
zur  dramatisierten  Legende  wie  das  bürgerliche  zum  heroischen  Schau- 
spiel; nur  eine  Varietät  von  ihr  bildet  die    dramatisierte   Parabel,    die 
man  aus  dem  berühmten  Spiel  von  den  zehen  Jungfrauen  kennt  und 
von  der  man  hier  ein  neues  Beispiel  kennen  lernt. 

Der  Urheber  oder  Zusammensteller  des  Buches   nahm   ein   Spiel 
(IV),  wenn  auch  nicht  vollständig,    doch   in   solcher   Ausdehnung   auf, 
daß  die  Reden  sich  zu  einem  Ganzen  zusammenschließen.  Dies  musste 
bei  der  Fortpflanzung  seines  Werkes  nothwendig  beachtet  werden,  und 
die  Reihenfolge  der  hierher  gehörigen  Reden  stimmt  daher  auch  in  beiden 
Handschriften  überein,  obgleich  das  Stück  in    der  homburgischen  (H) 
am  Anfang,  in  der  trierischen  (T)  am  Ende  steht  und  die  erste  Rede 
dort  weggefallen  —  oder,  da  auch  die  Überschrift  des  ganzen  Buches 
fehlt,  wohl  nur    herausgerissen   ist.     Im  übrigen    dagegen    nahm    der 
Zusammensteller    nur    einzelne  Reden,    höchstens  Scenen    und    diese 
nur    unvollständig    auf,    wovon    die  Folge    war,    daß    die    Abschrei- 
ber hier  überhaupt  keinen  Zusammenhang   erkannten    oder    doch  auf 
dessen  Bewahrung  keinen  Werth  legten,    auch    Einzelnes   nach   Belie- 
ben   wegließen^    wie  denn  das  ganze  Stück  III   nur   in    der   Hombur- 
ger Handschrift  erhalten  ist.  Hier  muß  man  daher  das  Verwandte  aus 
bunter  Unordnung  und  größtentheils  aus  zweierlei  Unordnung  zusam- 
menlesen. Diese  Mühe  habe  ich  dem  Leser  zu  sparen  gewünscht  und 
die  einzelnen  Reden  nach  meinem  Dafürhalten    geordnet    und    einge- 
theilt.  Es  muß  aber  auch  versucht  werden,  die  verschiedenen  Spiele, 


DAS  SPIEGELBUCH.  I75 

von  denen  sie  Trümmer  sind,  der  Anlage  nach  zu  einiger  Vorstellung 
zu  bringen. 

Das  erste  Stück  beginnt  mit  einer  die  Verdaramniss  des  Sünders 
begründenden  und  bestätigenden  Rede  Gottes.  Ibr  voraus  gieng  offen- 
bar eine  Reelamation  des  unversehens  vom  Tod  ereilten,  nun  zu  spät 
bußfertigen  Sünders  gegen  das  Urtheil,  dem  er  verfallen  ist,  und  wei- 
terhin ist  eine  Entwicklung  des  leichtsinnigen,  die  Gnadenmittel  (13) 
wie  die  Mahnungen  Gottes  (19)  in  den  Wind  schlagenden  Sünder- 
lebens vorauszusetzen.  Nach  5  T  befindet  sich  der  Sünder  während  der 
Rede  Gottes  bereits  in  der  Hölle,  wahrscheinlicher  aber  nach  H  noch 
auf  der  die  Erde  darstellenden  Abtheilung  der  Bühne,  von  wo  die 
Teufel  erst  im  Begriffe  sind,  ihn  nach  der  Hölle  abzuführen.  In  der 
in  T  folgenden,  in  H  fälschlich  vorausgehenden  Rede  ertönt  dann,  wahr- 
scheinlich nach  einer  ausgefallenen  Hohnrede  eines  oder  einiger  Teu- 
fel, seine  hoffnungslose  Klage  aus  der  Hölle.  Hier  schliessen  sich  nun 
deutlich  die  in  beiden  Handschriften  außer  Zusammenhang  stehenden 
Reden  der  verdammten  Seelen  und  des  Teufels  an,  die  ich  in  der  Rei- 
henfolge von  T  wiedergebe.  Zwei  Seelen  wenden  sich  warnend  an  die 
Zuschauer,  eine  dritte  verweist  den  vorigen  ihre  verlorne  Mühe  und 
der  Teufel  heißt  sie  in  seinem  Interesse  schweigen;  dennoch  folgt  noch 
eine  vierte  Rede,  die  ganz  den  Ton  eines  Epiloges  hat  und  mit  der 
offenbar  das  Spiel  endet. 

Mehr  ist  von  einem  anderen  Spiel  in  das  Buch  aufgenommen. 
Eng  verwandt  in  Tendenz  und  Inhalt,  ist  II  doch  anders  motiviert 
als  I.  Statt  des  Sünders  tritt  hier  eine  Sünderin  auf,  was  freilich  T 
im  Texte  wie  in  den  Überschriften  verkennt.  Ferner  wird  nicht, 
wie  in  I,  Teufel  und  Hölle  als  Rächer  und  Strafe  der  Sünde,  son- 
dern Tod  und  Grab  als  Vernichter  der  Leibesschönheit  und  Lebens- 
freude den  Zuschauern  vorgeführt.  Der  Teufel  tritt  zwar  auf, 
aber  nur  als  Verführer,  nicht  als  Peiniger.  Die  Mahnung  nu  nement  min 
eben  icar,  ir  komment  auch  alle  in  unser  schar  218  f.,  bezieht  sich  nicht, 
wie  die  ähnliche  Stelle  93  f.,  auf  die  Schar  der  Verdammten,  son- 
dern auf  die  Schar  der  Todten,  und  das  Spiel  reiht  sich,  wie  unten 
noch  deuthcher  werden  wird,  in  die  Familie  der  Todteutanzpoesie  ein. 
Die  Rede  193 — 225  wird  ihrem  ganzen  Inhalt  zufolge  und  besonders 
nach  195  aus  dem  Grabe,  nicht,  wie  die  Überschrift  in  T  angibt,  aus 
der  Hölle  gehalten;  vielmehr  enthielt  hier  die  Bühne  offenbar  keine 
Hölle  und  wird  dieselbe  in  dem  ganzen  Spiel  eigentlich  ignoriert.  Das 
ewige  Verderben  erscheint  zwar  als  die  Aussicht  des  bußlos  Sterben- 
den 128.    132  und  das  ewige  Reich  als  der  Lohn  der  Bekehrung  152; 


176  M.  EIEGER 

aber  das  Grab  nimmt  im  Grunde  die  Stelle  der  Hölle  ein  nnd  das 
ewige  Verderben  fällt,  wie  es  scheint,  mit  dem  der  Seele  fühlbar  ge- 
dachten Zustande  des  leiblichen  Todes  zusammen,  in  welchem  man  dqr 
irdischen  Freude  beraubt  ist,  ohne  das  ewige  Reich  als  Ersatz  dafür 
zu  besitzen.  Eine  dogmatische  Diiferenz  von  I  ist  hierin  natürlich  nicht 
zu  suchen;  es  bedeutet  nur  einen  anderen  Gedankengang  und  Vor- 
stellungskreis der  Dichtung,  einen  mehr  populären  und,  wenn  man 
will,  etwas  heidnischen,  dessen  Unverträglichkeit  mit  dem  Dogma  man 
sich  aber  nicht  zum  Bewußtsein  brachte. 

Die  Einladung  Gottes  an  die  Jungfrau,  mit  der  das  Stück  in  H 
beginnt,  setzt  in  den  Worten  kere  liebes  kint  din  hegirde  noch  zu  mir 
125  einen  fruchtlos  gebliebenen  Bekehrungsversuch  bereits  voraus; 
und  überhaupt  mu(J  das  weltliche  Leben  der  Jungfrau  im  Anfange 
des  Spieles  zur  Genüge  entwickelt  worden  sein.  Die  Antwort  der 
Jungfrau  schließt  sich  an  die  Rede  Gottes  ohne  Zweifel  richtig  an 
und  wiederum  an  sie  die  Rede  des  Teufels,  der  das  Werkzeug  der 
Eitelkeit,  den  Spiegel,  zur  Förderung  seiner  Absicht  herbeibringt. 
Unvermittelt  folgt  aber  nun  in  H  die  Predigt  des  Mönches  und  ebenso 
auf  diese  wieder  die  Scene  zwischen  der  Jungfrau  und  dem  Tod.  Ich 
vermuthe,  daß  die  Predigt  eher  an  eine  frühere  Stelle,  wahrscheinlich 
au  den  Anfang  des  Spieles  gehörte,  in  der  Weise,  daß  die  Jungfrau 
unter  dem  Volke  ihr  beiwohnt  und,  während  vielleicht  andere  in  sich 
giengen,  ihre  Verachtung  solcher  Lehren  und  ihr  Beharren  bei  dem 
früheren  Leben  aussprach.  So  läge  dann  in  der  nochmaligen  Einla- 
dung zur  Bekehrung  aus  Gottes  eigenem  Munde,  verbunden  mit  der 
Ankündigung  des  nahen  Todes,  eine  passende  Steigerung.  Die  Scene 
mit  dem  Tode  wird  auf  die  mit  Gott  und  dem  Teufel  wohl  unmittel- 
bar gefolgt  sein,  doch  muß  zwischen  152  und  153  ziemlich  viel  feh- 
len; denn  die  Jungfrau  wird  den  Teufel  schwerlich  ohne  zustimmende 
Antwort  gelassen  haben  und  der  Tod  muß  nothwendig  gesprochen 
haben,  ehe  die  Jungfrau  die  Rede  153 — 60  an  ihn  richtet;  ja  man 
wird  einige  Wechselreden  zwischen  ihr  und  dem  Tode  nach  dessen 
Auftreten  wahrscheinlich  finden,  bis  es  zu  den  schon  gesteigerten 
Wendungen  jener  Rede  kommt.  Eine  neue  Lücke  ist  unverkenn- 
bar hinter  den  Reden  des  Todes,  denn  da  er  nicht  erscheint  um 
alsbald  abzuholen,  sondern  um  auch  seinerseits  zu  warnen  und  sich 
erst  anzukündigen  (165  f.),  so  kann  nicht  unmittelbar  nach  seiner 
Rede  die  Jungfrau  schon  im  Grabe  liegen;  sie  muß  vielmehr  aucli 
jetzt  wieder  ihren  unheilbaren  Leichtsinn  kundgegeben  haben  und 
dann  mitten  in  demselben  vom  Tode  bei    der    Kehle    gefasst    worden 


DAS  SPIEGELBUCH.  177 

sein  (188).  Daß  die  Rede  aus  dem  Grabe  wirklich  von  der  Jungfrau 
dieses  Spieles  gehalten  wird,  obgleich  hier  nicht  nur  die  Überschrift 
in  T  von  einem  sxinder  spricht,  sondern  auch  die  Bild  Vorschrift  in  H 
mit  ic  est  mortuus  ins  Masculinum  fällt,  macht  der  Inhalt  unzweifel- 
haft. Die  ironische  Beschreibung  der  Leibesschönlieit,  insbesondere 
die  Erwähnung  des  schönen  Haares  205,  sowie  der  heckelin  210,  paßt 
nur  auf  ein  Weib;  und  das  Verlangen  nach  einem  Spiegel  202,  er- 
innert deutlich  und  drastisch  an  den  früher  vom  Teufel  der  Jungfrau 
vorgehaltenen.  Die  Worte  ich  icas  auch  herlichen  gesessen  in  minem 
throne  194  stehen  nicht  entgegen,  da  es  nur  zum  Effect  beitragen 
konnte,  wenn  die  Jungfi'au  auch  von  hoher  Geburt  war  und  dies  in 
früheren  Scenen  den  Zuschauern  deutlich  gemacht  sein  mochte.  Auf 
diese  Rede  folgt  sodann  der  Epilog  des  Spieles,  neben  dem  auf  der 
Bühne  sichtbaren  Beinhaus  vom  Tode  gesprochen.  Das  darunter  ge- 
setzte est  plenum  in  H,  das  mitten  in  dem  Spiegelbuch  kaum  am 
Platze  ist,  bezeichnete  ohne  Zweifel  in  der  Vorlage  des  Zusamnien- 
stellers  den  Schluß  des  vollständigen  Spieles  und  wurde  von  ihm  un- 
bedacht mit  abgesehrieben. 

In  den  ältesten  handschriftlichen  und  in  Holz  geschnittenen  Auf- 
zeichnungen des  Todtentanzes  geht  demselben  eine  Vei-mahnung  eines 
Predigers  voraus:  0  diser  icerlte  wisheit  kint  usw.,  die  aber  zum  Schlüsse 
nicht  auf  eine  dramatische  Vorstellung,  sondern  auf  deren  Abbildung, 
ani  dises  gemceldes ßguren  Bezug  nimmt  und  dadurch  verräth,  daß  sie 
dem  Todtentanze,  als  er  noch  lebendiges,  zur  Aufführung  bestimmtes 
Drama  war,  nicht  zugehörte.  Gleichwohl  verniuthet  Wackernagel 
(Zeitschr.  f.  d.  A.  9,  324),  daß  eine  solche  Predigt,  wie  der  spanischen 
danza  general  und  der  französischen  danse  Macabre,  so  auch  dem 
deutschen  Schauspiel  gleichen  Inhaltes  möge  vorangegangen  sein,  und 
diese  Weise  der  Eröffnung  mag  daher  unser  Spiel  dem  alten  Todten- 
tanze entnommen  haben.  Die  Schlußrede  des  Todes  neben  dem  Ker- 
ner hat  es  dagegen  auch  in  den  Worten  gemein  mit  dem  jüngeren 
Doten  dantz  mitßguren  (s.  Maßmann  in  Naumanns  Serapeum  II,  184  ff.), 
nur  gewährt  es  sie  in  einem  mehrfach  von  besserer  Überlieferung 
zeugenden  Text.  Damit  mau  sich  hievon  überzeugen  könne,  füge  ich 
den  Text  des  älteren  Druckes  mit  den  Abweichungen  des  jüngeren 
an  der  betreffenden  Stolle  an raerkungs weise  bei.  Unser  Spiel  hat  also 
dieseRede  einer  der  ersten  Aufzeichnung  näher  stehenden,  wohl  noch  fürs 
Theater  bestimmten  Handschrift  des  jüngeren  Todtentanzes  entnom- 
men, wenn  nicht  gar  selbst  sie  diesem  geliehen.  In  einer  anderen  Rede, 
der  des  Leichnams  aus  dem  Grabe,  berührt  es    sich    wenigstens    hin- 


178  M.  RIEGER 

sichtlich  des  Motives  mit  demselben  Werke.  Es  findet  sich  daselbst  als 
Titelbild  und  dann  noch  einmal  auf  Bl.  2  wiederholt  ein  Holzschnitt, 
auf  dem  sechs  Gerippe  ein  siebentes,  im  offenen  Grabe  liegendes  um- 
t.inzen;  dem  letzteren  sind  über  der  Wiederholung  des  Bildes  16  Reim- 
zeilen in  den  Mund  gelegt  ähnlichen  Inhaltes  mit  der  erwähnten  Rede 
unseres  Spieles,  nur  freilich,  wie  die  Eingangspredigt  des  alten  Tod- 
tentanzes,  zuletzt  Bezug  nehmend  auf  dise  figure  und  darum  nur  dem 
Buch,  nicht  dem  lebendigen  Spiel  zugehörig.  Wörtliche  Berührung 
mit  unserem  Spiele  findet  sich  hier  nicht  (s.  Maßmann  a.  a.  0.). 

Nicht  im  alten  Todtentanze,  wohl  aber  in  dem  jüngeren  kommt 
als  drittletzte  Darstellung  die  Jungfrau  vor.  Die  ihr  und  dem  Tod  in 
den  Mund  gelegten  Reime  haben  mit  unserem  Spiele  keine  Verwandt- 
schaft; doch  aber  wird  es  als  Ausführung  eines  Todtentanz-Motives 
zu  betrachten  sein^  mag  der  Verfasser  dasselbe  nach  Analogie  des 
alten  Todtentanzes  selbst  erfunden  oder  dem  jüngeren  entnommen  haben. 
Jedes    andere   konnte  zu  einer  ähnlichen  Ausführung  auffordern. 

Gering  sind  die  nur  in  H  vorfindliehen  Reste  eines  Spieles  vom 
reichen  Mann  und  armen  Lazarus  (III.).  Wir  haben  einmal  die  Rede 
einer  wohlgesinnten  Person,  die  dem  Reichen  zu  seinem  Besten  räth, 
des  letzteren  abweisende  Antwort  und  einen  —  offenbar  nicht  den 
ersten  —  Hilferuf  des  Armen ;  sodann  den  ersten  Hilferuf  des  Rei- 
chen aus  der  Hölle,  die  erste  Antwort  Abrahams  und  eine  Rede  der 
Teufel .  die  den  Reichen  quälen.  Auch  diese  Scenen  sind  also  ent- 
fernt nicht  vollständig;  aber  zwischen  ihnen  mußte  nothwendig  dar- 
gestellt sein,  wie  beide  Personen  starben  und  die  eine  von  Engeln  in 
den  Himmel,  die  andere  von  Teufeln  in  die  Hölle  geführt  ward;  und 
ehe  Lazarus  beim  Gastmahl  des  Reichen  auftrat,  muß  schon  eine  mehr 
oder  minder  ausführliche  Exposition  beider  Charaktere  vorausgegan- 
gen sein.  Aus  alle  dem  konnte  sich  schon  ein  nicht  allzu  kurzes  Spiel 
zusammenbauen.  Die  Einführung  einer  im  Evangelium  nicht  vorkom- 
menden Person,  der  die  Rede  260  —  68  in  den  Mund  gelegt  ist,  be- 
weist, wie  der  Dichter  sich  einiger  Freiheit  zu    bedienen  wusste. 

Sehr  viel  ausgiebiger  als  diese  drei  Spiele  ist  IV  vom  Zusam- 
mensteller des  Buches  benutzt  worden;  doch  hat  man  auch  hier  kei- 
neswegs, wie  man  auf  den  ersten  Blick  glauben  könnte,  ein  vollstän- 
dig erhaltenes  Spiel  vor  sich.  In  dem  stetig  und  wohl  überlegt  fort- 
schreitenden Dialog  330 — 580  wird  Niemand  etwas  vermissen.  An  ihn 
fügt  sich  als  seine  Frucht  das  Gebet  581 — 94  und  an  dieses  wieder 
die  Antwort  Gottes  bis  626:  obwohl  die  in  T  nach  586  eingeschal- 
tete Überschrift  die  Vermuthung    nahe    legt,    dass    hier    bereits  Gott 


DAS  SPIEGELBUCH.  179 

eine  Antwort  gegeben,  durch  welche  die  mit  dem  Vorhergehenden 
kaum  zusammenhängende  fernere  Rede  des  Gesellen  von  587  an  her- 
vorgerufen wird.  Eme  Lücke  ist  dagegen  sicherlich  zwischen  329  und 
330.  Die  Berathung  der  vier  Gesellen,  von  der  die  Überschrift  in  T 
meldet,  konnte  unmöglich  nur  aus  der  Rede  des  einen  ernstgesinnten 
unter  ihnen  bestehen,  der  nachher  die  Unterredung  mit  dem  geistli- 
chen Manne  hat.  Die  übrigen  müssen  ihm  geantwortet  und  ihn  allein 
gelassen,  er  muß  alsdann  den  Mönch  aufgesucht  und  angeredet  ha- 
ben ;  sogar  die  Art,  wie  dieser  seine  Rede  330  anhebt,  sieht  nicht  aus^ 
als  ob  er  hier  zum  ersten  Mal  spreche.  Schwer  zu  glauben  ist  ferner, 
dass  die  Anleguug  des  Ordenskleides  nach  626  stillschweigend  vorge- 
gangen sei;  auch  kann  dem  Bruder  sein  großer  Bart  (638)  nicht  auf 
der  Bühne  gewachsen  sein  und  er  hat  sie  vor  der  Begegnung  mit 
den  Gesellen  offenbar  verlassen.  Diese  werden  also  allein  aufgetreten 
sein  und  unter  einander  geredet  haben,  bis  der  Bruder  wieder  auf- 
trat. Ein  zusammenhängendes  Stück  bildet  hierauf  die  Hohnrede  eines 
der  drei  Gesellen  und  die  Antwort  des  Bruders  bis  676;  hier  aber, 
wo  T  abermals  eine  Überschrift  mitten  in  die  Rede  derselben  Peison 
einschaltet,  kann  sich  die  Anklage  der  Sünder  vor  dem  Hei-rn  nicht 
unmittelbar  angeschlossen  haben.  Ich  glaube,  dass  hier  die  Gesellen 
in  einer  oder  mehreren  Reden  zuerst  repliciert,  den  Bruder  auch  thät- 
lich  mißhandelt  und  darauf  sich  entfernt  haben.  Die  Anklage  würde 
ungebürlich  matt  herauskommen,  wenn  sie  sich  nur  auf  die  Rede  627 
bis  644,  auf  die  der  Bruder  bereits  ausführlich  geantwortet  und  das 
letzte  Wort  behalten  hätte,  begründete.  Mit  der  Rede  des  Herrn  kann 
das  Spiel  728  füglich  geschlossen  haben. 

Es  ist  eine  sehr  anspruchlose  und  elementare,  ich  möchte  sagen 
eine  recht  hausmacheude,  aber ,  wie  man  am  besten  aus  dem  gro- 
ßen Stücke  IV  entnehmen  kann,  weder  ungeschickte  noch  geistlose 
Dramatik,  die  ich  hier  nachzuweisen  versuche.  Dass  dieser  Nachweis 
in  der  Hauptsache  wohlbegründet  sei,  kann  ich  nicht  bezweifeln,  denn 
ich  frage  mich  vergeblich,  auf  welche  andere  Art  man  sich  die  Ent- 
stehung eines  Productes  wie  das  Spiegelbuch  erklären   könnte. 

Prüft  man  Sprachformen  und  Schreibweise  der  Homburger  Hand- 
schrift, so  wird  man  schwerlich  Ursache  finden,  die  Gestalt,  in  der 
das  Spiegelbuch  hier  überliefert  ist,  weit  unter  1450  herabzunicken. 
Und  doch  beweisen  so  manche  Verderbnisse  des  Homburger  Textes, 
denen  bessere  Lesarten  des  im  Ganzen  so  viel  schlechteren  Trierischen 
gegenüberstehen,  dass  auch  jener  schon  eine  gewisse  Dauer  der  Über- 
lieferung hinter  sich  hat.  Wiederum    muß   der  Herstellung  des   Spie- 


180  M.  RIEGER 

gelbnches  die  Abfassung  der  ihm  zu  Grunde  liegenden  Spiele  um 
einige  Zeit  vorausgegangen  sein.  Erst  als  die  Spiele  nicht  mehr  auf- 
geführt Avurden  und  als  todte  Manuscripte  dalagen,  wird  deren  wich- 
tigsten Inhalt  Jemand  in  ein  kleines  Buch  gebracht  haben,  um  ihn 
nunmehr  für  einen  Leserkreis  nutzbar  zu  machen.  So  darf  man  sich 
wohl  die  Spiele  nicht  später  als  ganz  zu  Anfang  des  15.  Jahrhunderts  ver- 
faßt und  aufgeführt  denken.  Als  ein  äußeres  Zeugniss  kommt  der 
älteste  Druck  des  oben  erwähnten  jüngeren  Todtentanzes  in  Betracht, 
der  die  Schlußrede  am  Kerner  aus  unserem  zweiten  Spiele  in  ver- 
gleichsweise entarteter  Gestalt  wieder  gibt.  Dieser  Druck  ist  zwar 
nicht  datiert,  aber  auf  das  Titelkupfer  des  Münchner  Exemplars  hat. 
wie  Maßmann  bereits  bemerkte,  eine  alte  Hand  die  Jahrzahl  1459 
gesetzt,  was  doch  wohl  zn  dem  Schlüsse  berechtigt,  daß  der  Druck 
in  diesem  Jahre  schon  vorhanden  gewesen  sei.  Welchem  der  beiden 
Werke  die  ihnen  gemeinsame  Rede  ursprünglich  angehöre,  habe  ich 
oben  dahin  gestellt  gelassen,  da  der  bessere  Text  im  Spiegelbuche 
nicht  unbedingt  entscheidend  ist.  Ich  will  aber  doch  noch  auf  einen 
anderen  Umstand,  der  hiefür  vielleicht  nicht  ohne  Gewicht  ist,  auf- 
merksam machen.  Gehörte  die  Rede  ursprünglich  dem  Todtentanze 
an,  so  sollte  man  denken,  daß  bei  dessen  Ausstattung  mit  Holzschnit- 
ten Bild  und  Wort  auch  an  dieser  Stelle  einen  befriedigenden  Ein- 
klang zeigen  würden.  Es  ist  aber  nicht,  -wie  man  erwarten  müsste, 
der  Tod  in  der  Haltung  eines  Redners  vor  oder  neben  dem  Beinhaus 
dargestellt,  sondern  eine  Mehrzahl  von  Gerippen,  die  sich  aus  den 
das  Beinhaus  umgebenden  Gräbern  erheben  —  also  die  Auferstehung 
der  Todten,  wozu  der  Inhalt  der  Rede  keinen  Anlaß  gibt.  Diese  Frei- 
heit des  Illustrators  scheint  mir  erklärlicher  bei  einem  fremden  An- 
hängsel, das  dieser  Todtentanz  erst  als  Buch  erhielt  und  für  dessen 
Illustration  es  keine  der  Auffühming  entstammende  Überlieferung  gab. 
Die  von  Kugler  (Kl.  Sehr,  zur  Kunstgesch.  I,  52)  beschriebene  Cas- 
seler  Handschrift  dieses  Werkes  enthält  weder  die  fragliche  Rede  noch 
ein  ihrem  Inhalte  verwandtes  Bild.  Beachtung  verdient  es  schliesslich 
auch,  daß  der  in  der  Rede  vorkommende  Reim  loelt  :  gezelt  zu  den  con- 
ventioneilen Reimen  des  Spiegelbuches  gehört  (s.  71.  85.  254.  352.  663), 
während  er  im  Todtentanze  sonst  nicht  vorkommt. 

Die  Homburger  Handschrift  zeigt  oberhessische  Mundart,  wie  sie 
bis  zum  Main  und  Rhein  und  an  diesem  bis  zur  Lahnmündung  hin- 
abreicht, den  Ausgang  der  alten  Mattiaci  von  Mattium  ,  dem  Haupt- 
orte der  Chatten,  zum  Überfluß  erweisend.  Die  Sprachformen  der 
Trierischen  Handschrift  sind  niederrheiuischj  im  Rheinlande  wird  man 


DAS  SPIEGELBUCH.  181 

daher  die  Heimat  des  Spiegelbuches  selbst  wie  der  ihm  zu  Grunde 
liegenden  Dramen  zu  suchen  geneigt  sein.  Hiezu  stimmt  es,  daß  634 
die  Gesellen  wünschen,  ihr  geistlich  gewordener  Freund  läge  mitten 
im  Rhein,  eine  Redensart,  die  doch  nur  in  der  Nähe  dieses  Sti'omes 
gebraucht  werden  konnte.  Es  stimmt  aber  auch  dazu^  daß  der  jün- 
gere Todteutanz,,  bei  seinem  sei  es  activeu  oder  passiven  Lehnsver- 
hältniss  zum  Spiele  II  doch  wohl  dessen  Landsmann,  durch  ein  un- 
zweideutiges, von  Maßmann  bereits  hervorgehobenes  Merkmal  dem 
Mittelrhein  zugewiesen  wird.  Den  Wirth  redet  nämlich  der  Tod  mit 
diesen  Reimen  an:  Her  icirdt  her  icirdt  von  Byngen,  An  diszen  reyen 
mustu  nu  spryngen.  Vyl  hoszheit  hasfu  heg  nigen  Mit  falscher  speysz  vnd 
myt  wyn  langen.  Du  hast  gehalten  lade  allerley,  die  myt  fluchen  vnd 
schweren  hatten  eyn  gros  geschrey.  Des  bystu  eyn  m'sach  gewesen :  Bidt 
got  das  dyn  sele  mag  genesen. 

Dieses  von  Bingen  ist  die  einzige  örtliche  Beziehung  in  dem  gan- 
zen Werke,  und  es  muß  daher  wohl  zur  Aufführung  nicht  in  Bingen 
selbst,  aber  an  einem  Orte  der  Nachbarschaft  bestimmt  gewesen  sein, 
wo  man  rfnf  Anklang  beim  Publicum  rechnen  durfte,  wenn  man  den 
Binger  Wirthshäusern  etwas  Schlimmes  nachsagte.  Nun  zeigt  zwar 
der  älteste  Druck  (A),  nach  dem  ich  jene  Reime  mitgetheilt  habe, 
ein  östlicheres  Mitteldeutsch,  das  rheinisches  ai,  oi,  ut  für  a,  o  u  fern 
hält;  aber  in  dem  Worte  stät  =  lat.  Status,  das  im  Titel  den  reinen 
Vocal  zeigt,  bricht  auffallender  Weise  viermal  (10".  IP.  21*)  die 
Trübung  stait  hervor  und  verräth  eine  rheinisch  geschriebene  Grund- 
lage. Der  zAveite,  im  Münchner  Exemplar  mit  1470  bezeichnete  Druck 
(B)  hat  zwar  dieselben  Holzstöcke  wie  der  erste  benutzt,  ruht  aber 
hinsichtlich  des  Textes  auf  anderer  Überheferung,  nämlich  auf  der- 
selben, die  auch  der  Casseler  Handschrift  zu  Grunde  liegt  und  die 
sich  auf  den  ersten  Blick  in  der  abweichenden,  offenbar  ursprüng- 
licheren Reihenfolge  der  Scenen  kund  gibt.  Man  sehe  Maß- 
manns Zusammenstellung  im  Serapeum  1,  189.  Wenn  man  hier  die 
14  in  beiden  Drucken  verschieden  angeordneten  Scenen  weo-streicht 
so  erhält  man  24  in  vollkommen  gleicher  Folge,  offenbar  den 
ursprünglichen  Bestand  des  jüngeren  Todtentanzes ,  übereinstim- 
mend mit  der  ursprünglichen  Scenenzahl  des  älteren;  von  den  14  spä- 
ter hinzugekommenen  Scenen  schiebt  dann  B  12  hinter  dem  kindelin 
und  nur  2  an  früheren  Stellen  ein,  während  A  sie  in  Gruppen  oder 
einzeln  an  vielen  Stellen  zwischen  die  24  ur-sprünglichen  untersteckt, 
also  die  spätere  Zudichtung  dieser  Scenen  weniger  bemerklich  zu 
machen     strebt.     Daß    auch    im    Wortlaut    des    Textes   jene    andere 


182  M.  RTEGER 

Überlieferung  sich  kund  gibt  ,  dafür  will  ich  nur  ein  Beispiel  an- 
führen. In  der  Rede  des  guten  Mönches  heißt  es  in  B  vn  der  hruder  hyn 
loorden,  die  da  gehalten  Jiant  den  orden,  übereinstimmend  mit  der  Cas- 
seler  Handschrift  (s.  Kugler  a,  a.  O.),  während  A  die  freihch  bessere 
Lesart  gibt  va  eyn  hruder  bynn  worden,  der  da  gehalten  hat  den  orden] 
die  Casseler  Handschrift  ist  aber  nicht  etwa  von  B  abgeschrieben,  da 
sie  eine  einfachere,  reinere  Orthographie  zeigt.  Es  ist  also  nicht 
gleichgiltig ,  daß  uns  aus  dem  zweiten  Drucke  des  jüngeren  Todten- 
tanzes  so  wie  aus  der  einzigen  Handschrift,  die  wir  von  ihm  kennen, 
die  oberhessisch-mittelrheinische  Mundart  in  consequenter  Ausprägung 
entgegentritt. 

In  Bezug  auf  Geist  und  Tendenz  findet  sich  zwischen  den  Spie- 
len des  Spiegelbuches  und  dem  jüngeren  Todtentanz  grosse  Überein- 
stimmung. Der  Letztere  ist  nämlich  keineswegs  eine  Erweiterung  des 
gleichnamigen  älteren  Werkes  aus  vierzeiligen  zu  achtzeiligen  Reden, 
wobei  etwa  gar  matte  Weitschweifigkeit  an  die  Stelle  gedrungener 
Kürze  getreten  wäre.  Er  ist  ein  völlig  neues  und  ohne  Zweifel  viel 
bedeutenderes  Werk ,  das  nur  deßhalb  vor  dem  älteren  übersehen 
wird,  weil  dieses  zur  Entstehung  großer  monumentaler  Kunstwerke 
x^nlaß  gegeben  hat.  Wenn  der  ältere  Todtentanz  nur  den  populären 
Gemeinplatz  von  der  Eitelkeit  alles  menschlichen  Treibens,  von  der 
unerbittlichen  Nothwendigkeit  des  Todes  variiert^  so  erfaßt  der  jüngere 
das  menschliche  Treiben  in  seiner  manigfach  gearteten ,  durch  jede 
Lebensstellung  besonders  bedingten  Sündhaftigkeit  und  stellt  ihr  den 
Tod  in  herben  Sarkasmen  als  Richter  gegenüber ,  der  nur  für  den 
Frommen  seine  Schrecken  verliert  und  zum  freundlichen  Vermittler 
eines  besseren  Daseins  wird.  War  das  ältere  Werk  eine  unheimliche 
Posse ,  die  freilich  ernste  Gedanken  nahe  legte ,  so  sind  in  dem  jün- 
geren diese  Gedanken  mit  solchem  Nachdrucke  ausgeführt  und  so 
sehr  zur  Hauptsache  gemacht,  daß  auch  die  possenhafte  Form 
in  Wort  und  Geberde  eine  neue ,  weit  tiefere  und  herbere  Wir- 
kung gewinnt.  Die  Posse  ist  zum  geistlichen  Spiel  mit  ascetischera 
Zweck  geworden.  Hiemit  steht  der  jüngere  Todtentanz  bereits  auf 
gleichem  Boden  mit  unseren  Spielen  des  Spiegelbuches,  noch  bestimm- 
ter aber  durch  die  nicht  nur  religiöse,  sondern  eigentlich  mönchische 
Tendenz.  Es  wird  nämlich  allen  Ständen  der  Welt  und  den  Vertre- 
tern des  geistlichen  nicht  am  wenigsten  vom  Tod  ihre  besondere 
Standessünde  oder  doch  die  Unersprießlichkeit  ihres  Thuns  und  Kön- 
nens für  das  ewige  Heil    vorgehalten    und    von    ihnen    mit  Verzweif- 


DAS  SPIEGELBUCH.  183 

lung  oder  doch  mit  Äugst  erkannt,  obwohl  hiebei  der  Pabst  und  der 
Bürgermeister  in  bemerkenswerther  Weise  geschont  werden,  jener 
wohl,  weil  er  als  die  fernste  Autorität  die  meiste  Ehrfurcht  einflößte, 
dieser,  weil  er  als  die  nächste  die  meiste  Rücksicht  gebot.  Außer  dem 
kleinen  Kinde,  dem  der  Tod  als  wohlmeinender  Bewahrer  vor  der  Welt 
und  ihrer  trügerischen  Lust  erscheint,  finden  sich  nur  zwei  Scenen,  iu  wel- 
chen er  mit  freundlichem  Zuspruch  nahtundihm  freudig  gefolgt  wird;  und 
ihre  Personen  sind  der  gute  Mönch  (zum  Unterschied  von  dem  da- 
neben gestellten  bösen)  und  der  Laieubruder.  Sie  sind  es  allein,  die 
der  Welt,  von  der  alle  Anderen  verführt  worden ,  völlig  abgesagt, 
sich  ganz  in  Gottes  Dienst  begeben  ,  den  eigenen  Willen  und  Muth 
geopfert  und  dadurch  die  Schrecken  des  Todes  besiegt  haben.  In  glei- 
cher Weise  ist  wenigstens  das  IV.  Spiel  des  Spiegelbuches  ganz  auf 
die  Empfehlung  des  Mönchslebeus  gerichtet.  Die  Ermahnungen  des 
geistlichen  Mannes ,  die  das  Herz  des  jungen  Gesellen  Schritt  für 
Schritt  gewinnen,  haben  zuletzt  nicht  etwa  nur  den  Erfolg ,  daß  er 
seine  Sünden  bekennt,  Buße  thut,  ein  gottseliges  Leben  gelobt,  son- 
dern er  nimmt  einen  geistlichen  Orden  an  —  als  verstünde  sich  dies 
nun  ganz  von  selbst  und  wäre  der  alleinige  Weg,  sich  von  der  Welt 
unbefleckt  zu  halten  und  nach  Gottes  Willen  zu  leben. 

Solche  Geistesverwandtschaft  verbunden  mit  der  erwiesenen 
Landsmannschaft  und  dem  gegenseitigen  Lehensverhältniss  —  indem 
eines  der  vier  Spiele  vom  Todtentanze  sein  Motiv  und  dieser  von 
jenem  wieder  die  Schlußrede  borgt  —  legt  die  Vermuthung  nahe,  daß 
die  Spiele  des  Spiegelbuches  mit  dem  jüngeren  Todtentanz  aus  dem- 
selben Kloster  hervorgegangen  sein  möchten.  Es  findet  sich  nun  in  dem 
IV.  Spiele  eine  unverkennbare  Beziehung  auf  den  Cistercienserorden, 
nämlich  in  der  Bühnenweisung  der  Trierer  Handschrift  hinter  626: 
Nu  hau  der  gesell  einen  grawen  rock  vnd  einen  geistlichen  orden  ain  sich 
genomen.  Graue  Mönche  hießen  nach  ihrer  Ordenstracht  die  Cister- 
zienser:  vgl.  Leben  der  heil.  Elisabeth  9334  die  grawen  da  von  Citias. 
9547  ein  graioer  munich,  wo  das  lateinische  Original  setzt  ordinis  Ci- 
sterciensis  monachus.  So  wiid  man  denn,  da  wir  doch  einmal  durch 
den  Todtentanz  auf  die  Nachbarschaft  von  Bingen  gewiesen  sind,  auf 
das  berühmte  Stammkloster  dieses  Ordens  in  deutschen  Landen,  auf 
Eberbach  im  Rheingau  hingeführt. 

Schwerlich  mochte  zwar  die  Auffiihrung  von  Schauspielen  durch 
die  strenge  Regel  des  heil.  Bernhard  gestattet  sein ,  aber  wer  die 
Grabmäler  in  der  Eberbacher   Kirche    gesehen  hat ,  weiß  auch ,    daß 


184  M.  RIEGER 

dort  um  das  Jahr  1400  der  Ordeu  bereits  eine  freundlichere  Stellung 
zu  den  darstellenden  Künsten  genommen  hatte.  Wenn  nicht  bei  dem 
abgelegenen  Kloster  selbst ,  mochte  die  Aufführung  in  dem  benach- 
barten mainzischen  Eltvil  oder  in  Mainz  selbst  stattfinden,  und  es  ist 
vielleicht  kein  Zufall,  daß  im  jüngeren  Todtentanze  —  anders  als  im 
älteren  —  unter  den  sonst  so  vollständig  aufgeführten  hierarchischen 
Graden  der  Erzbischof  fehlt.  Doch  ich  fürchte,  der  Phantasie  schon 
zu  sehr  den  Zügel  gelassen  zu  haben. 

Eine  Identität  des  Dichters  steht  bei  den  vier  Spielen  wohl  außer 
Zweifel,  da  sie  in  der  ganzen  Technik,  den  Redensarten,  stilistischen 
Manieren  und  Lieblingsreimen  aufs  Genaueste  übereinstimmen.  Beim 
Todtentanze  vermißt  man  diese  Übereinstimmung,  die  zum  Theil  schon 
durch  die  hier  beobachtete  Form  der  achtzeiligen  Gesetze  ausgeschlos- 
sen ist,  und  findet  auch  keine  so  weitgehende  Genügsamkeit  in  Be- 
zug auf  den  Gleichklang  der  Reime. 

Es  erübrigt  mir  noch  Weniges  von  den  benutzten  Handschriften 
zu  sagen. 

H  ist  eine  ungespaltene  Papierhandschrift  in  Folio,  deutlich,  fest 
und  sauber,  aber  vom  Bl.  15^  an  nicht  mehr  mit  abgesetzten  Reimen 
geschrieben.  Bis  zu  Bl.  14  einschließlich  ist  die  Rückseite  jedes  Blat- 
tes  nur  mit  wenigen  Zeilen,  wie  sie  gerade  bis  zu  Ende  der  angefan- 
genen Rede  reichen,  beschrieben  und  der  größere  untere  Theil  der 
Seite  für  eine  Zeichnung  freigelassen ;  von  15^  an,  wo  die  Reime  nicht 
mehr  abgesetzt  werden,  bleiben  spärlichere  Räume  zwischen  den  ein- 
zelnen Reden  oder  auch  zu  ihrer  Seite  frei.  Kein  einziges  Bild  ist 
ausgeführt,  aber  fast  zu  allen  finden  sich  klein  geschriebene  lateinische 
Anweisungen,  aus  denen  hervorgeht,  daß  die  Bilder  wenigstens  bis 
auf  14''  sich  nicht  auf  die  vorausgehenden,  sondern  auf  die  bei  aufge- 
schlagenem Buche  rechts  neben  stehenden  Reden  beziehen  sollten.  Es 
lag  also  dem  Schreiber  eine  wii'klich  illustrierte  Handschrift  vor,  ähn- 
licher Art,  wie  die  von  Kugler  beschriebene  des  jüngeren  Todtentan- 
zes  zu  Kassel,  und  er  wollte  einem  Zeichner  Gelegenheit  lassen,  auch 
die  seinige  so  zu  schmücken.  Hier,  wie  bei  beiden  Todtentänzen , 
dem  älteren  und  jüngeren,  sollte  für  das  Auge  des  Lesers  das  leben- 
dige Schauspiel  durch  Bilder  ersetzt  werden.  Die  Bildanweisungen 
mochten  übrigens  unserem  Schreiber  auch  die  Bezeichnung  der  reden- 
den Personen  ersetzen,  indem  er  sich  aller  Überschriften  im  Texte 
selbst  enthielt.  Den  Schluß  der  Handschrift  bilden  zwei  leere  Blätter 
mit  allerlei  halbverwischten  Sprüchea  beschrieben.  Im  selben  Bande  mit 


DAS  SPIEGELBUCII.  185 

ihr  vereinigt  waren  zwei  alte  Drucke,  die  Älfhnn  Hermanns  von  Sacli- 
senheira  von  1512  und  Aurea  bulla  Caroli  IV  von  1477;  die  Hand- 
schrift machte  den  Anfang. 

Über  T  ist  außer  der  bei  Aufseß  gegebenen  Beschreibung  zu  sa- 
gen, daß  ihr  Äußeres  der  verwilderten  Überlieferung  und  Orthographie 
vollkommen  würdig  ist.  Sie  hat  weder  Bilder  noch  Raum  für  solche, 
dafür  miniierte  Überschriften.  Dem  Spiegelbuch  voraus  geht  von 
Bl.  1  bis  IS""  das  Buch  de  arte  moriendi  magistri  Mathei  de  Cracovia; 
noch  auf  Bl.  13''  steht  die  gereimte  Überschrift  und  Inhaltsangabe  des 
Spiegelbuches. 

Auf  Grund  dieser  Handschriften  einen  kritischen  Text  zu  lie- 
fern, war  weder  der  Mühe  wcrth,  noch  bei  dem  Mangel  metrischer 
Norm  auch  nur  möglich.  Ich  stelle  beide  Texte  neben  einander  und 
überlasse  dem  Leser,  aus  dem  jüngeren  und  im  Ganzen  so  viel  schlech- 
teren das  Taugliche  herauszufinden.  An  der  Schreibung  habe  ich  nichts 
Charakteristisches  geändert,  nur  ■ —  um  mich  beim  Abschreiben  zu  er- 
leichtera  —  die  regellosen  y  dm'ch  i  ersetzt  und  j  neben  i,  sowie  v 
neben  u  nach  unserem  jetzigen  Gebrauch  angewendet. 

DAKMSTÄDT  im  Januar  1871.  M.  RIEGER. 

H  T 

I.    . 

Sündiger  mentsclic,  als    ich    dicli   finde 

an  dime  ende, 
also  urteil  ich  dich  gar  behende : 
darnach  du  hast  getan 

miistu  dinen  Ion  han.  \  ■. 

fare  hin  zu     der    hellen    und    blip    da 

ewicklich,  5       Belib  ewiklichen  da  du  bist,  [1* 

wann  kein  erlosunge  da  ist  sicherlich.         wan  in  der  hellen  kein  Verlosung nit  ist. 
du  hast  din  leben  nit  gebeßert,  du  hast  den  leben  nit  gebessert, 

des  mustu  ewigklich  werden  gelestert.  dar  umbmustuewenklichen  singelestert ; 
du  hast  stunde  und  zit  wol  gehabet,  dan  stund  und  zit  gieng  der  nit  ab, 

viel  jare  und  auch  mangen  tag,  10       die  du  hast  gehait  vill  jar  und  manchen 

dach, 
das  du  mochtest  haben  ewig  leben:  das  du  wul  muchtes  verdenet  hain    ewc 

leben : 
aber  es  was  dir  nit  eben.  aber  es  was  dir  nit  eben, 

der   predigen  vnd  guten   lere  echt  du      der  predegaten  achtes  du  nit  vill, 

nit  vil, 
sie  waren  dir  ungeueme  ane  ziel:  die  waren  dir  gelich  einem  kinde  speill: 

du  wolte  [16'']  darnach  nit  leben,       15 

GERMANIA,  Neue  Reibe  IV.  (XVI.)  Jahrg.  13 


186 


M.  RIEGER 


H 

des  mustu  von  mir  ewicklich  streben. 

ruwe  und  bicht  umbe  din  sunde, 

darzu  hett  du  kleine  minne. 

ich  han  dich  dicke  gemanet  sere, 

aber  es  was  dir  alles  eine  mere. 

nu  wil  ich  dich  bevelhen  den  tuflFeln  in 
der  hellen, 

die  werden  nu  sin  dine  gesellen; 

den  mustu  nu  volgen  fürbaß  me, 

daz  du  wirdest  schrien  ach  und  we 

und  die  tufelsche  Gesiecht  ewiglich  an- 
sehen : 

da  von  wirt  dir  sunderllch  we  geschehen. 

mins  lustlichen  gesiebtes  mustu  ewick- 
lich enberen, 

du  tuhest  es  node  oder  geren. 

der  wonsamlicheu  süßen  lustlichen  freu- 
den, 

von  der  mustu  imber  sin  gescheiden  30 

und  darzu  pin  und  martel  liden 

nu  woltestu  gern  ruwen  han 

und  auch  die  sunde  lan : 

nu  ist  es  versumet  gar,  35 

wan  ich  wil  din  nimmer  genemen  war. 


Ach  du  ungetruwes  weltliches  leben, 
du    hast  mich  in  den    ewigen  dot  ge- 
geben. 

waß  hilffet  alle  freude  die  ich  ie  gewan, 
so  ich  sie  nu  muß  lan?  40 

pin  und  martel  ist  mir  bei'eit 
und  darzu  ein  ewiges  hertzeleit. 
min  gewißen  ist  mich  ewiglich  nagen 
und  wirt  auch  alzit  sagen 
diu  pin  uimmct  kein  cude,  45 

das  macheut  din  großen  sunde'. 

owe  wie  han  ich  die  edel  zit  verloren, 
in  der  ich  wol  hette  ewige   freude  uß 

erkoren ! 
owe  hie  ist  kein  Zuversicht  nummer  me, 
wie  ist  das  so  ein  bitter  we !  50 


ruen  und  bichten  umb  din  sund, 

dar  zo  hattz  du  wenich  mind. 

ich  hain  dich  dick  gemanet  serre, 

aber  es  was  dir  als  ein  merr. 

nu  will  ich  dich  den  duvelen  befeien  in 
der  hellen, 

de  suUent  nu  sin  din  gesellen; 

den  must  du  nu  volgen  vor  bas  me, 

des  must  du  schrien  ach  und  we 

und  must  de  dufelische  gesiebt  ewechen 
ain  gesen: 

darvaiu  wurtdir  sunderlich  we  gescheen. 

mines  lustichen  angesichts  must  du  en- 
berreu, 

du  dost  es  node  ader  gern. 

ach  der  wausamlichen  lustich  freuden! 

van  den  must  du  immer  werden 'geschei- 
den 

und  darzo  pin  und  martel  liden, 

das  magst  du  nit  wul  vermiden. 

dan  wuldes  du  gern  ruen  hain 

und  de  sund  vorbas  me  lain: 

nein  is  ist  aber  versumet  gar, 

dan  ich  nim  dein  nit  me  war. 

He  leit  der  sunder  in  der  hellen  und  die 
dufel  pinigen  in   und  er  spricht   also  zo 

der  Welt. 
Ach  ungetruwes  weltelichs  lieben,    [l''] 
we  hast  du  mich  so  gar  in  ewegen  dot 

geben ! 
was  hilft  mich  nu   all   fi-eud   die   ich  e 

gewan, 
so  ich  si  muß  nu  ewenclichen  lain? 
groiß  martel  undpin  ismir  ewechbereidt 
und  dar  zo  grosses  hertzen  leidt. 
mein  wonuugk  wirt  mich  ewichen  sagen 
und  dach  vur  dach   mich  nachen 
dein  pin  nirabt  kein  end, 
das  machend  deine  gros  sund. 
0  we  we  hain  ich  de  edel  zit  so  gar  ver- 
loren, 
in  der  ich  wul  hett  eweches  lieben  attst'r- 

koreu ! 
0  we  hie  ist  kein  zoversicht  nimmer  me, 
we  ist  das  so  gar  ein  bitter  we ! 


DAS  spiegelbuch. 


187 


H 

owe  daz  ich  ie  geboren  wai-t : 
wie  ist  die  pin  so  bitter  und  so  hart! 
mochte  ein  hoffenunge  hie  gesin, 
das  ich  mochte  engeen  dißer  großen  pin, 
wie  lange  doch  die  hoffenunge  were,  55 
das  were  mir  ein  gute  mere; 
oder  mocht  ich  doch  ersterben! 
nein  ich  muß  ewiglich  [16"]  leben 
und  nit  dester  miuner  pine  han: 
das  machet  mir  einen  bossenargewan.   60 
owe  ache  jammer  und    gi'oße  hcrtzeleit, 
wie  bistu  mir  so  vollenkommenlich  be- 
reit! 
verflucht  si  nu  vatter  muttcr  und  dot, 
daz  sijrcchen  ich  werlich  ane  allen  spott. 
owe  ir  tuffel,  woUent  ir  diesse  pin  immer 
mit  mir  andriben,  65 

wie  wirt  eich    dan    meren  min    großes 

liden ! 
owe  das  Ich  nit  ein  viehe  bin  worden, 
60  hette  ich  diesse  pin  mit  suuden  nie 
erworben. 


*j  We  alle   mentschen,    hutent  uch   vor 

diesser  großen  pin,  [15"] 
in  der  wir  hie  ewiglich  mußen  sin.      70 
ach  du  betrogen  falsche  freude  und  lost 

diesser  weit, 
wie    gibestu    ein    so  snodes  klcgeliches 
gezelt ! 

*)  Ja  das  bin  ich  auch  wol  gewar  worden, 
ich  weite  mich  nie  dar  vor  besorgen; 
ich  sprach  auch  allezit,  ich  wolte  mich 
beßem  morn:      75 
des  bin  ich  leider  blieben  da  forn. 


owe  das  ich  c  geboren  ward: 
WC  ist  disse  pin  so  gar  bitter  hart! 
mocht  doch  ein  hoffenung  ummer  he  sin, 
das  ich  engein  mocht  disser  groser  pin, 
we  lang  doch  de  hoffenung  werrc, 
das  were  mir  ein  gode  merre; 
ader  mocht  ich  ummer  ersterben ! 
nein  ich  moiß  ewanchlichen  lieben 
und  desto  minder  nit  pein  haben : 
das  macht  mir  einen  boissen  won. 
owe  jamer  und  hertzleid, 
we  bist  du  mir  so  gar  voUenklichen  be- 
reit! 
verflocht  si  vater  moder  und  got, 
das  sprechen  warlich  ich  on  allen  spot. 


Der  verdampten   in   der    hellen    spr 

einer  all  so. 
Owe   nu  hoden    uch   vor   diser    gros. 

piin,  [3"] 
in  der  wir  ewauclichen  müssen  siiu. 
ach  du  velsch  freud  diser  weit, 

we  loues  du  so  gar  mit  bösem  gcld ! 

Aber  nu  spncht  ein  ander  all  so  vort 
ja  des  sin  ich  wuil  gewar  worden, 
ich  wold  mich  ne  besorgen  5 
ich  sprach  als  der  raff  'morn  morn':  *J 

als  so  bin  ich  nu  leider  verloren. 


**)  Ach  laßent   den   athem  bi  uch    bli- 

ben,  [15%   13] 
wann  sie  kerent  sich  nit  an  diß  große 

Mden; 


*)  Gegenüber  auf  14** 
**)  Gegenüber:  amjma. 


anyma. 


Dis  herna  spricht  ein  ander  also. 
ach  nu  laint  den  athem  in  uch   beliben, 

wan    sie    keren   sich   nit   an   dis  groß 
liden  ; 

*)  Vgl.  Wackernagel  Vocesvar.  animant.'lG. 

13* 


581 


M.  RIEGEE 


H 

wann  sie  meinent  lange  leben 
und  wollent  sieh  darnach  gotte  ergeben, 80 
als  wir  auch  in  dem  leben  haben  getan: 
des  mußen   wir   ewiglich  pin  und  liden 

han. 
[wie  selig  ist  der  der  tzuhant  von  sunden 

wichet 
so  die  sunde  in  ine  slichet !] 


*)  Laßent  uwer  warnen  sin,  [15*,  9] 
wann  ir  sint  nach  gar  viel  min. 
sie    habent    großen    lost    nach    dieser 

weit,     85 
des  mußen  ir  noch   gar   vil   under   min 
gezelt. 

**)  Aane  allen  zwifel  got  ist  barmhertzig 

gnugk,   [15%  21] 
er  ist  aber  gerecht  auch  zu  aller  stunt. 
er  kan  auch  wol  ein    wilche  ewigen: 
die  straffunge  der  sunden  wil  er  doch 
nit  miden.      90 


aber  es  nemment  dieser  rede  gar  wenig 

war,  [15*'] 
darumbe  komment  irviel  in  unser  schar. 

da  werden  wir  auch  singen  glich         95 
das  wir  scheiden    sin   von   dem    ewigen 

rieh. 


sie  willend  noch  langer  leben 

und  sich  dan  got  ergeben, 

als  auch  wir  hain  gedain: 

dar  umb  müssen  wir  ewich  piin  hain. 


Der  dufell  spricht  nu  zo  dem  verdamten 

in  der  hellen. 
Lasen  nu  ur  murmeren  siin, 
urer  ist  noch  gar  vil  min. 
de  da  lusten  dieser  weit, 

erer  moiß  nach  vil  under  mein  gezelt. 


Ja    on     allen  zwivel  got  ist   barmher- 

chich  genug, 
er  ist  auch  gerecht  zo  fugh. 
er  kan  wuil  ein  wiil  schwien, 
aber  die  strafFung  der  sunden  mach  er 

nit  vermiden. 
saellich  ist  der  van  sunden  wichet, 
so  die  sund  nit  in  iin  schlichet. 
aber  ir  nemmen  disser  red   gar  wenich 

war, 
dar  umb  kommen  urer  also  vil  under  un- 
ser schar, 
da  werden  wir  singen  all  gelich 
das   wir   siin   geschiden  vain   dem   he- 
melrich. 


n. 


***)  Ich    lesse    und    wieder  lesse    alle 

schrifft  [ir] 
und  finde  nicht  das  böser  giiFt  ist, 


Hie  prediget  ein  lerer  dem  sundigen  men- 
schen und  spricht  all  so. 
Liß  und  weder  liß  alle  geschriflft,  [S^] 

so  vindes  du  kein  böser  vergifft. 


*J  Gegenüber  diabulus. 
**)  Gegenüber:  anyma. 
***)  Gegenüber  auf  10'' :  Monyciis  facit  sermonem 

Populus, 


DAS  SPIEGELBUCH. 


189 


H 

dan    das   der    mentscbe  blibct   in  dem 

leben, 
dar  inne  er  nit  begeret  zu  sterben.   100 
wann  nicht  sicherst  ist  dan  der  doit 
und  nit  unsichers  ist  wan  die  stunde  si- 

ner  nott. 
wann  auch  unser  kranckes  üppiges  leben 
ist  nit  anders  dan    stedc  zu  dem  tode 

streben. 
dem  mentschen  ist  sin  ende  nit  bekant,  105 
gelich  wol  wirt  er  von  hinnen  gesant. 
wann  als  die  vische  mit  dem  harnen 
werdent  unvorsiechtlichen  gefangen 
und  auch  die  vogelin  mit  dem  garn, 
also    werden    wir    auch     von    hinnen 

faren.   110 
wann  glich  als  der  diep  suchet  in   den 

stal, 
also  kommet  der  doit  auch  über  uns  all. 
den  sollen  wir  stedicklich  in  unserm  ge- 

dechtuiß  han, 
wan  ime   niemant   engeet,    es  si  frauwe 

oder  man. 
und   darumbe   kein    artzeni   noch   kein 

lere   115 
überwindet  die  sunde  also  sere 
noch    verleschet    hie   böse    wollust  uff 

erden , 
als  die  bedrachtunge  des  eilenden  sterben. 
die  äugen  werden  sich  verkeren 
und  das    liden   wirt   sich   auch   in   uns 

meren,   120 
lip  und  sele  werdent  sich   von  einander 

scheiden 
mit  großer  pin  und  nit  mit  freuden 
und  auch  mit  mangem  bittern  stoß : 

daz  wirt  zulest  sin  unßer  loße. 


dan    daz   der  mensch    blibet    in   einem 

lieben, 
da  er  nit  begert  in  zo  sterben, 
wan  nust  sichers  ist  dan  der  tod 
und   nust   unsichers    dan    de   ziit   siner 

noit. 
unsers  kranckes  oppeges  leben 
ist  nust  anders  dan  zo  dem  tod  streben. 

wan  dem  menschen  istsinendnitbekant, 

glich  wul  wurt  er  hinnen  gesaut. 

so  gelich  als  der  fisch  mit  dem  hamen 

werden  wir  onversichtlich  gefangen, 

und  we  de  fogel  mit  dem  garn, 

also  müssen  wir  all  vain  hinnen  farren. 

und  gelich  als  der  deiff  schlichet  in  den 

stal, 
also  komt  der  tod  über  uns  all. 
den     sullen     wir     stetlich      in    unserm 

hertzen  han, 
wan  im  nemen  engeit  weder  frawe  noch 

man. 
darumb  kein   artzenni  noch  lerr 

überwindet  de  sund  also  ferr 

noch  verlestiget  die  wullost  he  off  erden, 

als  betrachtung  des  eilenden  Sterbens. 

die  äugen  werden  sich  verkeren, 

das  liden    wurt   sich    in     uns    meren, 

leib  und  seel  werden  sich  von    einander 

schiden 
nit  mit  groisser  freuden, 
sundern    mit    mangen    harten    bitteren 

stoß: 
das  wurt  zum  lesten  sin  unser  loß. 


*)  Kere,  liebes  kint,  diu  begirde  noch 
zu  mir,  flOl    125 


*)  Gegenüber  auf  9*^ : 

Dommus  in  wolckeii 
fjrgo  speculum  di/gabulus 


He    lert    got    der    herr    den   sunder    un 

spiHcht  allso. 
suuder,  ker  dein  begerd  noch  zo    mir, 
[2%  15] 


jyo 


M.  RIEGER 


H 

din  sundc  wil  ich  gutlich  vergeben  dir, 
waun  du  wirst  gar  kurtzlich  sterben 
und  hüte  dich,  das  du  it  ewiglich  wer- 
dest verderben, 
uit  habe  lost  in  diesen  zergencklichen 

dingen, 
die  du  must  laßen  und  darnach  nimmer 
me  enpfinden.   130 
was  hilfFet  dich  nu  ein  kurtze  freude, 
wann  darnach   kommet  gar   ein   bitter 
weide  ? 


Ach  solte  ich  nu  nit  frolich  sin? 
min  hertz  weiß  doch  von  keiner  pin. 

0  du  junger  lip  und  du  hoher  mut,  135 
ich  laß  dich  nit   umbe    das    himmelrich 

gut. 
springen   und    dantzen   eal    dir   nit   sin 

verseit, 
wann    du  bist   auch   allezit   wol   darzu 

bereit ; 
darumbe  saltu  in   lost  und   in   freuden 

leben, 
es  komme  dir  joch  wol  oder  uneben.  140 


Beschauwe  dich  binden  forn  und  neben, 

das  du  der  weit  gefallest  eben, 

wun  sie  hat  viel  lostes  allezit  nach   dir. 

dar  umbe  komme  und  wone  bi  ir, 

so  wiidestu  auch  in  freuden  streben,  145 

wann  sie  wirt  gar  lustlich  mit  dir  leben. 

pit    habe    ein     missentruwen    an    dem 

herren : 
er  wirt  dich  doch  zuleste  bekeren. 
er  ist  auch  barmhertzig  also  sere, 
das  laße  dir  sin  ein  gute  mere.  150 

also  wirdestu  doch  vor  dim  ende  beke- 
ren dich  [10^] 
und  darnach  auch  kommen  in  das  ewige 

rieh. 


din  sund  wil  ich  vergeben  dir, 
wan  du  wurst  kurtzellichen  sterben, 
das  du  nit  ewanchklichen    werdest  ver- 
derben, 
nit    hab  lust   in   desen   vergengklichen 

dingen, 
de  du  dar  na  must  lasen  und  nit  finden. 

was  hilffet  nu  ein  kurtz  freud, 
wan  dar  na  kumbt  ein  kald  weid? 

Nu  antsert  der  sunder  und  sjyi^icht. 

Ach  sold  ich  nit  frolich  sin, 

60    mein   hertz    weis    doch   van    keiner 

pin? 
0  junger  liib  und  hoer  moid, 
ich  lasen    dich   nit  durch  das    hemelch 

gilt. 
springen    und    dantzen    sal  dir  nit  sein 

versacht, 
wann  du  haist  an  ein  schönes  kleit : 

dar  umb  salt  du  in  freuden  und  wuUost 

leben, 
es  kom  dir  obel  ader  eben. 

Dis  rattet  der  dufel  dem  sunder. 

Beschwau  dich  binden  vor  und  neben, 

das  du  der  weit  gefallest  eben, 

wan  si  halt  vil  lost  na  dir. 

dar  umb  salt  du  kommen  zo  ir. 

so  wirst  du  in  freuden  leben 

und  si  gar  lustich  vor  dir  sweben. 

uit  hab  einen  mistrwe  an  dem  herren: 

dan  er  wirt  dich  doch  zo   lest  bekeren. 
er  ist  barmherchich  al  so  serr, 
das  laß  dir  sin  ein  gode  merr, 
also  wirs  du  bekeren  dich 

und  dar  na  kommen  in  das  hemelrich. 


Wolteslu  mir  min  leben  auch  also  balde 
abebrechen,  [11''] 


DAS  SPIEQELBUCH. 


191 


H 

ich  woltü  dich   ee   mit  cim  awert  erste- 
chen, 
fluch  balde  von  mir  enweg,  155 

anders  ich  werffe  dich  in  den  dreck, 
hilff  got,  wie  bistuso  recht  ungeschaffen! 
ich  wolte  lieber  wouncn  bi  den  äffen, 
dan  ich  solte  woüeu  bi  dir: 
daruuibe  so  gang  balde  von  mir.       160 


*)  Ich  sage  dir,  du  enkanst  mir  nit  also 

engeen,  [12°] 
wann  ich  und  du  mußen  auch  bi  einan- 
der steen, 
und  ich  bin  es  der  doit: 
hüte  auch  dich,  ez  dut  dir  not 
und  beßer  fürbaß  din  leben,  165 

wann  du  wirdest  kurtzlich  sterben, 
aber  du  meinst,   du  sist  noch  juuk, 
dai'umbe  habest  du  noch  zit  genung. 
zu  dirre  zit  wiltu  mich  nit  bekennen; 
dan  zulest wirstu  mich  wole befinden.  170 
so  werden  ich  dir  din  glidder  uß  einan- 
der strecken 
und   werden   ir   eins    von    dem    andern 

herwecken. 
o  waz  pin  wenest  das  auch  da  werde  sin, 
da  du  alle  ding  auch  must  laßen  sin, 
mit  den  du  auch  so  viel  lostes  hast  ge- 
habt 175 
viel  zit  vnd  auch  viel  mangen  tag, 
und  must  allein    geen    in    ein    fremdes 

land, 
das  dir  gar  wenig  ist  bekant. 
wer  diesse  itelkeit  dirre  zit  recht  ane  sehe, 
der  verwurffe  die  Üppigkeit    dirre  weit 
dester  ee.   180 
sage  mir,  wa  sint  nu  die  liephaber  dies- 

ser  weit? 
wa  ist  ir  freude  und  ir  groß  gelt? 
waß  notzet  ine  uu  ir  üppige  ere  und  ge- 

walt  ? 


Dia  hema  spricht  nu  der  toldt  also. 


wul  recht  bin  ich  der  grimich  tod; 
hut  dich,  es  deit  dir  not.  [4*] 

keuttcs  du  mich,  villicht  huttes   du  dich 

und  bessert  dein  lieben 
ee  dan  du  werdest  sterben, 
aber  du  meinst  du  sist  noch  junck 
und  habest  noch  ziit  genug. 
du  wilt  mich  nit  erkennen: 
zo  lest  wirst  du  mich  wul  finden, 
wan  ich  dir  diin  geleder  uisser  nander 

strecken 
und  eins  van  dem  anderen  erwecken. 

so  du  all  ding  must  lasen  ligen, 
0  waß  pin  must  du  dun  liden, 
mit  dem  du  vil  lost  hast  gehait 

vill  jarr  und  mangen  dach, 

und  must   allein   faren   in    ein    frimdes 

lant, 
das  dir  ist  gar  onbekant. 
wer  den  adel  disser  weit  nit  an  siit  he, 
der  verAverff  sine  oppecheit  desto  ee. 

nu  sach  mir,  wo  sint  die  liebhaber  dis- 
ser weit? 
wo  ist  ir  groiß  freud  und  auch  ir  gelt? 
was  nutzet   in   nu   ir    Üppigkeit  und    ir 
gevvalt? 


*)  Georenüher  auf  11*'  : 
fW'O'^'  mors. 


192 


M.  RIEGER 


H 

siehe  wie  suberlich  sie  nu  sint  gestalt. 
wa  ist  nu  ir  richtum  und  ir  freude?  185 

wie  sitzen  sie  du  so  in  großem  leide! 
wol  bin  ich  es  der  doit  genant, 
wan  ich  werden  ine  auch  wolbekant. 
aber  ein  deil  meinent  ich  enkonde  nit      aber  erer  ein  deil  meinent  ich  kun  nit 

zo  in  komen, 
bis  das   ich    si    werd    grifen    mit   dem 

gummeu : 
so  erkennen  si  dan  mich, 


sich,  we  sint  se  nu  so  soberlich  gestalt. 
wo   ist   ir   eer  und    ir  richtum   und  err 

groiß  freude? 
we  sitzen  se  nu  so  gar  in  großem  leid ! 
wul  bin  ich  der  tod  genant, 
wau  ich  wert  in  allen  wul  bekant. 


zu  ine  kommen, 
biß    ich    sie    begriffe    bi  dem  gommen: 

[12^]   190 
so  werden  sie  dan  bekennen  mich, 


wann  ich  so  recht  grimmlich  in  sie  slich.      wan  ich  grimmenchlich  in  se  schlich. 


*)  Sehent  an  mich   alle   herschafft  und 

weltliche  schone:  [13"] 
ich  bin  auch  herlichen  gesessen  in  mi- 

nem  throne 
und  lige  nu  hie  in  diessem  grabe,  das  ist 
min  lone.   195 


Nun  18  der  sunder  unversiclitUck   gestor- 
ben und  Uit  in  der  hellen  und  sj)richt. 


Ich    was   herlich    gesessen    in    minem 

thron:   [2''] 
nu  bin  ich    in    dem  grab,  das    ist    min 

Ion. 
owe  ich  bin  in  minem  sale  zierlichen  ge-      in  minem  sal  bin  ich  herlich  gesessen : 

sessen : 
uu  ßtinck  ich  und  hant  min  frunde  min      nu  stincken  ich  und  hat  man  miuer  gar 


gar  vergeßen. 
ach  in   minem   huse   wart  ich   gespiset 

wol: 
nu  freßent  mich   die  worme   in   diesem 

phule. 
sehent  wie  suberlich  binich  gestalt!  200 
ich  waß  jung  und  bin  worden  alt : 
hette  ich  ein  spiegel,  ich  muste  mich  be- 
sehen ; 
so  wurdent   ir    mit   alle  bekennen   vnd 

verjehen, 
es  ist  uch  nu  wol  offenbar 
und    als    auch     bewiset    min     schönes 

har,   205 
auch  dartzu  min  lieplichen    augcn, 
die  mag  man  auch  wol  gerne  schauwen. 


vergessen. 
in  minem  huiß  wart  ich  gespiset  wuil: 

nu  fressen  mich  de  worm   he  in  desem 

poll. 
seend  we  bin  ich  so   suberlich  gestalt! 
ich  was  junck  und  bin  worden  alt : 
het  ich  einen  spegel,  ich  must  mich  be- 

segen  5 
so  werd  ir  mir  all  helffcu  ja  jehen. 

es  ist  auch  wuil  offenbarr, 
als  dan  bewiset  mein  harr 


und  dar  zo  min  löbliche  äugen, 
die  mach  man     ain     mir     wuil    schau- 
wen. 
ich    han    auch    gar    einen    suberlicherj      ich    haiu  "och    gar    einen    suberlichcn 

munt,  mont, 

das  si  allen  mentschen  kunt.  das  ist  uch  allen  gar  wuil  kout. 


*)  Gegenüber  auf  12''  ; 
ie  est  mortuus, 


DAS  SPIEGEL  BUCH. 


193 


H 

eelient    an  mine    beckelin    wie   suber- 

lich,   210 
und  gar  schone  sint  sie  und   auch   lu- 

stiglilich. 
ach  min  nase  ist  mix*  abgefallen, 
darumbe     so    getar    ich    mit    me    woll 

kallen; 
doch  der  zene  han  ich  ein  michel  teil, 

das     machet    mich      etlicher     maßen 

geil.   215 
ach  wolten  ir  auch  lachen   mit  mir, 
das  were  wol  ein  lustliches  spiel- 
nu  nement  min  eben  war: 
ir  komment  auch  alle  in  unser  schar, 
ir  mußeut  mir  alle  werden  gelich  :   220 
darumbe    sehent    und    gedeuckent    an 

mich.  [13''] 
aber  mine  redegeet  uch  nit  zu  hertzen : 
des    mußent    ir    zulestc    liden    großen 

smerzen, 
80  ir  auch  mußent  werden  als  ich ; 
80  wcrdent  ir  dan  gedenckeu  an  mich.  225 


seend  ain  min  schone  becklin, 

we  hübsch  und  we  fiin. 

ach  min  nase  ist  mir  abgefallen, 
dar  umb  kan  ich  nit  me  kallen  ; 

doch  der  zenn  hain  ich  noch  ein   mich- 

tell, 
das  mecht  mich  etlicher  masen  geil. 

ach  wuld  ir  lachen  mit  mir, 

das  werr  mir  ein  lustich  speill. 

uemen  min  eben  war: 

ir  werden  kommen  all  an  dese  scharr. 

ir  mussent  werden  mir  gelich  : 

dar  umb  gedenchen  stetz  an  mich. 

aber  min  redt  geet  uch  nust  zo  hertzen : 
dar  umb  werden  ir  zolest  mit  mir  liden, 

wan  ir  werden  als  ich, 

so  gedeucken  dan  ain  mich. 


Merck cnt  und  gedeuckent  auch  allemen- 

sehen  gemein,  [14"] 
das  hie  ligent  gebein  groß  und  klein, 
wer  kan  nu  hie  gemerken  recht, 
wa  si  man  frauwe  ritter  oder  knecht? 
nu  hat  sich  hie  zulegen  recht  230 

der  riebe  bi  dem   armen,    der   heiTe    bi 

dem  knecht. 
herumbe  so  nement  alle  war 
das  wir  alle  kommen  in  die  erde  gar, 
und  überhebe  sich   niemans    sins   adels 

oder  gewalt, 
sins    richtums    oder    siner   schonen   ge- 

stalt,   235 
wann  wir  mußent  alle  werden  glich, 
so  wir  scheiden   von  diesem   irdenschen 

rieh, 
wann  wir  sin  glich  in  sunden  enpfangen 
und  sin  von  muter  libe    glich  uackent 

ußgangen, 
also  mußen  wir  glich    nackent  scheiden 

von  hinnen:  240 


Hie  liend  gebein  groß  und  klein :       [4''] 
wer  kan  da  gemirken  recht, 
welcher  si  da  herr  ader  knecht? 
hie  halt  zo  lien  recht 
der  herr  bi  dem  knecht. 

dar  umb  nement  al  war 

daz  wir  komen  in  de  erd  gar, 

und    ubberhebbe    sich    nemand  sichnea 

richs  noch  adels  gewalt, 
richtums  noch  schonen  gestalt, 

wan  wir  müssen  al  gelich 
scheiden  vain  dissem  ertrich. 

als  wir  sin  nackent  entpfangen 
und  vain  moder  liib  gangen, 

also  müssen  wir  auch  nackent  scheiden 
vain  binden : 


194 


M.  RIEGEK 


H 
so  wirt  einer  den  andern  in  dem  kerner 

finden, 
da  schau we  einer  auch  den  andern  an, 
welche  da  si  die  schönste  frauwe  oder 

man 
oder  welcher  da  si  der  edelst  oder  riebe 

under  ine, 
der  sal  da  haben  guten  gewin;         245 
welcher  auch  si  der  geweitigst  an  siner 

gewalt 
der  tred  hervor,  er  si  jung  oder  alt. 
ach  wie  ist  es  so  ein  kranckes  ding  umbe 

unser  leben, 
so  wir  doch  müssen  also  ungestalt  werden ! 
ach  wie  sin  wir  so  rechte  blint,         250 
das  wir  nit  ansehen  ein  solich  gruselich 

ding, 
daz   ie  eins   nach    dem  andern    hinnen 

slichet 
und  ie  eins  zu  dem  andeni  in  den  ker- 
ner wichet! 
nu  buwe  auch  jederman  uff  diesse  weit 
und  sehe  au  ir  suberliches  schönes  ge- 
zelt:   [14^^]   255 
der  kerner  ist  es  genant, 
dar  iune  eo  kummestu  gar  zuhant*). 

est  'plenum. 


so  wurt  dan  einer  den  äderen  im  kerner 

finden, 
da  sie  einer  den  anderen  ain, 
welcher  da  sie  ein  edelman 

und  der  richtest  vain  in 

und  auch  der  wüst  da  si; 

der  geweitigest  mit  siner  gewalt 

der  ge  er  für  er  si  Jungk  ader  alt. 

ach  we  ist  es  so  ein  kranck  dingk  umb 

unser  leben, 
daß  wir  all  so  ougestalt  müssen  werden ! 
owe  wie  sin  wir  so  recht  blint, 
das   wir  nit   ain    geseen    so    graussem 

dingk, 
daß  einer  na  dem  andern  hin  schlicht^ 

und  einer  na  dem  anderen  hin  in  den 

kevner  wicht! 
nu  buwe  ederman  off  disse  weit  [5"] 
und  sie  ain  ir  scboneß  gezelt: 

der  kerner  ist  es  genant, 
dar  in  kumbs  du  auch  zo  hant. 
deß  machstu  dich  wul  evfrauwen 
und  dich  gar  eben  beschauen. 


•)  Folgendes  ist  die  Lesart  dieser  Rede  im  jüngeren  Todtentanze  nach 
Druck  A:  Merckent  unnd  gedenckent  ir  menschen  gemein,  Hie  ligent  gebein  grosz 
unnd  dein.  Wellichs  sin  man  frawe  ritter  oder  knecht?  Hie  hat  sich  zu  ligen  ieder- 
man  recht,  Der  arme  bi  dem  riehen,  Der  knecht  bi  dem  herren.  Und  dm-ffent  sich 
nit  vil  darumb  eren,  wellichs  si  undeu  oder  oben  an :  Es  ist  eins  glich  als  das  ander 
gethan.  Herumb  so  nement  alle  eben  war,  "Wir  muszen  alle  sampt  in  die  erde  gar, 
und  überhebe  sich  niemaut  sins  adels  oder  gewalt,  Sins  richthums  oder  siner  scho- 
nen gestalt.  Wan  wir  muszen  alle  werden  disen  glich,  So  wir  scheiden  von  disem 
ertrich.  Wan  wii'  sint  in  sunden  entfangen  Und  von  muterlibe  uacket  usz  gangen. 
Also  muszen  wir  scheiden  nackt  von  hinnen;  so  wirt  einer  den  andern  in  dem  kerner 
finden.  So  scliawe  dan  eines  das  ander  an,  Wellichs  si  das  schönste  under  ine  ge- 
than, Oder  welcher  da  si  der  edelst  oder  riehst  under  in  (gethan  bis  in  fehlt  in  B),  der 
sei  da  haben  gut  gewin.  Welcher  och  si  der  geweitigst  an  sinen  gewalt.  Der  tred 
her  für,  er  si  junck  oder  alt.  Ach  wie  ist  es  so  gar  ein  kranck  ding  umb  unser  leben, 
Das  wir  doch  muszen  so  ungestalt  werden.  Ach  wie  sin  wir  so  rechte  blindt ,  Das  wir 
nit  ansehen  ein  sollich  gruszlich  ding,  Das  ie  eins  nach  dem  andern  schlychet  (B  hin- 
nen schlichet)    Und  ie  eins  nach    (B  zu)    dem  andern  in    dem  kerner  wichet.  Nu  buwe 


J 


DAS  SPIEGELBUCH.  195 


m. 


Da    ißest    und     trinckcst    nach    dinem 

lost,  [Ifi'',  14]   260 

gib  dem  annen  Lazai-o  auch  von  diner 

kost: 
anders  dir  wirt   versaget   nach    diessem 

leben, 
hettestu  hie  almussen  geben, 
es  queme    dir  dort  gar  eben, 
der  arme  lit  dir  vor  dinen  äugen,      2G5 
wiltii,  du  mähst  ine  wol  schanwen; 
wiltii  aber  sin  also  gar  vergessen, 
60  wirt  man  dir  des  glichen  auch  meßen. 

*)  Min  gut  ist  mir  also  wert, 
ich  gebe  es  nit  dem  der  es  gert.        270 
ich  wil  allein  ein  herre  dar  über  sin, 
wann  es  gehöret  mir  zu  und  ist  min. 
ich  wil  lost  und  fi-eude    da    mit   voUcn- 

bringen 
und    ßolten   die    armen    ein   gantz   jaro 

schrien  und  singen. 
wer  gut  hait  der  ist  wert  275 

und  gut  man  ime   waz  er  begert. 

**)  Deile  din  brosamen  mit  mir,  [17"] 
wann  ich  hau  darzu  ein  große  begir. 
ich  beger  nit  großes  gutes  von  dir: 
ein  wenig  magestu  wol  geben  mir.     280 
nim    war,    die    hunde    leckent   mir   mia 

wunden : 
darumbe  saltu  mir  billich  din  almusen 

gunnen. 
ich  und  du  sin  geschaffen  glich 
und  sollen  kommen  in  ein  rieh, 
von    dem    almussen    eupfehstu    großen 

Ion,    285 
in  himmel  die  ewige  kröne: 
dai-an  soltestu  billich  gedencken 


auch  ein  iedermann  uff  dise  werlt  Und  sohe  an  ir   suberlichs    unnd    schnödes    gezclt. 
Der  kerner  ist  es  genant,  Dar  in  so  kernen   wir  gar  tzu  haut.  Got  wolle  das  wk  also 
dar  in  komen,  Das  es  kome   unsern  seien  tzu  fromen. 
*)  Daneben  Kaum  für  ein  Bild. 
**)  Vorher  Raum  für  ein  Bild- 


196  M.  RIEGER 

II 

und  diu  äugen  nit  also  vonmirweucken. 

*)  Vatter  Abraham,  erbarme  dich  über 

mich  [17"] 
und   sende   Lazarom    herabe  von  dime 

riebe,    290 
das  er  mit  waßer  erqwicke  min  zunge, 
wann  sie    brennet  mich  sere   in   minem 

gummen. 
minen  lost  essen   drincken  und  klaffen 

wolt  ich  nit  laßen 
daheime  in  gaßen  und  uff  den  straßen, 
darzu  was  min  zunge  nit  dure:        295 

darumbe   wirt    sie    gepiniget   mit   dem 

heischen  füre. 
**)  Min  sone  gedencke  du  hast  lost  und 
freude  gehabt  in  dem  leben  diu  [17",  9]. 
undLazaro  hat  dabi  gehabt  groß  martel 

und  pin: 
nu  sal  vorbaß  Lazarus  in  freuden  leben 
und  du  in  der  hellen  kleben.  300 

du  woltest  dich  nit  über  ine  erbarmen, 
das  wirstu  wol  fürbaß  erarnen. 
ein  ruffen  zu  dir  neme  du  nit  war: 
nu  vergißest  mann  diu  gantz  und  gar 
du  künde  ime  auch  gar  wol  versagen:  305 
nu  leßet  man  dich  schrien   und  klagen 
und  ein  droppfelin  versagen. 

Hie  liit  der  riche  mann  in  der  hellen  be- 
graben, 
der  mit  großem  gut  wolt  verzagen. 
er  enhat  kein  acht  uff  di  armen        310 

und  wolt  sich  nit  über  sie  erbarmen, 
umbe   zitlich  gut  ist  er  hie  geeret  worden : 
wir  wollen  ine  leren  einen  andern  orden. 
wir  wollen  in  grinen  und  zäunen  ann, 
wann  er  ist  nu  voibaß  unßer  man.   315 

wo  ist  nu  sin  ere  sin  gut  sin  hoher  mut? 
hette  er  wol  getann  daz  were  ime  gut. 

*)  Darunter  Raum  für  ein  Bild,  am  Rande  aput  sijh'u 
**)  Daneben  Raum  für  ein  Bild. 


DAS  SPIEGELBUCn. 


197 


H 


IV. 


We  veer  gesellen  zo  rait  worden  vnd mein- 
ten er  er  ein  deil  zo  gein  in  einen  geistlih 
chen  Orden  und  sprach  einer  underin  also. 
We  sulden  wir  unser  lieben  ain  phaen 

[5^  7] 

daz  wir  got    dem    herren    auch    mögen 
bchaen 
320      und  also  erwerben  ewich  lieben 
und  nit  in  sunden  sterben? 
wau  eß  ist  zitdazwir  abstene  van  sunden 
e  dan  der  tod  mit  unß  werd  ringen, 
wan  wir  doch  vain  binden  scheiden  müs- 
sen: 
325      teten  wir  wuil,  wir   mochtens  genissen. 
dan  daz  lieben  und  der  tod  werden  uns 

vor  geleicht: 
welches  wir  ain  tuin,  daz  ist  unser  ckleit. 
lerten  wir  recht  tuin,  daz  wer  uns  noit, 
wan  der  loin  der  sunden  is  der  ewiger 

toid. 


Nit  habent  liep  die  weit  und  daz  in  ir 

ist,  [1"]   330 
wann  sie  gibt  gar  bösen  Ion  zu  lest, 
die  weit  muß  gar  und  gautz  vergan, 
wann  ire  bosser  lost  mag  mit  nichte 

bestan, 
wann  sie  valsche  und  auch  betrogen  ist 

allezit, 
wann  kein  wäre  minne  noch  truwe  an 

ir  lit.   335 
sie  bewiset  sich  fruntlich    dir  allewegen 

so  lange  du  ir  lost  magest  gegeben: 
wann  aber  du  der  weit  nit    me    lustlich 

bist, 
so  leßet  sie  dich  als  den  unreinen  mist. 
alle  die  wile  sie  din  genießen  mag,  840 
so  bistu  ir  liep  alzit  nacht  und  dag: 
aber  wann  sie  din  nit  genüßet  me, 
so  fraget  sie  nach  dir  als  nach  dem  snee. 


Disser  red  loart  einer  heillicher  munick 
gewar  und  girig  zo  dem  gesellen  und  sprach. 
Nit  hab  lieb  de  weit  und  waz  in  ir  ist, 

dan  si  gibt  gar  boseu  loin  zo  lest, 
die  weit  muß  gantz  und  gar  vergein, 
dan  ir  böser  lost  mach  nit  lang  me  stain. 

[5") 
sie  ist  falsch  und  bedrogelieh  all  ziit, 

wan  kein  warheit  ain  ir  liit. 

sie  wiset  sich    gar  suberlich  gegen  dir 

all  wegen 
so  lang  als  du  ir  magst  lost  geben: 
wan  du  ir  aber  nit  me  lustich  bist, 

so  laist  se  dich  als  einen   onreinen  mist. 
alle  die  weill  du  or  gefallen  magst, 
so  geleist  si  dir  nacht  und  dach : 
ader  so  bald  als  se  din  nit  gcnuset  me, 
so  fraget  si  na  dir  als    na    dem  alden 

sehne. 


198 


M.  RIEGER 


H 

bistu  jung  und  suberlich,  sobistuirwert, 

wirdestu  alt  und  ungestalt,    zuhant    sie 
din  nit  begert.   345 
nu  mercke  der  weit  druwe  gar  eben 
imd  auch  welchen  Ion  sie  dir  wirt  geben, 
wann  du  von  hinnen  wirdest  scheiden, 
so  wirt  sie  din  nit  me  beiden, 
dann  so  wirt  sie  fliehen  verre  von  dir  350 
und  suchet  anderswo  ir  böse  begir, 
und  also  verlusest  du  die  weit 
und  darzu  das  himraelsche  gezelte. 
und  darumbe  kere  dich  von  ir  zu  got, 
dafindcstu  wäre  trüweane  allen  spott.355 
da  kanstu  nit  betrogen  werden 
und   scheidest  auch   darzu   frolich   von 
diesser  erden. 


bis  du  Jungk  und  suberlich,  so  bis  du 

ir  werdt ; 
wurstu  alt  und    ongestalt,    dan    si    din 

nit  me  begert. 
nu  merck  der  weit  truwe  gar  eben, 
welchen  loin  si  dir  werd  geben, 
wan  du  van  binden  most  scheiden, 
so  wurt  si  dan  din  nit  me  beiden, 
sunder  se  finget  ferr  van  dir 
und  sugcht  anders  wo  begerr. 
also  verluses  du  die  weit 
und  dar  zo  daz  himmelisch  gezelt. 
dar  umb  so  kerr  dich  van  ir  zo  got, 
da  vindes  duwarr  truwe  sunder  alle  spot. 
da  kanst  du  nit  betrogen  werden 
und    scheidest  auch  frolich   van  disser 
erden. 


Solde  ich  miuen  eigen  lip  ane  drostunge 

laßen  also  hingan,  [1''] 
wie  mocht  ichdanindenkreflftenbestan? 
so  wolt  ich  als  mer  frolich  sterben   360 

und  auch  scheiden  von  diesser  erden, 
wann  solt  ich    nit    cßen    und    drincken 

nach  miuem  lost, 
warzu   were  dan    die    spise  geschaffen 

und  die  kost? 
ich    mag    mich    auch    wol    suberlichen 

kleiden, 
wann  ich  enmag  nit  enberen  zimlicher 

freiden.   365 
darumbe  laß  es  bi  eim  siechten  bliben, 

anders  du  wirdest  mich  von  dir  ver- 
triben; 

wann  der  lip  muß  etlicher  maßen  in 
freuden  leben, 

anders  er  müste  gar  vil  dester  ee  ster- 
ben *). 


Nu  antwart  der  sunder  und  spricht  also. 

Solt  ich   minen   liib   on  kost  also   hin 

lasen  gain, 
we  mucht  ich  daz  an  kreffen  bestain? 
so    moicht    ich    also    mer    frolich   ster- 
ben  (6"^) 
und  scheiden  vain  deser  erden, 
sold  ich  nit  essen  und  triucken  und  ha- 
ben lost, 
warzuwerrdan  die  spiiß  und  auch  dif 

kost? 
ich  magh  mich  auch  wul  suberlich  klei- 
den, 
wan  ich  mach  nit  enberren  sulcher  freu- 
den ; 
dar  vmb  laist  uns  bi    einem    schlechten 

leven  bliven, 
ader  ir  werd  mich  van  uch  triben. 


*)  Hier  wie  auf  der  Rückseite  jedes  folgenden  Blattes    ist  Raum    für    ein    Bild 
gelassen  mit  der  Vorzeichnung  j  und  m,  d,  i.  juvenis  und  monaehus. 


DAS  SPIEGELBUCH. 


199 


H 


Es  ist  ein  wonder  daz    dir  nit  ist  zu  sa- 
gen, [2'']   370 
das  du  als  balde  an  minen  werten  wilt 

verzagen, 
nim  eben  war  was  ich  dir  wil  sagen, 
Bo  wirdestu  nit  also  über  mich  klagen, 
du  Salt  nit  vil  achten  uf  dinen  lip, 
wann  er  blibct  nit  suberlich  allezit.  375 
der  mentsche   wehßet   her   vor   als    daz 

greselin, 
aber  wann  es  vellet,  so  verluret  es  sinen 

schin. 
also   grünet     der    mentsche   in     einem 

leben: 
gclich  wol  wirt   er   ungestalt   und   muß 

dartzu  sterben, 
wie  suberlich  er  dann  gestalt  wirt,   380 
das  bewiset  sich  wole  no  er  gestirbet; 
wann  er  ist  von  eschen  worden  und  von 

erden, 
darzu  muß  er  auch  zu  leste  werden, 
es  si  ime  liep  oder  gar  leit, 
wann  er  treit  an  ein  dotlicheskleit.  385 

ein  unreiner  lip  ist  es  genant, 

der  uns  auch  allen  ist  wole   bekant. 

von  ußen  ist  er  wol  geformeret, 

Von  innen  ist  er  nit  gar  wol  gezieret. 

gedcchten  wir  ime  flißiglichennach,  390 

nach  sinen  freuden  were  uns  nit  sogach, 

und  lernten  uns  selber  bekennen, 

so  füren  wir  dester  sicherer  von  hinnen. 

darumbe  sollen  wir  unser  leben  von  ime 

keren, 
so  werden  sich  geistlich  freuden  in  uns 
meren.   395 
so  werden  wir  dan  gedencken  nach  him- 

melschen  dingen:    [2*'] 
da  wurden  wir  wäre  lost  und  freude  be 

finden, 
wann  diesser  lost  und  freude 
ist  gemischet  mit  bitterkeit 
und  des  sint  ir  auch  viel  geware  wor- 
den, 400 


Aber  leret   der  munch  den    sunder    und 

spricht. 
Es  is  ein  wunderdiugk  daz  dir  nit  is  zu 

sagen, 
das  du  also  bald  van  minen  worten  wilt 

verzagen, 
nim  eben  warr  waz  ich  dir  wil  sagen, 
so  wurs  du  nit  also  ober  mich  clagen. 
nit  acht  vil  ob  din  üb, 
wan  er  blib  nit  frolich  all  ziit. 
ein  mensch  wüst  we  ein  gresselin 

aber   wan   es   feit,  so    verlurd  es    einen 

schin. 
also   grawet   der  mensch  na  einem  lie- 
ben; 
gelich  so   bald  wird   er   ongestalt   und 

moiß  sterben, 
wie  suberlich  er  gestalt  wurt, 
das  bewiset  sich  wuil  wan  er  gestirbt: 
wan  er  ist  van  eschen  worden  und  van 

erden, 
dar  zo  moiß  er  Eom  lesten  werden, 
es  si  im  lieb  ader  leid, 
wan  er  dreit  an    ein   gar   suntlich    und 

totlichs  kleit. 
ein  ouriner  korper  is  ez  genant, 
der  ist  uns  allen  wul  bekant. 
uiß  wennich  is  er  wul  formeret,     ]6''j 
inwendig  is  er  nit  wul  gezeret. 
bedechteu  wir  dem  eben  nach, 
na  sinen  freuden  wer  uns  nit  so  gach, 
und  lerten  uns  selbs  bekennen, 
so  faren  wir  deßto  sicher  van  binden, 
dar  umb  sulden  wir  unser  leben  van  im 

kerren, 
60  werden  sich  in  uns  geistelich  freuden 

in  uns  meren 
und  werden  dar  na  gedencken  na   hem- 

melischen  dingen, 
da  wir  waren  lost  verdenen  und  freude 

finden, 
wan  disser  lost  und  freud 
ist  gemischt  mit  bitterheit, 
deß  irer  vil  gawar  worden,       ' 


200 


M.  RIEGER 


H 

die  do  sint  gewest  in  demselben  suntli- 
chen  Orden. 


Ich  enmag  die  weit  nit  also  versmahen, 

wann  ich  muß  mich  zu  ir  nahen, 
und  solte  ich  alsoane  allen  drostbliben, 
wie  mocht  ich  das  imerme  angetriben? 

405 
die  weit  ist  auch  gewortzelt  in  mir, 
darumbe  han  ich  zu  ir  lost  und  begeir 
und  hoflF,  es  solle  mich  nit  scheiden  von 

gotte, 
noch  duwe  nit  freuenlich  darumbe  wie- 
der sin  gebot, 
die  weit  ist  auch  nit  als  ungedruwe  410 
als  du  mir  hast  gesaget  nu, 
wann  sie  bewiset  sich  gar  fruntlich  gein 

mir, 
darumbe  so  wonen  ich  geren  bi  ir. 


Du  wilt  nu  nit  recht  mercken  mich:  [3"] 
darumbe  so   muß   ich   baß   bescheiden 

dich.   415 
du  salt  dich  von  der  weite  scheiden 
als  verre  sie  dich  wil  verleiden 
und  dich  ziehen  von  diner  seien  heil 
und  dar  zu  von  dinem  rechten  erbeteil, 
dine  wort   sint  gar   frevenlich   gestalt: 

420 
wann  woltestu  gern  werden  alt, 
du  bettest  got  vor  dinen  äugen, 
das  er  dir  auch  nit  werde  drauwen 
und  worde  dir  din  leben  abe  sniden; 
das  mochtestu  mit  nicht  vermiden     425 
were  es  nit  beßer  ein  korze  freude  en- 

boren 
wan  also  vallen  in  gottes  zoren? 
er  leßet  dich  ein  kleine  wile  mutwillen: 

wann  er  wil,  er  sal  dich  balde  stillen 

mit  liden  und  mit  bedrupniß  viel.      430 
dar  tzu  weiß  er  wol  gar  eben  ein  ziel, 
über  daz  magstu  ime  nit  engeeu, 


die  da  sint   gewest   in   dem   suntlichen 
Orden. 

Ankoort  der  sunder  tmd   spricht. 

Ich  magch  die  weit  nit  so  gar  verschmä- 
hen, 
dan  ich  moiß  mich  zo  ir  nahen, 
salt  ich  on  allen  troist  beliben, 
we  mocht  ich  daß  de  lenge  gedriven? 

die  weit  ist  gewurzelt  in  mir, 

dar  umb  zu  ir  han  ich  lost  und  begir 

und  hoflfen,    eß  sult   nit    mich   scheiden 

vain  got, 
ader  ich  ton  frevelich  weder  sin  gebot. 

die  weit  ist  nit  so  ongetrue 
alß  du  mir  hast  gesacht  nu, 
wan  sie  bewiset  sich  gar  fruntlich  gegen 

mir: 
dar  umb  wain  ich  gern  bi  ir.  [7*]. 

Nu  spricht  der  geistlich  man  also. 
Du  wilt  nit  recht  mircken  mich  : 
ich  wil  baß  bescheiden  dich. 

du  salt  dich  van  der  weit  scheiden, 

of  se  dich  wult  verleiden, 

und  dich  zu  der  seien  heil  nahen, 

dinen  rechten  erbteil. 

dine  wort  sind  gar  fremelich  gestalt : 

wan  du  wullest  gern  werden  alt, 

hab  got  vor  dinen  äugen, 

daß  er  dir  nit  wert  trawen 

und  wurd  dir  din  lieben  abschniden ; 

daz  muchts  du  nit  wol  vermiden. 

wereß  nu  nit  besser  ein  kurtz  freud  ent- 

porren 
dan  also  vallen  in  gottes  zorn? 
er  laist  dich    ein   klein   will   modwillen 

hain: 
wan  wain  er  wilt,  er  hilfft  dir  bald  dar 

vain 
mit  freuden  ader  mit  betrubnuß  vil. 
dar  zo  weiß  er  sinen  ziill. 
deß  magst  nu  im  nit  engain, 


DAS  SPIEGELBUCH. 


201 


IT 
du  müst  imc  za  dem  rccliten  steeii. 

so  ruoff  daii  diö  weit  diuen  frunt  an 

und  luge  auch  waß  sie  dai-widder  kan :  435 
so    wirdestu   wol   geware   wie    got    ein 

herre  si, 
und  w'erstu  noch  eins  so  stoltz  und  so  fri. 
man  hatt   auch   dinen   glichen   me   be- 

fuUden, 
sie  lagen  aber  zulcst  des  krieges  unden. 
daii  qwemestu  zu  gnaden,  [3''J  440 

das  wolt  ich  dir  raden, 
das  sich  der  herre  erbermte  über  dich, 

das  du  qwemest  zu   imc   in  sin   ewiges 

rieh. 


445 


Ich  wilanmichnemmenein  guten  willen, 

do  mit  wil  ich  den  zoren  gottes  stillen, 
wann  der  friedde    gottes  wirt  den  ver- 

luhen, 
die  mit  guten  willen  habent  ruwen. 
wann  das  ertrich  ist  volbarmhertzigkeit 
des  herreu;   450 
darumbe  wil  er   sich  allewegen   zu  uns 

keren. 
sin  barmhertzigkeit  uberdriffet  alles  das 

da  ist, 
darumbe  vergibt  er  mir  min  sunde  zulest. 
der  herre  ist  gedultig   und  barmhertzig 

viel,  455 
darumbe  gibt   er  mir   stunde  ziit  und 

ziel ; 
er  wirt  uns  nit  ewiglich  di'auwen 
noch  sin  zoren  wirt  uns  nit  ewiglichen 
schauwen. 


wan  du  moß  dem   herren  zum   rechten 

stain, 
so  roff  dan  die  weit  dinen  goden  frunt 

ain 
und  sich  waß  sie  dir  gehelfen  kan: 
so   wurß   du    wuil    gewar  we   got    ein 

herr  si, 
und  wereß  du  nach  so  stoltz  und  so  fri. 
man   halt  din  geliehen    auch     me  fun- 

den,  [V'] 
se  lagen  ader  zu  lest  deß  kregs  unden. 
dan  quemest  du  zo  genadeu, 
daß  wult  ich  dir  raden, 
also   daz   der  herr   sich   ei'barmt   ober 

dich 
und  daß  du  moichst   kommen   in    daz 

hemmelrich, 
gescheit  cß  nit  bald,  so  wurß  du  nit  be-- 

halden, 
wan  we  alder  e  böser,  ic  richer  e  kar- 
eher  und  archer. 

Aber  nu  antwart  der  sunder  und  spricht. 

ich  wil  nu  an  mich  nemen  einen  goden 

willen 
und  also  godes  zorn  stillen, 
wan  der   freid  gottes   wurd    auch   den 

weltlichen, 
die  mit  godem  Avillen  hain  ruwen. 
wan  deß  ertich  ist  völ  barüihertzicheit 

deß  herren ; 
darumb  wilt  er  sich  alzit  zu  unß  keren. 

sein  barmhertzicheit  gewis 
ist  ober  treffen  alß  waz  ob  erden  iß, 
darumb  vergibt  er  mir  zu  lest  min  sund. 
der  herr  ist  barmhertzich  und  gedultich 

villi, 
darumb  gibt  er  mir  stund  und  zill ;    ' 

er  wurt  unß  nit  ewanclichen  drauwen 
noch  sinen  zorn  lasen  schauwen. 


Du  suchest  aber  einen  bossen  funt,  [4"] 
der  ist  mir  altzu  wolle  kunt.  460 

GERMANIA.  Neue  Reihe  IV.  (XVI.)  Jahrg. 


Nu  straifft  den  sunder  der  geistelich. 
du  suchest  aber  einen  boisen  fund, 
der  ist  mir  auch  wol  kont» 

U 


202 


M.  RIEGER 


H 

du  ertzelest  hervor  gottea  barmhertzig- 

keit, 
die  sii  aucli  uns  alletziit  bereit: 
aber  von  der   gerechtigkeit   gottes   und 

der  straffunge  der  sunde, 
dartzu  hast  du  nit  gar  vil  minne, 
wann  da  durch  wurde  din  gewißen    be- 
sweret  465 
und  wurde  din  hertze  da  von  verseret. 
darumbe  wiltu  dir  kein  gewißen  machen, 

das  du  von  innen  und  ußen  mögest  lachen, 

und  also  wiltu  nit  von  der  gerechtigkeit 

hören  sagen, 
das  din  gewißen  dich  icht  werde  zu  faste 
nagen.   470 
ist  dir  die  geschrifft  an  einem  ende  be- 
haut, 
laß  dir  si  an  den  anderen   ende   auch 

werden  genant, 
-nimmestu    der    barmhertzigkeit    gottes 

war, 
so  nimme  sin  gerechtigkeit  und  füre  sie 

auch  dar. 
din  guten  wercke  volgent  dir  nach,  475 
zu  den  laß  dir  alleziit  wessen  gach: 
wann  mit  der  maße  da  du  mit  hast  ge- 
nießen, 
mit  der  selben  wirt  man  auch  din  nit 

vergeßen. 
als  du  din  glidder  hast  uß  gestreckt  zu 

der  boßheit, 
also  strecke  sie  auch  wedder   uß  zu  to- 
gende  mit  hertzeleit.   480 
sie  sind  zart  und  weich  bereit, 
die  do  wollent  ane  große  arbeit 
die  untogende  und  das  laster  überwinden 
und  darzu  auch  togentlich  werck  bi  ine 

finden, 
nein,  man  muß  es  mit  arbeit  auch  vol- 
lenbringen  [4'']   485 
und  muß  sich  gar  emstUch  darzu  zwin- 
gen, 
wann  er  were  nit  ein   ritter   genant  ufF 
diesser  erden. 


du    zuchest    her    vor    gottes   barmher- 

tzicheit, 
die  si  unß  allziit  bereidt :   [8"] 
aber  van  der  gerechticheit  und  strafi'ung 

der  sund, 
dar  zu  haistu  wenich  mind, 
wan    dar    durch    wurt    dein  gewis    be- 
schweret 
und  din  hertz  ferseret. 
dar  umb  wilt  du  dir  einen  gewissen  ma- 
chen, 
daz  du  auswendich  und  inwendich  moigß 

frolich  lachen, 
und  gern  van   der  gerechticheit    gottes 

boren  sagen, 
daz  dich  din  gewiß  nit  werd  nagen. 

ist  dir  die  schriift  ain  eim   end  bekant, 

so  laiß  si  dir  ain  dem  anderen  end  auch 

werden  genant, 
nemmeß  du  gottes  barmhertzicheit  war, 

so  nim  sin  gerechticheit  und  furr  si  auch 

dar. 
dine  gode  werck  volgen  dir  na, 
zu  den  laiß  dir  auch  sin  gach: 
wand  mit  der  masen,  dar  mit  du  haist 

gemessen, 
mit  der  selber   wurt   man   din   nit  ver- 
gessen, 
alß  du  din   geleder   haist  gestreckt  zu 

boisheiit, 
also  sterck  sie  nu  zu  togend  und  her- 

tzenleith. 
sie  gar  zart  sint  bereit, 
die  da  willend  ondogent  und  arbeidund 

lästert  ober  winden 
und  tochenckliche  werck  befinden. 

nein,  man  muß  mit  arbeit  daß  volbringen 

und  sich  dar  zu  ernstelich  zwingen, 

wan  er  wirt  nit  ein   kemper   genant  off 
disser  erden. 


DAS  SPIEGELBUCH. 


203 


H 

solte  es  Imme  nit  bitter  und  auch  sure 

werden, 
wiltu  in  dem    himmel  gecfonet  werden, 
so  mustu   auch    ritterlichen   striden   vff 
dießer  erden.   490 


Ich  han  din  wort  Wol  gemercket 
und  bin  do  durch  sere  gestercket. 
ich  wil  ein  gutes  leben  auch  heben  an, 
das  mußen  sehen  frauwen  und  man: 
darumbe  bidde  den  herren  für  mich,  495 
das  sin  gnade  nit  von  mir  wiche, 
doch  muß  ich  ein  ziit  noch  beiden, 
so  wil  ich  mich  dan  recht  bereiden ; 
wann  solte  ich  mich  der  weit  also  balde 

enbrechen, 
es  wurde  mir  gar   diefl'  in    min   hertze 
stechen.   500 
viel  lichte  wurde  ich  auch  nit  besteen 
und  wurde  also  widderhindermichgeen. 


Woltestu  nu  dich  zu  clemherrenkeren,[5°] 
du  suchtest  nit  als  vil  fremder  meren. 
wiltu  der  heiligen  geschriflft  nit  nemmen 

war,   505 
so  muß  ich  mich  von  dir  scheiden  gantz 

und  gar; 
wann  gang  glich  in  ein  einfaltigen  sinne 

hin, 
so  geet  dir  die  heilige  geschrifft  dann  in. 
es  ist  nit  schedelichers  in  dieser  ziit, 
wann  das  der  mentsche  stede    da    oben 

liit,  510 
allewegen  willen  han   gute  wercke   zu 

voUenbringen 
und  wil   sich    doch    nit    ziitlich    darzu 

zwingen^ 
sunder  er  verlaßet  es  von  tage  zu  tage: 
zulest  geet  ime  an  ziit  und  auch  an  gna^ 

den  abe. 
waß    hulffet    dan    der    wille    ane    die 
werckei  515 
so  es  doch  gott  lange  von   ime   hat  be- 

gert? 


solt  es   im  nit  bitter   und   suwer   wer- 
den. [8'] 
wilt  du  in  dem  hemel  gekronet  werden, 
so  mois  du  ritterlich    striden   off  disser 
erden. 

Der  gesell  antwort  nie  also  und  spricht. 

ich  hain  dich  wul  gemercket 
und  bin  dar  durch  gestercket. 
ich  wil  ein  godeß  lieben  faen  ain, 
daß  eß  segen  sulden  frauwe  und  man: 
dar  umb  bittent  got  vor  mich, 
daß  sin  genad  nit  vain  mir  wich, 
doch  moiß  ich  noch  ein  ziit  beiden, 
e  ich  noch  vain  der  weit  werd  scheiden; 
dan  sold  ich  mich  also  van  ir  abbrechen, 

daß  tet  mir  diu'ch  mein  hertz  stecken. 

villicht  wurd  ich  nit  bestain      .  'i, 
und  wider  hinder  mich  gain. 

Aber  spricht  der  miinch  zo  dem  gesellen. 

wuldeß  du  dich  zu  dem  herren  keren, 

du  suchest  nit  so  vill  meren. 

wilt  du  der  geschrifft  nit  nemen  war, 

so  mois  ich  van  dir  scheiden  gar ;         ■■ 

wid  gain  weder  uns  wech  hiin, 

so  gait  dir  die  schrifft  velicht  in. 
eß  ist  nust  schettelichers  in  der  ziit, 
dan  der   mensche    vain    goden  werken 

biibt,  , 

die    alle    ziit  gode    werck   hain  willen 

voUenbringen 
und  sich  nit  zitlich  dar  zo  zwingen,  [9"] 

und  verzugest  also  van  dach  zo  dach : 
zo  lest  geit  im  an  der  ziit  und  genad 

äff. 
waß  hilfft  dir  dan  der  will  ane  werck, 

so  eß  got  hait  lang  vain  dir  begert? 


14* 


204  M.  EIEGER 

H  T 

d«r  unfruchtber  bäum  ist  nit  gar  ture,  der  onfruchtber  bäume  ist  nit  zo  mall 

dürre 

wann  er  wirt   zubaut  geworffen   in   ein  und  wurt  docb  zuhaut  gewurffen  in  ein 

füre.  furre : 

also   ist   es    aucb   umbe  din   suntlicbes  also  isseß  auch  umb  din  suntlichß  be- 
leben, ben, 

besserstu  dich  nit,  du  wirdst  dem  fuwer  besserß  du  dich  nit,  so   vrurß  du  dem 

gegeben.   520  furr  geben. 

dir  wirdt  vor  geleit  daß  wasser  und  der  dir    wurt  vor  gelaicht  das  wasser  und 

brandt:  der  brant: 

welches  du  wilt,  dar  zu  strecke  din  haut,  welches    du    wilt,    dar  zo  streck    dein 

haut, 

daß  leben  und  der  doit  werden  dir  dar  daß  lieben  und  der  toit  werden  dir  vor 

gestaldt:  gestalt: 

welches  du  wilt  undir    den   zwein,    daz  welches  du  wilt,   daz  behalt. 

behalt, 

lerne  wol  dun,  daz  duhit  dir  uoid,    525  lerr  wul  doin,  daß  dir  noit, 

wann    der    sunder  lone    ist    der   ewige  wan  der  loin  der  sunder  ist  der  ewege 

doid.  toit. 

wan  vil  geisein  sint  den  sundern  bereid,  vill  geissellen  der  sunden  sint  unß  be- 
reit, 

die  do  antragent  ein  sundiges  kleit,  [5*^]  wain     wir    an     toin     eiin     suutdelichß 

kleiit, 

das  ist  der  lip,  der  da  ist  beladen   mit  daß  ist  der  lib  beladen  mit  sunden: 

vil  sunden : 

der    wirt   vil   pin  zuleste    in  sich  slin-  daß  wurt  im  groiß  pin  bringen. 

den.   530 

innewendig  und  von  ußen  wirt  er  mit  inden  und  uissen  iß  er  mit   fuwer  umb- 

fure  umbgeben,  geben, 

das  bringet  ime  zu  sin  wüstes  unreines  daß  macht  sin  onreinicheß  leben. 

leben, 

der  pin  mahstu  auch  wol  engeen,  der  pinen  machstu  wull  entstein, 

wiltu  vorbaß  von  sunden  ledig  steen.  willt  du  der  sunden  ledich  gein. 

Nu  antivort  der  sunder  dem  geistlichen. 

Sollent  die  sunder  also  verlorensin  535  solden  die  sunder  also  verlorren  sin 

und  mussent  auch  liden  also  große  pin,  und  liden  also  groisse  piin, 

die  doch  kein  ende  nimmer  gehat,  die  da  nummer  kein  end  halt,  [9''] 

das  were  ein  klegelicher  harter  stadt.  das  ist  ein  schreckelich  stait. 

so  bidde  ich  dich,  das  du  underwisest  so  bit  ich  dich  daß  du  underwisest  mich, 

mich, 

wie  ich  der  piue  engee,  daz  ich  komme  das    ich   der    pinen  entgain  moch  und 

in  das  ewige  rieh;   540  komme  daß  hemelrich. 

wann  ich  wil  dir  nu  volgen  und  fürbaß  ich  dir  nu  volgen  fortbaß  me. 

me, 
und  solte   mir    von    hcrtzcn    geschehen 

wee. 


DAS  SPIEGELBUCH. 


205 


n 

wann  ich  weiß  wol  das  ich  muß  leben 

ewiglich 
entweder    in    der    helle    ©der    in    dem 

himmelrich, 
und  des  mag  mir  auch  kein  mittel  ge- 

sin:   545 
darumbe  wolte  ich  mich  gern  hüten  vor 

der  hellen  pin ; 
wann  du  hast  mir  vor  als  viel  gesaget, 
das  mich  min  gewisen  stetiglich  naget. 


Wan  du  also  detest  und  ließest  dir  sa- 
gen,  [6"] 
so  were  gut  mit  dir  tagen.  550 

nim  war,  got  hat  dich  geschaffen  nach 

sinem  büde^ 
darumbe  soltestu  nit  sin  als  wilde, 
er  hat    auch    din    nature    an   sich   ge- 
nommen, 
das  du  desta  sicherer  mochtest  zu  ime 

kommen, 
den  bittern  doitt  hat  er  gelitten  durch 
dinen  willen,  555 
das  er  den  ewigen  doit  an  dir  mochte 

gestillen ; 
und  das  solte  dir  billich  zu  hertzen  gan 
und  darumbe  vorbaß  ledig  von  sunden 

stan. 
sin  fronlichenam  hat  er  dir  gelaßen  zu 

einer  spise: 
das    solte  dich    billich  vorbaß    machen 

wise  560 
und  soltest  ime    billich    danken    nacht 

und  dag, 
wercstu  nit  als  gar  ein  sundiger  sack. 
du    weist    wolle    das  du    dem  tode  nit 

macht  engeen 
und  weist  nit  wo  er  dich  hüte  oder  morn, 

werde  besten» 
darnach  soltestu  billich  ein  gedencken 

han :   565, 
villicht  wurdestu  ein  selig  bieder  man., 
alle  ding  sint  auch  also  zergeucklich  ; 
weß  wiltu  dau  fürbaß  frauwen  dich? 
du  soltest  auch  fürbaß  ansehen  din  bit- 
ter sterbeUv 


T 

wan    ieh-    weis    daß    ich    moiß    leben 

ewanchlich, 
eß  si  in  der  hellen  ader  in  dem  hemei- 

rich, 
des  kain  ich  nit  ah  gesüa : 

dar  umb  wuld  ich  mich  gern  hudtea  VOJ? 

sulcher  grosser  pin ; 
wan  du  haist  mir  vor  sovil  gesacht^ 
daß  mich  mein  gewissen  nacht. 

Aber  leret  der  geistlich  mem  und  spricht, 
Wain    du   also    tetest  und  leissest  dir 

aachen^ 
so  werr  gut  mit  dir  dagen. 
nim  war,  got  halt  dich   geschaffen  na 

sinem  bild, 
dar  umb  biß  nit  du  so  wild, 
er  halt   auch    die  menscheliche  nature 

an  sich  genommen, 
daß  du  deß  do  sicherer  mugsst  z.o.  im 

kommen., 
den  bitteren  dot  hait  er  umb  dinen  wil- 
len geleden,. 
daß  er  den  ewechen  tod  ain  dir  much 

stillen, 
daß  soll  dir  billich  zo  hertzen  gain 
und  vortbaß  me  vaiu  sunden  staixu.      .  , , 

sinen  fronen  lichnam  hait  er  »nß  gelaseu 

zu  einer  spiise : 
daß  soltz  du  werden  wiiß. 

wnd  im  des  dancken  aach  und  dach^ 

werreß  da  nit  also  gar  ein  zage, 
du  magst  dem  tod  nit  engen. 

i)nd   weiß    nit   hude    ader  morn    stein. 

[101 
deß  Salt  du  gedechniß  hain, 

wilt  du  sin  ein  crber  man. 
alle  dingh  sin  auch  vergencklich : 
weß  wilt  du  dan  erfrawen  dich'i 
eich  aiu  diin  bitter  sterben, 


206 


M.  RIEGER 


H 

das  dich  zuleste  wirt  beruren  gar  eben. 

570 
wann  von  einander  scheiden  lip  und  sele 

ist  die  groste  pin, 
die  hie  in  diesser   ziit   nit  jemerlicher 

mag  gesin. 
gedechtestu  stede  und  flißlich  daran, 
du  ließest  die  sunde  wol  vor  dir  stan. 
bedechtestu   auch   die    strengikeit    des 
lesten  gerichtes  575 

und  urteilstu  dich  hie  in  diesser  ziit, 

so  wurdestu  dort  ledig  und  qwit, 

und  gedechtest  darnach  nach  den  him- 

melschen  freuden, 
so  wurdestu  dich  und  din  leben  anders 
bereiden.  580 


daß  dich  wurt  umbgeben. 

wan  lib  und  seel  van  einander  scheiden,. 

das  ist  die  grosse  pin  die   hi  in  deser 

zit  immer  magh  sin. 
gedechteß  du  stetz  dar  ain, 
du  list  die  sund  vor  dir  hin  gain. 
betrachteß  du  die  strengheit  deß  lesten 

gerichteß, 
daß  du  dem  entgain  nit  machs, 
und  ortelß  du  dich  selbs  in  der  ziit, 
so  werß  du  ledich  und  quiit; 
so  muchs  du  dan  din  lieben  bereiden 

zo  der  eweger  freuden. 


Herre,  biß  gnedig  mir  armen  sunder, 
das  ich  von  dir  gescheiden  werde  nummer. 
not  und  angst  hant  mich  umbegangen 
und  die  smertzen  der  hellen  hant  mich 

umbefangen, 
herre,  ich  han  gesundet  in  den  himmel 

und  in  dich,   585 
dar  umbe  bin  ich  nit  wirdig  zu  gen  in 
din  rieh. 


Hie  velt  der  weltlich  gesell  uff  sin  knege 

und  will  sich  bekeren  und  spricht. 
Herr,  biß  mirgenedich,mir  armen  sunder,, 
das  ich  vain  dir  gescheiden  werd  nummer. 
noit  und  angst  hait  mich  umbfangen 
und  die  schmertzen  der  hellen  hain  mich 

angangen. 
o  herr,  ich  hain  gesundicht  weder  dich, 

dar  umb  bin  ich  nit  werdich  zo  gain  in 
dein  rieh. 


lieber  herre,  wir  haben  uns  nit  selber 

gemacht, 
darumbe  gute  wercke  zu  wircken  ist  uns 

hart, 
herre,  du  hast  uns  alle  geschaffen  gar, 
darumbe  so  nim  unser  auch  selber  war. 

590 
herre,    ich   wolte  auch   geren   bekeren 

mich, 
were  ich  echt  von  gnaden  rieh: 
lieber  herre,  die  magestu  mir  wo!  ge- 
geben 
und  darnach  auch  das  ewige  leben. 


Nu  spricht  auch  vort  der  gesell. 
Lieber  herr,   wir  hain  unß  nit  selbs  ge-- 

macht, 
darumb  gute  werck  unß  zo  doin  ist  uns 

hart, 
herr,  du  haist  uns  geschaffen  gar,  [lO^j 
darumb  nim  unser  selbß  war. 

herr,  ich  wult  gern  bekeren  mich, 

wer  ich  vain  genaden  rieh  : 

herr,  du  machs  mir  die  genade   wul  ge-> 

ben 
und  dar  zo  daß  ewege  lieben. 


DAS  SPIEGELBUCH. 


207 


H 


*)  Des   mentschen  kint  ist  kommen  zu 

diesser  erden  [7"]   595 

darumbe  das  die   mentschen  durch   ine 

behalden  werden, 
er  ist  nit  kommen  zu  ruflPen  den  gerech- 
ten, 
sunder  den  sundern,  das  sie   ine    solten 

anebeten. 
nim  war,  du  bist  gesunt  worden  : 
darumbe  hüte  dich  vor  dem   suntlichen 
Orden.   600 
behalt  die  gnade,  die  du  hast  erworben, 
das    du  it  vallest  widder  in  den  alten 

Orden, 
du  hast  mich  nu  wol  gemercket : 
wiltu,  du  wirst  auch  wol  gestercket. 
wiltu  auch  min  warer  junger  sin,       605 
80  halt  mit  fliße  die  gebotte  min. 
das    ist    min    gebott,   das    ir    einander 

fruntlicb  sin, 
so  niogent  ir  engeen  der  ewigen  pin ; 
und  das  eins  daz  andermit  druwenmein, 
so  werdent  ir  auch  von  gotte  rein.    610 
woltestu  haßen  das  mir  liep  ist, 
wiewoltestu  daii  behalten  werden  zulest? 
wer  da  wil  erhöret  werden  von  gott, 
der  sal  auch  voUenbringen  sin  gebott. 
wie  sal  der  von  got  erhöret  werden,  615 
der  doch  nit  gliches  begert  uff  erden  ? 
nust    nit  bedruget  die  gantz  weit   als 

sere, 
dann  das    sie   nit   enachtet   der   gebott 

gottes  und  siner  lere, 
wie  sie  sprichet :  wiltu  ingeen  in  das  ewige 

leben, 
60  behalt    auch    die    gebott  gottes  gar 

eben.   620 
ir  soUent  nit  werden  als  die  tiere  ane 

vernufft, 
die  da  nit  wißen  von  keiner  zukunfft, 
wann  ich  han  gesprochen  gar  eben, 
das  mine  wort  sint  auch  das  ewige  le- 
ben. [7''] 


D-iß  sprich  got  der  Tierr  zo  dem  simder. 
deß  menschen  kint  ist  kommen  herab  off 

disse  erd 
darumb  daz  der  mensch  durch  in  be- 
halden werd. 
er  ist  nit  kommen  zu  roffen  dem  gerech- 

tichen, 
sunder  dem  sunder,  daz  sie  in  ain  sulden 

bitten, 
nim  war,  du  bist  nu  gesunt  worden : 
hut  dich  nu  vort  vor  sunlichem  erden. 

behalt  nu  die  genad,  die  haist  erworben, 
daß  du  nit  vallest  in  einen  alden  orden. 


wilt  du  min  warer  Jungelinck  sün, 
80  behalt  mit  fliiß  die  gebott  mein, 
dis  ist  mein  gebott,  daz  einer    dem   an- 
dern frundlich  si 

[mein, 
und  daz  einer  den  anderen   mit  truwen 
so  mochen  wir  werden  vor  god   rein, 
wuldes  du  hassen  daz  nit  mir  lieb  ist, 
du  muchs  werden  behalden  zu  lest ; 
wan  wer  da  wilt  erhört  werden  van  god, 
der  voUenbring  sün  geboder. 
we  sol  der  erhört  werden, 
der  nit  gelichs  begerd  hi  off  erden? 
nuist  betrugt  die  weit  also  serr,  [ll*J 

dan  daß  si  nit  acht  de  gebot  gotz  und 

sein  lerr: 
wilt  du  in  gain  in  daz  ewich  leben, 

so  behalt  die  gebot  gotz  eben. 

ir  sulden  nit  werden  als  de   there   on 

vernufft, 
die  da  nit  wissen  vain  keiner  zokunfft, 
dan  ich  hain  gesprochen  eben, 
mein  wort  sein  daz  lieben. 


*)  Gegenüber  auf  6'' :  dominus. 


M.  EIEGER 


H 


625 


Sage  uns,  lieber,  warzu  bistu  worden, 

das  du  an  dich  hast  genommen  ein  soli- 

chen  orden? 
darumbe  das  du  hast  einen  geistlichen 

schin  an, 
wenestu  darumbe  sin  ein  geistlich  man? 

630 
Bolten  geistlich  kleider  geistlich  machen 

dich, 
so  qwemestu  aHein  in  das  himmelrich; 
also  musten  wir  gescheiden  auch  da  von 

sin. 
uns  were  lieber  du  legest  mitten  im  Ein  ; 
wann  es  schadet  von  ußen  nit  ein  frolich 

leben,   635 
so  das  hertz  vor  gotte   steet  gantz  und 

eben, 
sehent  nu,  wie  ist  er  so  geistlich  gestalt 
und  hatt  darzu  gewonnen  einen  großen 

bart ! 
narre  gauch  lothart  gugguck, 
sehe  umbe  die  Avie  du  nu  so  kluck!   640 
hat  uns  der  tufel  mit  dem    narren  be- 

scheßen  ? 
er  wenet  iedermann  solle  sich  an  ime 

beßern 
und  wil  sich  nit  an  uns  keren, 
er  dut  gelich  als  weren  es  meren. 


*)  Die  in  diesser  weit  narren  sint  ge- 
nant, [8^J   645 
die  sint  gotte  sunderlichen   wol  bekant. 
es  ist  vil  beßer  das  mich  die  boßen  ha- 

ßeu, 
daii  ich  mit  in  lieff  ufF  den  gaßen. 
jnan  sal  verre  wichen  von  den  bösen, 


T 

AjriUen  ir  lieben  ewanchlich, 

so  behald  die  lerr,  die  da  gaid   durcu 

mich. 
Nu  hait  der  gesell  einen  graioen  rock  und 
einen  geistlichen  orden  ain  sich  genomen 
und  koment  zo  im  siin  geseVen  und  spot- 
ten siin  und  sprechen  also. 
Sage  uns,  lieber,  war  zu  biß  da  nu  kom- 
men, 
das  du  nu  sulchen  orden  ain  dich  haist 

genommen  ? 
dar  umb  daz  du  einen  geistelichen  schin 

ain, 
weneß  du  auch  siin  ein  geistelich;  man,?' 

solden  geistelich  cleider  geistelich  man- 
chen dich, 
so.  quemeß  du  allein  in  das  hemelrich  ;- 
also  musten  wir  da  vain  gescheiden  sin, 

unß  werr  lieber  du  legest  in   dem  Rein; 
wan  eß  schadet  nit  uswenich  ein  frolich 

leben^ 
so  daß  hertz  vor  god  iß  eben. 

sehent  wie  ist  er  so   suberlich  gestalt 
und  hait  einen  graen  bart! 

naro  gaugh  lolhart  gockkock,     [11''] 

se  we  biß  du  nu  so  klock! 

hait  uns  der  dufel  mit   narren  beschi.- 

schen? 
er  meind  eder  man  sul  sich  ain  im  hesr. 

seren : 
er;  wilt  sich  ain  unß  red  nit  keren 
und  theid  alß  weren  eß  meren. 

Nu  antwurt  der  broder  und  spricht. 
Die  in  disser  weit  naren  sint  genant, 

se  sint  vor  got  wul  erkant. 

es  ist  besser  das  mich  de  bösen  hassen^ 

dan  ich  mit  iin  leib,  ob  der  gassen, 
man  sold  Avichen  van,  den  bösen, 


*)  Gegenüber  auf  1^  :        socius    socius    socius    frater. 


DAS  SPIEGELBUCH.  20^' 

n  T 

so    Avirt  sich  der  mensche  von  sunclen  so  mach  man  sich  vain  sunden  löesen ; 

losen,  650 

wann  wer  zu  den  bösen  vermischet  ist,  wer  sich  zu  den  boesen  mengen  ist), 

der  wirt  auch  böse    mit  ine  zulest.  der  wurt  mit  in  boes  zo  lest, 

ich  wil  bii  guten  mentschen  wonen  uff  ich  wil  sin  bi  goden  leuden  hie  offdisser^ 

dißer  erden,  erden, 

von  den  min  leben  mag  gebeßert  wer-  van  welchen  mein  lieben  gebessert  mach 

den.  werden, 

nit  laut  uch  missevallen  min  snodes  kleit,  nit  lasen  uch   misfallen  mein   schnödes 

655  ckleit, 

wann  ich  wil  uch  fürbaß  nit  mc  sin  be-  ich  uoh  darumb  will  nit  furbas  sin  be- 
reit, reidt, 

sunder  wan  got  dem  lieben  herren  min,  sunder  got  dem  herren    mein, 

des  eigen  ich  allewege  fürbaß  me  wil  des  ewich  wil  ich  eigen  sin. 

sin. 

wann  ir  hant  mich  dicke  angelachet,  ir  halt  mich  dick  ain  gelacht 

und   mich  doch  glich  wol  hinderklaffet:  und  gelich  zu  hant  hinderklaflft: 

660 

darumbe  wil  ich  uch  fürbaß  miden,  deß  wil  ich  uch  nu  me  miden, 

daz  ich  auch  ritterlichen  möge  gestriden.  oft"  das  ich  rittellich  moch  striden.  [12*2 

wann  die  liebe  gottes  und  diesse  weit  wan  die  leibt    gotteß    und  auch  disser 

weit 

mögen    in     elm  hertzen  nit  haben   ein  mögen  in  einem  hertzen  nit  hain  eir  ge- 

gezelt,  zeit, 

als  wenig  als  auch  die  äugen  685  also  wenich  alß  de  äugen  ein  mael 

zu  einem  male  himmel  und  erden  mögen  himmel  und  erd  mögen  beschauwen. 

geschauweu. 

darumbe  wil  ich   lieber   versmehte   also  darumb  will  ich  verschmechlich  hin  gain, 

hingan, 

dau  daz  ich  wolte  der  liebe  gottes  liedig  uff  daß  ich  in  der  liebden  godeß    moghi 

stan.  besser  stain. 

das  sunde  auch  nit  sunde  were,  wain  sund  nit  sur.d  werr, 

noch  dan  so  were  sie  mir  unmere     670  noch  werr  si  mir  ein  onmerr 

umbe  ir  manigveltige  und  große  unfle-  umb  erer  groser  onfeletichheit  willen. 

digkeit. 

das  lernet  auch  mich  min  bescheiden-  daß  bewiset  mich  bescheidenheidt. 

heit. 

darumbe  kein  freude  noch  lost  wil  ich  kein  freud  noch  lost  wil  ich  hain, 

forbaß  me  han,  [8''] 

dann  allein  in  dem  crutze  Ihesu  Christe,  dan  allein  in  dem  crutz  Ihesu  Christi,  ab 

ob  ich  kam  ich  kan. 

in  dem  ist  mir  die  weit  ein  crutz  und  in  dem  ist  mir  die  weit  ein  crutz  und 

ich  ir  :    675  ich  in  irr. 

^iso  mage  ich  lichtigklich  vertriben  alle  dar  durch  mach  ich  lichtlich  vertribea- 
bosc  begir.  all  bocß  bcgcr. 


210 


M.  RIEGE  R 


H 


Herre,  wie  lange  soUent  die  sunder  har- 
schen in  irer  gewalt? 
wann  sie  hant  sich  gar  grusenlich  gein 

mir  gestalt. 
herre,  nimme  es  auch  flißlich  war, 
wann  die  sunder  sint  gesediget  gar,  680 
dasselbe  uberhebent  auch  sie  sich, 
das  sie  nit  viel  fragent  nach  dime  rieh, 
sie  nemen  das  ez  ine  allewege  ginge  so 

eben 
und  fregten   nit  vil  nach  dem  ewigen 

leben, 
herre,  es  geet  ine  wol  in  allen  iren  Sa- 
chen, 685 
darumbe  so  mögen  sie  frolichen  lachen, 
du  enstraffest  sie  nit  umbe  ire  sunde  uff 

diesser  erden, 
darumbe  sie  ie  stoltzer  und  hoffertiger 

werden, 
sie  sint  auch  satt  von  boßheit, 
darumbe  hant  sie  mir  wiederseit.     690 
sie  frauwent  sich  wan  sie   hant  sunde 

voUenbracht 
und    berument   sich  so  es  ine    in  iren 
Sunden  wolgait. 


*)  Mochtestu  dich  auch  ein  wile  geli- 
den,  [9"] 

wann  ich  werden  kurtzlich  mit  ine  stri- 

den. 

ich  wil  ine  zuhaut  auch  botschafft  sen- 
den,  695 

das  sie  etwaß  zu  schaffen  gewinnen. 

wer  nach  der  weit  gut  und  ere  stett 

und  wem  ez  wole  in  sinen  sunden  geet, 

das  ist  ein  zeichen  gar  gewiß 

siner  ewigen  verdammeniße.  700 


T 

Hie  bittet  disser  broder   got   den  herren 
und  spricht  also. 

Herr,  we  lang  suUend  die  sunder  her- 

schen  in  erer  gewalt? 
wan  si  hant  sich  gar  greussenlich  gegen 

mich  gestalt. 
herr,  nim  erer  eben  war, 
wan  die  sunder  sint  gesediget  gar^ 
des  überheben  se  sich 
und  fragen  nust  na  dinem  rieh» 
si  nemen  daß  in  geng  eben 

und  frachtent  nit  na  dem  ewigen  lieben. 

herr,  es  geid  in  wul  in  eren  Sachen, 

des  mögen  frolich  lachen. 

du  straffest  si  nit  umb  erre  sunden  hi 

off  erden,  [12''] 
dar  umb  sie  e  stoltzer  und   me   homuti- 

cher  werden, 
sie  sint  vol  boesheit, 
des  hain  sie  mir  ganß  und  gar  verseit. 
sie  hant  vil   sunden   volbracht   und   be- 

romen  sich  deß 
daß  eß  ein  in  eren  boesheiden  wul  galt. 

Nu  antwort  hie  got  der  herr  dem  broder- 
und spricht  also. 

Mochtes  du  dich  ein  wenich  liden, 

ich  wurd  kurczilieh  mit  in  striden. 

ich  wil  in  bald  botschafft  senden, 

das  sie  etwas  haben  zo  schaffen   gewin- 
nen, 
dan  wer  na  der  weit  geit  und  na  erer 

err  steit 
und  wem  eß  wul  in  sinen  sunden  geit^ 
daß  iß  ein  zeichen  wol  gewiss 
euer  ewiger  verdamniß. 


*)  Gegenüber  auf  8''  :    fraler      deus.. 


DAS  SPIEGELBUCH. 


211 


den  bösen  sal  nust  in  dem  himmel  wer- 
den; 
so  sollen  die  guten  nit  trostes  han  uff 

diesser  erden, 
sunder  einer  guten  hoffenunge  sollen  sie 

sich  frauwen, 
das    sie    darnach  ewige  freude  werden 

seh  au  wen. 
wanil  die  bossen   werden   zulest   dorren 
gelich  dem  graße   705 
i;nd  werden  auch  gegeben  zu  dem  ewi- 
gen haß. 
wann  so  sie  es  aller  minnste  getruwen, 
so  werden  sie  umbegeben  mit  liden  und 

undruwen. 
wan  glucksamkeit  der  narren 
machet  sie  in  iren  sunden  voUenharren ; 

710 
aber  so  der  hamraer  hoher  über  sich  er- 
haben wirt, 
so  er   darnach   hertiglichen  under  sich 

fert. 
so  man  den  bogen  harter  hinder  sich 

zuhet, 
so    er    den   pfile    hertiglicher  von  ime 

tribet. 
als  vil  hie  in  ziit  gott  gnediger  ist,   715 

so  vil  harter  wirt  er  auch  sin  zu  lest, 
und  darumbe  als  verre  als  es  an  dir  ist, 
so  habe  frieden  bii  den  du  bist, 
nit  beger  räche  gein  diiien  Wiedersachen : 

ich  werde  es   wol   siecht   zusehen   uch 
machen.  720 
wann  wer  diesse  durtze  ziit 
vor  die  ewige  freude  git, 
der  hat  sich  selber  gar  betrogen       [9^] 
und  zimmert  uff  ein  regenbogen. 
darumbe  hastu  got,  so  halt  ine  fast,725 
wan  er  ist  ein  guter  gast; 
nit  laß  in  von  dir  wichen, 
80  enmag  nicht  böses  in  dich  geslichen. 


den  boesen  sol  nust  in  dem  himmelrich 

werden  ; 
so  sold  die  goden  kein  trost  hain  hi  off 

erden, 
sunder  einer  goder  hoffnung  sulden  se 

sich  erfrauwen, 
das  sie  dar  na  mögen   ewige   freud  be- 

schauwen. 
die  boesen  werden    dorren  gelich  dem 

graiß 
und  darzu  gegeben  in  den  ewigen  haß. 

so  si  es  allerminst  getruwen, 
wirt  si  umbgeben  leid  und  ruen. 

den  gelucksamheit  der  narren 
mechet  sie  in  sunden  beharren; 

aber  so  ein   hammer  me  hoer  of  wirt 

gehaben, 
60    er  me   herter   beginnet  zu  schlain, 

[IS''] 
und  so  man  einen  bochgen  wider  hinder 

sich  zuhet, 
so  er  den  phil  harter  für  sich  tribet. 

also  vil  got  der  herrden  sundichen  men- 
schen of  disser  erden  genedich  ist, 
als  vihder  me  hartter  in  ist  zo  lest, 
dar  umb  so  ver  alß  in  dir  ist, 
so  behalt  freid  bi  dem  du  bist, 
nit  beger  zo  rechen   gegen  dein  weder^ 

Sachen  : 
got  wurd  es  wol  swischen  uch   schlecht 

machen, 
dan  wer  disse  kurtz  ziit 
vor  die  ewige  freud  nit  gibt, 
der  hait  sich  sels  bedrogen 
und  zimmert  off  einen  regenbogen. 
dar  umb  haiß  du  got,  so  halt  ein  fast, 
wan  er  ist  gar  ein  goder  gast ; 
nit  laiß  iin  vain  dir  wigen, 
60  mach  nust  boes  in  dich  schlichen. 


212  LITTERATUR 


LITTERATÜß. 


Handbuch  der  deutschen  Mythologie  mit  Einschluss  der  nordischen.  Vors 
Karl  Simrock.  Drittesehr  vermehrte  Auflage.  Bonn  bei  Adolf  Marcus. 
1869.  XII  und  625  Seiten,  gr.   8. 

Der  Umstand,  daß  nun  wieder  nach  wenigen  Jahren  eine  neue  Auflage 
des  rubricierten  Buches  nothwendig  geworden,  zeugt  deutlich  genug  dafür,  daß 
es  Bedürfnissen  entspricht,  die  sich  sicherlich  nicht  bloß  in  den  gelehrten  Krei- 
sen der  Germanisten  fühlbar  gemacht  haben,  sondern  daß  es  dieselben  theil- 
weise  erst  erweckt  und  sich  auch  auf  diese  Weise  kein  geringeres  Verdienst 
erworben.  Man  sieht  oft  Simrock's  Edda  und  Mythologie  da  angeführt,  wo 
Kenntniss  der  germanischen  Götterwelt  ohne  ihn  nicht  hingedrungen  wäre,  und 
Gleiches  gilt  von  seinen  anderen  Arbeiten.  Bleiben  wir  jedoch  bei  der  Mytho- 
logie stehen,  so  habe  ich  zuvörderst  die  bereits  bei  Besprechung  der  zweiten 
Ausgabe  (Germ.  X,  107)  gemachte  Bemerkung  zu  wiederholen,  daß  im  Ver- 
gleich mit  der  vorhergehenden  auch  in  der  vorliegenden  die  Gesammtheit  seiner 
Ansichten  im  Ganzen  und  Einzelnen,  so  weit  ich  wahrgenommen,  wesentlich  un- 
verändert geblieben,  wogegen  sich  zahli-eiche  Zusätze  zur  weiteren  Entwicklung 
und  Bestätigung  des  früher  Ausgesjirochenen  vorfinden;  weggelassen  dürfte  nur 
wenig  sein,  hauptsächlich  blos  S.  165 — 66  der  2.  Ausg.  Ich  komme  weiter 
unten  auf  jene  Zusätze  zurück,  will  aber  gleich  hier  bemerken,  daß,  wenn 
Simrock  meine  ei-wühnte  Anzeige  nicht  gleichmässig  berücksichtigt  hat,  sich 
dawider  nichts  sagen  läßtj  er  glaubte  eben  dem  von  mir  Angeführten  nicht 
überall  beistimmen  zu  können;  nur  nimmt  es  mich  Wunder,  daß  Berichtigungen 
offenbarer  Versehen  von  ihm  nicht  beachtet  worden  sind.  Oder  hängt  dies 
etwa  damit  zusammen,  daß  auch  eine  nicht  geringe  Zahl  von  Druckfehlern 
und  unrichtigen  Citaten  sich  in  beiden  Ausgaben  identisch  wiederfinden?  geht 
S.'s  Festhalten  an  dem  Bestehenden  {conservatism  the  tvyse  call  it)  so  weit? 
denkt  er  wie  der  alte  hochconservative  Lord  Eldon,  daß  kleine  Mängel,  gleich 
den  Muttermalen  einer  Geliebten,  die  Schönheiten  und  Vorzüge  eines  Gegen- 
standes (wie  die  rotten  boroughs  die  der  englischen  Verfassung),  nur  desto  mehr 
hervortreten  lassen?  oder  warum  soll  der  schottische  Wassergeist  Shellycoat 
durchaus  zu  einem  Hausgeist  werden  und  es  bleiben  (S.  435)?  etwa,  weil 
Grimm  ihn  dazu  gemacht?  aber  dieser  hat  sich  geirrt,  wie  ich  ganz  deutlich 
gezeigt  (Germ.  10,  112,  wo  die  Verweisung  auf  Müllenhoff  zu  streichen  ist); 
und  warum  hat  S.  selbst  die  unrichtige  Schreibung  Shellykoat  (mit  k  statt  c) 
und  das  unrichtige  Citat  „M.  428"  statt  „M.  479"  beibehalten?  Ferner,  wa- 
rum soll  denn  durchaus  meisje  auf  holl.  ein  Mäuschen  bedeuten  (S.  446),. 
was  doch  unrichtig  ist  (s.  Germ.  a.  a.  0.)?  Item,  warum  sind  S.  198  wieder- 
um die  700  nützlichen  Historien  stehen  geblieben,  da  die  daraus  mitgetheilte 
Geschichte  doch  schon  bei  Aesop  vorkommt?  (s.  Germ.  a.  a.  0.  S.  111;  zu 
Kurz's  Nachweisen  zu  Waldis  3,  40  füge  noch  Herod.  1,  34 — 45,  auch  bei 
Yal.    Max.   1,   7  Ext.   4;  ferner  eine  englische  Sage,  von  mir  mitgethcilt  in  dea 


LITTEEATUR.  213 

Hcid.  Jahrb.  1868  S.  91  Nr.  11  „Die  Weissagung").  Anderes  übergehe  ich,  wie 
z.  B.  den  sehr  elastischen  und  für  mythologische  Ausdeutungen  sehr  beque- 
men nordischen  Winter  von  sechs,  sieben,  acht  und  neun  Monaten  oder  komme 
gelegentlich  darauf  zurück.  Zunächst  will  ich  Verschiedenes  anführen,  was  sich 
mir  bei  Durchlesung  dieser  neuen  Ausgabe  dai-geboten,  obwohl  es  meist  auch 
auf  die  frühere  Anwendung  findet,  so  z.  B.  heißt  es  S.  l7:  „Darin  aber  trifft 
die  eddische  Überlieferung  mit  der  griechischen  und  indischen 
zusammen,  daß  die  Süudfluth  der  Erschaffung  des  Menschen- 
geschlechtes vorausgeht."  Aber  die  Menschenschöpfung  hat  nach  der 
Vorstellung  der  Alten  vor  der  Sündfluth  stattgefunden,  wie  die  Sage  von 
Prometheus  und  Deukalion  zeigt.  Über  die  SündÜuthsage  überhaupt  s.  Ewald 
in  den  Jahrb.  der  biblischen  Wissensch.  Bd.  VII.  S.  21  —  S,  21.  „Der  Mann 
im  Monde."  Eine  Musterung  der  betreifenden  Vorstellungen  der  verschiedenen 
Völker  s.  im  „Ausland"    1869   Nr.    45    in  einem    Aufsatz    von    Oscar  Peschel. 

—  S.  23.  „Des  Kuckucks  Bezug  auf  das  Siebengestirn  ist  aber 
noch  darin  begründet,  daß  er  nur  von  Tiburtii  bis  Johannis 
seinen  Ruf  erschallen  läßt  und  nur  um  diese  Zeit  das  Sieben- 
gestirn am  Himmel  sichtbar  ist."  So  nach  Grimms  Myth.  692;  es  muß 
aber  heißen:  "^nicht  sichtbar  ist';  denn  die  Auslassung  des  nicht  in  der  ange- 
führten Stelle  bei  Grimm  ist  ein  sinnstörender  Druckfehler;  s.  Ztschr.  f.  d. 
Myth.  3,  309  (nämlich  auf  der  Seite,  die  auf  S.  308  folgt,  denn  die  Seiten 
309 — 328  erscheinen  durch  Versehen  zweimal  hintereinander).  —  S.  111 
„Weltuntergang."  In  den  Gott.  Gel.  Anz.  1866  S.  1331  f.  habe  ich  eine 
Reihe  von  Zügen  der  tatarischen  Heldensage  zusammengestellt,  die  mit  andern 
der  deutschen  Mythologie  übereinstimmen  und  worunter  auch  der  von  den 
obersten  Göttern,  den  Kudai's,  erscheint,  die  wie  die  nordischen  und  Zeus 
(s.  auch  J.  G.  Müller  Gesch.  der  amerik.  Urreligionen  S.  148)  unter  das 
Schicksal  gestellt  sind  und  das  Ende  der  Dinge  voll  Angst  erwarten  (das  dort 
ausgefallene  Citat  über  das  Lebenswasser,  welches  am  Fuße  der  goldenen 
Birke  in  goldener  Schale    vergraben  liegt,  ist    „Schiefner  S.   62  V.    425  ff."). 

—  S.  116  f.  „Naglfar."  Grimm  sagt  ungenau  an  der  von  S.  angeführten 
Stelle,  daß  dieses  Schiff  aus  den  schmalen  Nägelschuitzen  der  Leichen  zusam- 
mengesetzt sein  werde;  vielmehr,  wie  S.  richtig  anführt,  aus  den  unbeschnit- 
tenen Nägeln  jener.  —  S.  142  „Deutsche  Qualhölle  voll  Sumpf  und 
Schlamm,  Meuchelmörder  und  Meineidige  müssen  sie  durchwa- 
ten." Schlamm  und  Koth  finden  sich  auch  in  der  griechischen  Hölle;  s.  Wel- 
cker  Gr.  Götterlehre  2,  527;  Kock  zu  Aristoph.  Fröschen  V.  145  — 150,  wo 
namentlich  auch  die  im  Schlamm  gepeinigten  Meineidigen  erwähnt  werden  und 
Kock  dazu  die  betreffende  Stelle  der  Wölusjja  (nach  Simrock)  anführt.  Mit 
dem  aus  Schlangenrücken  gewundenen  Saal  und  Nidhöggr  vergleichen  sich  die 
oq)Eig  xal  &rjQia  bei  Aristoph.  1.  c.  v.  143.  —  S.  143  „Nobiskrug."  Simrock 
verweist  hierzu  auf  Gervas.  168.  Das  dort  Angedeutete  ist  weiter  ausgeführt 
und  genauer  bestimmt  in  meinem  Aufsatz:  „Ein  alter  Brauch"  Philol.  20, 
378  fi".  und  ferner  ergänzt  in  Germ.  10,  110;  Lazarus  und  Steinthal's  Ztschr. 
f.  Völkerpsych.  5,  68  (wo  zu  lesen  „Eckermann  2,  44.  75").  Hierzu  füge  ich 
jetzt  noch  folgende  Stelle  aus  Tzetzes  Chil.  XII,  590  f.:  „'EpjU-^g  rrjg  Maiag 
0  viog,  '^Egfir^g  de  Kai  d  ^oyog  —  'Eg^rjg  ■aal  Gv^nag  dvÖgiag  xal  o 
CcoQog   TC3V   Ud'Oiv^  Diese   letzten  Worte  „'^EQ^ijg.  .  .   xal    d  öaQog   xcov 


214  LITTEEATUR. 

XCd'dV    ('„Hermes    bedeutet   auch    einen  Steinhaufen")  dienen  zur  Bestätigung 
der  Ausdrücke  SQliaxsg,  SQ^ata^  welche,  wie  ich  in  Philol.  1.  c.    gezeigt,   ur- 
sprünglich alte  Grabdenkmäler  bezeichnet  haben  müssen.    Das  Hinzuwerfen  von 
Steinen   auf  Gräber  bespricht  auch  W.   Schwartz  in  der  Ztschr.  f.   Gymnasial- 
wesen 20,   798  f.,  der  namentlich  auch  die  von  mir   mehrfach    erwähnte    Sitte 
Todte  auf  Bergen   zu    begraben,    wo    dann    jeder  Vorübergehende    einen  Stein 
hinzuwirft,  durch  ein  neues  Beispiel  aus  den  Fuchsinseln    (Unalaschka)    belegt, 
wozu  ich  nun  auch   das  folgende  aus  classischer  Zeit   hinzufüge:    „In    Gargani 
summitate  duo  sepulchra    esse    dicuntur    fratrum    duorum;    quorum    cum  major 
virginem  quandum  despondisset  et    eam    minor   frater    conaretur    auferre,    armis 
inter  se  decertati    sunt  ,    ibique  ad    memoriam,    invicem  se  occidentes,    sepulti, 
quae  res  admirationem  habet  illam,  qua  si  qui  duo,    inter  ipsam  sjlvam  agen- 
tes  iter,  uno  impetu  vel  eodem  momento  saxa  adversum  sepulchra  jecerint,    vi 
nescio    qua    saxa  ipsa    separata    ad    sepulchra    singula    decidunt."     Serv.  Aen. 
11,   247.  Anderes  für  jetzt  übergehend,  führe  ich  bloß  noch    folgenden    sibyl- 
lyschen  Vers  nach  Casaub.  zu  Theophr.  17  {tcsqI  decöcd.)  an:  „xdv  naQOÖoLöc 
XlT^CJV  6vyxo}}iata  tavta  ßsßsod-e"   (auch  beim  Vorübergehen  auf  den  Heer- 
straßen ehret  diese  Steinhaufen),  wo  die  kC^av  Gvyxa^axa  den    von  mir   im 
Philol.  1.  c.  S.  381  erwähnten  XaCva  s^oyxa^ara  entsprechen.  —  S.    172  „Kin- 
derstamm." In  Malory's  Morte  Darthur  (Book  I.  Ch.  3.  4)  wird    erzählt,   daß, 
als  nach  dem  TodeUther  Pendragon's,  der  keine  legitimen  Leibeserben  hinterlassen, 
am  Tage  der  Königswahl  die  Großen  des  Reiches    in   der  Hauptkirche  Londons 
versammelt  waren,  „auf  dem    Kirchhofe    gegenüber   dem    Hochaltar    ein    großer 
viereckiger  Stein  gesehen  wurde,  in  dessen    Mitte    etwas,    was    einem    Amboß 
von  Stahl  ähnlich  sah,  einen  Fuß  hoch    emporragte ;    darin    steckte    mit    seiner 
Spitze  ein  schönes,  entblößtes  Schwert,  und  um  dasselbe    waren    mit    goldenen 
Buchstaben  folgende  Worte  geschrieben:     „„Wer    dieses    Schwert    aus    diesem 
Steine  und  Amboß  zieht,  ist  von  Geburt    rechtmäßiger  König    von  England."" 
Und  da  nun  keiner  der  Gegenwärtigen  das    Schwert  herauszuziehen  vermochte, 
war  der  noch  junge  Arthur  allein  dies    im    Stande    und    wurde    demgemäß  Kö- 
nig."   Dieser  Zug    ist    wahrscheinlich    dem    französischen    Merlin    entnommen 
(s.   Dunlop-Liebrecht  S.   67")  und  erinnert  an  die  griechische    Sage    von    The- 
seus  und  an  die  nordische  von    Sigmund;    so    wie    nämlich    Arthur    der  Sohn 
zweier  Väter  ist,  des  Herzogs  von  Tintagil  und  des  Königs    Uther  Pendragon, 
ebenso  ist  Theseus  der  des  Aegeus  und  Poseidon,  wie  Sigmund  der  des  Wei- 
sung und  Odhin   („Odhin  selbst  erscheint  bekanntlich  an  der    Spitze    des  Wöl- 
sungenstammes,  denn  Sigi,  mit  dem  er  beginnt,  wird  Wöls.   S.   Cap.    1    Odhins 
Sohn   genannt;  an   Sigmund  hat  er  noch    näher    Antheil,    denn    Wölsung    hatte 
ihn  mit  einer  Walküre  gezeugt,  die  Cap.   2    Odhins    Geliebte    heißt."    Simrock 
Myth.   I7l).  Arthurs  Schwertprobe  haben    wir    eben    gesehen,    ebenso  gewinnt 
Theseus  seines  Vaters  Schwert  durch    das    Emporheben    des    schweren    Steines, 
unter  den  jener  es  verborgen,  und  auch  Simgund  vermag  allein  nur  das  Schwert 
aus  dem  Kinderstamme  zu  ziehen,  in  den  es  Odhin  gestosseu.  Übrigens  gleicht 
Arthur  dem  Sigmund  auch  noch  darin,  daß  er  gleich  diesem  mit  seiner  Schwe- 
ster einen   Sohn  zeugt,  worauf  ich  schon  zu  Dunlop  (S.  470    Anm.    143)  hin- 
gewiesen. —  S.  173  „reyrsproti.^  In  einem  Rittergedichte  des  Florentiners  Antonio 
Pucci  „Historia  della  reina  d'Oriente"   (herausgegeben  von  Anicio    Bonucci  als 


LITTERATUR.  215 

Nr.  41  der  „Scelta  di  Curiositä  Letterarie.  Bologna.  Eomagnoli")  befinden 
sich  unter  anderen  Spuren  von  Volkssagen,  welche  A.  Wesselofsky  in  dem 
Ateneo  Ifaliano  1866,  15.  Aprile  p.  1  ff.  zusammengestellt  hat,  auch  folgende 
zwei  Strophen,  welche  sich  darauf  beziehen,  daß,  als  die  Königin  des  Orients 
das  furchtbare  Heer  des  Königs  von  Rom  gegen  sich  heranziehen  sieht,  sie  in 
ihrer  Bedrängniß  den  Himmel  um  Hilfe  anfleht : 

„Un  agnol,  poi  che  l'orazion  fu  detta, 

Li  apparve  e  disse:  non  ti    sgomentare, 

Perche  di  Dio  se'  tu  stata  diletta, 

Mandate  m'ha  per  non  ti    abbandonare. 

E  poi  li  disse:  To'  questa    bacchetta, 

Tra'  tuoi  nemici  si   l'abbi  a  gittare, 

Dicendo:  gite  come  fumo  al  vento; 

E  lo  tuo  cor  di  lor  sarä  contento. 
Poich'6  partita  quella    santa  voce, 

L'alta  Reina  a  cavallo  e  montata, 

Fecesi  il  segne  de  la  santa  croce, 

Inverso  a'  suoi  nemici  ne  fu  andata, 

E  come  giunse,  aller  tutta  feroce 

La  bacchetta  tra  lor  ebbe  gittata, 

Dicendo  come  1' Agnol  detto  avia; 

E  tutta  quella  gente   si  fuggia. 

(Cant.  n,  13.  14.) 
Mit  Recht  weist  hierbei  Wesselofsky  (p.  9)  auf  Odhin's  reyrsproti  hin, 
und  ist  es  interessant,  gegen  Ende  des  14.  Jahrh.  einer  derartigen  Sage  in 
Italien  zu  begegnen,  —  S.  195  „Der  norwegische  Gurerysse  (Riese 
Guro)  oder  Reisarova  mit  ihrem  langen  Schwanz  (Myth.  397)".  Die 
Stelle  bei  Faye,  worauf  Grimm  sich  bezieht,  die  er  aber  mißverstanden  hat,  lautet 
folgendermaßen:  „I Spidstn  for  Faerden  farer  Guro  Rysse  eller  Reisa  "  Eova  med 
sin  lange  Eumpe  u.  s.  w."  Dieß  heißt:  „An  der  Spitze  [von  Aasgardsreia]  fährt 
Guro  Rysse-rova  oder  Reisa  rova",  d.  i.  Guro  Stutenschweif;  rysse  und  reisa,  isL 
hryssi  und  hreisa,  bedeuten  beide  Stute,  und  rova  isl.  röfa  ist  =  Schweif.  In 
einer  Anmerkung  fügt  Faye  noch  hinzu :  „I  Nissedal  kaldes  hun  Rumpeguro 
[Schweifguro],  der  er  vaen  fortil,  men  huul  bog  og  har  en  stör  Etesterumpe/' 
Über  Guro  =  Gudrun  s.  Mannhardt  Zeitschr.  f.  d.  Myth.  4,  428;  Guro  ist 
also  kein  Riese,  wie  Simrock  meint.  —  S.  203  «Rigr  oder  Heimdall". 
Gegen  die  Identität  derselben  s.  Herrigs  Archiv  30,  305  ff.  —  S.  209  „Von 
Karl  dem  Großen  wird  auch  erzählt,  er  habe  zu  Aachen  ein 
halbgöttliches  Weib  zur  Geliebten  gehabt  u.  s.  w."  Daß  eine  ent- 
sprechende Sage,  in  welcher  auch  das  Korn  (granum)  im  Munde  der  Gelieb- 
ten verkommt,  im  Orient  gleichfalls  vorhanden  ist,  habe  ich  gezeigt  in  den 
Gott.  Gel.  Anz.  1866  S.  1639  und  wiederhole  sie  hier  zur  Bequemlichkeit 
der  Leser:  „Der  Chalif  Jezid  (der  von  679  —  683  regierte),  warf  eines  Tages 
einer  seiner  Gemalinnen,  die  er  bis  zum  Wahnsinn  liebte,  beim  Gastmal  scherz- 
weise einen  Traubenkern  zu,  an  welchem  sie  jedoch  erstickte,  als  sie  ihn  ver- 
schlingen wollte.  Jezid  gerieth  hierüber  ganz  außer  sich  vor  Schmerz  und 
wellte  sich  von  dem  todten  Körper  seiner  Geliebten  durchaus  nicht  ti-ennen, 
bis  endlich  seine  Diener,  welche  den  Übeln  Geruch  desselben  nicht   länger  er- 


^Iß  LITTERATUE. 

Xa-agen  konnten,  den  'Chalifen  durch  ihr  Flehen  bewogen,  den  Leichüam  be* 
graben  zu  lassen."  S.  d'Herbelot  s.  v.  Jezid  (2,  834  der  deutschen  Übers.). 
Eine  ähnliche  Erzählung  findet  sich  ebendas.  s.  v.  Gelaleddin  (2,  486  f.), 
■wonach  dieser  Sultan  von  Chowaresmien  (regierte  etwa  von  1218 — 1236)  in 
eine  von  seinen  Sklavinnen  so  sterblich  verliebt  war,  daß  er  ihren  Leichnam 
noch  lange  Zeit  nach  ihrem  Tode  bei  sich  behielt  und  demselben  alle  Tage 
zu  essen  vorsetzte,  sich  dabei  nach  ihrem  Befinden  erkundigte,  und  ob  es 
besser  mit  ihr  stehe  als  an  dem  vorhergehenden  Tage.  —  S.  219  „Orion". 
Dieser  wird  nicht  aus  dem  Speichel,  sondern  aus  dem  Urin  der  drei  Götter 
geschaifen,  welcher  hier  aber  wohl  so  viel  wie  Samen  bedeutet;  man  vergleiche 
die  indische  Sage  von  Hasischta.  Über  die  Identität  des  Begriflfes  von  Samen, 
Harn,  Blut  und  Speichel  vgl.  Gervas.  70  fi".  —  S.  245  „Thor  als  Her- 
cules." Außer  den  von  S.  angeführten  Analogien  vergleiche  man  auch  noch 
Thor  als  Ochsenfresser  in  Hymiskv.  15.  Thrymskv.  26  mit  Herakles  Bupha- 
gos,  Pamphagos,  Adephagos,  und  Thor,  der  die  Ebbe  trinkt  (Gylfag.  47)  mit 
Herakles  als  Zecher;  s.  Jacobi  MythoL  Wörterb.  414  Anm.  1.  —  S.  255 
,Thor  angelt  die  Midgardschlang&."  Mau  vergleiche  die  folgende 
neuseeländische  Sage.  „Als  Küpe  an  der  Ostküste  Castle-Point,  das  er  Tc' 
Wheke-Muturangi  nannte,  erreichte,  floh  aufgescheucht  ein  großer  Tintenfisch 
(cuttle-fish)  aus  einer  Höhle  dieses  Vorberges  in  der  Richtung  gegen  Eau- 
kowa  oder  Cooks- Straße;  Küpe  folgte,  ruderte  zur  Mittelinsel  in  die  Awa-iti- 
Straße,  spürte  eine  heftige  Strömung  vom  Lande  her  und  nannte  die  Einfahrt 
Kura-'te-au.  Hier  hatte  der  Fisch  sich  verborgen  und  griff  mit  seinen  Armen, 
die  von  Saugern  besetzt  waren,  nach  dem  Kahn,  um  ihn  herabzuziehen';  Küpe 
sah  es  und  warf  eine  leere  riesige  Wassercalabasse  aus  dem  Kahn.  Der  Fisch, 
welcher  den  Kahn  zu  fassen  glaubte,  erhob  sich,  um  ihn  niederzudrücken  mit 
vollem  Körper,  wurde  von  Kupe's  Axt  getroffen  und  in  zwei  Hälften  zer- 
hauen." Schirren,  Die  Wandersagen  der  Neuseeländer  u.  s.  w.  S.  2^.  Hier 
entspricht  die  Wassercalabasse  dem  von  Thor  als  Köder  gebrauchten  Stier- 
haupt, die  Axt  dem  Hammer  Thors,  das  Zerhauen  des  Tintenfisches  in  zwei 
Hälften  den  Worten  in  Gylfag.  48:  „Die  Leute  sagen:  Thor  habe  der 
Midgardschlange  im  Meeresgrunde  das  Haupt  abgeschlagen",  und  endlich  dei' 
Küpe  begleitende  Reti  (Schirren  S.  113)  dem  Hymir.  —  S.  261  univer- 
salis columna  quasi  sustinens  omnia."  Vergl.  August.  De  Civ.  Dei 
7,  11,  wo  der  Beiname  des  Jupiter  Tigillus  also  erklärt  wird:  quod  tan- 
quam  tigillus  mundum  contineret  ac  sustineret.  —  S.  267  Z.  8  v.  u.  streiche 
das  Citat  „Kuhn  W.  S.  2,  200."  —  S.  276  „Heimdali  ist  von  neun  Schwe- 
stern geboren,  es  sind  die  Wellenmädchen,  Oegirs  Töchter."  Ich  will 
hiebei  daran  erinnern,  daß  die  zehnte  Meereswoge  gewöhnlich  größer  ist  als 
die  neun  vorhergehenden,  daher  die  Ausdrücke  fluctus  decimus  decu- 
manus,  dExaxvfiLa:  vgl.  Festus  s.  v.  decumana  und  Fassow  s.  \.  tQiicv^itcc. 
—  S.  276  „Regenbogen".  Folgendes  nordenglische  Kinderliedchen  ist  wegen 
der  darin  enthaltenen  Perso  lification  des  Regenbogens,  wobei  ihm  auch  Kinder 
beigelegt  werden,  bemerkenswerth: 

„Rainbow,  rainbow,  haud  awa'  harne, 

A'  yer  bairns  are  dead  but  ane, 

And  it  lies  sick  at  yon  grey  stane, 

And  will  be  dead  ere  you  win  hame. 


LITTERATUR.  217 

Gang  owre  the  Drumaw  and  yont    the  lea, 
And  down  by  the  side  o'  yonder  sea; 
Your  bairn   lies   greetln   like  to   dee, 
And  the  big  tear-drop   is  in  bis  e'e." 
Henderson,    Notes  on  the  Folklore  of  the    Northern    Counties    of  England  etc. 
Lond.    1866    p.    16.     —     S.    311     „Njördr    von    Skadi    wegen    seiner 
schönen    Füße    zum    Gemahl    erwählt."     F.   G.   Bergmann,     Les  Getes 
etc.  Strasb.  u.  Paris   1859   S.    247     bemerkt    gelegentlich     dieser  Göttersage: 
„Je  ne  sais  s'  il  y  a  quelque  rapport     eloigne     entre     ce    mode  de  choisir  un 
epoux  et  l'epreuve  k  laquelle  on  soumet  le  nouveau    mari(5,  aux    noces  dans  le 
Berry."    „Quand    sonne     Theure  du  repos  pour  les  epoux,  on  fait  ranger  par 
terre   toutes  les  femmes   de  la  noce  ensemble,   et  sur  le   dos;  ou  les   dechausse 
de  leur  bas  et  de     leur     souliers ;     on  les  cache  toutes    d'un     drap,     depuis   la 
figure  jusqu'aux  mollets  exclusivement,    qui  seules  restent  decouverts.    Dans  ce 
pele-raele  de  jambes  nues,    le  mari  doit  reconnaitre,  sans  se    tromper,    celles 
de  sa  femme.     S'il  met  la    maiu    dessus,    il  a  le  droit    d'aller  se  coucher    im- 
mddiatement;    siuon,    son  bonheur  est  renvoye  k  la  nuit  du  lendemaiu."    Felix 
Pyat,    Les  Frau^ais  paints  par  eux  memes.    T.  II.  p.    329."    —  S.    312  Ro 
senlachen.     S.     Beufey's     Pantschat.     1,   380.    —     S.   316    „Auf    Pfauen 
schwören."     S.   Grimm  RA.    901.     Vgl.     meine  Anzeige    von  Uhlands  Schrif- 
ten   Bd.    III    in     den     GGA,     1867    S.    179.    Noch    in    später    Zeit     kommen 
dergleichen  Gelübde  auf  Phasanen  vor;  s.    Barante,     Hist.     des    ducs   de   Bour- 
gogne.     VIII,      18     (3.    ed.)     —     S.     326     „Venus     Libitina."      Diese 
gehört     nicht    hieher,     denn     sie     entspricht     nicht    der  Venus     vulgivaga.     — 
S.    340   „Die  unter  we  Itliche  n     Schätze     bedeuten     die     Güter     der 
Erde,   den  reichen  Pflanzensegen.''   Bei  Philostr.   Vita  Apoll.  6,  39  wird 
der  Erde  geopfert,   daß   sie  einen  Schatz     schenke;    sie  erhört     die     Bitte  und 
schenkt  außer  dem  Golde  auch  noch  eine  reiche  Gelernte.  —  S.  353  „Herodias 
wird    in    den    leeren  Raum    getrieben    und    schwebt    ohne  Unter- 
laß."  Von  einer  Mehrzahl  durch  die    Luft  gejagter  Töchter  des  Herodes  weiß 
oder  wußte   eine  catalanische  Sage  (la  danza  aerea  a  que   estan  condenadas  las 
Herodiadas  por  la  muerte  del  bautista)  s.  Ferd.  Wolf  Proben  portug.  u.  catalan. 
Volksromanzen  Wien    1856  S.  29   (Sitzungsber.   der  phil.-hist.  Kl.  XX,   43).  — 
S.   371     „Die    wilden    Frauen    haben     ihren    Aufenthalt    bei    alten 
Mal  bergen  und  Freisteinen.    Wolf  HS.    150."    In  der  zweiten  Auflage 
war    citiert  Wolf  WS.    150;    da  aber  Wolf  keine    westph.    Sagen  geschrieben, 
so  hat  Simrock,  ohne  noch  einmal  nachzusehen,    dies    jetzt    in   „Hess.   Sagen" 
umgeändert,  wo  aber  nichts  Hierhergehoriges  steht.   Gemeint  ist  jedoch    Kuhn 
WS.    1,     150,    wo  indeß    nur  wegen  ,, Frauenstuhl"    auf    S.'s    Mythol.    S.    417 
(I.  Aufl.)  verwiesen  wird,  weil  da  von  „der  wilden  Frauen  Gestühl''  die  Rede 
ist;  von  Malbergen  und  Freisteinen  spricht    Kuhn  a.   a.   0.  nicht.   —    S.    379 
„Bertha  schneidet  dem,   der     an     ihrem     Feste     (Epiphania)     andere 
als  die  althergebrachte  Speise   zu   sich    genommen,     den     Bauch 
auf  u.  s.  w."  Nach  einem  ähnlichen  Glauben  in  Italien  bringt  Befi"aua  am  Drei- 
königstage nicht  bloß   den  Kindern  Geschenke  (DM.   260),    sondern    schneidet 
auch    andern  derselben  den  Bauch    auf,   und  um  dem     zuvorzukommen,     ist  es 
probat  Bohnen    zu    essen.     „Altri    putti    nuUadimeno    ne  cerca  la  Beffana    per 
forare  loro  il  corpo;    ad  evitare  il  quäl  male  il  rimedio   e  trovato  di    mangiar 

GERMANIA.  Neue  Reihe   IV.   (XVI.)  Jahrg.  15 


218  LITTERATUR. 

fave,  lo  che  si  usa  tuttora  da  molte  persone  in  quella  sera."  Manni,  Istorica 
Notizia  dell'  origine  e  del  significato  delle  BefFane  p.  16  bei  Du  Mdril  Hist. 
de  la  Com^die.  Paris  1869  vol.  II  p.  117.  Welche  Rolle  die  Bohnen  in 
Deutschland  am  Dreikönigsabend  spielen,  ist  bekannt  genug  (s.  Simrock  a. 
a.  0.);  in  Italien  scheinen  sie  gegen  die  Beffana  ebenso  gebraucht  zu  wer- 
den, wie  in  Frankreich  und  sogar  schon  im  Alterthum  gegen  die  Wiedergän- 
ger. „II  y  avait  naguere  des  provinces  oü  les  enfants  chassaient  les  revenants 
en  jetant  des  feves.  Dacier  In  Pauli  Diaconi  excerpta  commentarii  p.  426  ed, 
Lindemann.  Varron  disait  d^jä,  De  vita  populi  Romani  1.  I:  Quibus  tempori- 
bus,  in  saci-is  fabam  jactant  noctu,  ac  dicunt  se  lemures  domo  extra  januam 
ejicere.  Voy.  aussi  Ovide  Fast.  1.  V  v.  436  et  suivants.'^  Du  Meril  Etudes 
sur  quelques  points  d'Archeologie  etc.  Paris  u.  Leipz.  1862  p.  119.  — 
S.  392  „Riesen  iind  Zwerge  werden  zu  Stein,  wenn  ein  Strahl 
der  Sonne  sie  berührt."  Daß  diese  Vorstellung  auch  sonst  noch  und 
zwar  bei  den  Ureinwohnern  von  Hispaniola  vorhanden  war,  habe  ich  zu 
Gervas.  83  gezeigt;  vgl.  J.  G.  Müller  Gesch.  der  amerikan.  Urrelig.  S.  179. 
Aber  auch  auf  den  Fidschi-Inseln  findet  sie  sich,  wie  aus  der  Angabe  des 
Engländers  John  Denis  Macdonald  hervorgeht,  dessen  Bericht  über  seine  im 
J.  1856  gemachte  Reise  1857  erschien  und  worin  es  nach  dem  Auszuge  in 
Le  Tour  du  Monde,  Paris  1861,  vol.  I  p.  194  also  heißt:  „Ndenge'e,  la  di- 
vinit^  superieure  des  Vitiens,  avait  envoyd  Lando-Alewa,  une  deesse,  et  Lando- 
Tangam,  un  dieu,  pour  sceller  au  sein  des  eaux  le  Ndaveta-Leva  [eine  der 
größten  Fidschi-Inseln] ;  mais  tous  deux  s'^tant  laissö  surprendre  dans  l'exdcu- 
tion  de  ce  travail  par  les  premieres  clartes  de  l'aurore,  furent  metamorphosds 
en  rochers,  qui  forment  le  recif  meme,  dont  nous  venons  de  parier."  (Dies 
Riff  befindet  sich  in  der  Nähe  der  genannten  Insel.)  Eine  von  der  Simrocks 
abweichende  Erklärung  dieser  Vorstellung  giebt  Kuhn  Herabkunft  des  Feuers 
93.  —  S.  419  ,, Eiben  borgen  Verschiedenes  von  den  Menschen 
für  ihre  Hochzeiten  und  Feste."  Nach  dem  Volksglauben  in  Dardistan 
pflegen  die  unter  der  Erde  wohnenden  Dämonen  bei  ihren  Hochzeiten  ganz 
ebenso  zu  verfahren  und  das  Geliehene  jederzeit  richtig  wiederzugeben. 
S.  Trübner 's  Record  no.  53  S.  647  nach  Leitner's  nächstens  erscheinendem 
Werke  über  Dardistan.  ■ —  S.  426  „Das  Vieh,  das  vor  der  Unterwelt 
weidet  und  dessen  Hirt"  vergleichen  sich  den  Heerden  des  Hades  und 
dessen  Hirt  Menoitios.  —  S.  427  „Wer  Speise  und  Trank  der  Unter- 
irdischen genießt,  ist  ihnen  verfallen  und  kann  nicht  mehr  ins 
Menschenleben  zurück."  Vgl.  Müller  und  Schambach  Nieders.  Sagen 
S.  373.  Auch  nach  einem  japanesischen  Mythus  kann  die  von  ihrem  Gemal, 
dem  Gott  I-za-nagi  bis  in  das  Reich  der  Wurzeln  (die  Unterwelt;  vgl.  Nifl- 
heim  unter  einer  Wurzel  Yggdrasils)  verfolgte  Göttin  I-za-nami  mit  demsel- 
ben nicht  wieder  zurückkehren,  weil  sie  bereits  an  dem  Herd  der  Unterwelt 
gegessen  (Pfizmaier  Theogonie  der  Japaner,  in  den  Sitzungsber.  der  phil.- 
hist.  Cl.  der  Wiener  Akad.  Bd.  XLVII.  S.  435).  Hier  haben  wir  die  etwas 
veränderte  Sage  von  der  in  den  Hades  entführten  Persephone  und  dem  dort 
genossenen  Granatkern.  Diese  unterweltliche  Frucht  erinnert  an  den  gleichar- 
tigen Perseabaum,  der  in  der  egyptischen  und  anderen  Mythologien  eine  so 
hervorragende  Rolle  spielt,  wie  Jul,  Braun  nachgewiesen  hat,  s.  dessen  Natur- 
geschichte der  Sage    II,   476  s.  v.  Baum    des  Lebens.     Auch    der    Gegensatz 


LITTERATUE.  219 

kommt  vor;  so   erzälilen  die  Bewohner  der  Tonga-Inseln,   daß  die  Töchter  des 
Gottes  Langi   (Himmel)     sich     heimlich  und     gegen     das  ausdrückliche  Verbot 
ihres   Vaters   auf  die  Erde  schlichen,   ,,weil  sie  sich  nach   der  Liebe  der  schö- 
nen Männer  von  Tonga    sehnen.   Allein     alle  Fürsten     gerathen     beim  Anblick 
der  schönen  Himmlischen  sofort  in  Streit,  wer  sie    besitzen    soll    und    kämpfen 
so  heftig,  daß  die  Götter  den    Lärmen  hören  und  rasch  den  Langi,    um  seine 
Töchter  zu  strafen^  nach   Tonga  senden ;     die  eine  war    schon    todt,    denn  sie 
hatte  irdische  Speise  genossen;   die  andere  tödtet    der    erzürnte   Vater.     Dieser 
Proserpinenmythus  findet    sich    auch  sonst    in  Polynesien.    Vom  Paradiese  aus 
fuhren   einst  die  Götter  nach  den  eben  geschaflenen  Tonga-Inseln,  die  ihnen  so 
gut  gefielen,   daß  sie  daselbst  zu  wohnen  beschlossen  und  deßhalb  ihren  Kahn 
zerbrachen.  Allein  kurze  Zeit  darauf  starben  einige    von    ihnen,     die    anderen, 
entsetzt,    versuchen  wieder  in  ihre    himmlische  Heimat    zurückzufahren,     aber 
umsonst.   Die  anderen  Götter  verkünden  ihnen,     weil  sie  Frucht    der  Erde  ge- 
gessen,   seien  sie  nun  selber  sterblich."    So  nach  Mariner's  Tonga  Islands  bei 
Gerland  Altgriech.   Märchen  in   der  Odyssee.   Magdeb.    1869   S.   24.  Vgl.  Kuhn 
Herabkunft  83   Anm.    —    S.   427    „Tischchen  deck  dich."    Amalthea ,    die 
Tochter  des  Haimonios,  hatte  ein   Stierhorn,   welches,   wie  Pherekydes  sagt,   die 
Kraft  besaß,    jede     gewünschte  Speise  oder  Trank  im    reichsten   Maße   herbei- 
zuschaffen.   Apollod.   2,   7,   5.    In  Frere's    Old  Deccan  Days     or  Hindoo  Fairy 
Legends    ist    in    dem    Märchen    Nr.     12,    welches    KM.    Nr.    36     „Tischchen- 
deckdich"    entspricht,     von    einem    Kruge    die  Rede,     aus    welchem    man     die 
köstlichsten   Speisen    wol    für    hundert  Personen    herausnimmt,     und    je    mehr 
man  herausnimmt,   desto  mehr  bleibt  immer    darin     (vgl.    meine    Anz.    in   den 
Heidelb.  Jahrb.    1869   S.   493).   —    S.   428   „Den  Marmennil    suchen   die 
Menschen  in  ihre   Gewalt  zu  bringen,    damit    er    ihnen    weissage. 
...Er     hüllt    sich    aber     gern    in    hartnäckiges     Schweigen     und 
bricht  es  nur  unwillkürlich."  Es  ist  ein  alter  Zug,   daß  übermenschliche 
Wesen  die    ihnen  innewohnende    höhere  Weisheit    nur    gezwungen   den   Sterb- 
lichen   kund    thun.     Bekannt  ist  der    Mythus  von  dem   Satyr  oder    Silen,    der 
von  Midas    durch   Mischung    einer  Quelle     mit  Wein    berauscht,     eingeschläfert 
und  gefangen  wurde,   dann  aber  seine  Freiheit  durch    Mittheilung    weiser    und 
verborgener  Dinge  wieder  erhielt.   Über  die  im  Alterthum  allgemein   angenom- 
mene Kunde  der  Satyre  von  den  verborgenen  Dingen    s.     Casaub.     de    Satyr. 
Poesi  p.   48.   Halae   1774,  vgl.    Davis,    zu  Cic.     Tusc.     1,   48.     S.  auch   Kuhn 
Herabkunft  S.   33 — 36,   wo  zu  den   S.   34   angeführten    Sagen    noch    hinzuzu- 
fügen ist  Straparola  IV,    1    u.  Schneller  Märchen  und    Sagen    aus    Wälschtirol 
S.   213   f.   die   Sage  vom   Salvanel   (d.   i.   Salvauello,   Silvanus).    Hierher    gehört 
auch  die  von  Kuhn  a.  a.   O.  u.   Simrock   (S.   565)  nach    dem    mhd.   Gedichte 
„Salomons  Lob"    erwähnte  Sage  von  dem  Drachen,   der  erst,    nachdem    er  be- 
rauscht und  gebunden  ist,  dem  Könige  ein  zum  Tempelbau    nothwendiges  Ge- 
heimniß  oflPenbart.  Diese  Sage     stammt     aus     dem  Talmud,     wo  aber  statt  des 
Drachen     der    Geist     Aschmedai     eintritt;     s.   W.    Schwartz     Poetische     Natur- 
anschauungen,  Berlin    1864.   I,    79   (nach  Eisenmenger).    —     S.     429     „Melu- 
sine."    Daß  diese  Fee    böhmischen   Ursprunges  sei ,     dünkt    mir    nicht    wahr- 
scheinlich ;    ihr  Name    kann    durch    das    böhmische   Volksbuch     von    derselben 
(Gräße  Lehrbuch   2,   3,   385)   leicht  unter  dem  Volke  bekannt    und    von     die- 
sem dem  geisterhaften   Wesen     beigelegt     worden     sein,     von     dem     Grohmani, 

15* 


220  '  LITTERATUR. 

spricht.  Dagegen  empfiehlt  sich  eine  andere  Conjunctur.  Melissa  war  näm- 
lich ein  Bfeiname  der  Artemis-Selene  und  identisch  mit  der  asiatischen  My- 
litta  der  Himmelskönigin  (Melechet),  diese  aber  ist  dieselbe  wie  Astarte, 
Atargatis,  Derketo  usw.,  sämmtlich  Zeugungsgöttinnen  und  gewöhnlich,  beson- 
ders die  letzteren  beiden,  an  der  unteren  Hälfte  in  Fischgestalt  dargestellt. 
Hiervon  ausgehend,  sagt  Baring-Grould  Gurions  Mjths  of  the  Middle  Ages, 
Lond.  1868,  n,  234:  „The  name  Melissa  was  probably  introduced  into  Gaul 
by  the  Phocian  colony  at  Massilia,  the  modern  Marseilles,  and  passed  into 
the  populär  mythology  of  the  Gallic  Kelts  as  the  title  of  nymphs,  tili  it  was 
finally  appropriated  by  the  Melusina  of  romance."  Dieß  ist  um  so  wahr- 
scheinlicher, als  das  erste  Auftreten  der  Melusinensage  (Gervas.  p.  4)  in  der 
nächsten  Nähe  von  Marseille  stattfindet;  s.  meinen  Aufsatz  Amor  u.  Psyche 
usw.  in  Kuhn's  Ztschr.  f.  vergl.  Sprachf.  18,  64  (das  dort  erwähnte  Städt- 
chen Trets  liegt  zwischen  Aix  u.  Marseille).  Diese  kleinasiatische  Abstam- 
mung also  würde  denn  auch  den  Fischschweif  der  Melusine  erklären.  Daß 
übrigens  jene  Bemerkung  Gould's  ursprünglich  ihm  selbst  angehöre,  möchte 
ich  bezweifeln,  da  er  nur  gar  zu  gern  litterai-isches  Eigenthum  anderer,  na- 
mentlich deutscher  Gelehrten  sich  stillschweigend  aneignet;  s.  meine  Anzeige 
in  den  Heid.  Jahrb.  1868  S.  644  ff.  —  S.  433  „Der  Taterman  ist  wohl 
von  Tatern,  Zittern  benannt."  Gelegentlich  des  altnl.  tatolf  habe  ich  in 
meiner  Anzeige  von  Kausler's  Denkm.  Bd.  HI  in  den  GGA.  1866  S.  1035 
Folgendes  bemerkt:  „Dies  Wort  ist  wahrscheinlich  eine  Nebenbildung  von 
tatrman  und  gebildet  wie  Rudolf,  Ludolf,  Morolf  usw.  s.  Grimm,  Gramm. 
2,  330 — 334.  Myth.  721  f.  (über  die  Bedeutung  der  Ableitungssilbe  -oZ/); 
tatrman  aber  ist  =  (hölzerne)  Puppe,  Kobolt,  s.  Myth.  468 — 471,  vgl.  Sim- 
rock  Myth.  471  (2.  Aufl.)  und  ist  vielleicht  aus  dem  engl,  tatter  (altn. 
töti')  zu  erklären  (Grimm  1.  c.  470),  wie  eben  auch  tatolf  muthmaßen  läßt, 
welches  nach  Kilian  eigentlich  eine  Puppe  für  Schneider,  die  Kleider  daran 
anzupassen,  bedeutet.  Lumpen  und  Kleider  werden  oft  durch  das  nämliche 
Wort  bezeichnet:  so  franz.  chiffons,  engl,  buntings,  lat.  pannus,  woraus 
ital.  panno  Tuch  und  panni  Kleider  (span.  pauo  u.  paiios),  gr.  Qaxog 
(ßgaxog) ;  also  tatolf  Lumpenpuppe,  Kleidei-puppe,  später  wie  tatrman,  stum- 
mes, hölzernes  Koboldsbild  und  als  solches  für  einfältig,  dumm  gebraucht. 
Demnach  wäre  also  die  Bedeutung  ,, Gliederpuppe  für  Schneider"  die  ältere 
und  dei'gleichen  mögen  allerdings  schon  früh  im  Gebrauch  gewesen  sein.  Oder 
wurden  Götzen-  und  Koboldspuppen  auch  aus  Lumpen  und  Fetzen  gebunden 
und  hingestellt,  so  daß  die  Bedeutung  „Gliederpuppe"  die  spätere  ist? 
Vgl.  Grimm  Myth.  469.  470.  Doch  bietet  sich  für  tatrman  (tatolf)  auch  noch 
die  wahrscheinlichere  Ableitung  aus  Tater,  Tatter,  d.  i.  Tatar,  wenn  man  sich 
nämlich  der  Schilderungen  des  gräulichen  Aussehens  der  Hunnen  und  Tata- 
ren erinnert,  wie  sie  uns  die  Schriftsteller  des  Mittelalters  geben.  Jene  Wör- 
ter bedeuteten  dann  also  eigentlich  Fratzenbild,  dann  aber  Kobold.  Das 
-man  in  tatrman  ist  ein  Anhängsel  wie  in  Peterman,  Heinzelman,  popelman 
{popel  =  Popanz)  u.  s.  w."  —  S.  437  „R am s lohn".  Was  an  dieser  Stelle 
nach  Kuhn  NS.  398  von  dem  diesen  Namen  tragenden  Ahrenbüschel  gesagt 
ist,  stammt,  wie  S.  anführt,  aus  Menzels  Odin  173,  welcher  letztere  sich  aber 
versehen  hat.  Bei  Kuhn  S.  395  Nr.  99  nämlich  (nicht  Nr.  398,  die  nicht 
vorhanden  ist),  steht  Folgendes:    „Im  Saterland  läßt  man    bei   der  Roggenernte 


LITTERATUE.  221 

einen  Busch  stehen,  den  man  mit  bunten  Bändern  umbindet;  man  nennt  ihn 
Peterbült  oder  Peterbölt.  Scharrel  und  Ramslohe".  Letztere  beiden  Namen 
sind  die  der  Dörfer,  wo  dieser  Gebrauch  herrscht;  Menzel  aber  hielt  sie  für 
Benennungen  des  Ährenbüschels  und  las  überdies  Ra  ms  lohn  statt  Rams- 
lohe, so  daß  er  irrthümlicherweise  die  von  Simrock  •wiederholten  Folgerun- 
gen daran  knüiifte,  die  deßhalb  wegfallen  müssen.  —  S.  446  „Rattenfän- 
ger von  Hameln."  „It  is  singular  that  a  similar  story  should  exist  in 
Abyssinia.  It  is  related  by  Harrison  in  his  ,,Highlands  of  Aethiopia",  that  the 
Hadjiuji  Madjuji  are  daemon-pipers ,  who,  riding  on  a  goat ,  traverse  a  ham- 
let,  and  by  their  music,  irresistibly  draw  the  children  after  them  to  destruc- 
tion."  Baring  Gould  Myths  etc.:  2,  158,  vgl.  oben  Bd.  XIV,  S.  398  f.  Noch 
will  ich  auf  eine  nordgrönländische  Sage  hinweisen,  die  ich  in  den  Heidelb. 
Jahrb.  1869  S.  123  mitgetheilt  und  die  demselben  Sagenkreise  anzugehören 
scheint.  Einem  alten  Manne  wurde  der  Sechundfang  durch  das  Geschrei  von 
Kindern  zunichte  gemacht,  die  sich  in  einer  benachbarten  Bergkluft  mit  einer 
Anzahl  junger  Mädchen,  ihren  Wärterinnen,  befanden  und  dort  spielten.  Dar- 
über erbittert  rief  er  aus:  „Bergkluft,  schließe  dich!"  Dies  geschah  alsobald 
und  die  armen  Geschöpfe  waren  sämmtlich  in  den  Berg  eingeschlossen.  Die 
kleinen  Kinder  fiengen  an  zu  hungern  und  zu  weinen  und  die  Mädchen  such- 
ten sie  zu  trösten.  Endlich  nach  langer  Zeit  kamen  wirklich  die  Mütter  und 
brachten  Wasser,  das  sie  durch  eine  Spalte  hinuntergössen.  Da  jene  das  Was- 
ser sahen,  drängten  sie  sich  herbei  und  leckten  es  auf  und  die  Mütter  konn- 
ten dies  sehen,  ihnen  aber  nicht  weiter  helfen.  Endlich  kamen  jene  alle  vor 
Hunger  um.  —  S.  448  „Daß  die  Seele  auch  als  Licht  erscheint, 
sehen  wir  aus  den  Märchen  von  den  Probestücken  des  Meister- 
diebes BM.  21.  KM.  192."  Ebenso  in  Simrocks  Märchen  Nr.  54.  Die  Stelle 
im  Theatrum  de  Voneficis  (Frankfurt  am  Meyn  1586),  worauf  ich  in  meiner 
Besprechung  der  letzteren  in  Benfey's  Or.  und  Occ.  3,  376  hingewiesen,  lautet 
wie  folgt:  „Es  schreibt  auch  jetztgemeldter  Eras(mus)  es  sey  eben  der  Pfar- 
herr  gewesen,  der  auflF  den  H.  Pfingsttag  lebendig  Krebs  auff  dem  kirchhoff 
habe  kriechen  lassen  mit  angeheflPten  brennenden  wachßkertzlein.  Da  dieselben 
bei  den  gräbern  umbher  krochen^  war  es  nachts  erschrecklich,  vnd  dorfft  nie- 
mand nahe  hinzugehen.  Darvon  w^ard  ein  groß  geschrey.  Wie  jederman  vbel 
erschrocken  war,  stund  der  Pfarrherr  an  die  Cantzel,  vnnd  sagt,  es  weren  See- 
len der  abgestorbnen,  die  begerten  dz  man  sie  auß  der  großen  noth  durch 
Messen  vnd  almusen  wölte  erlösen.  Diser  betrug  ist  bald  hernach  also  offen- 
bar worden:  man  hat  ein  krebs  zwen  in  den  steinen  vnd  scherben  gefunden, 
die  der  Pfarherr  nit  wider  hat  auffgelesen,  an  denen  die  wachskertzlin  noch 
gewesen  sind."  Diese  Stelle  stammt  aus  den  Briefen  des  Erasmus  1.  XXII 
p.  854,  woraus  sie  Ludovicus  Lavaterus  „Von  Gespenstern,  Ungehewren  usw. 
Theil  I.  Cap.  8  in  dem  genannten  Theatrum  S.  129  mittheilt.  —  S.  452  f. 
„Hexenproben  durch  Werfen  ins  Wasser."  Dieselbe  fand  bis  vor 
Kurzem  zu  Malwah  in  Hindostan  ganz  ebenso  statt.  Gervas.  188  Anm.  61. 
Auch  Steph.  Byz.  s.  v.  &ißa  erzählt  von  einer  zauberischen  und  Schaden  stif- 
tenden Völkerschaft  im  Pontus,  deren  Athem  den  Nahestehenden  tödtlich  sei 
und  deren  Körper,  ins  Wasser  geworfen,  nicht  untertauche  (^xal  ta  GayLaxa 
avTCOv  Qtcpivxa  eig  %^äkaG6av  ov  xaradvovöt).  Hier  müssen  lebende  Per- 
sonen  gemeint  sein,   denn  todte  Körper  schwimmen     stets     auf    der  Oberfläche 


222  LITTERATUK. 

des  Wassers,  was  also  nichts  besonders  wäre.   —  S.  454    „Helgi  aber,  der 
zum  dritten  Male  wiedergeboren  war,  hieb  einst  im  Kampfe  u.  s.w." 
Helgi  war  zwar  als  Haddingjaskati   zum    dritten  Male  geboren,    aber  nur  zum 
zweiten  Male  wiedergeboren.    —   S.  458    „Hexen  reiten  auf  Besen."  „The 
witch's     broom,    or  besom,    appears  to  be  not    less  ancient  than   her  eauldron, 
for  it  is  known    in  the  folk-lore  of  the  Hindus     as     well     as     in    that  of    the 
west."    „The  Asiatic  as  well  as  the  European  witches  practise  their    spells  by 
dancing  at  midnight,   and  the  principal  instrument  they  use  on  such   occasions 
is  a  broom."    Asiatic  An.  Regist,    1801.   Miscell.  Tracts    p.   31."    Kelly  Curio- 
sities  of  Indo  European  Tradition   etc.  Lond.    1863   p.   225.   —  S.    458  „Nach 
Myth.    992     heißt    hugsa     dalekarlisch  Hexe.     Wäre    an  hugjan    den- 
ken zu   denken?"     Auf  isl.  heißt  hugsa  denken,     was  noch  näher  liegt.  — 
S.   459    „Elsterncultus,  welchen   Gr.    Myth.    640  nachweist",  nämlich 
Spuren  desselben  in  Poitou.    Der  edle  span.  Frauenname  Urraca  dürfte  also 
doch  wohl  von  der  Elster  (urraca)   entliehen  sein,    wenn    diese  mythische   An- 
tecedentien  hat,    woran  Diez  (WB.  H  s.  v.)    nicht  dachte.  —  S.  460     „Daß 
die  Todten  geritten  kommen,   sehen    wir    aus  Modgudrs  Worten 
zu  Hermodr."    Daß   ehedem  die  Todten  auch  auf  Pferden  reitend  nach   dem 
Grabe  geführt  wurden,  zeigt  Rochholz  Aarg.   Sag.   2,   22  f.   — S.   478  „Über 
die  berüchtigte  Semmelgeschichte  Liebr.   Germ.  X,   109."    Die  be- 
treifende    Stelle    steht    bei    Jean  d'Outremeuse  vol.  HI  (nicht  H).   —   S.  479 
„Die     Kuh     Sibilja,     vor     deren     Gebrüll     sich  Niemand    erhalten 
konnte;   daherpflegte  sie  der  König  Eystein  mit  in  diu  Schlacht 
zu  führen."  Ihr  entspricht  (auch   im  Namen)   die  göttliche  Kuh  Sabala,  die 
durch  ihr  Brüllen   dem  Vasischta    hundert     Könige     schafft,     welche     das  Heer 
Visvamitra's   vernichten.  Jul.   Braun  Naturgesch.   der  Sage   2,   431.    Hieher  ge- 
hört auch  wohl  das  von  Herbelot  s.  v.   Aschmuil   (l,  424  der    deutsch.  Übers.) 
Angeführte,  wo  es  nämlich  heißt:   „Was     aber     die  Schechinah,     die  über  der 
Bundeslade  war  und  von   welcher  diese  ihren  Namen    hatte,    anlangt,     so  ver- 
sichern die  muselmännischen  Schriftsteller,   daß   es  das    Bild    eines  Thieres  ge- 
wesen, das   einem  Leopard  ähnlich  gesehen,   der,   so  oft    als  man  die  Bundeslade 
gegen  die  Feinde  des  Volkes  Gottes  aufbrechen  lassen,   sich  auf  die  Beine  er- 
hob  und   ein  solches  schreckliches   Geschrei  erhob,   daß  es  sie  ganz  außer  sich 
brachte  und  zu  Boden  schlug."  Man    vergleiche  auch    noch     was    Holmboe  in 
seiner  Abhandlung  Om  Civaisme  i  Europa  S.   38  ff.   (Vid.-Selskabets  For- 
handlinger  for   1866.   S.   217   ff.   Christiania)  über  die    sich    sowohl    in   Indien, 
wie  im  alten  Norden  findende  göttliche    Verehrung    der  Kühe    mitgetheilt  hat; 
ferner  die   eiserne  Kuh    bei  Mannhardt  Germ.  Mythen   51.  —  S.  484    „Hat- 
ten die  Alten  so  genaue  Vorstellungen  über  dieLage  des  Embryo?" 
Warum    nicht?     Sie    erhielten    dieselben    freilich    nicht    auf    dem    anatomischen 
Theater;  aber  in  jenen  wilden  Zeiten,  wo  man  die  Kriege    mit    so    unmensch- 
licher Grausamkeit  führte,  mochte  es  nicht  selten  geschehen,    daß    schwangere 
Frauen  getödtet  und  ihnen  der  Leib  aufgeschnitten  wurde,  was  sogar  noch  in 
neueren    und    neuesten    Zeiten    selbst    unter    Christen    vorgekommen    sein    soll 
(vgl.  Liliencron',  Volkslieder  Nr.   157,    Str.   9).    Ich    füge    nun    noch    zu    den 
Germ.    10,    108    angeführten  Beispielen    einige    andere,    aus    denen    wiederum 
erhellt,   daß  man  unter  den   verschiedensten   Völkern    den    Leibern  der    Gestor- 
benen im   Grabe  die  nämliche  Stellung  zu  geben  pflegte,    die    sie  vor  der  Ge- 


LITTERATUE.  223 

burt  im  Schöße  der  Mutter  eingenommen  hatten.  „Die  Sitte,  die  Todten  in 
ziisammengekaiierter  Stellung,  die  Knie  nahe  am  Kinn  und  die  Hände  auf 
der  Brust  gekreuzt  zu  begraben,  reichte  bis  zu  den  Gruoytecas-Inseln  [ganz 
nahe  bei  der  Insel  Chiloe] ,  wie  die  natürlichen  Mumien  des  Museums  zu 
Santiago  beweisen."  Augsb.  AUg.  Zeit.  1867  S.  2387.  Im  Museum  zu  Lima 
befinden  sich  vier  oder  fünf  Mumien  von  Inkas  „assises  dans  une  position 
accroupie  et  la  tete  penchee."  Eevue  Moderne.  Paris  1865  vol.  34  p.  54. 
,,Nach  Laurentius  Lydus  de  mensibus  IV,  26,  p.  183,  vgl.  IV,  21,  p.  177 
ed.  Eöther  kehrt  der  Todte  zu  nochmaliger  Geburt  in  den  Mutterschoß  der 
Natur  zurück.  Alles  was  die  erste  Entstehung  des  Menschen  auszeichnet,  wie- 
derholt sich  nun.  Die  Empfängniss,  die  Schwangerschaft,  das  Wiegenalter  kehrt 
zurück.  Die  Gräber  Unteritaliens  liefern  für  jede  dieser  Entwickelungsstufen 
entscheidende  Denkmäler.  Wir  finden  naturgetreue    Nachbildungen    des    uterus 

gravidus Die  keltische  Sitte,  dem  Leichnam  im  Grabe  die  Haltung  und  Lage 

des  Kindes  im  Mutterleibe  zu  geben,  ist  öfter,  neuerlich  selbst  in  der  Provinz 
Constantine  beobachtet  worden  (Revue  archeol.  1862  p.  524).  Sie  kann  nur 
als  eine  Äußerung  des  Glaubens  an  Wiedergeburt  aufgefaßt  werden.  Etrurien 
schließt  sich  an.  Mehrere  der  Gräber  von  Marzabotto  (am  Eingange  der  Apennin - 
thäler,  zwei  Stunden  westlich  von  Bologna) ....  wiederholen  .  .  .  die  Form  des 
Uterus  plenus,  wie  diese  sich  in  den  angeführten  Terracotten  darstellt."  Bach- 
ofen, die  Unsterblichkeitslehre  der  orphischen  Theologie  u.  s.  w.  Basel  1867 
S.  37".  38*.  Vgl.  auch  noch  folgende  von  demselben  in  seiner  Gräbersymbolik 
Basel  1859  S.  91  angeführte  Stelle  aus  Cic.  de  legg.  2,  22:  „Redditur  enim 
terrae  corpus,  et  ita  locatum  ac  situm  quasi  operimento  matris  obducitur." 
Zu  wie  falschen  Ansichten  die  Unkenntniss  dieser,  wie  wir  gesehen,  so  alten 
und  weitverbreiteten  Sitte  Anlaß  geben  kann,  erhellt  z.  B.  aus  folgender  Nach- 
i'icht  des  Journal  de  Liege  vom  29.  Mai  1861:  „On  nous  dcrit  de  Hasselt  le 
28:  En  creusant  de  nouvelles  caves  sous  la  Soci^te  Litteraire  on  a  trouvd  un 
squelette  humain  parfaitement  conservä,  quoique,  selon  toutes  les  apparences, 
il  y  ait  sejourne  depuis  deux  ä  trois  siecles.  Ce  squelette  parait  etre  celui 
d'un  jeune  homme  de  25  ä  30  ans.  La  position,  dans  laquelle  on  l'a  trouvd, 
a  fait  d'abord  supposer  un  crime  mysterieux.  II  etait  assis,  le  dos  vout^, 
la  tete  fortement  courbee  vers  les  genoux,  les  jambes  repliees  sur  elles  memes, 
et  la  terre  conservait  parfaitement  les  traces  des  os  du  bassin.  Hier  on  a  de- 
couvert  six  autres  squelettes.  Cette  nouvelle  decouverte  semble  prouver  que 
c'est  dans  cet  endroit  qu'on  enterrait  les  suicides  et  les  heretiques."  Nicht  von 
einem  christlichen  Begräbnissorte  für  Selbstmörder  und  Ketzer,  die  man  nie  in 
dieser  Stellung  begraben,  sondern  von  einem  alten  keltischen  handelt  es  sich 
also  hier,  und  der  Grund  der  in  Rede  stehenden  sich  so  vielfach  wiederholen- 
den Begräbnissweise  dürfte  ohne  Zweifel  der  oben  angegebene  sein.  —  S.  485 
„Kinder  bei  Neubauten  in  Grundwälle  eingemauert."  Zu  meinem 
von  Simrock  angeführten  Aufsatz  im  Philol.  23,  679  füge  noch  den  Nachtrag 
ebend.  26,  727  ff.  Daß  die  dort  erwähnten  Thieropfer  auch  noch  jetzt  vor- 
kommen, zeigt  ferner  Wuttke  Deutscher  Aberglaube  §.  439  (2.  Ausg.);  Rochholz 
Aarg.  Sag.  2,  19;  dessen  Glaube  und  Brauch  2,  144.  Aus  Guldalen  in  Nor- 
wegen berichtet  die  Zeitschrift  Folkevennen  Kristiania  1859  VIII,  472: 
„Kommer  Sygdom  i  Faareflokken,  og  Gründen  antages  at  vaere  den ,  at  de 
Underjordiske  ere  fornaermede,  slagtes  et    Faar    paa    den  Maade,  at  Hovedet 


224  LITTERATUR. 

afliugges  med  en  Oxe  —  da  standser  Sygdommen."     —    S.     492     „Seiden- 
fäden, heilige  Schnüre,   eiserne  Ketten  um  Kirchen."   An   der    von 
S.   erwähnten  Stelle  Philol.    19,   582   habe  ich    die    Hegung  durch  Fäden  und 
Schnüre  besprochen    (füge     hinzu  GGA.    1865   S.   464);     die  um  die  Kirchen 
gelegten   Ketten  hingegen  in   den  Heidelb.   Jahrb.    1868   S.    652.     Offenbar  war 
der  ursprüngliche  Sinn  dieser  Umhegung  eine  Schenkung  des    eingeschlossenen 
Gebäudes  oder  Gebietes  an  die  betreffende  Gottheit,     deren    Bildsäule  die  En- 
den des  Bandes  in   die  Hand  gegeben  wurden ;    irre  ich  nicht,    so  finden  sich 
auch  schon  im  Alterthum    Beispiele     davon.     Noch  führe  ich  folgende  Strophe 
eines    altdänischen  Volksliedes   an:    „Min  kiaere  Herre,  lade  wi  det  gaat  —  i 
lade    vore  Land    met  Jernlencker    beslaa!  —  daa  kommer  der    ingen  vd  eller 
ind  —  vden  Told ,     Mand    eller    Quind."    Svend    Grundtvig  Danmarks  Gamle 
Folkeviser  Nr.    139   B.   Str.   5    (HI,    281).    —    S.    493     „Über     Baumwoh- 
nungen   und  Baumgeburten  Liebrecht  Heidelb.     Jahrb.    1866,   367 
und  Philol.    19,   582."   Letzterer  gehört  nur  hierher  wegen   der    dort  S.  583 
mifgetheilten     mongolischen  Sage     (wo    zu  lesen   1.  serie  V,    273    und    weiter 
unten     grossesse     st.     guassesse))     zu  ersteren   (S.   867,     nicht    367)  füge  hinzu 
ebendas.    18G8   S.   93   f.   GGA.    1868   S.    114  f.  —  S.   503   „Die  Sudkunst 
(seidr)  scheint  ihren    Zauber    unmittelbar     aus     dem     Opferkessel 
zu  schöpfen.    A.    M.     ist  Maurer   136."     Auch    F.  G.     Bergmann  in  der 
sehr  lesenswerthen  Abhandlung  „Influence  exercäe  par  les  Slaves  sur  les  Scan- 
dinaves  dans  l'Antiquite.   Colmar  1867,  worin  er  namentlich  den  Ursprung  und 
die  Bedeutung  der  Worte    skald,  völva  und  seidr    bespricht,    ist    anderer    Mei- 
nung und  bemerkt  unter  Anderem  p.    13:    „Le    Seidr  n'etait  pas  lui-meme    un 
chant  magique  ou  une  incantation,  puisqu'il  est  dit,     dans     les     traditions, 
que  les  femmes  qui     pratiquaient  le   Seidr     (Seidkonar),     accompagnaient  cette 
Operation     magique     d'une     incantation.     Le  Seidr    n'etait  pas     non     plus     une 
cuisson    magique    ou  une    Operation    pratiquee    moyennant  le  feu,    comme 
pourraient  le  faire  croire  les  mots  de  sioda   (cuir,  bouillir;  all.  siden)   et  de 
seydir    (feu    pour    cuire),    qui  ressemblent  ä  seda  (pratiquer  le  seidr)   et  k 
seidr.  Le  nom  de  Seidberendr  (Porteur  de   Seidr),  par  lequel  on  d^signait 
les  sorciers   et  les  devins,  indique  que  le  seidr  etait  quelque    chose  de     por- 
tal if.     Or,     comme     on    ne    porte     pas     le  feu     ni  la  cuisson,  l'expression  de 
Seidberendr    prouve     egalement,     que    le  seidr  n'a    pas    etd    une  Operation 
magique  dans  laquelle  on  se  serait  servi  du  feu  ou  de  la  cuisson."  Bergmann 
erklärt  seidr  also  namentlich   durch  Vergleichung     mit     slavischen  Wörtern  für 
einen  Zauberstrick,  eine  Zauber  schlinge,    deren  man  sich  bediente,  um 
Personen    oder  Dinge    auf    zauberische   Weise    zu    binden    oder    zu  schwächen. 
Hierbei  hätte  er  auf  jene  Stricke,  Fesseln,   Hafte  hinweisen  können,   die  in  dem 
ersten  Merseburger  Zauberspruch    den  Hauptgegenstand    bilden,    wobei  zu  be- 
merken,  daß  es  auch  hier  Weiber  sind,   die  den  Strickzauber    üben,  wie  sonst 
gewöhnlich  den  seidr.  Dann  erwähne  ich  auch  noch  das  Nestelknüpfen,  welches 
gleichfalls  ein  mit  einer  Schnur  oder    einem  Band    geübter  Zauber  ist.    Berg- 
mann selbst  zieht  indeß  eine  zweite  Erklärung   des  seidr  vor,     wonach  er  wie- 
derum auf    slavische  Ausdrücke  sich  stützend,  denselben  für    einen    Siebzau- 
b  e  r  hält,   indem  mau  durch   das  Zaubersieb  gute    oder    böse  Wirkungen    her- 
vorrief.  Auch  hier  hätte  Bergmann  auf  den   sonst  noch  vielfach  geübten  Sieb- 
zauber   hinweisen    können;     s.     Sirarock  im    Reg.     8.   v.   Sieb,  Siebdrehen.  — 


LITTERATUK.  225 

S.   503    „Atzmann".  In  Betreff   dieses  unter    mannigfachen  Völkern   geübten 
Zaubers  s.   Tylor,    Über  die    Urgeschichte     der     Menschheit.     Deutsche     Übers. 
S.    151  f.  Ein  weiteres  Beispiel  aus  Indien  wird  augeführt  in  Henderson's   No- 
tes etc.  p.    198,  wonach     ein     Mann     aus     der  Gegend     von  Pakunari     in  der 
Nähe  der  Thür  seines  Hauses   ein  Holzbild  vergraben    fand,    welches    an    ver- 
schiedenen  Stellen  mit  Nägeln   durchbohrt  war,   damit  er  selbst    an    den    näm- 
lichen Theilen  seines  Körpers   heimgesucht  würde.  —  Ebend.  „Man   glaubte, 
die  Hexen  könnten  den  Leuten  das  Herz  aus    dem  Leibe    essen." 
Vgl.   Schwartz,    Die  poet.  Naturanschauungen  u.  s.  w.    1,    19  und  die  von  mir 
in  der  Anzeige    dieses  Buches   (Heid.   Jahrb.    1864,     S.   826)    aus  Pietro  della 
Valle's  Reisen    angeführte  Stelle,    die  sich    gleichfalls  auf  orientalischen  Volks- 
glauben   bezieht.    S.   auch    die  Abhandlung  von   Rochholz     „Das   Märchen  vom 
gegessenen  Herzen"   in  der  Zeitschr.  f.  deutsche  Philol.   1,  181  — 198.  —  S.  509 
„Siebdrehen",     Unter     den     Arabern     besteht  ein  ähnlicher  Aberglaube.   Zu 
dem  Sprichwort:    „Super    hoc    circumversus    est    urceus"     bemerkt    Freytag  2, 
115  Nr.    103   Folgendes:    „Proverbii    hujus  originem  haue  fuisse    narrant.   Ha- 
riolus  ut  in  domo  furti  auctorem  cognoscat,    inter    duos    indices    posito    urceo, 
fascinationibus,  quae  flando  fiimt,   et  incantationibus    utitur.    Tum,  si  furem  se 
inveuisse  putat,   urceus  circumvertitur   (dum    hariolus     ista     verba     dicit)   et  ad 
personam    furti  ipsi    suspectam    pervenit.    Proverbium    significat,    personam  rei 
notitiam  habere  vel  ad  eam  rem  spectare."   —   S.   510     „Unmittelbar    sel- 
ber schienen     die     Götter     den  Weg     zu     weisen,  wo     ihre   an  den 
Hochsitzpfeilern      ausgeschnitzten     Bilder      ans      Ufer      trieben, 
M.    1094."   Es   wird  vielleicht  nicht  unwillkommen  sein,  wenn    ich  aus  meinem 
Aufsatz     „Nord    und     Süd"     (Philol.    26,    729   f.)  folgende  hierher  gehörige 
Stelle  wiedei'hole.   „Mir  scheint,  daß    auch  Griechenland     in  ältester  Zeit  diese 
Sitte  kannte     und  Colonieuführer   Götterbilder     zu     gleichem     Zwecke    aus  den 
Schiffen     warfen;     denn    nur  so  gewinnt    die  Diomedes    betreffende   Sage,     die 
Tzetzes    zu  Lycophr.     615.     625   ff.     anführt,   einen     rechten  Sinn.  Er  erzählt 
nämlich,   daß     dieser     nach     Italien     ausgewanderte  Heros    wegen  seines   Sieges 
über  den  Kolchischen  Drachen  in    Daunien     aus  Steinen     der     ilischen  Mauer, 
die  er  als  Ballast  mitgebracht,  sich  selbst  Bildsäulen  errichtete,  welche  jedoch 
von  dem  König  Daunos,   nachdem  er  den  Diomedes  getödtet,  mit  diesem  selbst 
in  das  Meer  geworfen  wurden ;   aber  sie  tauchten     iminer     wieder     empor    und 
nahmen  ihre  alten  Plätze  wieder  ein ;     so   berichtete  der    Sicilier  Timaeos  und 
Lykos.   Diese  Angabe  nun,     daß     Diomedes     sich     selbst     Bildsäulen     errichtet, 
klingt  ziemlich  ungereimt,   erklärt  sich  aber  in  Verbindung  mit  der    folgenden 
von  dem  Wiederauftauchen  derselben    aus     dem  Meere     sehr  wohl,     wenn  man 
annimmt,    daß   der  ursprünglichen,    später    aber  aus  Unkenntniss  verunstalteten 
Sage  nach  ein  griechischer  Colonienführer,    der    wahrscheinlich    seines    Namens 
wegen  den   Gott  Diomedes  als     seinen    besonderen     Schutzgott     verehrte     und 
daher  Bildsäulen   desselben   (natürlich  hölzerne)  bei  sich  im  Schiffe  hatte,  diese 
in  der  Nähe  der  italienischen  Küste  auswarf  und  durch  sie  nach  Daunien  ge- 
führt wurde,  wo  er  sie  in  seinem  neuen  Wohnsitze  ebenso  wieder    aufrichtete, 
wie  dies  ohne  Zweifel  auch  mit  den  Hochsitzsäulen  der  alten  Nordländer  nach 
ihrer  Landung  geschah.  Daß  ferner  diese  Götterbilder  des  Diomedes  nach  des- 
sen Tode  durch  einen  feindlichen  Häuptling  ins  Meer  geworfen  wurden,  gleich- 
wohl aber  wieder  ans  Land  schwammen,  kann  man  dabei  immerhin  annehmen, 


226  LITTERATUR. 

dadurch  gewänne  sogar  die  Angabe  von  der  mehrmaligen  Wiederholung  letz- 
terer Thatsache  ihre  Erklärung."  —  S.  511  „Von  der  Hydromantie 
macht  Göthe  Gebrauch  im  Großkophta,  nur  daß  eine  Glasku- 
gel die  Stelle  des  Wassers  vertritt."  Dies  gleicht  also  der  ELrystallo- 
mantie,  über  welche  3.  Düntzer  in  Scheible's  Kloster  5,  118,  der  auch  auf 
Göthe  verweist.  —  S.  513  „Heilende  Hände  .  .  .  legten  sich  noch 
spät  die  französischen  Könige  vielleicht  als  Siegfrieds  Erbe 
bei."  Anderer  Meinung  ist  Paulus  Cassel  Le  Roi  te  touche.  Berlin  1864; 
er  leitet  die  heilende  Kraft  der  Könige  von  Christus  her,  dessen  Stellvertreter 
auf  Erden  jene  seien.  „Die  Könige  üben  nicht  mehr  die  Ceremonie  aus,  in 
der  sie  Kranke  berühren.  Das  Vorbild  dessen,  dem  sie  es  uachgethan,  steht 
aber  noch  immer  vor  ihnen.  Sie  sind  Hirten,  sind  Könige,  sind  Arzte.  — 
Sie  haben  die  theuere  Kraft  zu  weiden,  zu  regieren,  zu  heilen  —  mit  Bei- 
spiel, Herz  und  Geist  und  lebendigem,  unerschütterlichem,  wahrhaftigem 
Glauben  an  den  der  spricht:  —  „Ich  der  Herr  bin  dein  Arzt."  —  Halleluja!" 
—  S.  514  „Wenn  man  die  Kranken  durch  ausgehöhlte  Erde,  hohle 
Steine  und  gespaltene  Bäume  kriechen  ließ,  wurde  durch  diese 
symbolische  Handlung  eine  verjüngende  Wiedergeburt  beab- 
sichtet.  Liebr.  Gerv.  170."  An  dieser  Stelle  habe  ich  unter  Anderem  auf 
einen  indischen  Religionsgebrauch  hingewiesen,  wonach  der  die  symbolische 
Wiedergeburt  Suchende  sich  in  eine  goldene  Kuh  einschliessen  und  dann 
durch  die  Geburtstheile  derselben  herausziehen  läßt.  Dieser  Umstand  gibt 
Aufklärung  über  folgende  Notiz,  welche  unlängst  die  Augsb.  Allg.  Zeitung 
1869  Nr.  255  S.  3941''  nach  der  Madras  Mail  brachte  und  worin  es  hieß: 
„Eine  andere  nicht  minder  theuere  Feierlichkeit  soll  nächstes  Jahr  stattfinden, 
genannt  Ernjagherpum,  wobei  Se.  Hoheit  fder  Maharadschah  von  Travancor) 
durch  eine  goldene  Kuh  gebt,  die  dann  ebenfalls  geistliches  Eigenthum  wird." 
Was  übrigens  die  Rolle  der  Kuh  bei  dieser  symbolischen  Handlung  betrifft, 
so  stellte  sie  ohne  Zweifel  ursprünglich  die  große  Erdmutter  dar,  aus  deren 
Schoß  wir  hervorgegangen,  in  welchen  wir  zurückkehren  und  aus  dem  wir, 
ob  wirklich  oder  symbolisch,  auch  wiedergeboren  werden  können;  deßhalb 
auch  ließ  der  egyptische  König  Mykerinos  seine  Tochter  in  einer  goldenen 
Kuh  begraben.  Herod.  2,  129,  wie  Osii-is  die  Isis  in  einer  hölzernen.  Steph. 
Byz.  s.  y.  BovÖtQig.  Diese  ganze  Anschauungsweise  erklärt  uns  übrigens  auch, 
warum  man,  wie  Simrock  a.  a.  0.  bald  darauf  anführt,  „Leichen  zwischen 
entzwei  getheilten  Wagen,  die  für  heilige  Geräthe  galten,  hindurchtragen, 
des  Falls  verdächtige  Mädchen  hindurchgehen  ließ."  In  ersterem  Falle  in  Be- 
zug auf  die  Leiche  wird  eine  einstige  Wiedergeburt  symbolisch  angedeutet. 
Jedoch  hierüber  sowohl  wie  hinsichtlich  der  der  Schwangerschaft  verdächtigen 
Mädchen  verweise  ich  auf  meine  Anzeige  von  Wuttke's  „Deutscher  Aber- 
glaube" in  den  Heid.  Jahrb.  1869  S.  812  zu  §.  695.  —  S.  516.  Daß  die 
Dichtung  von  der  Bildung  des  earknastein  (1.  iarhiasteinn)  aus  Kinderaugen 
dadurch  veranlaßt  wurde,  daß  der  Waise,  pupillus  an  Augapfel  erin- 
nerte (vgl.  Grimm  DM.  1167  f.),  glaube  ich  nicht.  Die  Vorstellung,  daß  die 
Sehe  des  menschlichen  Auges  ursprünglich  aus  einem  Edelstein  gebildet  sei, 
mag  wohl  eine  allgemeine  und  in  der  Wielandsage  nur  zufällig  auch  auf 
Kinderaugen  angewandt  sein.  Vgl.  WB.  1,  812  s.  v.  Augenstein,  und  so 
heißt  es  auch  im  neugriech.  Lieds  bei   Passow    Nr.  355:    Kql^u    tavs    vcc 


LITTERATUE.  227 

q)ccr]  1^  yrj  xct  (idrta  ra  t,acpvQia^  —  /7ot)  Ta%uv  ra  QrlyoTiovka  nstgacs  gra 
dax'f^v^.idicc.  „Schade  wäre  es,  wenn  die  Erde  die  saphierenen  Augen  ver- 
zehrte, welche  die  Königskinder  als  Steine  in  den  Ringen  tragen  könnten."  — 
S.  517  „Lyncurius".  Dieser  Stein  sollte  nicht  aus  den  Augen  des  Luchses, 
sondern  aus  dessen  Harn  entstanden  sein ,  worauf  schon  der  Name  hin- 
deutete, wie  man  glaubte,  s.  z.  B.  Plin.  8,  38  (57),  der  übrigens  wie  das 
ganze  Alterthum  das  Wort  als  Neutrum  gebraucht  (Lyncurium,  AvyxovQiOv); 
die  männliche  Form  ist  späteren  Ursprunges.  —  S.  521  „Umzug  mit  dem 
Bären."  Dieser  Bär  erweckt  die  Frage,  wie  wohl  dieses  Thier  zu  der  ihm  bei 
mancherlei  deutschen  Volksfesten  zugetheilten  Eolle  gekommen  sein  mag 
(vgl.  Kuhn  und  Schwartz  NS.  im  Reg.  s.  v.  Bär),  da  es  doch  sonst  im  ger- 
manischen Alterthum,  außer  in  der  Thierfabel,  fast  gar  nicht  auftritt.  Mir 
scheint  hier  deßhalb  eine  schon  vor  langer  Zeit  eingetretene  Verwechslung  zu 
Grunde  zu  liegen,  indem  Bär  auch  einen  Bachen  oder  Eber  bedeutet  (WB. 
1,  1124),  welcher  letztere  als  Fro's  Thier  bei  jenen  Festen  weit  mehr  an 
seiner  Stelle  wäre,  so  z.  B.  zu  Lätare  in  Halberstadt^  wo  St.  Stephan  auf 
Fro  zu  weisen  scheint  (Simrock  245);  zu  Weihnachten  (NS.  403),  wo  ja 
der  sonargöltr  (jetzt  in  Schweden  julgalt)  eine  so  große  Rolle  spielte,  wie 
auch  jetzt  noch  nach  geldrischem  Aberglauben  Derk  mit  dem  Beer  (Dietrich, 
d.  i.  wahrscheinlich  Fro ,  mit  dem  Beer)  in  der  Christnacht  seinen  Umzug 
hält;  ferner  bei  Hochzeiten  (NS.  433  Nr.  281),  wo  das  Thier  des  Gottes  der 
Fruchtbarkeit  und  des  Ehesegens  gleichfalls  besser  hingehörte  als  der  Bär; 
ebenso  tritt  zu  Pfingsten  ein  Bär  auf  (NS.  384),  dagegen  in  Dänemark  der 
gadebasse,  was  Grimm  DM.  736  durch  „Gassenbär"  erklärt  und  mit  diesem 
Bär  wiederum  Eber  gemeint  ist;  denn  das  dän.  basse  bedeutet  nur  letztern, 
obwohl  Grimm  wegen  des  altn.  bassi,  Bär  und  Eber,  es  für  erstem  genommen 
hat.  Deshalb  auch  wird  ferner  bei  dem  DM.  745  erwähnten  Wildifer  (Wilde- 
for)  nicht  die  Bärenhaut,  sondern  der  Name  das  Ursprüngliche  und  letztere 
nur  später  hinzugefügt  sein,  um  einen  vermummten  Tanzbären  zu  erhalten. 
Auch  Wilhelm  Grimm  nimmt  an,  Wildeber  werde  wohl,  wie  der  Name  schon 
anzeigt,  nicht  als  Bär,  sondern  als  gezähmter  Eber  umhergezogen  sein 
(Heldens.  30.  388.  Erste  Aufl.)  —  S.  552  „Man  darf  vermuthen,  daß 
Skakespeare,  dem  die  alte  Symbolik  so  lebendig  war,  eben  aus 
diesem  Grunde  die  Hochzeit  des  Theseus  mit  der  Hippolyta  auf 
Maitag  legte."  In  England  sind  jedoch  Hochzeiten  im  Mai  sehr  verpönt. 
„It  is  a  common  notion  amongst  ladies  that  May-marriages  are  unlucky." 
Choice  Notes  from  Notes  and  Queries  1,  190  f.,  wo  dieser  Aberglaube  auf 
den  römischen  (Mense  malas  Maio  nubere  vulgus  ait.  Ov.  Fast.  5,  490)  zu- 
rückgeführt und  erwähnt  wird,  daß  er  um  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts 
auch  in  Italien  noch  bestand,  wie  er  jetzt  noch  in  Frankreich  allgemein  unter 
dem  Volke  sich  findet,  so  daß  in  Berry  sogar  jede  unter  üblen  Anspielen  ge- 
schlossene Hochzeit  eine  Maihochzeit  (mariage  de  mai)  heißt.  Edel.  Du 
M^ril  Etudes  sur  quelques  points  d'Arch^ol.  Paris  1862  p.  121.  —  S.  558 
„Eine  große  Menge  Figuren  ist  bei  dem  schwäbischen  P fingst- 
ritt betheiligt."  Einen  gleichfalls  mit  zahlreichen  Figuren  versehenen 
alten  Pfingstzug  durch  die  Straßen  von  Huy  (an  der  Maas,  nicht  weit  von 
Lüttich)  schildert  Alberic.  Trium  Font,  ad  ann.  1224  (2,  513)  auf  folgende 
Weise:    „Universitas  Hoyensium  tam  senes  quam  juvenes  masculini  sexus    an- 


228  LITTERATUR. 

tiqnos  ludos,  vestibus  mulierum  induti,  barbis  rasis,  redncunt  ad 
memoriam:  habebant  enim  praecellentes  personas  secundum  diversitates  loco- 
rum,  Imperatorem  videlicet,  Regem,  Ducem,  Comitem  et  Abbatem.  Quidam 
eorum  erant  armati  loricis  et  galeis  fulgentibus,  gladiosque  nudos  portantes 
in  manibus  suis:  pellifices  habebant  pellicea  grisea  et  vulpina  deforis  pilos 
habentia,  et  omnes  alii,  prout  poterant,  ad  modum  mulierum  erant  ador- 
nati,  qui  quomodolibet  [quolibet;  Chapeav.  2,  241  nach  dem  Magnum  Cbron. 
Belgic]  die  festi  pentecostes,  nullo  domi  remauente,  ibant  processionaliter  bini 
et  bini  per  vicos  et  plateas  cantando  et  ad  diversa  loca  extra  oppidum  cho- 
reas  dicendo  [ducendo.  Chap.]"  Bemerkenswerth  sind  hier  besonders  die  als 
Frauen  verkleideten  Männer  und  man  denkt  dabei  an  den  von  Tacit.  Germ. 
43  erwähnten  Priester  in  weiblicher  Tracht;  vgl.  Kuhn,  Mark.  Sag.  S.  346, 
wonach  in  der  ehemaligen  Grafschaft  Ruppin  in  der  dem  Weihnachtsfest  zu- 
nächst voraufgehenden  Woche  auf  dem  Lande  ein  Umzug  gehalten  wird,  wo- 
bei mehrere  Bursche  sich  als  Weiber  verkleiden  und  „die  Feien"  heißen. 
Ebenso  ziehen  in  der  Woche  vor  Ostern  die  jungen  Bursche  in  Ost-Lancashire 
auf  dem  Lande  umher,  wobei  die  einen  Instrumente  spielen,  die  anderen  tan- 
zen und  sich  gelegentlich  auch  junge  Frauenzimmer  anschließen,  in  welchem 
Falle  sie  Männerkleidung,  die  Bui-schen  dagegen  Frauenkleidung  tragen.  Man 
erinnert  sich  bei  diesem  Kleidertausch  an  die  Feste,  welche  einst  in  Vorder- 
asien zu  Ehren  der  Aschera,  des  Baal-Melkart  usw.  auf  gleiche  Weise  ge- 
feiert wurden;  s.  Bachofen,  Die  Sage  von  Tanaquil  S.  52  f.  Anm.  19.  Chwol- 
son.  Die  Ssabier  und  der  Ssabismus  2,  470.  731  n.  95.  —  S.  571  „Liebrecht 
He  id.  Jahrb.  1868  Nr.  6."  Nicht  ich,  sondern  der  das.  S.  82  ron  mir  an- 
geführte Bastian  sieht  in  dem  dort  erwähnten  Gebrauch  der  Naturvölker  eine 
Spur  deutschen  Volksglaubens.  Diese  Gelegenheit  zur  Ausübung  des  suum 
cuique  will  ich  zu  der  Bemerkung  benützen,  daß  meine  von  Simrock  507 
berührte  Zurückführung  von  main  de  gloire  auf  mandragora,  wie  ich 
erst  später  wahrnahm,  sich  bereits  DM.    1155   findet. 

Hiermit  schließe  ich  die  Heihe  der  Einzelnheiten,  die  sich  mir  bei  Le- 
sung der  neuen  Auflage  von  S.'s  Myth.  geboten  und  komme  nun  auf  ein 
anderes  Capitel,  das  bei  fast  allen  in  Deutschland  gedruckten  Büchern  eine 
ebenso  große  wie  unangenehme  und  störende  Rolle  spielt;  ich  meine  das  der 
Druckfehler;  leider  ist  dies  hier  kein  sehr  kurzes,  was  um  so  mehr  zu  be- 
dauern, als  die  betreuenden  Irrthümer  meist  sich  auf  Citate  beziehen.  Da  nun 
dieselben  sich  oft  sogar  in  allen  dreien  oder  doch  den  zwei  letzten  Ausgaben 
wiederholen,  so  will  ich  die  wichtigsten,  so  v/eit  sie  mir  aufgefallen,  hier  ver- 
zeichnen und  hoffe  damit  einen  nicht  unwillkommenen  Dienst  zu  erweisen. 
Also  S.  30  Z.  7  lies  58;  —  93,  4  1.  90;  —  130,  12  v.  u.  1.  1868;  — 
cbend.  11  v.  u.  st.  Tripe  1.  Tere;  —  135,  8  st.  werthe  Fürsten  1.  bewährte 
Leute;  —  139,  11  1.  un verlorenen;  —  ebend.  13  1.  verlorenen;  —  171,  4 
V.  u.  I.  Wölsung;  —  178,  9  v.  u.  1.  jedes;  —  185,  3  v.  u.  1.  VII;  — 
199,  4  1.  481;  —  234,  3  statt  f.  M.  S.  lies  f.  M. ;  —  235,  10  1.  Lokh- 
man  und  Villano;  ebend.  11  1.  260;  —  240,  10  st.  Sohn  1.  Gatte;  — 
258,  19  1.  Lex;  —  260,  7  1.  v.  d.  Hagens  German.  1,  288;  —  275,  19  1.  GDS.; 

—  ebend.  29  1.  19;  —  277,  12  v.  u.  1.  heimskastr;  —  285,  18   1.  Nr.  92  S.  41; 

—  316,  2  1.  RA.  901;  —  356,  13  v.  u.  1.  56;  —  317,  7  v.  u.  st.  32  1.  31;  — 
320,  4  v.  u.  1.  56;  —  ebend.  letzte  Zeile  1.  Antwerpen  und  Manneken-Pis ;  — 


LTTTERATUR .  229 

324,  10  St.  MW.  1.  WM.;  —  325,  5  1.  Sta£fordshire ;  —  328,  3  2.  13  1.  von 
Freyja  auf  Frigg;  —  331,  6  statt  der  1.  den;  —  347,  3  v.  u.  1.  65;  —  352,  6 
V.  u.  1.  aux  neiges;  —  355,  17  v.  u.  1.  angulus;  —  362,  9  v.  u.  1.  173;  — 
370,  19  V.  u.  St.  645  1.  I,  6;  —  377,  7  st.  Wanzen  1.  Warzen;  —  3  79,  4  v.  u.  1. 
Twelfth;  —  382,  16  v.  u.  st.  Jnk  1.  Ink;  —  401,  7  1.  177;  —  418,  10  v.  u.  st. 
sie  1.  die  draci;  —  ebend.  9  v.  u.  1.  988;  —  ebend.  8  v.  u.  1.  ihren  schwachen 
Abkömmlingen;  —  430,  3  1.  welchen;  —  432,  3  1.  verlangen;  —  435,  6 
V.  u.  I.  479;  —  446,  18  1.  229;  —  457,  2  v.  u.  1.  kveldridur;  —  465,  5 
V.  u.  1.  das  anderemal  Skirnir  für  den  Freund;  —  501,  20  1.  S.  394;  — 
506,  13  1.  veum;  —  511,  17  v.  u.  1.  VI;  —  512,  14  v.  u.  1.  1115;  —  531,  8 
V.  u.  1.  So  erzählt  man  in  Eichsfeld;  —  541,  8  1.  twelve;  —  543,  19  1.  von 
ihm;  —  553,  23  1.  der  der  Hochzeit;  —  571,  20  1.  MS.  363;  —  583,  15 
].   478. 

Ich  will  hier  nur  noch  auf  einige  der  bereits  erwähnten  größeren  Zusätze 
zu  dieser  neuen  Auflage  zurückkommen ;  sie  befinden  sich  fast  alle  in  dem 
späteren  Theil;  so  z.  B.  der  ganz  neue  §.  130"  (S.  464  —  470),  worin  sämmt- 
liche  in  dem  ganzen  Werke  an  verschiedenen  Stellen  dargelegte  Berührungen 
der  Götter-  und  Heldensage  übersichtlich  zusammengestellt  sind;  der  §.  145 
hat  auf  S.  541  —  547  eine  anziehende  Erweiterung  erhalten,  worin  die  Nach- 
wirkung und  die  Spuren  der  Vorliebe  der  alten  Deutschen  für  den  „grünen 
Wald"  auch  in  heute  noch  vorhandenen  Sitten  und  Gebräuchen  nachgewiesen 
werden;  auf  S.  551  —  554  findet  sich  das  Hauptsächlichste  wiedergegeben  aus 
der  Abhandlung,  welche  S.  seiner  Übertragung  von  Shakesi'Care's  Midsummer- 
night's  Dream  (Hildburgh.  1868)  beigefügt  und  worin  er  sich  darüber 
rechtfertigt,  daß  er  jene  Benennung  durch  „Walpurgisnachtstraum"  wieder- 
gegeben u.  s.  w.  Von  kürzeren  Zusätzen  hebe  ich  nur  den  auf  S.  260  hervor, 
woraus  erhellt,  daß  S.  die  so  schöne  Darlegung  Uhlands  (Schriften  VII,  567 
bis  588)  in  Betreff  des  Entstehens  der  Sage  vom  Herzog  Ernst  für  nicht 
zutreffend  erachtet  und  statt  einer  historischen  Grundlage  derselben  eine  mythische 
annimmt,  die  nähere  Ausführung  dieser  Ansicht  aber  sich  vorbehält.  Anderes 
übergehe  ich  und  will  nur  noch  mit  vorzüglichem  Lobe  das  Register  erwähnen, 
welches  in  dieser  Auflage  mit  ganz  besonderer  Sorgfalt  gearbeitet  ist  und  zur 
bequemen  Benutzung  der  „Mythologie",  die  sich  eine  so  hervorragende  und 
wohlverdiente  Stelle  auf  dem  Gebiete,  dem  sie  angehört,  erworben,  nicht  wenig 
beitragen,  so  wie  dieselbe  immer  weiteren  Kreisen  zur  Belehrung  nahe  brin- 
gen wird. 

LÜTTICH.  F.  LIEBRECHT. 


Kumpelt,    Dr.  H.  B. ,    das    natürliche  System    der  Sprachlaute    und  sein  Ver- 
hältniss  zu  den  wichtigsten  Cultursprachen    mit    besonderer  Rücksicht    auf 
deutsche  Grammatik  und  Orthographie.  Halle   1869.   8. 
Es  ist  eine   verdienstliche  Aufgabe,    die  hier  auf  eine  sehr  ansprechende 
Weise    gelöst    wird.    Physiologie    und   Linguistik    sind    hier    zum    erstenmale    in 
geordneter  Systematik    mit    einander    verbunden    und    die  Resultate  ihrer  natur- 
gemäß getrennten  Arbeit  als  ein  Ganzes  in  übersichtlicher  und  klarer  Darstellung 
vorgelegt.    Die    populäre   Haltung    eines    solchen  Buches    rechtfertigt    sich    von 


230  LITTERATUR. 

selbst;  sie  ist  in  diesem  besondern  Falle,  wo  sie  auf  gründlicher  Sachkenntniss 
nach  beiden  Seiten  hin  beruht,  um  so  berechtigter,  als  es  sich  um  die  Ver- 
breitung großer  wissenschaftlicher  Thatsachen  von  allgemeiner  Gültigkeit  und 
nicht  bloß  um  die  isolierte  Berücksichtigung  einer  einzelnen  Sprache  oder  Sprach- 
erscheinung handelt,  obwohl  selbstverständlich,  wie  auch  der  Titel  anzeigt,  die 
Erscheinungen  unserer  deutschen  Sprache  den  Ausgang  und  das  Ziel  der  Unter- 
suchungen bilden. 

Je  mehr  aber  dieses  Buch  nicht  bloß  dazu  bestimmt  ist,  eine  bisher 
schmerzlich  empfundene  Lücke  auszufüllen,  sondern  durch  Form  und  Inhalt 
sich  ohne  Zweifel  in  einem  ausgedehnten  Leserkreise  wohlverdiente  Anerkennung 
und  Autorität  erwerben  wird,  um  so  mehr  scheint  es  gerathen  auf  einige  Punkte 
hinzuweisen,  wo  nach  unserem  Bedünken  die  Ansichten  des  Verfassers  oder 
seiner  Gewährsmänner  einiger  Beschränkung  oder  Erweiterung  bedürfen.  Wir 
glauben  damit  der  Sache,  die  er  mit  so  vielem  Talente  und  Eifer  vertritt,  am 
besten  förderlich  zu  sein ,  wenn  wir  gewisse  Einseitigkeiten ,  wie  sie  sich  auf 
so  natürliche  Weise  bei  den  Vertretern  eines  relativ  neuen  wissenschaftlichen 
Principes  geltend  zu  machen  pflegen,  in  dem  Flusse  einer  unbefangenen  und 
wahrhaft  objectiven  Kritik  aufzulösen  bestrebt  sind.  Denn  es  ist  keine  Frage, 
daß  unsere  Linguistik  im  Durchschnitt  noch  viel  zu  wenig  die  Ergebnisse  der 
naturwissenschaftlichen  oder  physiologischen  Betrachtung  der  Sprachlaute  sich 
zu  eigen  gemacht  hat,  aber  es  ist  ebenso  wenig  fraglich,  daß  ihr  der  Zutritt 
zu  diesem  Felde  nicht  gerade  durch  ein  Entgegenkommen  von  jener  Seite  er- 
leichtert worden  ist. 

Zuvörderst  constatieren  wir  diese  Thatsache,  von  der  wir  herzlich  wünschen 
und  auch  mit  Zuversicht  hoffen,  daß  sie  recht  bald  ein  überwundener  Stand- 
punkt heißen  möge.  Es  scheint  uns  nämlich,  als  wenn  der  Verfasser  dieses 
Buches  in  einer  gewissen  Verstimmung,  wie  sie  sich  ja  so  leicht  gegenüber  der 
vis  inertiae  des  Publicums  bei  einem  eifrigen  und  von  seinem  Stoffe  ganz  er- 
füllten Forscher  zu  erzeugen  pflegt,  doch  mit  etwas  zu  schwarzer,  oder  wenn 
man  lieber  will  grauer  Farbe  den  gegenwärtigen  Zustand  der  Liiutlehre,  ins- 
besondere auf  dem  Specialgebiete  der  deutschen  Grammatik  gemalt  hätte.  Es 
ist  wahr,  Jacob  Grimm  ist  niemals  auf  die  physiologische  Seite  des  Lautwesens 
consequent  eingegangen,  weil  ihm  dazu,  wie  es  seheint,  ebensowohl  die  Neigung 
wie  die  Vorkenntnisse  gebrachen.  Doch  hat  er  wenigstens  überall,  wie  ja  auch 
Hr.  R.  oft  genug  erwähnt,  auch  dem  lebendigen  Klange  nachzuspüren  getrachtet, 
so  gut  er  es  nach  seinen  empirischen  und  sporadischen  Hülfsmitteln  vermochte. 
Daß  er  sich  dabei  mitunter  geirrt,  daß  er  namentlich  die  urkundlich  fixierte 
Gestalt  des  Buchstabens  als  das  Maßgebende  betrachtet  und  von  dieser  aus 
seine  Folgerungen  auf  das  Wesen  des  dadurch  dargestellten  Lautes  nicht  immer 
das  richtige  treffen  konnte,  ist  ein  offenbares  Geheimniss,  wenn  es  auch  noch 
nicht  oft  mit  so  rückhaltloser  Schärfe,  wie  es  hier  geschieht,  dargelegt  worden 
ist.  Daß  sich  manche  unter  seinen  Schülern  und  Nachfolgern  —  und  wer, 
der  wissenschaftlichen  Sprachstudien  ergeben  ist,  wird  es  sich  nicht  zur  Ehre 
anrechnen,  zu  den  einen  oder  den  andern,  oder  in  gewissem  Sinne  zu  beiden 
zu  gehören  —  mit  den  physiologischen  Irrthümern  des  Meisters  zufrieden  gaben 
oder  neue  damit  verbanden,  ist  unläugbar.  Doch  ist  damit  weder  der  Fortsetzung 
und  weiteren  Durchführung  des  großen  von  Jacob  Grimm  begonnenen  Werkes 
einer    wahrhaft    historischen  Betrachtung  der  Sprache  überhaupt  und  der  deut- 


LITTERÄ.TUR .  231 

sehen  insbesondere,  noch  dem  physiologischen  Erkenntniss  der  Lautvorgänge 
ein  wesentlicher  Eintrag  geschehen.  Datiert  die  letztere,  so  weit  sie  von  der 
Hand  der  eigentlichen  Sachverständigen  geschaffen  ist,  überhaupt  doch  erst  aus 
dem  letzten  Jahrzehent,  denn  was  vor  1856,  vor  Brücke's  Grundzügen,  auf 
diesem  Gebiete  geleistet  war,  muß  doch  bei  allem  Verdienste  im  Einzelnen  als 
unzureichend  gelten.  Der  Linguistik  ist  also  erst  seit  verhältnissmäßig  kurzer 
Zeit  Gelegenheit  gegeben,  die  physiologischen  Hülfsmittel,  die  sie  aus  sich  her- 
aus unmöglich  schaffen  konnte,  zu  benützen,  und  wenn  man  die  Kürze  der 
Zeit  ei-wägt,  kann  man  billigerweise  mit  dem  Erfolge  nur  zufrieden  sein.  Es 
bedarf  nur  der  Verweisung  auf  Rudolf  v.  Raumer,  der  das  Lautsystem  der 
deutschen  Sprache  in  seinen  sprachwissenschaftlichen  Abhandlungen  beinahe  von 
allen  Seiten  her  und  an  allen  Stellen  mit  seiner  ebenso  gründlichen  wie  licht- 
vollen Methode  gewissenhaftester  Prüfung  des  Thatbestandes  wie  kein  Anderer 
aufgestellt  hat.  Aus  ihnen  allein  ließe  sich  eine  systematische  Darstellung  des- 
selben herstellen,  die  wenig  Lücken  und  noch  weniger  erhebliche  Irrthümer 
zeigen  würde.  Hr.  R.  läßt  den  eminenten  Verdiensten  dieses  Forschers,  wie  sich 
von  selbst  versteht,  die  gebührende  Anerkennung  zu  Theil  werden,  aber  er  steht 
damit  nicht  allein.  Ein  Blick  auf  die  neuere  linguistische,  speciell  germanistische 
Litteratur  zeigt,  daß  alle  Mitstrebenden  die  Leistungen  eines  so  hervorragenden 
echten  Schülers  und  Nachfolgeis  von  Jacob  Grimm  wohl  zu  würdigen  und  zu 
vei-wenden  wissen.  Es  ist  damit  zugleich  die  Thatsache  auf  die  glänzendste 
Weise  festgestellt,  daß  die  streng  historische  und  die  exact  physiologische  Be- 
trachtung der  Sprache  von  einem  und  demselben  Forscher  mit  gleicher  Meister- 
schaft gehandhabt  werden  kann,  und  diese  Thatsache  genügt,  um  den  großen 
Fortschritt,  der  aus  dieser  Verknüpfung  für  die  Linguistik  hervorgeht,  gegen 
alle  antiquierten  Vorurtheile,  gegen  die  Bequemlichkeit  und  Trägheit,  aber  auch 
gegen  den  allzu  jähen  Eifer  einseitiger  Vorliebe  für  die  bloß  naturwissenschaft- 
liche Betrachtungsweise  der  Sprache  sicherzustellen.  Auch  dieser  ist  der  Sache 
nur  schädlich ,  und  gibt  sich ,  wie  ein  Blick  auf  so  manche  exclusiv  physio- 
logische Erklärungsversuche  der  Sprachprocesse  beweist,  welche  die  neueste 
Zeit  hervorgebracht  hat,  arge  Blößen.  Denn  eine  unbefangene,  von  allgemein 
wissenschaftlicher  Durchbildung  getragene  Erwägung  des  Sachverhalts  wird  bald 
erkennen,  daß  doch  immer  nur  ein  relativ  kleiner  Theil  des  ganzen  Sprach- 
lebens vor  der  Loupe  oder  unter  dem  Kehlkopfspiegel  der  Physiologen  sichtbar 
oder  gar  verständlich  wird. 

I.  Die  erste  Veranlassung,  nach  unserer  Absicht  Einiges  zur  Erläuterung 
und  Verständigung  zuzufügen,  gibt  uns  eine  Anmerkung  auf  p.  37:  „Den  Laut- 
werth  der  Vocale  nach  ihrer  etymologischen  Herkunft  bestimmen  zu  wollen, 
ist  ein  äußerst  mißliches  Unternehmen.  Insbesondere  ist  die  Behauptung  J.  Grimm's, 
das  deutsche  e  habe  einen  verschiedenen  Laut,  je  nachdem  es  aus  a  oder  aus  i 
stamme,  nur  mit  der  größten  Behutsamkeit  aufzunehmen  und  für  weite  Land- 
striche ganz  gewiß  falsch."  Zuvörderst  behauptet  J.  Grimm  den  Unterschied 
der  beiden  e  nur  „für  die  Hauptfalle"  D.  G.  1^,  220,  ohne  freilich  zu  be- 
stimmen, was  er  darunter  meint.  Eine  durchgreifende  Zusammenstellung  und 
Untersuchung  aller  e-Laute  der  gegenwärtigen  Sprache,  in  ihrem  Lautwerthe 
verglichen  mit  dem  der  früheren  Zeit,  kurzweg  des  Mhd.  ist  weder  von  ihm, 
noch  —  so  viel  wir  wissen  —  von  irgend  einem  Andern  versucht  worden.  Und 
doch  wäre  dieß  eine  unerläßliche  Vorarbeit;  ehe   sie  gemacht  ist,  wird  es  allen- 


232  LITTERATUK. 

falls  erlaubt  sein,    wie  es  hier  geschieht,    sich  mit  allgemeinen  Muthmaßungen 
in    der  Form    von  Behauptungen    zu    begnügen,    aber    der  Linguistik    erwächst 
daraus  kein  Gewinn.  Eine  solche  Untersuchung  wäre  sicherlich  unendlich  schwierig, 
aber  ihre  Ergebnisse  würden  die  Mühe  belohnen.    Sie  müßte  zuerst  eine  Statistik 
der  gegenwärtig  lebendigen  Aussprache  des  Schriftdeutschen  durch  ganz  Deutsch- 
land   geben    und  nachweisen,    wie  die  verschiedenen  hier  in  Frage  kommenden 
Buchstaben    und  Buchstabenverbindungen    e,   d',   ae,   ee,  eh,  äh    wirklich    lauten ; 
daran    würde    sich    eine    ebenso    sorgfältige   Statistik  der  Aussprache  im  eigent- 
lichen Volksmund  schließen,  und  beides  zusammen  wäre  dann  mit  der  gebildeten 
mhd.  Aussprache  und  mit  dem,    was  wir  von  den  eigentlichen  Volksmundarten 
jener  Periode    wissen,    zusammenzuhalten.    Die  mhd.   Schreibweise,    die  in  aus- 
gedehnter Weise  phonetisch  ist,   erleichtert  diese  an  sich  sehr  bedenkliche  Unter- 
suchung in  etwas,    ebenso    gibt    der  Reimgebrauch    der  feinhörigen  Dichter  des 
Mittelalters  bekanntlich   auch  für  die  meisten  Fälle  eine  sichere  Handhabe.  Aus 
beiden  Hülfsmittelu    läßt    sich    wenigstens    entnehmen,    in  welchen    Fällen    eine 
Identität  des   Lautes  stattgefunden  haben  muß ,    und  in  welchen  trotz  der  glei- 
chen Schreibung  e,  was  für  die  sog.  Brechung,   den  Umlaut  und   die  aus  früherem 
Diphthong  entstandene  Länge  in  gleicher  Weise  zur  Verwendung  kommt,   doch 
eine  erhebliche  Differenz  im  Lautwerth  angenommen   werden  darf.  Wie  freilich 
der    lebendige  Laut    des    Mhd.    selbst  in  dieser    seiner  Verschiedenartigkeit  ge- 
klungen habe,  läßt  sich  nur  vermuthen,  aber  nicht  beweisen.    Gewöhnlich  wird 
angenommen,   das  aus  dem  i  entstandene  e  sei  unserem  sog.  geschlossenen,  das 
aus  dem  a  entstandene  unserem   offenen  gleichzustellen;  e,  wie  wir  es  in  unseren 
kritischen  Ausgaben,   die  Handschriften  aber  bekanntlich  sehr  selten  bezeichnen, 
unterschiede  sich  im  Bereiche  der  Längen  dann  ebenso  von  ae.  Indessen  lassen 
sich  doch  auch,  worauf  wir  schon  bei   anderer  Gelegenheit  aufmerksam   machten, 
sehr    erhebliche    Gründe    für    die    entgegengesetzte    Auffassung    anführen.     Der 
Gegenstand  möchte  für  die  Bestimmung  des  heutigen  Lautwevthes  insofern  eine 
nicht    bloß    archäologische  Bedeutung    haben,    als  es  nicht  gleichgültig  ist,    zu 
wissen,    ob  die  heutige  Aussprache  erst  der  modernen   Zeit  angehört,    oder  im 
Wesentlichen    schon    vor    700  Jahren    vorhanden  war,    und  deßhalb  sei  er  der 
Forschung  angelegentlichst  empfohlen,   die  ihn  bisher  wenig  beachtet  hat.    Der 
gegenwärtige  Lautstand  des  e  aber  ist  im  Großen  und  Ganzen  eben  doch  kein 
anderer,   als  ihn  J.  Grimm  bezeichnete,  nur  daß  mit  seinen    „Hauptfällen"    wenig 
geholfen  ist.  Kurz  zusammengefaßt  liegt  die   Sache  so:  alle  deutschen  Dialecte 
ohne  Ausnahme ,    §o  weit    sie    wirklich    noch    die    ungestörte  Volkssprache  dar- 
stellen,   unterscheiden    zwei    e-Laute  —  abgesehen    von    den    vielen    möglichen 
und  wirklichen  Nuancen  —  die  im  Wesentlichen    sich    unter    die  Terminologie 
eines  offenen  und  eines  geschlossenen  bringen  lassen.  Daß  der  erstere  bis  nahe 
an  ein  wirkliches  a  herandringen  und  von  einem  weniger  scharfen  Gehör  geradezu 
für    ein    solches    genommen    werden    kann,    ändert  so  wenig    an  diesem  Haupt- 
und  Grundverhältniss,  wie  die  andere  Thatsache,  daß   das  geschlossene  e  mund- 
artlich   bis    nahe  an's  i  zu  streifen    und  mit  ihm  verwechselt  zu  werden  pflegt. 
Prüft  man  die  Vertheilung  dieser  beiden  Laute  nach  den  Postulaten  der  Sprach- 
geschichte,    so  ergibt    sich,    daß   der  erstere  dem  mhd.   e,    um  diese  allgemein 
geläufige  Bezeichnung  zu  gebrauchen,   der  andere  dem  e  entspricht.   Ausnahmen 
sind  zugegeben,    aber  sie  werden  sich  alle  unter  feste   Gesetze  bringen  lassen: 
entweder    hat    der  Einfluss    folgender  Consonanten    oder    eine    falsche  Analogie, 


LITTERATUR.  233 

die  nicht  bloß  die  „Gebildeten"  oder  Buehgelehrten,  sondern  auch  das  „naive 
Volk"  recht  oft  auf  Irrwege  leitet,  sich  eingedrängt.  Das  eine  ist  unzweifelhaft 
vor  der  Consonantenverb.  rd,  rt,  rz  geschehen,  wo  die  meisten  Mundarten  nur 
e.  dulden,  was  sogar  in  die  gemeinschriftdeutsche  Aussprache  übei'gegangen  ist, 
das  andere  scheint  nur  in  vereinzelten  Beispielen  und  am  meisten  in  solchen 
Mundarten  aufzutreten,  die  einer  vielfachen  Berührung  mit  undeutschen  Sprach- 
elementen ausgesetzt  waren.  Wenn  sich  Hr.  R.  gegen  J.  Grimm's  Axiom  auf 
seine  schlesische  Volksmundart  beruft,  die  regen  pluvia  nicht  von  regen  movere 
unterscheide,  so  geben  wir  die  Thatsache  zu,  d.  h.  Jedermann  wird  diese  Aus- 
sprache leicht  vernehmen  können,  aber  bei  einiger  Aufmerksamkeit  wird  er  in 
den  Grenzen  desselben  Dialectes  noch  einer  ganz  andern  begegnen,  die  beide 
Wörter  sehr  wohl  von  einander  trennt,  und  entweder  ragen  und  regen,  oder 
wohl  auch  ragen  und  riägen  mit  dem  so  beliebten  „halben"  Diphthonge,  oder 
auch  regen  und  riegen  zu  sprechen  versteht.  Der  Volksmund  hat  auch  überall 
sich  die  Fähigkeit  bewahrt,  die  Hr.  R.  an  einer  andern  Stelle  dem  heutigen 
deutschen  Organ  abspricht,  c  als  wirkliche  Kürze  zu  sprechen,  und  zwar  nicht 
bloß  vor  Consonantenhäufungen,  wie  in  ende,  held  oder  in  allen  den  Fällen, 
wo  die  nhd.  Orthographie  aus  etymologischen  Gründen  ä  schreibt,  um  den 
ursprünglichen  Vocal  des  Thema's  zu  bezeichnen,  also  z.  B.  in  loände,  hände, 
von  wand,  hand,  obwohl  —  setzen  wir  hinzu  —  der  Einfluss  der  Schule  oder 
der  höheren  Bildungssprache  dieses  nicht  bloß  historisch  berechtigte  e  mehr 
und  mehr  verdrängt.  Wo  sich  eine  deutsche  Mundart  überhaupt  die  Fähigkeit 
bewahrt  hat,  die  altberechtigten  kurzen  Vocale  vor  einfachem  Consouant  zu 
sprechen,  wie  es  noch  in  vielen  Landstx-ichen  des  Südwestens  gehört  wird, 
da  ist  auch  noch  immer  ein  wirkliches  reden,  legen,  heben,  nicht  ein  reden, 
legen  etc.  zu  vernehmen,  der  Quantität  und  möglicherweise  auch  der  Qualität 
nach  identisch  mit  dem  mhd.  Laute,  der  uns  freilich  vom  streng  historischen 
Standpunkt,   weil  Umlaut  des  a,   als  ein  e  zu  gelten  pflegt. 

Die  „gebildete"  Aussprache  hat  dieß  natürliche  Verhältniss  ohne  Zweifel 
sehr  oft  verrückt  —  wie  wäre  sie  sonst  gebildet,  wenn  sie  es  nicht  gethan 
hätte?  —  aber  ganz  zerstören  konnte  sie  es  doch  nicht.  Hr.  R.  möge  sich 
nur  hüten,  zufälligen  Spielarten  des  Lautes,  wie  er  sie  in  seiner  nächsten 
Umgebung  vernimmt,  irgend  eine  Allgemeingültigkeit  zuzuschreiben;  wenn  die 
(d.  h.  manche)  „Gebildeten"  regen  pluvia  und  regen  movere  nicht  von  ein- 
ander unterscheiden,  so  haben  wir  doch  schon  nachgewiesen,  daß  es  das  Volk 
noch  sehr  wohl  versteht,  und  anderwärts  verstehen  es  auch  solche,  die  nicht 
zu  dem  Volke  in  diesem  Sinne  zählen.  Es  ist  wahr,  die  Schule  und  falsche 
Analogie,  wie  sie  sich  so  begreiflich  aber  doch  so  störend  in  eine  wesentlich 
auf  reflectierter  Handhabung  beruhende  Schriftsprache  einzudrängen  pflegt, 
haben  z.  B.  dem  Umlaut  des  «,  weil  er  graphisch  mit  ä  bezeichnet  wird,  ganz 
gegen  die  sonst  instiuctiv  befolgte  Regel  den  Werth  eines  ofi'enen  e  gegeben, 
so  daß  e  in  Hände  ebenso  klingt  wie  in  geben,  und  die  Volkssprache  fügt  sich 
dieser  Verunstaltung  mehr  und  mehr.  Denn  eine  Verunstaltung  wird  es  nicht 
vom  pedantischen  Standpunkt  des  archäologischen  Linguisten,  sondern  von  dem 
wahrhaft  frei-  und  weitsichtigen  des  lebendigen  Kenners  der  Sprache  heißen 
müssen,  wenn  zwei  Laute,  die  dazu  bestimmt  sind,  unzählige  Wörter  und  Formen 
auseinanderzuhalten  und  die  ohnehin  so  bedenkliche  Monotonie  in  der  sinnlichen 
Erscheinung  der  Muttersprache  auf  das  energischste  zu  unterbrechen,  zusammen- 

GERMANIA.  Neue  Reihe  IV.  (XVI.)  Jahrg.  16 


234  LITTERATLTE. 

gewürfelt  werden.  Wo  ein  deutscher  Sprachunterricht  existiert,  erscheint  es  uns 
als  eine  seiner  wesentlichsten  Aufgaben ,  klar  in  das  Sachverhältniss  zu  sehen 
und  nicht  zu  weiterer  Verunstaltung  der  Muttersprache,  also  zu  dem  Gegentheil 
dessen,    wozu  er  bestimmt  ist,  beizutragen. 

Wir  haben  bisher  nur  das  Verhältniss  der  jetzigen  e-Laute  zu  den  mhd. 
Kürzen  besprochen.  Die  andere  Seite,  das  Verhältniss  zu  den  mhd.  Ijängen 
e  und  ae,  bietet  größere  Schwierigkeiten,  weßhalb  wir  es  hier  auf  sich  beruhen 
lassen.  Nur  das  Ergebniss  sei  kurz  ausgesprochen;  auch  hier  ist  die  berechtigte 
Doppelnatur  des  e  bis  heute  von  allen  Mundarten  gewahrt,  und  nur  hie  und 
da  in  der  gebildeten  Sprache  verstört  aber  nicht  zerstört. 

II.   Die  Bezeichnung    der  vocalischen  Länge    im  Neuhochd.  ist  begreiflich 
auch  hier  ein  Gregenstand  der  Erörterung.   Alle  Systematiker  sind  darüber  einver- 
standen, daß  die  jetzige  Inconsequenz  nicht  länger  haltbar  sei.    Die  Mittel  der 
Abhülfe    werden    bekanntlich    sehr    verschieden  gewählt.    Die   eigentliche  Praxis 
geht  inzwischen  langsam,   aber  consequent  auf  ein  bestimmtes  Ziel  los,   nämlich 
alle    besondere  Bezeichnung    der  Quantität  ganz  aufzugeben.    Die  Doppelvocal- 
zeichen  sind  auf  diese  Art  schon  fast  beseitigt  und  sehr  viele  k  mit  ihnen.  Da 
es  so  steht,   wird  man  sich  auch  mit  der  Einführung  neuer  Längezeichen  nicht 
einverstanden  ei-klären,    gleichviel  ob  man  sie  als   Circumflexe,    oder  wagrechte 
Striche,     oder    auch    als    das    bekanntlich    als    Dehnungszeichen    gewissermaßen 
historisch  berechtigte  h,  consequent  angewandt,  einführen  will.   Die  Circumflexe 
scheinen   von    technischer  Seite   her   am   wenigsten  zu  empfehlen,    weil  sie  den 
Druck  und  die  Schrift  am  meisten  erschweren  würden,    ähnliches  gilt  von  den 
Längestrichen,    am   bequemsten   wäre   noch   das  h,    wenn  man  sich  erst  daran 
gewöhnt  hätte,  so  viele   „überflüssige"    Buchstaben  mehr  zu  setzen.    Am  besten 
ist  es  also  von  Seite  der  Systematiker,  gar  nicht  gegen   die  doch  unaufhaltsam 
sich  vollziehende  Thatsache  zu  remonstrieren ,  sondern  sich  ihr  zu  fügen.    Das 
ßedürfniss  nach  möglichster  Kürze  der  doch  immer  nur  symbolischen,  also  nur 
bis  zu  einer  gewissen  Grenze  ausreichenden  Widergabe  des  Lautes,  die  Analogie 
aller   anderen    europäischen   Schriftsysteme,    von    denen  kein   einziges  eine  con- 
sequente  Bezeichnung  der  Längen  durchgeführt  hat,   die  meisten  aber  gar  nicht 
einmal    den  Versuch    dazu  machen,    streitet  für  sie.    Darum  möge  man  überall 
da,  wo  es  auf  wissenschaftliche  Betrachtung   der  Sprache  abgesehen  ist,    auch 
für    unsere    mhd.  Vocale    Längezeichen    —    gleichviel    welche    —  gebrauchen, 
über  die  man  sich  leicht  verständigen  wird,   die  eigentlich  lebendige  Verwendung 
der  Sprache  in  Schrift  und  Druck  kann  ihrer  entrathen,  wie  sie  deutlich  zeigt. 
Sie  kann  es  um  so  mehr,  weil  sie  mit  richtigem  Instincte,   wie  es  scheint,  her- 
ausfühlt, daß  sie  gerade  in  den  Fällen,  wo  etwa  ein  Fremder  über  die  deutsche 
Quantität    schwanken    könnte,    wo  es    also    hauptsächlich    darauf   ankäme,    dem 
Irrthum    vorzubeugen,    selbst   nichts  allgemein  gültiges  bieten  könnte.    Man  er- 
wäge die  einsilbigen  Wurzelwörter  mit  einfachem   consonantischem  Schlüsse,  wie 
Bad,   Tag,  Lob  etc.     Zwei  Drittel,    ja  drei  Viertel    aller    gebildeten  Deutschen 
sprechen    sie    —  historisch    erklärbar    durch    den  Einfluss    des    centraldeulschen 
Lautwerthes    auf  die  allgemein  deutsche  Aussprache  seit  dem   16.  Jahrb.    oder, 
sagen    wir   frischweg,    seit  Luther  —   als    vollkommene  Längen:    die   Quantität 
des    a    in    Bad,     Tag    ist    die    nämliche    wie    die    in    loahr,     Rafh,     das    o    in 
Lob    dasselbe    wie   in    los,    und    nur   in    einigen    Strichen    des   Nordostens    hört 
man     noch     die    historisch     begründete    Kürze,     aber    freilich    selten    die    reine 


LITTEEATUR.  235 

der  mhd.  Periode,  meist  die  geschärfte,  wie  sie  überall  im  Nhd.  iii  hoch- 
tonigen  Silben  durchgedrungen  ist,  so  weit  sie  nicht  eine  Verlängerung  des 
Stammvocals  erfahren  haben.  Insofern  ist  die  Identificierung  dieser  Spielart 
der  nhd.  Aussprache  mit  der  mhd.,  die  auch  Hi-.  R.  wie  mancher  andere 
deutsche  Grammatiker  vollzieht,  doch  nur  sehr  bedingt  zuzugeben.  Selbst  in 
der  Aussprache  der  Grebildeten  seiner  Heimat,  der  er  hier  wie  anderwärts 
eine  ihr  keineswegs  zustehende  Allgemeingültigkeit  für  ganz  Deutschland  bei- 
legt, lautet  Tag  nicht  mit  der  einfachen  Tenuis  k  aus,  wofür  mhd.  gewöhnlich 
c  geschrieben  wird,  sondern  mit  der  aspirierten  Tenuis,  wofür  man  k  oder 
kh  schreiben  dürfte.  Auch  klingt  dieser  Schlusslaut  in  den  meisten  Fällen 
nicht  als  ein  einfacher  Consonant,  sondern  als  Doppelconsonant,  um  einst- 
weilen diese  herkömmliche  aber  wissenschaftlich  unzureichende  Bezeichnung 
zu  gebrauchen,  deren  Werth  zu  prüfen  sich  bald  Gelegenheit  geben  wird. 
Man    müßte    consequ enter    Weise,    wollte    man    der    Aussprache    völlig    gerecht 

c 

werden,  takk  oder  takkli  schreiben,  was  freilich  seltsam  aussehen  würde. 
Übrigens  betonen  wir  ausdrücklich,  daß  diese  Aussprache  auch  in  den  be- 
zeichneten Landschaften,  wobei  wir  vorzugsweise  die  scblesische  Heimat  des 
Hrn.  R.  im  Auge  haben,  keineswegs  aus  jedem  Munde  vernommen  wird,  man 
hört    ebenso    oft,    namentlich    im    eigentlichen  Volke,    auch    den    einfachen   Aus- 

c 

laut,  also  tak  oder  takh,  ja  mitunter  auch  noch  die  reine  Tenuis,  so  weit 
diese  übei'haupt  von  einem  deutschen  Munde  hervorgebracht  werden  kann, 
dieselbe,  die  wir  auch  häufig,  aber  wahrscheinlich  nicht  überall  in  der  Aus- 
sprache der  entsprechenden  mhd.  Form  voraussetzen  dürfen.  Daneben  aber 
fehlt  auch  die  im  übrigen  Deutschland  gültige  Aussprache  nicht,  des  g  als 
einer  Aspirate,  und  zwar  findet  sie  sich  nicht  bloß  bei  Eingewanderten, 
welche  die  heimische  Gewohnheit  festhalten,  sondern  auch  strichweise  im 
eigentlichen  Volke,  wo  nicht  an  fremde  Einfliüsse  gedacht  werden  kann,  und 
damit  das  Maß  voll  werde,  kann  man  auch  noch  die  reine  Media  im  Aus- 
laut hören,  also  ein  wirkliches  ^,  nicht  ein  k  oder  kh,  aber  auch  nicht 
ein  g  oder  gh,  wie  weitaus  in  den  meisten  andern  deutschen  Landschaften. 
Die  Quantität  des  vorhergehenden  Vocals  ist  selbst  wieder  eben  so  viel 
Modificationen  unterworfen,  so  daß  also  tak  und  täk,  tak  und  tat,  tag  und 
tag  oder  g  neben  und  durcheinander  oft  in  demselben  Munde  gelten,  nur 
ein  t&kk  ist  selbstverständlich  unmöglich,  denn  die  Verdoppelung  dis  Con- 
sonanten  ist  hier  nichts  weiter  als  das  Hülfsmittel  zur  Erhaltung  der  Kürze 
des    bochbetonten    Stammvocals. 

In  der  Aussprache  tak  berührt  sich  diese  Mundart  —  rein  zufällig  — 
mit  manchen  des  Südwestens,  die  im  Auslaut  die  alte  mhd.  Tenuis  noch 
bewahrt    haben. 

HL  Wir  haben  im  Vorigen  das  schwierige  Gebiet  der  Doppelcousonanteu 
schon  gestreift,  und  wollen  es  jetzt  noch  einmal  und  zwar  mit  festerem 
Tritte  beschreiten.  Hr.  R.  hat  durch  klare  und  gründliche  Darstellung  des 
Sachverhaltes  vom  physiologischen  Standpunkt  aus  sich  das  Verdienst  er- 
worben, unsere  gewöhnliche  grammatische  Doctrin  von  allerlei  Irrthümern 
und  Confusionen  zu  befreien,  in  die  sie  hauptsächlich  durch  die  Schuld  der 
Schriftbezeichnung     verstrickt     war.     Seine    Darstellung    zeigt,     daß     auch     die 

16* 


236  LITTERATUE, 

sog.  Tenuis  oder  nach  physiologischer  Bezeichnung  der  harte  Verschlusslaut, 
also  Pi  t,  k,  nach  den  verschiedenen  Graden  der  Emphase,  mit  der  er  ge- 
sprochen wird,  eine  verschiedene  Zeitdauer  in  der  Aussprache  gewinnen  kann. 
Insofern  ist  es  gerechtfertigt,  auch  auf  die  Consonanten  das  Quantitätsver- 
hältniss,  welches  man  sonst  nur  auf  die  Vocale  beschränkt,  zu  übertragen 
und  von  eonsou.  Kürzen  und  Längen  zu  sprechen.  Die  Kürze  entspräche 
dem,  was  man  gewöhnlich  einfachen  Consonant  nennt  und  als  solchen  schreibt, 
die  Länge  der  Doppelconsonanz ,  obwohl  zugegeben  werden  muß ,  daß  ein 
solcher  „langer"  Consonant  niemals  die  quantitative  Ausdehnung  erhalten 
kann,  welche  jeder  lange  Vocal  unter  Umständen  erhält.  Denn  daß  die 
vocalische  Länge  sich  zu  der  Kürze  immer  wie  2  :  1  verhalte,  ist  eine 
nunmehr  völlig  antiquierte  Vorstellung.  Sie  mag  für  die  mechanische  Be- 
trachtung der  Metrik  von  Nutzen  sein,  für  welche  sie  auch  ursprünglich 
aufgebracht  wurde:  für  die  lebendige  Sprache  gilt  sie  nicht.  Hier  kann  das 
Verhältniss  von  Länge  und  Kürze  unter  Umständen  wie  3:1,  4:1  etc. 
sein.  Dagegen  dürfte  es  aus  physiologischen  Gründen  nicht  gut  möglich 
sein,  irgend  einem  Consonant  —  nicht  bloß  einer  Tenuis,  wo  es  natur- 
gemäß am  wenigsten  angeht  —  eine  solche  übermäßige  Lautausdehnung  im 
Verhältniss    zu    andern    zu    geben. 

Der  Ausdruck  „consonantische  Länge"  beseitigt  alle  die  unzureichen- 
den Vorstellungen,  die  sich  an  die  hergebrachte  Terminologie  Doppelconsonant 
heften.  Denn  ein  Doppelconsonant  wäre  etwas  ganz  anderes,  als  was  nach 
dieser  Vorstellung  damit  gemeint  sein  soll.  Ein  Doppelconsonant,  z.  B.  pp, 
würde  hervorgebracht  werden,  wenn  Lippe  und  Zunge  zweimal  hintereinander 
diejenigen  Stellungen  einnehmen,  die  zur  Hervorbringung  des  einfachen  p 
nöthig  sind.  Aber  da,  wo  wir  pp  schreiben  und  sprechen,  geschieht  dieß 
nicht,  sondern  es  wird  der  Vorgang  nur  einmal,  aber  allerdings  mit  einer 
gewissen  Emphase  vollzogen.  Dieß  bezeichnet  die  Schrift,  nach  derselben 
Analogie  wie  sie  noch  jetzt  öfters  ein  langes  a  mit  aa  schreibt,  z.  B.  Aal, 
mit    zwei    Lautzeichen. 

Für  die  gegenwärtige  deutsche  Aussprache  der  Gebildeten  und  aller 
Dialecte  gibt  es  sonach  —  und  hierin  stimmen  wir  Hrn.  R.  völlig  bei  und 
haben  es  auch  anderwärts  schon  geltend  gemacht  —  nur  conson.  Längen, 
oder  wie  wir  sie  dtn-t  bezeichnet  haben,  verstärkte  oder  verschärfte  Con- 
sonanten und  keine  Consonantenverdoppelungen.  Ob  die  frühere  Sprache  aber 
nicht  wirkliche  derartige  Doppelconsonanten  besessen,  d.  h.  gesprochen  habe  — 
denn  daß  sie  schon  seit  dem  Gothischen  geschrieben  wurden,  ist  allgemein 
bekannt  —  dieß  zu  bejahen  oder  zu  vei'neinen  ist  nicht  so  leicht.  Hr.  K. 
glaubt,  daß  das  gegenwärtige  Sachverhältniss  auch  maßgebend  für  die  Ver- 
gangenheit sei ,  daß  also  auch  die  mhd.  und  ahd.  pp,  tt,  ck  keine  wahren 
Doppelconsonanten  gewesen  seien.  Doch  ist  aus  der  heutigen  Aussprache 
kein  unbedingter  Schluss  auf  die  der  Vergangenheit  zu  machen.  Wenn  dem 
heutigen  deutschen  Organ  die  Erzeugung  wirklicher  Doppelconsonanten  schwer 
oder  unmöglich  fällt,  warum  kann  es  nicht  einstmals,  wo  es,  wie  viele  Spuren 
andeuten,  gelenkiger  und  behender  war,  diese  Fähigkeit  besessen  haben? 
Doch  wir  wollen  uns  hier  auf  keine  sprachgeschichtlichen  Untersuchungen 
einlassen ,  deren  Langathmigkeit  sich  mit  unserer  heutigen  Aufgabe  nicht 
verträgt.    Nur   eine  Bemerkung   sei    noch    gestattet:    unter    den    heutigen    euro- 


LITTERATUK.  237 

päischen  Spiachen  hat  wenigstens  eine,  die  italienische,  noch  wirkliche  Doppel- 
consouanten.  Das  ital.  nn,  tt,  pp  etc.  lautet  in  manchen  Mundarten,  wie  es 
uns  ganz  lebendig  vorschwebt,  wie  zwei  selbständige  n  etc.,  die  mit  großer 
Volubilität   aber   vollkommen   vernehmbar    nacheinander    ertönen. 

Sobald  man  das  Wesen  der  geschriebenen  deutschen  Doppelconsonanten 
richtig  erfaßt,  wird  es  auch  keine  Schwierigkeit  haben,  ihre  heutige  Stel- 
lung im  Auslaut  zu  begreifen.  Hr.  R.  ist  der  Ansicht,  solche  Doppelungen 
seien  als  einfache ,  oder  nach  seiner  richtigeren  Terminologie  als  kurze 
Laute  zu  fassen,  und  die  graphische  Gemination  erscheint  ilim  nur  als  eine 
orthographische  Pedanterie,  wie  wir  deren  so  viel  besitzen,  als  ein  unberech- 
tigtes Festhalten  der  in  den  mehrsilbigen  Formen  wirklich  vorhandenen  Länge, 
wofür  Doppelconsouanz  geschrieben  wird.  In  Äll^  kann  etc.  glaubt  er  also, 
sollte  eigentlich,  wie  im  Mhd.  und  im  heutigen  Holländischen,  worauf  er 
sich  ausdrücklich  beruft,  nur  ein  einfaches  Z,  n  etc.  geschrieben  werden. 
Undenkbar  wäre  es  nicht,  daß  auch  hier  eine  Schulpedanterie  sich  ein- 
gemischt hätte;  haben  wir  doch  oben  auf  ein  anderes  noch  eclatanteres 
Beispiel  dieser  Art  hingewiesen,  wodurch  der  Lautstand  der  heutigen  Aus- 
sprache wesentlich  beeinträchtigt  worden  ist.  Aber  selbst  wenn  dem  so  wäre, 
so  muß  zugegeben  werden,  daß  jetzt  auch  im  Auslaut  genau  dieselbe  con- 
sonantische  Länge  gehört  wird  wie  im  Inlaut,  Wir  berufen  uns  auf  das 
Ohr  eines  jeden  Urtheilsfähigen,  ob  es  in  All  einen  schwächern  consonan- 
tischen  Laut  als  in  Alles  vernimmt.  Wer  nun  überhaupt  sich  bestrebt,  der 
deutschen  Schreibung  ihren  phonetischen  Charakter  zu  bewahren,  resp.  her- 
zustellen, muß  nothwendig  bei  der  Schreibung  all  etc.  verharren.  Daß  das 
mhd.    und    andere    Zweigsprachen    es   nicht    thun,    kann    ihm    gleichgültig    sein. 

Wie  es  sich  mit  dem  Holländischen  verhält,  wollen  wir  hier  bei  Seite 
lassen,  aber  für  das  Mhd.  wird  dieser  Wechsel  zwischen  In-  und  Auslaut 
ohne  Zweifel  auf  einer  feinen  Wahrnehmung  des  lebendigen  Lautes  be- 
ruhen, wie  ja  auch  die  Reime  beweisen.  AI  hat  damals  mit  einfachem  oder 
kurzem  l  ausgelautet,  ohne  daß  wir  daraus  allein  den  allerdings  sehr  nahen 
Schluss  zu  ziehen  wagten,  in  dem  mhd.  allen  sei  II  als  ein  wirklicher  Doppel- 
consonant,  in  dem  oben  entwickelten  Sinne,  und  nicht  bloß  als  eine  cons. 
Länge    gesprochen    worden. 

Wenn  Hr.  R.  p.  116  zur  Stütze  seiner  Theorie  sagt:  „Interessant  sind 
die  Ausnahmen  jener  (verkehrten)  grammatischen  Regel:  es  werden  nämlich 
im  Auslaut  trotz  vorhergehenden  kurzen  Vocals  nicht  geminirt  a)  alle  die- 
jenigen Consonanten,  welche  im  Deutschen  mit  zusammengesetzten  Zeichen 
geschrieben  werden,  ch ,  seh  etc.  5  b)  gewisse  kleine ,  oft  gebrauchte  Wört- 
chen, meistens  Partikeln,  nämlich  an,  in  etc.",  so  bedarf  diese  Verbindung 
ziemlich  heterogener  Erscheinungen  einer  erläuternden  Bemerkung.  Daß  die 
als  Doppelzeichen  in  der  Schrift  figurierenden  ch  im  Auslaut  nicht  geminiert 
werden,  ist  eine  bloß  graphische  Thatsache,  die  mit  ihrem  Lautwerth  eigent- 
lich nichts  zu  schaffen  hat.  Man  wollte  die  unbequeme  Consonantenhäufung, 
die  durch  ihre  verdoppelte  Schreibung  entstanden  wäre,  der  Schrift  nicht 
zumuthen,  und  glaubte  dieß  um  so  eher  thun  zu  können,  als  man  in  aller 
Naivetät  ein  geschriebenes  Doppelzeichen  auch  für  einen  wirklichen  Doppel- 
laut hielt.  Jetzt  wissen  wir  freilich,  daß  ch  ein  einfacher  Laut  ist,  auch 
seh    ist    nach    unserer    Überzeugung     ein    solcher,     aber    die    Art    der    Sprach- 


238  LITTERATUR, 

erforschung,  die  zu  diesem  Ergebniss  geführt  hat,  ist  ja  erst  eine  Schöpfung  der 
letzten  Jahre.  Keine  Frage,  dnß  der  Laut  des  cÄ,  seh  etc.  ebenso  wie  jedor 
andere  einfache  Consonant  „einer  Verlängerung"  zugänglich  ist,  also  con- 
sequenter  Weise  im  In-  und  Auslaut  doppelt  geschrieben  werden  müßte, 
aber  die  deutsche  Orthographie  wird  sich  höchst  wahrscheinlich,  so  lange 
sie  nicht  ganz  neue  Zeichen  für  die  alten  zusammengesetzten,  auf  den  Ur- 
sprung dieser  Laute  verweisenden  wählt  mit  der  bisherigen  Praxis  begnügen 
und  es  der  lebendigen  Aussprache  überlassen,  aiich  mit  „kurzem",  loch  mit 
„langem"    Consonanten    hervorzubringen. 

Was  aber  jene  andere  angebliche  Ausnahme  einer,  wie  Hr.  R.  sie 
nennt,  verkehrten  Regel  betrifft,  so  schreibt  das  Nhd.  mit  vollem  Rechte 
an,  in,  das,  was,  weil  es  wirklich  so  und  nicht  ann  etc.  spricht.  Der  Grund 
ist  nicht  schwer  zu  entdecken.  Es  ist  nicht  der,  welchen  J.  Grimm  gefunden 
zu  haben  glaubte  (Gr.  1^,  214),  der  häufige  Gebrauch,  sondern  die  natür- 
liche Tonlosigkeit  dieser  Wörtchen.  Ist  ja  doch ,  wie  wir  anderwärts  aus- 
geführt haben,  die  veränderte  Tonstärke  des  Nhd.  im  Gegensatz  zu  dem 
Mhd.  überhaupt  die  letzte  Ursache  ebensowohl  der  sog.  unorganischen  Ver- 
längerung der  betonten  Vocale  des  Nhd.  wie  der  sog.  unorgan.  Gemination 
der  Consonanten.  Und  von  diesem  Standpunkt  aus  dürfte  man  diese  Gemi- 
nationen vielleicht  zweckmäßiger  potenzierte  Consonanten  statt  des  auffallen- 
den „verlängerte"  nennen.  Daß  aber  manche  deutsche  Mundarten  und  in 
Folge  dessen  auch  die  mehr  oder  minder  mundartlich  gefärbte  oder  angehauchte 
x\ussprache  der  Gebildeten  hie  und  da  nicht  bloß  in  diesen  „kleinen  Wört- 
chen", sondern  auch  in  solchen,  welche  die  volle  natürliche  Tonhöhe  der 
eigentlichen  Begriffswörter  haben,  doch  noch  den  einfachen  Consonanten  im 
In-  und  Auslaut  zu  erhalten  vermochte,  ist  schon  oben  bemerkt.  Doch  ist 
die  Erscheinung  zu  particulär,  als  daß  sie  auf  die  Durchschnittsbetrachtung 
der    gegenwärtigen    Sprache    von    Einfluss    wäre. 

Kein  Zweifel,  daß  diese  sog.  unorgan.  Geminationen  des  Inlautes  ebenso 
wie  die  des  Auslautes  dem  Nhd.,  im  Gegensatz  zu  dem  Mhd.,  einen  schwer- 
fälligeren und  derberen  Charakter  verliehen  haben.  Ob  man  aber  den  Ver- 
lust an  geschmeidiger  Beweglichkeit  oder  den  Gewinn  an  Kraft  und  Energie 
des  Lautes  höher  anschlagen  will,  hängt  von  dem  Geschmacke  eines  Jeden 
ab.  J.  Grimm  hat  darin  bekanntlich  nur  „eine  Vergröberung  der  Aussprache 
und  des  Gefühls"  empfunden,  und  sein  Urtheil  ist  begreiflich  für  die  meisten 
maßgebend    geworden. 

IV.  Wir  haben  für  unsere  heutige  Sprache  die  Gemination  des  Auslautes 
als  einen  wesentlichen  Cbarakterzug  behauptet  und  nebenbei  damit  auch  für 
unsere  gewöhnliche  Orthographie  eine  Lanze  gebrochen,  ohne  es  zu  wollen, 
weil  sie  es  im  allgemeinen  wahrlich  nicht  verdient.  Wir  sehen  uns  zu  glei- 
cher Haltung  genöthigt  einer  anderen  Ansicht  Hrn.  R's.  gegenüber  p.  119: 
„Im  Deutschen  kommt  auslautende  Lenis  (Media)  phonetisch  nicht  vor ;  die 
Wörter,  wo  sie  graphisch  steht,  z.  B.  Lob,  Dieb,  Bad,  Bad,  Tag,  Weg,  wer- 
den von  Jedermann  gesprochen  Lop,  Dip  etc."  Nicht  einmal  von  Jedermann 
oder  was  wohl  darunter  verstanden  wiid,  jedem,  der  sich  einer  reflectiert 
„gebildeten"  Aussprache  befleißt,  in  der  Heimat  des  Hrn.  R.  oder  in  andern 
Landschaften  des  deutschen  Nordostens,  obwohl  man  hier,  zum  Theil  auf  der 
breiten    und    sicheren    Basis    der    Volksmundarten     diese    Aussprache    häufiger 


LITTERATUE.  239 

hört,  als  in  andern  Theilen  Deutschl.ands ,  auf  reichlich  drei  Viertel  des  gan- 
zen deutschen  Sprachgebietes,  wo  sie  als  Ziererei  oder  als  Provinzialismus  zu 
gelten  pflegt.  Deßhalb  wird  das  eigentliche  Sachverhältniss  so  zu  bestimmen 
sein,  daß  die  nhd.  Schreibweise  nach  dem  Grundsatze  a  potiori  in  ihrem 
Rechte,  d.  h.  wirklich  phonetisch  ist,  wie  umgekehrt  auch  die  mhd.  Ortho- 
graphie, wenn  sie  hier  fast  einstimmig  die  Tennis  gebrauchte,  wirklich  pho- 
netisch gewesen  sein  wird,  was  sie  ja  im  Durchschnitt  überall  ist.  Schon 
oben  hatte  sich  Veranlassung  geboten,  die  Natur  des  gegenwärtigen  deut- 
schen Auslautes  in  hochbetonten  Silben  zu  prüfen,  und  daran  anknüpfend, 
wollen  wir  noch  den  eigentlich  genetischen  oder  historischen  Beweis  dafür 
bringen,  daß  das  Nhd.  ihn  gar  nicht  anders  behandeln  kann,  als  es  fac- 
tisch  geschieht.  Es  wird  allgemein  zugestanden  werden,  daß  unser  gegen- 
wärtiges Lautsystem  eine  entschiedene  Neigung  hat,  vocalische  Längen  in 
hochbetonten  Silben  gleichsam  als  die  natürlichen  Begleiter  einer  folgenden 
Media  aufzufassen  und  umgekehrt  die  Kürze  und  die  Tenuis  als  wahlver- 
wandt zu  betrachten.  Wo  nun  Nhd.  in  den  oben  erwähnten  einsilbigen 
und  hochbetonten  Formen  eine  vocalische  Länge  im  Gegensatz  zu  der  im 
Mhd.  herrschenden  Kürze  durchgedrungen  ist,  wie  dieß  im  größten  Theile 
des  deutscheu  Sprachgebietes  auch  in  den  Volksmuudarten  geschah ,  wird 
auch  die  Media  gleichsam  instiiictiv  gefordert  sein.  So  wurde  aus  dem  Mhd. 
lop  ein  nhd.  lob,  ja  nicht  bloß  dieß,  sondern  auch  aus  rät  ein  räd,  ob- 
wohl hier  die  Tenuis  wui'zelächt  genannt  werden  muß.  Und  zwar  geschah 
dieß  nicht  bloß  im  Bereiche  der  Mundarten,  die,  wie  man  behauptet,  Tenuis 
und  Media  nicht  von  einander  scheiden,  sondern  überall,  mit  Ausnahme 
einiger  Landstriche  im  Südwesten  und  Nordosten,  die  neben  andern  Archais- 
men auch  diesen  erhielten  und  hierin,  wie  man  es  bezeichnen  darf,  noch 
auf  mhd.  Lautstufe  stehen.  Unsere  nhd.  Orthographie,  das  Product  der 
mannigfaltigsten  mundartliehen  Einflüsse,  durchkreuzt  von  verschiedenen  histo- 
rischen Remininiscenzen  und  gelehrten  Theoremen,  stellt  sonach  den  Sach- 
verhalt nur  halb  dar,  aber  wenigstens  zur  Hälfte  richtig,  doch  wäre  es 
kein  Gewinn  für  die  deutsche  Sprache,  wenn  wir  uns  hier  eine  rein  pho- 
netische Bezeichnung  aufdrängen  ließen,  die  überhaupt  einem  etwas  freier 
und  weiter  umschauenden  Blick  nicht  gerade  als  das  absolute  Ideal  für  eine 
Cultursprache  erscheinen  wird.  Lassen  wir  den  Volksmundarten  ihr  gutes,  im 
naiven  Instinct  des  gemein-deutschen  Organs  begründetes  Recht,  mhd.  rat 
und  7'ät,  oder  gar  baden  und  bäteii  im  Laut  zu  identificieren.  In  Mitteldeutsch- 
land haben  sie  es,  wie  es  scheint,  von  jeher  gethan,  und  die  angeblichen 
niederdeutschen  Einflüsse,  denen  man  diese  und  andere  Eigeuthümlichkeiten 
dieser  Dialectgruppe  neuerdings  so  bereitwillig  zuschiebt,  tragen  nach  unserer 
Ansicht  nicht  die  geringste  Schuld  daran.  Andere  oberdeutsche  Mundarten 
sind  demselben  natürlichen  Zuge  gefolgt,  gleichviel  ob  ihre  Media  mit  etwas 
geringerer  Verengung  der  Stimmritze  gesprochen  wird,  als  in  Mitteldeutsch- 
land. Aber  für  die  Sprache  der  Gebildeten,  die  nun  einmal  bis  zu  einer 
gewissen  Grenze  immer  ein  Product  der  Reflexion  ist  und  sein  muß,  kann 
der  von  der  Orthographie  festgehaltene  Unterschied  der  Tenuis  und  Media 
dereinst  noch  ein  sehr  werthvolles  Hülfsmittel  zur  innern  Bereicherung  oder 
vielmehr  zur  Wiederherstellung  des  früheren  Reichthums  der  Sprache  werden. 
Denn     man    mag    die     Sache    ansehen    wie    man    will,     es    bleibt    immer    ein 


240  LITTEEATUR. 

höchst  bedenklicher  Verlust,  wenn  eine  Unzahl  von  Sprachformen,  die  sich 
einst  im  Laute  scharf  von  einander  sonderten,  in  einen  Brei  zusammen- 
gerührt werden.  Das  pure  grobe  Bedürfniss,  sich  nothdürftig  verständlich  zu 
machen,  ist  doch  nicht  das  einzige,  worauf  es  beim  Sprechen  einer  Cultursprache 
ankommt,  und  selbst  dieß  wird  in  unserem  Falle  sehr  oft  nicht  befriedigt 
werden.  Wenn  daher  unser  praktischer  deutscher  Sprachunterricht,  dessen 
bildenden  und  verbildenden  Einflüssen  mehr  und  mehr  jedermann  in  Deutsch- 
land anheimfällt,  anch  nur  aus  bloßer  Pedanterie  scharf  darauf  vigiliert,  daß 
dem  ..weichen"  und  „harten"  t  ihr  Recht  angethan  werde,  so  wollen  wir 
uns  darüber  freuen.  In  diesem  Falle  vollzieht  er  wirklich  die  Heilung  einer 
hässlichen  Wunde  an  unserem  Sprachkörper  und  es  ist  gar  kein  Unglück  — 
auch  von  einem  viel  höheren  und  bedeutsameren  Standpunkt  aus  —  wenn  das 
deutsehe  gfibildete  Organ  jener  trägen  Bequemlichkeit  entsagen  lernt,  in 
welcher  die  zuchtlos  dahin  bummelnden  Volksmundarten  begreiflich  für  ihr 
Leben    gerne    verharren    und    sich    so    recht    gründlich    wohl   fühlen. 

Da  wir  es  einmal  mit  den  harten  und  weichen  Lauten  zu  thun  haben, 
wollen  wir  noch  einen  Blick  auf  Hrn.  R's.  Geschichte  des  Buchstaben  sz  im 
Hochdeutschen  werfen,  worin  das  phonetische  und  historische  Sachverhältniss 
klar  und  bündig,  und  sowohl  für  den  gelehrten  Linguisten,  wie  für  den 
gewöhnlichen  Leser  vollkommen  befriedigend  dargelegt  wird.  Selbstverständlich 
erweitert  sich  die  Betrachtung  dieses  einen  Lautes  und  seines  Buchstaben- 
zeichens zu  einer  Untersuchung  der  gesammten  s-Laute  der  deutscheu  Sprache, 
welche  dieselben  Vorzüge  wie  jene  kleine  Monographie  zeigt.  Mit  dem  Gange 
der  Untersuchung,  wie  mit  ihren  Ergebnissen  wird  man  sich  wohl  bei  einiger 
Unbefangenheit  des  wissenschaftlichen  Standpunktes  einverstanden  erklären 
müssen;  nur  zu  einigen  erläuternden  und  berichtigenden  Bemerkungen  glau- 
ben   wir    auch    hier    berechtigt    zu    sein. 

Die  doppelte  Natur  unseres  nhd.  s-Lautes  steht  außer  Frage.  Die 
gebildete  Aussprache  und  alle  Dialecte  unterscheiden  ein  hartes  und  weiches 
s,  wie  ja  alle  Spiranten  im  Nhd.  in  doppelter  Qualität  vorhanden  sind. 
Daß  einzelne  Dialecte  das  Gebiet  beider  eigenthümlich  begrenzen,  ändert 
an  dieser  Grundthatsache  nichts.  Die  gebildete  Aussprache  des  Nhd.  schwankt 
gleichfalls,  z.  B.  im  Anlaut,  wo  das  weiche  s  entschieden  im  Vordringen 
begriffen  ist,  aber  sich  doch  noch  nicht  allgemein  durchgesetzt  hat.  Ob 
es  aber  möglich  sein  wird,  diesen  doppelten  Laut  auch  durch  eine  Differenzierung 
der  Schriftzeichen  für  das  Auge  zu  unterscheiden,  wie  es  von  verschiedenen 
Seiten  und  auch  von  Hrn.  E.  mit  großem  Nachdruck  befürwortet  wird, 
steht  dahin.  Wir  besitzen  freilich  zwei  Zeichen,  aber  kein  Machtspruch 
der  Doctrin  wird  es  so  leicht  dahin  bringen,  ihre  bisherige  vom  Stand- 
punkt der  Lautlehre  so  ganz  willkürliche  Verwendung  zu  regeln.  Auch 
ist  keine  große  Gefahr  im  Verzuge:  mag  man  immerhin  das  sog.  Schluss-* 
ebensowohl  in  las  wie  in  was  schreiben  und  drucken,  Niemand  wird  dadurch 
irre  werden,  und  beide  als  denselben  Laut  aussprechen.  Und  hier  ist  es, 
wo  wir  einen  Irrthum  Hrn.  R's  berichtigen  müssen,  zu  welchem  er  vielleicht 
durch  seine  allgemeine  Ansicht  über  das  Wesen  des  nhd.  Auslautes  geführt 
worden  ist.  Der  allgemeinen  Erfahrung  zuwider  behauptet  er,  im  Auslaut 
stehe  nur  das  harte  s,  ganz  so  wie  er  auch  nur  die  Tenuis  der  Mutae 
hier    gelten    lassen   will.    Aber    die  Sache    verhält     sich    genau    so    wie    überall. 


LITTERATUE.  241 

Wo  im  Inlaut  ein  weiches  s  steht,  also  nach  vocal.  Längen,  steht  es  auch 
im  Auslaut:  lafen  und  las  zeigen  dieselbe  Sibilans,  ebenso,  was  Hr.  K.,  wie 
wir  schon  oben  sahen,  gleichfalls  läugnet,  ist  das  s  im  Auslaut  überall  da 
der  Gemination  —  in  dem  oben  entwickelten  Sinne  —  fähig,  wo  es  im 
Inlaut  eine  solche  zeigt,  also  Roßes  und  Boß.  Und  diese  Gemination 
scheint  nach  unserem  Lautgefühl  nur  das  harte  s  zu  treffen,  wie  ja  auch 
nach  der  gemein  hochdeutschen  Auffassung  nur  die  Tenues  der  Mutae  und 
nicht    die    Mediae    der    Gemination    fähig    sind. 

Wollte  man  im  Bereiche  der  s-Laute  eine  völlig  phonetische  Ortho- 
graphie durchführen,  so  würde  auch  das  hochdeutsche  anlautende  vor  s  andern 
Consonanten,  d.  h.  physiologisch  der  cacuminale  Zischlaut  Schwierigkeiten 
machen.  Wie  soll  man  springen,  stehen  etc.  phonetisch  schreiben?  Scheinbar 
sehr  einfach,  gerade  so  wie  schmieden,  schmeißen,  wo  seh  auch  erst  seit 
dem  15.  Jahrhundert  sich  allmählich  in  der  Schreibung  festgesetzt  hat.  Aber 
das  böse  ch  ist  ja  selbst  für  den  phonetischen  Orthographen  ganz  un- 
brauchbar, und  es  wäre  geradezu  verkehrt,  wollte  man  ihm  noch  größeren 
Spielraum  geben.  Deßhalb  wird  es  am  gerathensten  sein ,  auch  hier  alles 
beim  alten  zu  lassen ,  d.  h.  auf  den  trotz  aller  Schleuderei  und  allem 
wurzelächt  deutschen  bornierten  Eigensinne  partikularistischer  Querköpfigkeit 
doch  unaufhaltsam  sich  vollziehenden  Läuterungs-  und  Vereinigungsprocess 
mit  seiner  unwiderstehlichen  Schwerkraft  zu  vertrauen ,  der  langsam  aber 
sicher  auch  hier  vernünftige  Ordnung  und  Einheit  schaffen  wird.  Ein  vor- 
eiliges Dazwischenfahren  macht,  wir  erleben  es  in  unserm  lieben  Deutschland 
alle    Tage,    die    Confusion    nur    ärger. 

Da  wir  einmal  auf  orthographischem  Gebiete  uns  bewegen,  schließlich 
noch  eine  Bemerkung.  Hr.  R.  verwirft  mit  vollem  Rechte,  wie  jeder  vor- 
urtheilsfieie  Kenner  der  deutschen  Sprache  und  aller  hochd.  Mundarten, 
jeden  Lautunterschied  zwischen  dem  aus  urdeutschem  t  entstandenen  s,  sz 
oder  wie  man  es  nennen  will,  und  dem  altherkömmlichen  «:  nicht  ihm 
allein,  sondern  jedem  deutschen  Ohr  klingt  messe,  metior,  und  Messe,  missa, 
ganz  gleich,  und  wer  es  anders  behauptet,  faselt,  mit  Erlaubniss  zu  sagen. 
Will  man  eine  phonetische  Orthographie,  für  welche  gerade  hier  wegen  der 
fast  unerträglichen  Verwirrung  der  Praxis  die  triftigsten  Gründe  sprechen, 
so  müßte  man  auch  alle  sz  nach  demselben  Systeme  behandeln  wie  die 
andern  s,  also  z.  B.  helfen,  hiß  etc.  schreiben.  Aber  damit  ist  Hr.  R. 
nicht  einverstanden:  hiß,  haben  wir  gesehen,  will  er  überhaupt  nicht  gelten 
lassen,  weil  er  vermeint,  im  Auslaut  müsse  die  Gemination  weichen,  und 
für  das  s  in  heißen  behauptet  er  eine  andere  Geltung  als  für  das  s  in 
reifen,  proficisci.  Er  glaubt  hier  ein  hartes  s  zu  hören  und  widerspricht 
sich  selbst  damit  recht  gründlich,  denn  wenn  die  aus  altem  t  entstandenen 
s-Laute  in  Qualität  den  eigentlichen  s  ganz  gleich  sein  sollen  —  was  sie 
wirklich  sind  —  so  kann  auch  hier  nur  allein  das  weiche  s  —  nach  vocal. 
Länge  —  Platz  haben.  Für  das  Auge  allerdings,  und  das  wird  der  latente 
Beweggrund  für  diese  Inconsequenz  sein,  würden  damit  eine  Menge  bisher 
geschiedener  Formen  zusammenfallen,  aber  daran  pflegt  ein  stricter  Phone- 
tiker  ja    keinen    Anstoss    zu    nehmen.  H.  RÜCKERT. 


242  MISCELLEN. 


MISCELLEN. 


Adolf  Holtzmann. 
t  3.  JuH  1870. 

Wieder  liegt  eines  Fachgenossen  Leben  abgeschlossen  vor  uns,  der  in 
die  Entwickelung  der  germanistischen  Wissenschaft  während  der  letzten  Jahr- 
zehnte anregend,  fördernd,  zum  Theil  revolutionär  umgestaltend  eingegriffen 
hat.  Geboren  am  2.  Mai  1810  zu  Karlsruhe,  wo  sein  Vater  Professor  am 
Lyceum  war,  mußte  Adolf  Karl  Wilhelm  Holtzmann  nach  des  Vaters  frühem 
Tode  (1820)  den  Kampf  mit  dem  Leben  zeitig  aufnehmen.  Weniger  Nei- 
gung, als  Kücksicht  auf  die  Nothwendigkeit  einer  baldigen  Lebensstellung 
führte  ihn  der  Theologie  zu,  deren  Studium  er  seit  1828  in  Halle,  seit 
1829  in  Berlin  sich  widmete.  Er  bestand  auch  wirklich  1831  in  Karls- 
ruhe das  theologische  Examen,  und  erhielt  eine  Vicarstelle  in  Kandern. 
Indess  der  innere  Drang  seiner  Seele  ließ  sich,  nachdem  der  Pflicht  genügt 
war ,  nicht  bekämpfen ;  sein  Sehnen  war  der  Sprachwissenschaft  zugewendet, 
und  es  gelang  ihm  1832  von  der  Regierung  eine  Unterstützung  zu  einer 
längeren  Studienreise  zu  erhalten.  Er  begab  sich  nach  München,  und  1834 
nach  Paris,  wohin  er  1836  nochmals  zurückkehrte.  Eine  Reise  nach  Eng- 
land wurde  durch  seine  Berufung  als  Erzieher  der  Prinzen  Karl  und  Wil- 
helm von  Baden  1837  vereitelt.  Die  nicht  ausgedehnte  Mußezeit  seiner 
Stellung  widmete  er  literarischen  Arbeiten.  Eine  seiner  Neigung  ganz  zu- 
sagende Thätigkeit  und  größere  Freiheit  für  seine  Arbeiten  fand  er  jedoch 
erst,  als  er  1852  zum  Professor  der  deutschen  Litteratur  und  des  Sanskrit 
an  der  Universität  Heidelberg  ernannt  wurde.  Dieser  Periode  seines  Lebens, 
den  letzten  18  Jahren,  gehören  daher  seine  meisten  und  bedeutendsten 
Arbeiten    an. 

Holtzmann's  Studien  in  München  und  Paris  waren  überwiegend  auf 
das  Altindische  gerichtet,  dehnten  sich  aber  schon  damals,  hauptsächlich 
durch  Schmellers  Anregung,  auf  das  germanische  Gebiet  aus.  Seine  orientali- 
stischen Arbeiten  zu  würdigen  ist  hier  nicht  der  Ort;  sie  verläugnen  die 
Eigenthümlichkeiten  seines  Geistes,  durchdringenden  Scharfsinn,  kühne  Com- 
binationsgabe ,  genialen  Blick  so  wenig  wie  seine  germanistischen.  Um  die 
Entzifferung  der  Keilinsjhriften  hat  er  sich  wesentliche  Verdienste  erworben; 
seine  Abhandlung  'über  den  griechischen  Ursprung  des  indischen  Thierkreises' 
flSil)  widerlegte  eine  irrige  Ansicht  berühmter  Sanskritisten,  seine  indischen 
Sagen  eröffneten  weitere  Blicke  in  die  Zusammenhänge  des  Epos  verwandter 
Völker.  Anfang  und  Ende  seiner  schriftstellerischen  Thätigkeit  wurzelt  jedoch 
auf    dem    deutschen    Gebiete.    Seine    Ausgabe     des    althochd.    Isidor    (1836), 


MISCELLEN.  243 

dessen  Handschrift  er  in  Paris  abgeschrieben,  zeichnet  sich  nicht  nur  durch 
ihre  Genauigkeit  als  Ausgabe,  sondern  ebenso  durch  ihre  namentlich  gram- 
matischen Beigaben  aus,  die  zum  Theil  von  weittragender  Bedeutung  sind 
und  der  Forschung  vorauseilten.  Sie  zeigen  gleich  im  Beginn  die  große 
Begabung  Holtzmann's  für  grammatische  Untersuchungen.  Die  kleinen  Ab- 
handlungen über  Umlaut  (1843)  und  Ablaut  (1844)  behandelten  wichtige 
Themata  in  durchaus  selbständiger,  neuer  Auffassung,  auf  Grundlage  einer 
umfassenden  Sprachbetrachtung;  ihre  Resultate  waren  zum  Theil  umgestal- 
tend und  sind  der  Sprachwissenschaft  im  Ganzen  und  Einzelnen  gewinn- 
bringend geworden.  Wir  sehen  ihn  überall  unerschrocken  den  Meinungen 
berühmter  Männer  entgegentreten,  ja  es  ist  als  behandle  er  mit  Vorliebe 
Fragen,  bei  denen  er  auf  Widerspruch  zu  stossen  gewärtig  sein  mußte. 
Auch  seine  nächste  germanistiöche  Abhandlung  'über  die  Malberger  Glosse* 
(1852),  womit  er  sein  Lehramt  antrat,  bekämpft  die  Irrthümer  der  Kelto- 
manen,  weicht  aber  ebenso  von  J.  Grimm's  Erklärungen  ab,  indem  sie 
einen  ungleich  alterthümlicheren  Sprachzustand  der  Glosse  nachzuweisen  sucht. 
Noch  mehr  macht  jener  kampfbereite  Zug  sich  in  seinen  Untersuchungen 
über  das  Nibelungenlied  (1854)  geltend,  in  denen  er  der  bis  dahin  fast 
allgemein  geglaubten  Ansicht  Lachmann's  über  die  Entstehung  der  Nibelungen- 
dichtung eine  schroff  widerstreitende  gegenüberstellte.  Sein  richtiger  Aus- 
gangspunkt war  die  Einsicht  in  die  Unhaltbarkeit  der  von  Lachmann  auf- 
gestellten Meinung;  seine  Gegenansicht  freilich  entbehrte  einer  streng  durch- 
geführten Begründung  und  ließ  im  Einzelnen  au  philologischer  Genauigkeit 
manches  zu  wünschen  übrig.  Jedenfalls  gebührt  Holtzmann  das  Verdienst, 
auch  hier  eine  wissenschaftliche  Frage  von  großer  Tragweite  in  Fluss  ge- 
bracht und  von  neuen  Seiten  beleuchtet  zu  haben.  Seine  sich  daran  an- 
schließenden Ausgaben  des  Nibelungenliedes,  die  größere  (1857)  und  die 
kleinere  (1858  und  1863),  ebenso  wie  die  der  Klage  (1859)  versuchten 
praktisch  die  in  den  Untersuchungen  niedergelegten  Ansichten  durchzuführen. 
Bald  nach  diesem  Buche  erschien  sein  nicht  minder  durch  Neuheit  und 
Kühnheit  überraschendes  Werk  'Kelten  und  Germanen'  (1855),  worin  er 
ebenfalls  einer  noch  viel  weiter  verbreiteten  Ansicht  entgegentrat,  indem  er 
darin  den  Zusammenhang  der  Kelten  mit  den  Gaelen  läugnete,  dagegen 
den  mit  den  Germanen  verfocht.  Eine  wirkliche  Widerlegung  Holtzmann's  ist 
nicht  einmal  versucht  worden,  man  beschränkte  sich  auf  ein  paar  vornehm  ab- 
weisende Kritiken,  und  doch  verdienen  die  von  ihm  aufgestellten  Ansichten  in 
hohem  Grade  Beachtung,  wenngleich  auch  hier  wie  in  dem  Nibelungenbuche 
die  Details  der  Ausführung  hinter  dem  Entwurf  zurückbleiben,  und  das 
Herbeiziehen  von  Zweifelhaftem  die  Beweiskraft  schwächt.  In  den  zahlreichen 
Abhandlungen  der  fünfziger  und  sechziger  Jahre,  womit  er  die  Germania 
schmückte,  tritt  fast  überall  uns  ein  verwandter  Zug  entgegen:  überall 
neues,  anregendes,  eigenthümliches,  kühnes,  aber  freilich  auch  oft  in  Kühn- 
heit zu  weit  gehendes.  Frei  davon  sind  seine  trefflichen  Abhandlungen 
über  die  deutschen  Glossare,  das  deutsche  Duodecimalsystem,  das  gothische 
Adjectivum,  fast  ganz  auch  die  anziehende  über  Artus,  während  'der  Dichter 
des  Annoliedes*  gerechte  Bedenken  erweckt.  Auch  in  der  einzigen  auf  die 
neuere  Litteratur  bezüglichen  Arbeit ,  seinem  Vortrage  bei  der  Schillerfeier 
(1859),   begegnet  uns    der  gleiche   Zug:    er   verficht   hier  Schillers  Christenthum 


244  MISCELLEN. 

und  christenfreundliche  Stellung  gegen  die  herrschende  Ansicht,  die  ihn  bei- 
nahe zu  einem  griechischen  Heiden  macht.  Seine  reifste  und  vollendetste 
Arbeit,  zugleich  seine  letzte,  sollte  leider  ein  Bruchstück  bleiben:  wenige  Monate 
vor  seinem  Tode  erschien  seine  'Altdeutsche  Grammatik  (l.  Band,  1.  Hälfte, 
1870),  die  Frucht  langjähriger  tiefer  Arbeit  und  der  glänzendste  Beweis 
für  die  hohe  grammatische  Begabung  seines  Geistes.  Nicht  nur  ihm  mußte 
es  im  Sterben  schmerzlich  sein,  dieß  AVerk  nicht  vollenden  zu  können,  son- 
dern jeder,  dem  der  Fortschritt  unserer  Wissenschaft  am  Herzen  liegt,  muß 
es  als  einen  großen  Verlust  für  dieselbe  ansehen,  daß  ihm  die  Vollendung 
nicht    beschieden    war. 

Mit  der  Geschichte  der  Germania  steht  Holtzmann's  Persönlichkeit  in 
näherem  Zusammenhange  als  manchem  bekannt  ist.  Von  ihm  gieng  der 
erste  Gedanke  der  Begründung  einer  neuen  Zeitschrift  aus;  sein  Nibelungen- 
buch und  der  daran  sich  knüpfende  heftige  Streit  hatte  wohl  wesentlich 
mit  dahin  gewirkt.  Ursprünglich  wollte  er  die  Redaction  auch  selbst  über- 
nehmen, aber  er  trat  sie,  noch  ehe  etwas  erschien,  an  Pfeiffer  ab.  Von 
Holtzmann  rührt  das  Ankündigungsprogramm  der  Germania,  welches  vor  und 
mit  dem  ersten  Hefte  ausgegeben  wurde.  Gleich  von  Anfang  an  war  er 
daher  einer  der  eifrigsten  Mitarbeiter  und  ist  es  bis  in  die  letzten  Jahre 
seines    Lebens    geblieben. 

Wenn  eine  Neigung  für  Paradoxa  uns  in  Holtzmann  s  Arbeiten  über- 
rascht ,  so  beruht  das  auf  der  Ursprünglichkeit  und  Originalität  seines 
Geistes.  Denn  'anders  als  sonst  in  Menschenköpfen  malte  sich  in  diesem 
Kopf  die  Welt  ;  er  wandelte,  von  Autoritäten  unbeirrt,  selbständig  seinen  Weg 
und  hatte  den  Muth,  seiner  Überzeugung  das  Wort  zu  leihen,  das  er  mit 
Gewandtheit  und  Witz  zu  führen  verstand  *).  Aber  jene  Neigung  beruht  auch 
auf  einer  unwandelbaren  Wahrheitsliebe,  die  keine  persönliche  Rücksicht 
kennt,  wo  es  den  Dienst  der  Wissenschaft  und  Wahrheit  galt.  Er  war 
nichts  weniger  als  eine  streitsüchtige  Natur;  die  Milde  seines  Wesens  mochte 
kaum  vermuthen,  wer  ihn  nur  aus  seinen  Schriften  gekannt  und  ihm  per- 
sönlich gegenübertrat.  Die  akademische  Thätigkeit  hatte  er  verhältnissmäßig 
spät  begonnen;  sie  war,  wenn  auch  keine  sehr  ausgebreitete,  doch  durch 
die    Anregung,    die    sie    gab,    segensreich    und    erfreulich. 

Auch  in  seinen  Vorträgen  gab  er  des  Eigenthümlichen  viel  und  setzte 
die  Arbeit  des  Geistes  auch  im  Hörsaale  fort,  gerade  dadurch  aber  den 
Hörer  fesselnd  und  anziehend.  Es  ist  zu  hoften,  daß  von  dieser  Seite  seines 
geistigen  Wirkens  noch  manches  an  die  Öffentlichkeit  ti-itt,  das  uns  die 
reiche    Begabung    dieses    Mannes    noch    mehr    erkennen    und    verstehen  läßt. 


Übersicht  der  litterarischen  Thätigkeit  Holtzmann's. 
I.   Selbständig  erschienene  Arbeiten. 

1836.      Isidori  Hispalensis  de  nativitate  Domini,  passione  et  resurrectione, 
regno    alque  judicio    epistolae    ad  Florentinam    sororem    versio    francica  saeculi 


*)  Diese  Eigenschaften  treten  am  meisten  in  der  rasch  geschriebenen  Entgeg- 
nung 'Kampf  um  der  Nibelunge  Hort'  (1855)  und  in  seinen  oft  scharfen  Recensioneu 
zu  Tage. 


MISCELLEN.  245 

octavi  quoad  superest,  ex  codice  Parisiensi  edidit,  annotationibus  et  glossario 
instruxit  Adolfus  Holtzmann.     Carolsruhae. 

1841.  Bruchstücke  aus  Walmikis  Ramajana,  übersetzt  von  A.  H.  Karlsruhe. 

Über  den  griechischen  Ursprung  des  indischen  Thierkreises.      Ebenda. 

Indravidschaja.  Eine  Episode  des  Mahäbhärata,  herausgeg.  von  A.  H. 
Ebenda. 

1843.  Rama.  Ein  indisches  Gedicht  nach  Walmiki.  Deutsch  von  A.  H. 
2.  verm.  Aufl.     Ebenda. 

Über  den  Umlaut.     Zwei  Abhandlungen.     Ebenda. 

1844.  Über  den  Ablaut.     Ebenda. 

1845.  Beiträge  zur  Erklärung  der  persischen  Keilinschriften.  I.  Heft. 
Ebenda. 

Indische  Sagen.      I.  Theil.      Ebenda. 

1846.  Indische  Sagen.     II.   Theil.     Ebenda. 

1847.  Indische  Sagen.      III.  Theil.     Ebenda. 

1852.  Über  das  Verhältniss  der  Malberger  Glosse  zum  Texte  der  Lex 
Salica. 

1854.  Untersuchungen  über  das  Nibelungenlied.  Stuttgart. 
Indische  Sagen.   2.  verb.  Aufl.   Stuttgart. 

1855.  Kampf  um  der  Nibelunge  Hort  gegen  Lachmann's  Nachtreter. 
Stuttgart. 

Kelten  und  Germanen.   Eine  historische  Untersuchung.  Ebenda. 

1857.  Das  Nibelungenlied  in  der  ältesten  Gestalt  mit  den  Veränderungen 
des  gemeinen  Textes.    Herausgeg.   und  mit  einer  Einleitung  versehen.    Ebenda. 

1858.  Das  Nibelungenlied  in  der  ältesten  Gestalt.  Schulausgabe.   Ebenda. 

1859.  Die  Klage  in  der  ältesten  Gestalt  mit  den  Veränderungen  des 
gemeinen  Textes,  als  Anhang  zum  Nibelungenlied,  herausg.  und  mit  einem 
Wörterbuche  und  einer  Einleitung  versehen.  Ebenda. 

1860.  Zur  Schillerfeier.  Ein  Vortrag,  gehalten  in  der  Dienstagsgesellschaft 
zu  Heidelberg  den  8.  November  1859.  (Als  Manuscript  für  den  Verfasser  ge- 
druckt.)  Heidelberg. 

1863.   Schulausgabe    des  Nibelungenliedes.     2.   umgearb.   Aufl.    Stuttgart. 

1865.  Der  große  Wolfdietrich  herausg.  von  A.  H.  Heidelberg. 

1870.  Altdeutsche  Grammatik ,  umfassend  die  gotische,  altnordische,  alt- 
sächsische, angelsächsische  und  althochdeutsche  Sprache.  I.  Bd.,  1.  Abth.  Die 
specielle  Lautlehre.  Leipzig. 

II.   Abhandlungen  in  Zeitschriften. 

1.  Zeitschrift  der  deutschen  morgenländischen  Gesellschaft.  —  Über  die 
zweite  Art  der  achämenidischen  Keilschrift  I.  5.  Bd.  (1851),  145  — 178; 
IL  IH.  6  (1852),  35—47.  —  Über  S.  Flowers  Keilinschrift  6  (1852),  379 
bis  388.  —  Zur  Abwehr  456—457.  —  Über  die  zweite  Art  etc.  IV.  8 
(1854),  329 — 345.  —  Neue  Inschriften  in  Keilschrift  der  ersten  und  zweiten 
Art  539  —  547. 

2.  Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung,  von  Th.  Aufrecht  und 
A.  Kuhn.    —  Vyäsa  und  Homer    1    (1852),    483  —  491. 


246  MISCELLEN. 

3.  Germania.  Vierteljahisschrift  etc.  von  Franz  Pfeiffer.  —  Die  alten 
Glossare  I.  I  (1856),  110 — 117.  —  Über  das  deutsche  Duodecimalsystem 
217 — 223.  —  Regiert  die  Präposition  mit  den  Accusativ?  341  —  346.  — 
Zum  Isidor  462—475.  —  Der  Dichter  des  Annoliedes  II  (1857),  1—48.  — 
Zur  und  su  214-217.  —  Das  Großhundert  bei  den  Gothen  424-425.  — 
Sihora  448  —  449.  —  Min  im  Vocativ  464 — 466.  —  Nibelungen,  Bruchstück  R 
III  (1858),  51  —  56.  —  Meistergesänge  des  XV.  Jahrhunderts  307  —  328.  — 
Nibelungen,  Handschrift  k.  Der  Nibelunger  Liet  IV  (1859),  315  —  337.  — 
Meistergesänge  etc.  V  (1860),  210 — 219.  —  Aus  der  Colmarer  Liederhand- 
schrift 444 — 448.  —  Das  Adjectiv  in  den  Nibelungen  VI  (1861),  1 — 24.  — 
Zum  Nibelungenliede  VII  (1862),  196—225.  —  Das  gothische  Adjectivum  VIII 
(1863),  257—268.  Die  alten  Glossare  II.  385—414.  —  Zu  Beowulf  489  bis 
497.  — Der  Name  Germanen  IX  (1864),  1— 13.  —  Das  lange  a  1  79— 191. — 
Zum  Hildebrandsliede  289 — 293.  —  Althochdeutsche  Glossare  und  Glossen  XI 
(1866),   30  —  69.   —    Artus  XII  (1867),   257  —  284. 

III.   Recensionen. 

1.  Heidelberger  Jahrbücher.  —  Skeireins  airaggeljons  thairh  Johannen 
von  Maßmann,  1835,  Nr.  54.  —  Poemes  islandais,  tiräs  de  l'Edda  de  Sae- 
mund  par  Bergmann,  1839,  Nr.  67.  —  Maßmann,  die  deutschen  Abschwörungs • 
formein,  1840,  Nr.  45.  —  Ritusanhära  ed.  v.  Bohlen,  Nr.  58.  59.  —  Grimm, 
deutsche  Grammatik  I.  1841,  Nr.  49  *).  —  The  Persian  cuneiform  inscription 
at  Behistun  by  Rawlinson,  1847,  Nr.  6.  —  Die  Grabschrift  des  Darius  von 
Hitzig,  Nr.  6.  —  Über  die  Keilinschriften  von  Benfey,  Oppert  und  Rawlinson, 
1849,  Nr.  51.  52.  —  Grotefend,  Erläuterung  der  Keilinschriften  babyl.  Bau- 
steine etc.,  1852,  Ni'.  5.  6.  —  Heinrich  von  Veldeke  von  Ettmüller,  1853, 
Nr.  25.  26.  —  Theophilus  von  Hoffmann  von  Fallersleben,  Nr.  26.  —  Wein- 
hold,  deutsche  Dialektforschung,  Nr.  53.  —  Crescentia  von  0.  Schade,  Nr.  53.  — 
Schröer,  Geschichte  der  deutschen  Literatur,  Nr.  56.  —  Menzel,  zur  deutschen 
Mythologie,  und  L.  de  Baecker,  de  la  religion  du  nord,  1855,  Nr.  24.  — 
Höfer,  wie  das  Volk  spricht,  Nr.  24.  25.  —  Zendavesta  by  Westergaard, 
vol.  I,  Nr.  28.  —  Germania,  von  Frz.  Pfeiffer,  1856,  Nr.  3.  4.  —  Brandes, 
das  ethnograph.  Verhältniss  der  Kelten  und  Germanen ;  Rdnard ,  de  l'identite 
de  la  race  des  Gaulois  et  des  Germains,  1857,  Nr.  19.  —  Nibelungenlied, 
von  A.  Holtzmann,  Nr.  46.  —  Der  Nibelunge  Noth  und  Klage,  von  Lachmann, 
1859,  Nr.  31.  32**).  —  ISIaßmann,  das  Zeitbuch  des  Eike  von  Repgow; 
Schöne,  die  Repgowsche  Chronik,  1860,  Nr.  13.  —  Pantschatantrum,  von 
Kosegarten;  Pantschatantra,  von  Benfey,  Nr.  17.  —  Bibliothek  des  litterar. 
Vereins  in  Stuttgart  47—57,  1861,  Nr.  13.  —  Berthold  von  Regensburg,  von 
Pfeiffer,  1862,  Nr.  40.  —  Otfrieds  Evangelienbuch,  von  Rechenberg,  Nr.  53.  — 
Über  die  Flexion  der  Adjectiva  im  Deutschen,  von  Meyer,  1863,  Nr.  18.  — 
Dietrich,  altnordisches  Lesebuch,  1864,  Nr.  30.  —  Heldenbuch,  von  Kdlcr, 
1867,  Nr.  26.  —  Pott,  über  die  Nationalität  der  Kelten,  Nr.  41.  —  Stark, 
die  Kosenamen  der  Germanen,    1868,  Nr.   24. 


*)  Vermehrt  wiederholt  in  der  Schrift  über  den  Umlaut,  1843. 
*»)  Wiederholt  Germau.  VII,  196     225. 


MISCELLEN.  247 

2.  Zeitschrift  der  deutschen  morgenländischen  G-esellschaft.  —  E.  Morris, 
Memoirs  on  the  Scythic  version  of  the  Behistun  inscription,    1854,   S.  394 — 396. 

3.  Germania,  von  Fr.  Pfeiffer.  —  Zacher,  das  gothische  Alphabet  Vulfila's  I 
(1856),  124-125.  —  Cädmon's  Dichtungen,  von  15outerwek  244 — 247.  — 
Des  Landgrafen  Ludwigs  des  Frommen  Kreuzfahrt,  durch  F.  H.  v.  d.  Hagen 
247  —  254.  —  Heliand,  von  J.  R.  Köne  255 — 256.  —  Grässe,  der  Sagen- 
schatz des  Königreichs  Sachsen  370 — 371.  —  Adam  par  V.  Luzarche  371  bis 
375.  —  Jonckbloet,  Geschiedenis  der  middenuederl.  Dichtkunst  488  —  501.  — 
Liliencron,  über  die  Nibelungenhandschrift  C  II  (1857),  1  22— 128.  —  Otfrieds 
Evangelienbuch,  von  J  Kelle  384.  —  Van  den  Vos  Reinaerde  door  Jonck- 
bloet III  (1858),  121  — 122.  —  Lindenschmit,  die  vaterUind.  Alterthümer  der 
fürstl.  Hohenzoller'schen  Sammlungen  zu  Sigmaringen;  Lindenschmit,  die  Alter- 
thümer unserer  heidnischen  Vorzeit  VI  (J861),  110 — 112.  —  Diefenbach, 
Origines  Europaeae  112 — 113.  —  Beovulf,  herausg.  von  M.  Heyne;  Beowulf, 
übersetzt  von  M.  Heyne  VIII  (1863),  506—507.  —  Müllenhoff  und  Scherer, 
Denkmäler  deutscher  Poesie  und  Prosa  IX  (1864),  68 --75,  —  Peuker,  das 
deutsche  Kriegswesen  der  Urzeiten  229  —  230.  —  Mahn,  Ursprung  und  Be- 
deutung des  Namens  Germanen  X  (1865),  113.  —  Ulfilas  von  M.  Heyne  XI 
(1866),   221  —  224.  —  Heliand,  von  M.  Heyne  224. 


Georg  Gottfried  Gervinus. 

Wenn  wir  versuchen,  das  Bild  dieses  Mannes  zu  zeichnen,  dessen  Name 
bald  von  Anfang  an  mit  denen  der  Gründer  der  deutschen  Sprachwissenschaft 
innig  verbunden  erscheint,  so  verzichten  wir  von  vornherein  auf  Vollständigkeit 
in  jeder  Hinsicht:  auf  biographische,  weil  sein  Leben  so  tief  verwebt  erscheint 
mit  der  Zeitgeschichte  und  nur  im  Zusammenhange  mit  ihr  ganz  verstanden 
werden  kann,  und  auf  sachlich-darstellende,  weil  seine  Geistesthätigkeit  so  ver- 
schiedenen Gebieten  angehört.  Di'.'  Verschiedenartigkeit  der  Stoffe ,  die  dieser 
Geist  zu  durchdringen  und  zu  beherrschen  verstand,  und  die  Art  und  Weise, 
wie  er  sie  beherrschte,  erfüllt  mit  Staunen  nicht  nur  vor  dem  Umfange  seines 
Wissens,  sondern  mehr  noch  vor  dem  weittragenden  Fluge  seiner  Gedanken, 
die,  aus  jener  Wissensfülle  schöpfend,  den  Blick  geschichtlicher  Combination 
überall  weilen  lassen  und  überall  her  Analogien  herbeiziehen  Was  aber  durch 
die  verschiedenartigen  Werke  hindurchgeht  und  sie  geistig  mit  einander  ver- 
bindet, ist  die  strenggeschichtliche  Betrachtungsweise,  ist  der  innige  Zusammen- 
hang, in  dem  sie  alle  mit  dem  Geistes-  und  Culturleben,  mit  der  nationalen 
Entwickelung  der  Völker  stehen.  Und  so  sind  sie  alle  aus  dem  gleichen  Geiste 
historischer  Forschung,  historischer  Betrachtung  geboren:  der  Historiker  Ger- 
vinus tritt  uns  in  ihnen  allen  entgegen,  mag  er  den  Entwickelungsgang  der 
deutscheu  Dichtung  zeichnen,  oder  die  Geschichte  des  19.  Jahrhunderts  schreiben, 
mag  er  in  Shakespeare's  Dichterwerkstatt,  oder  in  das  Werden  von  Händeis 
Tondichtungen  uns  geleiten. 

Gervinus  wurde  am  20.  Mai  1805  zu  Darmstadt  geboren,  und  besuchte 
bis    zu    seinem    14.  Jahre    das    dortige    unter  Zimmermann's  Leitung    stehende 


248  MISCELL  EN. 

Gymnasium.  Des  Schulzwanges  müde,  entschloß  er  sich  rasch  Buchhändler  zu 
werden  und  trat  als  Lehrling  in  die  Marcus'sche  Buchhandlung  in  Bonn,  kehrte 
jedoch  nach  kurzer  Zeit  nach  Darmstadt  zurück  und  widmete  sich  vier  Jahre 
lang  in  einem  dortigen  Handlungshause  dem  kaufmännischen  Berufe.  Es  ließ 
sich  erwarten ,  daß  sein  schon  auf  der  Schule  mächtig  erregter  Wissensdurst 
in  dem  gewählten  Berufe  keine  Befriedigung  finden  würde.  Auch  ein  Versuch, 
die  Künstlerlaufbahn  als  Schauspieler  einzuschlagen,  gieng  fehl,  und  so  kehrte 
er,  trotz  des  Vaters  Willen,  nach  mehr  als  fünfjähriger  Unterbrechung  zu  den 
Studien  zurück,  machte,  mit  eiserner  Energie  arbeitend,  das  Abiturientenexamen 
und  bezog  Ostern  1824  die  Landesuniversität  in  Gießen,  die  er  jedoch,  wenig 
befriedigt,  nach  einem  Jahre  mit  Heidelberg  vertauschte.  Hier  gab  Schlosser's 
Anregung  den  Ausschlag  für  seine  ganze  Lebensrichtung.  Nicht  nur  daß  Schlosser 
ihn  dem  Studium  der  Geschichte  sich  ganz  hinzugeben  veranlaßte ,  wichtiger 
beinahe  noch  war  der  Einfluß,  den  der  Umgang  mit  diesem  Manne  auf  seinen 
Charakter  ausübte.  Nach  Vollendung  seiner  Studien  wirkte  er  zwei  Jahre  (1828 
bis  1829)  als  Lehrer  an  einer  Frankfurter  Erziehungsanstalt^  nahm  dann  eine 
Hauslehrerstelle  in  Heidelberg  an  und  habilitierte  sich  1830  an  der  Universität. 
1832  unternahm  er  in  Begleitung  eines  jungen  Engländers  eine  Reise  nach 
Italien,  von  der  er  im  folgenden  Jahre  zurückkehrte.  1835  zum  außerordent- 
lichen Professor  ernannt,  brachte  er  es  bald  durch  den  Ruf  seiner  historischen 
Arbeiten  zu  einer  bedeutsameren  Stellung:  1836  wurde  er  auf  Dahlmann's 
Betrieb  als  ordentl.  Professor  der  Geschichte  und  Litteratur  nach  Göttingen 
berufen.  In  beglückender  Thätigkeit  und  den  angenehmsten  persönlichen  Ver- 
hältnissen, zumal  seitdem  er  sich  mit  Victoria  Schelver,  der  Tochter  des  Heidel- 
berger Professors  der  Botanik,  verheiratet  hatte,  genoß  er  den  Reiz  eines  von 
Liebe  und  Freundschaft  vei'schönten  Daseins  —  als  die  bekannte  Katastrophe 
des  Jahres  1837  dieß  alles  zertrümmerte.  Seines  Amtes  entsetzt,  weil  er  an 
Treue  und  Eid  gehalten ,  des  Landes  verwiesen ,  begab  er  sich  zunächst  auf 
1 '/g  Jahre  nach  Italien,  und  ließ  sich,  von  dort  zurückgekehrt,  1839  in  Heidel- 
berg nieder,  wo  er  als  Honorarprofessor  (seit  1844)  mit  der  Universität  in 
einem  Zusammenhange  stand,  der  ihm  jedoch  volle  Freiheit  ließ.  Von  seinem 
Lehramte  machte  er  nur  selten,  zuletzt  1847,  Gebrauch.  So  kam  das  Jahr  1848 
heran,  dessen  gewaltige  Erschütterungen  ihn  noch  ungleich  mehr  als  die  deutsch- 
katholische Bewegung  des  Jahres  1844  mit  sich  rissen.  Aber  der  wenig  tröst- 
liche Gang,  den  die  Dinge  nahmen,  verleidete  ihm  das  unmittelbare  Eingreifen 
in  das  politische  Leben,  und  wenn  auch  stets  seine  Entwickelung  theilnehmend 
begleitend,  zog  er  sich  doch  vom  Schauplatze  zurück,  und  wandte  sich  wissen- 
schaftlichen, litterarischen  wie  historischen  Arbeiten  zu.  Es  erschienen  in  rascher 
Folge  sein  Shakespeare  (4  Bände,  1849 — 50),  seine  Geschichte  des  neunzehnten 
Jahrhunderts  (8  Bände,  1855 — 66),  die  ein  Torso  geblieben,  und  sein  Händel 
und  Shakespeare.  Zur  Ästhetik  der  Tonkunst  (1868).  Wohl  waren  es  lange 
vorbereitete  Werke,  Früchte  tiefster  Durchdringung  der  betreffenden  Stoffe,  aber 
doch  muß  man  staunen,  wie  auch  nur  ihre  Ausarbeitung  in  verhältnissmäßig 
so  kurzer  Frist  möglich  war.  Diese  gewaltige  Kraft  des  Schaffens  blieb  ihm 
bis  in  die  letzten  Tage  seines  Lebens,  und  aus  des  Schaffens  Fülle  hei-aus 
riß  ihn,  nach  kurzer  Krankheit,  die  anfänglich  wenig  bedenklich  schien,  der 
Tod  am   18.  März  1871. 


MISCELLEN.  249 

Gervinus  hatte  die  letzten  Jahre,  nachdem  er  die  Vollendung  der  Geschichte 
des  19.  Jahrhunderts  aufgegeben,  fast  ausschließlich  der  Neubearbeitung  schier 
'Geschichte  der  deutscheu  Dichtung  gewidmet,  welche  in  fünfter  Ausgabe  zum 
Theil  gäuzlich  umgearbeitet  wurde.  Damit  war  er  zu  dem  ersten  großen  Werke 
seiner  litterarischen  Laufbahn  zurückgekehrt.  Seine  Geschichte  der  poetischen 
Nationallitteratur  der  Deutschen^  wie  das  Werk  ursprünglich  (bis  zur  4.  Auflage) 
hieß,  erschien  zuerst  1835 — 42  in  fünf  Bänden,  und  muß  in  jeder  Hinsicht 
als  ein  epochemachendes  Werk  bezeichnet  werden. 

Zwar  der  Compendien  deutscher  Litteraturgeschichte  gab  es  schon  da- 
mals mehrere ,  aber  keine  zusammenhängende ,  den  Innern  Eutwickelungsgang 
der  Litteratur  zeichnende  Darstellung.  Koberstein's  Grundriß  war  der  erste 
Versuch  einer  solchen,  aber  auf  begrenzter  Grundlage,  mehr  andeutend  als 
ausführend.  Mit  ganz  anderem  MaL'stabe  ging  Gervinius  an  seine  Arbeit.  Ohne 
irgendwie  mit  gelehrten  Citaten  zu  prunken,  ja  den  gelehrten  Anstrich  fast 
geflissentlich  vermeidend,  ist  sein  Werk  doch  wie  wenige  unmittelbar  aus  den 
Quellen  herausgearbeitet.  Für  die  mittelalterliche  Litteratur  gab  es  ohnehin  der 
orientierenden  Vorarbeiten  erst  wenige,  für  die  neuere,  namentlich  die  neueste 
Zeit  war  dagegen  die  Menge  des  über  einen  Schriftsteller  Gesagten  und  Ge- 
schriebenen eher  überreich  5  auch  hier  also  war  es  wohlgethan,  daß  ein  so  selb- 
ständig angelegter  Geist  die  Werke  der  Dichter  unmittelbar  auf  sich  wirken 
ließ.  Die  große  Selbständigkeit  und  Unbefangenheit  seines  ürtheils,  das  von 
keiner  Autorität  sich  beeintiußen  ließ,  macht  sich  auf  jeder  Seite  des  Werkes 
fühlbar.  Aus  der  nationalen  Begrenzung  heraus  führte  Gervinus  aber  den  Blick 
des  Lesers  auf  die  Poesie  anderer  Zeiten  und  Völker,  vor  Allem  der  Griechen, 
in  deren  unsterblichen  Schöpfungen  er  den  Maßstab  des  Vollendet- Schönen 
fand.  Diese  sein  ganzes  Werk  begleitende  Vergleichung  mit  der  griechischeu 
Poesie  hat  man  ihm  gleich  beim  ersten  Erscheinen  am  meisten  übel  gedeutet 
und  hat  darin  eine  Einseitigkeit  des  Standpunktes  erblicken  wollen,  der  die 
Individualität  eines  Volkes  nicht  objectiv  zu  erfassen  vermöge.  Allein  dieser 
Vorwurf  scheint  mir  durchaus  unbegründet.  Mit  einem  von  dem  Besten  aller 
Nationen  genährten  Geiste  gieug  Gervinus  an  seine  Aufgabe;  wie  konnte  ihm 
da  verborgen  bleiben ,  daß  bei  so  vielen  Erscheinungnn  der  deutschen  Poesie 
alter  und  neuer  Zeit  ein  Mißverhältniss  zwischen  Wollen  und  Vollbringen, 
zwischen  Absicht  und  Ausführung  zu  Tage  tritt?  daß  nur  selten  jene  vollendete 
künstlerische  Einheit  erreicht  wird,  die  er  an  den  Griechen  bewunderte.  Aber 
mehr  noch  als  in  ästhetischer  zog  er  in  nationaler  Rücksicht  die  Griechen  zur 
Vergleichung  heran.  Denn  ihm  war  untrennbar  die  Poesie  eines  Volkes  vom 
ganzen  Staats-  und  Culturleben  desselben,  und  wieder  fand  er  die  rechte  Ver- 
einigung beider  bei  den  Griechen,  vermißte  sie  in  den  meisten  Epochen  unserer 
deutschen  Dichtung.  Eine  Poesie,  die  sich  einseitig  losgelöst  hat  von  der  poli- 
tischen Entwickelung,  schien  ihm  nur  halb  ihre  Aufgabe  zu  erfüllen,  ja  sie 
schien  ihm  bis  zu  gewissem  Grade  bedenklich  und  des  Verwerfens  werth, 
wenn  andere  ebenso  heilige  Interessen  darüber  vernachlässigt  werden.  Daher 
hat  er  am  Schlüsse  seines  Werkes  den  Blick  auf  die  Zukunft  gerichtet,  auf 
eine  Periode  unserer  Geschichte,  in  der,  wie  einst  bei  den  Griechen,  poli- 
tisches und  geistig-ästhetisches  Leben  Hand  in  Hand  gehen  würden.  Nicht 
Geringschätzung    seines  Volkes    war  es,    was    ihn  so  oft  streng,    scheinbar   zu 

GERMANIA.  Neue  Reihe   IV.  (XVI.)  Jahrg.  17 


250  MISCELLEN. 

streng  urtheilen  ließ,   sondern  Liebe ,   die  seinem  Volke   das  Höchste  anmuthete, 
weil  sie  es   dazu  befähigt  hielt. 

Der  Ruf  des  Werkes  und  seines  Verfassers  verschaffte  demselben  rasch 
die  allgemeinste  Verbreitung.  Schnell  folgten  sich  die  Auflagen,  die  vierte  er- 
schien 1853,  von  der  fünften  sah  er  noch  den  ersten  Band  (1870),  beinahe 
doppelt  so  stark  als  in  der  vorhergehenden,  vollendet;  über  dem  Drucke  des 
zweiten  und  der  Arbeit  an  demselben  ereilte  ihn  der  Tod,  als  sein  Geist  noch 
in  Jugendfrische  schuf.  Die  kurze  Vorrede  zum  ersten  Bande,  während  des 
deutsch-französischen  Krieges  geschrieben,  zog  ihm  mehrere  Angriffe  zu,  die 
durch  die  damit  verbundenen  Erregungen  und  Gemüthsbewegungen  sein  Ende 
mittelbar  herbeigeführt  haben.  Vielleicht  hätte  er  wohl  gethan,  statt  der  kurzen 
eine,  wie  es  ursprünglich  sein  Plan  war,  tiugehendere  Vorrede  vorauszuschicken, 
die  nun  hoffentlich  nicht  vorenthalten  bleiben  wird.  Eine  politische  Vorrede  zu 
einer  Geschichte  der  Dichtung  kann  nur  den  befremden,  der  nicht  beachtet, 
wie  das  ganze  V^^erk  mit  der  politischen  Entwickelung  des  deutschen  Volkes 
sich  auf's  innigste  berührt.  Aber  auch  nur  der,  dem  des  ganzen  Buches  Ten- 
denz unverständlich  geblieben,  konnte  in  der  Vorrede  den  Ausdruck  einer  Ver- 
stimmung oder  Verbitterung  über  das  Fehlschlagen  eigener  politischer  Pläne 
ei blicken.  Fern  liegen  mußten  solche  kleinliche  Motive  bei  der  Beurtheilung 
eines  Mannes,  dessen  warmer  Herzschlag  für  sein  Vaterland  hörbar  genug  aus 
seinem  Leben  und  seinen  Werken  herausklingt,  und  der  der  Größe  seines  Volkes 
ein  gut  Theil  seiner  besten  Kraft  geopfert  hat.  Mir  kommt  nicht  zu,  mich  zum 
Sachwalter  seiner  politischen  Überzeugungen  aufzuweifen.  Aber  wer  die  Grad- 
heit  und  Wahrheit  dieses  Charakters  kannte,  muß  es  für  unmöglich  erklären, 
daß  Eigensinn  oder  gekränkte  Eitelkeit  ihn  mit  seiner  Überzeugung  derjenigen 
einer  ganzen  Welt  entgegentreten  ließ.  Denn  Lauterkeit,  sittliche  Hoheit, 
unbestechliche  Wahrheitsliebe  zeichneten  ihn  ebenso  aus  wie  sein  feines  Ver- 
stäiidniss  des  Schönen,  sein  weitgreifender  Blick,  sein  staunenerregendes  Wissen. 
Nicht  umsonst  haben  die  Edelsten  unseres  Volkes,  haben  Männer  wie  Dahl- 
mann  und  die  Brüder  Grimm  ihm  ihre  Freundschaft  durch  ein  langes  Leben 
geschenkt,  denn  auch  er  war  der  Edelsten  einer,  die  Deutschland  mit  Stolz 
seine  Söhne  nennt. 

HEIDELBERG,  20.  Mai  1871.  K.  BARTSCH. 


Franz  Joseph  Mone 

starb  am  12.  März  1871  zu  Karlsruhe  im  75.  Lebensjahre.  Aus  einer  ursprüng- 
lich niederländischen  Familie  (Moone)  stammend,  war  er  am  12.  Mai  1796  zu 
Mingolsheim  bei  Bruchsal  geboren,  studierte  seit  1814  in  Heidelberg  Philologie 
imd  Geschichte,  und  habilitierte  sich  daselbst  1817  in  der  philosophischen 
Facultät.  1819  zum  außerordentlichen,  1822  zum  ordentl.  Professor  der  Ge- 
schichte ernannt,  hatte  er  außerdem  seit  1825  die  Leitung  der  Universitäts- 
Bibliothek,  der  er  seit  1818  als  Secretär  angehörte.  1827  ward  er  an  die 
Universität  Löwen  in  Belgien  als  Professor  der  Geschichte  und  Statistik  be- 
rufen,   kehrte  aber,    durch    die  Revolution  vertrieben,     1831   nach  Heidelberg 


MISCELLEN.  251 

zurück,  wo  er  zunächst  als  Privatgelehrter  lebte.  Nach  vorübergehender  publi- 
cistischer  Thätigkeit  wurde  er  1835  zum  geh.  Archivar  und  Director  des 
Landesarchivs  in  Karlsruhe  ernannt  und  verblieb  in  dieser  Stellung  bis  1868, 
wo  er  in  Ruhestand  trat.  —  Während  die  erste  Hälfte  von  Mone's  Wirken 
überwiegend  auf  die  Litteratur  gerichtet  ist,  wandte  er  sich  in  der  zweiten 
fast    ausschließlich    der  Geschichte  zu.    Seine    erste    deutsche  Arbeit    war    die 

Einleitung  in  das  Nibelungenlied'  (Heidelb.  1818),  worin  er  sich,  was  die 
mythologische  Erklärung  angeht,  ganz  den  Ansichten  seines  Lehrers  Creuzer 
anschließt,  wie  auch  seine  'Geschichte  des  Heidenthums  im  nördlichen  Europa' 
(2  Bde.  Heidelb.  1822—23),  die  den  5.  und  6.  Theil  von  Creuzer's  Symbolik 
bildet,   ganz  unter  gleichem  Einfluss  entstanden  ist.   Schon   damals  gieng  er  mit 

größeren  altdeutschen  Arbeiten  um:  er  beabsichtigte  das  Rolandslied  zu  edieren 
und  gab  den  Otnit  (Berl.  1821)  heraus.  Eine  Sammlung  verschiedener  litterari- 
scher Arbeiten  und  Quellen  veröifentlichte  er  in  seinen  'Quellen  und  Forschungen 
zur  Geschichte  der  teutschen  Litteratur  und  Sprache  (1.  Bd.  Aachen  und  Leipzig 
1830),  die  ein  umfangreiches,  wenn  auch  nicht  gleichmäßig  tiefes  Wissen  zeigen. 
Den  von  Freih.  v.  Aufseß  begründeten  'Anzeiger  für  Kunde  des  deutschen 
Mittelalters  übernahm  er  vom  3.  Jahrgang  an  mit  Aufseß  gemeinsam,  vom  4. 
bis  8.  (1835  —  39)  besorgte  er  die  Redaction  allein.  Es  war  die  erste  ger- 
manistische Zeitschrift,  freilich  nicht  ausschließlich  germanistisch,  sondern  ebenso 
historisch,  aber  ihr  Schwerpunkt  lag  doch  auf  der  philologischen  Seite,  und 
hier  wurde  der  Anzeiger  durch  zahlreiche  Mittheilungen  eine  werthvolle  Quellen- 
und  Materialiensammlung,  deren  fleißigster  Mitarbeiter  Mone  selbst  war.  Be- 
sonderes Interesse  wandte  er  schon  hier  der  Heldensage  zu  und  veröfientlichte 
gleichzeitig  seine  Untersuchungen  zur  deutschen  Heldensage  (Quedlinb.  1836). 
Auch  die  mittelniederländische  Litteratur  war  im  Anzeiger  gepflegt  worden, 
einen  vollständigen  Quellennachweis  gab  Mone  in  seiner  verdienstlichen  'Über- 
sicht der  niederländischen  Volkslitteratur  älterer  Zeit  (Tübing.  1838).  Dann 
sehen  wir  ihn  die  Quellen  des  deutschen  Schauspiels  in  seinen  Altdeutschen 
Schauspielen  (Quedlinb.  1841)  und  seineu  Schauspielen  des  Mittelalters'  (2  Bde. 
Karlsruhe  1846)  eröffnen  und  dadurch  ein  neues  Verdienst  sich  erwerben.  Der 
lateinischen  Poesie  des  Mittelalters  hatte  er  schon  in  seiner  Ausgabe  des  Rei- 
nardus  Vulpes  (Stuttg.  1832)  sich  mit  Vorliebe  zugewendet;  später  war  es  die 
Hymnenpoesie,  um  die  er  sich  verdient  machte;  den  'Latein,  und  griech.  Messen 
(Frankf.  1850)  folgten  die  drei  Bände  'Lateinische  Hymnen'  (Freiburg  1855 
bis  1857).  Von  seinen  historischen  Arbeiten  nennen  wir  nur  die  Quellen  zur 
badischen  Geschichte  (1845  ff.)  und  die  1850  begründete  Zeitschrift  für  Ge- 
schichte des  Oberrheins,  in  denen  er  ein  erstaunlich  reiches  Material  bewältigte 
und  meist  allein  bewältigte,  ein  Material,  das  auch  dem  Sprachforscher  viel 
des  Werthvollen  bietet.  Dagegen  müssen  wir  seine  'Untersuchungen  über  die 
gallische  Sprache  und  ihre  Brauchbarkeit  für  die  Geschichte'  (Karlsruhe  1851) 
und  mehr  noch  seine  'Celtischen  Forschungen  zur  Geschichte  MitteleuropaV 
(Freiburg  1857)  als  Verirrungen  eines  von  der  Celtomanie  angesteckten  Geistes 
bezeichnen.  —  Seine  Arbeiten  sind  beachtenswerth  durch  die  Vielseitigkeit  des 
Interesses,  seinen  erstaunlichen  Sammlerfleiss  und  ein  umfassendes  Wissen; 
seine  Ansichten  sind  nicht  immer  von  Flüchtigkeit  und  Grillenhaftigkeit,  seine 
Textpublicationen  nicht  immer  von  Mangel  an  Genauigkeit  und  Correctheit 
freizusprechen.  Auf  einzelnen  zu  seiner  Zeit  noch  wenig  bearbeiteten  Gebieten, 

17* 


252  -  MISCELLEN. 

wie  dem  der  mitteluiederländischen  Litteratur,  des  altdeutschen  Schauspiels, 
der  Hymuologie,  hat  er  sich  bleibende  Verdienste  erworben,  die  durch  seine 
Leistungen  auf  historischem  Gebiete  noch   wesentlich  vermehrt  werden. 

K.  BARTSCH. 


Benedict  GreiflF, 

ein  geschätzter  Mitarbeiter  dieser  Zeitschrift,  ist  am  13.  Mai  1871  zu  Augs- 
burg gestorben.  Er  bekleidete  neben  seiner  Lehrerstellung  am  St.  Anna- 
Grymnasium  das  Amt  eines  Stadtbibliothekars,  sowie  eines  Secretärs  des  histoiü- 
schen  Vereins  von  Schwaben  und  Neuburg.  Ohne  Germanist  von  Fach  zu  sein, 
widmete  er  doch  den  altdeutschen  Studien  eine  lebhafte  Theilnahme.  Seine  hier- 
her schlagenden  Arbeiten  sind  fast  sämmtlich  in  der  Germania  erschienen.  Gleich 
im  1.  Bande  veröffentlichte  er  aus  einer  Augsburger  Hs.  ein  interessantes  Spiel 
von  S.  Georg  (I,  165 — 192)  und  knüpfte  daran  ansprechende  Vermuthungen 
über  Verfasser  und  Zweck  des  Stückes.  Seinem  Spürtalent  verdanken  wir  ferner 
die  Entdeckung  der  Augsburger  Bruchstücke  von  Wernhers  Marienleben  in 
ursprünglicher  Gestalt,  die  er  Germ.  VII,  305 — 330  herausgab.  Ebenda  fand 
er  auch  ein  Bruchstück  von  H.  Heslers  poetischer  Paraphrase  der  Apokalypse, 
das  er  gleichfalls  in  der  Germ.  (X,  70 — 74)  veröffentlichte.  Sein  letzter  Bei- 
trag Schwabenstreich'  (XIII,  76)  ist  jedoch  nicht  das  letzte,  was  er  zur  Ger- 
mania steuerte;  in  meinen  Händen  befinden  sich  noch  mehrere  nicht  werthlose 
Mittheilungen  aus  der  Augsburger  Bibliothek.  Noch  sei  erwähnt  sein  Pro- 
gramm'Berhtolt  von  Regensburg  in  seiner  Wirksamkeit  in  Augsburg  (Augsburg 
1865)  und  die  Publication  des  Tagebuches  von  Lucas  Rem  aus  den  Jahren 
1494 — 1541  (26.  Jahresbericht  des  genannten  Vereins.  Augsburg  1861),  ein 
interessanter  Beitrag  zur  Handelsgeschichte  von  Augsburg,  der  auch  sprachlich 
anziehend  ist.  K.  B. 


Nachtrag  zu  S.  165,  10:  Riezler  (Forsch,  zur  D.  Gesch.  10,  117—118) 
denkt  —  indem  er  die  „Textänderung:  lebte  min  herre",  wagt  —  an  Barbarossa's 
Zug  gegen  Saladin  1189,  der  doch  zu  Lande  über  Constantinopel  gehen 
sollte.  Allein  Hartmann  sagt  ganz  klar:  über  mer  ziehe  jetzt  sein  Eid  und 
Gottes  Minne  ihn,  den  sonst  Saladin,  wenn  er  noch  lebte,  und  all'  sein  Heer  — 
so  viel  als:  alle  Teufel  —  nicht  fortgebracht  hätten. 

Zu  167,  8:  Eine  Sammlung  der  hartmännischen  noch  jetzt  in  der  Her- 
schaft Ow  gebräuchlichen  Sonderausdrücke  etc.  und  deren  Veröffentlichung 
steht  bevor. 

Berichtigung.  Lies  S.   80,  Z.   3  v.  u. :  als  Possessor. 


RUNEN  AUS  ROM  UND  WIEN, 

VON 

H.  F.  MASSMANN. 


Prof.  Reiffersclieid  in  Breslau  theilte  mir,  während  ich  1868  iu 
Rom  weilte,  von  Bonn  aus  freundlich  die  Nummer  der  vaticanischen 
Handschrift  Urbin.  290  membr.  fol.  mit,  als  in  welcher  sich  auch  Runen 
mit  einer  vorausgehenden  merkwürdigen  Angabe  über  gothische  Schrift- 
werke befänden.  Die  Veröffentlichung  der  letzteren  hatte  Prof.  Reiffer- 
scheid  sich  selbst  ausdrücklich  vorbehalten ;  doch  hat  er  auf  Ersuchen 
des  Herausgebers  dieser  Zeitschrift  nunmehr  gestattet,  daß  dieselbe 
gleich  jetzt  mit  den  Runen  von  mir  bekannt  gemacht  werde. 

Die  besagte  Pergamenthandschrift  gehörte  einst  der  Abtei  Brim- 
weiler  bei  Köln  *),  S.  62"  stehen  die  Nomina  episcopoi^ü  scae  COLONIEN- 


*)  'Nach  meiner  Mittheilung.  In  der  Handschrift  findet  sich  nämhch  keine  directe 
Notiz  über  ihre  Herkunft,  aber  sie  ist  die  nämliche,  aus  welcher  Boehmer  FRG 
m  LVn  sq.  382-388  und  Pertz  Mon.  SS.  XVI  724—728  (vgl.  I  99-101  II  216) 
Letzterer  nach  einer  Vergleichung  Bethmanns,  die  annales  Brunwilarenses  ediert  haben. 
Weder  Boehmer  noch  Bethmann  haben  der  letzten  Seite  des  Codex  f.  71''  irgend 
welche  Aufmerksamkeit  geschenkt,  offenbar  weil  die  Schrift  auf  derselben  fast  ganz 
erloschen  ist.  Über  das  Eunenalphabet  hatte  ich  mir  bloß  Notizen  gemacht,  da  bei 
der  Schwierigkeit  der  Lesung  eine  Abschrift  der  Zeichen  und  Buchstabennamen  ohne 
alle  Hilfsmittel  mir  zu  bedenklich  schien.  Um  so  freudiger  ergriff  ich  die  Gelegenheit, 
Maßmann  darauf  aufmerksam  zu  machen,  der  kurz  vorher  durch  die  von  Tischendorf 
und  Gabelentz  aufgegebene  Entzifferang  des  Ultilaspalimpsestes  in  Turin  sich  auch 
meinen  Dank  erworben  hatte.  Dagegen  legte  ich  gleich  von  Anfang  an  großen  Werth 
auf  die  Vorrede  der  Eunen,  aus  denselben  Gründen  wie  Maßminn :  namentlich  war  auch 
mir  die  Nähe  von  Werden  [S.  255]  aufgefallen.  Weiter  gehende  Combinationen  muß  ich 
einstweilen  unterdrücken,  da  sie  ihre  Begründung  und  Erkläning  nur  im  Zusammen- 
hang umfassender  Untersuchungen  über  die  Cberliefeining  des  literarischen  Alterthums 
im  Abendlande,    mit  welchen   ich   seit  längerer  Zeit    beschäftigt    bin,    finden    können.' 

Reifferscheid. 

(iKUMANIA.  Neue   üeih«   IV.   (XVI.)  Jahrg.  18 


254  H.  F.  MASSMANN 

/SIS  AECEAE  und  64"  die  '>^ Nomina  epör  Treuiretmü«-.  Die  Handschrift 
(Astronomiae  et  Astrohgiae  Über)  stammt  vom  Jahre  1082  *). 

Für  unsern  Zweck  enthält  die  Handschrift  1.  ein  griechisches 
ABC  mit  daneben  stehender  Bedeutung  oder  Benennung  der  Buch- 
staben alfa,  beta,  gamma  .  . .  lanta  .. .  chi,  psi,  2.  daneben  dieselben 
Buchstaben  als  Zahlzeichen  mia,  dia,  tria,  tessares  . . .  nia,  deca  1'  desi, 
diiiiuenta,  triiimenta,  tetrmnenta,  pententra,  exenta  .  . .  ecaton,  dia- 
cusie  . .  .  chilcj  dischile,  mirias,  dismurias,  trimuriad,  ecusimuriad, 
trientarauriad,  serentamuriad  .  . .  diacusie  muriades,  muriamuriad,  ennia- 
cussie  (und  nochmals  niacusie)  **). 

Auf  der  Kehrseite  nochmals  das  griechische  ABC  nach  Zahlwerth 
(mia,  dia,  tria,  ecosi,  trianta,  seranta,  peutenta,  ekaton,  diacusin  .  . . 
niacusin,  ecosin,  ogdenta  muriad^  nienenta  muriad,  dann  abermals  das 
griechische  ABC  nach  Buchstabenwerth  (~  lanta  . .  .  simna)  bis  co  pro  o. 

Hiernach  die  folgende  äußerst  merkwürdige  Mittheilung,  die  hier 
genau  wiedergegeben  wird.  Das  Anfangs-i>  roth. 

Läiteras  seqiientes  \  cü  minio  colore  nota\te  nordmanni  i  suis  usitant  | 
carmmiU.  V.  uocant''  cqxt  cos  \  rune.  St  mite  'Tinulli.  q.  opi\nant''  qd  quando 
gothi  (&  I  uuandali  gentes  de  finil)  \  norämannoruvi  egredientes  \  j)  germaniä 
V.  italiä  ad  \  mare***)  uenientes.  pq.  illvd  j  transuecti  i  offrica  csiste\hant. 
crescente  apä  eos  xpi\ana  religione  xpiani  ex  parte  \  effecti.  doctores  eorum  tä 
nouü  qua  uetus  iestametü  i  suä  \  linguä  hoc  i  theoiofisca.  V  \  in  tJieotonicä  j 
cuertert  \  cü  istis  litteRis\. 

Hiernach  folgt  das  Runen-ABC,  wovon  sogleich!  — 

Jedermann  sieht  die  Vermischung  einer,  wie  wir  weiter  erfahren 
werden,  wohlbegründeten  Bedeutung  oder  Verwerthung  der  Runen  mit 
einer  der  merkwürdigsten  Beziehungen  auf  die  gothische  Bibelüber- 
setzung durch  ihre  doctores,  d.  i.  Ullilas  etc.,  zugleich  mit  der  be- 
stimmtesten Angabe,  daß  die  gothische  Sprache  (sua  lingua)  die  deutsche 
sei  (theotisca  vel  theotonica),  so  wie  daß  die  Vandalen,  die  mit  jener  aus 
dem  Lande  der  Norämannortim  mit  nach  Afrika  gezogen,   gleichfalls 


*)  'Richtiger  läßt  sich  der  Codex  (membr.  Großoctav.  foUorum  71)  als  eine 
Compiitiishandschrift  bezeichnen.  —  Nach  den  Schriftzügen  gehört  die  Handschrift  zu 
ihrem  größten  Theil  (auch  fol.  71'^  aii's  Ende  des  zehnten  oder  in  den  Anfang  des 
eilften  Jahrhunderts.  Die  ii-rige  Angabe  Maßmann's  stützt  sich  auf  die  Ostertafeln 
welche  die  älteste  Hand  von  988—1082  geführt  hat.  Daraus  folgt  aber  in  Überein- 
stimmung mit  dem  Schriftcharakter  mit  Evidenz,  daß  der  Codex  im  Jahre  988  ent- 
standen ist.'  Reif  fers  cheid. 

**)  Hienach  noch  Diptongi  grecorfl  |  ai  pro  ce,  ei  pro  i,  oi  pro  y,  ov  pro  m. 

***)  Offenbar  das  Mittelmeer, 


RUNEN  AUS  ROM  UND  WIEN. 


255 


„deutsch"  gesprochen  haben.  Erinnert  dieses  imwillkürhch  an  das  be- 
kannte ^  bekanntlich  falsche,  nun  so  schön  berichtigte  Augustinische 
j^Sihora  armen''''  der  Vandalen,  so  möge  hier  noch  leise  auf  die  Möglich- 
keit hingewiesen  werden,  daß  aus  der  Örtlichkeit  von  Braunweiler  bei 
Köln  vielleicht  ein  dämmerndes  Streiflicht  auf  Werden  und  das  räthsel- 
hafte  Erscheinen  des  Codex  argenteus  daselbst  fällt,  dessen  erste  Er- 
wähnung uns  ja  auch  über  Köln  zugekommen  ist. 

Das  unmittelbar  darauf  folgende  Runen- ABC  ist  cum  minio  colore 
geschrieben,  deßhalb  sehr  verwaschen  und  erloschen,  aber  auch  die 
schwarz  daneben  stehenden  Bedeutungen  der  Zeichen.  Leider  kann  ich 
von  den  Runen  und  ihren  Benennungen  keine  Durchzeichnung  geben, 
da  in  der  Vaticana  eine  solche  nicht  gestattet  wird.  Wo  die  Benen- 
nungen erloschen  sind,  setze  ich  in  Klammern  die  weiteren  Möglich- 
keiten^ wie  sie  den  Augen  erscheinen  oder  erschienen,  hinzu. 


1^  As(c) 
^  biric 
P  chön 
^  dhorn 
M  ^ch 
r   feh 

^  gubu  (gibu?) 
X  hägal 
I  fs 
J   kol 

r  lägo 

\^  man 

i  nöth 

|C  othÜ 

P  perc 

t^  chon  (hon?) 

4:  (?  reht  ?  thr  ?  cho  ?) 

H  sugil 

^  täc 

p.  hur  (d.  i.  ur) 

r  h  beluch  (?  beluth) 

u  horsi 

\f/  üa  (?  zia) 


Y  fue  *)  • 

n  uor 

Zweite    Spalte     fortsetzend 

und  wiederholend. 
"f  d.  d6rn 
\^  eeos  (?  cos) 
1^  r.  rat 
h   c.  cen 
vj,  g.  gibu  (?) 
P  h.  hun 
1^  k.  kan 
k   n.  1  (?) 
f  g.  gar  (?) 
r*  p.  peta  (?) 

rti  X.  hix  (?) 

V\  s.  sigi 

t  t.  ti 

B  b.  birh  (?  berh) 

^  e.  ech 

^  m.  man 

M  lägo  (r  1  ?) 

|C  n.  no  (?  ne,  uc) 


*)  Von  hier  an  Fudorc. 


18' 


256  H.  F.  MASSMANN 

S  0.   odil  H    g-  riir  (?) 

f^  a.  ac  (?)  Y  z.  ürb  (?  url  ?  urb  ?  uth 

I^J   a.  dsc  ?  zirl) 

Hiernach  folgt  DE  MENSIBUS  hebreorum  (rotli)  \Nisan.  1  ApriU$. 
Farmuthi  VIII.  VI.  k.  April'  u.  s.  w.  |  De  mensihus  egiptiorum  (roth).  — 

Darnach  wieder  zu  den  Runen  zurückkehrend: 

Isrune  dicunt'  qiie  i-  litteris  per  totU  |  scribuntur.  noe,  (=^  ita?)  id 
quohis  iiersus  primü  breuiorb'  ■{■  ]  que  aut  littera  sit  in  nersü.  longioribus.  j 
nt  noJn  \  cerni  his  Ufteris  scribaf.  ita. 

illllll.  nillllll.  ilim.  ilL  illllim.  I 

Wonach  zwei  Zeilen,  mit  einem  rothen  Buchstaben  beginnend, 
ausgekratzt  sind.  Darnach 

hagalrune  dicunt''  que  in  sinistra  parte  quartus  \  sit  uersns   ostendunt  in 
■  dex(tra  parte)  quota  siit)  litte{ra  ausgerieben)  *), 

Man  sieht,  das  obige  Runen- ABC  und  diese  Xachholung  der 
Isrune  und  hagalrune  stimmen  ganz  zu  Cod.  S.  Gall,  270.  (W.  Grimm 
Runen,  S.  110),  nur  daß  hier  zwischen  iisruna  und  hahalruna  noch 
lagoruna  (\-)  steht  und  nach  hagalrune  noch  stofruna  und  clofruna  folgen. 
Übrigens  steht  hier  auch  corid  statt  cerui,  wonach  die  Striche  sich  um- 
stellen. Ahnlich  folgen  sich  in  der  Salzburger  Pergament-Handschrift 
(X.  28,  früher  S.  119)  4".  des  12.  Jhd.  auf  vorletztem  Blatte  (Kehrseite) 
nach  dem  Runcn-ABC  (/.  u.  d.  o.  r.  c.  etc.)  die  Isruna  . .  lagoruna  . . 
hagalruna  und  strophruna;  doch  auch  wieder  mit  Verwirrung  der  Striche. 


H. 

Ich  reihe  au  oben  mitgetheilte  merlcwürdige  Angabe  über  Gothen 
und  Vandalen  eine  andere  ähnliche  aus  Cod.  Vindobon.  1609  (Theol. 
DCCXXXH,  Denis  DCCCXXVHI.  Th.  1,  S.  2977),  in  welcher  Hand- 
schrift auch  eine  Menge  Alphabete  enthalten  sind. 

Nach  einer  Aufführung  des  lateinischen  ABC  auf  Bl.  V  nach 
der  Entstehung  derselben  folgt  unmittelbar  das  griechische  ABC  mit 
den  Benennungen  (zeta,  eta  .  .  lanta  moy  noy  . .  simma  —  o  longa)  und 
den  darüber  geschriebenen  Zahlwerthen  (mia,  dia,  tria,  tesseris  .  .  icosi, 
treanta,  tesseranta,  pentinta,  exinta  .  .  enoninta,  eckaton,  diacon,  tria- 
con  ..  octacoN,  ennacoN,  chile,  dischile,  mire,  mia),  folgt  auf  2''  eine 


*)  Nach  diesen  Niederschriften  über  die  Eunen  folgt  nochmals  (mit  schwärzerer 
Dinte)  das  griechische  ABC:  A  alfa  o,  B  uitta,  pro  u,  y  gamma  pro  g  ■ . .  ita,  thita,  zeta, 
kapa,  lauda  .  . .  cotogema  (statt  ome  a). 


RUNEN  AUS  ROM  UND  WIEN.  257 

Abhandlung  über  die  griecliisclien,  hebräischen,  lateinischen  Alphabete, 
darnach  folgt  das  scythische  ABC  mit  dem  Geständnisse:  In  istis  ad- 
huc  litteris  \faUemur  &  in  aliquibus  uitium  agemus  \  quos  emendate. 

Darnach  aber  folgen  abermals  die  Runen  mit  vorausgehender 
folgender  Angabe^  die  sich  jener  römischen  eng  anschließt: 

Litteras  qidppe  quas  utuntur  marcomanni  \  quos  nos  Nordmannos 
uoeamus  infra  scrip\tas  habentur.  aquihus  originem  qui  theo  discam  loquun- 
tur  linguam  tradunt  cum  \  quihus  carmina  sua.  incantationesq'  ac  dmina\ 
tiones  signißcare  procurant.  qui  adhuc  imganiritus  inuoluuntur. 

Hiernach  noch  mancherlei  Mittheilungen  (auch  Eginhards  Nomina 
ventorum  und  Nomina  viensium  (auch  deutsch)  mit  folgenden  andern 
deutscheu  Glossen). 

Die  ganze  Handschrift  wiederholt  sich  übrigens  nochmals  im  Cod. 
Vindohon.  17G1  (Theol.  DCCCLXIH,  Denis  I,  S.  139),  membr.  16" 
vom  11.  Jhd.  Bl.  97'*);  selbst  die  falschen  Lesarten  der  obigen  Hand- 
schrift 1G09  {quas  utuntur  und  tradunt  statt  trahunt)  wiederholen  sich 
hier;  doch  liest  1761  (statt  quos)  uos  emendate  und  quia  adhuc  jpagani. 
Nur  schließt  n.  1761  noch  mit  folgenden  Bemerkungen  (104*),  die  an 
die  Isrunae  wieder  erinnern. 

Hxijusmodi  genus  descriptionis  notae  caesaris  apj)ellat\  qd  cü  litteris 
que  antiqua  man'  appellat'  perficit'  cü  quis  romanorum  in  aedißciis  parietil) 
V  in  turris  aut  in  monumentis  saxeis.  oh  memoria  sui  suorumq^  aliqd  litteris 
coWiendare  scidpando  curauerat.  eas  cü  pvnctis  &  trihulis  obligat.  Ne 
statt  quis  ignarus  legere  possit  id  sup"  in  paucis  ostensum  est  A.  E.  I.  0.  Y. 
::  .:::■:  \  .N  C.  R  TV  IB  S  :■:  S\B  ::  N:  F  :  C-:  RCH  .\  P.  S\C  ::  P. 
GL:'.R".:S.  Q:M:R\  T.  R .  S. 

Genus  uero  hui'  descriptionis  J,ä  qd  sup"  cü  punctis.  V  &  uocalih ; 
qua  suhf  cü  aliis  uocalih;  qua  solitü  est.  informatv  contin&ur.  ferf"  qd  scs 
honifaci'  archi  eps.  ac  martyr  de  angidsaxis  ueniens.  hoc  antecessor'h'  nris 
denionstrar<&.  qrl  tafn  non  ab  illo  inprimis  coeptü  e.  sed  ah  antiquis  istius 
modi  usus  creuisse  comperim'.  AEIOY.  \  B.  F.  K.  P.  X.  KBBXS.  ocfp.  fPR 
tKS.  KEP.  1  KNSTBP.  SBFFKRP  \  BRCHK.  \  fENENS.  ßCBK 
PfPR.\ 


a    b 

c     d     e     f    g 

h     i 

k    1 

m     n     0     p 

q    r 

ik  ia 

ib    ic    id    ie 

is    iz 

s     t 

u     X     r     z 

ih  it 

k   ka  kb  kc 

*)  über  die  Glossen  dieser  Handschrift  s.  Hoffmann'e  Glossen  S.  56. 


258  H.  F.  MASSMANN,  RUNEN  AUS  ROM  UND  WIEN. 

abcd         e         fgh 
il.  ill.  illl.   ilUl   lUlIl.  illllll.  ul.  iill. 
i       k         1  m        n       0       p 

iilU.  iillll.  Illllll.  iillllll.  ml.  Hill.  iiiUl. 
q  r  s  t       u 

Illllll.  Iillllll.  mllllll.  Hill.  imll. 
X         y  z. 

Illllll.  Iillllll.  iiiilllll. 
Ich    lasse    hiernach    die  Runen    aus    den   beiden  Wiener  Hand- 
schriften (1G09  und  ]  761)  folgen,  die  ich  durchzeichnen  konnte.  *) 

Cod.  1609  f.  3^ 

asc.  biritli.  eben.  thorn  ech 


ajj- 

bB 

er 

dW 

cM 

fech 

gibu. 

hagale. 

bis. 

ij 

gilch 

lagv. 

man 

not 

othil 

perc 

Cod. 

1761.  f.  100.  a. 

asch.         .bh-iht. 

ai:    biß 

.chen. 

.thorn. 

dW 

.eho. 
eM. 

.fehe.           .gi 

fF    g- 

ibii.          .hagale. 

.bis             gi 

Ich           lag^' 

1  >^ 

f.  100". 
rehtt 

man. 
mP<l 

suhil 

.not. 
tac 

othil 
hiir 

.percb. 

•pK. 

helahc 

.chon. 
huyri 

rX-        slr        .t4^        uH.        c^^       yT        z^.Item. 


*)  Andere  Runen-ABC's  werde  ich  später  mittheilen.  Das  Verhältniss  aller  dieser 
Runenalphabete  zu  Thorodd's  altnordischem  (Holtzmann's  Altdeutsche  Grammatik  I,  1, 
Leipzig   1870,  S.  14)  wäre  zu  untersuchen. 


TU.  WISEN,  ALTNORDISCHE  WORTDEUTUNGEN.  259 


ALTNOEDISCHE  WORTDEUTUNGEN. 

VON 

THEODOR  WISEN. 


1.  Grdniij  grduca^  grscnast. 

Wir  betrachten  zuerst  das  Zeitwort  grcenast,  das  nur  an  wenigeu 
Stellen  in  der  altnordischen  Litteratur  vorkonnnt.  Es  wird  dasselbe 
überall  in  solchem  Zusammenhange  getroffen,  daß  zwar  der  Inhalt  des 
Ganzen  nicht  dunkel  ist;  dabei  aber  sind  bei  Erklärung  der  Etymologie 
dieses  Zeitworts  und  dessen  verschiedener  Bedeutungen  den  Sprach- 
forschern gewisse  Schwierigkeiten  begegnet,  die  bis  jetzt  noch  nicht 
erledigt  zu  sein  scheinen. 

Das  Wort  grcvnast  kommt  meines  AVissens  an  folgenden  Stellen 
vor:  Helgakvida  Hundiugsbana  II,  50  Bugge:  .Jcvect  ek  grams  pinig 
grcenast  vdnir;'''-  Sturl.  S.  3,  26:  .^grcenist  fridr'-^  (wo  gnvnist  mit 
rcena  adalhendiug  bildet);  Biskupa  Sögur  I,  489:  „var  pd  samiliga  vmt 
])eim  i  fyrsto,  en  pö  groendist  hrdtt.^^  An  allen  diesen  Stelleu  fordert 
der  Zusammenhang,  daß  grcenast  mit  'sich  vermindern,  geringer  werden, 
abnehmen'  oder  ähnl.  übersetzt  werde.  Es  steht  demnach  mit  grcmasf, 
tenuari,  minui,  evanescere,  vollkommen  gleichbedeutend.  Es  ist  aber 
dennoch  nicht  recht,  wie  Rask  und  die  Arna-Magnäische  Edition  der 
altern  Edda  es  thuu,  in  Helgakvida  H.  II,  50  ganz  einfach  nur  grennast 
statt  grcenast  einzusetzen,  denn,  wenn  auch  die  Bedeutung  dieser 
Wörter  dieselbe  ist,  müssen  sie  doch  formell  aus  einander  gehalten 
werden.  Ebenso  irrig  ist  es  mit  Lüning  und  Fritzner  groenast  zu 
schreiben,  denn  es  ist  doch  unbegreiflich,  wie  dieses  Wort,  das  er- 
grüneu,  grün  werden,  grünen'  bedeutet^  zugleich  zu  der  Bedeutung  'sich 
vermindern'  kommen  könnte. 

In  den  „Aarböger  for  Nordisk  Oldkyudighed  og  Historie",  18G6, 
S.  383—5,  hat  Gislason  bei  Erörterung  der  Helgakv.  H.  II,  50  mit 
Recht  die  Aufnahme  der  Lesarten  grennast  und  groenast  verworfen  und 
die  unwiderlegliche  Bemerkung  gemacht,  daß  gra>nast  hinsichtlich  der 
Form  sich  zum  Adj.  grdnn  in  ganz  derselben  Weise  verhält  wie  vcenast 


260  THEODOR  WISÄN 

ZU  van,  rccnast  zu  rdn,  mcelast  zu  mal,  u.  s.  f.  Audi  Bugge  a.  a.  O. 
seiner  Edda-Edition  hat  sich  für  die  Möghchkeit  der  Bildung  des  Zeit- 
worts grcenast  vom  adj.  grdnn  ausgesprochen. 

Beide  geehrten  Sprachforscher  halten  jedoch  die  Ansicht  fest^  das 
Adj.  grdnn  sei  mit  grdr  =  grau  gleichbedeutend.  Wie  wird  man  sich's 
denn  aber  denken,  daß  von  einem  Adjectiv  mit  der  Bedeutung  'grau 
ein  Zeitwort  mit  der  Bedeutung  *^sich  vermindern'  könne  hergeleitet 
werden,  zudem  das  Zeitwort  groenast  in  der  alten  Litteratur  nie  mit 
der  sinnlichen  Bedeutung  'grau  werden  vorkommt?  Bugge  stellt  die 
folgende  Serie  auf,  um  den  Uebergang  zwischen  den  verschiedenen 
Bedeutungen  des  Zeitworts  grcenast  (oder  des  damit  gleichdeutigeu 
grdna)  zu  bezeichnen:  1)  grau  werden;  2)  unfreundlich  werden;  3)  sich 
vermindern,  abnehmen.  Zwischen  2)  und  3)  scheint  doch  der  Sprung 
allzu  groß,  und  es  möchte  schwer  halten  sowohl  irgend  einen  analogen 
Begriflfsüb ergang  darzulegen  als  auch  aus  der  alten  Litteratur  die  An- 
wendung des  Wortes  in  den  drei  verschiedenen,  hier  oben  angeführten 
Bedeutungen  zu  belegen.  Gislason  (a,  a.  O.)  findet  nichts  natürlicher 
als  daß  man  sage,  „der  blaue  Himmel  der  Hoffnung  ergraue,  wenn  er 
daran  sei  von  den  Nebeln  des  Mißmuthes  oder  der  Verzweiflung  be- 
schleiert  zu  werden."  Uns  will  es  aber  bedünken  als  sei  dies  eher 
eine  moderne  Vörstellungs-  und  Ausdrucksart  als  eine  solche,  die  in 
einem  der  Lieder  der  altern  Edda  füglich  erwartet  werden  darf.  Ein 
solches  Bild  einer  „grau  werdenden  Hoffnung"  scheint  sogar  für  einen 
Dichter  unserer  Tage  zu  kühn,  und  ein  solcher  Ausdruck  könnte  mög- 
licherweise bezeichnen,  die  Hoffnung  werde  alt,  ältlich  u.  s.  f ,  aber 
nimmermehr,  daß  dieselbe  abnehme  und  verschwinde.  Sonderbar  wäre 
es  auch,  daß  im  genannten  Ausdruck  eben  die  reflexive  Form  grcenast 
sollte  gebraucht  werden,  da  es  doch  natürlicher  gewesen  wäre,  das  in 
Analogie  mit  hldna,  hv'äna,  sortna  u.  a.  gebildete  Zeitwort  grdna  an- 
zuwenden. 

Alle  diese  Schwierigkeiten  werden  durch  die  Annahme  beseitigt, 
das  Zeitwort  grmnast  sei  gebildet  von  einem  Adjectiv  grdnn  =  schlank, 
schmal,,  dünn,  fein,  und  folglich  mit  grannr,  nicht  aber  mit  grdr  gleich- 
bedeutend. Die  Existenz  eines  solchen  Adjectivs  wird  von  der  in 
schwedischen  Mundarten  befindlichen  Form  gran  (mit  langem  ä)  be- 
stätigt, die  mit  grann  (kurzes  a),  grann  (=  altuord.  grannr)  wechselt. 
Vigfusson  erkennt  auch  grdnn  als  eine  Wechselform  von  grannr,  indem 
er  in  seiner  Bearbeitung  von  Cleasby's  Wörterbuch,  s.  v.  GRANNR, 
sagt:  ,,it  appears  with  a  long  vowel  in  grdn  vdn  =  thin,  slender  hope" 
(Gisl.  Sürs  S.  06),  etc. 


ALTNORDISCHE  WOKTDEUTUXGEN.  261 

Wenn  diese  Annahme  richtig  ist,  so  ist  'vermindert  werden,  ab- 
nehmen' eben  die  ursprüngliche  Bedeutung  des  Zeitworts  gi-cenast,  und 
die  Uebersetzung  von  Helgakv.  Hund.  II,  50  und  Sturl.  S.  3,  26  wird 
einfach  und  natürhch.  Nicht  minder  leicht  zu  erklären  wird  denn  auch 
der  Ausdruck  Bisk.  S.  I,  489  ,.grcBndist  med  peim^,  welcher  nicht  über- 
setzt werden  darf  „es  wurde  zwischen  ihnen  grau",  sondern  in  Über- 
einstimmung mit  den  Redensarten  „verdr  fdtt  med  peim,  fcekkast  med 
])eim^^  u.  dergl.  aufgefaßt  werden  muß.  Diesen  Ausdrücken  liegt  ganz 
dieselbe  Vorstellungsweise  zu  Grunde. 

So  wie  man  von  van  sowohl  vcena,  vcenast  als  vdna  hat,  so  muß 
man  auch  von  grdnn,  tenuis,  subtilis,  beide  Wechselformen  grcenast 
und  gi-dna  annehmen.  Der  altnordische  Ausdruck  ^gamanit  grdnar'^ 
bedeutet  somit  nicht  etwa  daß  der  Spass  „grau  werde",  sondern  daß 
er  minder  werde.  Ebenso  übersetze  ich  die  von  Ivar  Aasen  erwähnte 
Redensart  „Jce  graana'  mce  doem  =rz  groendist  med  peim.  Auch  in  Sturl. 
III,  216  möchte  ich  dieses  Zeitwort  grdna  am  liebsten  annehmen,  wie- 
wohl grdna  dort  auch  accus,  sing.  fem.  sein  könnte. 

Vielleicht  wäre  es  am  vorsichtigsten  diesen  Aufsatz  hier  zu  be- 
schließen. Wir  können  aber  nicht  einen  lange  gehegten  Zweifel  unter- 
drücken, daß  nämlich  das  Adjectiv  grdnn  niemals  mit  der  Bedeutung 
canus,  griseus,  cinereus,  wie  Egilsson  im  Lexicon  poet.  antiq.  lingu» 
septentr.  angibt,  vorkomme.  Das  Adjectiv  grdnn  gehört  lediglich  der 
Sprache  der  Skalden;  es  findet  sich  weder  in  den  Prosaschriften  noch 
in  der  altern  Edda.  Wir  haben  auch  das  Vorkommen  des  Wortes  an 
keinen  andern  Stellen  als  den  von  Egilsson  im  Artikel  grdnn  aufgezählten 
bemerkt.  Betrachtet  man  indessen  etwas  näher  diese  von  Egilsson  an- 
geführten Citate,  so  findet  man,  daß  die  Bedeutung  'dünn,  schmal 
schlank,  fein  oft  viel  besser  als  'grau,  immer  ebenso  gut  als  dieses 
Wort  paßt.  Das  kann  doch  nimmermehr  auf  einer  baren  Zufälligkeit 
beruhen.  Ein  Mißverständniss  des  Wortes  ist  ohnehin  leicht  erklärlich, 
da  es  nur  auf  die  künstlichere  Dichtersprache  beschränkt  war  und 
ausserdem  seine  phonetische  Gleicheit  mit  grdr  leicht  zu  einer  Ver- 
wechslung verleiten  konnte. 

Betrachten  wir  Egilssons  Belegstellen,  so  finden  wir  zixerst,  daß 
drei  Thiernamen,  nämlich  die  Schlange,  der  Wolf  und  der  Hund,  mit 
dem  Epithet  grdnn  vorkommen.  Die  Schlange  betreifend,  so  wird  sie 
(in  Gydingsvisur,  str.  4)  grdnn  grafpvengr  genannt,  und  es  ist  wohl 
natürlicher  hier  grdnn  =--  länglich,  schmal,  zu  übersetzen,  als  'grau, 
da  es  ja  Schlangen  von  verschiedener  Farbe  giebt.  Daß  der  Wolf 
'grau   genannt  werde,   ist  etwas  gewöhnliches,  aber  eben  so  natürlich 


262  THEODOR  WISEN 

ist,  daß  der  Wolf  in  Bezug  auf  seine  längliche,  schlanke  Gestalt  das 
Epithet  grdnn  erhalte,  wie  er  auch  in  derselben  Hinsicht  svdngr  genannt 
wird  (ein  Wort,  das  nicht  immer  hungrig  übersetzt  werden  darf,  son- 
dern oft  in  seiner  ursprünglichen  Bedeutung  'schlank,  zart,  länglich', 
vorkommt  —  eine  Bedeutung,  die  svdngr,  svang,  in  schwedischen  Mund- 
arten noch  heutzutage  besitzt).  Daß  der  Hund  grdnn,  schmal  und  läng- 
lich, geheißen  werde,  ist  nicht  minder  natürlich  als  mit  Bezug  auf  den 
Wolf.  Besonders  verdient  bemerkt  zu  werden,  daß  man  nicht  mit 
Egilsson  strütr  inn  grdni  =  canis  einerei  coloris  übersetzen  kann,  so- 
fern man  desselben  Verfassers  Deutung  von  sfn'itr  =  canis  coUo  can- 
dido  vel  nigro,  cetera  discolor,  gut  heißt;  denn  da  liegt  ja  im  selben 
Namen  strütr  ausgedrückt,  daß  der  Hund  nicht  grau  war. 

In  Geisli,  str.  32,  wird  geschildert,  wie  für  ein  dänisches  Weib, 
das  sich  erlaubte  an  dem  Festtage  des  heilisren  Olaf  unsresetzlich  zu 
backen,  das  Mehl  zu  feinem  Gries  {at  grdnu  grjöti)  wurde.  Dieses  grdnt 
grjüt  darf  nicht  übersetzt  werden  'grisea  saxa'  (!),  denn  die  Farbe  ist 
hier  vollkommen  gleichgültig,  wogegen  grjöt  allein  gewöhnlich  von 
größeren  Steinen  gesagt  wird,  und  somit  hier  das  Epithet  gj^dnt  mit 
Nothwendigkeit  erfordert,  damit  die  Bedeutung  'Gries,  zermalmter 
Stein,  herauskomme. 

Grdnn  kommt  auch  mit  der  Bedeutung  'fein,  reinlich,  zierlich, 
kostbar  u.  s.  w.  vor.  Hieher  muß  der  Ausdruck  gi^dn  shinn  in  Forn- 
manna  Sögur  H,  280  gezogen  werden.  Zwar  heißt  es  in  der  voran- 
gehenden Erzählung,  daß  Thorkell  yfir  ser  dgceta  guctvefjar  shikhju 
samdregna  liinuni  hezta  gram  sJcinnum  hatte;  dieß  aber  darf  uns  nicht 
abhalten  einzugestehen,  daß  in  der  eben  citierten  Strophe  Hallarsteinn 
vorerst  die  Kostbarkeit  und  Zierlichkeit  des  zum  Mantel  angewandten 
Tuches  und  Pelzwerkes  betont  habe.  Grdn  sldnn  giebt  somit  eine 
bessere  Deutung  als  grd  sklmv^-).  Ungefähr  dieselbe  Bedeutung  hat 
grdnn  in  Olafsdr.  Tryggv.  str.  24,  wo  es  vom  Wolfe  gesagt  wird,  daß 
er  zu  einem  Schlachtfelde  mit  unbeschmutzten,  reinen  Pfoten  {gränar 
foetr)  kam,  aber  mit  rothen,  blutbesudelten  davon  gieng. 

Noch  bleibt  uns  eine  von  Egilsson  augeführte  Stelle  zu  betrachten 
übrig,  nämlich  Snorra  Edda  I,  254  (ed.  Arna-Magn.) :  liolmr  inn  grdni, 
das  mit  Holmr  inn  grdi  (Fornmanna  S.  HI,  222)  gleichbedeutend  sein 


*)  In  Scripta  Histor.  Island,  11 ,  265  hat  Egilsson  zwar  in  den  Text  die  Deutung 
canse  pelles  aufgenommen,  scheint  aber  keine  bestimmte  Ansicht  von  der  Bedeutung 
des  grdnn  gehabt  zu  haben,  da  er  in  einer  dazu  gehörigen  Note  grdnn  =  groenn,  viridis, 
oder  aber  auch  =  grönn,  tenuis,  ansieht.  Letztere  Deutung  ist  unzweifelhaft  die 
richtigere. 


ALTNORDISCHE  WOKTDEUTUNGEN.  263 

sollte.    Dieß   dürfte  doch  vielleicht  nicht  so  ganz  ausgemacht  sein,  in- 
dem  die  Lesarten    an   der    bezüglichen  Stelle  zu  schwanken  scheinen. 

Liest  man: 

Frd  eh  vkt  hulm  at  heyja 

küdingar  fr  am  gingit 

—  lind  vard  grdn  —  inn  grdna 

geirjnng  —  i  tvau  springa', 

so  bekommen  wir  in  der  dritten  Verszeile  gegen  die  Regel  adalheuding 

statt  skothending,  und  es  ist  daher  Grund  mit  Codex  Upsaliensis  ^inn 

qrona'"''  (von  gröinn  =  grünend,  grasbewachsen)  statt  grdna  zu  lesen. 

Wir  finden  demnach  die  Existenz  eines  Adj.  grdnn  mit  der  Be- 
deutung '^grau  zum  wenigsten  unsicher.  Ein  Analogen  einer  solchen 
AVechselform  wie  grdr  und  grdnn  kann  noch  weniger  nachgewiesen 
werden.  Daß  aber  kurzes  a,  wen  geminiertes  n  folgt,  in  der  Stamm- 
silbe zu  a  (altnord.  d)  getrübt  werde,  ist  in  schwedischen  Mundarten 
etwas  gewöhnliches,  z.  B.  hann  (band)  =  hann-^  anne  (ande)  =^  anne\ 
sann  (sand)  =  sann,  ganz  wie  grann  =  gränn  (vgl.  die  dänischen 
Wörter  Haand,  Aand  u.  dgl.,  ausgespr.  wie  Haann,  Aann).  Ahnlich  ist 
im  Altnordischen  der  Übergang  von  grannr  zu  grdnn. 

In  Zusammenhang  mit  dem  eben  Angeführten  möge  auch  erwähnt 
werden_,  daß  der  Name  Grdni  des  Pferdes  Sigurd  Fafnisbanes  ganz 
gewiss  nicht  mit  Egilsson  „a  cinereo  colore"  erklärt  werden  darf, 
sondei'n  =  schlank,  fein  gebaut.  Dieß  ist  für  Pferde  ein  gewöhnliches 
Epithet.  So  werden  in  Grimnismäl,  str.  37,  die  Pferde  der  Sonne 
svdngir  =  schlank  (nicht  =  hungrig)  genannt;  vgl.  Helgakv.  Hund 
I,  42  (Bugges  Ed.)  und  Oddrünar  grätr  str.  3.  —  Auch  in  Rigsmäl 
Str.  38  wird  das  Pferd  svangrifja  genannt  —  ein  zierliches  Epitheton, 
das  dort  mit  grdnn  vollkommen  gleichbedeutend  steht.  Die  in  der  aus 
späterer  Zeit  datierenden  Nornagests  Saga  cap.  7  gegebene  Beschrei- 
bung von  der  Größe  des  Pferdes  Sigurds  dürfte  uns  nicht  abhalten, 
auf  die  jetzt  vorgeschlagene  AVeise  den  Namen  Grdni  zu  erklären,  zu- 
mal Jonssons  und  Egilssons  Deutung  dieses  Wortes  in  den  altnordi- 
schen Schriften  der  Stütze  entbehrt. 

2.  Hertrygd,  Hertygd. 

In  der  Erfidrapa  Hallfred  Vandrsedaskalds  über  König  Olaf 
Tryggvason  begegnet  folgende  Strophe  (Heimskringla ,  Ol.  Tryggv. 
S.  c.   110): 

y^Geta  skal  mdls  pess  er  vicela 

menn  at  vdpna  sennu 


264  THEODOR  WISEN,  ALTNORDISCHE  WORTDEUTUNGEN. 

dölgu  fangs  vid  drengi 

ddctöflgan  gram  kvddu. 

Baäa  hertrygdar  hyggja 

hnekkir  sina  rekha 

(pess  Ufa  pjddar  sessa 

Prdttar  ord)  d  flötta. 
Snorre  Sturluson  sagt  in  seiner  Erzählung  von  der  Schlacht  zu 
Swolder,  daß  die  Männer  Olaf  Tryggvasons,  ala  sie  die  sämmtlichen 
Schiffe  des  Feindes  gewahr  worden,  den  König  wegzusegeln  und  sich 
in  keinen  Streit  gegen  eine  so  überlegene  Macht  einzulassen  baten. 
Der  König  aber  atitwortete:  ^Fällt  das  Segel;  nicht  sollen  meine  Mannen 
an  Flucht  denken,  ich  bin  niemals  im  Streite  geflohen.  Gott  sorge  für 
mein  Leben,  aber  nie  will  ich  mich  auf  die  Flucht  begeben.*  Auf 
diese  Worte  deutet  Hallfred  in  seiner  hier  oben   citierten  Strophe. 

Es  ist  nur  die  zweite  Hälfte  der  Strophe,  die  eine  Schwierigkeit 
bei  der  Deutung  macht.  Und  diese  Schwierigkeit  liegt  lediglich  in 
dem  Worte  hertrygdar.  Daß  es  eben  dieses  Wort  sei,  das  corrumpiert 
worden^  zeigt  sich  schon  aus  den  vielen  Varianten^  die  an  der  ent- 
sprechenden Stelle  in  den  verschiedenen  Handschriften  sich  finden  und 
die  in  Egilsson's  Lex.  Poet.  s.  v.  hertygd  verzeichnet  sind.  Man  liest 
hertrygdar,  hertygdar,  her  tryggvan,  hertryggvir,  herdyggvir,  hratt  ygdar. 
Schon  aus  textkritischen  Gründen  wird  demnach  das  Wort  hertrygdar 
(mit  dessen  Varianten)  verdächtig,  und  noch  mehr,  wenn  auf  den  Zu- 
sammenhang gesehen  wird.  Wörter  wie  hertygd,  hertrygd,  hertryggvir, 
herdyggvir  finden  sich  in  der  Sprache  nicht;  hratt  ygdar  ist  ebenso 
gänzlich  unübersetzlich;  her  ti-yggvan,  das  augenscheinlich  der  Emen- 
dation  eines  Abschreibers  seine  Existenz  verdankt,  würde  nach  der  von 
Egilsson  angenommenen  Deutung  einen  erträglichen  Sinn  geben  können. 
Egilsson  findet,  daß  die  Besserung  im  Worte  sina,  das  er  zu  Svia 
ändert,  liege.  Dieß  kann  aber  nicht  richtig  sein,  denn  einerseits 
stimmen  alle  Handschriften  in  der  Lesart  sina  überein,  und  anderer- 
seits bleibt  dennoch  hertrygdar  (oder  was  man  statt  dessen  sonst  lesen 
will)  nicht  minder  unbegreiflich.  Hnekkir  Svia  rekka  enthält  ausser- 
dem eine  Anticipatiou  von  etwas,  das  erst  bei  einer  späteren  Gelegen- 
heit sich  ereignete.  Liest  man  hnekkir  Svia  rekka  hada  her  trygg- 
van hyggja  d  flötta,  so  erhält  man  einen  keineswegs  guten,  aber  doch 
annehmbaren  Sinn,  obwohl  die  Ermahnung  König  Olafs,  falls  das  Heer 
schon  trygt  war,  ziemlich  unmotiviert  und  überflüssig  erscheint. 

Der  Fehler  liegt  augenscheinlich  in  hertrygdar  (der  am  wenigsten 
corrumpierten  Lesart),  und  ebenso  augenscheinlich  muß  dieß  Wort  in 
tortrygd<ir  verbessert  werden.     Wir  lesen  demnach: 


E.  FÖRSTEMANN,  STKASSENNAMEN  VON  GEWERBEN.  205 

Bada  tortrygdar  hyggja 
hnekki'r  nna  rekka 

.   d  ßutta ; 
d.  h.  'repulsor    diffidentise  suos  milites  vetuit  fugam  meditari'.    Der 
Ausdruck   hnekkja  tortrygd  eins  kommt  an  mehreren  Orten  vor.     Vgl. 
z.  B.  Forumauua  S.  VIII,  48. 
LUND,  Mai  1871. 


STKASSENNAMEN  VON  GEWERBEN. 

VON 

E.  FÖKSTEMANN. 

(Dritte  Sammlung.     Vgl.  Jalirgang  XIV,   1-26;  XV,  261-284.) 


Zum  dritten  und  wohl  zum  letzten  Male  bin  ich  im  Stande,  reichen 
Stoff  für  die  gewerblichen  Straßennamen  zusammenzutragen.  Der 
Gegenstand^  bis  dahin  kaum  angerührt,  hat  mehr  und  in  weiteren 
Kreisen  angesprochen  als  ich  erwarten  durfte,  und  das  Verzeichniss 
derer,  welche  mir  neue  Beiträge  geliefert  haben',  enthält  außer  mehr- 
reren  schon  früher  erwähnten  Förderern  der  Sache  einige  Namen  von 
besonders  gutem  wissenschaftlichem  Klange  und  zwar  vom  äußersten 
Osten  bis  zum  äußersten  Westen  der  deutschen  Zunge  hin.  Ich  gebe 
hier  mit  innigstem  Danke  diese  Namen  in  alphabetischer  Reihe:  Ber- 
theau,  Pastor  in  Hamburg;  FrensdorflC,  Prof.  in  Göttingen;  Gelbe^  Ober- 
lehrer in  Chemnitz;  Heller,  Pastor  in  Travemünde  bei  Lübeck;  Here- 
mans^  Prof.  in  Gent;  v.  Keller,  Prof.  in  Tübingen;  Krause^  Gymnasial- 
directorin  Rostock;  Latendorf,  Prof.  in  Schwerin;  Lisch,  geheimer 
Archivrath  in  Schwerin;  Pressel,  Prof  in  Ulm;  Pütz^  Prof  in  Cöln; 
Russwurm,  Archivar  in  Reval;  Schiefner,  Staatsrath  und  Mitglied  der 
kais.  Akademie  in  Petersburg;  Frau  P.  v.  Sick,  geb.  v.  Huber  in  Stutt- 
gart; Sieber,  Lehrer  am  Pädagogium  in  Basel;  Spengel  und  Strauch^ 
beides  Primaner  in  Hamburg;  Zingerlc;,  Prof.  in  Innsbruck.  Ferner 
habe  ich  zu  zwei  verschiedenen  Malen  besonders  reiche  und  gründ- 
liche Zuschriften  von  dem  schon  Germania  XIV,  2  erwähnten  Anony- 


266  E.  FÖRSTEMANN 

mus  aus  Nürnberg,  der  ungesehu  und  treu  meine  Wege  verfolgt,  er- 
halten. Endlich  ist  zu  erwähnen,  daß  schon  meine  zweite  Sammlung 
einige  dankenswerthe  Zusätze  von  der  Hand  des  Prof.  J.  M.  Wagner 
in  Wien  erhalten  hat;  zwei  derselben  stehen  als  Anmerkungen  unter 
dem  Text,    dergleichen   ich   sonst  in  allen  meinen  Arbeiten  vermeide. 

Unter  den  nun  benutzten  gedruckten  Quellen  muß  ich,  um  sie 
unten  öfters  kurz  citieren  zu  können,  hier  noch  besonders  hervor- 
heben Deecke,  E.^  Lübeckische  Ortsnamen  im  vorigen  Jahrhundert, 
Lübeck  1859.  4.  15  S.  Eine  fleißige  Arbeit;  leider  ist  bei  den  ein- 
zelneu Namen   nicht  angegeben,    ob  sie  noch  gegenwärtig  gültig  sind. 

Jetzt  liefere  ich  zuerst  wieder  wie  früher  ein  alphabetisches  Ver- 
zeichniss  und  hebe  durch  ein  vorgesetztes  Sternchen  diejenigen  Grewerbe 
hervor,  die  schon  in  den  früheren  Sammlungen  vorkamen. 

*Aalstecherbruch,  nur  ein  älterer  Name  für  die  Aalstecher- 
strasse in  Rostock. 

*Ünter  den  Altbüetzern  im  14.  Jahrhundert  in  Basel,  jetzt 
ein  Theil  der  Stadthausgasse.  Auch  die  neu  umgenannte  Blücher- 
strasse in  Rostock,  die  ich  XV,  266  besprach,  gehört  nun  hieher;  Lisch 
schreibt  darüber:  „Die  Strasse  hieß  immer  Oltbödelstrate  (oder  01t- 
boterstr.),  noch  zu  meiner  Studentenzeit.  Da  wurde  man  ohne  Ge- 
schichte überklug  und  übersetzte  dieß  in  Altbettelmönchstrasse  und 
schrieb  dieß  an  die  Strassenecke,  obgleich  die  fratres  communis  vitae 
nie  Bettelmönche,  sondern  fleissige  Arbeitsbrüder  gewesen  sind.  Der 
Name  Oldbodelstrate  ist  auch  alt,  z.  B.  1519,  s.  Mecklenb.  Jahr- 
bücher IV,  S.  255,  267  und  öfters".  Zu  den  schon  XIV,  3  angeführten 
Synonymen  für  Aitbüsser  scheint  auch  zu  gehören  altrusen  Urk.  v. 
1444  (Leipziger  Urkundenbuch  N.  229). 

*Ammannsstraat  Antwerpen. 

"Apothekergarten  und  Apothekerhof  dicht  bei  Lübeck, 
Deecke  S.  7.  W^ie  Heller  zu  Travemiinde  meldet,  war  Apother- 
twiete  in  Lübeck  der  frühere  Name  der  „weiten  Krambuden".  Apo- 
thekerstrasse Hadersleben  (Schleswig),  Reval.  Ein  Apotheker  Con- 
rad Lochuer  kommt  in  Nürnberg  schon  1399  von  (Chroniken  der  frän- 
kischen Städte  I,  69,  17;  273,  24). 

*Aschgerber Strasse  in  Reval;  mau  soll  sie  auch  früher  Arsch- 
gerberstr.  gesprochen  haben,  indem  man  an  die  Wohnung  des  Büttels 
dachte.  Dadurch  ist  die  imerklärliche  Form  Aschgeber  (Germania 
XIV,  4)  auf  ihre  ältere  Gestalt  zurückgeführt.  Zur  Sache  selbst  finde 
ich  bei  Hildebrand  Chemische  Betrachtung  der  Lohgerberei  (1795)  S. 
24  die  Bemerkung,  daß  der  A escher,  in  den  die  Felle  kommen,  um 


STRASSENNAMEN  VON  GEWERBEN.  267 

die  Haare  herauszubringen,  das  ist^  Avas  man  in  der  Chemie  Kalkmilch 
nennt.  Ob  das  Verbum  ab  es  ehern  (s.  Grimm  Wbch.)  hiemit  zu- 
sammenhängt? Die  unmittelbare  Entstehung  dieses  Wortes  aus  Asche 
cinis  ist  begrifflich  etwas  sclnvierig. 

*Bäckergasse  Augsburg.  Bäckerstrasse  Altena,  Bremen, 
Hameln,  Riga.  Bäcker  gang  in  Lübeck  dreimal.  Beck  er  grübe 
in  Lübeck  bei  Deecke  S.  2.  Auch  eine  Örtlichkeit  Beckerwisch  bei 
Lübeck  Deecke  S.  7.  Bäckerbreitergang  (angiportus  pistorum  major) 
in  Hamburg  seit  1G18  und  noch  jetzt  vorhanden.  Dagegen  hat  die 
Bäckerthorgasse  in  Innsbruck  mit  den  Bäckern  nichts  zu  thun,  denn 
sie  hieß  fi'üher  Pickernthorgasse  vom  Pickernthor. 

'••'Badergasse  Mainz.  Badergässchen  Basel.  Das  erste  Haus 
heißt  „zum  alten  Bad".  Baderstrasse  Reval  (Esthland).  Badstubeu- 
strasse  Hadersleben  (Schleswig),  Reval.  Stavendamm  Bremen. 
Stobenstrasse  a.  1G70  in  Braunschweig;  s.  Ztschr.  des  histor. 
Vereins  für  Niedersachsen  1869  S.  240.  Auf  eine  Stabenstrasse  in 
Lübeck  macht  mich  Heller  in  Travemünde  aufmerksam, 

*Zu  Battinmacher  ist  folgendes  zu  bemerken:  Battinen,  Pat- 
tinen, Pattinken  sind  Holzschuhe  aus  Holzsohle  und  vollem  Fussleder; 
das  Wort  ist  ebenso  im  deutschen  Posen  wie  in  der  Rheinprovinz  be- 
kannt. In  Stade  sind  es  Holzpantoffeln  mit  Holzsohle  und  vorderm 
Oberleder  (sogenannte  Klapp-Pantoffeln)  im  Gegensatz  gegen  die  aus 
einem  Holzstück  gefertigten  vollständigen  Schuhe  oder  „Klönken", 
die  von  der  Weser  (vielleicht  von  der  Ems)  an  durch  das  ganze  Moor- 
und  Wasserland  bis  oben  nach  Jütland  üblich  sind.  Battinmacher  sind 
demnach  wohl  Holzschuher.  Das  Volk  lehnt  sich  das  Wort  an  pedden 
treten  an.  In  Westfalen  sagt  man  Pantinen,  jetzt  auch  in  der  Be- 
deutung von  Überschuhen. 

*  Unter  den  Becheren  (picatores^  picai'ii,  Verfertiger  hölzerner 
oder  zinnerner  Becher)  Basel  sec.  14;  jetzt  ein  Theil  der  „freien 
Strasse". 

*Bekermakers träte  a.  1492  in  Bremen,  s.  Brem.  Jahrb.  V, 
193;  196. 

Beeuhouwerstraat  Antwerpen,    Gent.     Also   ein   Synonymum 
von  Knochenhauer,  Fleischhauer  u.  s.  w. 
Bergmanns  gas  se  Prag. 

Bier  spünder  gang  Lübeck.  Bierspünder  sind  wohl  diejenigen, 
welche  das  Bier  auf  Fässer  ziehen. 

Bier ste eher thurm  (wegen  der  früher  dort  angestellten  Bier- 
probe). Lübeck,  Deecke  S.  6.  Vgl.  die  Weinstichergasse  in  meinem 
zweiten  Aufsatz. 


2(38  t:.  förstemann 

*Bindergasse  Botzen  (Tirol). 

*Bleicherstrasse  Bremen,  Frankfurt  a.  M.,  Wandsbeck;  auch 
die  Bleichergasse  in  Altena  nennt  man  jetzt  -Strasse.  Bleiche rtwiete 
Bergedorf  bei  Hamburg.  Bleekersreke  Gent. 

Boten  gas  sehen  Cölu.  Wohl  synonym  mit  den  Rathsdienern 
u.  s.  w. 

*Böttcher Strasse  oder  Böddeckerstrasse  Lübeck;  s. Deecke 
S.  2.  Böttcherstrasse  in  Bremen  schon  sec.  15;  s.  Brem.  Jahrb.  V 
193,  196. 

B  r  a  u  n  t  w  e  i  u  b  r  e  n  n  e  r g  a n  g  Lübeck. 

*Br  au  er  Strasse  Altena  (grosse  und  kleine  Br.),  Neumünster 
(Holstein),  Riga.  Brou wersstraat,  Broiiwers vliet  Antwerpen. 

Bräumeistergasse  Pest. 

*Brenner Strasse  (nicht  mehr  -gasse)  in  Hamburg  erst  seit  1824; 
jetzt  getheilt  in  grosse  und  kleine  Br. 

*Büdelmakerstrasse  Lübeck;  s.  Deecke  S.  2. 

*Büttelstrasse  Lübeck;  s.  Deecke  S.  2. 

Daß  *Kaffamacher  =  Sammtweber  oder  -bereiter  ist,  unter- 
liegt keinem  Zweifel.  Das,  woraus  der  Sammt  bereitet  wurde,  hieß 
auch  Kaff-haar.  Kaff  bedeutet  Kleingeschnittenes,  nach  Weigand  I,  552 
Spreu;  in  den  Vierlanden  bei  Hamburg  nennt  man  eine  Art  Häcksel, 
die  in  Matratzen  und  Betten  kommt,  noch  jetzt  Kaff.  Auch  was  Schütze 
II,  210,  211  sagt^  ist  vollkommen  richtig.  Auch  in  Wernigerode  kennt 
man  das  Wort  im  Sinne  von  kleingeschnittenem  Heu. 

*Drehergasse  Stuttgart,  früher   „finstere  Münzgasse". 

Dune  ker  st  rate  früher  in  Reval;  es  war  wahrscheinlich  eine 
Strasse,  in  der  jetzt  noch  Färber  wohnen  und  die  nach  einem  derselben 
Makerstrasse  genannt  wird.  Schon  ahd.  tunichön  linire,  doch  die  Tün- 
cher fehlen  noch  sowohl  im  ahd.  als  mhd.  Wörtei'buch. 

*Färbergasse  und  Färberbrücke  Nürnberg.  Die  Färber- 
strasse  in  Stuttgart  scheint  nicht  alt  zu  sein;  sie  hieß  früher  Schön- 
farbgasse. Verversbrug  und  Verversrui  Antwerpen. 

Fassbindergasse  Cöln. 

Fasser  gasse  Hall  in  Tirol,  =  Binder-  oder  Böttchergasse.  Das 
Wort  ist  mir  sonst  noch  nirgend  begegnet. 

Feldschmiedekamp  Itzehoe  (Holstein).  Mit  unserm  fem.  Feld- 
schmiede (officina  fabri  castrensis)  hat  wohl  dieses  Wort  nicht  unmittel- 
bar etwas  zu  thun;  es  scheint  auf  einen  Feldschmied  zu  gehn;  ist  das 
ein  auf  dem  Felde  wohnender  Schmied  oder  ein  Schmied  für  Feld- 
ereräthe? 


ST  KASSENNAMEN  VON  GE\YEKBEN.  2G9 

Vildersstraat  (ieut.  Nicht  etwa  zu  den  Filterü,  sondern  hol- 
länd.  Vilder,  einer  der  das  Fell  abzieht,  Schinder. 

*Fischerbrücke  Berlin,  Hamburg  (bis  1842).  Fischerdeich 
Bremen.  F  i  s  c  h  e r  g  a  s  s  e  Augsburg,  Nürnberg.  F  i  s  c h  e  r  g r  u b  e  Lübeck ; 
s.  Deecke  S.  3.  Fi  scherhaufen  (sogar  zwei)  vor  Wien  an  der  Donau. 
Fischerstrasse  Dorpat^  Itzehoe.  Auch  die  frühere  Fischergasse  in 
Altona  heißt  jetzt  -Strasse.  Dagegen  hieß  Fischerstrasse  in  Schwerin 
früher  die  ganze  Münzstrasse;  jetzt  nur  eine  aus  wenigen  Häusern  be- 
stehende Verbindung  zwischen  Münz-  uixl  Königsstrasse.  Fischer- 
breite, Fischerbuden  und  Fischerhorst  sind  sämratlich  Örtlich- 
keiten bei  Lübeck,  s.  Deecke  S.  9.  Under  den  vis  ehern,  under 
vis  ehern  im  Augsburger  Steuerregister  von  1380,  1424,  1456  (Auo-s- 
burger  Stadtarchiv),  hey  den  v ischern  Augsburger  Chronik  des  15. 
Jahrh.  (Städtechron.  IV,  328);  über  die  Lage  vgl.  ebds.  Anra.  1.  Für 
das  überall  häufige  Fischmarkt  sammle  ich  nicht. 

*Die  Fleischhackergasse  in  Nürnberg  wurde  früher  auch 
Fleischergasse  genannt. 

Fleischmengergasse  Cölu. 
Fuhrleutestrasse  (grosse  und  kleine)  Bremen. 
*Fuhrmannsgasse  Pest.    Fuhrmannsstrasse   (oder  ist  etwa 
Fährm-  zu  lesen?)  Kiga. 

''Zu  den  Fütterern  vgl.  auch  futterer  bei  Dreyhaupt  Saalkreis 
11,  558;  das  dort  abgedruckte  Innungsprivileg  kann  aber  nicht  aus 
der  Zeit  Erzbischof  Wichmanns  stammen. 

Garbe  reit  ergang  Lübeck.  Vgl.  Garbräter  im  zweiten  Auf- 
satZ;,  Avoraus  es  vielleicht  entstellt  ist;  oder  ist  an  das  Garmachen 
(gerben)    der   Felle    zu    denken? 

*Gärtnergasse  Mainz,  Pest.  G ärtnerkoppel  bei  Lübeck, 
Deecke  S.  9.  Gärtners  trasse  Potsdam.  Gärtner  weg  Frankfurt 
a.   M. 

"Gerber gang  Hamburg;  die  dortige  Gerberstrasse  hieß  auch 
„bei  den  Gerbern'^.  Gerbergasse  Botzen  (Tirol),  Hall  (Tirol),  Prag, 
Würzburg.  Gerberhof  Bremen,  Itzehoe.  Gerberstrasse  Wismar. 
Die  schon  erwähnte  Gerbergasse  in  Basel  hieß  sec.  14  „under  den 
Gerbern",   a.    1294    „inter   cerdones". 

*Goldschmidgasse  Wien;    die  Goldschmidgasse    in  Nürnberg 

kommt    schon  a.   1396   vor.    Goldschmids trasse   Reval   (Esthland). 

Gräbergasse  Mainz.   Es  sind  vielleicht  Brunnengräber  gemeint. 

*Graupnergasse    Teplitz.    In    Schlesien    heißt    Gräupner    ein 

Krämer,    der  mit  Mehl,   Hülsenfrüchten  u.  s.  w.   („Gegräupe")  handelt. 

GERMANIA.  Xete  Reihe  IV.  (XVI.  ,I;,lirg  )  19 


270  ^-  FÖKSTf:MANN 

Unter  den  Grautüchern,  Gratücliern  Basel  sec.  14.  Das 
Gewerbe  der  Grautücher  und  der  Handel  mit  wollenen  Tüchern  über- 
haupt gehörte  zu  den  einträglichen;  es  trieben  denselben  ansehnliche 
Geschlechter.  Verkauften  sie  bloß  die  grauen  Tücher,  welche  im 
gewöhnlichen  Leben  als  Mäntel  oder  Köcke  getragen  wurden  und 
der  Färbung  nicht  bedurften,  so  hieß  man  sie  Gewandschneider; 
s.   Germania   XIV,    8.    Vgl.  Fechter  Topographie  Basels    im   14,   Jhd. 

Grempergasse  Basel,  jetzt  ein  Theil  der  Greifengasse.  EtAva  = 
Grapnergasse? 

*Groper grübe  Lübeck,  s.  Deecke,  S.  3;  in  der  Nähe  liegen 
„die  Kohlgrapen".  Auch  in  Hamburg  sagt  man  nicht  Gröpertwiete, 
sondern  Gröpertwiete.  Gröpelstrasse  hieß  a.  1361  die  jetzige  Rosen- 
strasse    in   Hamburg. 

*Grützmaclierhof  Lübeck.    Grützmacherstrasse   Bremen. 

*Gortersstraat   Antwerpen,    von    den    Grützhändlern. 

*Hakeus träte  (d.  h.  Hökersti'-)  Bremen  a.  1446;  s.  Brem. 
Jahrb.  V,  193,  196.  Die  Höker  oder  Haken  (penestici)  sind  nach 
Laurent  literar.  Centralblatt  1869  Nr.  13  in  Hamburg  als  Butter- 
händler zu  fassen,  nicht  mit  Koppmann  als  Gänsehändlerinnen  anzu- 
sehen; nach  letzteren  heißt  wohl  nirgends  eine  Strasse,  aber  man 
kauft  in  Hamburg  noch  beute  bei  Butterhändlern  gern  und  vor- 
wiegend  auch    eine   fette    Gans. 

*Hefnerplatz  (amtlich  Häflfuerplatz  geschrieben)  Nürnberg.  Es 
ist  sehr  zu  bezweifeln,  daß  dieser  Name  von  den  Hafnern  =:  Töpfern 
herkommt,  da  dergleichen  dort  nie  gewohnt  haben  und  der  Plural 
von  Hafner  in  Nürnberg  nicht  umlautet.  Man  kann  an  Hefner,  d.  h. 
Bereiter   von   Hefe    denken. 

*Hirtenstrasse    Bei-lin. 

Hoveniersberg  und  Hoveniersstraat  Gent;  vgl.  holländ. 
hovenier    Gärtner. 

Hufnerstrasse  in  Barmbeck  bei  Hamburg  ist  ein  neuer  Name. 
Das  hochdeutschere  Hübner  ist  ja  auch  ein  häufiger  Familienname^ 
Schon  mhd.  kommt  huobensere  als  Inhaber  einer  Hube,  Hufe  (raan- 
suarius)    vor. 

*Huidenvettersstraat  Antwerpen.  Huidenvettershoek  und 
Huidenvetterslei   Gent. 

*Unter  den  Hutern,  früher  in  Nürnberg,  seit  1809  amtHch 
Kaiserstrasse,  doch  ist  der  alte  Name  noch  jetzt  viel  im  Gebrauch. 
Sind  diese  Nürnberger  und  die  früher  erwähnten  Wiener  Huter  Hut- 
macher?   oder    etwa   Hüter,    Wächter? 


STRASSENNAMEN  VON  GEWERBEN.  271 

*Hutfilterstras5e    in   Rostock,  jetzt   kleine    Wasserstrasse. 

*Die  frühere  Hiitmachergasse  in  Altena  heißt  jetzt  stets 
-Strasse.    Unter   Hutmacher    Cülii. 

Huurdochtersstraat  Gent,  nach  den  Dienstmägden  genannt; 
huur  darf  nicht  mißverstanden  werden;  es  ist  das  hochdeutsche 
Heuer   Miethslohn    (bei    den    Seeleuten   noch   ganz    im    Gebrauch). 

*Die  Irchergasse  in  Nürnberg  lief  und  läuft  oberhalb  der 
Weißgerbergasse  hin.  Beide  noch  jetzt  bestehende  Namen  sind  ursprüng- 
lich identisch.  Häuser,  in  der  jetzigen  Weißgerbergasse  gelegen,  wer- 
den  in    alten    Hausbriefen    als    in    der   Irhergasse   gelegen   bezeichnet. 

* Jägergässchen  Augsburg.  Jägerhof  Dresden,  Hannover  (in 
beiden  Fällen  von  der  fürstlichen  Jagd),  vor  Lüneburg  (Sitz  des 
Jägers  des  Klosters  St.  Michaelis).  Jägerstraße  Bremen,  München, 
Stuttgart.  -  -     - 

Kammmachergasse  Cöln,  Ulm. 

Kammersstraat  Antwerpen  und  Gent;  von  den  Brauern  be- 
nannt, wie  mir  Heremans  schreibt.  Ich  finde  holländ.  und  fläm.  kam- 
mer  für  Wollkämmer:  meine  lexicalischen  Mittel  führen  mich  nicht 
auf  die  Brauer.  Gehört  die  Kämmergasse  in  Cöln  mit  den  flämischen 
Städten  zusammen  oder  zu  den  Kammmachern? 

*Kangißer  in  Leipzig  begegnen  a.  14-4:6  ^Leipziger  Urkunden- 
buch  n.  244). 

•^  Kar  penkäu  ferhof  bei  Lübeck;  in  dieser  halb  plattdeutschen, 
halb  hochdeutschen  Form  findet  sich  der  Name  bei  Deecke  S.  10.  Vgl. 
auch  Pferdekäufer  unten. 

Kärrnergasse  (wenn  ich  in  meiner  handschriftlichen  Quelle 
nicht  falsch  lese)  Würz  bürg. 

Kattundruckergang  Lübeck. 
"'■'        *Für  Klempner   begegnet   auch  Klipper.    Vgl.  Dreyhaupt  Saal- 
kreis II,  557;  auch  in  Leipzig;  vgl.  Grimm  Wörterbuch  V,   1206. 

Klockerstrasse  Lübeck,  Deecke  S.  4.  Ein  anderer  Name  für 
die  schon  angeführte  Glockengießerstraße. 

Knechthaus  Stade.  Haus  der  Brauerknechte,  die  früher  wirklich 
Brauerknechte,  jetzt  aber  trotz  des  Namens  nur  Todtengräber  sind. 

*Knochenhauerliolz,  Knochenhauer  wiese  bei  Lübeck, 
s.  Deecke  S.  11.  Knochenhauerstraße  Bremen. 

*Unter  den  Köchen  Basel  sec.  14.  Die  Speisen,  welche  hier 
zu  haben  waren,  bestanden  vorzüglich  in  gesottenem  und  gebratenem 
Fleisch,  Würsten,  gespickten  und  wohl  zubereiteten  Vögeln,  Amseln, 
Drosseln    und    „Zimberlingen";    auch    in    kleinen  Vögeln,    welche    an 

19* 


272  ''^-  FORSTHMANN 

„Spießleiu"  gesteckt  waren.  lu  der  Nähe  befanden  sich  auch  die 
„Häringstetten",  wo  die  Häringe  verkauft  wurden.  Diese  Localität 
bildete  einen  Theil  des  Kornmarkts  oder  Marktplatzes;  ihr  Name  ist 
jetzt  ganz  verschollen. 

„Uf  Kölerhusern"  oder  Kolahüseren,  a.  1379  Koliberg, 
a.  1302  mons  dictus  Kolehuseren,  später  Kohlenberg.  Eine  An- 
höhe bei  Basel,  welche  bis  zum  Erdbeben  a.  1356  nach  außen  hin 
noch  offen  war.  Hier  wohnten  Köhler,  die  für  den  Kohlenbedarf  der 
Stadt  sorgten.  Vgl.  Gödecke  Pamph.  Gengenbach  Vorrede  XVII  und 
p.  344.  Kohlergasse  Augsburg. 

*Zur  Kohlgärtner Straße  in  Rostock.  Die  Kohlgärtner  (der 
Name  gilt  noch)  heißen  hier  im  13.  Jahrhundert  ortulaui.  Orti  cau- 
lium  et  humulorum  kommen  z.  B.  a.   1355  vor. 

Ko hl höker Straße  Bremen. 

Kolveniersstraat  Antwerpen,  heißt  so  nach  den  Büchsen- 
schützen (holländ.  kolver,  kolvenier). 

*Kramerberg  und  Kramermühle  bei  Lübeck,  s.  Deecke 
S.  8.  Kram  er  gas  se  sec.  14  in  Basel,  a.  1272  vicus  in&titorum,  inter 
institores  (jetzt  Schneidergasse) ;  Krämergasse  oder  -gässleiu  in 
Nürnberg,  schon  alt  und  noch  jetzt  geltend.  Krämerstraße  Itzehoe. 
Kramerstraße  Dorpat,  Riga  (sec.  15  platea  institorum,  krem erstrate). 
Kremerstrate  a.  1525  u.  1526  Reval  (platea  institorum,  jetzt  Königs- 
straße). In  der  Kramerei  Cöln.  Inter  institores  Leipzig,  Urk.  v. 
1292  im  Hauptstaatsarchiv  zu  Dresden  (Leipziger  Urkundenbuch  Ein- 
leitung p.  XXVII).  Die  Krämerstraße  (institorum)  in  Stade  war  früher 
von  der  Hökerstraße  (penesticorura)  geschieden,  jetzt  bilden  beide  die 
Hökerstraße.  Die  dortigen  Urkunden  scheiden  scharf:  1.  penestici 
(Höker,  Grünhöker,  Fetthöker),  im  14.  Jahrhundert  getrennt  hokere 
und  hönerhokere  (also  Geflügelhändler) ;  ihr  Amt  heißt  das  „Hack- 
wark";  2,  das  Amt  der  „Seidenkremer"  (institores).  Auf  einem  Plane 
des  17.  Jahrhunderts  heißt  aber  das  Kaufhaus  dort  nach  holländischer 
Sitte  „Mercator". 

Kuchenbäckergasse  München. 

*  Küfergasse  Esslingen.  Küferstraße  Stuttgart;  hier  sind 
sicher  Weinzieher,  nicht  Böttcher  gemeint.  Kyp erhörst  bei  Lübeck, 
Deecke  S.  11.  Kuipersstraat  Antwerpen.  Kuiperskaai  und  Kui- 
persstraat  Gent.  In  Bremen  heißen  die  Speicherarbeiter  (Packer) 
Küpper;  ob  dieß  dasselbe  Wort  ist? 

Künstlerstraße  Zürich,  gewiß  nicht  alt. 


STKASSENNAMEN  VON  GEWEHBEN.  273 

*Coppersleger Straße  nach  Heller  (in  Travemünde)  früher  in 
Lübeck,  jetzt  Schmiedestraße. 

*Kupferschmiedestraße  Lübeck  (Deecke  S.  4),  vielleicht 
gleich  der  vorigen  Straße. 

*Küterstraße  oder  Köterstraße  Lübeck  (Deecke  S.  4) 
ebds.  auch  Kütergang.  Ein  Kütergang  auch  früher  in  Schwerin,  jetzt 
Friedrichsstraße.  Küterstraße  Dorpat,  Riga  (hier  a.  1404  platea 
carnificiim,  kutherstrate).  Die  Form  Kütinerstraße  in  Sternberg  fMecklen- 
burg)  ist  nur  corrumpiert  aus  Küterstraße;  bei  Sternberg  hat  niemals 
ein  Kütin  gelegen. 

*Leder ergasse  Regeusburg.  Lederstraße  oder  Ledder- 
straße (wohl  aus  Lederer-)  Lübeck;  Deecke  S.  4.  Ledergassc 
Stuttgart.  Under  den  ledrern,  under  ledrern  in  Augsburg  im 
Steuerregister  von  1380  und  1456  (Augsburger  Stadtarchiv). 

Leimsiede rfeld  bei  Lübeck.  Deecke  S.  11. 

Lynmakersstraat  Antwerpen,  nach  Heremans  so  genannt  von 
den  Seilern  (Leinenmachern),  nicht  etwa  von  der  Leinwand. 

*  Lein  Weberstraße  Königsberg. 

Lichterziehershof  oder  -höflein  Nürnberg. 

*Löhergasse  (geschrieben  Leergasse)  Mainz.  Löhrgasse  Cöln. 

*Lohgerb ergasse  Schweidnitz. 

Lottergasse  a.  1313  in  Basel,  vor  einigen  Jahren  in  Spitalstraße 
umgewandelt.  Loter  ist  Spielmann,  Possenreißer,  Gaukler.  S.  Wacker- 
nagel Litteraturgeschichte  p.  103,  Anm.  22. 

*Malerstraße  Riga. 

Melkerplatz  Bremen:  dazu  gehören  also  wohl  die  verschiedenen 
Molkenstraßen,  der  ]\Iolkeumarkt  in  Berlin  u.  s.  w.  Die  Rostocker 
Molkenstraße  heißt  urkundlich  platea  Frisonum,  wohl  schwerhch  weil 
die  Frisones  gleich  dem  heutigen  „Holländer"  Milchleute  waren;  sie 
kommen  im  Gegentlieil  als  Tuchhändler,  z.  B.  in  Stader  Urkunden  vor. 

Unter  den  Messerern  (=:  Messerschmide)  früher  in  Basel,  ein 
Theil  des  jetzigen  Blumenrains. 

Metsersstraat  Gent;  zu  fläm.  metser  neben  metselaer,  hoUänd. 
metzelaar  Maurer. 

*Metzgergasse  Meran  (Tirol),  Stuttgart,  Tübingen.  Metzger- 
bachgasse Eßlingen.  Metzger  au  vor  Straßburg. 

*Müllergasse  Cassel.  Müllerstraße  Berlin.  Mulenaars- 
straat  Gent. 

*(Zu  Mult ergasse).  Vielleicht  sind  Multer,  Mulzer  (Malzmacher) 
gemeint,  obwohl  die  fehlende  Lautverschiebung  bedenklich  macht.  Mit 


274  E.  FÖRSTEMANN 

dem  Bäckergewerbe  ist  das  leicht  vereinbar,  da  die  Wärme  der  Malz- 
darre leicht  vom  Backofen  gegeben  werden  kann.  In  Rostock  blühte 
die  Mulzcrei  bis  vor  kurzem  als  eigenes  Geschäft  und  besteht  auch 
jetzt  noch. 

*Nädlerschwibbogen  Lübeck;  s.  Deecke  S.  5.  Nädlerhorst 
bei  Lübeck;  s.  Deecke  S.  12.  Nadlergraben  Nürnberg,  auf  der 
Lorenzer  Stadtseite;  s.  Endres  Tuchers  Baumeisterbuch  p.  347. 

*Nagelschmidsgang  Lübeck.  Nagel  schmitthor  a.  1635  zu 
Braunsberg  in  Preussen. 

*Pel zergang  Lübeck.  Pelzergasse  Cöln. 

*Unter  den  Bermendern  oder  Berminern  Basel  sec.  14;  jetzt 
Kornmarkt. 

Unter  Pfannenschläger  Cöln,  jetzt  officiell  zur  Hochstraße 
gerechnet.  Die  Pfannenschläger  werden  wohl  ziemlich  gleich  den  Kupfer- 
schlägern sein  (Pfannenschmide). 

Pferdekäuferhof  [bei  Lübeck,  Deecke  S.  12.  Perdekoper- 
s träte  Reval   a.  1527,  jetzt  Pferdekaufstraße.    S.  oben  Karpenkäufer. 

Pfiefergang  in  der  Feldmark  von  Spaugenberg  bei  Rothenburg 
(Hessen). 

*Pfistergasse  Zoiingen  im  Aargau.  Pfisterthörle  in  Stutt- 
gart, jetzt  abgebrochen,  neben  der  herrschaftlichen  Pfisterei. 

*Plattnergasse  in  Innsbruck  im  IG.  Jahrhundert;  die  in  ihr 
verfertigten  Harnische  giengeu  bis  nach  Frankreich,  lu  Nürnberg  wurde 
am  Frohnleichnamstng  1465  den  Plattnern  am  Plattenmarkt  ein 
Mayen  (Maibaum,  Birke)  vergönnt  bei  ihrem  Brunnen  zu  stecken. 
Diese  Plattner  wohnten  nur  auf  der  einen  Seite  des  Plattenmarkts, 
welche  bloß  drei  Häuser  enthält. 

Plottersgracht  Gent,  nach  den  Wollpflückern  benannt;  holl. 
und  flära.  ploter  „derjenige,  welcher  Schaffelle  ab  wollt". 

*Pötterberg  bei  Lübeck,  Deecke  S.  12.  Li  Rostock  heißen  die 
Töpfer  Pütter,  in  Stade  Pütjer  bis  heute.  Ein  am  Montag  gehaltener 
Töpferraarkttag  heißt  in  Rostock  Püttermandag. 

*Racker Straße  oder  Reckerstraße  in  Hamburg  hieß  früher 
die  jetzige  Lilienstraße;  platea  cloacaria;  der  Tradition  nach  soll  dort 
der  Schinder  gewohnt  haben;  a.  1380  kommt  ein  magister  cloacarii  vor. 

*Rademachergang  Lübeck.  Rademacherwinkel  Hannover, 
die  alte  Grenze  zwischen  Alt-  und  Neustadt. 

*Reeperstraße  Riga;  Röperstraße  Altena,  hieher?  Reper- 
bahn  bei  Lübeck,  Deecke  S.  13.  Auch  in  Bremen  gibt  es  eine  Reper- 
bahn,  und  zwar  neben  der  Seilerstraße.  Also  auch  hier  der  schon  aus 


STRASSENNAMEN  VON  GEWERBEN.  275 

Lüneburg  erwähnte  Unterschied.  Die  schweren  Taue  machen  nur  die 
Reeper,  die  leichte  Arbeit  die  Seiler.  In  Lüneburg  war  ein  Amt  der 
Reeper,  die  dortigen  Seiler  gehörten  zum  Seileramt  nach  Lüchow.  Von 
Hannover  ab  nach  Süden  scheint  es  nur  Seiler,  keine  Keeper  zu  geben; 
in  Göttingen  und  Kaienberg  kennt  man  dieß  Wort  Reeper  nicht  (auch 
Schambach  hat  es  nicht).  Dagegen  existieren  in  dieser  Gegend  zwei 
andere  Wörter  Reeper:  1.  ein  Scheltwort  =  Range,  Ruinierer;  2.  ein 
Flachsraufer;  vgl.  die  beiden  Verba  rcpen  bei  Schambach. 

Rhe  der  Straße  Bremen;  doch  ist  der  Ursprung  nicht  ganz  sicher, 
da  reder,  rederus  im  Mittelalter  in  der  Gegend  von  Bremen  auch  für 
Reiter  vorkommt. 

Röhrer gasse  Cölu.  Das  sind  wohl  die  Röhrenbohrer,  die  mit 
den  Wasserröhren  zu  schaffen  haben. 

Röseler Straße  Hannover.  Zu  diesem  Ausdruck  ist  zu  verglei- 
chen die  Leipziger  Urkunde  von  1373  (Leipziger  Urkundenbuch  S.  43), 
worin  „den  bescheyden  alden  schoworchen  gnant  die  reseler"  das  Recht 
eine  Lmung  zu  bilden  verliehen  wird. 

Zagemansstraat  Gent;  vgl.  den  Hamburger  Sägerplatz  und 
die  folgenden  Namen. 

*Sägergässchen  Basel;  hier  befinden  sich  noch  jetzt  zwei 
Sägen  und  eine  Farbholzmühle;  Sägerstraße  Riga. 

Salunenmacher Straße  oder  Schlumacherstr.  Lübeck;  Deecke 
S.  6.  In  den  Lübeckischen  Zunftrollen  habe  ich  die  Salluuenmaker  schon 
XIV,  25  nachgewiesen.  In  Müller-Zarncke's  mhd.  Wbcli.  wird  schalüne 
als  ein  Stück  des  Bettgewandes  erklärt  und  angefragt,  ob  das  Wort  von 
der  Stadt  Chalous  herkomme.  Ich  wage  darüber  nicht  zu  entscheiden. 

Sängerstraße  Stuttgart,  ist  neu. 

*Sattlergasse  Königsberg.  Unter  den  Sattlern  früher  in 
Nürnberg. 

*Schäferstraße  Berlin,  Gadebusch  (Meklenburg).  'if  '-^ 

*Scheer State,  platea  rasorum,  a.  1414  in  Riga. 

*Meine  Bemerkung  zu  Schüferdekkersteglein  ist  ihrer  Kürze 
wegen  mißverstanden  worden.  Ich  finde  darin  allerdings  unser  Schiefer- 
decker, der  Schiefer  heißt  aber  holländ.  schilfer  (wohl  zu  schälen, 
Schale),  während  schon  im  Ahd.  das  1  eingebüßt  ist. 

*Schiffergang  Lübeck,  s.  Deecke  S.  3.  Schifferstraße 
Bremen.  Schipp ersbreed st raat  Antwerpen. 

Schiffmannsgasse  Pest. 

*Schinderthurm  Northeim  bei  Göttingen;  der  Anger  des  Schin- 
ders hieß  aber  dort  Slinganger,  mit  der  I-'illokü'c:  vgl.  oben  die  Vilder- 
stra^at.  •  .    .  ■  :    <:-!:'>'-.         •         i.r'n--  '       "     '   '■•  '  r;'V--i7/ 


276  1^-  FÖRSTEMANN 

*Sclilachterg-ang  Lübeck.  Schlachterstraße  Hadersleben 
(Schleswig).  In  Stade  ist  das  Wort  Knochenhauer  erst  neuerdings  durch 
Schlachter  verdrängt.  Letzteres  Wort  ist  aber  dort  alt  im  Gewerbe  des 
Kopslachters,  Kopf-  oder  Hausschiachters,  der  im  Gegensatz  gegen 
den  alten  Knochenhauer  und  jetztigen  Schlachter  nur  Schweine  schlachten 
und  mit  Wurst  handeln  darf. 

*Die  SchlägerstraÜe  in  Hannover  ist  erst  neu  benannt  nach 
einem  Familiennamen. 

*Schlosserstraße  Stuttgart,  ist  neu.  Schlossereistraße  Riga. 

*Schmiedgasse,  unter  den  Schmieden  sec.  14  in  Basel, 
jetzt  Spalenberg.  Hier  wohnten  die  Helmer  und  Halsberger;  nicht  weit 
davon  steht  das  Haus  der  Schmiedezunft.  —  In  Nürnberg  sind  drei 
Schmiedgassen  nachzuweisen,  eine  obere  und  eine  untere  auf  der 
Sebalder  Seite  und  eine  dritte  auf  der  Lorenzer  Seite,  seit  1809 
in  Ludwigstraße  umgewandelt.  Schmiedestraße  Altena  (früher 
-gasse),  Dorpat,  Hadersleben  (Schleswig),  Pernau  (Livland),  Reval 
(Esthland,  schon  sec.  15  Smedestrate),  Riga  (schon  sec.  15  platea 
fabrorum,  smedestrate). 

*Schornstein  fegergang  Lübeck.  Schornstein  feger  gasse 
Berlin. 

Schouwvagersstraat  Gent;  von  den  Schornsteinfegern,  vgl. 
holländ.  schouw  Schornstein. 

"*Schreibergasse  Constanz. 

Schreiner  Straße  Stuttgart.  Schreiner  kommt  hier  zum  ersten 
Male  in  Straßennamen  vor;  es  scheint  doch  als  FremdAvort  nie  so  recht 
volksthümlich  gewesen  zu  sein. 

Schrjnwerkersstraat  Antwerpen,  nach  den  Schreinern. 

*Schroderstrate   sec.  15  Reval,  jetzt  Apothekstraße. 

Schoenlappersstraat  Gent;  schoenlapper  (auch  holländ.)  ist 
Schuhflicker,  Altbüsser. 

*Schuhmacherort  Heide  (Schleswig).  Schuhmacherstraße 
Altona  (wohl  eigentlich  Schumacherstr. ,  nach  dem  bekannten  Astro- 
nomen). Schuhmacher-  neben  Schusterstraße  Riga  (schon  sec. 
15  platea  sutorum).  Aber  die  angebliche  Schuhmacherstraße  in  Lübeck 
existiert  nicht,  vielmehr  eine  Schlumacher-  oder  Salunenmacherstraße 
(s.  ds.)  Schoenmakersstraat  Antwerpen.  Schusterbrücke  früher 
in  Hamburg.  Schustergasse  Mainz,  Stuttgart.  Schusterinsel  in  der 
Düna  bei  Bolderaa  unterhalb  Riga.  Unter  den  Schustern  früher  in 
Nürnberg,  ebendaselbst  besteht  noch  jetzt  eine  Schustergasse.  Bei  den 
Schustern  soll  zur  Zeit  der  Hansa  eine  Örtlichkeit  in  Bergen  (Nor- 
wegen) genannt  sein.     Schuh  Straße  (schon  sec.  15  schostrate)  Reval. 


STKASSENNAMEN  VON  GEWEIMJEN.  277 

*Scliützengasse  und  Schützengraben  in  Basel;  beide  Stra- 
ßen führen  zum  Schützenhaus  und  der  Schützenmatte:  Namen  aus 
neuester  Zeit.  Schützenhof  in  Barmbeck  bei  Hamburg.  Schützen- 
pforte Hamburg,  Schützenstraße  Braunschweig,  Bremen,  Frankfurt 
a.  M.,  Hamburg,  Kiel,  Leipzig,  München,  Schwerin,  Weimar;  aber  die 
Schützenstraße  in  Rostock  ist  nur  nach  einem  Familiennamen  benannt. 
Schutterssteeg  Antwerpen,  nach  Heremans  hierher. 

*  S  c h  w  e r t f e g e  r g a  s  s  e  Potsdam. 

Schwertnergasse  Cöln.  Hier  begegnet  mir  zuerst  das  einfache 
AVort  für  Schwert  feger,  wenn  anders  dieser  Name  so  zu  deuten  ist. 

Seidmachergässchen  und  unter  Seidmacher  Cöln. 

*Seilergasse  Baden  (nach  A.  v.  Keller),  Insbruck.  Seiler- 
straße Bremen.  Vgl.  auch  Reperbahn  u.  s.  w. 

Zilversmidsstraat  Antwerpen. 

*Die  frühere  Spieglergasse  (äußere  Laufergasse j  in  Nürnberg 
kommt  schon  am  8.  Nov.  1527  vor. 

Spielleutestraße  Bremen. 

Spinne rsstraat  Gent;  der  Name  ist  neu. 

Spinnrademachergang  Lübeck;  also  eine  Unterart  der  Kade- 
macher. 

Spitzengasse  (gr.  und  kl.)  Cöln,  ein  abgekürzter  Name,  denn 
dort  wohnen  Spitzenklopperinnen. 

*Sporergasse  Cöln,  Stuttgart,  früher  in  Strassburg.  Sporer- 
th  or  Darmstadt.  Unter  den  Sporren,  der  Sporrer  gasse,  a.  1349 
domus  undern  Sporren,  sec.  14  in  der  sperren  gassen  apud 
macellum,  jetzt  Sporengasse  in  Basel. 

Spulmannsgasse  Cöln.  Sind  das  Anfertiger  von  Spulen?  Im 
mhd.  Wbch.  begegnet  spuoler  =  einer,  der  das  Garn  zum  Weben  auf 
Spulen  spinnt. 

Stecknitz  fahr  er  gang  Lübeck;  die  Stecknitz  fließt  bei  Lübeck 
mit  der  Trave  zusammen;  das  Wort  ist  also  gebildet  wie  Schonenfahr  er, 
Bergenfahrer,   Grönlandsfahrer. 

Steinenmüllergang  in  Basel;  er  führt  an  einer  Mühle  vorbei 
in  die  Steinenvorstadt;  also  eine  ganz  eigenthiimliche  Wortbildung,  die 
eigentlich  bei  Müller  zu  erwähnen  wäre. 

*Steenhouwersvest  Antwerpen.  Steenhouwersstraat  Gent. 

Sutergasse,  vicus  sutoram,  a.  1260  Sutergasse,  1281  Suster- 
straße  in  Basel,  ein  Theil  der  jetzigen  Gerbergasse.  Einige  andere 
Suster-  und  Süsterstraßen  gehören  nicht  hieher,  sondern  zu  Schwester^ 
von  den  Nonnenklöstern. 


278  E.  FÖRSTEMANN 

Tapissiersstraat  Antwerpen,  von  den  Tapetenwirkern. 

*Tasclinergässlein  wird  in  einer  Urkunde  vom  21.  Mai  1696 
in  Nürnberg  das  früher  und  später,  auch  jetzt  noch  so  genannte  Schul- 
gässlein  genannt.  Unter  Taschenm acher  Cöln;  vgl.  auch  den  Namen 
des   Schriftstellers  Tescheumacher. 

Taverniersstraat  Gent,  nach  den  Schaukwirthen  benannt. 

*Tischlergang  Lübeck.  Tischlergasse  Prag. 

*Todtengräbergässchen  Chemnitz,  jetzt  amtlich  Hospitalgasse. 

*Töpfergang Lübeck.  T ö  p f e r g a s s  e  Frankfurt  a.  Main.  T ö p f e r- 
twiete  Bergedorf  bei  Hamburg. 

*Tuchmachergasse  Prag. 

Twyndersstraat  Gent,  von  den  Zwirnern,  holl.  twynder. 

*Voldersvest  Antwerpen.  Voldersstraat  Gent.  Gehört  auch 
die  Follerstraße  in  Cöln  hierher? 

Wagemausstraat  Gent.  Auch  in  Lübeck  soll,  wie  ich  durch 
Heller  in  Travemünde  erfahren,  früher  eine  Wagemannsstraße  gewesen 
sein.  Es  sind  doch  wohl  Wagner  gemeint. 

*  W agner s tra ß  e  Hannover. 

Walldienerhof  Rostock;  die  Walldiener  gehörten  hier  zur 
familia  consulum.  In  Festungen  kennt  man  noch  jetzt  Wallmeister. 

Wandraacherhof  Lübeck,  also  gleich  den  hamburgischen  Wand - 
bereitem. 

*Wäscherhof  Nürnberg,  uralt  und  noch  jetzt. 

*  Webergasse  Esslingen,  (obere  und  untere  — )  Wiesbaden. 
Weberkoppel  bei  Lübeck,  Deecke  S.  15.  Weberstraße  Berlin, 
Bremen,  Lübeck  (Deecke  S.  6),  Riga,  Stuttgart,  früher  in  Ulm  (jetzt 
Frauenstraße).  Weversstraat  Gent  (neuer  Name).  Webersplatz  in 
Nürnberg  erst  in  neuerer  Zeit  aufgekommener  Name  für  den  freien 
Platz  unterhalb  der  sogenannten  „sieben  Zeilen",  in  denen  früher  lauter 
Weber  wohnten.  Zu  der  schon  erwähnten  Webergasse  in  Basel  ist  zu 
bemerken,  daß  die  alte  Webergasse  (a.  1273  vicus  textorum)  jetzt 
unterer  Henberg  heißt.  Gegenwärtig  giebt  es  eine  Webergasse  in  Kl  ein- 
Basel; diese  hat  ihren  Namen  wahrscheinlich  von  dem  Weberhaus  des 
Klosters  Klingenthal. 

Wechslerbrücke  und  Wechslergasse  früher  in  Hamburg, 
letztere  schon  a.  1359  genannt,  wahrscheinlich  die  jetzt  „bei  der  alten 
Börse"  genannte  Straße. 

* Wei ßgerb ergasse   Schweidnitz. 

Weißmalergasse  (Weissmaulergasse)  früher  in  Augsburg,  jetzt 
Karolinenstraße.  Bekannt  ist   der  Familienname  Rothmaler. 


STKASSENNAMKN  VON  GEWERBEN.  279 

Wendenstraße  Rostock  gehört  vielleicht  trotz  des  ethnographi- 
schen Namens  hierher,  denn  wenn  auch  die  Wendenstraße  (Slavorum 
platea)  oder  Wendische  Wyk  vor  Uostock  gerade  wie  Wendischdorf 
in  Lüneburg  die  Wohnsitze  der  Wenden  angeben,  so  scheint  die  Wenden- 
straße innerhalb  Rostocks,  vielleicht  auch  Wendlander  Schild 
(eben  daselbst)  zugleich  Gewerbename  zu  sein,  da  hier  Wende  (Slavus) 
und  Specksnyder  (lardum  vendens,  lardiscida)  völlig  identisch  und  pro- 
miscue  gebraucht  werden.  Vgl.  Lisch  Jahrbücher  XXI  (1856)  p.  28  ff. 
AVende  als  Speckschneider  ist  demnach  völlig  gleich  mit  dem  Fett- 
höker in  Stade,  dem  Vullhaken  oder  Fetthaken  in  Lüneburg  und 
liichthakeu  in  Rostock,  also  eine  Hökerstraße,  platea  penesticorum. 
l^as  Wendenthor  liegt  in  Rostock  an  der  Wendenstraße.  —  Aber 
die  Wiener  Wendkremer  (Germania  XV,  280)  lipgen  wol  fern.  ._. 

*W ollen weberstraße  Neu-Buckow  (Mecklenburg). 

W  0 1 1  w  e  r  k  e  r  g  a  s  s  e  Regensb urg. 
r  ■  '      Ziramermannstraße  Neumünster  (Holstein).    Zimmerstraße 
in  Berlin  hierher? 

So  weit  dieses  dritte  Verzeichniss.  Dasselbe  bereichert  auch  die 
den  beiden  ersten  Sammlungen  angehcäugten  allgemeinen  Bemerkungen 
in  früher  ungeahnter  Weise,  und  wer  einst  jene  drei  Verzeichnisse  viel- 
leicht mit  noch  anderem  Stoffe  vermehrt  zu  einem  einzigen  umarbeitet^ 
wird  auch  jenen  Bemerkungen  eine  ganz  neue  und  vollkommenere  Ge- 
stalt zu  o-eben  haben.  Ich  beschrcänke  mich  hier  auf  einzelne  Zusätze : 

Zu  Germania  XIV,  20  und  XV,  281.  Das  „unter"  in  den  Straßen- 
namen ist  außer  den  schon  genannten  Städten  nun  auch  in  Augsburg, 
Basel,  Leipzig,  Nürnberg  und  Regensburg  nachgewiesen.  Über  diesen 
Punkt  schreibt  mir  Pütz  aus  Cöln:  „Das  unter  wird  in  Cöln  nicht 
nur  im  Munde  des  Volks,  sondern  auch  officiell  mit  dem  unflectiertcn 
Plural  gebraucht  und  erinnert  an  das  lateinische  Beispiel  inter  sica- 
rios  bei  Cicero  Catilina  I."  Heremans  in  Gent  meldet:  „het  heeft  in 
de  brouwers  gebrand  sagt  man  in  Antwerpen  statt  in  de  brouwers- 
straat."  Über  dieses  in  bei  Straßennamen  vgl.  für  Magdeburg  Städte- 
chroniken VII,  184;  Magdeburger  Geschichtsblätter  I,  S.  15  (1866). 

Zu  XIV,  25:  Neben  der  Görlitzer  Armesündergasse  und  Verräther- 
gasse kann  ich  jetzt  auch  eine  Armesündergasse  in  Reval  (Esthland) 
nennen;  sie  führte  zum  Galgen  hinaus.  Ein  Ehebrechergang  ist  noch 
jetzt  in  Hamburg,  ein  Ehebrecherstieg  nach  Deecke  S.  9  bei  Lübeck 
vor  dem  Mühlenthor.  Eine  Kipperbrücke  war  früher  in  Hamburg,  vom 
Handel  mit  schlechtem  Gelde  benannt;  dahin  gehört  auch  wohl  die 
dort  noch  vorhandene  Kibbeltwictc  (Schütz  II,  260j.  Auf  das  Verbrechen 


280  E.  FÖRSTEMANN 

der  Hexerei  führt  die  Tooveressenstraat  in  Gent.  Diebsgänge  könnte 
man  ans  manchen  Städten  verzeichnen. 

Zu  XIV,  25  und  XV,  281,  wo  ich  reiche  Verzeichnisse  von  ge- 
werblichen Ausdrücken  aus  Lübeck,  Nürnberg  und  Wien  nachwies, 
kann  ich  jetzt  auf  die  alten  Gewerbe  in  Osnabrück  hindeuten,  wie 
man  sie  verzeichnet  findet  in  den  Mittheilungen  des  historischen  Vereins 
zu  Osnabrück  Bd.  VII  (1864)  S.  24  ff.  Hier  begegnet  wiederum  eine 
Anzahl  von  Ausdrücken,  die  in  meinen  bisherigen  drei  Sammlungen 
noch  keine  Gelegenheit  hatten  zu  erscheinen. 

Den  früher  kaum  geahnten  Reichthura  unserer  Gewerbebezeich- 
nungen werden  auch  folgende  vereinzelte  Bemerkungen  darthun: 

Schmelzer  oder  Fettmenger  begegnen  schon  neben  der  Über- 
setzung unguentarii  in  einer  Urkunde  von  1281;  s.  Hoffmann  Gesch. 
von  Magdeburg  I,  330  und  508.  Wir  haben  also  nun  Fett-,  Fisch-, 
Fleisch-,  Stahl-  und  Waitmenger. 

In  Augsburg  lernen  wir  Grauloder,  Geschlachtgewand  er^ 
Schäffler   und    Salzfertiger   kennen;    s.    Städtechroniken  IV,  146. 

In  Breslau  und  Liegnitz  erscheinen  Kräuter;  s.  Grimm  Wbch. 
V,  2114. 

Sonnen  kramer  in  Leipzig  zeigen  sich  um  1450  (Leipziger 
Urkundenbuch  n.  263);  vorkauff'er  und  sonnenkramer,  wer  uö"  dem 
markte  wil  feile  haben  und  feile  hat  in  budin,  ufF  schrayn  addir  uff 
der  erdin. 

Lesterer  in  Leipzig  a.  1462  (Leipz.  Urkundenb.  n.  353,  vgl. 
auch  369,  405):  lantfleisschawer  die  man  lesterer  nennet.  Auch  in  Halle 
ist  der  Name  für  unzünftige  Fleischer  bekannt;  s.  Dreyhaupt  Saalkreis 
II,  556. 

Salzhacken  in  Leipzig  a.  1482  (Lpz.  Urkundenb.  n.  520). 

Ein  so  gewaltiger  noch  immer  unerschöpfter  Reichthum  unserer 
»Sprache  ist  nur  möglich  in  Folge  der  köstlichen  Frische  und  Freiheit, 
welche  sie  sich  auch  auf  diesem  Gebiete  bewahrt  hat.  Einen  Blick  in 
diese  lebendige  Quelle  hinein  möge  folgende  Mittheilung  aus  meiner 
eigenen  Kindheit  gewähren:  Meine  Großmutter  besaß  in  Danzig  ein 
Gehöft,  auf  welchem  zwei  Häuser  standen,  in  denen  etwa  sechs  Familien 
niedern  Standes  zur  Miethe  wohnten.  Das  Gehöft  hieß  der  weiße^Bär, 
denn  über  dem  Thore  befand  sich  ziemlich  roh  aus  Holz  geschnitzt 
ein  Eisbär.  Einst  erhob  sich  ein  großer  Sturm,  der  Bär  fiel  herunter 
und  gieng  dabei  gänzlich  zu  Grunde.  Die  Bewohner  des  Gehöftes  er- 
klärten nun,  daß  sie  in  ihrem  Erwerbe  geschädigt  würden,  wenn  man 
das  Zeichen    ihrer  Wohnung   nicht   wieder   ersetzte,    es    müsse    durch- 


.STKASSENNAMEX  VuN  GE\V?:EBEN.  281 

aus  ein  neuer  Bär  gemacht  werden.  Nun  machte  es  nicht  geringe 
Schwierigkeit,  bis  ein  „B'^i'kemaker"  (Bärchenmacher)  gefunden  war; 
endlich  fand  er  sich  und  Heferte  nach  kurzer  Zeit  seine  Phidiasarbeit. 
Das  eben  mitgetheilte  Wort  steht  hier  gewiß  zum  ersten  Male  gedruckt 
und  gesprochen  ist  es  wohl  auch  weder  früher  noch  später,  nur  während 
weniger  Tage  vielleicht  von  einem  halben  Dutzend  Personen.  In  nicht 
viel  anderer  Weise  mag  mancher  ähnliche  Ausdruck  zu  beurtheilen 
sein;  Zeit,  Ort  und  Gelegenheit  rufen  ihn  hervor  und  nach  kurzem 
Gebrauche  in  engerm  Kreise  hat  er  ausgelebt. 

Zu  meiner  Bemerkung  über  den  geographischen  Verbreitungskreis 
des  Wortes  twiete  kann  ich  noch  einiges  beibringen.  Twiete  in  Lübeck 
erwähnt  Deecke  S.  2.  In  Stade  heißen  vier  kleine  Quergassen:  Lämmer- 
twiete,  Große-,  Kleine-,  und  Steifenstwiete.  In  Northeim  bei  Göttingen 
vor  der  Stadt  heißt  ein  Querweg  durch  Gärten  Twechtje,  die  Gärten 
selbst  „an  der  Tw.",  auch  wohl  ,.in  der  Tw,"  In  Schwerin  existierte  bis 
1869  eine  Ackertwiete,  die  jetzt  ein  Theil  der  Paulsstraße  ist.  In  Berge- 
dorf bei  Hambm-g  giebt  es  eine  Bleichertwiete   und   eine  Töpfertwiete. 

Germania  XV,  283  hatte  ich  angeregt,  man  möge  das  Verhältniss 
der  Gewerbebenennungen  auf  einfaches  -er  zu  denen  auf  -macher  einmal 
untersuchen.  Dazu  kann  man  auch  die  auf  -werker  (Schrjn-,  WoU- 
werker)  und  die  auf  -bereiter  (Gar-,  Wandbereiter)  erwägen;  auch  die 
auf  -menger  (s.  oben) ,  -hauer,  -schmid,  -manu,  -leute  bilden  förmlich 
kleine  Ciassen. 

Ehe  ich  aber  von  diesem  nach  so  vielen  Seiten  hin  ergiebigen 
Gegenstande  ablasse,  liegt  es  mir  am  Herzen,  die  Frage  nach  dem 
Alter  solcher  Gewerbebenennungen  in  unsern  Ortsnamen  zu  berühren. 
Wir  haben  aus  den  obigen  Sammlungen  ersehen,  daß  mit  wenigen  Aus- 
nahmen unser  Material  für  die  deutscheu  Straßennamen  nur  bis  in's 
dreizehnte  Jahrhundert  zurückreicht.  Aus  früherer  Zeit  giebt  es  ja  keine 
deutschen  Urkunden  und  die  altern  lateinischen  bieten  kaum  Gelegen- 
heit zur  Erwähnung  von  Straßennamen.  Aber  der  hier  besprochene 
Gebrauch  ist  sicher  weit  älter,  wie  wir  aus  einem  andern  ganz  nahe 
liegenden  Gebrauche  ersehen,  den  wir  glücklicherweise  noch  fünf  Jahr- 
hunderte höher  hinauf,  bis  in's  achte  Jhdt.  hin  verfolgen  können.  Je 
weiter  wir  in  der  Geschichte  unseres  Vaterlandes  zurückgehen,  desto 
seltener  und  unbedeutender  erscheinen  uns  die  eigentlichen  Städte  die 
große  Masse  des  Volkes  lebt  in  einzelnen  Höfen  und  Weilern,  die 
meistens  wohl  nur  aus  wenigen  Häusern  bestanden.  Bei  dieser  Verein- 
zelung konnte  sicher  manches  der  heutigen  Gewerbe  noch  nicht  «-ewerbe- 
mäßig  getrieben  werden ;  man  war  lange  meistens  sein  eigener  Tischler, 


282 


K.  rÖRBTEMANN 


Schneider,  Schuster,  Bäcker,  Brauer.  Aber  das  Bedürfuiss  nach  be- 
sondern Schmieden  aller  Art,  Glasern,  auch  Hirten  muß  doch  schon 
sehr  frühe  vorhanden  gewesen  sein;  wo  ein  solcher  Gewerbetreibender 
von  seinem  Hofe  oder  Weiler  aus  vielleicht  einen  ziemlichen  Strich 
Landes  versorgte,  da  lag  es  nahe,  dessen  Wohnsitz  nach  seinem  Ge- 
werbe zu  bezeichnen.  Und  in  der  That  kennen  wir  diese  Vorläufer 
unserer  gewerblichen  Straßennamen  aus  nicht  wenigen  Beispielen;  sie 
erscheinen  meistens  als  elliptische  Pluraldative  und  entsprechen  am 
nächsten  den  alten  Straßennamen  mit  unter  und  in.  Nachdem  ich  im 
zweiten  Bande  meines  Namenbuches  (1859)  vieles  dahin  gehörige 
Material  niedergelegt,  aber  großentheils  noch  nicht  richtig  sprachlich 
erkannt  hatte,  stellte  mein  Freund  Ignaz  Petters  noch  in  demselben 
Jahre  in  der  Germania  IV,  34^  manches  dahin  gehörige  in  sehr  dankens- 
werther  Weise  zusammen  und  ich  konnte  in  meinen  Ortsnamen  (1863) 
S.  185  und  197  schon  mehreres  der  Art  an  seinem  Orte  besprechen. 
Ich  liefere  hier  nun  in  alphabetischer  Folge  eine  Reihe  solcher  Oi-ts- 
namen  aus  dem  achten  bis  elften  Jahrhundert,  verweise  für  die  ge- 
naueren Citate  auf  mein  Namenbuch  und  hebe  durch  ein  Sternchen 
auch  hier  diejenigen  Ausdrücke  hervor,  die  schon  in  meinen  drei 
Straßensammlungen  erwähnt  sind. 

Arnari  oder  Arneri^  welches  in  den  fuldischen  Urkunden  öfters, 
z.  B.  a.  973  begegnet,  ist  Groß-  und  Klein-Oerner,  nordöstlich  von 
Mansfeld,  nordwestlich  von  Eisleben.  Ein  unbekannter  Ort  in  Friesland 
(ich  denke  zunächst  an  Eenrum  bei  Appingedam,  westlich  vom  Dollart) 
erscheint  sec.  10  und  11  in  den  von  Crecelius  mitgetheilten  Registern 
als  Arnarion,  Arneron,  Arneru.  GrafF  I,  427  führt  ein  arnari  quae- 
stuarii  auf;  der  genauere  Sinn  des  Wortes  in  den  beiden  Ortsnamen 
entgeht  uns  noch,  es  mögen  hier  mercenarii  irgend  einer  Art  ge- 
meint sein. 

*Cuopharen,  Chuofarin,  Chufarn  u.  s.  w.,  sec.  11  öfters,  ist 
Kuffern  oder  Kuffing,  SO  v.  Mautern  in  Österreich.  Die  Rebengelände 
der  reichen  Klosterstiftungen  dieser  Gegend  werden  hier  wohl  frühe 
besondere  Küfer  zur  Ansiedlung  bewogen  haben. 

Fanari,  Vaneri  (auch  ungenau  Panre),  schon  sec.  8  und  9  mehr- 
fach, besonders  in  fuldischen  Urkunden  erwähnt,  ist  Groß-  und  Klein- 
Fahner,  NO  von  Gotha.  An  Sumpfbewohner  (goth.  fani)  ist  schon  wegen 
des  mangelnden  Umlauts  nicht  zu  denken;  man  wird  das  goth.  fana 
panna  herbeiziehen  müssen;  da  es  jedoch  unnatürlich  wäre  hierFahnen- 
träo-er  zu  suchen,  so  ergibt  sich  der  Sinn  von  Tuch  wirk  ern  als  der 
wahrscheinlichste. 


STKASSENNAMEN  VON  (JEWKRBFX.  28:5 

Vezzerun,  Vescera  (einmal  mit  dem  Zusätze  ubi  ferrum  con- 
flatur)  kennen  wir  schon  seit  sec.  10  als  das  heutige  Vessra  (Vesser) 
bei  Schleusingen  in  Thüringen.  Dort  werden  Ketten  (ahd.  fezzera)  und 
wohl  auch  andere  Eisengeräthe  geschmiedet  worden  sein,  wie  auch 
Grimm  Wbch.  III,  1558  annimmt. 

Figularun,  das  zweimal  in  einer  Urkunde  von  1058  genannt 
wird,  ist  Figler  im  niederbairischen  Landgericht  Eggenfelden.  Das 
Wort,  welches  allem  Anscheine  nach  hieher  gehört,  ist  doch  schwer 
zu  verstehen.  An  lat.  figulus  mit  deutscher  Endung  möchte  man  kaum 
denken;  das  mhd.  Wbch.  führt  ein  vigele  für  Violine  auf,  danach 
könnten  dort  Fidler  gewohnt  haben;  oder  sollen  wir  mhd.  vilsere  (aus 
vihilari)  Feiler,  Feilenhauer  herbeiziehen?  ich  wage  nicht  zu  ent- 
scheiden. 

Frumara,  Frumarom  bezeichnet  a.  793  u.  838  Frommern  in 
Wirtemberg,  NO  v.  Rotweil.  Sprachlich  damit  gleich  wird  sein  ein 
seit  sec.  8  mehrfach  erwähntes  Phrumari,  Phrumare,  Pfrumarum,  jetzt 
Pframering,  S  von  Erding,  NO  von  München.  Es  müssen  Diener  oder 
Arbeiter  gemeint  sein,  ahd.  frumara,  mhd.  vrumaere.  Ein  rheinisches 
schon  seit  897  genanntes  Gunteresfrumere  führt  sogar  den  Namen  des 
Herrn  oder  Arbeitgebers  mit  an;  wir  kennen  den  Ort  nicht  näher. 

Furari,  Furaren,  seit  874  in  fuldischen  Urkunden  vorkommend, 
ist  jetzt  Furra  (Gr.  itnd  Kl.)  an  der  Wipper,  S  von  Nordhausen,  NW 
von  Sondershausen.  Man  denkt  dabei  gewiß  mit  Recht  an  ahd.  forari 
Lastträger,  mhd.  vüersere  Fuhrmann. 

Gansaraveldi,  sec.  11  öfters  genannt,  ist  vielleicht  Gänsern- 
dorf  im  Viertel  unter  dem  Manhartsberge.  Darin  muß  ein  ahd.  gansari 
Gänsehirt  liegen. 

*Gleserecella  in  unbestimmter  aber  früher  Zeit  erwähnt,  heißt 
noch  jetzt  Gläserzell,  unterhalb  Fulda.  Aus  so  früher  Zeit  ist  sonst 
noch  kein  glasari  nachzuweisen, 

Goldarun,  sec.  9 — 11  öfters  vorkommend,  ist  das  heutige  Gol- 
dern bei  Teisbach,  NO  von  Landshut.  Das  muß  doch  den  Wohnsitz 
von  Goldschmiden  bedeuten;  bis  jetzt  kenne  ich  freilich  noch  kein 
goldari. 

Agastaldaburg  (für  Hag-)  kommt  a.  1046  vor;  es  war  eine 
Burg  an  der  alten  Yssel,  NO  von  Cleve,  SO  v.  Arnheira;  der  dort 
liegende  Ort  Oulst  erinnert  vielleicht  an  den  Namen.  Wir  haben  also 
hier  eine  ars.  servorum  oder  wohl  besser  mercenariorum. 

*Huotarn  Hutam,  sec.  11  öfters  genannt,  ist  Hütern,  N  v.  Passau. 
Schon  G  raff  führt  ahd,  huotari  custos  an.  - '— — *-- 


284  K.  F()KSTEMaXN 

*Kezzilari,  in  fuldischea  Urkunden  seit  874,  ist  das  heutige 
Kessler  zwischen  Kahla  und  Blankenhayn,  SW  von  Jena,  wohl  die  älteste 
Erwähnung  von  Kesselschmiden. 

*Knechtahusun  sec.  11;  der  Ort  lag  bei  Steinheim,  SO  von 
Detmold. 

Mutarun  seit  sec.  9  öfters;  Mautern  au  der  Donau,  zwischen 
Linz  und  Wien.  Da  müssen  Zolleiunehmer  fgoth.  motareis)  gewohnt 
haben. 

*Phistarheim,  sec.  11  mehrmals,  jetzt  Pfistersheim,  SO  vou 
Landshut. 

Sangarhusen,  Sangirhusen,  seit  a.  991  nachzuweisen,  Sanger- 
hausen zwischen  Eisleben  und  Nordhausen.  Hat  man  etwa  ein  sangari 
der  den  Wald  durch  Feuer  niedersengt  (schwendet)  anzunehmen? 
Vgl,  auch  unten  Zangaren.  Ahnlich  ist  vielleicht  Riuttare  (Namen- 
buch II,  1199)  zu  verstehen  von  Leuten,  die  den  Wald  ausreuten, 
doch  kann  hier  auch  an  Bewohner  eines  Riuti  gedacht  werden. 

*Satalarun.  Satalara  ist  schon  seit  a,  748  mehrfach  erwähnt, 
jetzt  Sattlern  im  niederbairischen  Landgericht  Landau.  Während  Kehrein 
ein  seltenes  s adele  (ein  Stück  Feld)  herbeizieht,  denkt  Karl  Roth  an 
wirkliche  Sattler,  und  ich  sehe  nicht,  was  man  dagegen  sagen  könnte. 
Dazu  mag  auch  das  schon  sec.  8  im  Neckargau  erwähnte  Sadelerhuser 
gehören. 

*Scafarafeld,  sec.  9  und  10  mehrmals,  vielleicht  Schafterfeld 
an   der  Ips   im  Viertel  ob  dem  AViener  Walde,   zu  ahd.  scäfari  opilio. 

Sceftilari,  -aron,  seit  sec.  8  oft,  Schäftlarn,  S  von  München, 
unweit  der  Isar,  wird  wohl  auf  die  späteren  Speermacher  gehen. 

Scalcaburg,  sec.  11  öfters,  jetzt  Hausberge  an  der  Weser  bei 
Minden.  Scalcobah  sec.  9  in  Österreich.  Scalcobrunnon  in  früher  aber 
unbestimmter  Zeit  bei  Salmünster.  Also  synonym  mit  den  oben  er- 
wähnten Namen  Arnari,   Frumara,    Agastaldaburg  und  Knechtahusun. 

*  Seil  tarn  öfters  sec.  10  und  11,  Schildtoru  in  Oberösti-eich, 
Innkreis.  Sciltarun  Mchb.  sec.  11  (n.  1202),  Schiltern  bei  Schwind- 
kirchen, Landgericht  Haag,  Schildarius  (so)  schon  a.  798  in  den  Salz- 
burger Urkunden,  vielleicht  Schilding  im  Salzburggau.  Dort  würden 
goth.  skildarjos  wohnen,  wohl  Verfertiger  von  Schilden,  schwerlich 
schon  in  abgeleiteter  Bedeutung  Maler. 

*Schmide  sind  die  nothwendigsten  unter  den  Handwerkern  und 
deßhalb  die  ältesten  und  edelsten.  Damit  stimmt  gut  überein,  daß  nach 
ihnen  weit  mehr  als  nach  andern  Gewerbtreibenden  zahlreiche  Orter 
benannt    sind.    Man    sehe    die   verschiedenen   Smidaheim,    Smidahuson 


«TKASSENNAMEN  VON  GEWERBEN.  2S5 

u.  s.  w.  in  meiuem  Namenbuch  nach  und  erwäge,  daß  die  oben  an- 
geführten Namen  Vezzerun,  Goldarun,  Kezzilari,  auch  das  unten  er- 
wähnte Zeinarin  auf  verschiedene  Arten  von  Schmieden  hinweisen;  ja 
die  eben  erwähnten  Verfertiger  von  Schaft  und  Schikl  können  des 
Schmiedens  kaum  entrathen. 

(Den  in  meinem  Namenbuche  angeführten  Ortsnamen  Snedere- 
broch  auf  Schneider  zu  beziehen  darf  man  nicht  wagen.) 

Sweigra  (auch  ungenau  Soagra),  sec.  9,  ist  Schwaigern  W  von 
Mergentheim,  Sweigera,  Sueigerin,  sec.  10,  dagegen  Schwaigern,  W  von 
Heilbronn.  Darin  liegt  ahd.  sweigari  Hirt  ebenso  wie  in  den  Zusammen- 
setzungen Sueigerheim  und  Suegerestete,  über  die  man  das  Namenbuch 
nachsehe. 

Telsaran  in  einer  österreichischen  Urkunde  des  11.  Jahrhunderts 
könnte  nach  dort  ansässigen  Färbern  benannt  sein;  vgL  mhd.  telze 
Farbe,  betelzen  beflecken. 

*  Web  er  es  tat,  schon  sec.  8  erwähnt,  ist  Weberstädt,  W  von 
Langensalza,  NW  von  Gotha.  Schon  ahd.  webari  textor. 

*Wehslaron,  ein  westfälischer  Ort,  wird  schon  sec.  9  erwähnt. 
Es  fällt  fast  auf,  so  frühe  Wechsler  hier  zu  finden,  doch  wer  vermag 
den  historischen  Anlaß  zu  wissen? 

Zu  lat.  vinitor,  vinitorium,  deutsch  Winzer  gehört  schon  in  alter 
Zeit  eine  Anzahl  von  Ortsnamen.  Ich  erwähne  Winitorium,  seit 
a.  882  bekannt,  später  Wintere,  Winetre,  jetzt  Königswinter  bei  Bonn. 
Ferner  Win  zum  a.  10G7,  wahrscheinlich  Winzer  im  Landgericht  Mindel- 
heim.  Endlich  portus  qui  Wincirin  dictus  est  (cum  v  in  eis)  a.  1062, 
jetzt  Winzer  unterhalb  Regensburg.  Ja  selbst  Formen  wie  Winterberg, 
Wintersteti  u.  s.  w.  mögen  nicht  immer  zu  wintar  hiems  gehören. 

Zangaren  a.  1040,  in  der  Gegend  von  Ranshofen  am  Inn,  bleib* 
noch  ungewiß.  Man  hat  die  Wahl,  entweder  eine  Ableitung  von  Zange 
forceps  anzunehmen,  die  auf  verschiedene  Gewerbe  hinweisen  könnte, 
oder  an  eine  unorganische  Schreibung  für  Sangaren  zu  denken,  die 
dann   mit   dem   ersten  Theile  von  Sangarhusen  zusammenfallen  würde. 

Zeinarin,  a.  1083  und  1096,  jetzt  Zaina  im  Viertel  unter  dem 
Manhartsberge,  muß  zu  goth.  tain,  ahd.  zain  gehören,  und  dann  läge 
der  Sinn  von  Goldschmiden  zunächst,  vielleicht  aber  ist  auch  an  das 
abgeleitete  zainja  Korb  zu  denken,  und  dann  hätten  wir  wohl  Korb- 
flechter anzunehmen. 

Zidelare,  Cidalarin  u.  s.  w.  begegnet  seit  sec.  8  öfters  und 
bezeichnet  theils  Zeitlarn,  N  von  Regensburg,  theils  einen  Ort  zwischen 
Linz  und  Steyer,    theils  Zeidlarn   im  Landgericht  Eggenfelden,    theils 

GKKMANJA.   Neue  Ui-ihe   IV.   (X VI.)  Jahr,'.  20 


28G  K.  J.  SCHRÖER 

endlich  Zeidlarn  an  der  Alz.  Hierin  wie  in  dem  zusammengesetzten 
Cidalaribah  und  Zidalaregowe  haben  wir  deutlieh  ahd.  zidalari  apiarius. 

Einige  Formen  dürfen  nicht  verführen,  sie  hicher  zu  nehmen. 
Dahin  gehört  das  sec.  9  begegnende  Fizkere,  worin  wir  nicht  Fischer, 
sondern  Anwohner  der  Fischa  in  Niederösterreich  zu  sehen  haben; 
ferner  Forstarun  sec.  11,  jetzt  Forstern  bei  Braunau  im  Innviertel, 
gewiß  nicht  Förster,  sondern  Forstbewohner;  ebenso  Hornarun  a.  1046, 
nicht  Horndrechsler,  sondern  Bewohner  von  Hörn  im  Viertel  ob  dem 
Manhartsberge.  Selbst  das  oben  angeführte  Goldarun  würde,  wenn  sich 
in  der  Nähe  etwa  eine  Goldach  auffände,  hier  auszuscheiden  sein. 

Und  hiemit  halte  ich  an.  Ob  ich  die  Feder  wieder  für  diesen 
Gegenstand  ergreife,  hängt  von  der  Menge  und  Art  des  etwa  neu  zu- 
strömenden Stoffes  ab.  Jedenfalls  wollen  wir  die  Sache,  deren  Ergiebig- 
keit dargethan  ist,  im  Auge  behalten  und  die  Forschung  weiter  zu 
vertiefen  suchen,  während  sie  zu  verbreitern  die  Aufgabe  unserer  über- 
seeischen Brüder  in  England  und  Skandinavien  sein  wird. 

DRESDEN,  den  30.  Mai  1871. 


MYTHISCHES  VON  DEM  DURCH  DEN  GUNZENLE 
GEFEIERTEN  KONRAD. 


Franz  Pfeiffer  hat  in  seiner  Abhandlung  über  Heldengräber  und 
Dingstätten  (Gennan.  1,  81—100,  wiederholt:  Freie  Forschung  275 
bis  306)  in  überzeugender  Weise  dargethan,  daß  der  Gunzenle  ein 
Ehrendenkmal,  ein  Kenotaphion,  sei;  ein  ahd.  hleo,  got.  hfaiv,  wie 
der  Trüsileh  ein  Ehrendenkmal  des  Drusus  u.  a.  Bezeichnuns^en  von 
Orten  mit  -le,  die  dort  näher  besprochen  sind.  —  Es  fragt  sich  bei 
Gunzenle  nur  noch  darum,  wem  dieser  le  geweiht  war?  Pfeiffer  denkt 
an  Herzog  Kunrad,  der  in  der  Ungerschlacht  auf  dem  Lechfeld  ge- 
fallen ist,  hält  aber  dann  den  Herzog  Kunrad  von  Alemanieu,  Zeit- 
genossen des  h.  Gallus,  mit  noch  mehr  Wahrscheinlichkeit  für  denjenigen, 
der  hier  mit  einem  Le  geehrt  ward  (CunzenhlSo,   Gunzenle). 

Die  älteste  Erwähnung  des  Gunzenle  im  chronicon  Ebersbergense 
antiquius  bezieht  sich  auf  jene  Schlacht  am  Lech.  In  der  Fortsetzung 
des  Regiuo  wird  diese  Schlacht  nur  vorübergehend  erwähnt;,  aber  der 


MYTHISCHES  VON   DEM  KONÜAD   DES  UUXZENLE.  287 

Tod  des  Kourad  als  wichtiges  Ereignis  hervorgehoben.  So  auch  im  Chro- 
nicon  Budense  und  in  der  ungr.  Chronik  des  Heinrich  von  Mogelin.  —  Ich 
glaube,  daß  die  Wahl  hier  nicht  zweifelhaft  und  daß  nicht  von  dem  ale- 
mannischen, sondern  nur  von  dem  ostfränkischen  Konrad  von  Lothringen, 
dem  Schwiegersöhne  des  Kaisers,  die  Rede  sein  kann.  Dieser  hatte  so 
entscheidenden  Einfluß  auf  den  Ausgang  des  Kampfes  und  sein  Name 
war  so  sehr  in  aller  Munde,  daß  er  bei  den  Ungern  in  der  Erinnerung 
mit  dem  Kaiser  verwechselt  wurde.  Seine  Heldeuthaten  und  sein  Tod 
in  dem  ruhmvollen  Kampfe  sind  zur  Sage  geworden,  die  von  den  Ungern 
später  mit  mythischen  Zügen  ausgeschmückt  wurde.  Dieser  Umstand 
scheint  mir  die  Wahrscheinlichkeit,  daß  der  Kaiser  seinem  tapfern ~ 
Schwiegersohne,  der  in  einer  so  denkwürdigen  Schlacht  gefallen  war, 
einen  Ehrenhügel  errichten  ließ,  oder  daß  ihm  denselben  seine  Krieger 
selbst  errichteten,  zu  erhöhen,  so  daß  wir,  wenn  im  11.  Jahrhundert 
schon  anf  dem  Lechfelde,  wo  die  Schlacht  statt  fand,  ein  Gunzenle 
erwähnt  wird,  an  Niemand  sonst  denken  werden  als  an  Konrad  von 
Lothringen,  der  da  gefallen   ist. 

Daß  die  Ungern  den  Kaiser,  dem  sie  auf  dem  Lechfelde  gegen- 
über standen,  Konrad  nannten,  ist  doch  nur  so  zu  erklären,  daß  der  in 
der  Schlacht  so  bedeutsam  hervorgetretene  Konrad  in  der  Erinnerung 
mit  dem  Kaiser  Otto  verwechselt  wurde.  Schon  Anonymus  Belai  notarius 
theilt  den  Irrthum,  indem  er  die  Schlacht,  in  welcher  die  Führer  Lelu 
und  Bnlchu  gefangen  und  erhenkt  worden  sind,  Cap.  53  Cuonrado 
imperatore  geschehn  läßt,  obwohl  er  sie  an  den  Inn  verlegt.  In  dem 
nächsten  Capitel  nennt  er  den  rex  Teotonicorum  wieder  Atho  und 
Hotho  und  erzählt  von  einer  Racheschlacht  der  Ungern,  in  w^elcher  sie 
quem  dam  magnum  ducem,  virum  nominatissimum  interficiunt,  wohl 
wieder  eine  Erinnerung  an  Cuonrad,  womit  die  entscheidende  Nieder- 
lage am  Lech  zugedeckt  werden  soll. 

Noch  anziehender  ist  die  f?pätere  Ausschmückung  bei  den  Chro- 
nisten. Ich  will  dieselbe  nach  Heinrich  von  Mogelias  Chronik  mittheilen, 
weil  ich  von  dieser  den  besten  Text  zu  "eben  vermag:. 

Capitel  15: 

in  dem  sebinzenden  jore  zugin  di  Hungir  ilz  in  dütsche  land  nnde 
quomen  kegin  Augsburg;  do  legeten  si  sich  voo'  die  siat.  do  was  der  bischof 
Ulrich  mit  den  edelen  lütin  von  Sicobin  und  hulfin  den  statlütin  kegin 
den  Hungirn,  tvenne  di  Hungir  icolden  von  der  stat  nicht  zihen,  si  hetten 
si  denne  gewunnen.  do  santin  di  hurgir  zu  k eis  er  Kdnrad  daz  her  en 
zu  hülfe  queme.  do  quam  keisir  Kdnrad  mit  einem  grozin  here  mit  Düt- 
schin  und  mit  Lamparten,  do  toeren  di  Hungir  gerne  geflohin   und  moch- 

20* 


288  ^^-  J-  SCHRÖER 

tin  nicht,  icenne  claz  icazzer  hatte  sich  dirgozzen  daz  iz  vor  di  stat  ßoz, 
daz  si  nicht  mochtin  ohir  daz  wazzir  ßien.  Unde  zu  den  andirn  siten 
quam  keisir  Konrad  qf  si  mit  dem  here,  also  daz  daz  meiste  teil  der 
Hungir  dirslagin  xoart  und  di  andern  gef angin,  daz  keinir  iveg  quam 
in  demselhigen  strite.  do  wurden  gef  angin  Lehel  imd  Bulchu,  di  edeln 
hoii-ptlide  und  wurden  gefürt  vor  den  keiser.  do  sprach  keisir  Konrad: 
,durch  waz  sU  ir  der  cristenheit  so  gar  mordlich  worden'?'  des  aniicurten 
di  Hunger  und  sprachen :  \vir  sint  eine  räche  gotis  und  siat  von  im 
gesanf,  daz  loir  srdlin  iuivir  geisil  sm  und  suUen  iuch  martirn  und  loenne 
loir  iuch  nicht  martirn,  so  martirt  uns  got.^  —  do  sprach  keisir  Konrad: 
,%üaz  tddis  xcellit  ir  sterhinP  do  sprach  Lehel:  ,ldz  mir  ein  hörn  her 
hrenqin  und  loz  mich  dorm  llosin  noch  minem  landseten/  daz  hh  der 
keisir  hrengin.  do  nam  Lehel  daz  hörn  in  di  hand  als  ap  her  hlosin  wolde 
und  slüg  keiser  Konrad  an  di  stirne  daz  her  starh  an  der  stund 
und  sprach:  ,du  stirbist  vor  mir  und  wirst  m2n  diner  in  gener  icerlid!^ 
■wenne  daz  lant  von  Cifia  hatte  einen  glohin,  so  einir  den  andirn  dirslüg, 
daz  der  töte  im  denne  dinte  in  gener  werld.  do  nam  man  di  zivene  houpt- 
manne  tcnd  hing  si  zu  Eegenspurg  an  einen  galgen. 

Deutlich  ist  hier  die  sagenhafte  Erweiterung  des  Vorfalles  zu  er- 
kennen, Konrad  wurde  durch  einen  Pfeil  in  den  Hals  getroffen,  hier 
wird  er  an  di  stirne  geschlagen. 

Ich  wage  es  ohne  weiters  hier  eine  Übertragung  eines  Zuges  aus 
der  ungarischen  Dietrichsage  anzunehmen.  Die  von  Simon  Keza  chro- 
nicon  Hungarorum  I,  11,  12  geschilderte  Schlacht,  in  welcher  Dietrich 
durch  einen  Pfeilsplitter*)  an  der  Stirne  verwundet  wurde,  ist 
in  Liedern  bei  den  Ungern  bis  in's  16.  Jahrhundert  gesungen  worden, 
wie  aus  Nicolaus  Olahus  bekannt  ist.  Ich  glaube,  daß  diesen  Liedern 
auf  jene  furchtbare  Ilunneuschlacht,  an  die  ein  für  die  Ungern  so  ver- 
hängnisvolles Ereignis,  wie  die  Schlacht  auf  dem  Lechfelde,  wieder 
erinnern  mußte,  Züge  zuzutrauen  sind  aus  mythischen  Liedern  von 
Götterkämpfen,  wie  der  Hiadniugakampf,  wo  am  Ende,  nach  der  ur- 
sprünglichen Fassung  (bei  Saxo),  die  Gegner  Hoginus  und  Ilithinus 
sich  gegenseitig  tödten,  vom  Weltbrand,  der  sich  daran  anschließt,  wo 
die  Götter  sich  gegenseitig  tödten.  —  Daß  Konrad  zum  Kaiser  gemacht 
wird,  der  Lchcls  Tod  beschließt^  daß  Lehel  ihn  tödtet,  bevor  er  getödtet 


*)  W.  Grimm  deutsche  Heldensage  S.  IG-k  Daselbst  ist  zu  berichtigen,  daß 
halhatatlan  nicht  der  Heilige,  sondern  der  Unsterbliche  bedeiitet.  So  ist  daselbst  S.  166 
die  erwähnte  angebliche  Übersetzung  des  Keza  nichts  anderes  als  Heinr.  von  Mogelins 
ungr.  Chronik. 


MYTHISCHES  VON  DEM  KONRAD  DES  GUNZENLE.  289 

wird,  zeigt  ein  sichtbares  Streben  ein  gegenseitiges  Tödten  der  Holden, 
wie  in  jener  Weltscldacht,  in  die  Geschichte  hineinzutragen. 

AVas  mich  zunächst  zu  einer  solchen  Betrachtung  veranlaßt  ist 
der  Umstand,  daß  jener  Konrad  von  der  Schlacht  auf  dem  Lechfelde, 
der  nach  der  Sage  zum  Kaiser  und  von  Lehel  erschlagen  Avard,  von 
den  Ungern  wirklieh  zur  mythischen  Gestalt,  ja  an  den  Himmel  ver- 
setzt wurde.  Der  große  Bär^  das  Gestirn,  mittelnlederläudisch  AVoens- 
waghen,  ahd.  wahrscheinlich  Wuotanes  Avagan,  augelsächs.  vsenes  ]ms1 
Wagendeichsel  oder  Carles  vnsn,  dänisch  Korlsvogn,  schwed.  Karlwagn 
s.  Gr.  Myth.  138  heißt  madjar.  Gönczöl  szekere  =  GönziJls  Wagen  und 
die  ungrische  Jlythologie  von  Ipolyi  (Magyar  M3'thologia  irta  Ipolyi 
Arnold.  Pest  1854)  S.  2G8  belehrt  uns  darüber  wie  folgt. 

, Eines  der  bekanntesten  Gestirne  ist  der  große  Bär,  in  unserer  Sprache 
der  Gönzölwagen  *).  Gönzül  soll  der  Erfinder  des  ersten  Wagens  sein. 
Andre  sagen  Gönzöl  war  ein  berühmter  Zauberer,  er  sprach  mit 
Vögeln,  Pflanzen  und  Steinen,  war  Sterndeuter,  that  viel  Wunder 
(was  alles  an  Odin  erinnert).  Sein  Tod  ist  unbekannt,  darum  glaubte 
man  er  sei  an  den  Himmel  versetzt,  und  wie  er  allnächtlich  auf  einem 
Wagen  mit  krummer  Stange  fuhr,  so  fährt  er  jetzt  bei  Nacht  durch  den 
Himmel.  Er  hatte  keine  Nachkommen  und  die  seinen  Namen  tragen 
stammen  nicht  von  ihm.  Ein  alter Hirte  erzählte  aber:  es  sei  der  deutsche 
Kaiser  Gönzöl  mit  seinem  Frachtwagen,  den  die  Madjaren  umgebracht 
haben.  —  Gönzöl  ist  demnach  ^  Wodan.  Bekanntlich  zieht  Dietrich 
an  der  Spitze  des  Heeres  als  Wodan  Gr.  ]\Iyth.  346.  In  jener  Stelle  von 
der  Hunnenschlaeht  bei  Keza  heißt  es  von  Dietrich  noch:  hunc  De- 
tricum  galeam  quondam  habuisse,  et  illam  quanto  magis  defercbat 
tanto  majore  claritate  refulsisse  fabulantur:  der  leuchtende  Kampf- 
helm Odins.  Die  Identität  des  wilden  Jägers  (Wodan)  mit  Dietrich  von 
Bern  tritt  besonders  auffallend  hervor  in  den  Lausitzer  Sagen  s.  K.  Haupt 
Sagenbuch  der  Lausitz  S.  121.  —  Dadurch  gewinnt  obige  Vermuthung 
an  Gewicht,  die  sagenhafte  Verwundung  der  Stirne  Dietrichs  sei  hier  auf 
Konrad  übertragen  und  damit  Konrad  an  die  Stelle  Dietrichs  gesetzt 
worden.  —  Aber  auch  in  der  deutschen  Mythe  heißt  Wodan  Kunz. 
Vernaleken  Mythen  und  Bräuche  S.  50  tlieilt  mit  aus  Troppau:  in  dem 
Bergstädtchen  Bennisch  braust  auf  dem  dreibeinigen  Schimmel 
der  Kunz  durch  die  Nacht.  Er  soll  einst  Bürgermeister  des  Städtchens, 
aber   auch   als  Zauberer  bekannt   gewesen   sein.  —  Hieher   zu   ziehen 


*)  Statt  das  Ganze  mit  allen  Einzelheiten  zn    übcr.?etzon ,  gebe  ifli  vuii  hier  ab 
nur  das  Wesentliche  im  Auszug. 


290  K-  J-  SCHRÖER 

ist  nun,  daß  ehedem  Kunzenstäuber  und  Kunzenspieler  so  viel  als 
Zauberer  hieß;  den  Cunzen  spielen,  Fabian  und  Cunzenspiel  ist  ein  trie- 
gerisches  Spiel,  das  bei  Fischart  noch  Kunzenjägerspiel  hieß,  Frommann 
VI,  235.  369  (mhd.  kunstofel  kunstofeler  mhd.  Wb.  I,  914  wird  nicht 
hieher  zu  ziehen  sein).  Kunz  ist  demnach  auch  in  deutscher  Mythe 
=  Schiramelreiter  (^  Wodan),  Zauberer  und  Jäger. 

Daß  sonst  Dietrich  von  Bern  auch  zum  Theil  Träger  der  Sage 
von  Donar  war,  daß  er  sich  in  einen  Bären  verwandelte,  in  Bären- 
haut hüllte,  gleich  Donar  und  Zalmolxis,  weshalb  er,  als  Sonnen- 
gott, mit  dem  Bären,  der  den  Winter  verschläft,  verglichen  werden  kann, 
ist  Germania  VI,  317.  320,  XIII,  214  besprochen.  Das  Bärgestirn  ist 
zugleich  der  Wagen  des  Bären.  Merkwürdig,  daß  schon  im  Indischen 
der  große  Bär  zugleich  der  Wagendes  Nahuscha  ist,  der  von  den 
sieben  Rischi  gezogen  wird.  „Da  in  der  Sprache  der  Götter  der  Name 
Rischi  fast  gleichlautend  ist  mit  dem  Namen  des  Bären  Rikscha,  so 
haben  die  Menschen  aus  den  sieben  Rischi  einen  großen  Bären  ge- 
macht. Daneben  sieht  man  auch  noch  den  Nahuscha,  wie  er  eben 
als  Schlange  herabstürzt."  Holtzmann  Sawitri  Anmerk.  S.  30. 

In  Gottschee  heißt  der  Nordwind:  der  Bär  (mein  Wtb.  S.  131), 
womit  der  Wind  der  Wintergegend  personificiert  erscheint  und  an  den 
nordischen  Beinamen  des  Thorr  =  Biörn  erinnert. 

Merkwürdig  ist  nun  der  von  Grimm  Mythol.  633  aus  einer  Ur- 
kunde von  1290  angeführte  Chuonrat  der  heiligbär,  der  eine  wei- 
tere Verbindung  zwischen  Kunz  und  dem  Bärenmythus  herzustellen 
scheint. 

Bei  den  Madjaren  heißt  das  Gewitter  Himmelskrieg,  egi  hdborii. 
Die  Beziehung  der  Vorstellungen  von  einer  Weltschlacht,  in  welcher 
die  Hunnen  auf  den  Feldern  von  Chalon  Nachts  wieder  aufstehen  und 
kämpfen,  oder  die  Madjaren  auf  dem  Lechfelde,  Ipolyi  Seite  357.  380 
zu  den  Vorgängen  am  Himmelszelt,  ist  bei  den  Madjaren  noch  ganz 
deutlich  vorhanden.  Die  Milchstraße  heißt  der  Kriegsweg  bei  den 
Szeklern,  hadak  ütja,  die  Engel  steigen  auf  der  Milchstraße  zum  Wahl- 
platze nieder  Ipolyi  271.  Wie  die  Szekler  die  Milchstraße  zu  dem 
Heerführer  Csaba  und  zu  Attila  in  Beziehung  setzen,  wird  erzählt 
Ipolyi  581. 

Besonders  bemerkenswerth  ist  nun,  daß  ein  Gestirn,  aus  drei 
Sternen  bestehend,  Mathias'  Hörn  heißt  und  mit  dem  Szekler  Gestirn- 
namen Lehels  Hörn  ein  und  dasselbe  ist.  Ipolyi  273  f  Damit  erscheint 
das  mythische  Ereignis  aus  der  Weltschlacht  auf  dem  Lechfelde,  daß 
Lehel  mit  einem  Hörn  den  Gönzül  (Konrad)  erschlägt,  an  dcu  Himmel 


MYTHISCHES  VON  DEM  KONRAD  DES  GUNZENLE.        291 

versetzt.  Ferner  hei  l.U  ein  Gestirn  madjarisch:  König  LadislausWagen 
—  wohl  mit  dem  Gönzölwagen  eines  und  dasselbe  —  und  von  König 
Ladislaus  heilet  es  im  Madjarischen,  er  sei  des  Himmels  Stallmeister 
und  peitsche  die  Pferde  des  Gönzöhvagen.  —  Hier  ist  wohl  Ladislaus 
der  Heilige  gemeint,  später  wurde  Ladislaus  Jagello  an  seine  Stelle  gesetzt. 
In  dem  Brückenspiel  der  Kinder,  das  den  Übergang  der  Seelen 
in  den  Himmel  darstellt,  kömmt,  nach  dessen  madjarischer  Fassung  *) 
eine  Heerschaar  des  guten  Polenkönigs  Ladislaus  an  die  Brücke  und 
die  Fergen  (Heimdallr?)  an  der  Brücke  sagen:  auch  Ladislaus  ist  uns 
feiud.  —  Wenn  LaHslaus  gleich  Gönzöl  (=  Odin)  steht,  so  kann  Lehel 
Avohl  Heimdallr  sein;  Heimdallr  ist  L-ing,  Odin  Innin  s.  Myth.  335. 

Das  Hörn  Lehels  erinnert  an  Heimdalls  Giallarhorn,  in  das  er 
bläst  vor  seinem  und  der  Welt  Untergang.  Daß  er  mit  dem  Hörn  den 
deutschen  Kaiser  erschlägt,  damit  der  in  der  andern  Welt  ihm  dienst- 
bar sei,  erinnert  an  den  gleichfalls  auffallenden  Zug  in  der  nord.  Mytho- 
logie: daß  Frey  den  Sturmriesen  Beli  mit  dem  Hirschhorn  erschlägt 
s.  Weinhold  die  Riesen  S.  15  (aus  den  Sitzungsber.  der  kais.  Akad. 
Bd.  26). 

Ein  Kampf  oder  eine  Gegnerschaft  zwischen  Odin  und  Heimdallr 
ist  wohl  nicht  anzunehmen  —  oder  gab  es  eine  Mythe,  wo  Odin  die 
himmlische  Brücke  beschädigte?  —  aber  vielleicht  eine  Verwechslung 
der  zu  Helden  gewordenen  Götter.  Dietrich  der  Gothe  wurde  mit 
Dietrich  dem  Frankenkönige  identificiert,  den  Iring  erschlagen;  war 
ja  der  mit  dem  Kaiser  Otto  verwechselte  Konrad  ein  Franke.  Die 
Erzählung  des  Widukind  von  Corvei,  die  alten  Liedern  entnommen 
ist,  erinnert  hier  sehr  an  die  ungrische  Erzählung  von  der  Lechfeld- 
schlacht.  Nachdem  Iring  den  Franken  Dietrich  erschlagen,  legte  er 
Irmenfrieds  Leichnam  auf  ihn,  damit  der  im  Leben  besiegte  im  Tode 
Sieger  sei;  dann  sei  Irings  Namen  an  den  Himmel  versetzt  worden, 
indem  die  Milchstraße  Iringsstraße  genannt  wurde.  —  Dieß  erinnert  an 
die  ungrische  Erzählung,  Lehel  habe  den  Franken  Konrad  erschlagen, 
damit  der  Sieger  nach  dem  Tode  dem  Besiegten  dienen  müsse.  Hier 
wurden  Lehels  Hörn  und  Konrad  an  den  Himmel  versetzt. 

Die  ungrische  Benennung  der  Iringsstraße  oder  Milchstraße,  hadak 
utja,  Kriegsstraße,  wird  wohl  mit  dem  erwähnten  ^gihaborü,  mit  dem 
Himmelskriege  in  Zusammenhang  stehen  (das  madjar.  had,  der  Krieg, 
stimmt  merkwürdig  zu  ahd.  hadu). 


*)  Ich   habe   sie   mitgetheilt  im   Beitrag  zur   doutschen  Mythol.  Presburg   1855, 
Seite  52. 


292   SCHEÖER,  MYTHISCHES  VON  DEM  KONRAD  DES  GUNZENLE. 

Überschauen  wir  den  zurückgelegten  Weg,  so  scheint  sich  zu  er- 
geben :  In  der  Schlacht  auf  dem  Lechfelde  ragt  die  Gestalt  des  fränki- 
schen Konrad  so  bedeutend  hervor,  daß  ein  an  Ort  und  Stelle  ent- 
standenes Ehrendenkmal,  das  einem  Konrad  gesetzt  ist  und  hundert 
Jahre  nach  der  Schlacht  zum  ersten  Mal  genannt  wird,  sich  wohl  auf 
ihn  beziehen  wird. 

Die  Schlacht  auf  dem  Lechfelde  wurde  in  der  Sage  mit  mythi- 
schen Zügen  von  einer  Weltuntergangsschlacht  ausgeschmückt,  wie 
einst  die  große  Hunnenschlacht.  Züge  der  Sage  von  der  letzteren  wur- 
den auf  die  erstere  übertragen. 

Die  Haupthelden  wurden  an  den  Himmel  versetzt:  Konrad  und 
Lehel,  sammt  dem  mythischen  Hörn. 

Die  mythische  Bedeutung  der  Brückenspiele  gewinnt  an  Gewicht, 
indem  wir  nun  annehmen  dürfen,  daß  König  Ladislaus,  der  dem  Brücken- 
hüter feind  ist,  wirklich  an  die  Stelle  eines  mythischen  Wesens  getreten 
ist.  König  Ladislaus  Wagen  ist  Gönzöls  Wagen.  Gönzöl  ist  Wodan 
und  Lehel  mit  dem  Hörn  ist  Heimdallr  mit  dem  Giallarhorn. 

Ob  die  auf  dem  Lechfelde  gefangenen  und  dann  hingerichteten 
madjarischen  Heerführer  Lehel  oder  Leelu  und  Bulchu  oder  Ver- 
bulchu  wirklich  Namen  geschichtlicher  Personen,  oder  ob  es  ganz 
mythische  Wesen  sind,  wäre  noch  zu  erwägen. 

Lelielu  (ueumadj arisch  lehelö)  bedeutet  der  Athmende;  Ver- 
bulchu  (neumadjar.  verbülcsii)  etwa:  Blutsühne.  Das  klingt  doch  sehr 
mythisch. 

Als  Todtenführer  wird  in  der  madjarischen  Mythe,  wie  in  der  deut- 
schen, sonst  der  Erzengel  Michael  angeführt;  also  für  Mercur  — Wuotau, 
Er  ist  der  praepositus  paradisi  Caesar.  Heisterbac.  VIH,  c.  45  *)  und  im 
Ungrischeii  heißt  die  Todtenbahre  Szent  Mihäly  lova:  des  heil.  Michael 
Pferd;  megrügta  Szt  Mihaly  lova:  es  schlug  ihn  des  h.  Michael  Pferd  = 
er  stirbt;  schwer  ist's  die  Schläge  des  Pferdes  vom  heil.  Michael  heilen, 
sagt  der  Madjare  für:  dem  Tod  ist  kein  Kraut  gewachsen  Ipolyi  371. 
Wolf  Beiträge  z.  M.  I,  32.  Dieß  mag  zugleich  als  Fingerzeig  dienen, 
wäe  sich  in  der  madjar.  j\Iythe  so  häufig  deutsche  und  slavische  An- 
schauungen finden;  so  daß  Entlehnung  sogar  in  den  meisten  Fällen  leichter 
nachzuweisen   sein  wird,  als  das  Avas  diesem  Volke  eigenthümlich  ist. 

In  den  Brückenspielen  der  Kinder,  in  denen  der  Übergang 
der  Seelen   in   die    andere  Welt    dargestellt  Avird,    erinnert   eine   mad- 


*)  Wittich   liält  im  Ij.iuriii  238  denselben  für  einen  Engel;    duz  viac  vil  v:ol  ein 
en'jd  sin^   seale  Michahel  der  vcise  und  ittct  vz  dem  paradisc. 


LUTTERBECK,  ZUIJ  ORTSNAMENFORSCHIING.  293 

jarische  Fassung  des  dabei  gesungenen  Liedes,  worüber  ich  einen  vor 
langer  Zeit  schon  geschriebenen  Aufsatz  demnächst  mitzutheilen  denke, 
an  den  Übergang  der  Burgonden  über  die  Donau  (Nibel.  1533  f.  bei 
Bartsch,  1473  f.  bei  Lachmann).  Der  Anführer  der  Seelen  heißt  im 
madjar.  Brückenspiele  König  Ladislaus,  und  erscheint  hier,  wenn  man 
die  Analogie  fortsetzen  will,  für  Günther,  was  ebenfalls  an  Gönzöl 
(Gunzel)  erinnert,  für  den  hier  Ladislaus  eintritt,  indem  der  Gönzöl- 
wagen  auch  Ladislauswagen  heißt.  K.  J.  SCHRÖER. 


ZUR  ORTSNAMENFORSCHUNG. 


1.  über  den  Namen  der  römischen  Feste  Aliso. 

Die  von  Drusus  im  J.  11  v.  Chr.  bei  Gelegenheit  seines  Kriegs- 
zuges gegen  Sigambrer  und  Cherusker  an  der  Mündung  des  „Elison" 
in  die  Lippe  (Dio  Cass,  54,  33)  zunächst  nur  als  Brückenkopf  zur 
Sicherung  des  Überganges  über  diesen  Fluß  erbaute,  dann  aber  als 
„Castellum"  im  Sinn  einer  bleibenden  Anlage  festgehaltene  und  noch 
weiterhin  ausgebaute  Feste  Aliso  (griech.  "AXslGov  Ptol.  2,  11),  ist  von 
den  Römern  so  lange,  als  sie  überhaupt  noch  an  Eroberungen  im  nord- 
westlichen Deutschland  dachten,  d.  h.  bis  zu  der  vom  Kaiser  Claudius 
im  J,  47  u.  Chr.  angeordneten  Zurückziehung  aller  dortigen  praesidia 
auf  die  linke  Rheiuseite  (Tac.  Ann.  11,  19),  als  ein  vorgeschobener 
Posten  und  Hauptstützpunkt  ihrer  sämmtlichen  Unternehmungen  bis  zur 
Weser  hin  angesehen  Avorden.  In  der  Geschichte  ist  sie  wichtig  gewor- 
den vor  Allem  im  Jahre  9  n.  Chr.  durch  ihre  Nähe  beim  Schlacht- 
felde des  Varus,  dann  durch  ihre  Belagerung  von  Seiten  der  Deutschen, 
und  zuletzt  durch  die  Sorgfalt,  die  noch  im  J.  16  Germanicus  auf  ihre 
gesicherte  Verbindung  mit  dem  Rhein  verwandte  (Tac.  Ann.  2,  7,  vgl. 
Vell.  Fat.  2,  120).  Seit  Closterraeyer's  und  Ladebur's  Forschungen  hat 
man  meistentheils  entweder  Elsen  an  der  Ahne  oder  Liesborn  an  der 
Liese  für  den  Platz  gehalten,  wo  Aliso  einst  gelegen  habe.  Die  sehr 
gründlichen  imd  erfolgreichen  Untersuchungen  des  Hofrathes  Dr.  Esellcn 
(zuletzt  in  seiner  Geschichte  der  Sigambern,  Leipzig  1868)  haben  es 
aber  so  gut  als  gewiß  gemacht,  daß  seine  Stelle  am  Zusammenfluß  der 


294  LUTTERBECK 

Alise  und  Lippe,  eine  Viertelstunde  unterhalb  Hamm,  gewesen  ist. 
Außer  der  Lage  des  Ortes  scheint  uns  auch  sein  Name  wohl  einer 
nähern  Betrachtung  würdig  zu  sein,  indem  es  sich,  wenn  wir  nicht 
irren,  herausstellt,  daü  er  deutsch  ist  und  einer  sehr  weitverbreiteten 
sprachlichen  Sippschaft  angehört,  deren  sehr  naheliegende  und  unver- 
kennbare Bedeutung  man  aber  gleichwohl  ganz  vergessen  oder  doch 
bis  jetzt  übersehen  hat.  Die  Wiedergewinnung  eines  alten  Begrifies 
möge  es  entschuldigen,  wenn  wir  hier  vielleicht  zu  umständlich  darauf 
eingehen,  um  ihn  gleichsam  von  Neuem  festzustellen.  Es  dient  nämlich 
der  Name  Alse,  Else,  Ilse  mit  noch  mehreren  Nebenformen  im  Deutschen 
und  den  damit  verwandten  Sprachen  (dem  Celtischen,  Slawischen, 
Griechischen,  Illyrischen,  Italienischen,  Französischen  u.  s.  w.)  so  auf- 
fallend oft  zur  Bezeichnung  von  Wasser,  Bach,  Fluß,  daß  man  dabei 
kaum  mehr  an  einen  Eigennamen,  sondern  nur  an  ein  altes  Appella- 
tivum  dafür  denken  kann,  was  denn  auch  durch  die  Etymologie  des 
Wortes  und  seine  sonstige  Anwendung  bestätigt  wird.  Seine  älteste 
und  einfachste  Form  finden  wir  in  Alsa,  dem  Namen  eines  Flußes  im 
Lande  der  illyrischen  Veneter,  westlich  von  Aquileja,  bekannt  durch 
die  Schlacht  zwischen  Constantin  dem  Jüngern  und  seinem  Bruder  Con- 
stans,  340  n.  Chi\  Derselbe  Fluß  heißt  jetzt  Ausa,  mit  bekanntem  Über- 
gang von  l  in  u,  der  auch  in  den  französischen  Namen  Ose  und  Oserain 
stattgefunden  zu  haben  scheint,  verglichen  mit  Alesia,  der  berühmten 
mandubischen  Festung  im  lugdunensischen  Gallien,  die  an  diesen  Flüßen 
lag  und  von  ihnen  wohl  auch  ihren  Namen  hatte  (vgl.  Jul.  Cäsar  von 
Napoleon  2,  290).  Über  Alsa  fügen  wir  noch  bei,  daß  das  s  darin 
durchgängig  =  ß  gesprochen  zu  sein  scheint ,  indem  sich  daraus  sein 
häufiger  Übergang  in  z  erklärt;  und  ferner,  daß  vor  dem  s  ein  i  durch- 
getönt haben  muß,  da  dieses  sehr  oft  hier  wirklich  erscheint,  oder  aber 
durch  seinen  Wegfall  die  Umlautung  des  vorhergehenden  a  in  e  be- 
wii'kt  hat,  welches  a  außerdem  auch  leicht  zu  i  geschwächt  werden 
konnte.  So  haben  dann  die  Alz  am  Chiemsee,  die  Else  im  Osnabrücki- 
schen, die  Ilse  am  Harz,  die  Olsa,  Nebenfluß  der  Oder  nebst  Öls,  die 
Elza,  Nebenfluss  des  Arno,  die  Elz,  Nebenfluß  des  Neckar  nebst 
Neckarelz,  die  Elz,  Nebenfluß  der  fränkischen  Saale  nebst  Eisbach, 
die  Elz,  Nebenfluß  der  Mosel  bei  Koblenz,  die  Elz,  Nebenfluß  der 
Emscher  nebst  Alsum,  und  die  Elz  im  Luxemburgischen  in  ihren  For- 
men nichts  Auffallendes.  Die  Insel  Alsen  ist  gleichfalls,  wie  es  scheint, 
nur  ihres  Wasserreichthums  oder  etwa  ihrer  Sümpfe  wegen  so  genannt 
worden.  Anstatt  des  s  erscheint  ein  r  bei  der  Aller  im  Hanno ver'schen  und 
der  Hier  im  Badischen,    während   die  Aiser   bei  Wien    den  Zusatz  er, 


ZUR  OHTSNAMENFüK^ClIUNG.  295 

die  Alster  bei  Hamburg  und  die  Elster  bei  Leipzig  den  Zusatz  ter,  die 
Alsenz,  Nebenfluß  der  Nahe,  und  die  Elsenz,  Nebenfluß  des  Neckar, 
den  Zusatz  enz  (beide  alt  Alisontia)  erhalten  haben  (vgl.  Förstemann). 
Der  111  in  Tirol  und  im  Elsaß  gehört  dagegen  wohl  kaum  hieher  und 
gewiß  noch  weniger  die  Alme  in  Westfalen  und  die  Um  in  Thüringen. 
Umgekehrt  aber  ist  der  Wegfall  des  l  in  Ahse  (eigentlich  Ahße  gesprochen, 
früher  einmal  auch  Orze  genannt  und  ganz  ähnlich  gebildet  wie  franz. 
Ose,  Oze).  Deßgleichen  in  Ise,  Nbfl.  der  Aller  und  nicht  minder  vielleicht 
auch  in  Yssel,  Isee,  Isar,  Iser,  franz.  Oise,  den  gewöhnlichen  Laut- 
gesetzen ganz  entsprechend.  Im  Griechischen  fand  sich  ebenfalls  ein 
Fluß  Elisa  in  Elis  und  der  Bach  Ilissos  bei  Athen;  das  Wort  cikaog 
erklärt  sich  am  leichtesten  als  heiliger  Hain  an  einem  Fluß ;  ikv^ 
(für  l'iJ^g?)  heißt  Schlamm,  und  darnach  ist  "iXiov  schon  von  einigen 
Alten  als  Sumpfstadt  erklärt  worden  (Hesych.^.  Allem  Anscheine  nach 
stand  hier  anfangs  überall  ein  Digamma  vor  dem  Wort,  ebenso  wie 
in  Elog,  'EXäa,  lat.  Velia,  Velabrum  u.  s.  w.,  also  lauter  Sumpforte. 
Ein  w  oder  u  finden  wir  auch  im  Deutschen,  z.  ß.  Ulster,  Nebenfluß 
der  Werra,  Ülzen,  Stadt  in  Hannover  an  der  Ilmenau,  Welse,  Neben- 
fluß der  Oder  u.  s.  w.  Auf  denselben  Begriff  Wasser,  Fluß,  vSumpf 
beziehen  sich  ferner:  die  Alse,  ein  Fisch,  die  Alsenech,  eine  Pflanze, 
=  Selinum  palustre,  die  Else  ;=  Wermuth,  die  Else,  Eller,  Erle,  ein 
Baum  an  einem  Wasser,  der  Elsengrund  =  Erlengrund;  aber  nicht 
Elster,  der  bekannte  Vogel,  alt  agalastra  genannt.  Hiernach  gebildete 
Ortsnamen  sind  in  Deutschland  sehr  häufig,  z.  B.  Alzey  in  Rheinhesseu 
(alt  Alzeia),  Aisbach  in  Sachsen-Rudolstadt,  Eisbach  in  Franken,  Ais- 
hausen im  Elsaß,  Alsleben  an  der  Saale;  wogegen  Alsfeld  an  der 
Schwalm  (alt  Adelesfeld  und  Alahesfeld),  Aisheim  bei  Worms  (alt  Ala- 
hesheim)  und  so  wohl  auch  Alzheim  an  der  Donau,  nicht  von  alsa, 
Wasser,  sondern  theils  von  Adalo  (Eigenname),  theils  von  alah,  alh, 
Heiligthum;,  ihren  Namen  haben.  (Weigand  Ortsn.,  Förstemann.)  —  Das 
indogermanische  ars  =  fließen,  gleiten,  netzen  (man  s.  Fick's  Indogerm. 
Wörterbuch  S.  14),  woher  sanskrit.  arsh  in  gleicher  Bedeutung  und 
auch  griech.  SQörj^  Thau,  bietet  sich  ganz  ungesucht  dar  als  die  Wui'zel 
dieses  von  uns  jetzt  nachgewiesenen  altdeutschen  Wortes  alsa  und 
seiner  Nebenformen.  Genau  ebenso  gedacht  ist  auch  der  deutsche 
Flußnarae  Lippe,  als  Luppia,  indem  derselbe  gewiß  von  dem  indogerm. 
lib,  griech.  Xsißnv  =  gießen,  netzen  abzuleiten  sein  dürfte,  ebenso 
wie  der  celtisch-deutsche  Name  Rhein  von  sru,  Qeecv,  rinnen.  —  Wir 
kommen  jetzt  auf  den  Ortsnamen  Aliso  selbst  und  bemerken  zuerst 
über  die  Mittelsilbe  dieses  Wortes,  daß  sie  in  der  römischen  Aussprache 
höclist  wahrscheinlich   weder  lanrr  noch  betont  trcwcscn   sein  wird,  ob- 


296  LUTTEKBECK 

wohl  mau  das  Erste  aus  dem  griech.  "AXtiGov  des  Ptolemäus  uud  das 
Andere  außerdem  auch  noch  aus  dem  griech.  'EIlöojv  des  Dio  Cassius 
geschlossen  hat.  Bei  den  Alexandrinern  nämlich  wurde  oft  auch  das 
kurze  t  durch  st  ausgedrückt;  z.  B.  statt  rjyyLKSv  wurde  auch  rjyysLXSv, 
statt  xad-iöag  auch  xad-ii0ag  geschriehen  u.  s.  w.  (s.  Alex.  Buttmann 
N.  T.  Gram.  S.  5.  Marc.  9,  35  ed.  Lachm.)  Ferner  konnte  der  Fluß- 
uame  'EkiGav  im  Griechischen  allerdings  nicht  anders,  als  entweder 
auf  der  vorletzten  oder,  wie  bei  'EIlGOcÖv^  einem  Fluß  Arkadiens,  auf 
der  letzten  Silbe  betont  M^erden ;  vermuthlich  aber  hat  Dio  Cassius  den 
Namen  des  Flußes  nur  aus  dem  Namen  der  Stadt  entnommen,  indem 
der  Fluß  von  ihm  Avohl  eher  "E).i<5a  hätte  genannt  werden  müssen 
nach  der  Analogie  aller  andern  deutschen  Fluünameu  dieser  Art.  Daß 
das  i  in  Aliso  kurz  war,  scheint  aus  dem  leichten  Verschwinden  des- 
selben ^  in  Ahsontia,  Else,  Elz  u.  s.  w.  unzweideutig  zu  folgen.  Ferner 
muß  auch  noch  beachtet  werden^  daß  die  liömer  am  Ende  des  Wortes 
Aliso  gewiß  ein  nasales  n  haben  hören  lassen,  Avie  schon  aus  dem 
Genitiv  Alisonis  etc.  und  dem  griech.  "AXbl6ov  zu  schließen  ist.  Dieses 
Alison  nun  aber  entspricht  durchaus  den  jetzigen  deutschen  Ortsnamen 
Elsen  oder  Alsum,  d.  h.  wir  haben  darin  ohne  Zweifel  einen  Dativ  plur. 
zu  sehen;  und  zwar  ist  die  noch  heutzutage  in  Westfalen,  Schleswig- 
Holstein  etc.  sehr  übliche  locative  Endung  -um  statt  -un  oder  -on  gewiß 
die  ältere  gewesen  für  das  Altsächsische  sowohl  als  für  das  Gothische : 
Schleicher,  Compendium.  §.  261  ff.  Auch  -heim  ist  ein  Dativ,  wie  heute 
ein  Ablativ  und  heint  ein  Accusativ^,  Alison  oder  Alsum  heißt  also  wört- 
lich: „zu  den  Flüssen",  Lippe  und  Ahse,  ähnlich  wie  das  heutige 
Alsum  „zu  den  Flüssen''  Emscher  und  Elz,  an  deren  Zusammenfluß 
es  liegt,  wie  Beckum  oder  Beckeme  „zu  den  Bächen",  nämlich  den- 
jenigen, aus  deren  Zusammenfluß  die  Werse  entsteht.  Gießen^  „zu 
den  Gießen  oder  Flüßen"  Lahn  uud  Wieseck  u.  s.  w.  Elsen  an  der 
Alme  dagegen  hat  seinen  Namen  von  einer  Familie  Ilsen,  die  sich 
im  Mittelalter  dort  anbaute.  Ob  sich  dort  außer  der  Alme  auch  noch 
etwa  ein  kleinerer  Bach  oder  sonst  ein  Wasser  findet,  ist  mir  un- 
bekannt; jedenfalls  ist  die  Lippe  zu  entfernt,  um  zugleich  mit  der 
Alme  den  Pluralnamen  Elsen  begründen  zu  können.  Auch  der  Name 
der  Insel  Alsen  wird,  wie  schon  gesagt,  „zu  den  Wassern"  bedeutet 
haben,  wogegen  Aisheim  an  eben  dieser  Stelle  nur  einfach  „Wasser- 
Btadt",  wenn  nicht  vielmehr  „Heiligthumsstadt"  bedeutet  haben  würde. 
Übrigens  ist  Alsum  an  der  Emscher  und  der  Elz  ofienbar  fast  gleich- 
namig mit  dem  benachbarten  Walsum,  welches  selbst  nur  einer  Um- 
stellung von  Wasal,  d.  h.  ..feuchter  Grund"  oder  „Grund  am  Wasser" 


ZUR  ORTSXAMENFORSCHUXG.  297 

(s.  Oscar  Scliatle  altd.  AVörtcrb.  S.  G95)  seiueu  Ursprung  verdankt  und 
also  =  Wesel  uud  wohl  auch  =  Basel  ist,  Avährend  Alison  seinem 
Xaraeu  und  etwa  auch  seiner  Bestimmung  nach  in  der  Römerzeit 
beinahe  sechszig  Jahre  hindurch  allerdings  ein  deutsches  Coblenz  im 
Kleinen  gewesen  ist. 

GIESSEN.  LUTTEEBECK. 

IL  Über  Ortsnamen  auf  -losen. 

Der  mehrfach  besprochene  schwäbische  Dorfname  Ganslosen  gibt 
mir  Anlaß _,  einiges  über  das  genannte  Thema  vorzubringen.  Ich  habe 
Tausende  deutscher  Wald-  und  Flurnamen  aus  Urkunden,  Lager- 
büchern^  Flußkarten  u.  dgl.  gesammelt  und  nach  ihrer  muthmaßlichen 
Bedeutung  zu  ordnen  gesucht.  In  dieser  Sammlung  findet  sich  auch  die 
Ortsnamensippe  auf  -losen.  Erlauben  Sie  mir,  das  hierher  bezügliche 
bekannt  zu  geben. 

Wir  wissen  aus  der  Geschichte  der  deutschen  Mark-  uud  Hofver- 
fassuug,  wie  in  allen  Ländern  germanischen  Rechtes,  sowohl  umfjing- 
reiche  Gemeindeländereien  (Allmanden)  als  auch  Gewandungen  von 
Fronhöfen,  dort  an  die  berechtigten  Markgenossen,  hier  an  die  hörigen 
Ho^üuger  nach  dem  Lose  vertheilt  wurden.  (Ludwig  von  Maurer:  Ein- 
leitung in  die  Gesch.  d.  deutsch.  Markgenossensch.  1 — 3,  79 — 80,  278  ff. 
Ferner  desselben:  Geschichte  der  Frouhöfe  und  Bauernhöfe  III  20  bis 
203 5  desselben:  Gesch.  der  Dorfverfass.  1,  307  fi'.  Endlich  sehe  man 
auch  Schmeller  baier.  Wörterb.  2,  504,  531  ft'.). 

Diese  Lose  oder  Lostheilc;,  sortes,  portiones,  nach  einem  andern 
deutschen  Worte  auch  Lussen,  Lüssen  genannt,  wofür  ebenfalls  zahl- 
reiche Belege  ersammelt  sind,  behielten  in  vielen  Marken  den  einfachen 
Namen  ihres  Ursprunges  bei.  Sie  finden  sich,  zumal  in  Schwaben, 
ungemein  häufig  und  erscheinen  heute  als  vermessene,  in  Parzellen 
zerschlagene  Acker,  Wiesen,  Weiden  uud  Wälder.  Bei  vielen  läßt  sich 
jetzt  noch  ermitteln,  daß  sie  ager  compascuus,  AUmaud,  waren,  viele 
sind  es  zur  Stunde  noch^  bei  dem  Rest  läßt  sich  das  für  frühere  Zeiten 
mit  ziemlicher  Sicherheit  behaupten.  Beispiele  für  die  einfache  Form: 
in  Losen  (Weinberge  und  Acker),  in  Lösen  (Wald)  und  in  Löseneu 
(Wald  und  Feld).  Dieselben  in  schwäbischem  Gewände:  in  Lausen 
(Wiesen),  in  Lausenen  (Wiesen),  in  Löschen  (Acker),  in  Löschenen 
(Wiesen),  in  Loschen  (Wiesen).  Beispiele  für  die  zusammengesetzten 
Formen:  a)  in  denen  Los  das  Bestimmungswort  ist,  Losäcker,  Losbaint, 
Losbuch  (Wald),  Loshalde  (Wiesen),  Loshaldenberg  (Wiesen),  Los- 
heimer  und  Losemer  (Acker),  h)  Los  a!s  Grundwort:  Bodenlöse,  Boden- 
lösen, Erllosen,  Grundlosen,   Sattellöse. 


298  RICHARD  ÜITK 

Für  die  zweite  Unterart  sind  alle,  die  mit  hluz  (Los)  oder  mit  lüz 
(Versteck)  zusammengesetzt  sein  könnten,  weggelassen  worden.  Mona 
in  seiner  Zeitsch.  f.  Gesch.  des  Oberrheins  2,  497  führt  schon  zum 
J.  1278  aus  der  Lörracher  Gegend  eine  Loschebande,  offenbar  unser 
Losbaint,  an.  Im  Vorbeigehen  sei  gesagt,  daß  in  Oberschwaben  Baint  von 
bannen  abgeleitet  wird,  da  bannen  s.  v.  a.  den  Viehtrieb  verschließen 
heißt;  auch  erwähne  ich,  daß  Ulrich  Richental  in  seiner  Chronik  des 
Concils  von  Konstanz  (geschrieben  um  1430)  sich  der  Form  beinen 
für  bannen  bedient.  —  Nachdem  ich  viele  der  genannten  Ortlichkeiten 
selbst  in  Augenschein  genommen,  habe  ich  die  Überzeugung  gewonnen, 
unser  -losen  könne  nichts  anderes  denn  sortes  bedeuten,  und  somit 
nichts  anderes  sein,  als  der  Dativ  plural  von  loz.  Nicht  einmal  der 
Schlammletten,  der  Löß,  kann  ernsthaft  in  Frage  kommen,  eher  noch 
in  einzelnen  Namen  das  ahd.  stf.  losi,  losä  =  redemtio,  Entschädigungs- 
abgabe, Pachtgeld,  zu  dem  die  in  Urkunden  nicht  selten  vorkommen- 
den Composita:  holzlosi,  stumplosi,  kirchlosi  u.  s.  w.  gehören.  Eine 
(Jrtlichkeit  Grundlosi  nennen  Grimm's  Weisth.  1,  302  im  Aargau,  eben- 
dort  befindet  sich  heute  noch  ein  Dorf  Würenlos,  im  Bregenzer  Walde 
ein  Dorf  Oblosen.  Bei  Mone  a.  a.  0.  2,  88  wird  im  J.  1226  eine  silvula 
vincloz  genannt.  Ganz  etwas  anderes,  als  die  obengenannten,  bei 
Klosterwald  in  Hohenzollern  liegenden  Erllosen,  ist  der  Bach  Erlös  im 
wirt.  Oberamt  Ehingen.  Es  wird  dieses  wohl  Erl-os  zu  trennen  sein. 
Osa  glaube  ich  zu  osjan  stellen  zu  sollen,  sofern  es  sich  hier  um 
einen  zeitweise  versiegenden  Bach  handelt.  Wie  Grund  und  Boden  in 
der  Redensart  zusammengehören,  so  treten  sie  auch  in  Ortsnamen 
neben  und  für  einander  auf.  Weitaus  in  den  meisten  Fällen  bedeuten 
sie  ein  ebenes  Feld  oder  eine  ebene  Lage  am  Fuße  einer  Anhöhe. 
Wohl  gibt  es  auch  Ortlichkeiten  im  Boden,  die  auf  Anhöhen  liegen, 
allein  hier  ist  eben  nur  die  alte  Bedeutung  dieses  Wortes  planities. 
Ebene,  festgehalten,  in  der  es  dann  freilich  ebensowohl  ein  flaches  Floß, 
als  den  Kornboden  unter  dem  Dache  bedeuten  kann.  Försteiiiann  führt 
das  Wort  in  einer  sehr  alten  Zusammensetzung  NB.  2,  909  an:  Bodo- 
melosenstamph,  worunter  ich  eine  Pochmühle  auf  den  Bodenlösen  ver- 
stehe. Sattellöse,  ein  Dorf  im  badischen  Seekreis,  erinnert  an  das  alte 
Feldmaß:  satel,  sateil  =  Vg  bis  Yg  Morgen.  In  Oberschwaben  ver- 
steht man  heutzutage  unter  Satel  die  Breite  eines  Ackerstreifens,  soweit 
der  Säemann  den  Samen  mit  einem  Wurfe  schleudert.  Die  bei  Förste- 
mann  2,  876  und  2,  1506  angeführten  Kinloson  und  Westerkinloson 
wage  ich  bei  meiner  Unbekanntschaft  mit  den  norddeutschen  Agri- 
culturverhältnissen   nicht  zu  deuten.    Ein    ebendort  1,  1489    genanntes 


ZUR  ORTSNAMENFOR^CIirNTf.  299 

Wazorlosum  mnliiit  an  oine  Stelle  in  Grimm's  Weistli.  1,  540,  wo  von 
dem  Mangel  eines  Weges  zu  Wasser  und  Feld  die  Rede  ist.  'Klagt 
jemand  um  wasserlose  oder  jockweg'  etc.  etc.  Hier  handelt  es  sich  allem 
nach  um  das  stf.  losi. 

Nach  diesen  Anführungen  komme  ich  endlich  an  unser  schwäbi- 
sches Schiida,  auf  das  Dorf  Granslosen  zu  sprechen,  das  heute  Auendorf 
heißt  und  das  seit  dem  Erscheinen  der  „Alemannischen  Wanderungen*' 
von  Bacmeister  für  einen  slawischen  Ortsnamen  angesehen  wird.  Das 
genannte  Dorf  liegt  in  einem  engen  Albthälchen,  das  in  die  rechtseitige 
Sohle  des  Filsthales  einmündet  und  von  einem  Nebenbach  der  Fils, 
von  dem  Wettenbach,  durchflössen  wird.  Ganslosen  liegt  auf  einer 
kleinen  Anhöhe,  die  das  Wettenbachthal  in  zwei  schmale  Arme  theilt. 
Die  Arme  selbst  sind  östlich  und  westlich  von  steilen  und  hohen  Berg- 
wänden eingefaßt,  da  das  Thälcheu  von  Norden  nach  Süden  streicht, 
so  daß  Ganslosen  den  übrigen  Thallagen  gegenüber  sichtbarlich  allein 
vor  den  häufigen  Übersclnvemraungen  des  Wettenbaches  sicher  ist. 
Die  alten  Schreibungen  Gas  und  Gos  in  Gaslosen  und  Goslosen,  wie 
das  schwäbische  gaus  in  Gauslausen,  gehören  Angesichts  dieser  Um- 
stände zum  ahd.  gos  =  diluvies.  Wie  das  alte,  auch  in  oberdeutschen 
Mundarten  noch  zu  findende  gos  und  gus  =  anser  in  das  schwäbische 
gauns  hinüberglitt,  so  ist  ihm  gos  =  diluvies,  Überschwemmung,  auf 
demselben  Wege  der  Lautwandlung  gefolgt.  Wenn  das  Volk  bei  gos 
nur  an  die  Gans  und  nicht  an  ein  verschollenes  gos  =  Überschwem- 
mung dachte  und  damit  dem  guten  Ganslosen  für  alle  Zeit  einen 
„Schlätterling"  anhieng,  so  wird  man  dieß  nur  in  der  Ordnung  finden. 
Ganz  in  der  Nähe  findet  sich  ein  anderer  Nebenbach  der  Fils,  die  Gos, 
an  welcher  Gosbach  liegt.  Man  wird  die  alte  Kameradschaft  nicht  ver- 
kennen. Zusammensetzungen  mit  gos  sind  auch  anderswo  nicht  selten, 
ich  will  nur  Goslar,  Gosowe,  Gosfeld  anführen.  Goslosen  oder  Gaslosen 
wird  dem  Vorgetragenen  zufolge  schwerlich  etwas  anderes  sagen  wollen, 
als  sortes  juxta  ripam  stagnantem.  Dafür  spricht  der  jetzige  Name  des 
Gansloser  Baches  beredt  genug.  Die  Wette  oder  das  Watt  bedeutet  in 
Oberschwaben  heute  noch  s.  v.  a.  stagnum,  ausgetretenes  Wasser. 
Wettenbach  ist  daher  nur  die  jüngere  Übersetzung  für  ein  altes  Gose. 
Wäre  die  Lesart  Gastlosen,  die  im  16.  Jahrhundert  vorzukommen 
scheint,  alt,  so  könnte  man  an  sortes  extraneorum  denken,  da  die  alte 
Rechtssprache  unter  Gast  einen  Ausmärker  verstand,  der  kein  Recht 
an  die  gemeine  Mark  hatte,  dem  aber  häufig  aus  „Gunst  und  gutem 
Willen"  ein  Nutzen  an  der  Allmand  verstattet  wurde. 

AULENDORF  in  Wirtenberg.  RICHARD  BÜCK. 


300  ^^'AHL  SCHRÖDER 


SPRACHLICHES  ZU  CLOSENER. 


I.  Die  Martsche. 

Closener  erzälilt:  Do  man  zalt  1382  jor,  4  tvocheu  noch  den  ostern, 
an    der   mitfeicochen  so  die  runiofel   oder    die    martsche   ist  zu  Stroshurg, 
noch   dem   nahtmasze,    do  erhub  sich  ein  gescholle  in  der  Brantgasze  zioi- 
schent  den  ziceien  geschlehten,  den  von  Mulnheim  und  den  Zornen  (Städte- 
chroniken VlII  122,  5).  Was  ist  die  Martsche?  Das  Mhd.  Wb.  11  ^  84'' 
citiert  unsere  Stelle,  gibt  sich  aber  im  Übrigen  mit  einem  Fragezeichen 
zufrieden.    Scherz-Oberlin,    der,    da  es  sich  um  etwas  Straßburgisches 
handelt,  wohl  hätte  zu  Rathe  gezogen  werden  sollen,  sagt  p.  1005  bei 
Martsche   (andere   Lesung  Marsche) :   Apud  Matthaenm  Paris    ludus    hie 
appellatur  Martins.  Also  war  die  martsche  ein  Fest  oder  Spiel,  welches 
im  März    gefeiert   wurde.    Die  Schreibung    tsch    für    tz,    also    martsche 
für  martze,  ist  dem  Elsässischeu  geläufig;    s.  Weinhold  Alem.  Gramm. 
§.  192  p.  160.  Aber  daz  gescholle  erhub  sich  eben  nicht  im  März,  son- 
dern vier  Wochen   nach  Ostern,    und  zwar  Mittwoch  20.  Mai.    Dieser 
Widerspruch  zwischen  dem  Namen  und  der  Datierung  darf  uns  nicht 
beirren:  wir  haben  es  bei  der  Martsche  mit  einem  sehr  alten  Ding  zu 
thun,  dessen  Name  haftete,  als  die  Feier  längst  verlegt  war.  Die  Rechts- 
alterthümer  p.  245  geben  dafür  erwünschten  Anhalt:   'Die  fränkischen 
könige   beriefen   das  volk   gewöhnlich    an   einen   ort   des  Niederrheins, 
z.  B.  Andernach,    lugelnheim,    doch    auch   in   andere    gegeuden.    Die 
Merovinger   im  merz,    daher  camj^.ns  martiiis.  ...  Im  jähr  755  verlegte 
sie  Pippin  in  den  mai,  m.ajicam:pus,  magicampus.'  So  könnte  man,  einen 
Schei'zspruch  Walthers  parodierend,  sagen :  'her  Merze,  ir  müeset  Meie 
sin.'  Mit  den  allgemeinen  Volksversammlungen  waren  sicher  heidnische 
Opfer  verbunden;    ebenso  war   es    alte   Sitte,    bei   solchen   Zusammen- 
künften   dem   Könige    freiwillige  Geschenke    zu   bringen    (Rechtsalter- 
thümer    244.  245),  —  was  Wunder,    daß    auch    das  Volk    diesen  Tag 
sich  zu  einem  Feste  mit  allerlei  Spiel  und  Lustbarkeit  gestaltete,  wenn 
auch  die  martsche\   der  camjms  martius,  nicht  mehr  im  März,    sondern 
im  Mai  stattfand?  Man  war  eben  mit  der  Benennung  nicht  scrupulös: 
zu  Worms   feierte   Karl    d.  Gr.    im  Jahre  781    das  Maifeld,    aber   erst 


SPRACHLICHES  ZU  CLOSENER.  301 

einige  Monate  nach  dem  Mai,  wie  es  öfter  geschah,  ohne  daß   sich  die 
Benennung  änderte.  (Rechtsalt.  a.  a.  O.) 

Besonderes  Interesse  gewinnt  das  alte  Fest  des  campus  martius 
dadurch,  daß  die  romantische  Tradition  von  König  Artus  sich  an  es 
anlehnte.  'Die  rüntofel  oder  die  martsche'  sagt  Closener,  —  kann  man 
zweifeln,  daß  darin  eine  Reminiscenz  an  die  table-ronde  enthalten  ist? 
Dazu  mußte  fi'eilich  das  Bewußtsein,  daß  die  martsche  das  Märzfest 
ist,  erst  völlig  abhanden  gekommen  sein,  denn  der  Herr  der  Tafelrunde 
ist  ja  gerade 

Artus  der  meienhaere  man: 

swaz  man  ie  von  dem  gesprach, 

zeinen  pfinxten  daz  geschach 

odr  in  des  meien  bluomenzit.  (Parz.  281,  16.)  •; 

Auch  anderswo  war  die  Erinnerung  an  die  Tafelrunde  lebendig; 
in  Köln  bedeutete  eine  tafelronge  *)  kurzweg  ein  Stechen,  wie  sich  aus 
einer  kölnischen  Rathsverordnung  von  1345  ergibt:  so  ivanne  man  eyne 
tafelronge  roeft  upme  aldenmarte  zo  stechen^  dat  dan  eyn  yecklich  wirde 
ind  loyrdynne^  da  rydende  lüde  off  varinde  lüde  uss  ind  in  loandelent, 
sali  tzica  karren  mysts  gheven  up  die  hane  demghiene,  den  der  rait  darhy 
schickt,  as  hee  is  gesynnet,  ind  als  man  enhoyven  müren  sticht,  so  sali 
mallich  gheven  eyne  karre  (Ennen,  Quellen  zur  Gesch.  d.  Stadt  Köln  IV 
300);  und  nichts  anderes  ist  es,  wenn  in  Niederdeutschland  ein  Volks- 
fest gral  heißt:  s.  Frisch  1,  365  c;  Brem.-nieders.  Wörterb.  1,  532  und 
deutsches  Wörterb.  5,  1980.  In  Reinke  de  Vos  heißt  es  v.  3305: 

De  konnink    sach  van  sineme  säl, 

eme  hagede  ser  wol  de  gröte  gräl. 
Bei  Leibniz  Script,  rer.  Brunsw.  III  418  liest  man:  In  dussem  jare 
(1481)  was  de  grall  to  Brunswick;  ebenda  II  91  findet  sich  eine  über- 
aus anziehende  Schilderung  eines  spectaculum  quod  gralum  appellant, 
eine  Schilderung,  die  in  Einzelheiten  noch  heute  manches  unserer  Volks- 
feste treffen  kann.  Endlich  berichtet  uns  die  Magdeburger  Sehöppen- 
chronik  (Städtechroniken  VII  168  f.)  des  Breiteren  über  einen  Gral: 
de  gräle  was  bereit  %ip  dem  mersche.  Dieß  mersche  erklärt  das  Glossar 
als  Marsch';  sollten  wir  doch  vielleicht  berechtigt  sein,  an  campus  mar- 
tius  zu  denken?   Der  mersche  war   eine  Elbinsel   bei  Magdeburg:   zur 


*)  Die  auf  starker  Nasalierung  beruhende  Schreibung  ng  für  nd  ist  am  ganzen 
Rhein  zu  Hause.  Die  Agrippina  schreibt  mit  Vorliebe  Burgongen,  auch  ingen  ^  in  den. 
tüseng  hat  die  Oberrheinische  Chronik  ed.  Grieshaber  p.  33 ;  bei  Köuigshofen  findet 
sich  mehrfach  angwer-g,  angwergman,  langgräfin  u.  s.  w. ;  s.  mein  Glossar  zu  Städte- 
chroniken IX  p.  1115.  Vgl.  Weinhold  Alem.  Gramm.  §.  201. 

GERMANIA.  Neue  Reihe  JV.    (XVI.  Jalir^-  >  21 


302  KARL  SCHRÖDER,  SPRACHLICHES  ZU  CLÜSENER. 

Volksversammlung,  zum  campus  martius,  pflegte  man  die  Nähe  eines 
Fluües  oder  eine  Insel  im  Fluße  zu  wählen  (Rechtsalterthümer  a.  a.  O.) 
Schließlich  sei  beiläufig  bemerkt,  daß  die  ttiartsche  des  Jahres 
1332,  von  der  wir  ausgiengen,  eine  dichterische  Bearbeitung  gefunden 
hat  durch  Lamey  in  den  Elsässischen  Neujahrsblättern,  herausg.  von 
Stöber  und  Otte  1844  p.  137  ff. 


II.  Olbergrien. 

Im  Jahre  1333  zogen  die  von  Straßburg  in's  Feld  gegen  die 
Veste  Schwanau  (Swannowe)  bei  Erstein,  etwa  drei  Stunden  südlich 
von  Straßburg  an  der  lU,  und  gewannen  dieselbe  durch  eine  eigen- 
thümliche  Taktik.  Closener  berichtet  darüber:  sunderlich  die  von  Stros- 
hurg  fürtent  olbergrien  us  der  stat  in  dunnefesselin ,  die  warf  man  mit 
eini  iverke  in  daz  hüs  und  entsüfertin  ire  hürnen  und  alle  Ire  wonunge, 
daz  in  gar  widerioertig  toas.  (Städtechroniken  VIII  98).  Von  dieser  Be- 
lagerung erzählen  auch  Job.  Vitoduranus  101  und  ein  Gredicht,  welches 
Wurstisen  (Baseler  Chronik  172)  citiert:  beide  reden  von  stercus  oder 
stercora  humana.  Endlich  heißt  es  über  dasselbe  Ej-eigniss  in  der 
Zimmerischen  Chronik  I,  365,  6  ff.:  zic  dem  heften  die  von  Straszhurg 
die  secreta  und  haimliche  gemach  in  ir  stat  rumen  und  solchen  ivust  in 
ain  unzall  tonnen  und  vesser  tlion  und  die  ins  leger  vieren  lassen,  die 
warden  durch  sonderliche  darzu  aufgerichte  instrumenta  sampt  den  stin- 
kenden faiden  aszen  in  das  schlosz  geworfen^  dadurch  dann  die  yrofian, 
und  fruchten  zugleich  den  hrnnnen  aller  verwust  und  verderld  loard  und 
die  im  schlosz  genett,  das  sie  nit  lenger  sich  enthalten  hunten,  derhalben 
sich  loeiter  in  die  sprach  mit  den  stetten  begeben  niusten. 

Oberlin  setzt  demnach  p.  26  und  1160  unter  Albergrieu  oder 
Olbergrien,  Oelbergrien  *)  einfach  faeces  oder  stercora  humana  an  und 
führt  mehrere  lehrreiche  Beispiele  auf.  DaL^  dabei  der  Sinn  anuähei^nd 
getroffen  ist,  leuchtet  ein;  versuchen  wir,  ob  wir  das  Wort  auch  philo- 
logisch feststellen  können. 

Freilich  ist  nicht  entfernt  mit  Oberlin  an  Olbeeren  zu  denken. 
Vielmehr  ist  elsässisch  dl,  schwäb.  aul,  eine  contrahierte  Form  für  adel; 
es  müßte  bairisch,  wenn  belegt,  äl  lauten.  In  ganz  Deutschland  aber, 
hoch  wie  niederdeutsch,  bedeutet  adel  oder  addel,  contrahiert  cd,  ]\[ist- 
jauche  oder  Mist;  s.  Deutsches  Wörterb.  1,  177;  Schmeller-Frommann 


*)  Über   die  Schreibung  oe  für  6  s.  mein  Glossar   zu  Städtechroniken  YIIL  IX 
p.  1117. 


K.  E.  H.  KRAUSE,  KLEINE  MITTHEILUNGEN.  303 

1,  34;  Vilmar  Kurliessisches  Idiotikon  p.  4;  Brem.-nieders.  Wörterb. 
1,  10;  Schütze  Holsteinisches  Idiotikon  1,  18;  Kosegarten  Wörterb 
d.  niederd.  Sprache  p.  102.  Grien  bedeutet  nach  einer  bei  Oberlin 
citierten  Stelle  s.  v.  a.  Koth,  Unrath;  es  ist  dasselbe  Wort,  welches 
Maaler  die  teutsch  Spraach  Bl.  192",  wenn  auch  vielleicht  nicht  ganz 
prägnant,  als  synonym  mit  Eingeweide  aufführt.  Demnach  bliebe  her 
zu  erklären.  Ich  glaube  nicht  irre  zu  gehen,  wenn  ich  in  her  nur  ein 
durch  Einfluß  des  g,  mit  welchem  das  folgende  Wort  anlautet,  beein- 
trächtigtes stm,  herc  oder  stf.  herge  erblicke ,  gebildet  wie  halsherc  oder 
halsherge.  Es  wäre  also  olhergrien  *)  nichts  anderes  als  grien,  d.  h.  Koth, 
Unrath  aus  dem  olherc,  der  olherge,  d.  h.  der  Cloake. 

Die  Anwendung  dieses  geistreichen  Mittels,  um  eine  Festung  zur 
Übergabe  zu  bewegen,  steht  übrigens  nicht  vereinzelt  da,  ja  wenn 
Oberlin  1256  Recht  hätte,  so  gab  es  Wurfmaschinen,  die  nur  zum 
Schleudern  von  hat,  kot  (niederd.  quät)  dienten  und  daher  kwotwerg 
hieüen.  (S.  Closener  a.  a.  O.  p.  99.)  Daß  derartige  Geschosse  von 
drastischer  Wirkung  waren,  ist  nicht  zum  Verwundern ;  eine  sehr  pikante 
Schilderung  derselben  gibt  Christianus  Wierstraat,  Reimchronik  der  Stadt 
Neuß  (ed.  v.  Groote.   Köln  1855)  p.  77,  welche   man  nachlesen  mag. 

LEIPZIG,  November  1870.  KARL  SCHRÖDER. 


KLEINE  MITTHEILUNGEN. 


1.  Moneke.  Simon. 

Zu  A.  Hoefer's  Meinung  (Germ.  XIV,  S.  216  ff.  speciell  S.  218), 
der  Name  Moneke  könnte  aus  Simon,  Simoneke  entstanden  sein,  glaube 
ich  einen  Beleg  liefern  zu  können,  indem  monik  urkundlich  als  Tauf- 
name vorzukommen  scheint.  1353  wird  in  einer  Stader  Urkunde 
(Stader  Osterprogr.  1856  S.  77  f.)  ein  Bauer  'monik  heuniken  syle- 
mannis  sone'  genannt;  Beiname  ist  es  da  sicherlich  nicht,  ich  kann  es 
nur  für  den  Taufuameu  halten,  wie  der  des  Vaters  Hennih  ist^,  der 
Familienname  Syleman   oder   van   dem   Syle**);    in    diesem  Falle  ist 

*)  Ein  zutreffendes  Analogen  für  die  Unterdrückung  des  auslautenden  g  (c) 
bietet  die  nicht  seltene  Schreibung  burgräve. 

**)  Ueber  den  noch  dauernden  gleichen  Werth  des  '-mann  und  des  San  (van 
dem,  van  der)  s.  Archiv  des  Vereins  f.  Gesch.  und  Alterth.  zu  Stade  ?,,  S.  LM).3. 

21  * 


304  K.  E.  H.  KRAUSE 

dann  aber,  wie  im  Bremischen  so  ganz  überaus  häufig,  das  Diminutiv 
statt  des  eigentlichen  Namens  angewandt,  der  nur  Simon  sein  kann ; 
denn  monik  =  monachus  wird  als  Taufhame  kaum  anzunehmen  sein.  Der 
Name  Symon  kommt  dort  gleichzeitig  freilich  seltener  vor  (1.  c.  S.  40), 
ist  im  Bremischen  aber  im  15.  Jahrh.  doch  häufiger  (Arch.  des  Ver. 
f.  Gesch.  etc.  zu  Stade  3,  S.  283  fi".)  Außer  dem  gekürzten  Namen 
Hennik  (neben  Hennike,  Henniugh,  Hennynghius,  Enninghius)  für 
Johannes  kommt  in  dortiger  Gegend  noch  sehr  häufig  Kopeke,  Kopike, 
jetzt  Kopeke,  für  Jacob  vor,  ein  dem  monik,  moneke  zu  vergleichen- 
des Beispiel*). 

Ich  füge  hinzu,  daß  in  Hamburg  1373  ein  Conradus  dictus  Mo- 
neken  (Koppmann,  Hamburger  Kämmereirechnungen  I,  p.  LXXXI 
Not.  4)  und  1371  ein  Schütze  Moneke  (ib.  p.  140)  vorkommt,  ein 
monec  1275  (Meckl.  ürk.  B.  Nr.  1374)  in  Rostock,  wo  auch  eine  mo- 
nekenstrafa,  wie  in  der  Umgegend  monekehaghen  1268  und  monekehusen 
neben  monekenhusen  (Ib.  IV,  p.  52  im  Ortsreg. ,  auch  Schröter  Beitr. 
Heft  1  (einziges)  p.  III),  pl.  moneke  Tunnicius  ed.  Hofiinann  p.  10 
Nr.  153.  Der  Beiname  monek  könnte  auch  castratus  oder  impotens 
bedeuten,  wie  kaphingst,  kapün  u.  a.,  das  Brem.  Wb.  2,  S.  184  v.  mon- 
nik   bietet   das   dort  in  der  Gegend   noch  übliche  'monneken  castrare'. 

Zu  den  Thieren,  die  nach  dem  möuch  benannt  sind,  gehört  auch 
ein  Insect  (wahrscheinlich  'bruchus'  Breui.  Wb.  VI  p.  205),  dann  die 
bekannte  Grasmücke,  'Plattmönch'  oder  '^ Mönch'  (sylvia  atricapilla), 
ferner  glaube  ich  aus  Reinekes  Verwandtschaft  die  kleine  Otter  (Lutra 
lutreola)    oder   den  nörz   mit  seinem  mecklenburgischen  Namen '«i«>ifc 


*)  Kupekinus ,  Cupeke  Koppmann  Necrolog.  cap.  Hamb.  p.  87  Aug.  15  und 
p.  92  Aug.  28.  Bekanntlich  ist  in  Frauemiamen  die  Aphaeresis  seit  alter  Zeit  noch 
heute  üblich ;  ich  möchte  dabei  zu  Schillers  Erklärungen,  Germ.  XV,  S.  410  bemer- 
ken, daß  Sefke  Josephe  zu  sein  scheint  (Zeveke  :  Archiv  des  Ver.  zu  Stade  3,  S.  295) 
da  die  Kosenamen  für  Sophie  Fia  (ib.),  Fike,  Fiken  zu  sein  pflegen.  Sylke,  Syllike 
wird  nicht  Sibylla,  sondern  Caecilia  sein  (Czille,  Czyllike  ib.,  noch  heute  Zielchen). 
Beiläufig:  Ghese,  Gheseken  kommt  urkundlich  nicht  nm-  für  Gertrndis,  sondern  auch 
für  Margarete  und  sicherlich  auch  für  Gesina  und  Gisela  (Gisselle,  Gysel)  vor;  ich 
kenne  die  Formen  Gese,  Gesse,  Gesze,  Geze,  Gesike,  Gessike,  Gessica,  Geiszike, 
Geiske,  Geisske,  Ghesecke,  Geysche,  Geyszke,  Geiszke,  jetzt  ständig  Gesche.  — 
Mette,  Metken  wird  ebenfalls  noch  jetzt  auch  als  Kosenamen  für  Margarete,  wahr- 
scheinlich auch  für  Magdalene  gebraucht.  Für  Sweneke  giebt  das  Archiv  1.  c.  Swa- 
nicke  und  Swenicke;  es  kommen  dort  aus  dem  Ende  des  14.  und  Anfang  des  15.  Jahrh. 
zum  Theil  seltene  (Herche,  Henipe,  Hemme  [eines  Johann  Schiller  Frau;  Br.  Wb. 
V.  p.  386  erklärt  Hemmeken  für  Emma],  Hebbeke,  Asselle,  ßeniken,  Senime,  Lzemme, 
Czimme,  Beisske),  zum  Theil  auch  alterthümliche  Fraiieunamen  vor  (Framehilt, 
Willemut). 


KLEINE  MITTHEILUNGEN.  305 

ottermänk'  (Schiller  Thier-  und  Kräuterb.  X,  7)  hierher  ziehen  zu  müs- 
sen, für  den  ich  auch  ^mink'  gefunden  habe.  —  Mönk  heißt  im  Bi'em. 
und  Holst,  auch  der  Grundpfahl  zum  Stauen  und  Ablassen  der  Teiche, 
münk  (s.  Stüremb.  v.)  der  bei  Erdarbeiten,  zum  Nachmessen  der  Ar- 
beit stehen  bleibende  Erdkegel,  und  dem  ähnlich  ist  die  Bezeichnung 
Mönch  für  isolierte  Felsen  und  Klippen ,  wie  z,  B.  in  Helgoland ,  am 
Harz  etc.  Die  alten  schweren  kleinen  Hohlziegel  heißt  man  in  Bremen 
wie  in  Rostock  noch  heute  bald  Mönchsziegel,  bald  '  mö/ifcen  und  nön- 
ken'  (Brem.  Jahrb.  2.  p.  402  ad  p.  117  *,\  den  oben  liegenden  nämlich 
mönk,  die  unteren  nönken,  was  ich  erwähne,  um  eine  ähnliche  Na- 
mengebung  aus  Nameudeutung  zu  Germ.  XV,  80  anzuführen.  Dort 
ist  meschucke,  muschttcke,  ohne  Zweifel  richtig  von  biscuit  abgeleitet 
in  Rostock  nennt  man  aber  heute  nach  der  Deutung  rauschüken  = 
monsieur'chen  im  Scherz  den  Oberzwieback  mit  diesem  Namen,  den 
Unterzwieback  aber  mamselken. 

Bartolt  ist  der  Storch  (Germ.  XIV  p.  219)  wohl  nur  im  Anklang 
an  die  letzte  Silbe  seines  Namens  adebar  genannt,  und  ähnlich,  aber 
onomatopoetisch  ist  'den  Olrik  anheen'  (ib.  p.  220)  zu  deuten,  nach  dem 
Tone  des  Aufrülpsens  beim  Einbrechen.  Ich  kenne  die  Redensart  in 
der  Form  'Ae  röpt  Ollerk\  wie  auch  ^  Ahsalon  rufen'  für  den  Ton  des 
Schluckauf  (slukup)  'ab'  oder  '  ob'  im  Scherz  gesagt   wird. 

Für  Namengebung  aus  Nameudeutung  halte  ich  auch  kiuenihhe 
Streitschnabel  als  Zwietrachtsäer,  bei  Schiller  Beitr.  (Schweriner  Progr. 
1867)  p.  8;  denn  nach  Analogie  der  Straßennamen  in  Rostock  und 
Stralsund  :  kibbenibber  =  kivenibberstr.  (jetzt  Kivenhiverstr.)  müsste 
nicht  kif,  Streit,  sondern  kiße  klve  Kinnlade  das  Bestimmungswort  sein. 
Beide  Straßen  danken  wohl  einem  Personennamen  ihre  Bezeichnung; 
in  den  Hamburger  Kämmereirechn.  findet  sich  ein  Kivenibbe  1381 
(Koppmann,  1,  p.  310),  ein  Thidericus  Kyvennybbe  1386  (ib.  p.  419). 
In  Bremen  wird  aber  eine  Kiefstrate  angeführt. 

Und  nun  noch  einen  Beleg  zum  Funkeldune  des  Redent.  Spiels 
als  Saufteufel  (Germ,  XIV,  S.  192):  man  hört  im  Bremischen  öfter  die 
Ausdrücke  „Funkelhageldün"  und 'funkelhagelbesoffen'.  Schröder's  Deu- 
tung ist  darnach  richtig. 


*)  1)1  Bremen  hießen  sie  eigentlich  ichdfiten.  Brem.  Jahrh.  1.  c.  Brem.  Wb.  4. 
S.  669,  nach  letzterem  scheint  der  obere,  deckende  Ziegel  (Mönch)  mule  genannt  wor- 
den IM  sein,  ein  Wort,  dessen  Deutung  nicht  angegeben,  etwa :  mule,  pantoffel  ? 


306  K.  E.  H.  KRAUSE 

2,  Zum  Namenrätlisel  des  Primas. 

Im  Namenrätlisel  des  Primas,  Carm.  Burana  183",  sucht  Grion  in 
Zachers  und  Höpfners  Ztsehr.  II,  412  den  Woliker  oder  Wolfger  von 
Ellenbrechtskirchen  oder  Leubrechtskirchen;  er  sagt  selber,  dali  er  zu- 
meist nach  vorgefaßter  Vermuthiing  deute,  und  so  zwingt  er  ker  als  hopf 
und  epa  =  eph  =  f  als  Bauch  heran;  lool-c-er  soll  =  Völliger',  rekfloio 
als  'flauer  Recke'  gedacht  werden.  Ohne  irgendwie  in  Grions  Ausfüh- 
rungen einzugreifen  oder  für  oder  wider  zu  entscheiden ,  erlaube  ich 
mir  den  Wolfker,  falls  er  wirklich  in  den  Worten  steckt,  bequemer 
und   ich  glaube  plausibeler  herauszuschälen: 

Liftera  hi's  hina  me  dat  vel  syllaha  trina, 
je  zweimal  zwei  Buchstaben,  tcolf-krus  oder  grus^  oder  auch  drei  Silben, 
ioolf-1ce-7-HS. 

Si  mihi  dematur  caput,  (nämlich  das  Ende:  hrus)  ex  reliquo  gene- 

ratiir 

Bestia  {ivolf),  si  veider  (Vordersilbe  iüo?f),  pennis  ero  tecta  decenter\ 
d.  h.  grus  f.  Kranich;  wozu  das  fem.  tecta  palJt. 

Nil  si  vertor  ero,  nil  stim  laico  neque  clero. 
d.  h.  krustoolf  oder  krusewolf ,  ein  nicht  unpassendes  Beiwort  fiir  einen 
Golias  und  Kneipenbruder.  Kruse  f.  und  krauss,  doch  wohl  m.,  cruci- 
bulum  Mild.  Wb.  I,  890;  neben  kraus  wird  auch  krus  m.  zu  vermutheu 
sein,  da  nd.  krus,  kros,  kraus  für  Krug  als  Trinkgefäß  und  Wirtshaus 
vorkommen;  auch  die  lat.  Form  crucibulum  führt  darauf. 


3.  Lever  Meer.  1593.  Toten -Über  setzen. 
Se  geuen  ock  vor,  loenn  de  Seele  uth  dem  Minschen  varet,  so  moth 
se  de  erste  Nacht  Herberge  hehhen  by  S.  Gerderuten,  darumme  ock  S. 
Gerderuten  Kercke  gemeinlyken  vor  de  Döre  der  groten  Stede  gebuioet  syn, 
und  darna  moth  se  auer  dat  Leiter  Meer  und  so  fordan.  Spegel  des 
Antichristischen  Pawestdoms  etc.  dorch  Nicolaum  Grysen  Predigern 
in  Rostock  thosamen  geordent.  Rostock  dorch  Steffen  Miillman 
M.  D.  XCIII.  bei  Wiechmann  Meklenburgs  altniedersächsiche  Litte- 
ratur  II  131.  Dieser  1870  erschienene  2.  Theil  des  so  äußerst  ver- 
dienten Werkes  von  Wiechmann -Kadow  umfaßt  die  in  Mecklenburg 
während  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrh.  erschienenen  niederdeutschen 
Werke  und  Einzeldrucke,  viele  von  allergrößter  Seltenheit,  manche  wahr- 
scheinlich schon  völlig  verloren.  Die  Auszüge,  welche  Wiechmann  bietet, 
sind    für    alle,    denen    die    kostbaren    Originale    nicht    zur  Verfügung 


KLEINE  MITTHEILUNGEN.  307 

stehen,  sprachlich  und  culturhistorisch  von  großer  Bedeutung,  so  p.  68 
(a.  1570)  der  Stralsunder  Ausdruck  na  ordeninge  der  Jarschare  und  die 
ebendaher  stammenden  Vermählungs-Ausdrücke  in  ihrer  Reihefolge: 
ihoschlach  (Abmachung  unter  den  Eltern),  upslack  (öffentliche  Ver- 
lobung), hochfldt,  die  auch  S.  122  (a.  1592)  ähnlich  aus  üreifswald  ge- 
meldet werden.  Oder  auch  die  seltenen  Rostocker  Gewerbenamen 
S.  73  (a.  1Ö72):  Decker,  Brugger,  Kiemer  ^=  Thurm-  und  Dachdecker^ 
Steindiämmer  oder  Steinbrücker,  Lehmstreicher,  welche  an  der  Sonne 
zu  trocknende  Lehmsteine  (kluteu)  und  Lehrawände  oder  Scheunen- 
tenuen  machen.  Die  unbekannten  nd.  Worte  sind  in  Noten  erklärt; 
dazu  glaube  ich  folgende  Bemerkungen  machen  zu  dürfen:  Krallen- 
schnöre  S.  54  sind  nicht  nur  Korallen,  sondern  überhaupt  Halsbänder 
aus  rund  gedrehtem  Schmuck,  z.  B.  Bernstein  (Bernsteinkrallen). 
Ingedömpte  ist  S.  55  wesentlich  Leinenzeug,  noch  jetzt  das  Hauseinge- 
weide; bei  Verlöbnissen  kann  es  natürlich  dann  für  Mitgaue,  Mitgift 
gebraucht  werden,  wie  S.  122.  Wandtschmyde,  Wandschmyde  S.  55,  ist 
nicht  feines  Geräth  oder  Silberzeug,  „das  als  Zierde  auf  Borten  an  den 
Wänden  steht"  sondern  Silber-  und  Goldbesatz  an  den  Gewanden, 
Spangen,  Tressen  etc;  der  Gegensatz  sind  die  Kleider  ane  Sülvem 
hechte  edder  Schmyde.  —  By  vormidung  jngelyueder  straff  S.  59  ist 
nicht  „jeglicher"  sondern  „einbeliebter"  d.  h.  festgesetzter  Strafe;  das 
betr.  Edict  des  Raths  zu  Rostock  enthält  ja  auch  ganz  bestimmte 
Strafsätze. 


4.  Nachtrag  zu  uns,  us,  ösek,  sek*). 

Für  die  Vermischung  der  Formen  bringe  ich  noch  folgende  Be- 
weise: In  den  Urkunden  zur  „Geschichte  der  Familie  von  Blücher  von 
Dr.  Fr.  Wigger"  Th.  I,  die  fast  sämmtlich  Mecklenburg  angehören,  steht 
regelmäßig  uns  unse,  jedoch  in  Nro.  358  p.  277  (anno  1374)  us,  use, 
unse  promiscue;  Nro.  365,  p.  283  (vor  a.  1377)  ebenso  us,  uns,  use, 
unse;  Nro.  373  p.  2ü4.  (a.  1388)  use,  tmse]  Nro.  386  p.  308  f.  (a.  1418) 
immer  use,  nur  einmal  unsem;  Nro.  390  p.  312  (a.  1419)  nur  use,  van 
user  iveghen;  Nro.  415  und  441  p.  338  f.  und  365  (a.  1431.  1442)  nur 
US  use]  die  Schreibart  wechselt  natürlich:  unze,  unsse,  unnse,  unsze  etc.  ■ — 
In  Fallerslebener  Urkunden   des    14.   Jahrh.   in   der  Zeitsch.   des   bist. 


*)  Germ.  XVI,  93—97.   Daselbst  ist  91,  9  zu  lesen:  gebraucht  f.  gedruckt;  95, 
4  US  f.  uns;  95,  24  Calenberg;  97,  24  bezweifelt  f.  bezeichnet. 


308  KARL  HOPF 

Vereins  f.  Niedersaehsen  1869  p.  114  ff.  steht  auf  dem  Gebiete  des  os 
und  ösch  regelmäßig:  uns,  unse,  nur  p.  134  (a.  1337)  hat  us,  tise;  p.  135 
(a.  1340)  uSf  M5e;  p.  136  f.  (a.  1344)  us,  os,  use,  unse  bunt  wechselnd. 
Die  letzte  Urkunde  wechselt  auch  mit  wi  und  we  im  N. ,  die  beiden 
vorletzten  haben  we. 

ROSTOCK.  K.  E.  H.  KRAUSE. 


SIEBEN  WUNDERGESCHICHTEN  AUS  DEM 
XIII.  JAHRHUNDERT. 


Der  Codex  N.  1080  der  hiesigen  königlichen  und  Universitäts- 
Bibliothek  (in  Folio,  aus  dem  Ende  des  14.  Jahrh.)  enthält  von  einer 
Hand  geschrieben: 

a)  Caesarii  Heisterbacensis  Dialogi  rairaculorum  fol.  1  bis  fol.  298  r  1 ; 

h)  Sieben  Miracula,  ohne  Überschrift  fol.  298  r  2  bis  300  r  2; 

c)  Vita  B.  Hugonis  ordinis  Cisterciens.  monachi  in  Tannenbaeh  fol. 
300  r  bis  304  r; 
dann  den  Index  auf  fol.  305  —308.  Letztere  ist  dieselbe,  aus  der 
Schoepflin  in  seiner  Historia  Zaringo -Badensis  (Vol.  V  n.  LXXVII) 
die  bekannten  Nachrichten  über  den  letzten  Zähringer  Berthold  V. 
mitgetheilt  hat;  das  Ganze  ist  bis  heute  noch  uugedruckt.  Eine  Colla- 
tion  des  Caesarius  mit  der  neuesten  Ausgabe,  die  meist  nach  späteren 
Manuscripten  gemacht  ist,  dürfte  noch  manche  interessante  Varianten 
ergeben. 

Die  sieben  culturhistorisch  sehr  interessanten  Wundergeschichten 
sind  meines  Wissens  noch  ungedruckt;  sie  fallen  augenscheinlich  in 
die  Zeit  von  1218 — 1260;  denn  Graf  Wilhelm  III.  von  Jülich,  von 
dem  in  No.  I  die  Rede  ist,  starb  nachweislich  —  wie  auch  der  Ver- 
fasser der  Legende  angibt  —  1218,  und  bei  dem  in  No.  III  erwähnten 
Erzbischofe  von  Magdeburg  hat  man  wohl  ohne  Zweifel  an  Rudolf 
von  Dingelstädt  zu  denken^  der  am  29.  September  1260  plötzlich  bei 
der  Tafel  vom  Tode  überrascht  ward. 

Ich  lasse  darnach  die  Stücke  selbst  folgen. 

I. 

Quoniam  rerum  placet  novitas,  nova  veteribus  placuit  novis  homini- 
bus  enodare,  quateuus  alia  ex  aliis  tam  rerum  similibus  quam  novitate 


SIEBEN  WUNDERGESCHICHTEN.  309" 

miraculi  clarescant.  Innotescat  igitur  presentibus  et  futuris  posteri, 
videlicet  hoc  tempore  anno  ab  incarnacione  domini  ]\[CCXVIII  rem 
evenisse  mirandam  et  ammiracione  dignam,  sed  non  tarn  mirabili& 
gestu  quam  novitate  moderna,  preeipue  cum  nemo  sit  de  nostratibus, 
qui  vel  infernum  veraciter  pertimescat  vel  fide  et  actu  virtutum  regnum 
celorum  sollicitus  concupiscat.  Accidit  igitur  ut  Comes  de  Greulch  qua- 
dam  die  coram  multis  militibus  patris  sui  parvo  ante  spacio  defuncti 
memoriam  subito  in  medio  propalaret;  verum  quia  ut  de  scintilla  sepe 
modica,  si  pastum  recepei'it  congruum,  magna  poterit  civitas  cicius  con- 
cremari,  sie  sermo  ex  inproviso  prolatus  si  fomentum  senserit,  cito  sen- 
tenciam  protelatur;  unde  accidit  ut  exemplo  (sie!)  nescio  quo  tactusai-dore 
rem  quam  semel  dixerat,  illico  subsequens  eandem  replicabat.  Dixerat 
enim  se  valde  mirari,  ubi  vel  in  quo  statu  pater  suus  nuper  a  carne 
solutus  posset  detineri,  deinque  adiciens  omni  voto  se  arcius  amplecti, 
si  huius  exitum  et  certitudinem  propositi  valeat  investigare,  multum 
premii  multumque  araicicie  specialis  et  perpetue  se  velle  propter  hoa 
conferre,  si  modo  quemquam  reperiret,  qui  talia  nosci  potuisset,  iuravit. 
Quod  cum  omnes  audivissent,  unus  miles  ex  presentibus  respondit: 
Domine  mi  Comes,  si  factis  dicta  compenses,  scias  velle  me  quod 
dixeras  pro  viribus  comprobare  et  animum  tuum  quantum  omnipotens 
aut  permiserit  aut  dederit  alleviare.  Quo  dicto  quid  plura?  promissum 
proficiscitur  consumari.  Veniens  itaque  ad  quendam  congnatorum  suo- 
rum  nigromanticum ,  eius  super  hoc  auxilium  flagitans,  breviter  rem 
agendam  congnoscere  fecit;  qui  demones  mox  convocaus  iam  dictum 
militem  ad  infernum  deduci  et  completa  eius  voluntate  sanum  reduci 
precepit.  Ingresso  igitur  purgatorio  per  diversas  cum  transportant  pena- 
rum  mansiones,  patrem  quippe  coniitis  per  singula  loca  requirens;  sed 
ibi  non  reperto  eo,  transeunt  ad  penam  infernalem  ubi  et  est  repertus, 
Qui  cum  vidisset  militem,  vehementer  admirans  dixit:  Quis  te  huc,  vel 
quid  queris,  adduxit?  Et  ille  protinus  causam  vie  exponens  de  eius  statu 
requisivit.  Cui  Comes  respondit:  In  inferno  sine  spe  finis  sum  demersus, 
verum  quia  desperatus  mundo  vixi,  sine  spe  reditus  me  in  hunc  locum 
defixi.  Justus  enim  dominus  deus ,  licet  misericors  sit  multeque  miseri- 
cordie,  tamen  quod  vivens  magis  quisque  diligit  et  eligit,  si  morte  in  eo 
manens  preoccupatus  fuerit,  id  ipsum  secum  sine  fine  manebit  et  ei 
dominabitur.  Elegi,  si  semper  viverem  in  mundo,  semper  vellem  peccare 
et  preeipue  dominandi  superbiam  nunquam  proposui  declinare.  Unde 
quia  opus  dyaboli  concupivi,  inferni  puteum  absque  retraccione  introivi. 
Heu  me  infelicem,  heu  me  sero  penitentem;  hinc  nunquam  exibo,  sem- 
per hie  ero;   factus  sum  similis  Lucipero,    qui  ante  lucem  ante  ipsum. 


310  KARL  HOPF 

Cliristum  Jhesiim  dominari  non  timuit;  fidera  quoque  eins  sicut  omnes 
superbi  a  me  repnli,  necnon  me  munduin  diligere  nee  debere  quidaliud 
sperare  me  credidi;  insuper  non  propter  me  eum  a  mundo  cruci- 
fixum  attendi,  et  sie  diligendo  mundum  incredulitatem  promerui.  Heu 
me,  si  tamen  fidem  quamvis  peecator  essem  non  amisissem,  felieem 
me  redidissem.  Sed  quid  ultra  tibi  referam?  libei-ari  nequeo;  penas 
minores  sentire  potero,  si  ecelesie  Stipendium  quod  abstuli  restituatur. 
Cui  miles  flens  dixit:  Domine  mi  dilecte,  servieio  vestro  devietus  iure 
hominii,  sicut  nunc  vestri  sum  filii,  rogo  vos  intime,  quantum  huius 
responsionis  gracia  aliquid  mihi  detis  certum  inter  signa,  ut  cum 
dilecto  filio  vestro  domino  meo  comiti  hec  refero,  fidem  adhibeat,  et 
quod  ab  eo  petatis  ablatum  beneficium  ecelesie  pro  domino  restituat. 
Econtra  comes  anxius  cogitavit,  quid  filio  suo  transmitteret,  et  cogi- 
tando  reperit  quedam  verba  secreta  nimie  virtutis,  videlicet,  ut  trium- 
phum  concederet,  si  quis  ea  gestaret;  hec  insinuans  filio  omnem  scru- 
pulum  sustulit  suspicionis.  Receptus  ergo  miles  a  comite  honoratur, 
diligitur,  sustollatur  et  omne  quod  sub  tali  signo  de  patre  didicit,  comes 
firmiter  credidit,  asserens  hec  eadem  verba  preter  se  et  patrem  a  nullo 
sciri.  Interim  comes  militem  pro  tanto  laboris  amore  cogitavit  multum 
sublimare  seeularibus  diviciis  et  honoribus  in  altum  levare.  At  miles 
dei  misericordia  preventus,  fictilem  ac  volatilem,  transitoriam,  vanam, 
frivolam,  deeeptoriam,  cadueam,  mortiferam  fugiens  gloriam,  non  iam 
cecus  Adam,  sed  rationabilis  homo  et  sensatus,  coufitetur  se  attenus  errasse? 
invanum  dies  expendisse,  gracias  agens  deo,  quia  talia  meruit  future 
vite  congnoscere  probamina,  unde  valedieens  mundo  et  abrenuncians 
dyabolo  et  pompis  eins  pro  presenti  seculo,  terrestrem  paradisum 
claustra  monachorum,  que  sunt  officina  bonorum  operum,  flens  pre 
gaudio  intravit.  Unde  et  nos  benedieamus  domino,  qui  cecum,  surdum, 
mutum ,  quadriduanum,  mortuum  suscitavit,  qui  est  benedictus  in  secula 
seculorum  amen. 

n. 

Olym  erant  duo  elerici  valde  sincere  dilecti  quorum  unus  cum 
moreretur  rogatus  est  ab  altero,  ut  infra  tricesimura  diem,  si  ei  liceret, 
rediret.  Rediit  ergo  ut  videbatur  non  dolens  sed  tamen  ubique  secum 
infernum  habebat.  Quod  cum  socius  non  erederet,  defunctus  de  manu 
propria  sudorem  expressit,  quem  contra  viventem  excussit;  de  quo 
vivens  tres  guttas  in  faciem  recepit,  uuam  in  frontem,  duas  in  maxil- 
lam,  que  mox  cutem  et  carnem  usque  ad  ossa  combusserunt  et  in 
modum  nucis  tria  foramina  fecerunt;  ille  vcro  in  terram  corruit  et  fero 


SIEBEN  WUNDERGESCHICHTEN.  311 

expiravit.  Tunc  dixit  ei  mortuus:  Surge;  non  morieris.  Surrexit  et 
levius  habuit.  Ait  iterum  mortuus:  Ex  hoc  dolore  penas  inferni  disce 
et  ab  hiis  tibi  cave,  et  dedit  ei  litteras  in  huuc  modum  scriptas: 
Beelzebub  princeps  demoniorum  cum  satellitibus  suis  omnesque  contrarie 
potestates  archiepiscopis,  episcopis,  abbatibus,  presbiteris  ceterisque  pre- 
latis  amicis  suis  tartaream  salutacionem  et  inviolate  societatis  federa, 
que  dissolvi  non  poterunt.  Magna  nobis  fiducia  in  amicicie  vestra,  caris- 
simi;  multum  de  vobis  gratulamur,  quia  sentitis  optime  nobiscum  et 
que  nostra  sunt  queritis  ubique  tuendo  atque  fruendo  quicquid  ad 
nostrum  ius  pertinet  congnoscitis.  Sciatis  itaque  universitati  nostre  mul- 
tum fore  acceptum,  et  multa  graciarum  accione  studia  vestra  prosequimur 
eo  quod  inferorum  vie  et  altera  prodicionis  itinera  vix  capere  possunt 
animarum  multitudines  infinitas,  que  per  ministerium  vestrum  et  per 
exemplum  vestre  conversacionis  a  via  veritatis  abducte  quottidie  nobis 
copiose  adducuntur;  unde  regni  nostri  potencia  roboratur  magnifice. 
Perseverate  ergo  tamquam  fideles  et  intimi  nobis,  nobis  in  amicicia  nostra 
et  in  opere  quod  cepistis ;  quia  profecto  parati  sumus  et  congruam  retri- 
butionem  pro  hiis  omuibus  rependere  vobis".  Post  hoc  mortuus  evanuit. 
Alter  i'eligionem  ingressus  optime  obiit,  sed  cicatrices  de  combusturis 
usque  ad  mortem  habuit.  —  Sequitur  aliud. 

III. 

Est  civitas  metropolis  in  Saxonia  Megdeburg  nomine,  cui  pre- 
fuit  antistes  omni  vesanie  deditus  et  provinciarum  devastator,  proprie 
ecclesie  dilapidator  existens  et  rerum  temporalium  inutilis  distractor; 
sed  deus  omnipotens  qui  neminem  perire  desiderat  misericorditer  ex- 
pectans  se  converti,  quod  ipse  segniter  neglexit.  Unde  memorabile  versa 
vice  sue  non  indignum.  Est  eciam  opidum  a  civitate  memorata  distans 
quasi  quatuor  leucas  iuxta  descensum  fluvii  Eiben,  ad  quod  prefatus 
episcopus  quadam  die  pervenit,  corpore  quidem  sanus  sed  mente 
vesanus.  Ipsa  namque  nocte  cum  decumberet  in  lecto,  ulcione  divina 
Collum  strangulatur  a  dyabolo.  Mira  res;  ipsa  itaque  nocte  cum  tlie- 
zaurarius  maioris  ecclesie  in  sacrario  decumberet  in  lecto  et  membra 
sopori  dedisset,  vidit  in  sompnis  ante  principale  altare  dominum  seden- 
tem  ad  iudicium  cum  matre  virgine  Maria  et  suis  apostolis;  afluit  et 
sepedictus  episcopus.  Tandem  supervenit  sanctus  Mauricius  eiusdem 
ecclesie  patronus  quasi  vir  strenuus  lorica  militari  armatus  causa 
movendi  querimoniam  contra  episcopum  suum,  petens  a  domino  sibi 
dari  advocatum  scihcet  sanctum  Paulum.  Quo  sibi  dato  conquerebatur 
de  episcopo  suo,  quod  ecclesia  sua  per  ipsum  rebus  esset  dissipata  et 


312  KARL  HOPF 

honore  destituta,  et  Paulus  adiecit  dicens:  Oportet  episcopum  esse 
irreprehensibilem,  castura,  non  prodigum,  sobrium^  modestum,  et  cetera 
que  in  eius  epistola  memorantur.  Hiis  auditis  episcopus  peeiit  sibi 
eciam  dari  beatum  Petrum  apostolum  pro  se  patrocinandum,  quo  sibi 
denegato,  dixit  sibi  contra  Paulum  litigandum  non  esse  contra  consodalem 
suum;  petivit  ergo  beatam  virginem  pro  se  patrocinari,  Ipsa  quoque 
rennuente,  petivit  per  sentenciam  sibi  dari.  Dixit  dominus  ad  matrem 
suam  beatam  virginem:  Mater,  promoveas  verbum  suum.  At  domina 
nostra  ad  filium:  Obsecro  te,  fili  mi,  ne  urgeas  me  interpellari  pro 
eo;  attestor  te  ipsum,  quod  multociens  intercessione  mea  averterim 
indignacionem  tuam  ab  eo,  ut  sie  aliquando  resipisceret,  sed  frustra 
laboravi.  Iterate  dominus  ad  matrem  suam  ait:  Ego  sum  misericors 
te  tu  raater  minime;  miserere  te  indigentis.  Respondit  mater:  Verum 
quidem  est,  ut  asseris;  tu  non  solum  misericors,  sed  et  iustus.  Ista 
Paulo  agente  dixit:  Domine  iuste  iudex  reddens  unicuique  iuxta  opera 
sua;  ecce  Mauricius  athleta  tuus  postulat  sibi  fieri  iudicium  et  iusticiam. 
Dominus  dixit:  Maurici,  episcopus  tuus  sit  in  potestate  tua  et  voluntate. 
Statim  arripiens  eum  et  portavit  in  humeris  suis  et  de  pulpito,  in  quo 
legitur  ewangelium,  precipitavit  eum  ante  altare  sancte  crucis  et  con- 
fracte  sunt  cervices  eius.  Et  statim  evigilans  subthezaurarius  audivit 
sonitum  pulsantis  ad  fores  ecclesie,  et  campauarius,  qui  iacebat  in 
.ecclesia,  surrexit  et  accessit  ad  ianuas  templi  inquirens  causam  sonitus. 
Nuncius  qui  advenerat  dixit  se  venisse  de  opido  supradicto  et  episco- 
pum denunciavit  fore  defunctum.  Sicque  perpendi  potest,  quod  ipse 
eadem  hora,  quando  sanctus  Mauricius  eum  deiecit  de  pulpito,  eum 
fuisse  defunctum.  Itaque  nuncius  ait,  ut  compulsarentur  campaue.  Hiis 
intellectis  sacrista  perrexit  ad  sacrarium,  intimans  thezaurario  que  in- 
tellexerat,  et  pulsabantur  matutine;  post  hoc  compulsabantur  campane, 
sicut  moris  est,  ad  iudicium  defuncti.  Hoc  itaque  facto  accurrerunt 
plurimi  sciscitantes,  que  causa  rei  esset,  et  cum  intellexissent,  mirabantur, 
quod  tam  subita  et  inprovisa  morte  episcopus  eorum  preventus  fuisset. 
Cum  autem  demane  corpus  exanime  deferretur,  inventum  est  Collum 
confractura  pelle  integra  et  illesa  permanente.  Per  illud  exemplum  atten- 
dant  et  caveant  omnes  prelati  ecclesiarum,  ne  res,  que  a  fidelibus  col- 
late  sunt  sanctis  in  elemosinam,  ut  deo  et  eius  genitrici  atque  ipsis 
sanctis  serviatur,  inutiliter  expendant  vel  consanguineis  tribuant  vel  alio 
modo  turpiter  devastent,  quia  ab  ipsis  usque  ad  minimum  nota  requi- 
retur  in  districto  examine  ab  ipsis  patronis,  ut^  dum  minus  discrete 
expenderint  ipsorum  temporalia,  in  ultimo  pereant  cum  corpore  et 
aniraa.  —  Sequitur  aliud. 


SIEBEN  WUNDERGESCHICHTEN.  313 

IV. 

Duo  monasteria  nigri  ordmis  iuxta  Maguntiam  sunt  sita,  unum 
in  honore  sancti  Albani  martyris,  alterum  in  honore  sancti  Jacobi 
Zebedei.  In  quo  monasterio  accidit  quoddam  miserabile  prodigium 
Omnibus  religiosis  et  maxime  ipsius  ordinis  scilicet  nigri  stupendum, 
qui  tunc  temporis  miuime  observabatur.  Quadam  die  in  sero  dicto  com- 
pleterio  tres  iuvenes  clam  descendentes  in  Renum  pre  caumate  diei 
refrigerare  se  cupientes,  hü  quadam  vehemencia  dissoluti  Renum  in- 
silieutes,  et  unus  eorum  Ruthgerus  nomine  prepeti  cursu  minus  cautus 
submersus  interiit;  cum  autem  illi  duo  intellexissent  soeium  eorum 
interisse  et  inopinata  morte  suffocatum,  non  sine  magna  tristicia  et 
pavore  asceudentes  quantocius  monasterium  remearunt;  quorum  unus 
Arnoldus  nomine  pre  nimia  tristicia  in  lectum  egritudinis  decidit.  Sed 
ille  prefatus  R(uthgerus)  per  alveum  Reni  defluebat,  et  uude  corpus 
exanime  evexerunt  ad  littus  iuxta  villam  Waldaha  iuferius  Magunciam 
unum  miliare  sitam.  Et  cum  demane  abbas  de  Eberbach  magister  Rey- 
mundus  nomine  Renum  ascendisset,  et  viso  cadavere  congnovit  per 
tonsuram  monachum  fuisse,  fecit  eum  in  ipso  loco  sepeliri  per  quen- 
dam  conversum  secum  equitantem.  Et  cum  venisset  Magunciam,  retulit 
factum  clericis,  qui  aderant.  Porro  paulo  post  nocte  dominica,  qua  de 
more  vigihe  sacre  celebrantur,  et  ille,  qui  iniirmo  deputatus  fuerat 
minister,  vigiliis  cum  aliis  monachis  interesset,  egroto  in  conclavi  solo 
decumbente  et  lampade  coram  eo  lucente,  ecce  venit  sepedictus  frater 
R.  corpore  nudo  et  humecto,  quasi  iam  de  aquis  ascendisset.  Cum 
autem  ille  decumbens  eum  vidisset,  valde  perterritus,  tamen  muniens 
se  sigillo  sancte  crucis,  sciscitando  interrogavit ,  ubi  esset  et  quomodo 
se  res  haberent  erga  eum.  Dixit:  Ego  sum  in  loco  dampnatorum. 
At  ille:  Posset,  inquit,  tibi  aliquid  subveniendo  prodesse?  Respondit: 
Nequaquam;  sed  si  indutus  fuissem  veste  illa,  salvari  potuissem. 
Cuculla  iacentis  pendebat  in  pertica.  Et  ait  illi:  Si  tibi  proderit,  indue 
illam,  et  respondit:  Non;  sed  si  in  ea  preventus  morte  fuissem,  spem 
haberem  liberari.  Ideoque  premunire  te  veni,  ne  tu  in  eandem  damp- 
nacionera  pervenias;  quia  in  hac  conversacione,  qua  sie  modo  conver- 
saris  nullus  vestrum  salvari  poterit.  Et  ne  reputes  me  quasi  fantasma, 
corporaliter  sum  hie;  sed  si  iam  apperiretur  locus  ubi  sepultus  sum, 
non  ibi  reperirer.  Hoc  quoque  tibi  sit  insignum.  Ille  alter  consocius 
noster,  qui  nunc  incolumis  videtur  et  est,  ab  ista  tertia  die  futura 
veniet  ad  me  moriturus  in  mensa.  Quod  et  factum  est.  Et  adiecit: 
Et  ut  scias  penam  me  sequi,  si  omnes  ignes  in  Maguncia  in  unum 
essent  coUecti,  non  tantum  ardorem  haberent,  quantum  ego  sustineo. 
Et  hyans  apparuit  os  suum  amplitudine  mira  et  exivit  fumus  densissi- 


314  KARL  HOPF 

mus  cum  scintillis  et  fetore  intollerabili,  et  continuo  nusquam  com- 
paruit.  Et  dum  venisset  minister,  adhuc  tantus  fetor  erat  in  conclavi, 
ita  quod  ambo  vix  ferre  poterant.  Nam  cum  die  prenotata  sederet  in 
mensa  prefatus  consocius  iocundus  et  letus  immemor  existens  immi- 
nentis  periculi  facti,  allata  est  exestuans  assatura  porcina;  ipse  inter 
alios  arripiens  frustillum  carnis  inhyanter  in  os  iniecit  et  statim  expiravit. 
Hoc  intellecto  supradicto  Arnoldo,  statim  cum  meliorari  cepisset,  com- 
mutavit  vitam  in  meliorem  statum  et  transtulit  se  ad  ordiuem  minorum 
fratrum  et  factus  est  verbi  dei  egregius  predicator. 

V. 

Regum   secreta   celare,    dei  mirabilia  revelare  perdocemur  agyo- 
graphya.    Unde  miraculum   nunc   incredibile   dei   dispensacione  factum 
notificandum  plerisque  duxi  necessarium.  In  Brabancia  in  quadam  villa 
erant  duo  homines  devoti  vir,  et  uxor  sua,  qui  pro  munere  deo  obtule- 
runt   continenciam  in  quantum   licuit,    debitum    carnale   non   solvendo. 
Et  ideo  ne  illicitus    ardor   libidinis   urgeret   eos  ad  amplexus  naturalis 
connubii,  fecerunt  sibi  sterni  segregatim.  Quadam  igitur  nocte  vir  nimis 
ardore    naturali    succensus  vocavit    uxorem    ad    lectum;    at   rennuente 
suiTexit  maritus  et  accessit  ad  eam  et  ingressus  solito  more  congnovit 
eam   carnali  copula,    et  ipsa  pre  nimia  indignacione  et  ira  prorupit  in 
hec  verba:  Si  hie  hac  vice  conceptus  erit,   ille  dyaboli  sit.    Et  factum 
est  ita;  cum  mulier  hec  perorasset,  concepit  et  decursis  novem  mensi- 
bus  peperit  filiam.  Statim  dyabolus  affuit,  puerum  rapuit  et  ad  diversas 
matronas    et   mulieres  in  forma   humana   deportavit,    dicens   eum   esse 
inveutum.    Et    quia    elegantis   erat    forme,    eundem   lactaverunt   et  lac 
habundauter  per  triennium  ipsi  tribuebant.  Post  ablactacionem  vero  in 
diversas  mundi  partes  ipsam  puellam  duxit  et  preciosissimis  vestimentis 
vestivit,    peetus  gemmis,    monilibus,  anulis  et  colIum  et  manus  aureis 
circulis  decentissime  adornavit  et  ad  diversa  colloquia  et  concilia,  festi- 
vitates    cousociorum   suorum    duxit,    ut   illi   congratulentur  ei   in   omni 
genere  ludorum.  Frequenter  eciam  ducebat  eam  ad  nundiuas  et  forenses 
ludos  et  choreas,  ut  in  cantilenis  et  in  omni  genere  musicorum  animus 
eins   demulciretur.   Nunquam   sinebat  ipsam  esurire,  sitire  vel  aliquam 
penuriam    pati,    sed    semper    de    melioribus    cibariis    et    habundanter 
ministravit.  Ubi  contigebat  eum  transire  per  domicilia  bonorum  virorum 
et  ecclesias  sanctorum,  saltus  faciebat,  non  audens  eis  appropinquare. 
Cumqne   iam    puella  haberet  XV   annos   et  esset  nubilis,   pervenit   ad 
cenobium  quoddam  monachorura,   ut  aliquem  ibi  de  simplicioribus  de- 
ciperet   et  ad   suara    suggcstionem    iuclinaret,    ipsam    foris    relinquens. 
Cum  vero  aliquantulam  morara  faceret,    deus  pater  misericordiarum  et 


SIEBEN  WUNDERGESCHICHTEN.  315 

tocius  consolacionis  misertus  super  plasmate  suo,  misit  sanctum  JacoLum 
apostolum  ad  ipsam  puellam  dicens :  Quid  sedes  hie?  At  illa:  Ductor 
nieus  fecit  me  sedere  liic.  Cui  apostolus:  Tu  perdita  es,  si  non  acquie- 
veris  meo  cousilio,  et  corpore  et  anima  peribis.  Dyabolus  est  qui  te 
ducit.  At  illa:  Quicquid  iusseris  domine  hoc  faciam.  Ait  apostolus: 
Da  michi  dexteram  tuam,  et  impressit  in  ea  signum  sancte  crucis  et 
ait:  Modo  de  cetero  nou  audebit  tibi  appropinquare.  Et  instruens 
eam  pleniter  et  edocens  dixit:  Vade,  acquire  honestam  mulierem  et 
vade  in  domum  patris  tui  et  matris,  "qui  sunt  in  proxima  villa  ultra 
duo  miliaria,  et  voca  sacerdotem  et  fac  confessionem  et  recipe  symbo- 
lum  et  baptismum  et  permane  in  virginitate,  ut  possis  salvari,  et  totum 
processum  vite  sue  ei  exponens  sicut  prelibavimus  et  valedicens  ei 
recessit.  Dyabolus  peracto  negotio  suo  exivit  et  ad  puellara  veniens 
ait:  Ach,  quis  fuit  hie?  0  quid  fecisti  me  relinquens,  cum  niehil 
tibi  defuerit  et  delicate  te  educaverira?  O  quam  magnum  laborem  per- 
didi,  quia  de  cetero  tibi  appropinquare  nou  valeo.  Et  voeiferaus  ela- 
more  magno  et  eiulatu  evauuit  et  nusquam  comparuit.  Puella  videns 
se  liberatam  acquisivit  sibi  rauherem  honestam  et  recto  itinere  perveuit 
in  domum  patris  suis.  Et  videntes  eam  decenter  ornatam  et  vestitam, 
mirati  sunt,  quenam  esset.  Et  ait:  Tu  es  pater  mens,  et  hee  mater 
mea,  et  totum  processum  eis  recitavit.  Recongnoverunt  pater  et  mater 
filiam;  venerunt  parentes  et  affines,  et  factum  est  gaudium  magnum, 
glorificantes  deum,  qui  faeit  mirabilia  magna  solus.  Statim  vocavit 
sacerdotem,  fecit  confessionem  reeepitque  symbolum  et  baptismum  et 
alia  sacramenta  ecelesiastica  et  in  virginitate  perseveravit  et  celibem 
vitam  de  cetero  duxit,  et  eonsummatis  diebus  vite  sue  perrexit  ad 
dominum,  cui  est  honor  et  gloria  in  secula  seculorum  amen. 

VI. 

Quam  periculosa  et  exeerabilis  sit  sentencia  excommunicaciouis, 
et  quam  salubris  fidelis  confessio,  ex  subiecto  doceberis  exemplo.  Re- 
tulit  nobis  Godfridus  venerabilis  abbas  Novi  castri,  quod  est  cenobium 
in  Alzacia  Cysterciensis  ordinis,  quod  quidam  conversus  ibidem  quan- 
tum  perpendi  poterat  bone  vite  erat,  excepto  quod  excommunicaeionera 
pro  nichilo  reputabat.  Hie  in  quadam  sollempnitate  gloriosissime  vir- 
ginis  Marie  moi'e  solito  cum  aliis  conversis  ad  altare  venit;  abbas 
eukaristiam  sibi  porrexit,  sed  niehil  recepit,  et  in  mauibus  eins  niehil 
est  inventum,  sed,  ut  eredimus,  divinitus  corpus  dominicum  reversum 
est  super  patenam  in  loeum  suum.  Conversus  vero  ut  sensit  se  non 
recepisse  corpus  domiui,  tristis  et  turbulentus  recessit,  cogitans  ex 
peceatis   suis   hoc   sibi   contigisse.    Tandem  in  se  reversus   puram  cou- 


316  KARL  HOPF,  SIEBEN  WUNDERGESCHICHTEN. 

fessionem  fecit,  absolucionem  petivit  et  impetravit.  Et  iterato  ad  altare 
accedens,  sine  impedimento  corpus  domini  recepit  et  cum  gaudio  domura 
rediit;  postea  vero  aliquantulum  vitam  suam  melioravit  et  de  cetero 
deum  semper  cum  maximo  timore  pre  oculis  habebat.  Per  omuia  bene- 
dictus  deus  qui  tauta  magnalia  servulis  suis  prestitit  et  diversis  modis 
se  ipsis  manifestat.  —  Sequitur. 

VII. 
Beata  et  gloriosa  virgo  Maria  dei  genitrix  nunquam  reliquit  irre- 
muneratum   qualecunque    quamvis   exiguum    sibi    serviciura   impensum. 
Unde  non  est  tacite   subtrahendum,    quali   modo   pro    modico    servicio 
sibi  ab   ignorante    exhibito    quam   misericorditer   sua   dignata  est   pre- 
sencia   visibiliter  visitare.    Ei'at    quidam   plebanus   locuples    admodum, 
qui    habebat   iuter   aliam   familiam    suam   hominem  surdum  et  mutum, 
que    duo    raro    disiungi  videntur.   Tandem    ille    mutus   ad  tantam   per- 
venit    egritudinem,    ut   in   lectum    decidens    expectaret   ingressum   uni- 
verse    carnis.    Nam    ipsa    beata   virgo   venit    ad    eum    in    ipso    mortis 
articulo    salutans    eum    dixit:    Salvet    te    deus   Jhesus    Christus    filius 
meus,    et   in   hac    sahitacione    illico    cepit    loqui    et   adiecit,    dicit    ei: 
Fac    tibi    venire    sacerdotem    et    age    penitentiam    et    confitere    pure 
peccata  tua  et  sume  eukaristiam   sanctum  corpus   domini  nostri  Jhesu 
Christi   filii   mei    et   alia    ecclesiastica    sacramenta   et   in   his   rite   per- 
actis    ducam    te    in    requiem    tibi    preparatam.     Et    fecit    sibi    sacer- 
dotem  inquiri,    et   cum  venisset,    confessus    est  et  communicatus    com- 
munione    sancta.     Et    omnes    qui    aderant,    admirantes    interrogabant 
eum    dicentes^    quomodo   et  quid  ei  accidisset,    quod    tunc   loqueretur. 
Nam    huiusmodi  verba   fuerunt   audita  ex   ore   eius,    quod  beata  vh-go 
presencia   sua   visibihter    eum    salutasset    et   iussisset    fieri^    sicut   pre- 
libatum   est,    et  dedisset  ei  loquelam.   Et  iterum   interrogaverunt   eum, 
si  umquam  aliquid  servicium  exhibuisset  ei.  Ipse  respondit,  se  ignorasse 
et  nichil  antea  de  ea  audisse  nee  aliquid  scivisse,  sed  interdum  dominum 
suum    semper    septima    die    ieiunare    considerasset   et  semper   sequenti 
die   populo    celebrasse    et   ita    se   intellexisse,    quod    dominus    suus   in- 
tenderet    aliquid    boni,    et    sie   ea   intencione    cum    eo    ieiunavi.    Hiis 
auditis,    dixit   ille   paterfamilias :  Verum    quidem   est,    semper   sabbato 
in  honore  beate  virginis  quo  ego  solitus  sum  ieiunare,    et  ipse  ieiuna- 
vit  mecum.    Et  hec  omnes    audientes  cum  ammiratione  magna  et  voce 
glorificaverunt    deum    et   gloriosam    eius    matrem   virginem,    que   non 
derelinquit  sperantes  in  se  et  servientes  sibi. 

KÖNIGSBERG.  KARL  HOPF. 


K.  MAURER,  ÜBER  DAS  VAPNATAK  DER  NORDISCHEN  RECHTE.     317 


ÜBER 
DAS  VAPNATAK  DER  NORDISCHEN  RECHTE. 


Herr  Svend  Giniudtvig  hat  in  „det  kougelige  danske  Videns- 
kabernes  Selskabs  Forhandliuger  1870"  eine  Abhandlung  „Om  de 
Gotiske  Folks  Väbeucd"  veröffentlicht,  welche  zugleich  auch  in 
einem  Separatabdrucke  erschienen  ist,  und  welche  so  viel  Schönes  und 
Lehrreiches  enthält,  daß  sie  wohl  verdient  dem  Leserkreise  der  Germania 
rasch  bekannt  gemacht  zu  werden.  Der  Gegenstand  der  Arbeit  ist  ein 
vorzugsweise  rechtsgeschichtlicher,  und  über  einzelne  einschlägige  Fra- 
gen hatte  ich  schon  früher  Veranlassuag  mich  auszusprechen;  da  der 
Hr.  Verf.  mir  die  Ehre  angethan  hat^  diese  meine  früheren  Äusserungen 
zu  besprechen,  und  mich  in  freundlichster  Weise  so  zu  sagen  zu  einer 
nochmaligen  Prüfung  meiner  Ansichten  aufzufordern,  mag  es  ent- 
schuldigt werden,  wenn  gerade  ich  mit  einer  Erörterung  des  von  ihm 
angeregten  Thema's  ihm  folge. 

Es  bespricht  aber  der  Verf.  drei  verschiedene  Listitute,  deren 
Zusammengehörigkeit  erst  noch  festzustellen  war.  Er  handelt  nämlich 
zunächst  von  dem  Eide  auf  die  Waffen  (S.  3  —  21),  dann  von  der 
sverdtaka  bei  der  Aufnahme  von  Leuten  in  des  Königs  Dienstver- 
band (S.  21 — 25),  endlich  von  dem  väpnatak  in  den  Dingversamm- 
lungen und  sonstigen  Zusammenkünften  (S.  25—45),  worauf  er  dann 
nochmals  zum  Waffeneide  zurückkehrt  (S.  45 — 57),  und  mit  einem 
theils  auf  diesen,  theils  aber  auf  das  väpnatak  bezüglichen  Nachtrage 
schließt;  dabei  glaubt  er  das  väpnatak  auf  den  Gesichtspunkt  des 
Waffeneides  zurückführen,  die  sverdtaka  dagegen  als  ein  durchaas 
selbständiges,  mit  diesem  nicht  zusammenhängendes  Institut  betrachten 
zu  sollen.  Ich  werde  dieser  Dreitheilung  folgen,  jedoch  nur  bei  dem 
väpnatak  Anlass  zu  einer  eingehenderen  Untersuchung  finden. 

Daß  die  Ablegung  von  Eiden  auf  die  Waffen  ein  gemein- 
samer Gebrauch  der  gothischen,  oder  wie  wir  sagen  würden,  der  ger- 
manischen Volksstämme  war,  belegt  der  Verf.  durch  eine  reiche  Zu- 
sammenstellung von  Quellencitaten,  welche  das  Vorkommen  des  Waffen- 
eides bei  den  Quaden  und  Franken,  bei  den  Alamanneu,  Baiern  und 
Langobarden,  bei  den  Sachsen  endlich  und  Dänen  darthun,  und  nach- 
weisen,   daß    zumal   im   Holsteinischen    dessen   Gebrauch    bis    in    das 

GERMANIA.  Neue  Reihe  IV.  (XVI.)  Jahr^-.  22 


318  KONRAD  MAURER 

17.  Jhdt.  hinein  fortdauerte.  Selbst  aus  Schottland  wird  ein  vereinzeltes 
Zeugniss  erbracht;  für  den  Norden  aber,  dessen  Rechtsquellen  den 
Waffeneid  nicht  nennen,  wird  dessen  Gebrauch  theils  durch  fränkische 
Annalisten  und  die  russische  Chronik  Nestors,  theils  durch  ein  paar 
Eddalieder,  und  was  die  spätere  Zeit  betrifft  durch  „Aslak  Tordssöns 
og  skön  Valborgs  vise",  dann  für  Schweden  durch  das  Zeugniss  des 
Sir  Bulstrode  Whitelocke  festgestellt,  welcher  als  Gresandter  Cromwells 
in  den  Jahren  1653 — 54  Schweden  besiichte.  Es  sind  bald  promisso- 
rische Eide,  welche,  zumal  beim  Abschlüsse  von  Verträgen,  auf  die 
Waffen  abgelegt  werden,  bald  assertorische,  zumal  gerichtliche  Eide, 
und  zwar  mit  oder  ohne  Eideshelfer.  Daß  die  mehrmals  betonte  vor- 
gängige kirchliche  Weihe  der  Waffen  nur  eine  später  hinzugetretene 
Förmlichkeit  sei,  hebt  der  Verf.  wohl  mit  Recht  hervor;  ebenso  aber 
auch,  daß  die  Ablegung  des  Eides  ursprünglich  stets  auf  die  eigenen 
Waffen  des  Schwörenden  erfolgte,  und  daß  erst  in  späterer  Zeit  hin 
und  wieder  an  deren  Stelle  das  Schwert  des  Richters  trat.  Doch  möchte 
ich  nicht  annehmen,  daß  dabei  nur  der  Umstand  maßgebend  gewesen 
sei,  daß  sich  der  Waffeneid  vorzugsweise  nur  in  den  unteren  Gerichten 
erhielt,  welche  für  nicht  waffenfähige  Personen  bestanden,  vielmehr 
eine  andere  Deutung  vorziehen,  auf  welche  ich  gleich  kommen  werde.  — 
Der  Verf.  erörtert  aber  auch,  und  zwar  am  Schlüsse  seiner  Abhandlung, 
den  für  den  Waffeneid  maßgebenden  Grundgedanken,  und  findet  den- 
selben nicht  in  der  Auffassung  der  Waffen  als  Attribute  oder  Reprä- 
sentanten irgend  einer  Gottheit,  ebensowenig  in  dem  Gedanken,  daß 
der  Schwur  mit  dem  Schwert  in  der  Faust,  oder  bis  in  den  blu- 
tigen Tod  gehalten  und  vertheidigt  werden  wolle,  sondern  in  der  Be- 
ziehung auf  die  Strafe,  welche  der  Schwörende  für  den  Fall  des  Mein- 
eides auf  sich  herabrufen  sollte,  das  Fallen  nämlich  durch  die  eigenen 
Waffen.  In  wirksamster  Weise  wird  diese  Deutung  unterstützt  durch 
die  Vergleichung  der  Eide,  welche  die  Völundarkvida,  33,  schwö- 
ren lassen  will: 

„at  skips  bordi,  ok  at  skjaldar  rönd, 

at  mars  bsegi  ok  at  msekis  egg-', 

mit  dem  Fluche,  welchen  die  Helgakvida  Hundingsbana  11,  31 — 33, 
unter  Bezugnahme  auf  geschworene  Eide  der  Sigrün  in  den  Mund  legt : 

„])ik  ökyli  allir  Skridiat  pat  skip, 

eidar  bita,  er  und  J)er  skridi, 

Jjeir  er  Helga  ])6tt  oskabyrr 

hafdir  unua,  eptir  leggisk! 

—     —     —  Rennia  sä  marr. 


ÜBER  DAS  VAPNATAK  DER  NORDISCHEN  RECHTE.       319 

er  und  J)er  renni,  Bitia  J)er  J)at  sverd, 

J)6ttu  jQandr  J)ina  er  ])u  bregdir, 

forctask  eigir!  nema  själfum  })er 

—     —     —  syngvi  um  höfdi!" 

Weitere  Belege  werden  sodann  aus  Nestors  Chronik  beigebracht, 
welche  ebenfalls  beim  Waffeneide  die  Worte  gebraucht  zeigen,  daß 
den  Meineidigen  sein  eigener  Schild  nicht  beschützen,  und  daß  er 
durch  seine  eigenen  Waffen  fallen  soll;  es  wird  ferner  eine  Bestimmung 
des  Haderslebener  Stadtrechts  von  1292  herangezogen,  wonach  der 
fi'emde  Gast,  je  nachdem  er  zu  Wagen,  zu  Pferd  oder  zu  Schiff  reist, 
auf  die  Radnabe,  den  Steigbügel  oder  das  Schiffsbord  den  Fuß  beim 
Sclnvure  zu  setzen  hat,  —  eine  Bestimmung  der  Apenrader  Schraa 
von  1335,  dann  eines  friesischen  Gesetzes  aus  ungefähr  derselben  Zeit, 
welche  ganz  ähnliche  Vorschriften  geben,  — ja  sogar  eine  Parallele  aus 
der  neuesten  Geschichte  Indiens,  welche  eine  ganz  ähnlich  construierte 
Eidesformel  noch  im  Jahre  1837  angewandt  zeigt.  ]\Iir  scheint  dieser 
Nachweis  in  glänzendster  Weise  gelungen,  und  damit  ein  ebenso  werth- 
volles  als  sicheres  Ergebniss  für  die  germanische  Rechts-  und  Religions- 
geschichte gewonnen;  nur  möchte  ich  mir  erlauben  dem  geehrten  Hrn. 
Vrf.  anheimzugeben,  ob  nicht  auch  die  Ablegung  eines  Eides  in  die 
Hand  des  eigenen  Liten  (Lex  Saxon.  8),  dann  die  Eidesabiegung 
auf  das  Schwert  des  Richters  in  ähnlicher  Weise  zu  deuten  sein  möchte. 
Der  Tod  durch  die  Hand  des  eigenen  Hörigen,  —  der  Tod  ferner 
durch  das  Schwert  des  Richters  dürften  wohl  dem  Tode  dm'ch  die 
eigenen  Waffen  als  gleichartig  an  die  Seite  treten. 

Auch  darin  bin  ich  mit  dem  Verfasser  vollkommen  einverstanden, 
daß  er  den  Gebrauch  des  Schwertes  bei  der  Aufnahme  in 
den  Dienstverband  des  Königs  von  dem  Waffeueide  vollständig 
getrennt  hält.  Die  Hirdskra  des  K.  Magniis  lagabsetir  lässt  denjenigen, 
welcher  als  hirdmadr  oder  gestr  in  des  Königs  Gefolgschaft  aufge- 
nommen werden  soll,  nur  des  Königs  Schwert  berühren,  welches  dieser 
auf  seinem  Schoosse  liegen  hat;  bei  der  Ernennung  eines  Herzogs  oder 
Jarles  dagegen  lässt  sie  dem  Ernannten  durch  den  König  zuerst  ein 
Schwert,  und  dann  noch  eine  Fahne  überreichen.  Mir  will  nicht  ein- 
leuchten, daß  diese  Verschiedenheit  der  Form  hinsichtlich  der  Auf- 
nahme in  die  unteren  und  oberen  Grade  des  Dienstverbandes  eine  ur- 
sprüngliche sei.  Ein  paar  aus  der  Fagrskinna,  der  Haraldss.  härfagra 
in  der  Heimskriugla,  dann  aus  der  Hrölfss.  Kraka  entnommene  Stellen, 
welche  der  Verf.  selber  anführt,  scheinen  mir  darzuthun,  daß  ursprüng- 
lich   schon    die    Aufnahme    eines    gewöhnlichen    Inrdmanns    durch    die 

9o  ••* 


320  KONKAD  MAURER 

Überreichung  eines  Schwertes  erfolgte;  die  Bezeichnung  „sverdtakarar 
konüngs,"  welche  den  sämmtlicheu  Dienstleuten  des  Königs  mit  all- 
einiger Ausnahme  der  Kerzenjungeu  zukam,  scheint  eben  dahinzuweisen, 
und  schwerlich  würde  bei  der  Bestellung  des  Herzogs  oder  Jarles  eine 
zweifache  Waffe  gegeben  worden  sein,  wenn  nicht  die  eine  von  beiden 
bereits  zuvor  in  einem  allgemeinei'en  Gebrauche  gewesen  wäre.  Ich 
möchte  demnach  in  der  von  der  Hirdskra  vorgeschriebenen  Form  für 
die  Ernennung  der  hirdmenn  und  gestir  nur  eine  spätere  Vereinfachung 
und  Abschwächuug  einer  altern,  bei  der  Ernennung  des  Jarls  und 
Herzogs  stehen  gebliebenen  Förmlichkeit  erkennen;  wie  dem  aber  auch 
sei,  gewiß  ist,  daß  hier  wie  dort  Schwert  und  Fahne  lediglich  als  Sym- 
bole der  Investitur  in  Betracht  kommen,  wie  ja  beide  auch  bei  allen 
andern  germanischen  Stämmen  oft  genug  in  gleicher  Weise  verwendet 
werden,  —  daß  ferner  hier  wie  dort  der  vom  Manne  zu  leistende  Eid 
dieser  Investitur  erst  nachfolgt,  und  dabei  in  gewöhnlicher  Weise  auf 
Reliquien  oder  auf  ein  heiliges  Buch  abgeschworen  wird.  Mit  dem 
Waffeneide  hat  demnach  die  hier  in  Frage  stehende  Benützung  des 
Schwertes  in  der  That  nicht  das  Mindeste  zu  thun,  vielmehr  reiht  sich 
dieselbe  nur  der  Benützung  eines  Trinkbechers  bei  der  Aitfnahme 
eines  skutilsveinn,  oder  der  Benützung  eines  Handtuches  bei  der  Auf- 
nahme eines  kertisveinu  (Hirdskra,  §.  24  und  47)  als  gleichgeartet  an, 
indem  hier  wie  dort  die  Beschaffenheit  der  zu  übernehmenden  Dienst- 
pflicht für  die  Wahl  des  bei  der  Aufnahme  gebrauchten  Symboles 
maßgebend  wird.  —  Ob  übrigens,  Avie  der  Verf.  annimmt;,  die  später 
in  Schweden  sowohl  als  in  Dänemark  hin  und  wieder  nachweisbare 
Ableistung  eines  Huldiguugseides  auf  das  Schwert  des  Königs  oder 
eines  königlichen  Beamten  imter  den  Gesichtspunkt  einer  deraiiigen 
sverdtaka,  und  nicht  vielmehr  unter  den  eines  vapnatak  zu  stellen  sei, 
ist  mir  sehr  zweifelhaft;  ich  unterlasse  aber  ein  näheres  Eingehen  au 
den  Punkt,  da  es  mich  zu  weit  vom  nordischen  Rechte  abführen  Avürde. 
Was  aber  endlich  die  Auffassung  des  vapnatak  betrifft,  so  ver- 
mag ich  mich  nicht  in  gleicher  Weise  mit  dem  Verf.  einverstanden  zu 
erklären,  und  dieser  Umstand  zwingt  mich,  in  Bezug  auf  diesen  Brauch 
mich  etwas  einläßlicher  auszusprechen.  —  Durch  eine  ziemlich  reich- 
liche Zusammenstellung  von  Belegen  aus  den  geschichtlichen  sowohl 
als  aus  den  Rcchtsquellen  thut  der  Verf.  dar,  daß  in  NorAvegen  das 
vapnatak  benützt  wurde,  um  Beschlüsse  zu  fassen,  oder  auch  die  ge- 
fassten  zu  bestätigen.  Zumeist  kommt  dasselbe  in  den  Dingversamm- 
lungen zur  Anwendung,  und  zwar  wird  es  am  lögj)ing  vorgenommen 
„innan  lögrettu  og  ütan";  ausnahmsweise  findet  dasselbe  aber  auch  in 


"ÜBER  DAS  VAPNATAK  DER  NORDISCHEN  RECHTE.       321 

ungeordneteren  Versammlungen  statt,  wo  immer  größere  Menschen- 
massen sieh  zusammensehaaren  und  sich  veranlasst  sehen,  einem  Col- 
lectivwillen  Ausdruck  zu  geben.  Zuweilen  handelt  es  sich  dabei  um 
die  Erlassung  von  Gesetzen  oder  die  Annahme  eines  Königs,  zuweilen 
um  die  Verhängung  der  Acht  u.  dgl.  wegen  schwerer  Verbrechen; 
andere  Male  findet  aber  dieselbe  Förmlichkeit  auch  auf  civilrechtliche 
Urtheile  Anwendung,  oder  selbst  auf  die  an  diese  sich  anreihende  Auf- 
lassung von  liegenden  Gütern  (jardarskeyting);  ja  selbst  gelegentlich 
der  feierlichen  Übernahme  eines  Gelübdes  wird  einmal  von  derselben 
Gebrauch  gemacht.  Über  die  Art,  wie  das  vapnatak  sich  vollzog,  sind 
wir  leider  ohne  genügende  Nachricht.  An  einer  einzigen  Stelle  wird 
gesagt,  daß  die  Leute  „bördu  saman  väpnum  sinum"  (Heim skr.  Ha- 
raldar  s.  gilla^  cap.  18,  S.  723);  aber  gerade  diese  Stelle  spricht 
von  einer  in  sehr  ungeordneter  Weise  zusammengelaufenen  Volksmenge, 
und  vermeidet  überdieß  die  Bezeichnung  vapnatak.  An  einer  andern 
Stelle  wird  der  Handschlag  (handfestr)  neben  dem  vapnatak  genannt 
(Sverris  s.  cap.  20,  S.  55);  aber  gerade  diese  Stelle  spricht  von  der 
Übernahme  eines  Gelübdes,  und  es  ist  demnach  recht  wohl  denkbar, 
daß  gerade  in  diesem  Falle  neben  dem  Beschlüsse  der  Gesammtheit 
auch  noch  die  persönliche  Verpflichtung  jedes  Einzelnen  in  Frage  kam, 
für  deren  Übernahme  der  Handschlag  die  geeignete  Form  bot.  — 
Weiterhin  wird  dann  dargethan,  daß  derselbe  Gebrauch  auch  in  Däne- 
mark wiederkehrte,  nur  daß  er  freilich  hier  ungleich  früher  theils  ab- 
kam, theils  entartete,  als  in  Norwegen.  Ein  geschichtliches  Zeugniss 
zeigt  das  vapnatak  hier  im  Jahre  1076  gebraucht  bei  Erlassung  einer 
gesetzlichen  Bestimmung  über  die  Thronfolge;  das  schonische  Recht 
aber  weist  dessen  Gebrauch  bei  der  Friedloslegung  am  Landsdinge 
nach.  Da  Andreas  Sunesön  dasselbe  „collisione  armorum  et  contactu" 
vor  sich  gehen  lässt,  erhält  das  oben  erwähnte  „berja  saman  väpnum 
sinum"  eine  willkommene  Bestätigung;  aber  freilich  erleidet  die  Form 
sowohl  als  das  Bereich  der  Anwendung  des  vapnatak  hier  frühzeitig 
eine  Änderung.  Schon  ein  paar  Recensionen  des  Skaanske  Lov,  deren 
älteste  höchstens  in  den  Schluß  des  15.  Jhdts.  hinaufreicht,  haben  an 
der  hier  maßgebenden  Stelle,  art.  139,  S.  130  (ed.  Schlyter)  eine  ent- 
sprechend abweichende  Lesart,  und  eine  Reihe  anderer,  dem  16.  und 
17.  Jhdt.  angehörige  Zeugnisse  bestätigt,  daß  am  Landsdinge  von 
Schonen  der  Kläger,  welcher  eine  Achtserklärung  gegen  seinen  Gegner 
durchgesetzt  hatte,  sein  Schwert  zu  ziehen  und  in  einen  Balken  zu 
hauen  pflegte,  was  man  dann  „huggse  hans  fred  affhanum  paa  lands- 
ticget    med    syt  vapn"    nannte.     Nicht  von   einem   Zusammenschlagen 


322  KONRAD  MAUEER 

oder  Berühren  der  Waffen;,  und  überhaupt  nicht  von  einer  Collectiv- 
handkmg  der  Dinggemeinde,  sondern  nur  noch  von  einem  einseitigen 
Acte  des  Klägers  selbst  ist  also  jetzt  die  Rede;  mit  der  Form  der  sym- 
bolischen Handlung  hat  sich  ferner  jetzt  auch  deren  Deutung  geändert^ 
soferne  dieselbe  nicht  mehr  auf  die  Bekräftigung  eines  gefassten  Be- 
schlusses als  solche,  sondern  nur  noch  auf  das  gewaltsame  Heraushauen 
aus  der  Friedensgenossenschaft  bezogen  wird;  endlich  auch  das  Be- 
reich der  Anwendung  des  Actes  hat  sich  nunmehr  verengert,  indem 
derselbe  selbstverständlich  nur  noch  bei  der  Achtserklärung  gebraucht 
werden  konnte.  Dürftiger  noch  sind  die  für  Schweden  zu  Gebote 
stehenden  Nachweise.  Whitelocke's  bereits  angeführtes  Reisetagebuch 
erwähnt  zwar  den  Namen  des  „weppun  tack";  aber  die  Anwendung, 
die  er  von  demselben  gemacht  werden  lässt,  zeigt,  daß  es  sich  dabei 
um  einen  einfachen  WaiFeneid  handelte.  Bei  einer  Hochzeit  nämlich, 
welche  die  Königin  Christine  auf  ihrem  Schlosse  zu  Stockholm  aus- 
richten Hess,  sah  er  selber  12  Männer  vom  Adel  durch  einen  Eid,  den 
sie  auf  einen  vorgehaltenen  Speer  leisteten,  ihr  Zeugniss  über  die  Höhe 
der  versprochenen  Morgengabe  bekräftigen,  und  zugleich  sich  zur 
Überwachung  ihrer  Entrichtung  verpflichten;  die  Bezeichnung  des 
Actes  will  der  Berichterstatter  von  dem  Grafen  Erik  Oxenstjerna  er- 
fragt haben;  aber  die  Thatsache,  daß  der  Berichterstatter,  ein  nam- 
hafter englischer  Jurist,  nach  seiner  eigenen  Angabe  seinen  Gewährs- 
mann auf  die  Ähnlichkeit  des  Namens  mit  dem  des  englischen  wapen- 
take  aufmerksam  machte,  erregt  den  Verdacht,  daß  ein  Mißverständniss 
auf  der  einen  oder  andern  Seite  begangen  worden  sein  könnte.  Sonst 
lässt  sich  aber  nur  noch  aus  Urkunden  und  Gerichtsbüchern  des  17.  Jhdts. 
darthun,  daß  in  Smäland  der  schonische  Gebrauch,  bei  der  Achtser- 
klärung dem  Gegner  den  Frieden  wegzuhauen  gleichfalls  beobachtet 
wurde,  und  daß  man  in  derselben  Landschaft  auch  bei  der  Auflassung 
von  Liegenschaften  an  einen  Speerschaft  zu  greifen  pflegte;  aber  beide 
Nachweise  beziehen  sich  eben  nur  auf  eine  einzige,  und  zwar  an 
Schonen  zunächst  angrenzende  Landschaft,  und  ob  Verelius  seine 
Deutung  des  Wortes  väpnatak^  wie  der  Verf.  meint,  wirklich  aus  der 
Praxis  der  schwedischen  Gerichte  geschöpft,  und  nicht  bloß  aus  den 
bekannten  Stellen  der  norwegischen  Königssagen  und  Gesetzbücher, 
allenfalls  mit  Benützung  von  Sir  Henry  Spelman's  Glossarium  archaiolo- 
gicum  entlehnt  hat,  scheint  mir  doch  recht  sehr  zweifelhaft.  Um  so 
gewisser  ist  dagegen,  daß  wir  in  England  den  nordischen  Brauch 
wieder  nachweisen  können,  wenn  auch  in  etwas  eigenthümlicher  Ge- 
staltung.    Wir   finden  hier  in   den  Gesetzen,   und  zwar  schon  seit  K. 


ÜBER  DAS  VÄPNATAK  DER  NORDISCHEN  RECHTE.       323 

Eädgärs  Zeiten  (959 — 75),  das  wsepentäc  oder  wsepenget^ec  als  eine 
dem  hundred  entsprechende  Unterabtheilung  der  scir  oder  Grafschaft 
erwähnt,  und  zwar  erwähnt  als  eine  Eigenthümlichkeit  der  nördlichen 
Theile  des  Landes;  genaueren  Aufschiuli  über  dasselbe  gewähren  aber 
erst  die  sog.  Leges  Edwardi  Confessoris.  Sie  behandeln  die 
wapentagia  als  ein  Äquivalent  des  hundredum  in  den  Provinzen,  welche 
„sub  lege  Anglorum"  stehen  (cap.  30);  dieß  ist  indessen  ein  entschiedener 
Irrthum,  wenn  nicht  Schreibfehler,  da  die  Aufzählung  der  einschlägigen 
Grafschaften  vielmehr  auf  die  „lex  Danorum"  hinweist,  d.  h.  auf  die 
von  Dänen  und  Nordleuten  besetzten  Gegenden.  Sie  leiten  ferner  den 
Namen  des  Bezirkes  aus  der  „lingua  Anglica"  ab,  „quia  arma  vocant 
wappa,  et  taccare,  quod  est  confirmare" ;  wiederum  ein  Irrthum,  da  es 
kein  ags.  Wort  täc,  tac,  oder  getsec  gibt,  wie  bereits  R.  Schmid  bemerkt 
hat,  und  die  Bezeichnung  somit  nur  aus  der  nordischen,  beziehungs- 
weise dänischen  Sprache  abgeleitet  werden  kann.  Sie  bemerken  endlich, 
daß  die  Veranlassung  zu  der  Benennung  der  Gebrauch  gegeben  habe, 
daß  einem  neuernannten  Vorsteher  des  Bezirkes  zu  gesetzter  Zeit  an  der 
gewöhnlichen  Dingstätte  die  sämmtlichen  angeseheneren  Männer  inner- 
halb desselben  entgegenzukommen,  und  mit  ihren  Lanzen  dessen  hoch- 
aufgerichteten Speer  zum  Zeichen  der  Huldigung  zu  berühren  pflegten. 
Auch  auf  diese  Deutung  des  Wortes  ist  nicht  zu  bauen,  wie  denn 
der  freilich  beträchtlich  spätere  Chronist  Johannes  Brompton  dasselbe 
ganz  anders,  nämlich  davon  ableitet,  daß  die  Vasallen  zum  Zeichen 
ihrer  Dienstpflicht  bei  einem  Wechsel  in  der  Person  des  Herrn  ihre 
Wafien  abzuHefern  hatten,  also  von  der  heregeat  oder  dem  relevium; 
aber  immerhin  wird  man  annehmen  dürfen,  daß  der  Gebrauch  selbst^ 
auf  welchen  sich  der  Compilator  des  Rechtsbuches  beruft,  von  ihm 
nicht  erfunden^  sondern  aus  der  Praxis  entlehnt  worden  sein  werde, 
und  kann  damit  der  Gebrauch  des  väpnatak  bei  der  Annahme  eines 
neuen  Häuptlinges,  wie  er  für  Dänemark  und  Norwegen  feststeht,  auch 
für  die  dänisch-norwegische  Bevölkerung  Englands  als  bezeugt  gelten, 
gleichviel  übrigens  ob  dessen  Anwendung  auf  diesen  einzigen  Fall  be- 
schränkt, oder  auch  noch  in  andern  üblich  gewesen  sein  möge.  End- 
lich ist  uns  auch  aus  der  Normandie  ein  vereinzeltes  Zeugniss  der 
gleichen  Übung  aufbewahrt,  indem  Dudo  in  seiner  unschätzbaren  Schrift 
de  moribus  et  actis  Normannorum  IH,  S.  96  (bei  Duchesne)  erzählt, 
wie  um  das  Jahr  930  eine  Anzahl  normannischer  Krieger  vor  einer 
schweren  Schlacht  ihrem  Herzoge  Treue  bis  in  den  Tod  gelobte,  und 
dabei  „more  Dacorum"  zum  Zeichen  der  festen  Entschließung  und 
Vereinigung  ^tela  mutua?  voluntatis  pacto  una  concusserunt". 


324  KONRAD  MAURER 

Kann  hiernach  das  väpnatak  als  ein  den  sämmtlichen  nordger- 
manischen Stämmen  gemeinsamer  Brauch  mit  voller  Sicherheit  be- 
trachtet werden,  so  fragt  sich  doch  noch  wie  dasselbe  aufzufassen  sei, 
und,  was  damit  auf  das  Genaueste  zusammenhängt,  ob  die  gleiche  Sitte 
auch  bei  den  Südgermanen  sich  nachweisen  lasse?  Der  Verf.  stellt  nun 
das  väpnatak  mit  dem  Waffeneide  zusammen,  und  nimmt  an,  daß 
dessen  Bedeutung  in  dem  gemeinsamen  Beschwören  des  gefassten  Be- 
schlusses bestanden  habe;  er  will  ferner  zwar  die  bekannte  Stelle  der 
Germania  cap,  11:  „Si  disciplicuit  sententia,  fremitu  aspernantur^  sin 
placuit,  frameas  concutiunt:  honoratissimum  assensus  genus  est  armis 
laudare, "  hieher  beziehen  und  in  gleicher  Weise  deuten,  aber  die 
Worte  desselben  Tacitus,  Hißtoriarum  V,  cap.  17:  „Ubi  sono  ar- 
morum  tripudiisque  (ita  Ulis  mos)  approbata  sunt  dicta,"  dann  die 
entsprechenden  Angaben  Csesar's  über  die  GalHer  (Bell.  Gall.  VII, 
cap.  21),  sollen  nicht  hieher  gehören,  da  sie  nur  von  dem  Waffenlärm 
als  Zeichen  des  Beifalls  sprechen.  Ich  gestehe,  daß  ich  von  der  Stich- 
haltigkeit dieser  Auffassung  mich  nicht  zu  überzeugen  vermag,  und  will 
meine  Gründe  hiefür  in  Kürze  darlegen.  Vor  Allem  glaube  ich  be- 
tonen zu  müssen,  daß  an  keiner  einzigen  von  den  vielen  Stellen,  welche 
des  väpnatak  gedenken,  dasselbe  mit  einem  Eide  in  Verbindung  ge- 
bracht wird.  In  der  Sverris  s,  freilich,  cap.  16,  S.  41 — 42,  heißt  es: 
„J)ä  var  Sverri  getlt  konungs  nafn  ä  ]3essu  ätta  fylkna  ])ingi,  ok  dsemt 
med  väpnataki,  ok  svarit  hanum  land  ok  ])egnar  eptir  landslögum 
fornum;"  aber  es  sind  eben  hier  deutlich  drei  verschiedene  Acte  an- 
einander gereiht,  welche  bei  der  Annahme  eines  neuen  Königs  sich 
folgten,  das  gefa  konungs  nafn,  das  dsema  honum  land  ok  ]3egna,  und 
der  Huldigungseid,  wobei  das  väpnatak  ausschließlich  mit  dem  zweiten 
Acte  in  Verbindung  gesetzt  wird,  nicht  mit  dem  dritten.  Allerdings 
wird  ferner  an  einer  andern  Stelle  derselben  Sage  neben  dem  väpnatak 
noch  eines  Handschlages  Erwähnung  gethan,  welcher  gleichzeitig  ge- 
geben wurde;  aber  es  ist  bereits  bemerkt  worden,  daß  gerade  an 
dieser  Stelle  die  Übernahme  eines  Gelübdes  in  Frage  steht,  welches 
neben  der  Gesammtheit  auch  die  Einzelnen  als  Einzelne  betrifft,  und 
daß  daraus  die  Verbindung  der  doppelten  Form  sich  erklärt.  Beide 
Stellen  zeigen  demnach,  daß  in  den  Fällen,  in  welchen  eine  Verpflichtung 
übernommen  werden  sollte,  neben  dem  väpnatak  noch  eine  weitere,  ge- 
rade hierauf  bezügliche  Förmlichkeit  vollzogen  wurde,  möge  dieß  nun 
ein  Schwur  oder  ein  Handschlag  sein ;  warum  dieß,  wenn  das  väpnatak 
selbst  nichts  Anderes  als  ein  Waffeneid  war?  In  einer  Reihe  von  An- 
wendungsfällen   dieses  letzteren  ist  ferner  jede  Möglichkeit,    an  einen 


ÜBER  DAS  VAPNATAK  DER  NORDISCHEN  RECHTE.  325 

Eid  zu  denken,  ausgeschlossen.  Wie  soll  z.  B.  das  vapnatak,  mittelst 
dessen  ein  gerichtliches  Urtheil  bestätigt,  oder  eine  Auflassung  von 
Liegenschaften  bekräftigt  wird,  unter  den  Gesichtspunkt  eines  Eides 
gebracht  werden?  Ein  Versprechen  der  Unterwerfung  unter  das  Urtheil 
oder  der  Gewährschaft  für  die  Übertragung  kann  nicht  gemeint  sein, 
da  nicht  die  Partei,  sondern  die  Gerichtsgemeinde  den  Formalact  voll- 
zieht; eine  Bekräftigung  aber  der  eigenen  Ehrenhaftigkeit  bei  der 
Fällung  des  Erkenntnisses  kann  ebensowenig  in  dessen  Vornahme  ge- 
sucht werden,  denn  diese  lag  bereits  in  dem  Richtereide,  welcher  bei 
der  Bildung  der  lögretta  von  deren  Mitgliedern  zu  schwören  war.  Das 
gemeine  Landrecht  fordert  dessen  Ableistung  ausdrücklich,  })ingf.  6. 
§.  3,  und  wenn  zwar  die  altern  norwegischen  Rechtsbücher,  welche  die 
Dingordnung  theils  überhaupt  nicht  eingehend  behandelt,  theils  uns 
nicht  vollständig  aufbewahrt  haben,  derselben  nicht  gedenken,  so  stellt 
doch  der  isländische  Richtereid,  von  welchem  uns  selbst  die  alte,  heid- 
nische Formel  erhalten  ist,  dessen  Ursprünglichkeit  auch  für  das  nor- 
wegische Recht  sicher.  Endlich  dürfte  auch  jene  für  den  Waifeneid 
maligebende  Grundanschauung,  welche  der  Verf.  mit  so  überraschender 
Sicherheit  aufgespürt  und  festgestellt  hat,  mit  dem  vapnatak  vollkommen 
unvereinbar  sein.  Die  Formel  des  Waifeneides  faßt  uothwendig  den 
einzelnen  Schwörenden  als  Einzelnen,  und  in  seinen  Beziehungen  zu 
seinen  eigenen  Waffen  ins  Auge ;  der  Vorgang  beim  vapnatak  dagegen 
zeigt  den  Einzelnen  nur  als  Glied  eines  größeren  Ganzen  thätig,  und 
bringt  seine  Waffen  mit  den  Waffen  aller  andern  Genossen  in  Be- 
rührung; wie  soll  darin  der  Gedanke  an  den  Tod  durch  die  eigenen 
W^affen  sich  aussprechen,  der  den  Schwörenden  für  den  Fall  seines 
Meineides  treffen  soll?  Ganz  folgerichtig  wird  darum  auch,  wo  wirklich 
ein  Collectiveid  geschworen  wird,  bei  der  Eideshülfe  nämlich,  nicht  die 
Form  des  vapnatak,  sondern  die  des  gewöhnlichen  Waffeneides  ein- 
gehalten, und  doch  hätten  wir,  wenn  jenem  erstem  wirklich  die 
Bedeutimg  eines  Schwures  zukäme,  gerade  hier,  wenn  irgend  wo, 
dessen  Anwendung  zu  erwarten.  In  der  That  wird  denn  auch  nur  ein 
einziges  Mal  der  Ausdruck  vapnatak  auf  einen  unzweifelhaften  Waflfen- 
eid  angewandt:  dieses  einzige  Mal  aber  ist  jener  Bericht  des  Sir 
Bulstrode  Whitelocke  über  einen  schwedischen  Vorgang  aus  der  Mitte 
des  17.  Jhdts.,  ein  Bericht  also,  der  von  vornherein  den  Gedanken  an 
ein  Mißverständniss  nahe  legt,  und  überdieß  auf  eine  so  späte  Zeit 
sieh  bezieht,  daß  auch  abgesehen  von  einem  Mißverständnisse  des 
Berichterstatters  eine  Trübung  der  Auffassung  durch  Vermischung 
zweier  äusserlich  sieh  berührender  und  beiderseits  länjrt  im  Absterben 


326  KONRAD  MAURER 

begriffener  Gebräuche  leicht  zu  erklären  wäre.  Ich  kann  demnach 
nicht  umhin,  zu  der  älteren  Deutung  des  vapuatak  zurückzukehren, 
und  in  demselben  lediglich  eine  Form  zu  erkennen,  mittelst  deren  die 
versammelte  Menge  ihre  Willensmeinung,  und  insbesondere  ihre  Zu- 
stimmung zu  einem  ihr  zusagenden  Antrage  ausdrückte,  also  ganz 
dasselbe,  was  die  beiden  angeführten  Stellen  des  Tacitus  in  Bezug  auf 
die  Germanen,  und  was  die  gleichfalls  angeführten  Worte  Csesar's  in 
Bezug  auf  die  Gallier  beschreiben.  Die  Gemeinsamkeit  der  Übung 
bei  den  sämmtlichen  germanischen  Stämmen  betrachte  demnach  auch 
ich  als  feststehend,  nur  daß  ich  dieser  einen  etwas  andern  Sinn  bei- 
legen zu  sollen  glaube,  als  welchen  der  Verf.  in  derselben  findet. 

Eine  Frage  bleibt  nach  allem  Bisherigen  noch  zu  erörtern  übrig, 
die  Frage  nämlich  nach  der  Stellung,  welche  das  isländische  Recht 
zum  vapuatak  einnimmt.  In  den  Rechtsquellen  aus  der  republikanischen 
Zeit  geschieht  desselben  oft  genug  Erwähnung  ');  immer  aber  be- 
zeichnet dabei  der  Ausdruck  den  Schluß  der  Dingzeit,  und  die  Hrafn- 
kels  s.  Freysgoda  definiert  denselben  somit  ganz  im  Sinne  der 
Rechtsbücher,  wenn  sie  sagt:  „en  ]3at  heitir  väpnatak,  er  al})yda  ridr 
af  alj)ingi".  Jon  Eiriksson  hat  bereits  auf  diesen  Sachverhalt  die  Behaup- 
tung gestützt,  daß  der  Ausdruck  im  isländischen  Rechte  etwas  ganz 
Anderes  bedeute  als  im  norwegischen,  nämlich  den  Zeitpunkt,  mit 
welchem  die  Dingversammlung  zu  Ende  geht,  und  in  welchem  eben 
darum  die  während  ihrer  Dauer  abgelegten  Waffen  von  den  Dingleuten 
wieder  aufgenommen  werden,  und  er  hat  auch  nicht  unterlassen  zu 
bemerken,  daß  erst  nach  der  Unterwerfung  der  Insel  unter  den  König 
von  Norwegen  das  väpnatak  im  norwegischen  Sinne  des  Wortes  auf 
derselben  Eingang  gefunden  habe,  wie  dasselbe  denn  wirklich  in  der 
Järnsida  sowohl  als  in  der  Jonsbök  unzweideutig  in  solcher  Weise  er- 
wähnt wird.  Die  meisten  Neueren  haben  sich  dieser  Annahme  an- 
geschlossen, R.  Keyser  sogar  mit  der,  keiner  Widerlegung  bedürftigen 
Modalität,  daß  er  auch  das  väpnatak  der  norwegischen  Rechte  ledig- 
lich auf  die  am  Schlüsse  der  Dingzeit  erfolgende  Wiederaufnahme  der 
Waffen  beziehen  zu  sollen  glaubt;  auch  ich  selber  habe  mich  bereits 
öfter  für  die  von  Jon  Eiriksson  vertretene  Ansicht  ausgesprochen,  und 
zumal  wiederholt  die  verschiedene  Geltung  des  gleichen  Ausdruckes 
in    der    norwegischen    und    in    der    älteren    isländischen  Rechtssprache 


*)  Die  vom  Verf.  angeführten  Stellen  sind  nicht  erschöpfend;  ich  kann  den- 
selben z,  B.  ohne  lang  herumzusuchen  noch  Gragäs,  §.62,  S.  112,  und  §.  234, 
S.   178,  ed.  Finsen,  beifügen. 


ÜBER  DAS  vlPNATAK  DER  NORDISCHEN  RECHTE.       327 

hervorgehoben  ^).  Unser  Verf.  dagegen  glaubt  auch  in  dem  väpnatak 
der  älteren  isländischen  Quellen  denselben  Formalact  wie  im  norwegi- 
schen Rechte  erkennen  zu  sollen,  welcher,  am  Schlüsse  der  Dingzeit 
vorgenommen,  eine  solenne  Bestätigung  aller  am  Dinge  gefassten  Be- 
schlüsse enthalten  habe,  obwohl  er  die  Möglichkeit  zugibt,  daß  die 
wirkliche  Handhabung  der  betreffenden  Formalität  sich  auf  Island  aus 
dem  Gebrauche  verloren  haben  möge;  er  meint  aber  überdieü,  die 
wirkliche  Vornahme  des  väpnatak  sei  sowohl  in  der  späteren  frei- 
staatlichen Zeit  als  in  der  Zeit  der  Königsherrschaft  durch  eine  andere, 
wenn  auch  verwandte  Förmlichkeit  ersetzt  worden,  nämlich  durch  das 
löfatak,  und  sei  somit  in  der  königlichen  so  gut  wie  in  der  republi- 
kanischen Zeit  das  väpnatak  im  Grunde  nur  ein  leerer  Name  gewesen. 
Ich  glaube  indessen  dieser  Annahme  in  allen  ihren  wesentlichen  Theilen 
entgegentreten  zu  müssen,  und  will  dieß  Schritt  vor  Schritt  unter  Dar- 
legung meiner  Gründe  zu  thun  versuchen.  —  Meines  Erachtens  ist  zu- 
nächst rein  undenkbar,  daß  zu  der  Zeit,  in  welcher  unsere  Rechtsquellen 
entstanden,  im  isländischen  Freistaate  ein  Formalact,  wie  ein  solcher 
im  norwegischen  väpnatak  vorlag,  am  Dinge  vorgekommen  wäre.  Wir 
kennen  sehr  genau  den  formellen  Gang  der  Verhandlungen  in  den 
Dinggerichten  sowohl  als  in  der  gesetzgebenden  Versammlung  des 
Freistaates;  nirgends  wird  aber  mit  einer  Sylbe  angedeutet,  daß  für 
die  Gültigkeit  der  hier  beschlossenen  Gesetze  oder  der  dort  erlassenen 
Erkenntnisse  noch  ein  weiterer,  am  Schlüsse  der  Dingzeit  vorzunehmen- 
der Formalact  erforderlich  gewesen  sei.  Wir  sind  ferner  über  das,  was 
am  Schlüsse  der  Dingzeit  zu  geschehen  pflegte,  sehr  genau  unterrichtet. 
Wir  wissen,  daß  die  gesetzgebende  Versammlung  noch  am  letzten 
Tage  der  Diugzeit  (jiinglausnadagr)  einen  Zusammenti'itt  zu  halten 
hatte  ^) ;  daß  der  Gesetzsprecher,  und  zwar  am  lögberg,  also  nicht  in 
der  lögretta,  den  Kalender  für  das  nächstfolgende  Jahr  vorzutragen, 
und  alle  während  der  Dingzeit  beschlossenen  Begnadigungen,  dann  alle 
hier  zu  Stande  gekommenen  neuen  Gesetze  bekannt  zu  geben  hatte  *) ; 
daß  endlich  jetzt  der  öffentliche  Verruf  aller  Klagsachen  vor  sich  zu 
gehen  hatte,  welche  erst  am  Alldinge  des  folgenden  Jahres  verhandelt 
werden  sollten  ^),  und  zugleich  der  competente  Gode  zur  Haltung  des 
Executionsgerichtes  aufzufordern  war,   wenn  am  Dinge  Jemand  durch 


*)  Z.B.  in  meinem  Artikel  Grägäs  in  der  Ersch  u.  Gruber'schen  Encykloptedie, 
S.  47,  Anm.  47;  dann  in  einem  solchen  über  Altnoridische  Wörterbücher,  im 
Anzeiger    für  Knnde    der    deutschen  Vorzeit,    1863,    Nr.  12.  *)  Kgsbk,    §    117, 

S.  212.  ^)  Ebendca,  §.   116,  S.  209,  und  §.  101,  S.  177.  ^)  Ebenda,  §.  76, 

S.  124;  §.  77.  S.   125,  und  öfter. 


328  KONKAD  MAURER 

Urtheil,  Schiedsspruch  oder  Vergleich  der  Acht  oder  Landesverweisung 
verfallen  war  ^).  Deutlich  werden  dabei  jene  Vorträge  und  Verkündi- 
gungen als  der  äußerste  Schluß  der  Dingzeit  bezeichnet;  man  kann 
Gerichtssitzungen  nur  begehren  „medan  ösagt  er  misseristal  upp"  oder 
so  lange  nicht  „nymseli  ero  uppsögd"  '),  und  der  Termin  für  das  An- 
gehen des  Goden  um  einen  feransdöm  kann  eben  darum  auch  durch 
die  Worte  „eptir  doma"  bezeichnet  werden  ^),  —  ja  der  für  die  Be- 
wachung der  Pferde  bestellte  Hüter  der  Pferde  muß  diese  „at  jiing- 
lausnum"  den  Dingleuten  zurückbringen,  noch  ehe  „misseristal  se  upp- 
sagt"  ^),  und  der  Zeitpunkt,  in  welchem  der  Jahreskalender  vorgetragen 
wird,  steht  in  genauester  Verbindung  mit  dem  anderen,  „er  menn 
bregda  tjöldum  sinum"  ^^),  d.  h.  mit  dem  Momente,  in  welchem  die 
Dingleute  von  ihren  Dingbuden  die  Bekleidung  und  Bedachung  weg- 
nehmen. Der  Zeitpunkt  der  Heimreise  sammt  den  ihm  unmittelbar 
vorhergehenden  Verrichtungen  ist  damit  deutlich  genug  bezeichnet; 
wie  sollte  es  sich  erklären,  daß  dabei  nur  eben  des  väpnatak  nicht 
erwähnt  und  der  für  dasselbe  charakteristischen  Formalien  nirgends 
gedacht  sein  sollte,  wenn  dasselbe  überhaupt  in  einem  feierlichen,  von 
der  gesammten  Dinggemeinde,  oder  doch  von  der  lögretta  gemeinsam 
vorzunehmenden  Formalacte  bestanden  hätte?  Dazu  kommt,  daß  uns 
nirgends  gesagt  wird,  daß  das  norwegische  väpnatak  am  Schlüsse  der 
Dingzeit  und  zur  collectiven  Bestätigung  aller  während  der  Dauer  der 
Versammlung  gefassten  Beschlüsse  erfolgt  sei;  ganz  im  Gegentheile 
wird  desselben  vielmehr  immer  nur  gelegentlich  einzelner  Beschlüsse 
und  in  einer  Weise  gedacht,  welche  zu  der  Annahme  berechtigt,  das- 
selbe sei  jedem  einzelnen  Beschlüsse  auf  dem  Fusse  gefolgt,  und  habe 
sich  somit  während  der  Dauer  einer  und  derselben  Dingversammlung 
mehrmals  wiederholt.  „lunan  lögrettu  og  vitan"  war  in  Norwegen  das 
väpnatak  vorzunehmen;  auf  Island  dagegen  wird  dasselbe  auf  einen 
Zeitpunkt  verlegt,  in  welchem  die  lögretta  ihre  letzte  Sitzung  bereits 
gehalten  und  die  Thätigkeit  der  Gerichte  ihr  Ende  erreicht  hat.  Daß 
hiernach  das  väpnatak  der  älteren  isländischen  Rechtsquellen  etAvas 
ganz  Anderes  bezeichnete  als  das  norwegische  väpnatak,  und  daß 
jenem  nicht  nur  jeder  formelle  Charakter  fehlte,  sondern  dasselbe  auch 
an   einen  ganz   anderen  Zeitpunkt  sich  knüpfte  als  dieses,   glaube  ich 


8)  Ebenda  §.  G2,  S.  112.  ')  Ebenda,  §.  47,  S.  83,  und  §.  101,  S.  177; 

Vi'gslodi,    Cap.  52,    S.  93  led.  Ainani.).  *)  Kgsbk,    §.  48,   S.  84,    und   §.69, 

S.  120.  ^)  Kaupab.,  Cap,  88,  S.  442;  vgl.  Kgsbk,  §.  76,  S.  124.  ")  Vig- 

slöd  i,  ang.  O. 


ÜBER  DAS  ViPNATAK  DER  NORDISCHEN  RECHTE.  329 

als  gewiss  ansehen  zu  dürfen;  aber  andererseits  will  ich  damit  ganz 
und  gar  nicht  behauptet  haben,  daß  diese  verschiedene  Geltung  des 
Ausdruckes  in  der  isländischen  und  in  der  norwegischen  Rechtssprache 
von  jeher  bestanden  habe,  und  damit  komme  ich  auf  den  Punkt,  wel- 
cher eine  gewisse  Ausgleichung  zwischen  meiner  Auffassung  und  der 
des  Verf.'s  immerhin  ermöglicht.  Wir  wissen,  daß  das  isländische 
Recht  sich  vergleichsweise  spät  von  dem  norwegischen  abgezweigt  hat, 
und  es  ist  demnach  völlig  undenkbar,  daß  ein  in  beiden  Rechten  gleich- 
mäßig wiederkehrender  technischer  Ausdruck  in  beiden  von  jeher  ver- 
schiedene Geltung  gehabt  haben  könnte.  Auch  darüber  kann  kein 
Zweifel  bestehen,  daß  das  norwegische  Recht  im  gegebenen  Falle  der 
ursprünglichen  Bedeutung  des  Ausdruckes  getreu  geblieben  ist;  die 
Naturwüchsigkeit  des  von  ihm  festgehaltenen  Formalactes,  und  mehr 
noch  die  Parallelen,  welche  das  dänische,  schwedische,  normannische 
und  nordenglische  Recht,  und  in  weiterem  Abstände  sogar  Tacitus  und 
Cäsar  bieten,  stellen  diese  Thatsache  doch  wohl  imbedingt  fest.  Das 
isländische  Recht  muß  demnach  eine  Änderung  erlitten  haben,  welche 
hinterher  auch  den  Sinn  seiner  Terminologie  ergriff,  und  mag  es  dabei 
etwa  folgendermaßen  zugegangen  sein.  Aus  vorläufig  hier  noch  uner- 
örtert  zu  lassenden  Gründen  ließ  man  auf  Island  den  alten  Formalact 
des  väpnatak  außer  Übung  kommen.  In  den  alten  Rechtsüberlieferungen 
aber,  und  zumal  auch  Rechtsformeln,  welche  man  nach  wie  vor  mit 
Ehrfurcht  weiter  trug,  fand  man  den  Ausdruck  nach  wie  vor  gebraucht, 
und  es  galt,  nachdem  dessen  ursprünglicher  Sinn  vergessen  worden 
war,  sowohl  dessen  praktische  Bedeutung  festzustellen,  als  auch  für 
denselben  eine  etymologische  Erklärung  zu  finden.  Da  griff  man  nun 
in  letzterer  Beziehung  nach  dem  Nächstliegenden,  und  bezog  das  Wort 
auf  die  Wiederaufnahme  der  Waffen  am  Schlüsse  der  Diugzeit,  worauf 
dasselbe  sprachHch  in  der  That  recht  gut  bezogen  werden  konnte;  die 
Verlegung  des  Zeitpunktes,  welchen  dasselbe  bezeichnete,  von  dem 
Momente  des  gefassten  Beschlusses  auf  den  letzten  Tag  der  Dingzeit 
war  dann  freilich  eine  Folge  der  geschichtlich  unbegründeten  Etymo- 
logie, aber  eine  Folge  der  unbedenklichsten  Art,  da  ja  zwischen  bei- 
den Zeitpunkten  immerhin  nur  wenige  Tage  in  Mitte  liegen  konnten. 
Es  fehlt  nicht  an  Belegen  für  ganz  ähnliche  Vorkommnisse  innerhalb 
der  isländischen  Rechtsgeschichte;  ich  erinnere  nur  an  die  mehrfach 
interessante  Glosse  über  den  Ausdruck  „fyrir  ena  Jjridjo  sol",  dann 
an  die  Definition  des  hrisiingr  und  hornüngr  "),  welche  letztere  eben- 


"j  Kg-sbk,  §.  86,  S.   150;  dann  §.   118,  S.  224. 


330  KONRAD  MAUBEB 

falls  von  der  Geltung  der  betreffenden  Bezeichnungen  in  den  norwegi- 
schen Rechtsquellen  wesentlich  abweicht.  —  Was  sodann  die  Erwäh- 
nung des  vdpnatak  im  norwegischen  Sinne  des  Wortes  in  der  Jdrnsida 
und  Jonsbok  betrifft,  so  wird  diese  Niemanden  wundern,  der  sich  über- 
haupt mit  der  ungeschlachten  Art  einigermaßen  vertraut  gemacht  hat, 
in  welcher  diese  beiden  Gesetzbücher  die  Vorschriften  des  norwegischen 
Rechtes  nach  Island  hinüber  tragen;  die  Angaben  aber,  welche  unser 
Verf.  über  das  löfatak  bringt,  kann  ich  weder  für  vollständig  richtig, 
noch  auch  fiir  vollständig  erschöpfend  halten.  Wohl  richtig,  daß  wir 
schon  am  Schlüsse  des  13.  Jhdts.  Beschlüsse  der  isländischen  lögretta 
„med  lofataki",  d.  h.  durch  Handerhebung  gefasst  finden;  aber  nichts 
berechtigt  uns,  diesen  Gebrauch  schon  in  die  Zeit  des  Freistaates  zurück- 
zudatieren, nichts  ihn  als  einen  specifisch  isländischen  zu  betrachten. 
Man  darf  m.  E.  das  löfatak  keineswegs  mit  dem  älteren  handsal  oder 
handtak,  dem  handaband  oder  handalag,  der  handfestr  oder  handfesta 
m  Zusammenhang  bringen,  denn  jenes  galt,  wie  unser  Handmehr,  als 
die  Form  für  die  Beschlussfassung  einer  versammelten  Menge,  dieses, 
wie  unser  Handschlag,  als  die  Form  für  die  Eingehung  eines  unter 
mehreren  Einzelnpersonen  abzuschließenden  Vertrages,  womit  natürlich 
recht  wohl  verträglich  ist,  daß  hin  und  wieder  durch  Vertrag  ganz 
ähnliche  Bestimmungen  beliebt  werden  können,  wie  sie  anderwärts 
durch  den  Beschluß  einer  Dingversammlung  getroffen  werden,  oder 
daß  in  einzelnen  Fällen  beide  Formen  zugleich  eingehalten  werden, 
weil  es  sich  zugleich  um  den  Abschluß  eines  Vertrages  und  das 
Zustandekommen  eines  Beschlusses  handelt.  Ganz  zufällig  ist  ins- 
besondere, wenn  einmal  in  der  Fsereyiuga  s.  (Flbk,  I,  S.  366)  eine 
handfesta  unmittelbar  vor  dem  Schlüsse  der  Dingversammlung  vor  sich 
geht,  denn  auch  in  diesem  Falle  handelt  es  sich  ganz  und  gar  nicht, 
wie  der  Verf.  annimmt,  um  den  Abschluss  und  die  Besiegelung  der 
Verhandlungen  am  Dinge,  wie  beim  väpnatak,  sondern  lediglich  um 
eine  persönliche  Verpflichtung,  welche  Sigmundr  Brestisson  dem  alten 
])räud  gegenüber  eingieng,  und  bezüglich  deren  es  ganz  gleichgültig 
war,  ob  sie  am  Ding  oder  anderwärts  übernommen  wurde;  von  dem 
löfatak  dagegen  erfahren  wir  umgekehrt,  daß  es  auch  auf  Island  in 
der  lögretta  und  gelegentlich  jedes  einzelnen  Beschlusses  vor  sich  gieng, 
ganz  und  gar  nicht  collectiv  am  Schlüsse  der  Dingzeit,  wie  sich 
dieß  gelegentlich  eines  einzelnen  Falles  ganz  unzweideutig  heraus- 
stellt ^^).  Läßt  sich  hiernach  keine  Spur  des  löfatak  in  der  republikani- 
schen Zeit  Islands  nachweisen,  so  steht  andererseits  fest,  daß  dasselbe 


'2)   A  rna  bps  s.,  Cap.     42,  S.  7.35. 


ÜBER  DAS  vApNATAK  IJER  NORDISCHEN  RECHTE.]  331 

mit  dem  Schlüsse  des  13.  Jhdts.  in  Norwegen  ganz  ebenso  gut  vor- 
kam wie  auf  der  Insel;  bereits  in  dem  neueren  Stadtrechte  des 
K.  Magnus  lagabsetir  wird  desselben  gedacht  ^^),  und  nicht  minder  in 
zwei  Verordnungen  aus  den  Jahren  1313  und  1377  '■^),  —  in  Urkunden 
wird  dasselbe  öfters  erwähnt,  wie  z.  B.  in  den  Jahren  1323,  1328  und 
1362  '^),  und  das  vom  Verf.  selbst  bemerkte  Aufkommen  des  farb- 
loseren Ausdruckes  ])ingtak  in  norwegischen  sowohl  als  isländischen 
Rechtsquellen  kann  recht  wohl  mit  diesem  Wechsel  in  den  bei  der 
Beschlußfassung  gebrauchten  Förmlichkeiten  zusammenhängen,  indem 
man  sich  durch  denselben  veranlasst  sah,  nach  einer  Bezeichnung  zu 
suchen,  welche  für  das  väpnatak  und  lofatak  gleichmäßig  anwend- 
bar war. 

Insoweit  also  ist  mein  Ergebniss  das,  daß  das  väpnatak  zwar  mit 
dem  Eide  auf  die  Waffen  ganz  und  gar  keine  innere  Gremeinschaft 
hat,  aber  allerdings  ganz  wie  dieser  ein  in  das  graueste  Alterthum 
hinaufreichender  und  allen  germanischen  Stämmen  gemeinsamer  Brauch 
ist,  welcher  sich  nur  im  isländischen  Freistaate  auffälliger  Weise  früh- 
zeitig verloren  hat^  um  erst  mit  der  norwegischen  Herrschaft  wieder 
nach  der  Insel  zurückzukehren;  daß  ferner  in  Folge  jenes  Verschwin- 
dens  des  Brauches  selbst  der  isländischen  Jurisprudenz  die  richtige 
Erklärung  des  betreffenden  Ausdruckes  abhanden  kam,  welcher  doch 
in  alten  Formeln  und  Rechtsvorschriften  noch  aufbewahrt  war,  und 
daß  darum  eine  ganz  andere  Deutung  desselben  aufkam^  welche  hin- 
wiederum auch  eine  geringe  Verschieb  img  des  Zeitpunktes  zur  Folge 
hatte,  an  welchen  die  Wirkungen  des  väpnatak  sich  knüpften;  daß 
endlich  seit  dem  Schlüsse  des  13.  Jhdts.  in  Norwegen  sowohl  als  auf 
Island  an  die  Stelle  des  väpnatak  mehrfach  ein  lofatak  trat,  freilich 
ohne  daß  darum  die  ältere  Form  völlig  aufgegeben,  oder  über  die 
Form  hinaus  an  der  Bedeutung  des  Actes  irgend  Etwas  geändert  wor- 
den wäre.  Vielleicht  gelingt  es  aber  auch  noch,  die  Gründe  jenes 
raschen  Verschwindens  des  norwegischen  väpnataks  auf  Island  zu  ent- 
decken, und  ich  will,  wenn  auch  nur  zögernd,  zum  Schlüsse  noch  eine 
deßfallsige  Vermuthung  hier  mittheilen. 

Wir  wissen,  daß  nicht  nur  auf  Island  das  Betreten  eines  Tempels 
allen  Bewaffneten  verboten  war  '^),  sondern  daß  ganz  dasselbe  Verbot 
auch  in  Norwegen  galt  ^').    Gerade  in  Bezug  auf  Norwegen  wird  aus- 


")  Bsejarsk.,    §.   2.  '••)  Norges    gamle    Love    HI,    S.   99    luid    196. 

**)  Norske  Samlinger,  V,  S.  356  und  540;   Diplom,  norveg.  U,  Nr.  370 

S.  296.  ")  Vatnsdsela,    Cap.   17,    S.  29;    Landnäma,    Hl,    Cap.  3,    S.  177^ 

"}  Eigla,  Cap.  49,  S.  99;  Olafs  s.  Tryggva.sonar,  Cap.  167  (FM8,  II,  S.  44). 


332     K.  MAURER,  ÜBER  DAS  VÄPNATAK  DER  NORWSCHEN  RECHTE. 

drücklicli  angegeben,  daß  es  die  liofslielgi,  d.  h.  der  dem  Tempel  zu- 
kommende Friede  war,  auf  welchen  das  Verbot  sich  begründet;  man 
möchte  aber  von  hier  aus  von  Vornherein  schließen,  daß  auch  der 
Dingfrieden,  die  jjinghelgi,  das  bewaflfuete  Betreten  der  Dingstätte  aus- 
schloß, und  es  fehlt  nicht  an  einzelnen  Anhaltspunkten,  welche  diesen 
Schluß  unterstützen.  Von  Norwegen  wird  uns  einmal  ausdrücklich 
berichtet,  daß  noch  um  das  Jahr  934  die  Leute  unbewaffnet  am  Glula- 
})inge  aufzuti'eten  pflegten  ^^) ;  von  Island  aber  hören  wir,  daß  die  Ding- 
stätte  des  ]36rsnessJ)inges  für  so  heilig  galt,  daß  sie  durch  kein  Blut- 
vergießen entweiht  werden  durfte  '^),  dann  daß  man  am  JDorskafjardar- 
jDing  das  Schwert  wenigstens  mit  fridbönd,  d.  h.  Friedensbanden  um- 
wickelt zu  tragen  pflegte  ^^),  ganz  wie  man  dasselbe  im  eigenen  Hause 
zu  verwahren  gewöhnt  war,  wenn  man  sich  vollkommen  sicher  glaubte  '■^'). 
Später  noch  wird  auf  Island  dem  B.  Gizurr  (f  1118)  nachgerühmt, 
daß  er  „fridadi  svä  vel  landit,  at  ]iä  urdu  engar  stordeilur  med  höfd- 
ingjum,  en  vapnaburdr  lagdist  mjök  nidr",  und  mit  Bezug  auf  ihn 
hervorgehoben,  daß  noch  zwei  Jahre  nach  seinem  Tode  „var  svd  litill 
vapnaburdr,  at  ein  var  stälhiifa  J)ä  a  alj)ingi,  ok  reid  drjiigum  hverr 
böndi  til  ]3ings,  er  ])i  var  a  Islandi"  ^'^).  Gehalten  wurde  freilich  das 
Verbot  nur  wenig,  wie  denn  die  Schwertschleifer  sogar  ihre  eigenen 
Buden  am  Alldinge  hatten  ^^) ;  aber  doch  enthalten  die  Annalen  noch 
zum  Jahre  1154  den  Eintrag:  „lagdr  vapnaburdr  ä  al])iugi  ä  Islandi", 
und  eine  andere  Quelle  berichtet,  wie  im  Jahre  1218  B.  Magnus  Gizurar- 
son  von  Skälholt  wenigstens  so  viel  durchsetzte^  daß  die  Leute  nicht 
mehr  bewaffnet  in  die  Gerichte  kommen  durften  "^).  Mit  diesem  mehr- 
fach wiederholten  Verbote  des  Waffentragens  am  Dinge  lässt  sich  nun, 
so  viel  Island  betrifft,  das  Abkommen  des  väpnatak  im  norwegischen 
Sinne  des  Wortes  ebenso  gut  in  Verbindung  bringen,  wie  die  neuere 
Bedeutung,  welche  der  Ausdruck  in  der  isländischen  Rechtssprache 
annahm;  um  so  schwieriger  ist  dagegen  zu  erklären,  wie  in  Norwegen 
jemals  das  alte  väpnatak  mit  demselben  Verbote  des  Waffentragens 
an  der  geheiligten  Dingstätte  sich  vereinign  lassen  konnte.  Vielleicht 
hilft  folgende  Erwägung  auf  die  Spur.  Das  väpnatak  im  älteren  Sinne 


*«)Eigla,  Cap.  57,  S.  126.  *»)  Eyrbyggja,  Cap.  4,  S.  7;  vgl.  Cap.  10. 

S.  11,  und  Landnama,  II,  Cap.  12,  S.  97—8.         *»)  Gfsla  s.  Sürssonar,  I,  S.  5.5. 

»»)  Sturlünga,  IX,  Cap.  3,  S.  186;  Kr(5karefs  s.,  S.  8.  ")  Kristni  s., 

Cap.  13,  S.  29,  und  Cap.  14,  S.  31.  ")  Kgsbk,  §.  101,  S.  176;  Njäla,  Cap.  146, 
S.  247.  ^•'j  Sturlünga,  V,  Cap.  30,  S.  158:  Magnus  biskup  bannadi  öllum  mönn- 
um  at  bera  väpn  til  döma;  gjördu  nienn  )i;i  menn  til  doiua  väpulausa,  er  Jiar  skyldo 
mal  framflytja. 


FEDOR  BECK,  VON  ETSLtCHEN  MElSTERSTÜCKELtN.  333 

entspricht  offenbar  dem  militärischen  Elemente  in  der  altgermanischen 
Verfassung:  mag  sein,  daß  seine  Anwendung  ursprünglich  auf  die  zu 
militärischen  Zwecken  bestimmten  Versammlungen  beschränkt  war, 
auf  das  vapna])ing  also  oder  die  väpnastefi'a ,  für  welches  die  Orkney- 
inga s.  ja  sogar  einmal  die  Bezeichnung  väpnatak  selbst  braucht  ^^), 
auf  die  Versammlungen  der  Heergenossen  ferner,  und  allenfalls  noch 
auf  das  örvarjiing,  das  in  Karapfsachen  zusammengeboten  wurde.  Ein 
Überwuchern  der  militärischen  Seite  der  Verfassung,  durch  die  langen 
Wanderungen  und  beziehungsweise  das  Vikingertreiben  und  die  fort- 
währenden inneren  Kämpfe  bedingt,  konnte  dann  die  Förmlichkeit  auch 
in  das  Gerichtswesen  und  die  gesetzgebenden  Versammlungen  hiuüber- 
gebracht  haben,  während  auf  Island,  wo  die  Lage  des  Landes  und  der 
Gang  der  Staatsbildung  das  Heerwesen  zurückdrängte  und  dafür  das 
Priesterthum  in  den  Vordergrund  rückte,  das  väpnatak  ganz  aus  den- 
selben Gründen  verschwinden  machte,  aus  welchen  die  Häuptlinge  den 
kriegerischen  Titel  des  hersir  oder  fylkir  mit  dem  priesterlichen  des 
godi  vertauschten,  oder  der  Eid  auf  den  heiligen  Tempelring  an  die 
Stelle  des  WafFeneides  trat. 

MÜNCHEN,  deu  25.  Juni  1871.  KONRAD  MAURER. 


VON  ETSLICHEN  MEISTERSTUCKELIN 
DIU  WAEN  IHT  BANCWIRDIC  SIN. 


Unter  dem  Titel  „Weiberzauber  von  Walther  von  Griven"  ist 
kürzlich  im  zweiten  Hefte  des  15.  Bandes  der  Zeitschrift  für  deut- 
sches Alterthum  ein  Gedicht  von  44  Versen  veröffentlicht  worden. 
Der  Herausgeber  hat  sich  au  die  Heidelberger  Handschrift  No.  341 
gehalten.  Verschwiegen  —  oder  nicht  gewußt  (?)  hat  er,  daß  der 
Text  des  Gedichtes  aus  der  betreffenden  Handschrift  bereits  von 
Karl  Haltaus  veröffentlicht  worden  war  in  der  Einleitung  zum  Lieder- 
buch der  Clara  Hätzlerin  S.  XXXIV  folg.,  und  zwar  nach  einer 
Abschrift  von  Franz  Pfeiffer.  Ebenso  hat  er  unerwähnt  gelassen,  daß 
dasselbe  Gedicht  mit  nur  gei'iugen  Abweichungen   sich   auch  im  Cod. 

")  Flbk,  II,  S.  429. 

GERMANIA.  Neue  Reihe  IV,  (XVI.)  Jahrg.  23 


334  FEDOR  BECH 

Kolocz.  vorfindet,  sowie  iu  zwei  späteren  Überarbeitungen,  einer 
nämlich  in  der  Hätzlerin  selbst  S.  217  und  einer  zweiten  im  Cod. 
Palat.  384  Bl.  121 — 122,  wie  aus  Haltaus  a.  a.  0.  zu  ersehen  ist. 
Da  der  Herausgeber  einen  kritisch  berichtigten  Text  zu  geben  be- 
absichtigt hat,  so  begreift  man  nicht,  weshalb  er  sich  lediglich  auf  die 
Heidelberger  Hs.  beschränkt  und  das  übrige  handschriftliche  Material 
unbeachtet  gelassen  hat.  Überdies  zeigt  der  auf  Pfeiffers  Abschrift 
beruhende  Druck  bei  Haltaus  an  einigen  Stellen  andere  Lesarten, 
namentlich  bei  dem  schwierigen  Verse  31,  so  daß  man  nun  nicht 
weiß,  an  wen  man  sich  zu  halten  hat.  Nach  Haltaus  heißt  es  näm- 
lich  hier : 

daz   achte    kravt   zihe    hin   niht 

mit  fremden   wiben   oh   iz  geschieht 

tu  sam  si  sin  niht  gelouhe. 
Für  zihe  hin  niht  hat  dagegen  die  neueste  Abschrift  zeche  hin  niht. 
Mit  der  ersteren  Lesart  stimmen  auch  die  Überarbeitungen,  so  Cod. 
Palat. :  niht  zeihe  in  fremder  iveibe  alz  es  gefchehe  sie  laz  ez  pleihe, 
und  Hätzlerin:  sy  zeich  in  nicht  mit  främden  loeiben  oh  es  hefchicht 
u.  s.  w.  Ohne  mich  zu  entscheiden,  ob  zihe  (zieh)  in  niht  oder  zecke 
in  niht  das  ursprüngliche  gewesen,  scheint  mir  das  in  den  Text 
gesetzte  zecke  er  iht  besonders  darum  unannehmbar,  weil,  wenn  der 
Satz  hypothetisch  gefasst  wird,  die  gleich  darauf  folgende  Bedingung 
oh  daz  geschiht  als  überflüssige  Wiederholung  dasteht.  Warum  nicht, 
da  doch  hier  eine  Vorschrift  in  Form  eines  Gebots  an  ihrem  Platze 
ist,  den  Imperativ  wie  ihn  die  Überlieferung  hat  belassen? 

In  Betreff  der  beiden  Überarbeitungen  fragt  es  sich  noch,  ob 
ihnen  ein  dem  jüngst  edierten  ganz  gleicher  Text  zu  Grunde  ge- 
legen habe  oder  nicht.  Wenn  man  bedenkt^  daß  Walther  von  Griven 
zur  Abfassung  seines  Zaubers  wahrscheinlich  von  Hartmann  von  Aue 
angeregt  worden  war,  der  uns  ein  ähnliches  Zaubermittel  {zouberlist, 
krützouher)  im  ersten  Büchlein  1273  folg.  hinterlassen  hat  (vergl. 
meine  Anmerkung  zu  1280  und  die  Verbesserungen  daselbst  auf 
S.  352);  daß  er  gleich  wie  Hartmann  seinen  Zauber  aus  Frankreich 
stammen  ließ;  daß  es  endlich  bei  Hartmann  1319 — 22  heißt:  sivem 
also  gelinget,  daz  er  st  zesamen  hringet,  der  sol  st  schüten  in  ein  vaz, 
daz  ist  ein  herze  äne  haz,  und  daß  damit  die  Überarbeitungen  stim- 
men in  den  Zeilen,  welche  sie  zwischen  V.  18  und  19  bringen: 
und  tun  die  in  ein  reines  vaß  Ich  meine  in  ein  hertz  on  hass  (Hätzlerin: 
mit  stäter  lieh  on  allen  haß  Vnd  tuo  das  in  ain  raines  vaß):  so  kann 
man  sich  der  Vermuthung  kaum  erwehren,  daß  der  ältere  Text,  nach 


VON  ETSLtCHEN  MElSTERSTÜCKELtN.  '      335 

welchem  jene  Paraphrasen  sich  richteten,  ein  anderer  gewesen  sein 
werde  als  der  uns  in  der  Heidelberger  Handschr.  erhaltene.  Denn 
die  an  Hartmann  erinnernden  Zeilen  waren  schwerlich  Zuthat  der 
späteren  Umarbeiter,  sondern  waren  wohl  bereits  von  Walther  selber 
aus  Hartmann  entlehnt. 

An  die  Mittheilung  des  eben  besprochenen  Gedichtes  schließt 
si«^  in  der  genannten  Zeitschrift,  von  derselben  Hand  verfasst,  eine 
„Ährenlese".  Sehr  viele  von  den  darin  aufgestellten  Vermuthungen 
und  Erklärungen  sind  vortrefflich;  sie  bekunden  ebenso  sehr  den 
seltenen  Scharfsinn  und  die  erstaunliche  Belesenheit  des  Philologen, 
wie  man  solche  bisher  an  dem  Verfasser  zu  bewundern  gewohnt 
war,  als  die  bedeutende  Überlegenheit  des  zünftigen  Meisters,  der  sich 
vor  andern  berufen  fühlt,  die  Fehler  der  Gesellen  und  Lehrjungen 
mit  kräftigen  zunßtvörteUn  wie  „elend"  „thöricht"  „albern"  „ungeheuer- 
lich" unbarmherzig  zu  rügen.  Doch  will  es  mich  bedünken,  als  sei 
auch  hier  manches  mit  auf  die  Bank  gebracht,  das  bisher  nicht  für 
bankgerecht  gegolten   hat. 

Dahin  ziehe  ich  zunächst  diejenigen  Vermuthungen,  die  sich 
hier  für  neue  ausgeben,  in  Wirklichkeit  es  aber  nicht  sind.  Auf- 
merksamen Lesern  wird  es  nicht  entgangen  sein,  daß  ein  Theil  von 
den  auf  S.  249  besprochenen  Stellen  des  guten  Gerhard,  so  z.  B. 
die  Verse  2091  (naehne  uns)  5766  {ir  kurzeivile)  6031  (zem)  6071 
(loas  jämer)  6555  (ht  in  möhte)  6829  (mit  schriß)  5802  (stnes),  bereits 
im  Jahre  1841  im  ersten  Bande  der  Zeitschr.  für  D.  A.  199  bis 
201  vom  Verf.  selber  in  derselben  Weise  behandelt  worden  sind. 
Der  Verf.  hat  aber  nicht  nur  sich  selbst,  sondern  wie  es  eifi'igen 
Ährenlesern  manchmal  zu  gehen  pflegt,  auch  fremdes  Eigenthum 
geplündert,  versteht  sich  ohne  daß  er  es  gewußt  hat.  Die  Bücher, 
aus  denen  man  sich  leicht  davon  überzeugen  kann,  sind  ja  in  den 
Händen  fast  aller  Philologen,  es  kann  daher  schon  deshalb  keinem 
Zweifel  unterliegen,  daß  er  sich  versümet  oder  vergdhet  hat.  So  wird 
S.  259  das  im  Tundalus  56,  27  stehende  huken  in  haken  geändert, 
eine  Besserung,  die  schon  längst  vollzogen  ist  von  den  Herausgebern 
des  mhd.  Wörterbuches  I,  613^,  2.  Auch  was  über  Grälant  gesagt 
wird  auf  S.  259,  gewährt  nicht  viel  eigenes  und  neues,  ist  meist 
nur  Wiederholung  dessen,  was  man  schon  in  den  Altd.  Wäldern  IH, 
33  folg.  und  in  der  Zeitschrift  f.  D.  A.  VI,  295  gelesen  hat.  Ferner 
was  S.  255  über  huchelj  Fackel,  als  neu  aufgetischt  wird,  so  namentlich 
die  Stelle  in  v.  d.  Hagens  GAbenteuer  II,  524,  37  aus  Jansen  dem 
Enenkel,    hat    schon    Frommaun    ein   Jahr  vor    dem    großen   Kriege 

23* 


336  FEDOR  BECH 

in  Schraellers  Baierschem  Wörterbuche  I,  196  besorgt.  Endlich  die  auf 
von  Karajans  deutsche  Sprachdenkmäler  bezüglichen  Vermuthungen, 
von  denen  auf  S.  264  die  Rede  ist,  vier  glückliche  Emendationen, 
sind  sämmtlich  schon  von  Bartsch  gebracht  worden,  vor  nunmehr 
neun  Jahren,  in  einer  kleinen  beherzigenswerthen  Abhandlung  in 
Pfeiffers  Germania  VII,  278  folg.  Mag  sich  auch  mein  Freund  Bartsch 
freuen,  daß  er  mit  einem  großen  Kritiker  hier  auf  gleicher  Fährte 
ist,  das  wird  man  mir  doch  zugeben,  „bankwirdig"  ist  dieses  Ver- 
fahren  von    Seiten   eines   Meisters    wie    der   Ährenleser   nicht. 

Von  den  Stellen,  in  welchen  das  seltene  Wort  stalhoum  vor- 
kömmt, auf  S.  258  vermisst  man  folgende,  die  nicht  hätten  fehlen 
sollen:  Heinrich  von  dem  Türlin  5532:  emen  stalboum  truoc  er  (der 
Riese  Assiles)  ze  wer,  so  er  in  meiste  hi  dem  mer  iender  mohte  vin- 
den,  oder  ein  eiche  oder  linden,  swar  er  hin  ze  strtte  gienc,  ferner 
6785  folg:  er  muoste  reisic  unde  karc  sin,  der  in  (den  Weg)  solde  vai-n, 
ohe  er  daz  solde  hewarn,  daz  er  da  iht  verfiele  von  manegem  grozen  schiele 
und  manegem  stalboume,  davon  der  loec  vil  küme  schein;  endlich  26713 
ouch  was  er  (der  Drache)  selbe  lool  so  groz  als  ein  grozer  stalbotim 
(:  zoum). 

Im  Tundalus  43,  10  heißt  es  nach  der  Handschr.  Sw'slacht  daz 
lant  touchers  getruc.  daz  was  fvr  daz  eiter  guot  genuc;  der  erste  Vers 
davon  wird  auf  S.  258  folgendermaßen  emendiert 
welaht  daz  lant  ivuochers  truoc 
mit  Berufung  auf  G-.  Frau  913  und  1063,  wo  sich  das  sonst  unbekannte 
icelaht  findet.  Von  einem  in  unserer  alten  Muttersprache  so  bewander- 
ten Meister  wie  Herr  Prof.  Haupt  kann  man  kaum  annehmen,  daß 
er  nicht  gewußt  habe,  daß  hier  das  fragende  icelaht  nicht  an  seinem 
Platze  war;  er  wird  sich  eben  nur  vergähet  haben;  denn  wenn  er 
eine  dem  ähnliche  Wortbildung  setzen  wollte,  mußte  er  ja  auf  sicelaht 
kommen.  Aber  wozu  eine  so  zweideutige  und  schlecht  bezeugte  Form 
hier  einschmuggeln?  ist  swelrslaht,  auf  das  man  zunächst  rathen  wird, 
so  unerträglich? 

Auf  S.  262  wird  eine  Frage,  die  einst  Lachmann  aufgeworfen, 
mit  Berechnung  auf  Effect  wieder  vorgetragen  in  folgender  Stelle: 
„im  Mhd.  Wb.  3,  839''  wird  eine  Erklärung  Beneckes  wiederholt,  die 
Lachmann  anführt,  und  durch  die  Frage  „„beißen  die  Bremen?""  ein- 
leuchtend zurückweist".  Hier  gilt  es.  Lachmann  gegen  den  Mißbrauch, 
den  seine  Freunde  mit  seinen  Worten  treiben,  in  Schutz  zu  nehmen. 
Folgende  Beispiele,  denke  ich,  werden  der  betreffenden  Frage  ihr 
falsches   Licht  wie    ihren   Stachel    nehmen:    im    Rolandsliede    215,  24 


VON  ETSLtCHEN  MEISTERSTÜCKELtN.  337 

sagt  der  treulose  Genelun  zum  Kaiser:  loaz  hästü  dir  selben  gewizzen? 
Rtiolanten  hat  ItcJite  ein preni  gepizzen,  da  er  slief  an  dem  grase ;  ferner 
Bruder  Hansens  Marienlieder  4183:  ich  vuert  me  den  bis  der  mucken 
den  der  leev  mich  sold  zurucken. 

Schließlich  muß  ich  noch  der  Stelle  gedenken,  in  der  von  König 
Ruther  die  Rede  ist,  auf  S,  264.  Da  sie,  nach  der  ihr  beigefügten  Ver- 
wahrung gegen  das  in's  Haus  schlachten  zu  urtheilen,  jedenfalls 
nicht  zufällig  herausgegriffen ,  sondern  dazu  bestimmt  scheint,  zu  zeigen, 
wie  man  Texte  kunst-  und  zunftgerecht  zur  Bank  haut,  so  setze  ich 
sie  fast  ganz  her:  „Ruther  916  mi  in  kinne  got  an  mir  armen  man. 
Darin  liegt  zunächst  nu  erkenne  sich  got  an  mir  armen  man.  Aber  dies 
kann  nicht  das  echte  sein.  Dietrich  sucht  Coüstantins  Hilfe:  durch 
gendde  quam  ich  here  gevaren:  du  salt  dm  ere  an  mir  beicaren.  Es  ist 
also  zu  schreiben  nu  erkenn  dich  an  mir  armen  man.  Parz.  12,  19  der 
sich  hefe  an  im  erkant,  e  daz  er  waere  dan  gewant,  mit  deheiner  slahte 
gimste  zil,  den  icart  von  im  gedanket  vil^^.  Man  muß  sich  billig  wundern, 
warum  H.  gerade  hier  die  echt  niederrheinische  Form  inkinnen  durch 
erkennen  verdi'ängt  wissen  will.  Hat  er  doch  in  seiner  Zeitschrift  VIT, 
263  selbst  ausgesprochen:  „das  Gedicht  König  Ruther  ist  niederrheinisch 
In  der  Sprache,  aber  im  Sagenstoffe  enthält  es  bairische  Bestand- 
theile".  Das  Zeitwort  inkennen  [(alts.  antkennian  ankennian,  ahd.  in- 
kennan)  =  erkennen,  bekennen,  im  Wernher  von  Niederrhein  10,  29, 
in  der  Eneit  100,  37;  187,29  nach  M,  Iwein  3172  nach  A  hat  bereits 
Hildebrand  in  seinem  vortrefflichen  Artikel  über  kennen  im  deutschen 
Wörterbuche  V,  532 — 533  verzeichnet;  andere  Beispiele  geben  die 
Urkunden  bei  Kindlinger  Gesch.  der  deutschen  Hörigkeit  512,  145: 
ich  Jutte  .  .  .  enkenne  ind  betilghe  dat  ich  u.  s.  w.  (a.  1396):  567,  166: 
so  enkenne  ich  Henricus  vor  my  und  vor  myne  erve,  dat  ich  u.  s.  w. 
(a.  1430);  573,  170:  des  ivy  Johannes  und  Herman  vorg.  enkennen  under 
unsen  segel  (a.  1442).  Wie  aber  inkennen,  ebenso  waren  die  übrigen 
Worte  der  Überlieferung  unantastbar.  Got  an  einem  inkennen  wird  das- 
selbe bedeuten,  was  im  Gregor  560  got  an  einem  erkennen,  sich  barm- 
herzig gegen  einen  erweisen;  oder  es  liegt  eine  verwandte  Auffassung 
zu  Grunde  wie  in  dem  mnd.  kent  got  und  in  dem  mnl.  dat  kinne  god 
,Gott  erbarms'  bei  J.  Grimm  Kl.  Sehr.  V,  470.  Die  von  Herrn  Prof 
Haupt  versuchte  kühne  Änderung  des  Textes  erscheint  hiernach  nicht 
als  eine  Besserung,  sondern  als  eine  Verschlechterung  und  zeigt  hin- 
länglich, wie  es  dem  armen  König  Ruther  ergehen  würde,  wenn  er  ein- 
mal unter  so  schonungslos  zuhauende  Hände  gerathen  sollte. 

ZEITZ,  im  August  1871.  FEDOR  BECH.     - 


338  HUGO  GRAF  VON  WALDERDOEFF 


BRUCHSTÜCKE  VON  HANDSCHRIFTEN  DES 
JÜNGEREN  TITUREL. 


I. 

In  der  Monatssitzung  des  historischen  Vereines  für  Oberpfalz 
und  Regensburg  am  10.  Juni  1869  berichtete  Herr  Domvicar  und 
Ordinariatsassessor  G.  Jacob  über  Fragmente  des  jüngeren  Titurel, 
die  er  vor  einiger  Zeit  unter  den  Resten  des  Archives  von  Obermünster 
aufgefunden  hat  und  die  jetzt  in  der  bischöflichen  Dr.  Proske'schen 
Musikbibliothek  aufbewahrt  werden.  Es  wird  den  Lesern  der  Germania 
vielleicht  nicht  unwillkommen  sein,  nähere  Kunde  über  diese  Fragmente 
zu  erhalten. 

Bereits  im  Jahre  1809  hatte  der  um  die  Geschichtsschreibung 
von  Regensburg  und  Baiern  überhaupt  hochverdiente  nachherige  Dom- 
herr Thomas  Ried  in  Regensburg  30  Pergamentblätter  in  Folio  von 
Actendeckeln  abgezogen,  die  sich  als  Fragmente  einer  sehr  schönen 
Hs.  des  jüngeren  Titurel  erwiesen ;  er  sandte  sie  an  die  kön.  Hof-  und 
Staatsbibliothek  in  München,  wo  sie  gegenwärtig  als  Cod.  germ.  7  auf- 
bewahrt werden.  Im  folgenden  Jahre  gab  Docen  in  seinem  „Send- 
schreiben über  den  Titurel"  (Berlin  und  Leipzig  1810.  8.)  die  erste 
öffentliche  Nachricht  über  diesen  Fund.  Eingehender  wurden  die  Bruch- 
stücke von  Dr.  Karl  Roth  (Bruchstücke  aus  der  Kaiserchronik  und 
dem  jüngeren  Titurel.  Landshut  1843)  besprochen  und  theilweise  ver- 
öffentlicht. Zwanzig  Jahre  später  (1863)  war  Herr  Jacob  so  glücklich, 
unter  vielen  andern  Pergamentfragmenten  des  Archives  zu  Obermünster 
sechs  gut  erhaltene  Blätter  aus  demselben  Codex  aufzufinden.  Die 
Blätter  sind  in  Folio,  zweispaltig  geschrieben;  die  siebenzeiligen  Stro- 
phen beginnen  mit  geschmackvollen  wechselweise  rothen  und  blauen 
Initialen,  jede  Spalte  enthält  neun  Strophen.  Es  treffen  also  auf  die 
sechs  Blätter  216  Strophen  oder  1512  Verse.  Das  Pergament  ist  von 
schönster  Zubereitung;  die  Schrift  ist  durchweg  gleich  und  rein;  die 
Tinte  ist  etwas  braun  geworden.  Die  Blätter  sind  oben  in  der  Mitte 
mit  alten  arabischen  ZijQfern  numeriert;  die  Lagen,  welche  aus  je  acht 
Blättern  bestanden,  unten  am  Ende  des  achten  Blattes  mit  römischen 
Ziffern.  Das  erste  Blatt  der  ersten  Lage  war,  wie  aus  letzterer  Nume- 
rierung erhellt,  nicht  beschrieben;  die  Bezeichnung  der  Blätter  beginnt 


BRUCHSTÜCKE  DES  JÜNGEREN  TITUKEL.  339 

daher  erst  auf  dem  zweiten  Blatte  mit  1.  Wie  bereits  Roth  angab,  hat 
sich  der  Maler  der  Initialen  öfters  geirrt  und  unrichtige  Buchstaben 
gesetzt;  dieselben  stehen  richtig  meistens  am  Rande.  Auf  der  Innen- 
seite sind  die  Blätter  vollkommen  gut  erhalten,  auf  der  Außenseite 
zwar  mehrfach  abgerieben  und  beschmutzt,  doch  immerhin  noch  leser 
lieh.  Wie  schon  Roth  (S.  55)  richtig  bemerkt  hat,  muü  die  Handschrift 
zwischen  den  Jahren  1540 — 1557  zerschnitten  worden  sein,  da  diese 
beiden  Jahreszahlen  auf  den  Münchner  Blättern  als  die  äußersten 
Grenzen  erscheinen.  Auch  auf  den  neu  aufgefundeneu  Blättern  linden 
sich  Jahreszahlen  aus  derselben  Zeit,  als:  1540,  1545,  1547,  1548. 
Auf  den  meisten  Blättern  steht:  „Stifftspueh",  d.  h.  Buch  über  die 
Einnahmen  an  Pachtgeldern  u.  s.  av.;  auf  dem  zweiten  auch  der  Name 
des  Stiftes:  „Obermüuster". 

Schon  diese  äußerlichen  Merkmale  lassen  erkennen,  daß  Rieds 
Fragmente  ebenfalls  aus  Obermünstcr  stammen;  es  ist  daher  Hoffnung 
vorhanden,  daß  vielleicht  auch  der  Rest  dieser  schönen  Handschrift 
mit  der  Zeit  noch  zum  Vorschein  könnnt,  da  der  größte  Theil  des 
Obermünster'schen  Archives  seit  der  Säcularisation  in  den  Gewölben 
des  Reichsarchives  zu  München   ruht   und  noch  nicht  durchforscht  ist. 

Die  Zusammengehörigkeit  der  besprochenen  Fragmente  erhellt 
jedoch  noch  mehr  aus  ihrem  Inhalte,  indem  sie  sich  gegenseitig  er- 
gänzen; so  liegt  z.  B.  das  zweite  Blatt  der  Handschrift  in  München, 
während   das  erste  und  das  dritte  zu  den  neu  aufgefundenen  gehören. 

Ihrem  Inhalte  nach  bestehen  übrigens  unsere  sechs  Blätter  aus 
folgenden  Strophen: 

1.  Blatt:  Str.  1 — 36  Hahn;  von  letzter  noch  drei  Zeilen  (Roths 
Druck  beginnt  mit  36,  4).  Die  erste  Strophe  ist  hereingerückt,  um  für 
eine  nachträglich  zu  malende  größere  Initiale  (A),  die  jedoch  nicht 
mehr  ausgeführt  wurde,  den  gehörigen  Raum  zu  lassen;  auch  sind  die 
sieben  Zeilen  dieser  Strophe  nicht  nach  den  Versen  abgesetzt.  Wir 
lassen  hier  als  Probe  die  ersten  Strophen  folgen: 

(a)  N  angcug  vnd  an  leczo.  bi.st  dv 

got  ewich  lebend,   din  krafft  an 
vndersecze.    diu  haltet  himcl  erd 
enbor  vf  swebend.   din  ie  diu  imm* 
ist  gar  vngepfaehte.   sam  wirt 
din  hohe  nimmer  preit  Icuge 
tieflPe  noch   daz   din  betraechte.  : 

Swi  doch   gedauche  galient. 

vil  snel  ob   allen  dingen.  n-;  .  ,..■     ,, 

di  nimmer   dar  geuahent. 


340  HUGO  GRAF  VON  WALDEKDOEFF 

da  si  den  dinn  gewalt  mügen  erswingen. 
dannoch  din  herscbaft  also  über  grozze. 
cheiser  ob  allen  chungen. 
so  pist'du  herr  vnd  niemen  din  genozze. 

Ze  brisen  und  ze  rvmen. 

ist  immer  din  getichte. 

sit  du  so  reine  blvmen. 

himel   vnd  erde  mähtest  gar  uz  nihte. 

den  himel  mit  der  engel  schar  geheret. 

di  erden  mit  gezirde. 

da  von  din  lop  in  himel  wirt  gemeret. 

Bei  Strophe  13  hat  der  Schreiber  aus  Versehen  einige  Verse  aus- 
gelassen, welche  von  einer  viel  späteren  Hand  mit  verblaßter  Tinte 
ziemlich  unleserlich  am  Rande  ergänzt  sind. 

2.  Blatt:  Str.  69 — 103;  zwischen  diesen  beiden  Blättern  fehlt  also 
eines,  das  sich  jedoch  bei  den  Münchner  Fragmenten  befindet  und, 
wie  erwähnt,  von  Roth  veröffentlicht  wurde;  das  Blatt  ist  mit  Ziffer  3 
bezeichnet. 

3.  Blatt:  Strophe  1325 — 1360;  mit  Ziffer  39  bezeichnet;  am  Ende 
mit  der  Lagen-Nr.  V. 

4.  und  5.  Blatt  laufen  im  Texte  fort  und  enthalten  die  Strophen 
von  1850—1921;  Bl.  4  hat  die  Bezeichnungen  55.  VII;  Bl.  6  trägt 
die  Ziffer  56. 

6.  Blatt:  Str.  2422—2447;  mit  71.  IX.  bezeichnet  und  mit  dem 
Custos:  „Am  mute  was  so  state'^. 

Was  die  Stellung  dieser  neu  aufgefundenen  sechs  Fragmente  zu 
den  in  München  befindlichen  betrifft,  so  reihen  sie  sich  in  die  ersten 
25  Blätter  ergänzend  ein.  Da  nun  auch  die  Münchner  Blätter  mit  der 
Strophe  2699  Hahns  *)  enden ,  so  gehören  sämmtliche  36  Blätter  der 
ersten  Hälfte  des  Gedichtes  an;  sie  enthalten  circa  1296  Strophen,  was 
etwas  über  ^^  des  ganzen  Gedichtes  beträgt,  oder  beinahe  die  Hälfte 
jenes  Abschnittes,  dem  die  Fragmente  angehören.  Da  auf  einem  Blatte 
36  Str.  stehen,  so  müßte  der  Codex  übrigens  vollständig  wenigstens 
176  Folioblätter  (22  Lagen)  in  sich  begriffen  haben. 

Die  Regensburger  Bruchstücke  enthalten  mehrere  in  Hahns  Texte 
fehlende  Strophen;  so  gleich  das  erste  Blatt  eine  Strophe,  35*: 

Etwenn  in  lihter  wizze. 
de(r?)  chlarheit  wol  gerichet. 
so  daz  gin  sinem  glizze. 


*)  Hahns  Ausgabe  hat  6207  Strophen. 


BRUCHSTÜCKE  DES  JÜNGEREN  TITUREL.  341 

nie  uiht  enward  vf  erd  daz  im  gelichet.  ' 

et  wenn  so  riselt  erz  mit  süzzem  towe. 
(wa)nn  wazzer  et  aleine. 
ez  waer  vf  erde  niht  in  lebender  schowe; 

und  nach  Str.  26  folgt  Hahns  Strophe  30  etwas  verändert: 

Ein  brunn  hoch  der  so  lebend. 

ist  er  den  ich  da  meine. 

mit  wazzer  ist  er  gebend. 

der  chlarheit  rieh  so   edel  vnd  so  reine. 

daz  engel  schar  ein  irdisch   lip  genozzet. 

und  wirt  sin  nam  gedriet. 

(ze)  reht  genant  so  mann  iuz  wazzer  stozzet. 

Dagegen  folgt  Hahns  Strophe  31  unmittelbar  auf  Str.  29.  Auch 
unser  zweites  Blatt  zeigt  einige  Strophen,  welche  der  Heidelberger 
Handschrift  fehlen,  nämlich  70*  und  73";  auch  Strophe  73  ist  ganz 
verändert;  alle  drei  lauten: 

70*  Dev  erd  ist  ovch   eutrennet. 

an  ir  nature  funden. 

da  si  wol  gancz  erchennet. 
was  da  hat  si  vil  starche  man   verslvnden. 
alsam   datan  vnd  abyron  verslinden, 
durch  dich  ze  räch  wol  chunde 
sus  chan  din  kraft  wol  strichen   und   erwinden. 

73"  Vnd  daz  mich  fiwr  vermiden. 

ßul  ich  vil  saelden  müzzich. 

ich  mein  daz  da  chan  sniden. 
von  diner  werden  hulde  gar  vngrüzzich. 
vnd  werdent  von  dem  erbe  diu  gestozzen 
din  vaterliche  trewe. 
div  lazze  mich  den  chinden  diu  genozzen. 

73*  Aveh  waz  dir  wider  gebend, 
deu  erd  gar  den  toten, 
gesvnd  schone  lebend. 

sand  lazarum  din  kraft  ist  vn  verschroten, 
gewesen  ie  des  was  ovch  Jonas  iehent. 
vnd  manich  tusent  ander, 
an  den  din  kraft  was  vnd  ovch  ist  geschehent. 

Die  Münchner  Blätter  haben  im  Ganzen  35  Strophen,  welche  dem 
Heidelberger  Codex  fehlen,  (Gedruckt  bei  Koth  S.  4G  ff.)  Da  unser 
Blatt  VI  mit  71  bezeichnet  ist,  so  enthielt  —  das  Blatt  zu  36  Strophen 
gerechnet  —  das  Gedicht  bis  hieher  2556  Strophen;  dieß  Blatt  schließt 
jedoch  mit  Hahns  Str.  2447;   der  Regensburger  Titurel  hatte  also  bis 


342  K.  J.  SCHRÖER 

hieher  109  Strophen  mehr  als  der  Heidelberger,  wovon  wir  jedoch  nui* 
38  kennen. 

Außer  den  eben  besprochenen  sechs  Pergamentblättern  hat  Herr 
Domvikar  Jacob  in  Obermünster  noch  die  Spur  eines  zweiten  *)  Codex 
des  jüngeren  Titurel  aufgefunden.  Es  ist  dieses  ein  leider  zerschnittenes 
Blatt  einer  Papierhandschrift  aus  späterer  Zeit.  Dieselbe  war  in  Folio, 
zweispaltig  geschrieben  mit  rothen  Initialen;  die  Currentschrift  ist  die 
des  15.  Jahrhunderts.  Das  kleine  Fragment  enthält  die  Strophen  4047 
(3  Zeilen),  4048.  4049.  4050  (3  Zeilen),  dann  kehrseits  4076  (3  Zeilen), 
4077.  4078.  4079  (3  Zeilen). 

Als  Probe  stehe  hier  Strophe  4049: 

Der  don  von  Rotubumbes 

tambur  vnd  von  busein 

die  giengen  alles  krumbe.s 

By  musten  lernen  vö  gedrange  peiii 

klagenot  wedonet  gar  mit  laide 

wie  gar  in  frid  gepannen, 

was   ir  lag  da  manger  auf  der  haide. 

Bereits  in  einem  früheren  Vortrage  hatte  Herr  Jacob  eine  Über- 
sicht der  vielen  Pergamentfragmente  aus  Obermünster  gegeben,  die 
nun  in  fünf  Mappen  in  der  Eingangs  erwähnten  Bibliothek  aufbewahrt 
werden. 

Die  fünfte  Mappe  enthält  außer  den  bereits  besprochenen  Blättern 
noch  mehrere  Germanistica,  und  möchte  es  seiner  Zeit  Gelegenheit 
geben  hierüber,  sowie  über  manche  andere  ähnliche  Funde  aus  Regens- 
burg,  weitere  Mittheilungen  machen  zu  können. 

HUGO  GRAF  VON  WALDERDORFF. 

n. 

Zwei  Pergamentfolioblätter,  durch  Herrn  Archivar  J.  Zahn  in 
Graz,  der  sie  mir  freundlichst  mittheilte,  abgelöst  von  einer  Handschrift 
des  steirischen  Landesarchivs  "^Hern  Wolfg.  von  Stubenberg  Einlag' 
(Steuerfassion  v.  J.  1542),  geschrieben  um  1350,  enthalten  Str.  3322,  2  bis 
3393,  2  der  Hahnschen  Ausgabe.  Da  die  Bruchstücke  zu  derselben 
Textclasse  wie  die  Heidelberger  Hs.  gehören,  so  wird  eine  Angabe 
der  Lesarten  statt  eines  Abdruckes  genügen. 

3322,  2  beginnt  das  Bruchstück  mit  für  staet  daz  si  nicht  sint 
so  gaehe  mutes  wende       3  manleich.       4  wint  daz  dem  gevancge. 


*)  Ein  dritter  ganz  erhaltener  Codex  soll  im  Jahre  1809  bei  der  Beschießung 
Regensburgs  durch  die  Franzosen  mit  dem  ehemaligen  Stifte  Mittelmünster,  damals 
Jesu  itencoUegium,  zu  St.  Paul  verbrannt  sein. 


BEUCHSTÜCKE  DES  JÜNGEREN  TITUREL.  343 

3323,  1  Uli  fehlt.  wurd  do  vol.  2  vil  choum  —  wart  man  ir  paider 
schar  vil  reich  g.  3.  4  mit  mangem  hohez  weitem  palas  schone  ob 
ich  es  hüttc  hiezz  od'  gezelt.  daz  waer  nicht  lobes  chroue.  3324,  1 
warn  grozzer  dinge.  2  iach  ot  von.  siinderlinge.  2  an  fehlt. 
4  von  ruezz  und  auch  von  roste.  3325,  1  daz  wart  alsus  v.  2  von 
seiden  imd  von  g.  chlait  das  wirt  von  fr.  paz  geh.  3  dan  hie  die 

wat  da  si  herberge.  3326,  1  achmardaine.  2  und  ouzzerhalb  von 
czamer.  pergen.  Widerscheine.  3.  4  alsi  die  simne  mit  starcher 
ahnt  rote.  alle  die  chnopfe  karfunchel  die  biizten  vber  all  dem  her 
nacht  vinster  note.  3327,  1  wart  ditz  werch  geleichet.  2  in.  4  r. 
und  üb.  noch  leiite  vil  manich.  3328,  1  Deu  stat  mit  weiten  porten 
was  umb.  2  damit  daz  daruf.  so  geslichtet.  3  wol]  höh.  die  port 
all  und.  3329,  1  paiden  sunder.  waren.  2  mit]  von.  wart,  von] 
und.  3  da  mitten.  4  dar  inn  man  si  und  alle  ir  gote  helfe  und  ge- 
nade  musten  pitten.  3330,  2  deu  heidenschaft  getorste.  3  petchous 
von.         4  chund  reichait  walten  mer  dann  vil  und  edell  würcz  raine. 

Dann  folgende  bei  Hahn  fehlende  Strophe: 
Der   edell  smach  solh  waezzen  gab  mit  chraft  der  reichen, 
ob  alle  chramer  saezzen  an  einer  stat  es  chund  im  nicht  geleichen. 

ir  paider  palas 

achmardeine  innerthalb  mit  smaratgrüner  varbe. 

3331,  1  Swie  so  daz.      2  ir  ern  ze  einem  geniezze.     man  fekll. 
3  icht.        3332,  1  Ir  beite  schar  deu.        2  sein  geleich  der  glander. 

3  allen  wanch.  4  erieten  aller  zaegleichen.  3333,  1.  2  Deu  stat 
was  liecht  da  gebende,  so  daz  deu  reichait  vaste  was  an  den  pergen 
chlebende  und  an  den  welchen  daz  deu  von  ir  glaste.  4  bis  3335,  4 
tasme  der  stat  an  eheste  groz  geleiche.  Jupiter  ze  wirde  erdachte  sekureiz 
die  zirde  reiche.  3336^  1  ot  nicht.  2  Vor  ungewitters  p.  weder 
petegewant  noch  matel  seh.  3  so  daz.  hutten  mer  g.  4  auz  tr. 
elleu.         3337,  2  und  eilen  ir  g.  w.  durch  stainzich.        3  vergoldet. 

4  turne  sam  da  ein  walt  mit  rosen  waer  getoldet.  3338,  3  sol  ist 
mir  ein  helleweicze.         4  haizzet  der  geicze.         3339,  1  den  nacht. 

2  die  bedouchte.  sahen.  3  sein  nicht.  4  so  mans  ie  lobleicher 
sach  so  mans  ie  minder  wart  da  j.  3340,  1  loutter.  netze  damit 
thasme  bevnngen.        2  was  voleich  zeiuer.        ringe  fehlt.        zu]  an. 

3  und  was  pas  dann  ein^  spanne  wol  an  der  w.  4  ab  turnen  und 
vö  änen  het  man  die  stat  ernert  vor  manigem.  3341,  2  wes  rämpt. 
gerne  fehlt.  3  leuget  vil  leichte  seh.  4  eins  Wortes  mer  den  leuten 
dan  ob  ich  die  chost  machet  reich'.  3342,  1  lug  leuget.  2  werde 
foul  m.  daz  liegen  chan  die  sele  gar  vercheren.  3  und  ewichleich  in 
wemde  not  versenchen.     4  ob  es.     nu  fehlt,     leip  gut.     3343,  1  siut. 


344  K.  J.  SCHRÖER 

2  dca  Stent  noch  offenbaere  paide  tag  und  nacht  und  Hecht  bes.     3  d' 
wazzer  griezz  gcstain  und  perge  von.      4  nu  fehlt,      tumbe  waz  ich. 
liegen.     3344,   1  sich  möchte,     gefügen.      2  golde  es  was  in  paz  vaile 
dann  daz  eysen.     3  ouf  dem.     4  zalten  zu  dem  swachen  die  in  selben 
lebent  ze.     3345,  1  Noch  1.  sum.     2  mit  aller,     nach]  vil.     choste  pfl. 

4  reichait  und  ubermüte  mit  der  werlte  vil  wunder.  3346,  1  Der  selben 
perge  die  gr.  habent  sich  und.  2  laut.  entsl.  ob  ross  viereu  waern 
ze  säne  gepuuden.  3  deu  fürt  ir  ainer  sampt  vil  wol  ze.  4  nu  laere 
vor  gr.  3347,  1  Anders,  vil  weiten  golt  gestaine.  2  under  weilen 
chnollen  grozz  und  chlaine.  3  Von  den  pergen  zerrent  vil  und  seh. 
4  furent  die  herüber  ze  K.  daz  si  nicht.  3348,  1  si  die  g.  2  vollen 
ninder  an  vihe  s.  r.  w.  3  ist  daz.  neste.  4  also,  und  mangel  mit 
gepreste.  3349,  2  oi  fehlt,  ungebrosten.  3  deu  lecz  der  B.  was  von. 
4  den  chan.      3350,  1  Daz.       daz  tr.       2  sint  also  t.  dort  sam  uns. 

3  der  helfant  und  der  esel  sunder  vare.  4  ein  tail  der  art  geleichet. 
dem  fehlt.  3351,  1  ander.  2  sie  an  halt  laegen.  3  an  fehlt.  4  so 
möchte  mir  deu  chele  wol  w.  3352,  1  wart  da  lout.  2  mit  süzzem 
hellen,  doz  gesundert.  3  als  ob.  4  auf.  damit  so.  3353,  2  sunder 
gar]  vil  bloz.  3  elleu.  4  warn  in  sundern.  den  wolt  y.  hie  not  sein 
chl.  3354,  1  wie  er  wart  mit  gewalte  ze  Alexandrie  besezzen. 

2  do  gahmuret  in  valte  und  au^  seit  des.  4  do  fehlt.  3355,  1  entf. 
in  waer  mit  g.  2  an  ander  not  vil  manige  un  ungezalte.  4  witige 
mit  der  Stangen.     3356,  1  euch  raten.     2  die  1.  wir  eu  gerne  darumb. 

3  deu  ere.      4  icht  vor  uns  sei  geschehende.      3357,  1  chreftichleichen. 

2  pei  meinem.  3  ir  hört  hämo  trat  der  p.  4  da  von  ist  tragende 
chron  zw.  h.  in.  3358,  1  unserm  ringe.  2  chan  1.  swie  manich  schar 
in  dringe.  3  da  von  auch.  4  ewer  chaine  nicht  harte.  3359^  1  swer 
sich.  2  des  ungepf.  swer  wol  deu.  3  der  müz  des  wol  empfinden 
an.  4  swer.  den  chan  mer  dan  halber  tail  verwischen.  3360,  1  elleu. 
2  auch  daz.  4  sunder.  all  da.  3361,  1  Als  ir  die  Marrochaise  vor. 
2  k.  mit  fraise.  er  pehüi  vor  in  man.  3  haime  doch.  3362,  2  ir 
icht  howet  —  verhowen.  3  fünf  die  w.  4  paiden  iene  die  ersten  und 
die  lösten.  3363,  1  Arbellitor  wis  tragende.  2  heute  ich  pin  dir 
sagende  kunige  fünf  dir  wartent  ob^wir  streiten.  4  nim  da  nicht  war 
der  pl.  3364,  1  dir  wol  benennet ^sint^^^e  von.  2  selbe  tue  der  Jer- 
maligunde.  3  Basulikant.  4  man  nu.  3365,  1  Rabylicalcze.  ir  funt 
gar  b.  2  erde  hat  von  dem.  der  fehlt,  und  fehlt,  schelhen.  2  mit 
hazze  vil.  4  soldes  reich  chnollen.  czarbundol.  4366,  1  Serpandirax 
von  p.  funfer  w.  2  der  nam.  als.  (3  deu  serpant  h.  deinen  reich 
eroset.  4  nam.  3367,  1  karigale.  edypreiz.  pricze.  2  nu]  auch, 
paidenthalben  warten  ienes  und  dicze.     3  ot  alle.     4  an  eren  an  gute. 


BRUCHSTÜCKE  DES  JÜNGEREN  TITUREL.  345 

3368,  1  stellet  nach.  2  Grozzap.  dir.  3  und  sigd'bunt  und  ossator 
von  lente.      4  seit  da  proiz  die  nemenden  auf  daz.       3369,  1  Trisol. 

2  Volchomen  an  dem.  und  alle  meine.  3  vor  von.  4  einander  sult 
ir  alle  hazzen  und  unminnen.     3370,  1  Serak  von  Serwadeise  du  pf. 

3  hört]  vil.  4  An  landen  reichen  chan  dir  in  hundert  reichen  nicht 
genozzen.  3371,  1  Dar  über  dreizzich  und  hundert  den  leihent. 

2  eines.  daz  ir  herren  eh.  n.  pf.  5  sein  nur.  und  uns  mit  armute 
alsus  bewellen.  3372,  2  nider]  vand'.  4  mit]  hat.  ze  dienste  sint 
durch  ubermüt  gespr.  3373,  1  und  ouch]  über.  solten.  2  der  zwo 
und.      sundert  sich  also  ir  müsten.      3  die  uns  gotl.  helfe,  chunden. 

4  als  der  ubermute.  3374,  1  von  arte,  gerbet.  2  di  fehlt.  4  die  alle 
chron  sint  tragende  in  sunder  landen  wol  mit  chuniges  ziere.  3375,  1 
Karratschen  die  reichait  starchen,  die  sint  got  hie  tragende,  in  goldes 
reichen  archen.  der  soltu  nemen  war  bin  ich  dir  sagende.  3  gib  ich 
helfe.  4  chunichreichen  der  fürsten  vil  die  chunigen  sint  genozze. 
3376^  1  mus.     swen.     sein.     2  anders  waeren  sie  uns  helfe.     3  vor. 

4  der  sikch.     genaiget.     3377,  2  dient  uns.     daz  selbe  tuet  senaar. 

3  mesopor  samar  und  sabricene.  3378,  1  Den  wart.  2  der  daz  velt 
bedachet  meile  prait  was  er  da  von  g.        3  gewelbet  und  gewelbet. 

4  mit  ziglade  pla  al  uberal  gelbet.  3379,  1  sen  reich'  zierde  h. 
gr5zzer.  3  hohe.  4  ir  turne  höh.  da  nicht.  3380,  2  nicht  wer- 
hefte.  veste  fehlt.  3  ez]  deu.  es  foulen.  4  von  seiner.  3381,  2  ob 
lernen.  4  die  sunne  uberglestet  und  ougen  traben  daz.  3382,  1  ge- 
luget. 2  als  der  hoch  fürste  hiraelwaere.  3  sein  chraft  es  da  mit 
starchen  winden.       4  er  von  d.  g.  fluges  fürte.       3383,  1  vil  sanft. 

2  zergiese.  der  böte  daz  da  stünt  auf  redere.  3  deu  nu  hie  den 
karratschen  under.     4  grözzen.     si  ze  goten  muet  dar  under  viengen. 

3384,  2  und]  oder.       ist  des  zeite.       3  sprachen  si  si  sint.       4  ist. 

3385,  3  unz  daz  paidenthalb  sich  verdaechten.        4  Die  von  babylone 
dise.     smaehten.     3386,  2  so  fehlt.     3  als  man  ze  streite.     4  nicht  mer 
noch  nicht  min^  so  wirt.       gepfendet.       3387,  1  Von  B.  disem.       hie] 
do.     2  daz  fehlt,     ein  fehlt.     3  gahmuret.     mich  sein  h.     4  Anevane 
in  Sturme  da  mit  seit  ir  vil  grozze  gäbe  mir  g.     3388^  1  Mara  sprach, 
aufgemezzen.     4  Heut  alsam  mit  stunge.     3389^  1  uncz  daz.     3  ob  ich 
den  leip  da  fl.     3390,  2  gerunge  der  ich  pin  vor  aller  girde  gcrnde. 
3391,  1  Meinen  lieben  chinden  wol  —  unchunden.  2  wil  ich  nicht 
pinden.          3  sein  also  daz.         4  der  volge.  ja  ist  ze  groz  von  heres 
flÄte.      3392,  1  dir  ainem.  2  vil  suezer  daz  raeche  d.  gird.      4  sul. 
hurtichleich  vol  drucken.     3393,  2  mit  etleich  schließt  Bl.  2. 

WIEN,  April  1871.  K.  J.  SCHRÖER. 


346  LITTERATUR. 


LITTERATÜR. 


Kluge,  Hermann,  Geschichte  der  deutschen  National-Literatur. 
Zum  Gebrauche  an  höheren  Unterrichtsanstalten  bearbeitet.  Zweite,  ver- 
besserte Auflage.  Altenburg,  1870.  Oskar  Bonde.  VKI,  168  S.  gr.  8. 
Noch  ehe  ich  dazu  gelangte,  dieses  treflfliche  Buch  theils  um  es  zu 
empfehlen,  theils  um  ihm  durch  meine  Ausstellungen,  Correcturen  und  Nach- 
träge zu  nützen,  in  der  Germania  anzuzeigen,  erschien  schon  nach  Ablauf 
eines  halben  Jahres  eine  zweite  Auflage*),  die,  wie  sich  mir  nach  kurzer 
Vergleichuug  ergeben,  mit  Recht  eine  verbesserte  genannt  werden  darf.  Dieser 
seltene  äußere  Erfolg  beweist,  daß  der  Verfasser,  ganz  abgesehen  von  seiner 
Leistung  im  Einzelnen,  mit  seinem  Buche,  welches  nach  Tendenz  und  An- 
lage sich  nicht  unwesentlich  von  ähnlichen  Werken  unterscheidet,  einen  guten 
Grifi"  gethan  hat  und  einem  Unterrichtsbedürfnisse  entgegengekommen  ist. 
Er  als  Lehrer  des  Deutschen  an  einem  Gymnasium  hatte  am  ehesten  Gelegen- 
heit, sich  von  dem  Werthe  oder  Unwerthe  der  zahlreichen  für  den  Schul- 
gebrauch bestimmten  Litteraturgeschichten  zu  überzeugen.  Es  ist  rein  unmöglich, 
daß  ein  solcher  Grundriß  oder  Leitfaden  allen  Anforderungen  genüge.  Der 
eine  Verfasser  sucht  den  Schwerpunkt  eines  Lehrbuches  hier,  der  andere  wo 
anders,  und  so  wird  auch  die  Beurtheilung  von  Seite  des  praktischen 
Schulmanns  verschiedenartig  ausfallen.  Kluge  erwähnt  in  seinem  Vorworte 
mehrere  der  bekanntesten  und  verbreitetsten  Schulbücher  dieser  Richtung, 
und  findet  an  ihnen,  wenn  er  auch  ihre  Vorzüge  anerkennt,  durchgängig 
das  zu  tadeln,  daß  sie  zu  viel  Material  bieten,  mit  dem  der  Schüler  nichts 
anzufangen  weiß,  und  das  der  Lehrer  im  Unterricht  nicht  verwerthen  kann. 
Darum  entschloß  sich  Kluge,  auf  eine  zwölfjährige  Erfahrung  gestützt,  ein 
Lehrbuch  zu  schreiben,  das,  auf  Vollständigkeit  Verzicht  leistend,  sich  vor 
allem  auf  die  Bedürfnisse  der  Schule  beschränkt.  Dasselbe  will  zunächst  dem 
Schüler  dazu  verhelfen,  daß  er  im  Allgemeinen  den  Entwickelungsgang  über- 
schaue, den  die  deutsche  Litteratur  genommen  habe.  Vor  allem  aber  hat  er 
sich  die  Aufgabe  gestellt,  die  Jugend  mit  den  classischen  Werken  unseres 
Volkes  vertraut  zu  machen.  Es  fehlen  daher  in  diesem  Buche  Hunderte 
von  Namen,  die  in  andern  Werken  stehen,  dafür  aber  werden  die  bedeuten- 
deren Erscheinungen  aus  den  beiden  Blüthenperioden  unserer  deutschen  Litteratur 
um  so  eingehender  besprochen.  In  der  älteren  Zeit  verweilt  dasselbe  am 
längsten  beim  Nibelungenliede,  Gudrun,  Parzival,  Walther  von  der  Vogelweide; 
in  der  neueren  bei  Klopstock,  Wieland,  Lessing,  Herder,  Göthe,  Schiller. 
Hinsichtlich  der  Litteratur  der  Gegenwart  hat  sich  der  Verfasser  große 
Beschränkung  auferlegt,  nur  die  hervorragendsten  Erscheinungen  wollte  er 
nicht    übergehen. 

Durch    solche    Anlage    ist    es    dem   Verfasser    möglich    geworden,    seinem 
Buche  auch   einen  darstellenden  Charakter  zu  geben  und  zugleich  die  geschieht- 


*)  Nachträglich  (October  1871):  jetzt  liegt  schon  eine  dritte  vor. 


LITTERATUR.  347 

liehen  Thatsachen  mit  Urtbeileu  zu  begleiten,  welche  erst  auf  das  Bild, 
welches  von  unserer  Litteratur  entworfen  wird,  Licht  und  Schatten  fallen 
lassen  und  es  hiedurch  erst  recht  wirksam  machen.  Auf  diese  Weise  ist 
das    Buch    zugleich    für    das    Privatstudiuni    geeignet. 

Wenn  über  das  Princip  dieser  Litteiaturgeschichte  von  Kluge  nur  Päda- 
gogen und  erfahrene  Schulmänner  endgültig  entscheiden  können,  so  muß  ich 
in  dieser  Beziehung  mich  des  Urtheils  enthalten.  Des  Verfassers  pädagogische 
Ansicht  aber  als  richtig  angenommen,  kann  ich  aus  voller  Überzeugung  mich 
dahin  erklären,  daß  er  das  Princip  der  Beschränkung  und  der  Auszeichnung 
des    Bedeutenden    in    lobenswerthester    Weise    durchgeführt    hat. 

Der  Zweck  des  Buches  von  Kluge  ist  ein  populärer,  und  darum  würde 
seine  Besprechung,  wenn  man  pedantisch  sein  wollte,  nicht  in  die  Germania 
gehören.  Die  Arbeit  in  ihm  aber  ruht  auf  wissenschaftlicher  Grundlage,  und 
darum  liegt  es  den  Fachmännern  ob,  die  Leistung  zu  prüfen  und  so  viel  sie 
es  vermögen  mit  der  Aufdeckung  von  Fehlern  und  mit  Äußerungen  von  Wün- 
schen zur  Verbesserung  einer  solchen  Schrift  beizutragen.  Gerade  diese  Lehr- 
bücher, die  so  überaus  wichtig  sind  und  die  ebenso  sehr  schaden,  wenn 
sie  Schlechtes,  als  sie  nützen,  wenn  sie  Gutes  bieten,  sind  beständigor  Ver- 
besserung   fähig. 

Nur  dieser  Gesichtspunkt  ist  es,  der  mich  bei  einer  eingehenden  Be- 
trachtung dieser  nicht  umfangreichen  Schrift  leitet.  Außer  dem  Inhalte  selbst, 
der  Anordnung,  der  Darstellung  und  dem  Urtheile  sind  es  besonders  auch 
die  Anmerkungen,  die  litterarischen  und  bibliographischen  Verweise,  welche 
von  uns  ins  Auge  zu  fassen  sind.  Getreu  seinem  Principe  befleißigt  sich 
der  Verfasser  auch  hier  einer  weisen  Beschränkung  und  Sparsamkeit.  Aber 
wenn  wir  dieß  auch  anerkennen,  so  werden  wir  doch  hie  und  da  manches 
vermissen,  andererseits  auch  manches  angeführt  finden,  was  entbehrt  werden 
kann.  Und  schließlich  werden  wir  unter  dem  nothwendig  Genannten  auch 
manchmal  auf  unrichtige  Angaben  stoßen,  die  zu  corrigieren  wir  verpflichtet 
sind.  Öfters  wird  sich  uns  auch  Gelegenheit  bieten,  Nachträge  aus  der 
gelehrten    Litteratur    der    allerneuesten    Zeit    zu    geben. 

Zu  §.  1  „Begriff  der  deutschen  Literaturgeschichte"  sind  in  einer  An- 
merkung genannt  „die  bedeutendsten  Werke,  welche  die  deutsche  Literatur- 
geschichte von  der  ältesten  bis  auf  die  neueste  Zeit  behandeln."  Hier  würde 
ich  nach  „bedeutendsten"  noch  hinzusetzen  „und  brauchbarsten".  Denn  es 
sind  verschiedene  Werke  genannt,  die  keineswegs  bedeutend  zu  nennen  sind, 
da  sie  aller  eigenen  Forschung  baar,  nur  in  der  Darstellung  ihre  Stärke 
haben.  Dahin  gehört  namentlich  die  Litteraturgeschichte  von  Roquette.  Das 
treffliche  Buch  von  Cholevius  würde  nicht  unter  die  anderen  Litteraturgeschichten 
einzureihen,  sondern  am  Schlüsse  nach  einem  —  zu  nennen  sein,  weil  es  die 
deutsche  Litteratur  in  monographischer  Weise  nur  von  einem  Gesichtspunkte 
aus    behandelt. 

Die  folgenden  Paragraphen  verbreiten  sich  über  den  „Indogermanischen 
Sprachstamm"  und  die  „Dialecte  des  germanischeu  Sprachstamms"  in  ganz 
angemessener  Weise.  Dagegen  ist  zu  §.  4  „Das  Hochdeutsche.  Die  Laut- 
verschiebung" eine  Erinnerung  zu  machen.  Vom  Mittelhochdeutschen  wird 
gesagt,  seinen  Kern  bilde  die  schwäbische  Mundart.  Das  ist  eine  antiquierte 
Ansicht.     Das    Mittelhochdeutsche    gründet    sich     auf    keine    einzelne    Mundart 


348  LITTERATUR. 

aber  die  Mundarten  haben  alle  in  dieser  allgemeinen  Sprache  einen  freieren 
Spielraum,  als  es  den  heutigen  im  Gegensatz  zu  unserem  Schriftdeutsch 
gestattet  ist.  Zu  vergleichen  ist  hier  der  Aufsatz  von  Franz  Pfeiffer  über 
die  mittelhochdeutsche  Hofsprache,  ursprünglich  in  den  Wiener  Sitzungs- 
berichten 1861,  jetzt  auch  aufgenommen  in  „Freie  Forschung.  Kleine  Schriften 
zur  Geschichte  der  deutschen  Litteratur  und  Sprache  von  Franz  Pfeiffer" 
(Wien  1867)  S.  308.  Eine  neue  noch  zu  prüfende,  aber  schwerlich  richtige 
Ansicht  stellte  Holtzmann  in  seinem  letzten,  kurz  vor  seinem  Tode  erschienenen 
Werke,  in  seiner  altdeutschen  Grammatik  (Leipzig  1870),  S.  340  auf.  Nach 
ihm  ist  das  Mittelhochdeutsche  im  wesentlichen  fränkisch.  In  der  Anmei'kung 
Kluge's  ist  das  mittelhochdeutsche  Wörterbuch  von  Müller  und  Zarncke  ge- 
nannt; in  der  nächsten  Auflage  würde  auch  das  von  Lexer  um  so  mehr 
anzuführen    sein,    als    es    gerade    für    weitere    Kreise    berechnet    ist. 

Weiterhin  sagt  in  demselben  Paragraphen  der  Verfasser,  dem  Neuhoch- 
deutschen liege  die  obersächsisehe  Mundart  zu  Grunde.  Das  ist  nur  zum 
Theil  wahr;  das  Neuhochdeutsche  schließt  auch  viele  österreichische  und  selbst 
niederdeutsche  Elemente  in  sich.  In  der  Anmerkung  ist  das  deutsche  Wörter- 
buch genannt;  da  dieses  aber  noch  nicht  vollendet  vorliegt,  würde  es  viel- 
leicht nicht  unangemessen  sein,  wenn  noch  ein  anderes  fertiges  Werk  nam- 
haft   gemacht    würde,    am    besten    das    Weigand'sche. 

Die  erste  Periode,  „von  der  ältesten  Zeit  bis  auf  Karl  den  Großen", 
wird  in  vier  Paragraphen  besprochen.  §.  7  handelt  von  der  Bibelübersetzung 
des  Ulfilas.  Hier  ist  zu  bemerken,  daß  es  nicht  heißen  kann:  „Eine  dritte 
ist  die  Mailänder  Handschrift",  denn  es  ist  nicht  eine  einzige  Handschrift, 
sondern  es  sind  Handschriftenfragmente.  Diese  sind  nicht  von  Angelo  Mai 
und  dem  Grafen  Castiglioni  gefunden,  sondern  nur  vom  ersteren,  von  beiden 
sind  sie  ediert.  Außer  den  Bruchstücken  aus  den  Paulinischen  Briefen  und 
aus  Esra  und  Nehemia  enthalten  diese  Fragmente  auch  Stücke  aus  dem 
Matthäus.  In  Anmerkung  4  (S.  8)  zu  diesem  Paragraphen,  wo  auf  die  Schriften 
von  Grimm  und  Zacher  über  die  Üunen  hingewiesen  wird,  wäre  wohl  auch 
die  Abhandlung  Müllenhoffs  und  von  Liliencron's  (Allg.  Monatschrift,  Halle 
1852)  zu  nennen.  In  den  bibliographischen  Citaten  der  Ausgaben  ist  un- 
richtig bemerkt,  „die  Uppströmische  Ausgabe  des  Ulfilas  erschien  1854". 
Uppström  hat  verschiedene  Ausgaben  geliefert,  und  die  vom  Jahre  1854  ist 
keine  Ausgabe  des  Ulfilas,  unter  welchem  Ausdruck  man  doch  den  ganzen 
Ulfilas  (so  weit  wir  ihn  haben)  verstehen  muß,  sondern  nur  eine  Ausgabe 
des    Codex    argenteus. 

Im  §.  9  „Hildebrandslied.  Alliteration"  wird  uns  zuerst  ein  althoch- 
deutsches Sprach-  und  Litteraturdenkmal  genannt.  Hier  wäre  in  der  Anmer- 
kung gleich  auf  die  wichtige  Sammlung  von  Müllenhoff  und  Seherer  auf- 
merksam zu  machen.  Die  Ausgabe  des  Hildebrandsliedes  von  Feußner  könnte 
getrost  gestrichen  werden.  Von  Grein's  Ausgabe  (1858)  kann  man  nicht 
sagen,  daß  sie  die  neueste  und  beste  sei.  Die  beste  nicht,  weil  gerade  bei 
diesem  Denkmal,  dessen  Einzelheiten  so  verschieden  gefaßt  werden,  ein  sol- 
ches Prädicat  schwerlich  ertheilt  werden  kann,  und  die  neueste  nicht,  weil 
der  Text,  wenn  auch  nicht  in  selbständiger  Weise  ediert,  später  auch  noch 
von  Rieger  gegeben  wurde,  zugleich  mit  trefflichen  Bemerkungen,  in  Pfeiffers 
Germania  9   (1864),   S.  318.    In  der  kurzgefaßten  Darstellung  über  das  Hilde- 


LITTERATUß.  349 

brandslied  ist  auch  Caspar  von  der  Ron  genannt;  da  hätte  auch  das  jüngere 
Jlildebi-uudslied  aus  dem  16.  Jahrhundert  eine  Erwähnung  verdient.  Caspar 
von   der  Kön  ist  aber  kein  Dichter  (s.   unten). 

In  demselben  Paragraphen  wird  in  einer  Anmerkung  auch  der  Merse- 
burger Zaubersprüche  gedacht.  Es  heißt  da:  es  werden  in  ihnen  alte  heid- 
nische Götter  angerufen.  Augerufen  ist  nicht  das  rechte  Wort.  Auch  werden 
heidnische  Götter  nur  im  zweiten  Spruche  mit  Namen  genannt,  denn  die 
Idisi  des  ersten  können  doch  nicht  als  Götter  gelten.  Die  Ausgabe  von 
Feußner  kann  wiederum  gestrichen  werden,  dafür  wäre  es  passend,  wenn 
die  Anführung  der  Grimm'schen  Ausgabe  vom  Jahre  1 842  noch  den  Zusatz 
erhielte:  auch  in  den  kleineren  Schriften  2,  1  (186,5).  Da  die  Müllenhoff- 
Scherer'sche  Sammlung  so  überaus  wichtig  ist,  auch  andere  Specialeditionen 
überflüssig  macht,  so  würde  es  gerade  für  eine  solche  populäre  Litteratur- 
geschichte  von  Voi'theil  sein,  werm  überhaupt  bei  den  kleineren  Denkmalen 
der  althochdeutschen  Zeit  einfach  auf  die  Nr.  bei  M. — Seh.  verwiesen  würde. 
Dadurch  wird  Platz  gespart  und  der  Leser  auf  ein  leicht  zugängliches  Buch 
hingewiesen.  Neben  diesen  alliterierenden  Sprüchen  sind  auch  genannt  der 
Ueisesegen ,  von  Kai-ajan  entdeckt  (soll  heißen:  Hunde-  oder  Hirtensegen) 
und  der  von  Pfeiifcr  edierte  Bienensegen.  Entweder  muß  diese  Bemerkung 
hier,  wo  es  sich  um  alliterierende  Dichtungen  handelt,  ganz  wegfallen,  oder 
es  ist  anzudeuten,  daß  diese  zwei  Segen,  obwohl  inhaltlich  aus  demselben 
poetischen  Bedürfnisse  erwachsen,  jünger  sind,  statt  heidnischer  christliche 
Anschauung  verrathen  und  zum  Theil  schon   den  Endreim  aufweisen. 

Die  „zweite  Periode  von  Karl  dem  Großen  bis  in  die  Mitte  des  12.  Jahr- 
hunderts" wird  durch  einen  einleitenden  Paragraphen  (10)  über  die  „Karolin- 
gische Zeit"  eröftnct.  S.  11  „Christliche  Poesie  des  9.  Jahrhunderts"  nennt: 
1.  Das  Wessobrunner  Gebet,  2.  Muspilli,  3.  Heliand,  4.  Der  Krist.  5.  Das 
Ludwigslied.  Würde  hier  nicht  der  Heliand  zuerst  zu  nennen  sein?  Kluge's 
Bemerkung,  daß  im  Wessobrunner  Gebet  wie  die  Form  der  Alliteration  so  auch 
die  Auffassung  und  Schilderung  des  Ganzen  das  Gepräge  der  altheidnischen  Poesie 
trage,  wird  sich  keiner  Zustimmung  erfreuen.  Für  die  nächste  Auflage  ist  der 
höchst  geistvolle  imd  anregende  Aufsatz  von  Wackei'nagel  in  der  Zeitschrift 
f.  deutsche  Philologie  1  (1869),  S.  291  nicht  zu  übersehen.  —  Von  Muspilli 
ist  gesagt,  es  vermischten  sich  auch  hier  altheidnische  Vorstellungen  mit  christ- 
lichen. Das  ist  nach  der  Schrift  von  Zarncke,  auf  die  Kluge  auch  verweist, 
wenn  auch  nicht  bibliographisch  genau  und  genügend,  sowie  nach  Müllenhoff's 
Ausführungen  nicht  mehr  anzunehmen,  und  darf  also  auch  nicht  mehr  aus  den 
älteren  Litteraturgeschichten  in  ein  populäres  Lehrbuch  herübergenommen  wer- 
den. —  Vom  Heliand  kann  man  nicht  mehr  sagen,  daß  sein  Verfasser  ungelehrt 
gewesen  sei,  seitdem  sich  herausstellte,  daß  er  außer  der  lat.  Evaugelienharmonie 
auch  noch  eine  Reihe  Kirchenväter  benutzte.  Eben  darum  ist  es  auch  nicht 
zutrofl'cnd,  wenn  es  unter  4  heißt,  der  Heliand  folge  dem  einfachen  Berichte  der 
Evangelien.  —  Das  Biographische  über  Otfried  möge  Kluge  mit  der  Einleitung 
Kelle's  vergleichen,  und  er  wird  finden,  daß  er  in  seinen  Angaben  manches  zu 
ändern  hat.  —  Wird  das  Ludv/igslied  auch  zu  den  Leichen  gerechnet,  so  kann 
man   doch   nicht   sagen,   daß   in   ihm   die  strophische   Gliederung   fehle. 

§.12   bespricht  die    „lateinische  Poesie  der  Geistlichen  von   900 — 1150". 
Bei  der  Inhaltsangabe  des  Walther  von  Aquitanien   hat  den  Verfasser  das  Streben 

(JEKMANIA.   Neup   |{(>ilip   IV.   (XVI.)  .)alii;;.  24 


350  LTTTERATUR. 

nach  Kürzü  verleitet,  ungenau  zu  sein.  „Hier  werden  sie  (W.  und  Hildegunde) 
von  dem  nach  jenen  Sehätzen  lüsternen  Günther  und  Hagen  überfallen."  Der 
lüsterne  ist  nur  Günther,  nicht  Hagen.  „In  blutigen  Kämpfen  beweisen  die 
Helden  ihre  Tapferkeit,  bis  sie  endlich  alle  verwundet  und  verstümmelt  Frieden 
schließen."  Danach  sollte  mau  meinen,  es  wäre  keiner  der  Kämpfer  gefallen. 
Die  ganze  Inhaltsangabe  ist  umzuändern,  und  es  schadet  nicht,  wenn  sie  bei 
diesem  wichtigen  und  anziehenden  Gedichte  etwas  breiter  und  ausführlicher 
gehalten  wird.  In  der  Anmerkung  ist  noch  Platz,  um  noch  andere,  selbständig 
erschienene  und  darum  zugänglichere  Übersetzungen  als  die  in  Scheflfers  Buche 
(besser  'Romane )  Eckehard  anzuführen.  —  Zu  Ruodlieb'  fehlt  die  biblio- 
graphische Verweisung.  —  Bei  dem  lateinischen  Nibelungenlied  sollte  gesagt 
sein,  daß  die  Nachi-icht  von  der  Existenz  eines  solchen  auf  eine  Stelle  in  der 
Klage  zurückgeht.  —  Vortheilhaft  würde  es  sein,  da  die  Seite  überdieß  noch 
Raum  gewährt,  wenn  in  den  Worten  über  die  lateinisch  behandelte  Thiersage 
auch  noch  einige  gelehrte  Nachweise  gegeben  würden.  Jacob  Grimms  Bemühungen 
sollten  hier  nicht  mit  Stillschweigen  übergangen  werden.  Zu  §.  14,  6  fiele  dann 
die  Anmerkung  weg.  —  Von  Roswithas  Werken  wird  gesagt,  neue  Untersuchungen 
hätten  ihre  Echtheit  in  Frage  gestellt,  imd  es  als  wahrscheinlich  erscheinen 
lassen,  daß  sie  von  dem  gelehrten  Humanisten  Conrad  Celtes  um  das  Jahr  1500 
verfaßt  worden  seien.  Dazu  in  der  Anmerkung  der  Verweis  auf  Aschbach's  Ab- 
handlung. Diese  neuen  Untersuchungen  haben  keineswegs  die  Autorschaft  des 
Celtes  erwiesen,  im  Gegentheil  ist  alle  Welt  darüber  einig,  daCs  Aschbach  in 
unverantwortlicher  Dilettantenweise  die  Frage  aufgeworfen  und  beantwortet, 
und  sich  dadurch  schließlich  in  höchstem  Maße  compromittiert  und  blamiert  hat. 
In  die  Anmerkung  gehört  nun  künftig  auch  Köpke's  Werk:  .. Hrotsvit  von 
Gandersheim"  (2.  Th.  seiner  Ottonischen  Studien.  Berlin  1869).*)  —  In  einer 
Anmerkung  ist  der  Prosadenkmäler  gedacht.  Hier  hätte  der  Zweck  der  Glossen 
und  Übersetzungen  angedeutet  werden  sollen.  Die  Ordnung  wäre  besser:  Glossen, 
Interlinearversionen,  eigentliche  Übersetzungen.  Notker  Labeo  ist  nur  als  Über- 
setzer der  Psalmen  genannt.  Die  hervorragende  Thätigkeit  dieses  gelehrten 
Mannes,  des  bedeutendsten  Namens  auf  dem  Gebiete  der  ahd.  Prosalitteratur, 
muß  nothwendig  in  helleres  Licht  gestellt  werden,  sobald  er  überhaupt  ge- 
nannt wird. 

Die  „dritte  Periode:  Erste  Blüthezeit  unserer  deutschen  Litteratur,  1150 
bis  1300"  eröffnet  der  Verfasser  mit  folgenden  Worten:  „Nach  250jährigem 
Winterschlafe  beginnt  seit  der  Mitte  des  12.  Jahrhunderts  eine  großartige, 
gegen  den  Verfall  der  Poesie  in  den  vorhergehenden  Jahrhunderten  wunderbar 
erscheinende  Blüthe  des  deutschen  Gesanges. "  Mit  diesem  Satze  kann  man  weder 
in  sachlicher  noch  in  stilistischer  Beziehung  einverstanden  sein.  Wenn  in  den 
vorhergehenden  Jahrhunderten  die  Poesie  in  Verfall  war,  so  hat  es  doch  eine 
Poesie  gegeben,  also  kann  man  nicht  von  250jährigem  Winterschlafe  reden. 
Es  ist  eine  alte  Tradition  aus  den  Litteraturgeschichten,  daß  die  Poesie  einen 
langen  „Winterschlaf"  gehalten  habe.  Das  mag  eine  Zeit  lang  wahr  gewesen 
sein,  weil  man  es  nicht  besser  wußte.  Unsere  Kenntnisse  sind  aber  erweitert, 
darum  muß  die  Darstellung  sich  ändern.   Nur  im   10.  Jahrhundert,   so   weit  wir 


*)  In  der  3.  Auflage  anders  gewendet  und  der  Zusatz,  daß  Aschbach's  Annahme 
von  Köpke  glänzend  widerlegt  worden  sei. 


LITTERATUR.  351 

dieß  biß  jetzt  zu  beurtheilen  vermögen,  schweigt  die  deutsche  Poesie  und  an 
ihre  Statt  tritt  jene  lateinische  Kloster-  und  Hofdichtung,  die,  wenn  auch  in 
fremdem  Gewände  auftretend,  docli  ihrem  Wesen  nach  deutsch  ist.  Aus  dem 
11.  Jahrhundert  aber  liaben  wir  eine  ganze  Reihe  Denkmäler  deutscher  Sprache, 
und  wenn  diese  auch  keineswegs  von  hohem  jioetischen  Werthe  sind  und  sie 
darum  in  einem  Buche  wie  das  vorliegende  nicht  weiter  hervorgehoben  zu  wer- 
den brauchen,  so  darf  doch  ihre  Existenz  niclit  verschwiegen  oder  gar  ge- 
leugnet werden.  Nothwendig  muß  sie  der  Verfasser,  und  wäre  es  auch  nur  in 
einer  Anmerkung,  berücksichtigen,  wenn  er  nicht  ein  durchaus  falsches  Bild 
von  der  Entwickelung  der  altdeutschen  Poesie  entwerfen  will.  Wenn  nun  eine 
Poesie  in  der  vorhergehenden  Zeit  vorhanden  war,  so  kann  man  sie  nicht  im 
Verfall  begriffen  darstellen ;  das  kann  nur  sein,  wenn  erst  eine  Erhebung  voraus- 
gegangen ist. 

In  der  Anmerkung  sind  Gödeke's  deutsche  Dichtung  im  Mittelalter  und 
Barthel's  classische  Periode  der  deutschen  Nationallitteratur  im  Mittelalter  ge- 
nannt. Hier  würde,  da  vorher  nur  die  Litteraturgeschichten  namhaft  gemacht 
sind,  welche  von  der  ältesten  Zeit  bis  auf  die  neueste  reichen,  auch  Uhland's 
Litteraturgeschichte,  seine  Vorlesungen  über  die  Geschichte  der  deutschen  Poesie 
im  Mittelalter  (Uhland's  Schriften  1.  und  2.  Bd.  Stuttgart  1865.  1866)  passend 
zu   nennen   sein. 

Kluge  spricht  in  dem  ersten  (13.)  Paragraphen  dieses  Abschnittes  über 
die  „Umgestaltung  der  deutschen  Dichtung",  berührt  die  Gründe  des  Auf- 
schwungs und  gedenkt  auch  der  Form  der  höfisch  ritterlichen  Poesie.  Hier 
war  auch  zu  sagen,  daß,  wenn  auch  die  Form  der  Reimpaare  vorwog,  die 
Strophe  nicht  ganz  ausgeschlossen  war,  und  daß  die  Reimpaare  auch  für  die 
dichterische  Darstellung  einheimischer  Stoffe  benutzt  wurden.  Es  heißt  da  über 
die  Form:  „Die  Eintönigkeit  dieses  einfachen  Metrums  (der  Reimpaare)  wird 
dadurch  vermindert,  daß  der  Sinn  häufig  mit  dem  ersten  Reime  des  Reimpaares 
schließt  und  Hebungen  mit  Senkungen  sehr  häufig  abwechseln."  Der  erste  Satz 
ist  richtig,  in  Klammer  könnte  dazu  gesetzt  werden  der  technische  Ausdruck: 
Reimbrechung,  der  zweite  aber  ist  mindestens  unklar.  Wenn  Hebungen  mit 
Senkungen  sehr  häufig  abwechseln,  so  würde  dieß  ja  die  Eintönigkeit  nicht 
vermindern,  sondern  vermehren.  Es  muß  gesagt  sein,  daß  auf  den  Hebungen 
das  Princip  der  alten  Verskunst  beruht,  wodurch,  da  die  Senkungen  auch  fehlen 
können,  die  in  der  modernen  Poesie  herrschende  eintönige  regelmäßige  Ab- 
wechslung von  Hebung  und  Senkung  vermieden  wird.  Die  Eintönigkeit  wird 
auch  dadurch  vermindert,  daß  der  Vers  nicht  an  ^inen  Rhythmus  gebunden 
ist,  sondern  mit  und  ohne  Auftact  beginnen  kann.  —  W^as  über  die  Sprache 
gesagt  ist,  will  nicht  mehr  recht  passen;  es  läßt  sich  hier  leicht  eine  andere 
Wendung    finden. 

Im  §.  14  werden  unter  die  „Anfänge  der  neu  aufblühenden  Dichtung 
1150 — 1180"  Wernher's  Lobgedicht,  das  Annolied,  die  Kaiserchronik,  Lam- 
precht's  Alexanderlied,  das  Rolandslied  und  Heinrich's  Reinhart  Fuchs  genannt. 
Die  Zeit  1150  ist  doch  für  verschiedene  dieser  Dichtungen  zu  spät  angesetzt. 
Wenn  aber  ein  Gedicht  verdient  hier  genamat  und  besprochen  zu  werden,  so 
ist  es  der  König  Rother,  den  Kluge  nur  in  einer  Anmerkung  erwähnt.  Dafür 
könnten  die  Inhaltsangaben  der  andern  Gedichte  knapper  gefaßt  werden.  — 
Von    der  Kaiserchronik  wird    gesagt,     daß  in  ihr  noch    mehi-  als  im    Annoliede 

24- 


352  LITTERATUR. 

eine  bunte  Menge  von  Geschichten  eingefügt  sei;  daraus  muß  man  schließen, 
daß  Kaiserchionik  und  Annolied  ganz  ähnlich  weitschichtig  angelegte  Werke 
seien,  während  das  Annolied  doch  einen  ganz  andern  Charakter  trägt.  Die 
Frage,  ob  das  Annolied  aus  der  Kaiserchronik  geschöpft,  oder  diese  jenes  auf- 
genommen habe,  ist  vom  Verfasser  nicht  berührt  worden,  was  mit  einem  Satze 
geschehen  kann. 

Bei  Erwähnung  des  Nibelungenstreites  (S.  25  fg.)  wäre  praktisch  auf  die 
von  Zarucke  in  der  Einleitung  zu  seiner  Ausgabe  gelieferte  vollständige  Biblio- 
graphie zu  verweisen ,  so  daß  dann  in  den  Anmeikungen  manches  gestrichen 
werden  kann.  Nachdem  der  Verfasser  die  verschiedenen  Theorien  erwähnt  und 
die  Ausgaben  von  Holtzmann  und  Zarncke  genannt  hat,  kann  es  nicht  heißen: 
„worauf  dann  1866  die  Ausgabe  mit  Erklärungen  von  Karl  Bartsch  folgte"  *). 
Diese  Ausgabe  legt  eine  andeie  Handschrift,  nämlich  B  zu  Grunde,  im  Einklang 
mit  einer  neu  aufgestellten  Theorie,  die  Kluge  unbedingt  berücksichtigen  und 
ebenso  wie  die  vorhergehenden  kurz  charakterisieren  muß.  Bartsch's  Unter- 
suchungen sind  dann  später  in  der  Anmerkung  genannt,  weil  Bartsch  mit 
Pfeiffer  in  der  Annahme  des  Kürenbei-ger's  als  des  Verfassers  des  Nibelungen- 
liedes übereinstimmt.  Diese  Verfasserschaft  ist  in  Bartsch's  Darlegung  gar 
nicht  der  Hauptpunkt,  sondern  ein  Moment  zweiten  Ranges.  Die  Hauptsache 
ist  bei  ihm  der  Nachweis  einer  älteren  gemeinsamen  Vorlage  von  Nibelungen- 
noth  und  Nibelungenlied,  wodurch  die  Annahme  einer  Mittelstufe,  des  soge- 
nannten gemeinen  Textes,  ganz  wegfällt.  Künftig  ist  auch  die  kritische  Ausgabe 
der  Nibelungennoth  von  Bartsch  (Leipzig  1870)  zu  erwähnen.  —  Die  Hypo- 
thesen von  Moslcr  und  Gärtner  sind  so  haltlos,  daß  anzurathen  ist,  von  ihnen 
in  der  nächsten  Auflage  gar  nicht  zu  reden. 

In  der  im  Allgemeinen  richtigen  Schilderung  der  Nibelungenstrophe  (S.  27) 
habe  ich  nur  das  eine  nicht  ganz  zutreffend  gefunden,  daß  gesagt  ist:  „Die 
erste  Hälfte  hat  in  jeder  der  vier  Zeilen  drei  Hebungen  mit  klingenlem  (weib- 
lichem) Schluße."  Hier  muß  es  heiC^en  mit  „scheinbar"  klingendem  Schluße, 
wie  aus  den  selteneren  Zeilen  mit  vier  Hebungen  und  stumpfem  Schluße  ge- 
folgert werden  kann. 

An  die  Gudrun  (§.  16)  schließt  der  Verfasser  die  andern  weniger  be- 
deutenden Heldengedichte  an.  Hier  fehlt  jeglicher  littcrarischer  Nachweis,  so 
daß  der  Leser,  der  sich  etwas  genauer  mit  diesen  Dichtungen  beschäftigen 
will,   ohne  Rath   bleibt. 

Paragraph  18  betrachtet  „die  vier  größten  Dichter  des  höfischen  Epos". 
Eigentlich  gibt  es  nur  drei  Größen.  Heinrich  von  Veldeke,  so  bedeutend  er 
als  Bahnbrecher  ist,  würde  besser  getrennt  stehen;  auch  wäre  sein  Einfluß 
schärfer  hervorzuheben.  —  Wenn  Gottfried  von  Straßburg  den  Wolfram  von 
Eschenbach  einen  vindaere  loilder  maere  nennt,  so  bezieht  sich  dieß  nicht  auf 
Wolfram's  vielfach  dunkle  Sprache,  sondern  auf  die  Menge  der  Episoden  und 
seltsamen  Abenteuer  in  seinem  Parzival.  Dem  Titurel  gebührt  unter  den  Dich- 
tungen Wolfram's  der  Platz  vor  dem  Parzival,  weil  er  seine  Jugendarbeit  ist. 
Wolfram  benutzte  zu  seinem  großen  Werke  nicht  bloß  eine  französische  Quelle, 
sondern  zwei.  Zu  welcher  Zeit  der  Parzival  gedichtet  wurde,  ist  nicht  gesagt; 
das    möge    noch    nachgetragen   werden.   —  Auf  Wolfram    folgt  Gottfried ,    dann 


*)  In  der  3.  Auflage  nun  der  richtige  Zusatz:  auf  Grund  der  Handschrift  B. 


LITTERATUR.  353 

Hartmann.  Wäre  es  nicht  zweckmäßiger,  Hartmaun  unter  den  dreien  die  erste 
Stelle  zu  geben  V 

Auch  im  folgenden  §.  19  „die  andern  Dichter  des  höfischen  Epos" 
empfiehlt  sich  eine  Umstellung.  Es  sind  genannt:  Conrad  von  VVürzburg,  Rudolf 
von  Ems,  Conrad  von  Flecke  (besser  Conrad  Fleck);  sie  folgen  besser  aufein- 
ander: Coni-ad  Fl.,  Rudolf,  Conrad  von  W.  —  Köpke's  Ausgabe  des  Barlaam 
kann  in  der  Note  gestrichen  werden.  —  In  der  Anmerkung  wird  auch  der 
Meier  Helmbrecht  genannt.  Das  Gedicht  ist  so  köstlich,  daß  es  nach  seinem 
Inhalte  skizziert  zu  werden  verdient;  in  der  Note  ist  nur  Schröder's  Übersetzung 
genannt;  die  Textausgabe  von  Keinz  muß   künftig  berücksichtigt  werden. 

Hierauf  geht  der  Verfasser  zur  „höfischen  Lyrik"  über  und  bespricht 
in  §.  20  zunächst  „Stoffe  und  Formen".  Beim  „Lied"  wäre  kurz  anzudeuten, 
daß  der  Ausdruck  sich  anfänglicli  auf  eine  Strophe  bezieht,  und  daß  der  Plural 
diu  Uet  gebraucht  wurde ,  um  das  auszudrücken ,  was  dann  später  auch  und 
jetzt  ausschließlich  der  Singular  bezeichnet.  Auf  die  Ähnlichkeit  des  Ab- 
gesangs  mit  unserem  Trio  dürfte  hinzuweisen  sein.  Auch  die  bedeutendsten 
Liederhandschriften  macht  Kluge  namliaft.  Die  Ordnung  ist  nicht  zu  billigen. 
Zuerst  ist  die  Heidelberger,  dann  die  Weingartucr  und  dann  erst  die  Pariser 
(früher  die  Manessische  genannt)  zu  nennen.  Die  bibliograpiiischen  Angaben 
i'cr  Minnesinger-Ausgaben  gehören  besser  in  die  Note,  wo  sie  auch  Aveniger 
Raum  beanspruchen.  Zweckmäßig  wäre  auch  hier  die  treffliche  Sammlung  von 
Bartsch  (Leipzig   1864)   anzuführen. 

Der  folgende  §.  21  „Die  bedeutendsten  höfischen  Lyriker"  wird  nicht 
befriedigen.  Es  fehlen  verschiedene  wirklich  bedeutende,  andere  gehören  nicht 
hierher,  wenn  sie  auch  berühmte  Namen  tragen  wie  Wolfram  von  Eschenbach 
u)id  Gottfried  von  Straßburg.  Was  von  ihnen  auf  dem  Gebiete  der  Lyrik  ge- 
leistet worden,  ließe  sich  besser  vorher  durch  kurze  Andeutungen  abmachen. 
Von  Gottfried  heißt  es,  er  habe  eines  seiner  größten  uni  schönsten  Lieder 
zum  Lobe  der  h.  Jungfrau  gedichtet.  Dazu  wird  in  der  Note  bemerkt ,  daß 
Pfeiffer  diese  Annahme  widerlegt  habe.  Glaubt  Kluge  an  die  Kraft  dieser 
Widerlegung,  woran  nicht  zu  zweifeln,  dann  ist  der  Lobgesang  überhaupt  nicht 
mehr  unter  Gottfried's  Namen  anzuführen.  Es  könnte  nur  gesagt  werden,  daß 
ihm  auch  von  der  Pariser  Handschrift  mit  Unrecht  ein  umfangreicher  Lobgesang 
zugeschrieben  werde,  der  seinen  Stil  in  übertriebener  Weise  nachahmt  und 
der  daher  keineswegs  schön  zu  nennen  ist.  Dann  könnte  auch  die  in  der  An- 
merkung zu  §.  18,  3  genannte  Vermuthung  Watterich's  bei  Seite  gelassen 
werden.  In  einer  umfänglicheren  Litteraturgeschichte  wäre  ihre  Erwähnung 
vielleicht  am  Platz,  hier  aber,  wo  es  möglichste  Beschränkung  gilt,  muß  von 
einem  Buche  abgesehen  werden,   dessen  Ergebnisse  zwingend  widerlegt  sind. 

Am  längsten  verweilt  Kluge  bei  Walther  von  der  Vogelweide.  Zuerst 
spricht  er  über  seine  Heimat  und  entscheidet  sich  für  Franken.  In  der  Note 
wird  die  betreffende  Litteratur  zusammengestellt,  wobei  auch  angegeben  ist 
v.  d.  Hagen,  Wackernagel  und  PfeiflFer  hätten  sich  für  Franken  erklärt,  Rudolf 
]\Ienzel,  dem  sich  jetzt  auch  Bartsch  anschließt,  für  Tirol.  Pfeiffer  hat  aller- 
dings früher  sich  für  Walther's  fränkische  Heimath  ausgesprochen,  in  der  Ein- 
leitung zu  seiner  Ausgabe  aber  stellte  er  Tirol  auf,  weil  sich  da  ein  Ort  Namens 
Vogelweide  habe  finden  lassen  *).   Wenn  Wilmauu's   (Einl.    3  fg.)   mit  Beziehung 


*)  In  der  3,  Auflage  berücksichtigt. 


354  LITTERATUB. 

auf  eine  Äußerung  Scherer's  geltend  uiaelit,  daß  den  Nameu  Vogelweide  man- 
cher Ort  führen  konnte  und  wirklich  geführt  hat,  so  ist  daran  zu  erinnern, 
daß  Pfeiffer  selbst  auf  seinen  Fund  kein  großes  GrCAvicht  legen  wollte,  daß  er 
aber  eine  Bestätigung  der  Tiroler  Heimath  in  dem  Gebrauche  der  Handschriften 
fand,  Landsleute  zusammen  zu  stellen*).  —  Kluge  führt,  um  Walther's  Mannig- 
faltigkeit in  lebendigen  Beispielen  darzuthun,  verschiedene  seiner  Dichtungen 
mit  ihren  Anfängen  an.  Das  schöne  Frühlingslied  Muget  ir  schouwen  waz  dem 
meien  ist  mindestens  unsicher.  Dafür  wäre  also  in  der  nächsten  Auflage  ein  anderes 
Beispiel  auszuwählen,  was  nicht  schwer  halten  wird.  —  Bei  der  Bedeutung,  die 
Walther  zu  seiiaer  Zeit  gehabt  hat,  wäre  es  passend  gewesen,  wenn  der  Verfasser 
vielleicht  in  einer  angehängten  Anmerkung  seinen  Dicht  ereinfluß  hervorgehoben 
und  seine  Schule  in  einigen  Namen  wie  Rubin,  Ulrich  von  Singenberg,  Reinmar 
von  Zweier  und  Bruder  Wernher  vorgeführt  hätte,  zumal  sich  in  diesen  Nach- 
folgern  der  Waltherische  Dichtergeist  nach  verschiedenen  Richtungen  hin  aus- 
prägt und  fortpflanzt. 

Der  folgende  Paragraph  (22)  handelt  von  der  „Entartung  des  Minne- 
sangs". Ich  glaube  nicht,  daß  man  Ulrich  von  Liechtenstein  unter  die  Dichter 
der  Epigonenzeit  rechnen  darf,  Avelchc  eine  Entartung  des  Minnesangs  bekunden. 
Seine  Lieder  sind  sehr  frisch,  anmuthig,  wohl  gelungen  in  der  Form  und  nicht 
im  mindesten  unhocellch.  Wenn  seine  Lieder  nur  in  der  Pariser  Handschrift 
überliefert  wären  und  wir  seine  abenteuerliche  Selbstbiographie  nicht  hätten, 
so  würde  der  Dichter  ohne  Zweifel  unter  die  talentvollen  Schüler  Walther's 
gerechnet  werden.  In  seinem  Frauendienst  erblicken  wir  eine  Entartung  des 
Minnelebens  und  Minnedienstes,  aber  in  dessen  lyrischen  Theilen  nicht  eine 
Entartung  der  Poesie.  —  Heinrich  von  Meißen  kann  eher  hierher  gerechnet 
werden,  weil  bei  ihm,  der  Wolfram  sowohl  wie  Gottfried  in  ihren  Schwächen 
nachahmt,  die  Poesie  in  Dunkelheit  oder  in  eitel  Spielerei  ausartet.  Die  Aus- 
gabe Ettmüller's  ist  künftig  in  der  Note  beizufügen. 

Der  letzte  Paragraph  (23)  dieses  Abschnittes  behandelt  die  „didaktische 
Poesie,  Lehrgedichte  und  Fabeln".  Die  Abfassungszeit  des  welschen  Gastes 
sollte  angeführt  werden,  da  wir  sie  genau  wissen.  Daß  Thomasin  auf  Seite  des 
Papstes  steht  und  auch  als  Gegner  Walther's  aufgetreten  ist,  ließe  sich  mit 
kurzen  Worten  noch  nachtragen.  —  Der  Renner  des  Hugo  von  Trimberg  ist 
ohne  bibliographischen  Nachweis  erwähnt.  —  Benecke's  Ausgabe  des  Edelsteins 
von  Boner  kann  gestrichen   werden. 

Die  „Vierte  Periode,  1300 — 1500,  Entwickelung  der  Poesie  in  den  Hän- 
den   des  Bürger-  und  Handwerkerstandes"    wird    mit    einer  Betrachtung  (§.   24) 


*)  Bei  der  Gelegenheit  eine  Bemerkimg.  Mit  Recht  sagt  Wilmanns,  die  öster- 
reichische Heimath  lasse  sich  nicht  streng  beweisen,  nimmt  aber  diese  Äußerung  wieder 
zmück:  man  sei  wegen  des  den  österreichischen  Dialect  bekundenden  Reimes  pfarren  : 
verwarren  wohl  berechtigt,  Osterreich  für  Walther's  Heimat  gelten  zu  lassen.  In  der 
Anmerkung  zu  der  betreffenden  Stelle  (83,  35)  steht:  „verwarren  statt  verworren-^  hier 
verräth  Walther  seine  österreichische  Mundai't.  S.  Lchm's  Anm."  Pfeiffer  erklärte  zu 
116,  b  verwarren  auch  für  eine  dialektische  östen-eichische  Form:  in  der  zweiten  Auf- 
lage steht  präciser:  „dialektische,  vorzugsweise  österreichische  Form''.  Daß  man  aus 
diesem  einen  österreichischen  Reim  nicht  gleich  einen  Schluß  auf  die  Heimath  machen 
dürfe,  hat  Pfeiffer  Germ.  5,  4  fg.  ausgeführt.  Der  Reim  ist  aber  gar  nicht  speciiisch 
österreichisch,  er  ist  ebenso  gut  alemannisch,  worüber  man  sich  bei  Weinhold  alem. 
Gramm.  8.  11  hinlänglich  belehren  kann. 


LITTERATUR.  355 

eröfiiiet  über  ,, Verfall  der  Poesie  und  Ursachen  desselben"  (warum  nicht:  und 
seine  Ursachen?).  Zu  den  inneren  Gründen  des  Verfalls  rechnet  der  Verfasser 
auch  das  Übergewicht  der  Form  über  den  Inhalt.  Das  ist  wahr,  aber  auch 
wieder  nicht.  Nicht  in  der  gesammten  Poesie  tritt  dieß  Übergewicht  hervor, 
sondern  nur  iu  der  kunstmäßigen  Lyrik. 

Zu  §.  25  „Epische  Poesie"  ist  zu  bemerken:  Caspar  von  der  Ron  ist 
nicht  ein  fränkischer  Volksdichter  und  Umarbeiter  des  Heldenbuchs,  sondern 
nur  ein  Schreiber,  worüber  zu  vergleichen   Zarncke  in  der  Germania   1,  53   fg. 

Zu  §.  26  „Lyrische  Poesie":  Hier  wäre  doch  zu  verweisen  auf  Grimm's 
immer  noch  werthvolles  Buch  über  den  Meistergesang  und,  damit  der  Leser, 
wenn  er  Meistergesänge  kennen  lernen  will,  einen  Anhalt  habe,  auf  Bartsch's 
Edition  der  Kolmarer  Handschrift.  —  In  der  Anmerkung  ist  die  Sammlung 
der  historischen  Volkslieder  von  Soltau  genannt;  da  wäre  auch  die  Fortsetzung 
oder  die  Ergänzung  von  Hildebrand  nicht  zu  übersehen.  Dagegen  kann  Wolf's 
Sammlung  gestrichen  werden.  —  Von  Liliencron's  Sammlung  ist  nun  künftig 
auch  der  5.  Band  zu  erwähnen,  der  außer  den  Melodien  eine  vortreffliche 
Unterweisung  gibt  über  die  musikalischen  Verhältnisse. 

Zu  §.  27  „Didaktische  Poesie".  Strobel's  Ausgabe  des  Narrenschiffs 
braucht  nach  Zarncke's  bedeutender  Leistung  nicht  mehr  genannt  zu  werden, 
zumal  in  einem  Buche  wie  das  vorliegende. 

Zu  §.  29  „Prosa".  Die  2.  Aufl.  von  Hamberger's  Ausgabe  von  Tauler's 
Predigten  erschien  nicht  1844,  sondern  1864.  —  Diepenbrock's  Suso  liegt  in 
2,  Aufl.  vor,  1838.  —  Die  Übersetzungsprosa  ist  so  wichtig  für  diesen  Zeit- 
raum, daß  eine  eingehendere  Belehrung  erwünscht  erscheint.  —  Bei  dem  Satze 
über  die  vorlutherischeu  Bibelübersetzungen  denkt  man  unwillkürlich  nur  an 
Drucke,  nicht  auch  an  die  älteren  in  Handschriften  überlieferten  Übersetzungen.  — 
Zu  Till  Eulenspiegel  verdient  Lappenberg's  Ausgabe  genannt  zu  werden. 

Es  folgt:  „Fünfte  Periode.  Die  deutsche  Litteratur  im  Zeitalter  der  Refor- 
mation 1500  — 1624".  Wenn  nicht  schon  vorher  sich  Gelegenheit  bieten  sollte, 
würde  hier  auf  ühland's  Vorlesungen  über  die  Geschichte  der  deutschen  Dichtkunst 
im    15.   und    16.   Jahrhundert  (im   2.  Bd.  der  Schriften)  hinzuweisen  sein. 

Zu  §.  30  „Epische  Poesie".  Kluge  übersetzt  bei  Erwähnung  und  Deutung 
des  Namens  Theuerdank  das  Wort  teioerlich ,  teuerlich  mit  abenteuerlich.  Es  ist  viel- 
mehr =  theuer,  wertb,  hoch,  erhaben.  —  Die  Ausgabe  von  Haltaus  ist  zu  erwähnen. 
Ebenso    die    des   glückhaften   Schiff"s  von  Halling,  wenn  sie    auch  nicht  genügt. 

Von  Hans  Sachs  sind  ebenfalls  gar  keine  Ausgaben  angeführt,  was  sich 
auch  auf  den  folgenden  Paragraphen  erstreckt.  Jetzt  kann  die  vor  Kurzem 
erschienene  Ausgabe  der  Lieder  von  Hans  Sachs  von  Gödeke,  die  auch  eine 
ganz  vorzügliche  Einleitung  enthält,  berücksichtigt  werden  (4.  Bd.  der  d.  Dichter 
des  16.  Jhds.  Leipzig  1870).  Diese  Meisterlieder  sind  auch  vorzugsweise  Er- 
zählungen. 

Zu  §.  33  „Dramatische  Poesie".  Jacob  Ayrer  ist  zu  stiefmütterlich  behandelt. 
Zu  eitleren  ist  die  Ausgabe  seiner  Dramen  von  Keller  (5  Bde.  liter.  Verein  1865). 

Zu  S.  34  „Prosa".  Da  die  Sprache  Luthers  so  überaus  wichtig  ist  in 
der  Geschichte  unserer  Sprach  e  und  Litteratur,  so  könnte  auch  das  Wörterbuch 
von  Dietz  (1.  Bd.  1870)  genannt  werden,  zumal  es  in  der  Einleitung  eine  gute, 
wenn  auch  nicht  durchaus  gelungene  Darstellung  der  Sprache  Luther's  bietet  und 
zugleich  eine  reiche  Bibliographie  von  Schriften,  namentlich  der  kleinen. 


356  LITTERATUR. 

Ungeru  vermisse  ich  in  diesem  Paragraphen  neben  den  Volksbüchern 
eine  kurze  Hinvveisung  auf  die  reiche  und  charakteristische  Litteratur  der 
Schwanke;  hauptsächlich  wären  hier  zu  nennen  Wickram's  Kollwagenbüchlein 
('Ausgabe  von  Heinrich  Kurz  1865),  Pauli's  Schimpf  und  Ernst  (Ausg.  von 
Oesterley,  litter.  Verein  1866)  und  Kirchhofes  Wendunmuth  (Ausg.  von  Oesterley, 
5   Bde.,  litter.   Verein   1869). 

Bis  hierher  erstreckt  sich  der  Zeit  nach  das  Gebiet,  welches  der  Germania 
als  einer  Zeitschrift  für  deutsche  Alterthumskunde  anheimfällt.  Die  weitere 
Behandlung  der  Litteraturgeschichte  Kluge's  gibt,  wie  es  in  der  Natur  dtr 
Sache  liegt,  nicht  den  gleichen  Anlaß  zu  Erinnerungen ;  aber  wer  genau  kriti- 
sieren wollte,  würde  auch  öfters,  namentlich  in  bibliographischer  Beziehung, 
verschiedenes  vermissen  oder  anders  wünschen.  Einmal ,  weil  die  jüngere  Zeit, 
wenn  auch  durch  das  Programm  dieser  Zeitschrift  nicht  streng  und  pedantisch 
ausgeschlossen,  doch  den  Zielen,  welche  die  Germania  verfolgt,  ferner  liegt, 
dann  aber  auch,  weil  ich  selbst  zu  einem  recht  philologischen  Betriebe  der 
neuen  deutschen  Litteratur  noch  nicht  gelangt  bin,  v>'ill  ich  nur  noch  weniges 
bemerken. 

Wie  in  den  dem  Mittelalter  und  der  Reformationszeit  gewidmeten  Partien 
des  Buches  öfters  bei  keineswegs  unwichtigen  Schriften  eine  littcrarische  Ver- 
weisung auf  eine  Textausgabe  oder  eine  Monographie  vermißt  v/ird,  so  auch 
in  der  Behandlung  der  Neuzeit.  Hier  bedarf  es  natürlich  weniger  der  Anführung 
von  Ausgaben,  und  wir  billigtu  es  in  Hinblick  auf  die  Tendenz  des  Buches 
durchaus,  daß  Kluge  von  vielen  Titelangaben  und  Jahreszahlen  abgesehen  hat. 
Dagegen  hat  er  auf  monographische  Studien  über  einzelne  Perioden  oder  ein- 
zelne Schriftsteller  sein  Augenmerk  gerichtet  und  die  beste  bis  in  die  neueste 
Zeit  reichende  Litteratur  citiert.  Aber  freilich  thut  er  es  nicht  gleichmäßig. 
Manche  Poeten  der  Neuzeit  haben  in  der  That  noch  keinen  Biographen  und 
Kritiker  gefunden,  und  es  bleibt  auf  diesem  Felde  noch  eine  reiche  Ernte, 
aber  andere  haben  ihn  gefunden,  ohne  daß  der  Verfasser  auf  solche  Erschei- 
nungen Rücksicht  nimmt.  Man  wird  öfters  versucht  sein  anzunehmen,  Kluge 
habe,  um  sein  Buch  nicht  unnöthig  mit  gelehrten  Citaten  zu  belasten,  von  der 
Erwähnung  der  oder  jener  ihm  wohl  bekannten  Monographie  abgesehen;  allein 
er  führt  öfters  auch  Schriften  an ,  die  nicht  unbedingt  nothwendig  zu  nennen 
wären,  ja  die  er  hätte  getrost  weglassen  können.  In  dieser  Beziehung  wird  er 
bestrebt  sein  müssen,  Gleichmäßigkeit  zu  erzielen,  und  kritisch  streng  bei  der 
Citierung  der  litterar-historischen  Monographien  zu  sein.  Dieser  allgemeinen 
Bemerkung  reihe  ich  einzelne  Nachträge  an. 

Zu  §.  .38.  ,,Gryphius".  Nicht  zu  vergessen  ist  künftig  das  Lustspiel  ..die 
geliebte  Dornrose",  weil  es  das  erste  ist  in  der  deutschen  Litteratur,  in  welcher 
die  Volksmundart  im  Gegensatz  zum  Schriftdeutsch  zu  künstlerischer  Geltung 
kommt  (herausg.  von  Palm.    1865). 

Zu  §.  40.  „Roman".  Gerade  den  bedeutendsten  Roman  aus  der  vor- 
nehmen Welt  hat  Kluge  unerwähnt  gelassen:  die  Octavia  des  Herzogs  Anton 
Ulrich  von  Braunschweig.  —  Die  Monographie  von  Cholevius  ist  in  der  Note 
genannt;  sie  wird  für  diesen  Paragraphen  noch  besser  ausgenutzt  werden 
mü?;sen.  Andreas  Heinrich  Bucholtz  darf  auch  nicht  ganz  übergangen  werden.  — 
Die  Note  auf  S.  68  ist  unrichtig  stehen  geblieben;  sie  ist  durch  die  folgende 
unnöthig  gemacht. 


LITTEEATUE.  357 

Die  neuere  Litteiatur  ist,  wie  bekannt,  außer  in  selbständigen  Mono- 
graphien auch  vielfach  in  Beiträgen  zu  Zeitschriften  und  Sammelwerken  be- 
handelt. Gerade  die  zerstreut  erschienenen  Arbeiten  entgehen  allzu  leicht  dem 
Auge  des  Historikers;  darum  möge  der  Verfasser  nach  dieser  Kichtung  hin 
die  periodische  Litteratiir  auszubeuten  suchen.  Um  nur  auf  einzelnes  hinzu- 
weisen, will  ich  erwähnen,  daß  mit  das  Beste,  was  über  Wieland  jemals  ge- 
schrieben wurde,  sich  findet  im  Album  des  Litterarischen  Vereins  in  Nürnberg 
für  18GÜ.  Es  ist  ein  umfangreicher  Aufsatz  von  J.  L.  HoflFmann.  —  Der  Julius 
von  Tareut  von  Leisewitz  ist  vorzüglich  monograi)hisch  behandelt  von  August 
lienueberger  in  seinem  leider  nur  in  einem  Bande  erschienenen  Jahrbuch  für 
deutsche  Litteraturgeschichte  {Meiningen  1855).  Dort  finden  sich  auch  noch 
mehrere  Aufsätze,  die  citiert  zu  werden  verdienen.  Demi  es  braucht  ja  nicht 
immer  ein  dickes  Buch  zu  sein ,  was  eine  Anmerkung  zieren  soll.  Aufmerksam 
machen  will  ich  zugleich  auf  eine  Reihe  treft'liclier  Aufsätze  über  die  Litterat.ur 
des  18.  Jahrhunderts,  welche  Henneberger  in  der  Zeitschrift  für  deutsche 
Kixiturgeschichte  (Nürnberg  1858)  niedergelegt  liat.  —  Das  Buch  vou  Robert 
Prutz  „Menschen  und  Bücher"  (Leipzig  1852)  fand  ich  nicht  citiert,  und  doch 
enthält  es  mehrere  ausgezeichnete  Monographien;  vor  allem  zu  nennen  ist  die 
Abhandlung  über  Karl  Friedrich  Bahrdt.  Über  diesen  seltsamen  Mann  schrieb  noch 
ausfüln-licher  Gustav  Fiauk  in  Rainner's  historischem  Taschenbuch  (37.  Jahrg. 
186(J).  Eine  sehr  brauchbare  Arbeit  über  Novalis  von  Fortlage  brachte  das 
eingegangene  deutsche  Museum  von  Prutz,  welche  jetzt  auch  aufgenommen  ist 
unter  den  sechs  philosophischen  Vorträgen  vou  Fortlage  (Jena  1869).  Ho  wer- 
den auch  die  littcrar-historischcn  Aufsätze  von  Trcitschke  zu  berücksichtigen 
sein;  vieles  bietet  auch  das  litterar-bistorische  Taschenbuch  von  Prutz;  auch 
Gosche's  Jahrbuch  und  Archiv  wird,  weim  es  nicht  wieder  in's  Stocken  geräth, 
für  die  Erforschung  der  neueren  Litteratur  wirksam  werden,  und  mag  sicii 
daher  der  Beachtung  empfehlen. 

In  neuerer  Zeit  haben  sich  Stimmen  vernehmen  lassen,  welche  den  Unter- 
richt der  Litteraturgeschichte  auf  Gymnasien  verwerfen.  Es  ist  dieß  eine  sehr 
wichtige  pädagogische  Frage ,  zu  deren  Entscheidung  ich  mich  nicht  berufen 
fühle.  Wo  dieser  Unterricht  noch  als  berechtigt  und  nothwendig  augesehen 
wird,  trägt  zu  seinem  Gedeihen  sicher  die  Wahl  eines  guten  Lehrbuches  wesent- 
lich bei.  Hat  sich  das  Buch  von  Kluge  bereits  bewährt,  so  zweifle  ich  nicht, 
daß  es  sich  um  seiner  Vorzüge  willen  noch  ein  weiteres  Gebiet  gewinnen  wird. 
Wie  die  zweite  Auflage,  gegen  die  erste  gehalten,  schon  mannigfache  Ver- 
besserungen aufweist,  so  wird  der  Verfasser  auch  in  Zukunft  bestrebt  sein, 
dem  Buche,  ohne  sein  Wesen  und  seine  Anlage  anzutasten  im  Einzelnen  eine 
immer  größere  Vollkommenheit  zu  geben. 

Indem  ich  durch  meine  Besprechung  dem  Verfasser  förderlich  zu  sein 
gedachte ,  habe  ich  doch  dabei  die  vorliegende  Arbeit  nicht  allein  im  Sinne 
gehabt.  Wie  bei  Kluge,  so  finden  sich  auch  in  andern  ähnlichen  Werken  viel- 
fach Auffassungen  und  Urtheile,  die,  aus  älteren  Litteraturgeschichtcn  stammend, 
vor  den  neuen  Forschungen  nicht  bestehen  können.  Dieß  habe  ich  hervor- 
gehoben, und  dadurch  gesucht,  den  Ergebnissen  der  Wissenschaft  zum  Besten 
des  Unterrichts   Geltung  und  Eingang  zu  verschaffen. 

JENA,  August  1870.  REINHOLD  BECHSTEIN. 


558  LITTERATÜK. 


Die  vorchristliche  Unsterblichkeitslehre  vou  Wolfgang  Menzel.  In  zwei 
Bänden.  Leipzig.  Fues's  Verlag.  1870.  VIII  ii.  28G  w.  393  Seiten. 
An  eine  Bemerkung  Jahns  über  die  Notli wendigkeit  vergleichender  Alter- 
thumsforschuugen  anknüpfend,  weist  der  Verf.  zuvörderst  in  dem  Vorworte  zu 
vorliegender  Arbeit  darauf  hin,  wie  auch  diese,  aus  dem  Gefühl  desselben  Be- 
dürfnisses hervorgegangen,  von  ihm  seit  dreißig  Jahren,  je  nachdem  er  Muße 
dazu  gewonnen,  inm  er  wieder  fortgeführt  worden  ist,  denn  „man  kann  solche 
Studien  nicht  über  das  Knie  brechen,  sie  erfordern  weite  Umsicht  und  lange 
Zeit."  Im  Weitern  äußert  er  sich  dahin,  daß  die  heidnischen  Unsterblichkeits- 
lehren nicht  aus  einer  Urofienbarung  an  die  Heiden  hervorgegangen  sind,  noch 
auch  nach  einem  angeblichen  Plane  Gottes  die  christliche  Lehre  vorbereitet  haben, 
als  sei  durch  beide  ein  Faden  hindurcbgelaufen,  wie  nach  der  bekannten  Darwin'- 
schen  Theorie  durch  die  Thier-  und  Menschenwelt;  sie  sind  vielmehr  etwas  voll- 
kommen Selbständiges  für  sich,  durchaus  naiv,  naturAvüchsig  und  verschieden- 
artig, hervorgegangen  aus  der  Gefühls-  und  Denkweise  sehr  verschiedenartiger 
Völker.  Alle  alten  Völker  stimmen  jedoch  darin  überein,  daß  sie  eine  höhere 
Macht  über  sich  erkannten,  und  auch  darin,  daß  sie  dieselbe  zunächst  den  am 
meisten  in  die  Sinne  faJhmden  Naturerscheinungen,  Naturkräften  und  Elementen 
zuschrieben,  bis  sie  Erfahrung  genug  gewonnen  hatten,  eine  gewisse  Einheit  im 
Weltgebäude,  in  der  Hamionie  des  Raumes  und  der  Zeitmessung  zu  erkennen. 
Als  etwas  unzweifelhaft  Gemeinsames,  was  allen  heidnischen  Unstsrblichkeits- 
lehren  wie  überhaupt  der  Weiterentwickelung  aller  Religionsbegriffe,  Culte  und 
Mj'then  als  Unterlage  gedient  hat,  erweise  sich  ferner  die  Ausrechnung  und 
Feststellung  des  Sounenjahres.  An  den  Kalender  desselben  haben  sich  die  Grund- 
anschauungen von  Erde  und  Himmel  wie  vom  Naturleben  und  Weltschicksal  in  der  Zeit 
geknüpft,  wie  die  Festtage  und  Mythen  der  höchsten  Götter.  War  aber  die  Er- 
kenntniss  von  dem  Laufe  der  Gestirne  und  dem  mächtigen  Einfluß  der  Sonne 
so  weit  gediehen,  so  wurde  die  Ehrfurcht  vor  dem  Donnerer  sehr  abgeschwächt, 
wenn  er  nicht  wie  überhaupt  die  Elementargottheiten  im  Vergleich  zu  den  astra- 
lischen  Gottheiten  mehr  in  den  Hintergrund  trat,  und  die  Götterwohnungen 
stiegen  von  den  Berggipfeln  zu  den  Sternenhöhen  hinauf,  während  zugleich 
die  Autorität  der  gelehrten  Priesterschaften,  von  denen  alle  diese  neuen  Ent- 
deckungen ausgiengt'n,  außerordentlich  verstärkt  werden  mußte.  Die  wichtigste 
Veränderung  jedoch,  welche  die  Feststellung  des  Sonnenjahres  im  Glauben  der 
alten  Völker  hervorrief,  war  die  Ahnung  einer  andern  höhern  Welt  des  Jenseits, 
denn  man  konnte  sich  nicht  von  der  Macht  und  dem  Einfluß  der  Gestirne  über- 
zeugen, ohne  an  eine  hinter  den  sichtbaren  Gestirnen  wirkende  unsichtbare 
Macht  und  Weisheit  zu  glauben ,  an  etwas  Heiliges  und  Göttliches  in  jenen 
oberen  Regionen.  Sobald  aber  die  alten  Völker  zu  dieser  Stufe  theils  der  Er- 
kenntniss  theils  der  Ahnung  gelangt  waren,  giengen  ihre  Anschauungen  weit 
aus  einander;  denn  je  nachdem  der  in  den  Völkern  wohnende  Geist  geartet  war, 
machten  sie  sich  von  der  unsichtbaren  Welt  über  den  Sternen  verschieden- 
artige Begrifte.  Zwar  die  beiden  ältesten  Culturvölker,  die  Babylonier  und 
Ägypter,  bekümmerten  sich  um  Jenseits  und  Ewigkeit  noch  wen  g  und  konnten 
sich  von  der  sie  umgebenden  materiellen  Welt  noch  nicht  losreißen;  jedoch 
faßten  sie  dieselbe  schon  in  einem  ganz  entgegensetzten  Geist  auf,  die  Baby- 
lonier   heiter    und   freudig,    aber    ihren  Reichthum    in    sorgloser  Üppigkeit  ver- 


LITTERATUK.  359 

geudend,  die  Ägypter  hiiigegeu  denselben  zu  hüten  bestrebt  und  sich  von  aller 
Welt  ängstlich  abschließend.  Wieder  anders  die  Perser,  welche  in  Folge  eines 
sittlichen  Impulses  das  physische  Glück  des  Daseins  durch  Tugend  zu  verdienen 
und  das  böse  Princip  fortwährend  zu  bekämpfen  suchten.  Aber  auch  sie  dachten 
sich  das  Jenseits  nur  als  eine  Fortsetzung  des  Diesseits,  ohne  noch  den  tiefen 
Unterschied  zwischen  Zeit  und  Ewigkeit  erkannt  zu  haben.  Diese  Erkenntniss  gieng 
zuerst  den  Indern  auf  und  überwältigte  sie  völlig.  Sie  vertieften  sich  nämlich  nach 
der  Zeit  der  Veda's  dermaßen  in  den  Geist,  daß  sie  die  materielle  Wirklich- 
keit zu  ihren  Füßen  beinahe  vergaßen  und  es  wenigstens  für  das  höchste  Ver- 
dienst erklärten,  sich  über  dieselbe  hinwegzusetzen.  Sie  sahen  die  Wirklichkeit 
nur  für  ein  Scheindasein  an  und  prägten  sich  unvertilgbar  den  Wahn  ein,  sie 
hätten  schon  früher  einmal  existiert  und  würden  auch  nach  dem  irdischen  Tode 
noch  in  unzähligen  "Verwandlungen  fortexistieren,  bis  ihre  Seele  von  allem  Irdi- 
schen und  Sinnlichen  frei  werde  und  sich  mit  dem  absoluten  Geiste  vereinigen 
würde. 

Was  die  Völker  des  Abendlands  betritft,  so  machten  sie  sich  von  einem 
Jenseits  lange  Zeit  nur  nebelhafte  Vorstellungen;  als  aber  auch  bei  ihnen  der 
Glauben  an  die  Unsterblichkeit  tiefer  in  den  Seelen  zu  wurzeln  anlieng,  trugen 
sie  einfach  alles,  was  ihnen  in  der  irdischen  Wirklichkeit  am  liebsten  gewesen, 
in  ihre  Vorstellungen  vom  ewigen  Leben  über,  und  zwar  nur  in  den  Mysterien, 
denn  der  öffentliche  Cultus  blieb  noch  ausschließlich  den  Naturgöttern  gewidmet, 
die  aber  aus  elementaren  Gewalten  nach  und  nach  mehr  zu  astralischen  wurden. 
Für  die  realistische  Auflassung  des  Weltganzen  waren  die  alten  Griechen  be- 
sonders maßgebend :  sie  konnten  sich  also  auch  die  hohen  Götter  als  Ordner  der 
Natur  und  Lenker  der  Geschicke  weder  als  reine  Geister  noch  als  symbolische 
Gestalten  denken ,  sondern  gaben  ihnen  unwillkürlich  ilire  eigene  menschliche 
Gestalt  mit  menschlichen  Neigungen  und  Leidenschaften. 

Im  germanischen  Norden  hielt  das  vorzugrsweise  kriegerische  Volk  sich 
von  dem  indischen  Extrem,  alles  nur  geistig  aufzufassen,  wie  vom  realistischen 
der  Griechen,  die  selbst  den  Geist  verkörperten,  gleich  weit  entfernt  und  faßte 
den  Gegensatz  zwischen  Geist  und  Leib,  Erde  und  Himmel,  Zeit  und  Ewigkeit, 
Diesseits  und  Jenseits  in  seiner  ganzen  Schärfe  auf,  ohne  das  eine  über  dem  andern 
zu  vergessen  oder  zu  vernachlässigen.  Man  darf  annehmen,  daß  der  germanische 
Völkerstrom  frühzeitig  in  manche  Beziehung  zu  den  alten  Persern  gekommen 
ist,  die  ebensowenig  einseitig  waren,  deren  Dualismus  aber  hauptsächlich  den 
sittlichen  Gegensatz  zwischen  Gut  und  Böse,   Tugend  und  Sünde  betonte. 

Demnächst  spricht  der  Verf.  von  den  verschiedenen  Vorstellungen,  welche 
die  Griechen  und  Römer,  die  Inder  und  Germanen  in  Bezug  auf  die  Zeit 
hegten.  Für  die  Inder  gab  es  gewissermaßen  nur  eine  Ewigkeit,  die  wiederum 
für  die  Griechen  und  Römer  bloß  ein  nebelhafter  Begriff  war,  da  sie  aus  der 
Zeit  gar  nicht  herauskamen  und  sogar  vor  der  Einweihung  in  die  Unsterblich- 
keitslehre der  Mysterien  Zeit  und  Ewigkeit  verwechselten.  Die  Germanen  hin- 
gegen zeichneten  sich  durch  eine  originelle  Auffassung  des  Verhältnisses  zwischen 
Zeit  und  Ewigkeit  aus.  Sie  glaubten  wie  die  Juden  an  ein  ewiges  Princip  im 
Allvater,  ließen  diesen  aber  im  Verborgenen  bleiben  und  nahmen  an,  die  Welt 
werde  während  der  ganzen  Zeitlichkeit  von  Odin  regiert,  einer  Personification 
des  absoluten  freien  Willens,  der  absoluten  Praxis,  ohne  irgend  eine  sittliche 
Schranke    oder  Bedingung,    nicht   gut  und  nicht    böse,    abwechselnd  und  nach 


360  LITTERATUE. 

Laune  das  eine  oder  das  andere,  nur  immer  böse,  ja  heimtückisch,  wo  ihm 
irgend  eine  sittliche  Pflicht  als  Beschränkung  seiner  Willkür  zugemuthet  wurde. 
So  und  nicht  anders  ist  sein  wahres  Charakterbild  in  der  alten  Edda.  Weil  er 
nun  aber  während  der  ganzen  Ziütlichkeit  so  viel  Unrecht  thut  und  zuläßt, 
ist  das  Leben  in  dieser  Zeitlichkeit  auch  nichts  Vollkommenes  und  eben  deß- 
halb  muß  die  Zeit  einmal  aufliören  und  Odin  sammt  der  ganzen  gegenwärtigen 
Welt  einmal  untergehen.  Alsdann  erst  wird  Allvater  eine  neue  bessere  Welt 
schaffen  und  dieselbe  durch  den  guten  Gott  Tialdur  regieren  lassen.  Dadurch 
unterscheidet  sich  die  nordisch  germanische  Auffassung  wesentlich  von  der 
orientalisch-indischen  und  von  der  griechisch-römischen.  Wie  ferner  der  indische 
Brahma  erst  zum  Hauptgott  erhoben  werden  konnte,  nachdem  das  Sonnenjahr 
festgestellt  und  der  Cultus  der  Elemente  in  den  der  astralischen  Mächte  über- 
gegangen war,  so  auch  Odin  bei  den  Germanen,  und  wie  sofort  der  alte  in- 
dische Donnerer  dem  Brahma  untergeordnet  wurde,  so  auch  der  alte  nordische 
Donnerer  dem  Odin.  Nur  die  klassischen  Völker  im  Süden  Europas  behielten  den 
alten  Donneier  als  Hauptgott  bei.  Um  die  Ananke  und  die  Moiren  kümmerte 
sich   aber  Zeus   ebensowenig  wie  Odin   um   die  Nornen. 

Dieß  ist  der  Hauptinhalt  der  vom  Verf.  in  der  ersten  Abtheilung: 
„Die  Symbolik  des  Sonnengottes  als  Unterlage  der  heidnischen 
U  n  s  t  e  r  b  I  i  c  h  k  e  i  t  s  le  h  r  e  n  "  dem  ersten  Buche  ..Die  Zeit  und  ihre 
E  in  th  eilung"  vorangestellten  „Oriontirung",  die  hier  meist  wortgetreu  wieder- 
gegeben ist  und  woraus  man  den  Gang  der  Untersuehnng  und  die  Hauptzüge 
derselben  him-eichend  erkennen  wird.  In  den  folgenden  Abschnitten  des  ersten 
Buches  bespricht  der  Verf.  da^n  das  Sonnenjahr,  die  Licht-  und  Nachtseite 
desselben,  den  sterbenden  Gott  und  den  Einfluß  der  menschlichen  Sehnsucht 
nach  Unsterblichkeit.  In  Bezug  auf  den  ewigen  Jäger,  der  den  frevelnden  Schuß 
in  die  Sonne  gethan  hat  (S.  29),  bemerkt  Menzel,  daß  dieß  Odin  ist,  der  Führer 
der  wilden  Jagd  oder  des  wilden  Heeres.  Die  Sage  verbirgt  daher  einen  tiefen 
Sinn.  Odin,  scheint  der  Mythus  zu  besagen,  hält  als  Gott  der  Zeitlichkeit  die 
Sonne  gewaltsam  in  ihrem  Laufe  zurück,  weil  sie  sonst  immer  höher  hinauf- 
steigen lind  in  den  Himmel  zurückkehren  würde,  so  dalJ  die  Zeit  aufhören 
müßte;  er  zwingt  sie  also  umzukehren,  um  jedes  Jahr  von  neuem  denselben 
Lauf  zu  wiederholen.  —  Zweites  Buch:  Der  Raum  und  das  Natur- 
centrum.  Das  letztere  befindet  sich  am  Nordpol,  und  der  Verf.  bemerkt  in 
dieser  Beziehung,  es  könnte  zufällig  scheinen,  daß  den  Indern,  Persern,  Griechen 
ihre  heiligen  Himmelsberge  gerade  im  Norden  lagen;  wenn  das  aber  auch  nicht 
der  Fall  gewesen  wäre,  Avürde  der  magnetische  Zug  nach  Norden,  dem  die 
Menschengeister  folgen  müssen,  weil  die  Augen  sie  dahin  ziehen,  immerhin  auch 
über  die  Berge  hinaus  den  Mittelpunkt  des  Weltraums  in  der  nördlichen  Rich- 
tung des  Horizontes  und  Himmels  gesucht  haben;  denn  es  konnte  den  alten 
Völkern  nicht  entgehen,  daß  der  ganze  Himmel  mit  seinen  unzähligen  Sternen 
sich  um  einen  Mittelpunkt  im  Norden  im  Kreise  bewegt.  Ferner  weist  der  Verf. 
darauf  hin,  daß  im  Zendavesta  Ver  die  himmlische  Burg  des  Urkönigs  Dschem- 
scliid  ist,  worin  die  Keime  aller  Pflanzen,  Thiere  und  Menschen  bewahrt  sind- 
dasselbe  scheine  auch  die  Stadt  Beroe  zu  sein,  welche  nach  Nonnos  von 
lieblichen  Gärten  und  Inseln  umgeben  mitten  im  Ocean  liegen  soll ;  hier  landete 
zum  ersten  Mal  Aphrodite  und  hier  gebar  sie  den  Eros;  das  ist  Eros  Proto- 
gonos;    die  Liebe    als    das    allbewegende  Princip    und    dieses  Beroe  sowohl  wie 


LITTERATUR.  361 

jenes  Ver  dürfe  man  auf  das  Land  der  seligen  Hyperboreer  wie  auf  den  An- 
fang aller  Dinge  im  Nordpol  beziehen.  Björn  und  Veor  waren  Beinamen  des 
Thor,  und  dieß  mahne  deutlich  an  Ver  und  Beroü.  Auch  der  deutsche  Sagen- 
held  Dietrich,  in  welchem  schon  Grimm  und  Uhland  Thor  wiedererkannt,  werde 
immer  Dietrich  von  Bern  genannt,  worunter  man  insgemein  die  Stadt  Verona 
verstanden  hat,  dessen  Name  und  Begriff  aber  viel  älter  und  von  mythischem 
Ursprung  sei.  Auch  müsse  an  Bör  und  Buri,  die  Väter  Odins,  erinnert  wer- 
den. Außer  den  Himmelsbergen  bespricht  das  zweite  Buch  auch  noch  das  Weltei, 
das  Bärengestirn,  die  Sphärenharmonie,  die  Himmelsleiter  der  Planeten,  auf 
welcher  mittelst  der  Milchstraße  die  Seelen  zwischen  Himmel  und  Erde  auf- 
und  niedersteigen,  ferner  Nysa,  wo  Dionysos  erzogen  worden,  jener  höchste 
Gott  der  Mysterien,  der,  im  feurigen  Äther  unter  Blitzen  geboren,  sich  in  die 
niedere  Welt  herabließ  und  selbst  dem  Tode  sich  hingab,  um  durch  seine 
Wiedergeburt  auch  der  Menschheit  seine  Wiedergeburt  zu  gewähren.  Die  letzten 
Abschnitte  dieses  Buches  bilden  der  Glasberg  und  der  Wcltbaum.  —  Drittes 
Buch:  Die  Beziehungen  der  Sonne  zum  Naturcentrum.  So  wie  das 
Centrum  des  Raumes  unverrückbar  im  Nordpol  ist,  ebenso  concentriert  sich  die 
Zeit  mit  ihren  Wechseln  in  der  Sonne,  und  feste  Punkte  des  Anfangs  und 
Endes  waren  wie  für  jeden  Tag  ihr  Auf-  und  Niedergang,  so  für  jedes  Jahr 
die  Wintersonnenwende.  Zur  Vermittlung  dieser  beiden  Centren  bot  sich  auf 
die  natürlichste  Weise  das  Nordlicht,  in  welchem  sich  einfach  die  Morgen-  und 
Abcndröthc  zu  wiederholen  scheint,  welches  aber  ausschließlich  an  den  Noi-dpol 
der  Erde  gebunden  ist,  über  welchem  der  Nordpol  des  Himmels  senkrecht  steht. 
Dort  ruhe  die  Sonne  bei  ihrem  nächtlichen  Lauf  von  Westen  nach  Osten  stets 
zur  Mitternachtstunde  ein  wenig  aus  und  von  ihrem  Mitternachtscheine  komme 
das  Nordlicht  her.  In  der  Wintersonnenwende  mußte  sonach  letzteres  mit  dem 
brennenden  Neste  des  Phönix  verglichen  werden,  in  welchem  ursprünglich  das 
Jahr,  dann  aber  die  Zeit  im  allgemeinen  sich  immer  neu  verjüngt,  und  so  hatte 
man  auch  für  die  Zeit  einen  Mittelpunkt  gefunden ,  welcher  dem  Mittelpunkte 
des  Raumes,  dem  Nordpol  des  Himmels  entsprach.  Ans  dieser  Symbolik  folgte 
ferner  die  Vorstellung,  daß  in  dem  Moment  der  Sonnenwende,  in  dem  die 
Sonne  von  ihrem  fortwährenden  Laufe  ein  wenig  ausruht,  die  Zeit  die  Eigen- 
schaft des  Raumes,  nämlich  Stätigkeit,  d.  h.  die  Eigenschaft  der  unveränder- 
lichen Gegenwart,  also  der  Ewigkeit  annimmt,  wogegen  alles  im  Räume  die 
Eigenschaft  der  Zeit,  nämlich  deren  Beweglichkeit  aus  der  Gegenwart  hinaus 
in  Vergangenheit  und  Zukunft  sich  aneignet.  Auf  dieser  Vorstellung  beruht 
alle  Magie  der  Sonnenwenden,  das  Versetzen  aus  der  Zeit  in  die  Ewigkeit,  die 
Vergegenwärtigung  des  Vergangenen  und  Zukünftigen  und  eine  Menge  von 
Magien  und  Verwandlungen.  Dem  Nordlichte  entspricht  aber  auch  die  Waber- 
lobe, wie  schon  Magnusen  bemerkt  hat;  Iduna.  Menglöd,  Gerda,  Brynhild  be- 
deuten sämmtlich  die  Sonne  iu  ihren  verschiedenen  Beziehungen  zur  Zeitlichkeit 
und  zum  Räume.  Das  Ewige,  Reine,  Jungfräuliche  in  der  Sonne  ist  Iduna; 
das  Heilende,  Segnende,  Wohlthuende  in  derselben  ist  Menglöd;  ihr  Freiwerden 
aus  der  Gefangenschaft  des  Winters  iu  jedem  Frühling  ist  durch  Gerda  be- 
zeichnet, das  Unrecht  und  das  Leiden  aber,  das  ihr  in  der  Zeitlichkeit  wider- 
fährt, durch  Brynhild.  Haben  wir  im  Nordlichte  den  Ausgangspunkt  erkannt, 
von  wo  aus  die  Sonne  in  Raum  und  Zeit  eintritt  und  wohin  sie  immer  wieder 
zurückkehrt,   wo  sie  also  gewissermaßen  vom  Anfang  bis  zum  Ende  der  Zeitlich- 


362  LITTERATUR. 

keit  gebannt  ist,  so  können  wir  auch  die  Waberlohe  nur  mit  dem  Nordlichte 
in  den  h.  Nächten  der  Sonnenwende  identificieren.  Alle  andern  Erklärungen 
haben  den  tiefen  Sinn  nicht  erfaßt  und  bieten  viel  zu  kleinliche  Vorstellungen. 
In  diesem  Buche  wird  dann  noch  der  Sonnengarteu  am  Nordpol,  auf  den  wir 
weiter  unten  zurückkommen,  die  Insel  des  Chronos,  sowie  der  Garten  der 
Hesperiden  besprochen.  —  Viertes  Buch:  Der  Gegensatz  von  Zeit  und 
Ewigkeit.  Es  handelt  von  dem  Verschwinden  der  Zeit  in  der  Ewigkeit,  dem 
schlafenden  Gott  und  den  verschiedenen  Zeitaltern,  den  Zeitringen  (Draupnir, 
Brisingamen,  Halsband  der  Harmonia),  dem  Eegenbogen,  der  Zauberin  Circe 
fCirkel,  Zeitring)  u.  s.  w.  Gelegentlich  der  Anna  Perenna,  unter  welcher  man 
sich  Ceres  als  Nahrungsspenderin  des  Jahres  dachte,  bemerkt  Menzel,  ein  Mythus 
von  ihr  sei  interessant.  Mars  nämlich  soll  sie  einmal  feurig  umarmt  haben,  in 
der  Meinung,  es  sei  die  Minerva;  darin  liege  ein  tiefer  Sinn.  Mars  ist  der 
Kriegsgott,  aber  zugleich  auch  der  Monat  März,  der  ewige  Frühlingsheld,  der 
jeden  Winter  besiegt.  Sich  für  würdig  haltend,  mit  der  Göttin  Athene,  die  über 
der  Zeit  in  der  Ewigkeit  thront,  verbunden  zu  werden,  wird  ihm  doch  nur 
immer  das  vergängliche  Jahr  imtergeschohen.  Ferner  heißt  es  in  dem  Abschnitte 
„Hilde",  daß  dieser  kurze,  unscheinbare  Mythus  einen  Grundgedanken  der 
nordischen  Heiduureligion  enthalte.  Högni  nämhch,  der  einäugige,  schlaue  und 
hartherzige  Vater,  der  in  den  deutschen  Heldenliedern  als  der  grimmige  Hagen 
vorkommt,  ist  Odin,  der  höchste  Gott  des  Nordens.  Hier  tritt  sein  innerstes 
Wesen  hervor,  welches  nichts  anderes  ist  als  Tod  und  Zerstörung;  er  will  da- 
her auch  nicht,  daß  seine  Tochter  sich  vermähle.  In  ihr  aber  liegt  das  Princip 
des  Lebens  und  der  Liebe;  deßhalb  läßt  sie  ihren  Geliebten,  wenn  auch  noch 
so  oft  von  ihrem  Vater  getödtet,  doch  immer  wieder  aufleben,  und  so  wird  sie, 
obschon  ursprünglich  liebevoll,  doch  zu  einer  Personification  des  unaufhörlichen 
Streites  und  Wechsels  von  Leben  und  Tod  in  der  Welt.  In  Betreff  des  Brisin- 
gamen bemerkt  der  Verf. ,  daß  nach  einem  Bruchstück  aus  des  Skalden  Ulf 
Gesang  Heimdall  mit  Loki  um  Freyjas  Halsschmuck  kämpfte,  und  zwar  beide 
im  Meere  in  Robbengestalt.  Bleibe  nun  auch  diese  Eobbensymbolik  unverständ- 
lich, so  weise  doch  der  Gegensatz  zwischen  dem  Himmelswächter  Heimdall 
und  dem  teuflischen  Allverschlinger  Loki  darauf  hin,  daß  der  eine  den  Ring 
der  Zeit  festhalten,  der  andere  ihn  zerreißen  will.  Die  bisherigen  Erklärungen 
des  Brisingamen  seien  ungenügend  und  meist  aus  der  Luft  gegriffen.  Nur  Uhland 
(Sagenforsch.  20.  103)  habe  das  Richtige  wenigstens  genannt,  indem  er  in  dem 
bösen  Loki  das  Ende,  im  Heimdall  den  Anfang  zu  erkennen  glaubte;  das  sei 
richtig  in  Bezug  auf  den  Kampf  beider  Gottheiten  um  das  Halsband.  Loki  will 
dem  Zeitverlauf  ein  baldiges  Ende  bereiten,  Heimdall  (d.  i.  der  Welttheiler, 
der  zwischen  Himmel  und  Erde,  Jenseits  und  Diesseits,  Ewigkeit  und  Zeit  theilt) 
will  die  Zeit  zum  natürlichen  Ende  kommen  lassen,  und  deßhalb  reißen  sie 
sich  um  den  Ring.  —  Fünftes  Buch:  Herein  ragen  der  Ewigkeit  in 
die  Zeit.  Es  bespricht  die  sich  an  die  SonnenAvende  knüpfenden  mannigfachen 
Vorstellungen,  sowie  die  Heimchen  (die  auch  Pflanzenseelen  sind),  die  wilde 
Jagd  u.  s.  w.  Hinsichtlich  der  Dame  Habonde  oder  domina  Abundia 
bemerkt  Menzel,  daß  der  Name  wohl  deutsch  sein  und  die  abendliche  oder 
Nachtseite  derselben  guten  Göttin  bedeuten  dürfte,  deren  morgentliche  oder 
Lichtseite  in  der  Fee  Morgana  hervortrete;  diese  sei  der  Morgen,  jene  der 
Abend.   —  Sechstes  Buch:  Die  Saturn  allen.    Es  handelt  von  der  Frei- 


LITTERATUR.  363 

heit  und  Gleichheit  aller  Menschen  zur  Zeit  der  Sonnenwenden,  der  Verwand- 
lung der  Elemente,  sowie  der  Thierp  und  Menschen  zu  jener  Zeit  des  Jahres, 
den  gegenseitigen  Besuchen  der  Menschen  und  Götter  u.  s.  w.  —  Demnächst 
folgt  des  Werkes  zweite  Abtheilung:  „Die  orientalischen  Uusterb- 
lichkeitslehren".  Erstes  Buch:  Vorderasiatische  und  egyptische 
Unsterblichkeitslehren.  Es  wirft  auch  einen  Blick  auf  die  Etrusker  und 
Kelten.  Bei  Gelegenheit  der  babylonischen  Mythe  von  Omorka  bemerkt  Menzel, 
daß  derselbe  Gedanke  und  nahezu  dieselben  Namen  in  der  Edda  wiederkehren, 
wo  aus  dem  Kampfe  der  Kälte  mit  der  Hitze  der  Riese  Ymir,  der  Inbegrifi' 
der  gesammtcn  Materie  entstehe  u.  s.  w.  —  Zweites  Buch:  Indische  Un- 
sterbliclikeitslehre.  —  Dritte  Abtheilung:  Die  altgriechische  Un- 
sterblichkeitslehre. „In  Bezug  auf  die  Griechen,  unstreitig  das  geistreichste 
Volk  der  alten  Welt,  war  ich  bemüht",  sagt  Menzel  im  Vorwort  (Bd.  I  S.  V), 
„ohne  Misskeunung  der  Einflüsse,  welche  dasselbe  vom  Orient  und  auch  wohl 
vom  Norden  her  empfangen  hat,  doch  in  den  verschiedenen  Stadien  seiner 
geistigen  Entvvickelung  seine  Originalität  sicher  zu  stellen.  Es  ist  mir  dabei 
mehr  und  mehr  aufgefallen,  daß  der  demokratische  Geist  in  Athen  einen  nicht 
geringen  Einfluß  auf  die  eigenthümliche  Ausbildung  hellenischer  Mythen  und 
Mysterien  ausgeübt  hat,  was  bisher  noch  zu  wenig  berücksichtigt  worden  ist." 
Erstes  Buch:  Die  cerealischen  Mysterien  der  alten  Griechen.  In 
Bezug  auf  die  Phäaken  heißt  es,  daß  etwas  Eibisches  in  ihrem  Wesen  liege, 
sofern  sie  auf  dem  Meere  mit  Gedankenschnelle  dahinfahren  und  den  Odysseus 
in  einer  Nacht  in  seine  Heimat  bringen;  allein  für  Eiben  seien  sie  nicht  humo- 
ristisch genug.  Gleichwohl  scheine  ihre  ganze  Vorstellung  aus  unserm  Norden 
entlehnt  zu  sein.  ,,Nach  dem  Noi'den  weisen  uns  auch  andere  Nachrichten. 
Wir  haben  vom  paradiesischen  Sonnengarten  des  Apollo  am  Nordpol  der  Erde 
oder  im  Nordlicht  schon  im  Eingang  dieses  Werkes  gehandelt,  ebenso  von  den 
Hyperboreern,  dem  lang  lebenden  und  seligen  Volk  jenseits  des  Nordwindes.'' 
Auf  diesen  Punkt  der  nordischen  Abstammung  verschiedener  mythologischer 
Vorstellungen  der  Griechen  (vgl.  Menzels  Odin  296)  kommt  der  Verf.  auch 
sonst  noch  zurück;  so  heißt  es  in  Bezug  auf  die  samothrakischen  Weihen,  daß 
der  nordische  Einfluß  sich  an  den  Namen  des  Orpheus  anknüpfe;  in  ihm  spie- 
gelt sich  aber  nur  der  bekannte  Hauptgott  der  alten  heidnischen  Finnen, 
Wäinämöinen,  ab;  denn  auch  diesem  lauschen,  wenn  er  die  Harfe  spielt,  alle 
Thiere.  Auch  Pythagoras,  obwohl  eine  historische  Person,  sei  doch  ohne  Zweifel 
zu  einer  Personification  der  ganzen  orientalischen  und  nordischen  Weisheit  ge- 
macht worden,  und  es  sei  gewiß  bedeutungsvoll,  daß  dabei  keineswegs  die  orien- 
talische, sondern  die  nordische,  keltische  und  germanische  Weisheit  die  Haupt- 
rolle spiele.  Man  dürfe  annehmen,  daß  der  Glaube  an  die  Unsterblichkeit  der 
Seele,  der  in  den  Mysterien  der  Griechen  gepflegt  wurde,  mehr  nach  der  edlern 
nordischen  Vorstellungsweise,  als  nach  der  Seelenwanderungslehre  des  Orients 
gemodelt  worden  ist.  Ferner  heißt  es  weiterhin  (2,  338):  ,.Sofern  sie  das  jung- 
fräuliche Princip  im  Lichte,  das  Ewige  und  auch  im  Wechsel  Unzerstörliche 
bedeutet,  halte  ich  die  griccliischc  Athene  dem  Namen  wie  dem  Begrifi"  nach 
für  die  nordische  Göttin  Iduna,  welche  gleichfalls  jungfräulich  und  ein  Ideal 
sittlicher  Reinheit  ist.  Der  Cultus  der  griechischen  Athene  ist  überhaupt  gleich 
dem  anderer  griechischer  Götter,  in  denen  sich  noch  der  keusche  und  ritterliche 
Charakter  des  Nordens  ven-äth,    über  Thrakien  vom  germanischen  Norden  und 


364  LITTER  A  TUR. 

nicht  über  Kleinasien  und  die  Inseln  vom  Orient  hergekommen.  Das  nordische 
Wort  Id  heißt  „wieder"  und  die  Göttin  bedeutet  das  immer  wiederkehrende 
ewige  Licht,  welches  in  der  Nacht  und  im  dunkeln  Winter  doch  niemals  unter- 
geht, sondern  immer  gleich  schön  und  jung  wieder  da  ist.  .  .  Ich  stehe  nicht 
an,  in  dem  Namen  der  Göttin  (Itonia,  Iduna)  das  Ideal  schlechthin  oder 
die  reine  Idee,  das  Höchste  und  Edelste  in  der  Geisterwelt,  wie  das  Licht  in 
der  Körperwelt,  zu  erkennen.  'iSeiv  heißt  im  Griechischen  sehen,  tdia  das 
Bild,  aber  auch  das  Urbild,  das  Ideal.  Pallas,  der  zweite  Name  der  Göttin, 
hilngt  ohne  Zweifel  mit  Baal,  Belus,  Apollo,  Baidur  zusammen,  und  drückt  den 
GrnndbcgrifF  des  Lichten  und  Schönen  aus".  Andere  auf  den  Norden  bezügliche 
Stellen  übergehe  ich.  —  Zweites  Buch:  Orphische  und  Pythagoräische 
Unsterblichkeits lehre.  Aus  dem  ersten  Abschnitte :  .Ȇbergang  des  Pflicht- 
bewußtseins in  die  Bußfertigkeit",  sind  bereits  die  sich  auf  den  nordischen 
Einfluß  beziehenden  Stellen  mitgetheilt  worden.  —  Drittes  Buch:  Die 
dionysischen  Mysterien,  wovon  der  erste  Abschnitt  den  bereits  er 
wähnten  ,. Zusammenhang  des  dionysischen  Cultus  mit  der  Demokratie  in  Athen" 
darlegt.  In  dem  Abschnitt  „Verhältniss  der  Dionysien  zur  Athene"  heißt  es: 
„Wie  weit  auch  der  noch  in  seiner  Verklärung  sinnliche  und  materialistische 
Dionysos  von  der  rein  geistigen  und  ewig  jungfräulichen  Athene  abzustehen 
scheint,  so  ist  er  doch  in  der  orphischen  Spcculation  mit  ihr  verbunden  wor- 
den und  das  Bindeglied  zwischen  beiden  war  Nysa,  das  Naturcentrum  im 
Nordpol,  von  wo  alle  Durchdringung  des  materiellen  Raums  mit  Geist  und 
Segen  ausgegangen  ist.  .  .  Diodor  erwähnt  auch  daneben  einer  volkreichen 
Stadt  und  läßt  den  Gott  Dionysos,  als  er  erwachsen  ist,  mit  dem  Volk  der 
Nysaeer  ausziehen,  um  die  Libyer  zu  überwältigen.  Von  diesem  interessanten 
Kriege  nun  haben  unsere  großen  Akademiker,  trotz  ihrer  weltberühmten  Gelehr- 
samkeit, niemals  das  geringste  Verständniss  gehabt,  ja  davon  kaum  Notiz 
genommen.  Es  handelt  sich  aber  gerade  hier  von  einem  hellen  Licht,  das  in 
die  Grundlehren  des  classischen  Heidenthums  fällt.  Denn  Diodor  bringt  in  der 
geheimnissvollen  Höhle  zu  Nysa  den  jungen  Gott  Dionysos  in  die  engste  Ver- 
bindung mit  der  jungfräulichen  Pallas  Athene,  die  seine  Jugend  pflegt  und 
beschützt.  Sie  ist  das  ewige  jungfräuliche  Licht,  die  reinste  und  heiligste  Auf- 
fassung des  göttlichen  Geistes  der  hellenischen  Gedankenwelt.  Sie  muß  den 
jungen  Dionysos  leiten  und  beschützen,  weil  er  berufen  ist,  durch  Selbstauf- 
opferung dereinst  die  Mensi'hheit  zu  erlösen.  In  demselben  Sinne  steht  bekannt- 
lieh auch  Pallas  Athene  dem  Herakles  und  allen  Heroen  der  Humanität 
bei.  Bevor  aber  Dionysos  seine  Mission  in  der  Menschheit  beginnen  kann, 
müssen  erst  die  bösen  Naturgewalten  überwunden  sein,  muß  die  Erde  erst  zur 
Wohnstätte  der  Menschen  bereitet  sein.  Dem  sittlichen  Kampfe  muß  ein  Kampf 
mit  den  rohen  Elementen  vorangehen.  Das  ist  nun  nach  Diodor  der  Kampf  der 
Nysaeer  gegen  die  Libyer,  dasselbe  was  der  Titanen-  und  Gigantenkrieg.  Libyer 
aber  werden  die  feindlichen  Mächte  genannt,  weil  Libyen  für  das  südlichste  Land 
galt,  alles  Böse  aber  vom  Südpol  herkommen  sollte,  wie  alles  Gute  vom  Nord- 
pol. .  .  Der  Kriegszug  des  Dionysos  nach  Indien,  den  der  späte  Dichter  Nonnos 
.im  ausführlichsten  beschrieben  hat,  spiegelt  uns  wahrscheinlich  jenen  ältesten 
Krieg  der  Nysaeer  wieder  ab".  —  Viertes  Buch:  Die  Gräbersymbolik 
der  alten  Griechen.  —  Wir  kommen  nun  zu  der  vierten  Abtheilung: 
Die     altdeutsche     Unsterblichkeitslehre,    worüber     sich     Menzel     am 


LITTERATUK.  365 

Schluß  des  Vorworts  folgendermaßen  äußert:  „Neu  sind  im  vorliegenden  Werke 
vorzugsweise  auch  die  Forschungen  über  die  altdeutsche  Unsterblichkeitslehre. 
Hier  war  am  meisten  aufzuräumen.  Ich  glaube  endlich  einmal  die  Verwirrung 
der  Begriffe  beseitigt  zu  haben,  in  welcher  man  sich  bisher  herumgetrieben 
hat,  ohne  Weg  und  Ziel  zu  finden.  In  allem  aber,  was  ich  über  die  altdeutsche 
Unsterblichkeitslehre  ermittelt  habe,  liegt  zugleich  der  Beweis,  daß  unsere  Vor- 
fahren wie  in  der  Welt  der  Thaten,  so  in  der  Welt  der  Gedanken  originell 
und  den  bedeutendsten  Völkern  des  Alterthums  ebenbürtig  waren.  Man  wolle 
also  mein  Buch  den  patriotischen  Bestrebungen  emi-eihen,  die  mein  ganzes 
Leben  ausgefüllt  haben. "  Erstes  Buch.  Das  Kechtsverhältniss  zwischen 
Zeit  und  Ewigkeit.  Den  ersten  Abschnitt  bildet  „der  Grundgedanke  des 
deutschen  Heideuthums",  und  hier  heißt  es  so:  „Die  germanische  Glaubens- 
lehre schließt  ßich  in  ihren  Grundzügen  zunächst  an  die  altpersische  an.  Mit 
dem  persischen  Urgeist  Zaruana  akarana ,  der  nie  handelnd  hervortritt,  son- 
dern die  Weltlenkuug  zwischen  dem  guten  und  bösen  Princip,  Ormuzd  und 
Ahiiman,  theilt,  und  dem  Altvater  der  nordischen  Edda,  der  ebenso  indifferent 
bleibt  und  für  sich  erst  den  bösen  Odin,  nach  diesem  aber  den  guten  Baidur 
die  Welt  regieren  läßt,  besteht  eine  auffallende  Übereinstimmung.  Man  findet 
aber  auch  eine  Anlehnung  der  nordischen  Glaubenslehre  an  die  altägyptische, 
wenigstens  insofern,  als  Seb,  wie  wir  oben  sahen,  den  Ägyptern  zugleich  als 
das  böse  Princip  und  als  die  personificierte  Zeit  galt.  Diese  Vorstellung  kehrt 
im  nordischen  Ileidenglauben  wieder;  denn  auch  Odin  ist  die  personificierte 
Zeit.  In  der  weitern  Ausführung  der  Grundgedanken  weicht  aber  der  Norden 
von  Persien  wie  von  Ägypten  ab  und  nähert  sich  der  griechisch-römischen  Vor- 
fitellungsweise.  Als  die  Eömer  nämlich  mit  den  Deutschen  bekannt  wurden, 
glaubten  sie  in  deren  Hauptgott  Odin  ihren  Mercurius  wiederzuerkennen,  und 
ihre  Geschichtschreiber  haben  ihn  auch  nie  anders  genannt.  Im  Mercur  liegt 
aber  wieder  deutlich  der  Zeitbegriff  des  Fortschreitens  der  Zeit  im  ewigen 
Wechsel  von  Tag  und  Nacht,  Sommer  und  Winter.  Von  besonderm  Interesse 
ist  hier,  daß  sich  die  Griechen  und  Römer  ihren  Hermes  und  Mercur  ebenso 
vorzugsweise  schlau  und  rücksichtslos  gedacht  haben  wie  die  Deutschen  ihren 
Odin,  nur  mit  dem  Unterschiede,  daß  sie  ihn  nicht  zu  ihrem  höchsten  Gott 
machten  und  auch  nicht  vorzugsweise  zu  ihrem  Heerführer  und  Kriegsgott." 
Weiterhin  bemerkt  der  Verf.:  „Der  Gegensatz,  in  welchem  Frigg  und  Bryn- 
hildur  sich  mit  Odin  befinden,  der  Gegensatz  einer  rechtschaffenen  Frau  und 
edeln  Jungfrau  gegen  den  Egoismus  und  die  rücksichtslose  Willkür  des  Mannes, 
entspricht  auf  merkwürdige  W^eise  dem  in  den  griechischen  Mysterien,  besonders 
in  den  Eleusinischen,  vorherrschenden  Gedanken,  das  Recht  wurzle  im  weib- 
lichen Principe,  Freiheit  und  Willkür  dagegen  im  männlichen.  Ich  habe  darauf 
bei  Betrachtung  des  Mythus  von  Demeter  und  Persephone  aufmerksam  gemacht, 
im  deutschen  Heidenglauben  tritt  aber  der  Gegensatz  noch  deutlicher  und 
schärfer  hervor.  .  .  Derselbe  Gegensatz  wiederholt  sich  im  VerhältnijS  Odin's 
zu  Baidur.  Wenn  der  letztere  ein  Sohn  Odin's  genannt  wird,  so  wird  dadurch 
nur  angedeutet,  daß  wir  uns  Baldur's  Tod  als  einen  Vorgang  innerhalb  der 
Zeitlichkeit  unter  Odin's  Herrschaft  denken  sollen.  Beide  Götter  sind  einander 
im  Princip  so  entgegengesetzt,  daß  sie  wie  Oimuzd  und  Ahriman  jeder  seinen 
besondern  Zeitraum  beherrschen  sollten.  Man  ließ  aber  den  Baidur  noch  in 
Odin's  Zeit  leben  und  sterben,  um  seinen  Tod  durch  die  Nichtswürdigkeit  der 

GERM.\NIA.  Neue  Reihe  IV.  (XVI.)  Jahrg.  25 


366  LITTERATUR. 

odinischen  Weltlierrschaft  zu  motivieren.  Denn  Baidur  starb  aus  keinem  andern 
Grunde,  als  weil  er  zu  gut  für  diese  Welt  Odin's  war.  Deshalb  soll  er  nun 
auch  wieder  aufleben  und  die  Welt  dauernd  beherrschen,  wenn  erst  Odin  todt 
sein  wird."  Ferner  bemerkt  Menzel,  der  größte  Unterschied  zwischen  der  ger- 
manischen und  griechischen  Anschauung  bestehe  darin,  daß  nach  der  erstem 
die  Freuden  in  Walhalla  keineswegs  ewig  dauern,  daß  vielmehr  alle  seine 
Genossen  mit  Odin  selbst  im  letzten  großen  Weltkampfe  untergehen  sollen, 
Allvater  aber  einen  neuen  Himmel  und  eine  neue  Erde  schafft.  Diese  Bescheiden- 
heit des  nordischen  Kraftgefühls  sei  ein  schöner  Charakterzug  des  Germanismus ; 
man  unterschied  die  Lust  des  Kampfes,  die  einen  ewigen  Werth  nicht  anzu- 
sprechen hat,  von  dem  sittlichen  Adel  des  Helden.  Nur  diesem  letztern  kommt 
der  ewige  AVerth  zu,  und  zwar  um  so  gewisser,  als  er  im  irdischen  Lebeu 
unter  der  Herrschaft  Odin's  von  diesem  selbst  mit  Hass  verfolgt  und  mit  Ge- 
fahren umringt  wurde.  Indem  am  Ende  der  Zeit  der  allherrschende  böse  Odin 
untergehen  muß,  steht  der  durch  den  Adel  der  Seele  über  das  Gemeine  er- 
habene Held  in  Baldr  wieder  auf,  und  nur  deshalb  tritt  er  auch  schon  im 
irdischen  Dasein  in  innige  Verbindung  mit  der  Göttin,  welche  ewigen  Ursprungs 
und  berufen  ist,  die  Zeit  und  Odin's  Herrschaft  zu  überdauern,  doch,  so  lange 
dieselbe  währt,  unter  ihr  leiden  muß.  —  In  dem  Abschnitt  „Von  der  Sonnen- 
anbetung" will  der  Veif.  den  Cultus  der  Sonne,  als  der  höchsten  weiblichen 
Gottheit  im  deutschen  Heidenthum,  aus  einer  „Ungeheuern"  Menge  von  über- 
einstimmenden Zeugnissen  nachweisen,  denn  nicht  nur  fremde,  sondern  auch 
deutsche  Gelehrte  haben  bis  auf  die  neueste  Zeit  den  tiefgreifenden  Unter- 
schied nicht  begriffen,  und  suchen  immer  noch  männliche  Sonnengötter  in  den 
altnordischen  Edden  und  Saga's  und  in  den  heidnischen  Erinnerungen  des 
deutschen  Volkes.  Der  Grund,  warum  man  im  Süden  die  Sonne  männlich,  im 
Norden  weiblich  dachte,  liege  aber  nahe.  Im  Süden  übt  die  Sonne  eine  über- 
wältigende Macht  und  erscheinen  der  Norden  und  die  Nacht  mit  ihrer  Kühle 
und  ihrem  Monde  zwar  untergeordnet,  aber  wohlthätig  und  erfrischend;  im 
Norden  haben  umgekehrt  Nacht  und  Kälte  das  Übergewicht  und  erscheint 
ihnen  die  Sonne  mit  ihrer  Wärme  und  Fruchtbarkeit  untergeordnet,  aber  wohl- 
thätig und  in  hohem  Grade  anziehend.  Die  Macht  wird  im  Manne,  der  Liebreiz 
im  Weibe  verehrt.  In  dem  folgenden  Abschnitt:  „Die  Bedeutung  der  Sonne  im 
deutschen  Heidenglauben",  bemerkt  der  Verf.,  daß,  unter  wie  vielen  außer- 
ordentlich verschiedenen  Gestaltungen  und  Namen  in  den  uns  erhaltenen  schrift- 
lichen Denkmalen,  in  den  mündlichen  Volkssagen  und  im  Aberglauben  die 
altdeutsche  Sonnengöttin  auch  vorkommt,  sie  sich  doch  alle  auf  eine  einzige 
ursprüngliche  Bedeutung  zurückführen  lassen;  sie  vertritt  nämlich  überall  nur 
das  Ewige  innerhalb  der  Zeitlichkeit  oder  das  Himmlische  im  Irdischen.  Alle 
andern  Gottheiten  des  deutscheu  Heidenthums  (der  unsichtbare  Allvater  und 
der  todte  Baldr  allein  ausgenommen,  die  gar  nicht  mehr  als  vorhanden  an- 
gesehen werden)  gehören  ausschliesslich  der  vergänglichen  Zeit  und  dem  ver- 
gänglichen Raum  der  gegenwärtigen  Welt  an  und  beherrschen  sie;  nur  die 
Sonne  allein  gehört  der  Ewigkeit  und  einer  höhern  bessern  Welt  im  Jenseits 
an,  welche  jetzt  mit  Allvater  und  Baldr  verschwunden  erscheint,  und  aus  der 
sie  durch  eine  Verwünschung  in  die  niedere  Welt  und  in  die  böse  Zeit  hinein- 
gebannt ist,  um  in  aller  Noth  derselben  doch  den  Menschen  Trost  und  Hilfe 
zu    bringen    und    sie    stets    daran  zu  erinnern,    daß  es  noch    eine    höhere    und 


LITTERATUR.  g§7 

bessere  Welt  gibt.  Vermöge  ihrer  Verwünscbung  muß  die  Sonne,  so  lange  die 
Zeit  dauert,  ihren  Kreislauf  beständig  wiederholen,  gleichsam  eine  Gefangene 
innerhalb  der  Zeit  und  unterworfen  dem  allmächtigen  Zeitgott  Odin,  der  jetzt 
unumschränkt  allein  herrscht,  der  einst  untergehen  muß,  wenn  die  Zeit  aufhört. 
Nur  in  den  heiligen  Stunden  der  Sonnenwenden  und  Tag-  und  Nachtgleichen 
ist  es  der  Sonne  vergönnt,  von  ihrem  mühsamen  Lauf  ein  wenig  auszui'uhen, 
und  dann  steht  auch  die  Zeit  stille  oder  ist  gar  nicht  mehr  vorhanden,  sondern 
an  ihre  Stelle  tritt  die  Ewigkeit  und  Allgegenwart  des  Vergangenen  und  Künf- 
tigen. —  Zweites  Buch:  Sehnen  und  Suchen  des  Ewigen  in  der  Zeit. 
Der  erste  Abschnitt  handelt  von  „Iduua's  Fall  vom  Himmel".  Das  Lied  von 
Odin's  Eabenzauber  schließt  damit,  wie  am  Morgen  die  Sonne  prächtig  am 
Himmel  aufgeht,  die  Nacht  entflieht,  und  froh  und  erfrischt  steigt  Heimdall 
nieder  zu  den  Himmelsbergen,  Darin  ist  deutlich  ein  Zusammenhang  zwischen 
jenem  trostlosen  Fall  Iduna's  und  der  Sonne  trostreichem  Wandel  ausgedrückt. 
Die  vom  Himmel  Verstoßene  wird  für  die  Erde  eine  hilfreiche  Göttin.  Daß  so 
unmittelbar  auf  die  Erzählung  des  Falls  die  prächtige  Beschreibung  des  Äforgens 
und  des  segnenden  Sonnenaufgangs  folgt,  ist  nicht  zufällig.  x\uch  heißt  es  in 
dem  Gedichte  Str.  6,  Iduna  sei  der  Name,  den  die  Göttin  bei  den  Alfen  führe, 
und  Strophe  26  wird  die  aufgehende  Sonne  wieder  ausdrücklich  die  Alfen- 
bestrahlerin  genannt.  Iduna  wird  also  Sonne;  die  jungfräuliche  Göttin,  ganz 
der  Pallas  Athene  ähnlich,  steht  über  allen  Göttern,  Avird  daher  von  allen  wie 
fremd  betrachtet,  Sie  kommen  in  große  Noth  und  Angst  und  wissen  nicht  was 
sie  thun  sollen,  indeß  Iduna  sich  für  sie  opfert  und  von  der  Weltesche  nieder- 
steigt, um  die  Welt  zu  segnen,  welche  durch  die  Sünde  der  Äsen  verdorben 
wurde,  Sie  allein  weiß  und  thut  alles,  während  die  Äsen  zagen;  da  fühlen  sie 
sich  plötzlich  von  höherer  Macht  ergriffen  und  fallen  in  tiefen  Schlaf,  und  als 
sie  wieder  erwachen,  sehen  sie  staunend  die  Sonne  aufgehen,  deren  Entstehen 
und  Bedeutung  sie  nicht  kennen.  Weiterhin  bemerkt  Menzel,  daß  die  rauhe 
Trude  dasselbe  Wesen  scheine  wie  die  rauhe  Else  und  insofern  mit  Iduna 
identisch  ist,  als  auch  diese  im  rauhen  Kleide,  im  Wolfspelz  eingehüllt  er- 
scheint, nachdem  sie  vom  Himmel  herabgefallen.  Im  Wolfspelz  erkennen  wir 
die  Wolfsgestalt  wieder,  welche  Leto,  die  Urnacht,  annahm,  als  sie  aus  dem 
Lande  der  Hyperboreer  jenseits  der  Nordwinde  flüchten  mußte,  um  im  Osten 
die  Lichtgötter,  Sonne  und  Mond,  zu  gebären.  Derselbe  Mythus  sogar  mit  dem- 
selben Namen  kehrt  wieder  in  einem  böhmischen  Märchen  bei  Waldau  S.  502 
und  so  noch  in  vielen  andern  Mäichen  und  Sagen,  z.  B.  bei  Grimm  No.  65 
„Allerlei  rauh"  u.  s.  w.  Der  Sonnengöttin  werden  wir  bald  wieder  begegnen 
so  gleich  in  dem  folgenden  Abschnitt  „Lufthildis",  in  deren  Sage  der  schlafende 
Kaiser  wie  der  im  Kyffhäuser  und  im  Uuterberge  nichts  anderes  als  den  schlafen- 
den Chronos,  den  nordischen  Allvater,  den  in  der  Zeitlichkeit  latenten  Gott  der 
Ewigkeit  bedeutet,  Lufthildis,  deren  Name  eine  Hilde  oder  Kämpferin  der  Luft 
anzeigt,  ist  die  Sonne,  welche  während  der  Zeitlichkeit  umläuft  und  den  um- 
laufeneu Raum  beherrscht:  als  Spinnerin  spinnt  sie  alle  Lebensfäden  an  und 
webt  der  Erde  ihr  Kleid,  Ihre  Spindel  ist  der  Pflug,  den  die  Mutter  Perchta 
um  die  Erde  zieht  mit  dem  unzähligen  Volke  der  Heimchen ,  d.  h,  der  Keime 
und  Saaten;  der  Hirsch  ist  das  Sinnbild  der  Zeit.  Nun  wird  auch  das  Sinnbild 
des  großen  Spinnrockens  am  Himmel  (das  Sternbild  des  Orion)  deutlicher. 
Während  im  Nordpol  am  Himmel  Allvater  schläft,  bewegt  sich  jener  himmlische 

25* 


368 


LITTERATUR. 


Spinnrocken    im   weiten  Kreise    um    ihn    her;    während    die  Ewigkeit    in  einem 
Punkte   ruht,   l^mschrcibt  die  Sonne  die  Kreislinie  der  Zeit.   Beachtenswerth   dabei 
ist  die  Güte  Lnfthildens,    ihre  Sorge  für  die  Armen   und  ihre  Heilkunde.    Das 
stimmt    auf  das  genaueste  mit  allen  unsern  zahlreichen  Volkssagen  von   der  in 
der  Verbannung  lebenden  Sonnengöttin,    der  guten   Spinnerin  Bertha,   der  heil- 
kundigen Hildegard  u.  s.  w.  zusammen.   —  In  dem  Abschnitt   „Freyja"    äußert 
sich  der  Verf.   dahin,  daß   das  gothische  Wort  fr  au  ja  die  Frau,  überhaupt  die 
Herrin  bedeute,  und  insofern  die  Liebesgöttin  Freyja  und  die  Gemahlin  Odins, 
Frigg,  zusammenfallen;   sie  sind  beide  Herrinnen,  aber  in  verschiedenen  Gebieten. 
Indem   man   sie   miteinander  verwechselt  habe,    sei   viele   Verwirrung  in   die  Er- 
klärung   ihrer  Mythen    gekommen,    hauptsächlich    dadurch,     daß   man   geglaubt 
liat,   in   ihrem  Geliebten  Odur  oder  Ottar  sei  Odin   versteckt  und   insofern  Freyja 
auch    mit    der   Frigg    ursprünglich    identisch.    Das   sei   eine  falsche   Auffassung; 
man    müsse    das  Götterpaar  Odin-Frigg    ganz    bei   Seite  lassen,   wenn  man  den 
Begriff  der  Freyja  richtig  fassen  wolle;   der  Umstand,  daß  in  nordischen  Quellen 
einigemal  von    der  Frigg  und   Freyja    dasselbe    erzählt  werde,    obgleich  es  nur 
auf   eine    passe  ,    sei    durchaus    nicht  maßgebend.    Als  Endeigebniss  der  Unter- 
suchung  zeige   sich,    daß   Freyja,    eine   Vanin   und  ursprünglich   den   nordischen 
Äsen    fremd,    neben   Freyr    wie  Köre    neben  Koros    von    südlichen    und    acker- 
bauenden Völkern  verehrt,   in  einer  unbekannten  Zeit  von  den  nordischen  Völkern 
adoptiert  und   auf  die  Sonnengöttin  übertragen  wui-de.   Das  ewige  Wesen  in  der 
Sonne  verliert  von   seiner  Reinheit  und   nimmt  einigermaßen   zeitlichen  Charakter 
an,    indem    sie    gerade    im    höchsten   Sonnenstände    ihre    meiste  Gewalt  in  der 
Natur  ausübt.  Das  hindert  aber  nicht,   daß   in  Freyja  auch  wieder  jener  ewige 
Charakter    festgehalten    wird ;     ihr  Verhältniss    zum    verlorenen   Odur    ist    unter 
anderm  Namen  nun   ganz  dasselbe,   wie  das  der  Nanna  zum  verlorenen  Baidur. 
Endlich   geht  Freyja   aus   ihrer  ursprünglich   untergeordneten  Stellung  als  Vanin 
weit    hinaus  und   wird  unter  dem  Namen  Hacberta  die  höchste  Gottheit  selbst, 
über  allen  andern  Göttern   erhaben  und  unter  dem  Namen  Valfreyja  als  Königin 
der  Walkyrien    oder  als  die  Fee  Morgane  die  von  allen  andern  Göttern  unab- 
hängige Beschützerin  der  edelsten  menschlichen  Helden,  wie  Pallas  Athene  bei 
den   Griechen.    Dieses  Ineinanderschieben    so  vieler  Namen    und  Begriffe    dürfe 
eben  nicht  befremden,    denn   es  seien  doch  nur  alles  Nebenbegriffe,    abgeleitet 
aus    dem    alleinigen  Begriffe    der  Sonne.  —  Drittes  Buch:    Die  Erlösung 
am  Ende  der  Zeit.  Nachdem  der  Verf.  bisher   die  mythischen  Vorstellungen 
verfolgt    hat,    die    sich    auf   den  Lauf   der  Sonne  beziehen,    so  kommt  er  hier 
auf  die  zahlreichen    andern  zu  sprechen ,    in  welchen    die   Sonne    als  an   einem 
bestimmten    Punkt    des    verlorenen    Geliebten    harrend    gedacht    ist;    so    handelt 
der  zweite  Abschnitt  von  der   „verwünschten,   auf  ihren  Erlöser  harrenden  Jung- 
frau",  und   der  Verf.  bemerkt  in  dieser  Beziehung,   daß   das  Wesen  der  betreffen- 
den  Göttin    „bisher    noch    niemals    richtig    erkannt,    die    überwältigende   Menge 
von  Beweisstellen,   wie  er  sie    im  gegenwärligen  Werke  vorlege,    noch    niemals 
zusammengeti-agen  wurde".   Über  Menglöd  und  Fiölsvinnsmäl  bemerkt  der  Verf., 
daß  die  harrende  Jungfrau  niemand   anders  sei   als  jenes  Wesen,  das  wir  schon 
als  Iduna,   Nanna  und  Brynhild   kennen,   und   das  Lied  uns  in   die  Zeit  versetze, 
in   welcher   Iduna's  Verbannungszustand    endet,    sie   axis   der   Zeitlichkeit    befreit 
und    zur    ewigen    Heimat    zurückgeführt  wird.    Ihr  Erlöser    aber    ist    der    lang- 
ersehnte Geliebte,  nicht  mehr  Skirnir  noch  auchSigurd,  sondern  Baldr,   der  ein- 


I^ITTERATUR.  369 

zige  Gott,  der  die  andern  überleben  wird.  —  Viertes  Buch:  Altdeutsche 
Grräbersymbolik.  —  Demnächst  folgt  die  fünfte  und  letzte  Abtheilung: 
Die  Apotheose  ein  ausschliesslich  griechisch-germanischer  Ge- 
danke. Hier  äußert  sich  der  Verf.  in  Bezug  auf  Sigurd  dahin,  daß  er,  das 
germanische  Ideal  eines  Jünglings,  sich  von  Achilleus  dunh  schwerere  Arbeiten 
und  Kämpfe  unterscheide  und  darin  dem  Herakles  näher  komme,  sich  aber  von 
beiden  durch  sein  Verhältniss  zu  der  großen  Blutrache  unterscheide,  die  nach 
der  germanischen  Weltansicht  die  ganze  Weltgeschichte  durchläuft,  mit  ihr 
beginnt  und  endet;  diese  Blutrache  aber  ist  Buldr"s  Mord  für  Ymir's  Mord, 
sowie  der  Mord  Sigurd's  die  Blutrache  ist  für  den  Otr"s.  Der  Gedanke,  wenn 
die  Zeitlichkeit  bestehen  sille,  müsse,  was  in  ihr  das  Piincip  des  Ewigen  in 
sich  trägt,  hingeopfert  werden,  scheint  tief  in  Gemüth  und  Sitten  eingeprägt 
gewesen  zu  sein.  Für  die  Materie  (Ymir)  muß  der  Geist  in  seiner  höchsten 
Reinheit  und  Schönheit  (Baldr),  für  das  gemeine  Lebensbedürfuiss  (das  Gold, 
Otr)  das  höchste  Ideal  menschlicher  Unschuld,  Reinheit  und  Gottähnlichkeit 
(Sigurd)  geopfert  werden.  Sigurd's  Arbeiten  und  Kämpfe  sind  noch  niemals 
richtig  verstanden  worden.  Der  Grundgedanke  ist:  Sigurd,  als  der  wahre  Ver- 
treter und  das  Ideal  menschlichen  Heldenthums,  berührt  den  Himmel  und  die 
Hölle,  dringt  mit  seinem  angeborenen  Heldenmiah  bis  zur  Höhe  des  Himmels 
und  in  die  tiefe  Nacht  der  Erde,  um  dort  wie  hier  sich  das  Herrlichste  und 
Köstlichste  anzueignen.  Die  Sage,  deren  Gunnar  eine  andere  Form  für  Loki 
ist,  hat  in  die  Heldenzeit  versetzt,  was  ursprünglich  Göttermjthus  war,  —  In 
dem  letzten  Abschnitt  dieses  Buches  und  des  ganzen  Werkes  wird  über  die 
Fee  Morgana  bemerkt:  „Wie  sich  das  Gegenbild  zu  Brynhilldur  an  den  Ge- 
staden der  Nordsee  ausgebildet  hat,  ob  vielleicht  unter  keltischem  Einfluß,  ist 
nicht  mehr  zu  ermitteln.  Gewiß  aber  ist,  daß  die  Fee  Morgana  in  einem  rei- 
chen keltisch-germanischen  Sagenkreise  ebenso  edel  als  Brynhilldur  und  ebenso 
besorgt  um  den  höchsten  Adel  menschlichen  Heldenthums  wie  sie,  doch  zugleich 
im  Besitze  höchster  und  unumschränkter  Macht  ist  und  keinen  bösen  Gott  neben 
sich  mehr  zu  fürchten  hat.  .  .  Sie  ist  wahrscheinlich  die  Sonnengöttin,  aber  das 
ewige  Princip  in  der  Sonne,  während  das  zeitliche  Princip  in  dieser  im  Wechsel 
von  Sommer  und  Winter,  Tag  und  Nacht  in  andern  mehr  leidenden  Sonnen- 
göttinnen personificiert  ist.  .  .  Da  sich  die  Luftspiegelung  am  häufigsten  am 
Morgen  zeigt,  bedeutet  der  Name  der  Göttin  auch  wohl  nur  einfach  den  Mor- 
gen. .  .  Was  die  edle  Brynhilldur  für  Sigurd,  das  ist  die  Morgane  für  den  Ogier 
von  Dänemark,  der  auch  Olger  Danske  heißt.  .  .  Es  scheint  sich  hier  von  sehr 
alten  und  wohl  später  vielfach  umgemodelten  Erinnerungen  zu  handeln.  Däne- 
mark dürfte  schwerlich  die  Heimat  des  Helden  sein.  In  dem  Wort  Danske  liegt 
vielmehr  der  Begriff  eines  mit  der  Geisterwelt  in  Verbindung  kommenden  Hel- 
den, wie  der  Temmringer,  Ritter  Tynne,  der  Tannhäuser,  Thomas  von  Ercel- 
doune  etc.  beweisen.  Im  Namen  des  irischen  O'Donoghue  sind  die  Namen  Danske 
und  Ogier  nur  versetzt  *).  .  .  Die  Namen  führen  weit  zurück  in  die  dunkelsten 
Erinnerungen  der  Vorzeit  unserer  Urväter  in  Asien.  Am  auffallendsten  ist  eine 
persische  Erinnerung."  Dies  ist  die  Sage  von  Thamuras  oder  Thahamurath, 
die  der  Verf.  bereits  Bd.  I  S.  220  besprochen  hat  und  auf  die  ich  unten  des 
weitern  zurückkomme,   weshalb  ich  hier  auch   noch   den   auf  dieselbe   bezüglichen 


*)  Warum  hat  M.  nicht  auch  angeführt,  daß  die  Todten  gr.  Jävot,  heißen? 


370  LITTERATÜR. 

Schluss  des  ganzen  Werkes  mit  Auslassung  weniger  Worte  vollständig  mittheilen 
will.  „Es  ist  gewiß  merkwürdig,  heißt  es  daselbst,  daß  die  Vorstellung  von  einer 
himmlischen  Huldgöttin,  die  einen  Sterblichen  liebt  und,  wenn  er  es  verdient, 
in  ihren  Himmel  emporzieht,  sich  auch  sogar  in  Märchen  des  Orients  wieder- 
holt. Sie  sind  wohl  nicht  erst  aus  dem  Abendland  entlehnt,  sondern,  wie  die 
altpersische  Sage  von  Tamureh  beweist,  wenigstens  bei  den  tapfern  Stämmen 
Mittelasiens,  von  wo  Griechen  und  Germanen  ursprünglich  herkamen,  einheimisch- 
Es  scheint  in  der  Natur  selbst  zu  liegen,  daß  heroische  Völker  oder  wenigstens 
das  heroische  Zeitalter  eines  Volkes  auf  solche  Vorstellungen  fallen  müssen. 
Irdischer  Lohn  und  Ruhm  scheint  zuweilen  zu  gering,  um  den  würdig  belohnen 
zu  können,  der  mehr  vollbracht  hat,  als  der  gewöhnliche  Mensch  vermag.  Aus 
diesem  Gefühl  ging  die  Apotheose  des  Herakles  und  Achilleus  hervor,  und 
warum  sollte  dasselbe  Gefühl  nicht  auch  im  Orient  Helden  durchdrungen  haben? 
Die  poetische  Vorstellung  von  der  die  Helden  schirmenden  Huldgöttin  hatte 
aber  auch  noch  ein  anderes  Motiv ,  wie  es  in  der  nordischen  Sage  von  Bryn- 
hilldur  vorliegt.  Gegenüber  dem  offenen  Unrecht,  welches  von  den  die  Zeitlich- 
keit beherrschenden  Göttern  und  Königen  begangen  wird,  besteht  ein  uralter 
Bund  zwischen  sterblichen  Helden,  die  sich  gegen  das  Unrecht  empören,  und 
der  jungfräulichen  Göttin  des  ewigen  Rechts,  das  zwar  durch  übermächtige 
Bosheit  im  zeitlichen  Leben  unterdrückt  werden  kann,  doch  alles  Zeitliche  über- 
dauern wird.  Solchen  heroischen  Gefühlen  waren  auch  die  kriegerischen  Völker 
des  Orients  keineswegs  verschlossen.  Wenn  sie  auch  mit  dem  verhältnissmäßig 
später  zur  Herrschaft  gelangten  religiösen  Systeme  der  Brahmanen,  des  Budd- 
hismus und  des  Islam  nicht  übereinstimmen,  so  haben  sie  sich  doch  durch 
Überlieferung  in  der  Märchenpoesie  fortgepflanzt.  Die  Tradition  geht  wohl  zu- 
meist auf  skythische  und  altpersische  Vorstellungen  zurück.  Die  Perser  waren 
ein  Heldenvolk  wie  die  Germanen,  und  vieles  von  ihnen  ist  in  die  heroische 
Poesie  der  Muhamcdaner  übergegangen.  So  die  Lehre  von  den  himmlischen 
Schutzgeistern,  welche  die  muhamedanische  Poesie  unter  dem  Namen  der  Peri 
noch  immer  als  mächtige  Feen  kennt,  ganz  ähnlich  der  abendländischen  Fee 
Morgane.  Es  gibt  eine  gute  Anzahl  morgenländischer  Märchen,  in  welchen  die 
den  jungen  Helden  beschützende  Fee  als  Königin  des  Himmels  in  der  freiesten 
und  machtvollsten  Stellung  erscheint.  AVeil  aber  diese  Märchen  nur  zur  Unter- 
haltung der  Damen  in  den  Haremen  aufgezeichnet  und  umgearbeitet  wurden, 
so  enden  sie  gewöhnlich  damit,  daß  die  hohe  Himmelskönigin  sich  gutmüthig 
herablässt,  dem  sterblichen  Manne  in  seinen  Harem  zu  folgen  und  die  Zahl 
seiner  Weiber  zu  vermehren.  .  .  Diese  trivialen  und  eigentlich  absurden  Schluss- 
scenen,  mit  welchen  die  spätem  morgenländischen  Dichter  die  schönen  alten 
Märchen  verunstaltet  haben,  sind  sichtbar  nur  aufgeklebt,  und  ein  edleres 
Original  läßt  sich  immer  deutlich  trotz  de;-  Übertünchung  erkennen." 

Hiermit  schließt  das  Werk ,  von  dem  ich  im  Vorstehenden  eine  ge- 
drungene Übersicht  gegeben,  sowie  dabei  einige  charakteristische  Stellen  her- 
vorgehoben und  meist  wörtlich  mitgetheilt  habe.  Man  wird  daraus  auch  unter 
anderm  ersehen,  daß  dasselbe  sich  mit  der  frühern  Arbeit  Menzel's  über  „Odin" 
sehr  oft  berührt  und  auf  darin  ausgesprochene  Ansichten  zurückkommt  oder 
sie  weiter  entwickelt,  so  daß  beide  Schriften  sich  dann  gegenseitig  ergänzen, 
was  deutlicher  hervorträte,  wenn  der  „Odin"  irgend  ein  Inhaltsverzeichniss  oder 
Register  besässe.    Außerdem  wird    man    leicht    ersehen    haben ,    daß  in  der  vor- 


LITTERATUK.  371 

liegenden  Arbeit,  abgesehen  von  der  sehr  willkommenen  Zusammenstellung  der 
unter  den  verschiedenen  Völkern  des  Alterthums  über  den  behandelten  Gegen- 
stand herrschenden  Vorstellungen ,  von  dem  Verf.  auch  mancherlei  neue  An- 
Bichten  über  dieselben  mitgetheilt  sind ,  obwohl  im  Obigen  sie  nicht  sämmtlich 
haben  berührt  werden  können.  Ob  dieselben  auch  als  begründet  erscheinen, 
darüber  wird  man  freilich  zuweilen  verschiedener  Ansicht  sein;  auf  einen 
Umstand  aber  muß  ich  hier  aufmerksam  machen,  der  dabei  in  Betracht  kom- 
men muß,  insoweit  nämlich  jene  Ansichten  des  Verf.  durch  Anführungen  aus 
mancherlei  Schriftstellern  gestützt  sind.  Nun  ist  es  fast  unmöglich,  die  große 
Zahl  von  Citaten,  die  sich  gewöhnlich  in  gelehrten  Werken  vorfinden,  zu  con- 
trollieren;  und  auch  im  vorliegenden  Falle  habe  ich  nur  hin  und  wieder,  wo 
auffällige  Thatsachen  oder  Umstände  mitgetheilt  waren,  dieselben  in  den  dabei 
angegebenen  Quellen  nachgesehen,  dabei  aber  oft  entweder  das  Gesuchte  gar 
nicht,  oder  etwas  ganz  Anderes  gefunden,  was  dann  allerdings  zuweilen  auf  die 
Haltbarkeit  der  betreffenden  Ansichten  einen  sehr  abschwächenden  Einfluß  haben 
muß.  Einige  Beispiele  sollen  dies  beweisen;  so  heißt  es  1,  51:  „Im  Hohenlied 
6,  10  tönt  die  Sonne."  Davon  steht  daselbst  nichts;  bei  Luther  wenigstens 
heißt  es:  „auserwählt  wie  die  Sonne",  und  Ernst  Meier  (Das  Hohelied  u.  s.w. 
Tübingen  1854),  der  da  übersetzt  „so  rein  wie  die  Sonne",  bemerkt  nichts  zu 
dieser  Stelle.  Was  es  mit  dem  Psalm  19,  5  „Klang"  für  eine  Bewandtniss  hat, 
weiß  ich  nicht  zu  sagen,  da  ich  keinen  Commentar  zur  Hand  habe;  Luther 
übersetzt  „Rede",  die  englische  Bibel  hat  „words".  —  1,  60:  „Nach  einer 
dänischen  Sage  in  v.  d.  Hagen's  Jahrbuch  der  deutschen  Sprache  und  Alter- 
thümer  S.  360  erscheint  der  Mond  als  ein  Käse,  der  aus  der  Milch  der  Milch- 
straße zusammengeflossen  ist."  An  jener  Stelle  (Bd.  1)  heißt  es  aber  so:  „In 
Holberg's  Prinzen  von  Ithaka  erzählt  ein  Kammerdiener  der  Dido  von  seiner 
Reise  durch  den  Himmel:  der  Mond  schien  ihm  von  dem  schönsten  holländi- 
schen Käse,  dabei  so  dünn  als  ein  Fladen  und  größer  als  er  gedacht,  so  daß 
unsere  Anne  Marie  mit  ihrer  breiten  Sittsamkeit,  zumal  im  Reifrock,  ihn  be- 
decken könnte;  aus  der  Milch  der  Milchstraße  aber,  welche  von  dem  Stier  und 
der  Jungfrau  am  Himmel  gemolken  wird,  macht  man  die  Käse,  um  den  ab- 
nehmenden Mond  wieder  zu  ergänzen."  —  1,  67:  ,,Glasir  heißt  der  goldene 
Wall  um  die  Götterburg  der  nordischen  Aseu.  Skaldskaparmäl."  Ebenso  schon 
im  ,,Odin"  267.  In  der  angeführten  Stelle  steht  jedoch:  ,,In  Asgard  vor  der 
Pforte  Wallhalls  steht  ein  Hain,  welcher  Glasir  heißt  (I  Asgardi  firir  durum 
Valhallar  stendr  lundr,  sä  er  Glasir  kalladr)."  —  1,  89:  „Auch  Strabo  VII, 
341  kennt  den  Garten  des  Phoibos  am'  Quell  der  Nacht,  da  wo  Boreas  die 
Orithyia  entführte";  ferner  1,  93:  „Daß  wir  den  Sitz  dieses  Urgotts  (Chronos) 
im  höchsten  Äther  am  Nordpol  suchen  müssen,  erhellt  aus  Strabo  VII,  143"; 
ebenso  schon  Odin  320.  Die  pp.  341  und  134  im  Strabo  des  Casaub.  befinden  sich 
im  VIII.  und  III.  Buche;  dort  steht  aber  nichts;  dagegen  heißt  es  VII,  295: 
„Sophokles  sagt  in  einer  Tragödie  in  Betreff  der  Orithyia,  Boreas  habe  sie  geraubt 
und  fortgeführt  über  das  Meer  hinweg  und  über  alle  Grenzen  des  Erdbodens  und 
über  die  Quellen  der  Nacht  "und  die  Schluchten  des  Himmels  und  über  den 
alten  Garten  des  Phoibos."  (ZocpoK?.t~^  tguyioöti:  nsgi  rrjc;  'Slgi&viag  Xsyoov ,  w^ 
dvccQTtayiica  vno  Bogsov  Y.o^iaQii'r]  Tnio  re  itövxov  va.vx  lii  iG%axa  jj-doroj, 
NuxTOg  zf  7ir]yüg  ovgavov  z  otvanzvxuii  ^ot'ßov  xs  naXaiov  yi^nov.)  —  1,  94  f.: 
„Plutarch  in  der  Abhandlung  vom  Mondgesichte  26  zählt  drei  Inseln  nordwestlich 


372  LITTEKATUR. 

von  Britannien.  Auf  der  einen,  Ortygia,  schläft  Chronos  in  einer  tiefen  Höhle.  .  . 
Er  wird  einst  erwachen  und  das  goldene  Zeitalter  zurückbringen".  Von  einem 
Bolchen  Erwachen  u.  s.  w.  ist  an  jener  Stelle  des  Plutarch  nicht  die  Rede.  — 
1,  95.  „Nach  der  englischen  Überlieferung  schläft  der  mythische  König  Arthur 
auf  der  Insel  Avalen  und  wird  einst  erwachen,  um  sein  Volk  zu  erlösen.  Ecker- 
mann, Kelten  II,  250."  Menzel  kommt  noch  mehrmals  auf  den  schlafenden 
Arthur  zurück,  so  2,  377,  wo  dazu  auf  Gerv.  Tilb.  otia  imp.  17  und  Usserius 
brit.  eccles.  antiqu.  273  verwiesen  ist.  Das  Citat  auf  Gervas.  muß  auf  einem 
Irrthum  beruhen;  an  der  in  Rede  stehenden  Stelle  (1,  95)  wird  zur  Verglei- 
ehung  auf  Gilbert  (1.  Gerv.)  Tilb.  bei  Leibnitz  scr.  rer.  Brunsv.  1,  921  ver- 
wiesen (dies  ist  die  Odin  329  f.  angeführte  Stelle  Gerv.  Tilb.  II,  12;  in 
meiner  Ausg.  S.  12),  wo  zwar  von  Artus,  aber  nicht  von  dessen  Schlaf  die 
Rede  ist.  Die  Stelle  aus  Usher  steht  bei  San  Marte  Gottfried  von  Monmouth 
S.  426,  und  auch  da  ist  von  keinem  Schlafe  Arthur's  die  Rede.  Eckermann 
spricht  zwar  auch  nicht  von  demselben,  aber  doch  von  Arthur's  Bezauberung 
durch  die  Fee  Morgane,  und  verweist  auf  Amadis  de  Gaula  V,  99.  Dies  Citat 
stammt  aus  Gräße  2,  3,  162,  und  da  es  mir  interessant  dünkte,  die  Original- 
stelle kennen  zu  lernen,  ein  Esplandian  aber  in  Lüttich  weder  im  Original 
noch  in  der  Übersetzung  aufzutreiben  war,  so  wandte  ich  mich  deshalb  nach 
Stuttgart  an  Kausler,  der  mir  freundlicherweise  Folgendes  mittheilte:  „Eine 
spanische  Ausgabe  ist  auch  hier  nicht  vorhanden,  und  so  gebe  ich  die  Stelle 
nach  einer  alten  italienischen  Übersetzung  „Le  proezze  di  Splandiano  che 
seguono  ai  quattro  libri  di  Amadis  di  Gaula  suo  padre"  s.  1.  et  a.  (die  Druck- 
erlaubniss  ist  jedoch  vom  Senat  zu  Venedig  23.  Oct.  1550  ertheilt),  und  die 
Stelle  steht  am  Ende  von  cap.  95  (nicht  99,  welches  nicht  vorhanden  ist)  wie 
folgt:  „(Die  Zauberin  Urganda  beschwört  aus  den  drei  Zauberbüchern,  die 
sie  hat,  von  einem  Thurm  der  Isola  ferma  einen  furchtbaren  Sturm  herauf) 
ende  si  estirpö  di  terra  quel  gran  castello  con  tutto  quello  spacio  doue  era 
r  arco  de  gli  leali  amanti,  e  leuossi  si  in  aria;  e  fatta  tosto  una  grande  aper- 
tura  e  uoragine  ne  la  terra,  se  ne  uenne,  e  calö  giü  quel  gran  castello  insino 
a  r  abisso,  doue  restarono  incantati  tutti  que'  gran  Prencipi,  senza  restarli  niun 
de'  lor  sentimenti;  ma  di  loro  haueva  ben  quella  gran  sauia  Vrganda  cura, 
perche  gran  tempi  poi  le  fece  la  fata  Morgana  intendere ,  come  ella  teneua 
incantato  il  Re  Artu  suo  fratello,  e  la  certificaua,  ch'  egli  doueua  di  nuouo 
ritornare  a  regnare  nel  suo  regno  de  la  gran  Bretagna,  e  che  in  quel  tempo 
stesso  ritornarebbono  anche  al  mondo  quel  Imperatore  [i.  e.  Splandiano]  e  quelli 
gran  Re,  che  seco  [i.  e.  coli'  Imperatore]  erano  per  ricuperare  col  Re  Artu 
tulto  quello  che  haueuano  i  Re  Christiani  successori  della  Christianitä  perduto." 
Diese  Bezauberung  Arthurs  ist  allerdings  nun  wohl  ein  Zauberschlaf  und  stimmt 
also  in  diesem  Punkte  wenigstens  mit  der  von  mir  zu  Dunlop  S.  541*  an- 
geführten, muthmaßlich  walisischen  Sage,  nach  welcher  Arthur  in  einer  Höhle 
schlafen  soll,  über  deren  Authentie  ich  jedoch  nichts  Näheres  anzugeben  weiß; 
vgl.  Gervas.  S.  263  Nachtrag  zu  S.  151.  Keinesfalls  aber  schläft  Arthur  „in 
der  Glasbnrg  auf  der  seligen  Insel"  Menzel  1,  246.  —  1,  181:  „Gilbert 
(1.  Gervas.)  bei  Leibnitz  scr.  rer.  Brunsv.  I,  987  (1.  988)  erzählt,  ein  Frauen- 
zimmer, welches  Aale  gegessen,  habe  plötzlich  Alles  sehen  können,  was  unter 
Wasser  war."  An  der  angeführten  Stelle  (p.  38  f.  meiner  Ausg.)  erzählt  eine 
yon   den   draci   (Flußgeistern)  der  Rhone  geraubte,  aber  nach  mehreren  Jahren 


LITTERATUR.  373 

unbeschädigt  zurückkehrende  Frau,  die  unten  Ammendienste  verrichtet  hatte, 
„cum  uno  aliquo  die  pastillum  anguiliarem  pro  parte  dracus  nutrici  dedisset, 
ipsa  digitos  pastilli  adipe  linitos  ad  oculum  unum  et  unam  faciem  ducens, 
meruit  limpidissimum  sub  aqua  ac  subtilissimum  habere  intuitum".  —  1,  237: 
„Die  Kuh,  in  der  nach  Piutarchs  Isis  39  Gott  Osiris  soll  begraben  worden 
sein."  Bei  Plut.  steht  nichts  der  Art,  wohl  aber  bei  Steph.  Byz.  s.  v.  Bov- 
aiQig.  —  1,  246:  „Die  alten  Kelten  oder  Gallier  glaubten  an  Unsterblichkeit.  .  . 
sie  gaben  ihren  Todten  Schuhe  mit  für  die  Reise  in  die  Unterwelt.  Scott  min- 
strelsy  II,  357.  Grimm  Deutsche  Myth.  795."  Grimm  führt  die  betreffende 
Stelle  aus  Scott  an;  sie  findet  sich  (wie  ich  ergänze)  in  der  Einleitung  zu  „A 
Lyke-wake  dirge"  und  die  Nachricht  bezieht  sich  auf  die  Zeit  der  Königin 
Elisabeth.  Wie  dem  aber  auch  sei,  jedenfalls  sind  die  Bewohner  von  Yorkshire, 
von  denen  an  jener  Stelle  die  Rede  ist,  weder  Gallier  noch  Kelten.  —  2,  25: 
„In  der  Wintersonnenwende  singen  die  Musen  im  Sonnengarten  des  Apollo  hoch 
im  Norden  und  feiern  die  Wiedergeburt  des  Jahres.  Diodor  II,  47."  Von  den 
Musen  und  ihrem  Gesang  im  Sonnengarten  steht  nichts  bei  Diodor,  wie  aus 
der  von  Menzel  selbst  1,  87  f.  angefülirten  Stelle  erhellt.  Dasselbe  Versehen 
wiederholt  sich  2,  154.  —  2,  27:  „Deshalb  sagen  andere  Quellen  auch,  Perse- 
phone'  habe  einen  Stier  geboren.  Clemens  von  Alexandrien  admonitio  p.  11. 
Arnobius  V,  11."  Bei  Clemens  steht  dies  nicht,  wohl  aber  bei  Arnobius.  — 
2,  39:  „Wie  also  bei  den  Ägyptern  die  besiegten  Schaaren  des  Seb  und  bei 
den  Indern  die  des  Mahishasura  zur  Strafe  der  Seelenwanderung  verurthcilt 
wurden,  so  auch  bei  den  Griechen  die  Titanen,  nachdem  sie  von  Zeus  be- 
zwungen worden  waren.  Dio  Chrys.  orat.  30.  550;"  vgl.  2,  42:  „Auch  die 
oben  erwähnte  Nachricht,  nach  welcher  die  Seelenwanderung  eine  Folge  des 
Titanensturzes  gewesen  sein  soll,  scheint  nicht  ursprünglich  griechisch  gewesen 
zu  sein."  Gewiß  nicht,  da  bei  Dio  Chrysostomus  nur  gesagt  ist,  daß  die  Men- 
schen als  Abkömmlinge  der  Titanen  (nämlich  des  Deukalion)  während  ihres 
ganzen  Lebens  von  den  Göttern  gezüchtigt  würden ;  sonst  steht  dort  durchaus 
nichts  weiter.  —  2,  115:  „In  Sikyon  wurde  Dionysos  als  Weib  angebetet. 
Clem.  von  Alex,  admon.  p.  25."  Das  sagt  Clemens  nicht,  sondern  nachdem  er 
den  Dionysios  xo<(>oxl)tt).r]<;  erwähnt,  fügt  er  hinzu,  daß  die  Sikyonier  den  Dio- 
nysos anbeten,  membris  cum  piaeficientes  muliebrihus.  {Ei-Ai^avoL  tovtov  itQOG- 
v.vvovav .  enl  zwv  yvvoci-Af^imv  rd^civzsg  xov  dtövvaov  uoqi'wv,  ecpooov  aia^ovg 
■Kai  Tjjs  vßQswe  a&ß(y^o7'rse  ^QX^ijöv.)'"  —  2,  339:  „Der  römische  Name  der 
Athene  ist  Minerva,  erscheint  aber  mit  dem  der  Athene  und  Iduna  verbunden 
in  der  Minerva  Itonia,  bei  Stephan.  Byz.  p.  429.  Diese  Göttin  war  als  Patronin 
der  Köotier  zu  Iton  hoch  verehrt.  Strabo  III,  639.  IX,  438."  Bei  Steph.  Byz. 
findet  sich  der  römische  Nnme  s.  v.  Ixwv  nicht  angegeben;  auch  das  Citat 
Strabo  III,  639  ist  zu  streichen  und  statt  438  zu  setzen  435.  —  2,  368: 
„Die  eckelhafte  Rache,  die  derselbe  (Mcnelaos)  nach  Lukian  Wahre  Geschichten  II, 
25  an  der  Helena  nimmt."  An  dieser  Stelle  (2,  26)  ist  von  der  Strafe  die 
Rede,  die  Rhadamanthys  (nicht  Menelaos)  den  Entführern  der  Helena  auferlegt, 
nicht  aber  dieser  selbst,  was  auch  bei  der  Natur  der  Strafe  {sv.  xäv  nidoKov 
A^aai;)  unmöglich  gewesen  wäre.  —  2,  378:  „Die  Insel  (Avallon)  wird  von 
Pseudo-Gildas  als  paradiesisch  geschildert.  .  .  .  Hier  regiert  Morgane  als  die 
jungfräuliche  Königin  (regia  virgo)  und  als  die  Schönste  unter  den  Schönen ..  . 
und  \cm    ihr    soll    einst  wie    des  Artus  Wiedergenesung,    so    die  Heilung    aller 


374  LITTEKATÜK. 

Wunden  der  Zeit  und  die  Wiedergeburt  in  der  Ewigkeit  bewirkt  werden.  San 
Marte  a.  a.  0."  Von  letztern  Umständen  steht  durchaus  nichts  an  jener  Stelle 
(Gottfr.  von  Monmouth  S.  426  nach  Usher),  wo  es  blos  heißt,  daß  die  unge- 
nannt bleibende  königliche  Jungfrau,  nachdem  sie  Arthur  geheilt  hat,  sich  mit 
ihm  verbindet  und  dort  noch  mit  ifeaa  zusammenlebt  (Immodice  laesus  Arthuru» 
tendit  ad  aulam  —  Regis  Avallonis,  ubi  virgo  regia  vulnus  —  lUius  tractans, 
sanati  membra  reservat  —  Ipsa  sibi,  vivuntque  simul,  si  credere  fas  est).  Bei 
dieser  Gelegenheit  will  ich  bemerken,  daß  die  älteste  Erwähnung  von  Arthurs 
Versetzung  nach  der  Insel  Avallon  bei  Layamon  V,  111  p.  144  vorkommt: 
„Und  ich  will  nach  Avallon  fahren  zur  holdseligsten  aller  Jungfrauen,  zu  der 
Königin  Argante,  der  sehr  schönen  Elfin."  (And  ich  wuUe  uaren  to  Aualun;  - — 
to  uairest  alre  maidene,  —  to  Argante  peve  quene;  —  aluen  swide  sceone). 
Man  bemerke,  daß  Morgane  hier  Argante  heißt,  und  ebenso  wenig  wie  bei 
Pseudo-Gildas  und  sonst  noch  als  Arthurs  (Halb-)  Schwester,  wie  es  in  spätem 
Eitterromaneu  der  Fall  ist,  bezeichnet  wird.  Ursprünglich  dürfte  sie  jedoch, 
wie  mir  scheint,  identisch  sein  mit  der  irischen  Kriegsgöttin  Morrigan,  die 
gleich  ihren  Schwestern  sich  oft  einen  berühmten  Helden  zum  Geliebten  oder 
besondern  Günstling  erwählte.  S.  Hennessy  in  der  Revue  Celtique.  Paris  1870, 
No.  1  p.  32  ff.:  „The  Ancient  Irish  Goddess  of  War".  —  2,  380:  „Da  nun 
Ogier  der  Däne  in  den  vielfachen  Dichtungen,  die  ihm  im  Mittelalter  gewidmet 
wurden,  als  ein  Liebling  der  Fee  Morgane  zuletzt  in  deren  Himmel  oder 
Paradies  gelangt  und  gleich  dem  keltischen  Arthur  im  Schlafe  von  ihr  bewacht 
wird,  um  die  goldne  Zeit  des  Kitterthums  zu  erneuern  u.  s.  w. "  Ogier  erscheint 
nirgend  als  im  Schlafe  von  der  Fee  Morgane  bewacht.  —  2,  384  f.  Ich  habe 
die  ganze  Stelle,  die  den  Schluß  des  Werkes  bildet,  bereits  oben  (S.  370)  mit- 
getheilt,  und  muß  hier  nur  bemerken,  daß  es  in  der  Sage  von  Thahamurath 
(Thamuras  s.  Menzel,  1,  220.  2,  381),  wie  sie  Herbelot  s.  v.  (Deutsche  Übers. 
4,  460)  erzählt,  so  heißt:  „Nachdem  er  auf  diese  Art  die  Merdschane  in  Frei- 
heit gesetzt  hatte,  bewog  ihn  diese  Fee  zu  einem  neuen  Kriege  gegen  Hudkonz, 
einen  andern  Riesen,  der  sein  (1.  ihr)  Feind  war.  Bei  dieser  Zwistigkeit  fand 
der  große  Thahamurath  das  Ende  seiner  Siege  und  seines  Lebens,  und  hinter- 
ließ seinen  Nachfolgern  das  Modell  von  einer  Monarchie,  die  ihres  Gleichen 
nicht  hatte."  Wir  sehen  also  hier,  daß  Thahamurath  auf  Veranlassung  der  Fee 
blos  sein  Leben  verliert,  keineswegs  aber  von  dieser  mit  ihrer  Liebe  beschenkt 
oder  gar  in  ihren  Himmel  emporgezogen  wird,  so  daß  alle  Folgerungen,  die 
von  Menzel  an  diese  persische  Sage  geknüpft  werden,  sich  als  unbegründet 
erweisen.  Es  wäre  also  wohl  zu  wünschen  gewesen ,  daß  der  Verf.  sich  eine 
größere  Genauigkeit  bei  Benutzung  seiner  directen  oder  indirecten  Quellen 
hätte  angelegen  sein  lassen,  zumal  wo  diese,  wie  einige  der  angeführten  Bei- 
spiele zeigen,  nicht  unwichtige  Punkte  betreffen.  Ferner  wäre  es  vortheilhaft 
gewesen,  wenn  Menzel  von  allen  so  genannten  keltischen  Quellen  ganz  und 
gar  abgesehen  hätte,  insoweit  diese  nämlich  der  frühern,  freilich  auch  jetzt 
noch  nicht  ganz  ausgestorbenen  Schule  angehören,  wie  z.  B.  Eckeruiann,  de 
la  Villemarque  n.  s.  w.,  welche  letztern  beiden  von  Menzel  nur  gar  zu  oft  noch 
angeführt  werden.  Die  letzten  Arbeiten  des  trefflichen  A.  Schulz  (San  Marte) 
zeigen,  welche  Ansicht  er  jetzt  von  jenem  Kelticismus  hegt,  dessen  Nichtigkeit 
darzulegen  er  selbst  außer  andern  Forschern  wie  Wright,  Stephens,  Nash,  Watts 
u.  s.  w.  nicht  wenig    beigetragen.    Auch  die  Etymologien  des  Verf.,  von  denen 


LITTERATUR.  ^  375 

oben  mehrere  mitgetheilt  worden  und  wozu  auch  gehört  ragnarok  Rauch  der 
Recken  1,  140,  Mistral  2,  311,  vgl.  Diez  Etymul.  W.  B.  vol.  I  s.  v.  Maestro 
u.  s.  w.  sind  oft  unzulässig  oder  doch  sehr  gewagt,  jedenfalls  hätte  Menzel 
besser  gethan  sich  möglich  fern  davon  zu  halten  oder  doch  mit  mehr  Vorsicht 
zu  verfahren;  es  ist  dies  ein  ebenso  verlockendes  wie  schlüpferiges  Gebiet.  — 
Ich  komme  nun  zu  einigen  weitern  Bemerkungen,  die  sich  mir  beim  Lesen  des 
Buches  dargeboten  und  die  vielleicht  nicht  ganz  unwillkommen  sein  werden ; 
«0  z.  B.  zu  1,  29:  „Schuß  in  die  Sonne"  s.  A.  Kuhn  „Der  Schuß  auf  den 
Sonnenhirsch"  in  Zachers  Zeitschr.  Bd.  I  bes.  S.  91  f.  94  f.  —  1,  41:  „Die 
alten  Perser  dachten  sich  den  im  Norden  ihres  Reiches  aufsteigenden  höch- 
sten Gipfel  des  Kaukasusgebirges,  Albordj  (heute  noch  Elborus  genannt)  als 
den  Urberg,  der  in  der  Mitte  der  Welt  bis  zum  Himmel  emporwachse,  wo  ihr 
höchster  Gott  Ormuzd  im  ewigen  Lichte  wohne,  von  wo  Sonne,  Mond  und 
Sterne  ausgehen  und  wohin  sie  wieder  zurückkehren.  Schwenck,  Fers.  Myth. 
293.  Ritter,  Erdkunde  VIII,  44."  Von  den  Orkanen  und  Gewitterstürmen,  die 
dagegen  im  Osten,  besonders  in  den  Alpenländern  des  Belur-tagh  furchtbar 
wüthen,  spricht  Ritter,  Asien  VII,  433.  Anders  nun  bei  Roskofi"  Gesch.  des 
Teufels  1,  118:  „Von  Norden  kam  Frost,  Schnee,  Wüstenwind,  die  Schaar  der 
Räuber;  im  Westen  ging  die  Sonne  unter,  da  war  der  Sitz  der  Finsterniss,  des 
Todes;  wo  aus  den  vulkanischen  Gipfeln  des  Eiburs*)  die  Rauchsäulen  empor- 
stiegen, wo  verwüstende  AA'olkenbrüche  niedergingen,  wo  Fieber  und  Krankheit 
herrschten.  Im  Osten  dagegen,  wo  die  Sonne  aufgeht,  da  wohnten  die  guten 
Geister,  hier  war  der  Ort  des  Lichtes,  auf  der  hohen  Kette  des  Belurtag  „der 
Berg  der  Höhe",  d.  h.  der  heilige  Berg,  auf  welchen  sich  der  Sonnengott 
Mithra  zuerst  mit  siegreichem  Glänze  setzte.  Vendidad  XIX,  92.  XXI,  20." 
Ich  will  auch  gleich  hier  Menzel  1,  240  hinzufügen:  „Nach  altper^ischer  Über- 
lieferung im  Avesta  opferte  das  ürwesen  Zervana  Akarana,  das  Allumfassende, 
um  einen  Sohn  zu  bekommen,  den  er  Ormuzd  nennen  wollte  und  der  eine  voll- 
kommene Welt  erschaflFen  sollte.  Indem  er  aber  opferte,  kam  ihm  ein  Zweifel 
an,  ob  das  Opfer  auch  helfen  werde.  Und  siehe,  er  bekam  zwei  Söhne,  denn 
aus  seiner  Hoffnung  entstand  der  gute  Ormuzd,  ans  seinem  Zweifel  aber  der 
böse  Ahriman."  Vgl.  dagegen  Roskoff  a.  a.  0.  1,  122:  „Was  Zervanakarana, 
die  ungeschaffene  Zeit,  das  Eine  Urwesen  betrifft,  von  welchem  Ormuzd  und 
Ahriman  erst  hervorgebracht  worden  ist,  wird  dies  als  eine  durch  Anquetil's 
Mißverständniss  in  die  Zendschriften  hineingetragene  Meinung  erklärt  (Vgl.  Jos. 
Müller,  Spiegel,  Roth,  Brockhaus,  Haug).  Könnte  man  es  nicht  für  eine  spätere 
speculative  Zurückleitung  auf  die  Einheit  betrachten,  die  allerdings  dem  Volks- 
bewusstsein  fern  gelegen?  Damit  stimmt  überein,  daß  in  den  altern  Theilen 
des  Zendavcsta  Zervan  nirgend  über  Ormuzd  gesetzt  wird,  daß,  wie  auch  Döl- 
linger  behauptet,  Zervan  ein  der  altiranischen  Lehre  ursprünglich  fremdes  Wesen 
ist".  —  1,  86  f.  Die  Meer-  und  Himmelsexpeditiouen  Alexanders 
des  Großen,  so  wie  die  wahrsagenden  Bäume  finden  sich  schon  im  Pseudo- 
kallisthenes  2,  38.  41.  3,  17.  Was  erstere,  nämlich  das  Hinabfahren  in's  Meer 
in  einer  Taucherglocke  oder  einem  Glaskasten  betrifft,  so  will  ich  dabei  auf 
folgende  Stelle  bei  Schirren,  Die  Wandersagen  der  Neuseeländer  u.  s.  w,  1,  127 
aufmerksam  machen:    „Von  dem  Verkehr  zwischen  Erde  und  Unterwelt  erzählt 


*;  Südlich  vom  Caspischen  Meere  und  verschieden  vom  Elborus. 


376  LITTERAT  UR. 

eiu   eigenthümliches  Märchen    in    den  Malayischen    Annalen.  Rajah  Suran  ,     mit 
allen  Ländern  der  Erde  bekannt  geworden,  wünscht  zu  erfahren,  wie  es  unten 
in  der  See  aussieht  und  läßt  sich  in  einem  Glaskasten   hinabsenken.  Er  kommt 
in    ein  Land  Dega,    heiratet    des  Königs  Tochter  Putri  Mahtab    al  Bahri    und 
erzeugt    mit    ihr    drei  Söhne.    Dann    kehrt    er    auf    dem  Pferde  Sambrani    zur 
Oberwelt    heim."     Vgl.    S.    175:     „Der    Glaskasten,    in    welchem    Rajah    Suran 
sich  in  das  Meer  senken  läßt,  ist  die  trag  wie  ein  todter  Ball  sinkende  Sonne, 
das  Ross  Sambrani,   welches  ihn  aus  der  Tiefe  emporträgt,    die  Sonne,  welche 
in  lebendigem  Schwung  aus  der  Nacht  in  die  Höhe  tritt."   —  1,  97:   Clement 
erzählt    in  seiner    Reise  nach  Irland,     „die  Bevölkerung  von   Aran   Mor 
glaube,    im    äußersten  Westen  liege  Hy  Brasail,    die  Insel    unter  Zaubermacht, 
das  Paradies  der    irischen  Heiden."   Über  diese  Insel  s.    K.   v.   K(illinger),   Erin 
6,   346;    vgl.    3,    161    S.     Sie    ist    es    wohl     auch,     zu    welcher     die     irischen 
Mönche  auf  ihrer  wunderbaren  Fahrt  gelangen  bei  Gottfr.   v.  Viterbo  p.    78  ff.; 
cf.   Acta    SS.   Juni    2,    184.     Ferner   wird    in    einer    auf    der    königl.   Bibliothek 
zu   Stockholm    befindlichen    irischen  Handschrift    des   7.   Jahrb.,    die    aber    viel- 
leicht noch   älter  ist,   erzählt,   wie  ein  irischer  Häuptling  einst  an  einem  Baume 
in  der   Nähe    seiner  Burg    einen    goldenen    mit  eben  solchen   Blumen  und  Edel- 
steinen   bedeckten  Zweig    fand.     Er  brach    ihn    ab    und    nahm    ihn  in  die  Burg 
mit;  während  er  nun  von  Jedermann    bewundert  wurde,    trat  eine  schöne  Frau 
ein  und  erhob  Ansprüche  auf  den  kostbaren  Gegenstand,  wobei  sie  behauptete, 
er  käme  von  einer  Insel,   auf  welcher  dergleichen  Zweige  sehr  gewöhnlich  wären 
und   Männer  und   I'rauen   niemals   alterten.    Sie  rieth    dem  Häuptling   ein   Fahr- 
zeug  auszurüsten   und   sie  nach   der  Insel  zu  begleiten,   was  er  auch   that,   indem 
er  ein   Schiff  mit  dreimal  neun   Männern   bemannte.      Sie  langten  auf  der  Insel 
an  und  hielten    sich    da    einige  Zeit    auf,    wobei    sie  sich  so   glücklich  fühlten, 
daß  ihnen   die  Tage    verschwanden,    ohne    daß    sie    wußten,    wo    sie  hinkamen. 
Endlich  kehrte  der  Häuptling    nach   Irland    zurück ,    wurde    aber    von  Niemand 
erkannt,    denn    es  waren    mehr    als    hundert  Jahre    verflossen;    s.   G.   Stephens, 
Förteckning     öfver    de    förnämsta    Brittiska    och    Fransyska    Handskrifterne    uti 
Kongl.    Bibliotheket  i   Stockholm.    Stockh.    1847,   S.    18,    19.    S.   auch   Asbjörn- 
sen    Norske    Huldre-Eventyr    og  Folkesagn.    Tredje    Udgave.    Christiania   1870 
S.   337   f.    die   vortrefflich    erzählte   Sage:    „Skarvene    fra  Udröst."    —    1,    119: 
„Der  Rabe  kommt    sogar    selbst  als  Lichtträger    vor^   sofern   er  glü- 
hende Kohlen  im   Schnabel  tragen  soll.   Lyrer  Chronik  zum  Jahr   1191.    Diese 
Vorstellung   scheint  zunächst  abgeleitet  vom  blit/ tragenden   Adler  des  Jupiter.  " 
Der  Feuer  in  sein  Nest  tragende  Rabe  findet  sich   auch   im  Talmud  s.  Lands- 
berger Die  Fabeln   des   Sophos  S.  LXXXV.    S.    über  diesen  weit  ausgedehnten 
Sagenkreis   bes.    Ad.   Kuhn    Herabkunft    des    Feuers    u.   s.   w.    und    dazu    meine 
Bemerkungen    in    Pfeiffers    Germania    5,    122;     Eberts  Jahrb.    für    roman.    und 
engl.  Litter.   3,  155:   füge   hinzu  Pröhle  Unttrharz.   Sagen  No.  49,   Gräße  Sagen- 
schatz des  Königr.  Sachsen  No.  288,  Wuttke  Deutscher  Volksaberglaube  §.    151 
(2.  Aufl.)  —  1,  168:  „Die  wilde  Jäger  in  Gurorysse  mit  dem  Schlangen- 
schwanz." Über  diese  durch  ein  Mißverständniss  Grimms  entstandene  Benennung 
der  Guro  Rysserova   (d.  h.  Gudrun  Stutenschwanz)   s.   meine  Bem.   in   der  Anzeige 
von  Simrocks  Mythol.  3.  Aufl.   zu  S.  195   (hier  oben   S.   215).  —  S.  170.    172. 
Verkleidung  der  Männer  in  Weiber  und  umgekehrt.    S.  meine  Bem. 
Heidelb.  Jahrbücher    1868,    S.   96.  —   1,  221.    Bei  Gelegenheit    der    aus 


LITTERATUR.  377 

Borrow's  bekanntem  Werke  über  die  Zigeuner  angeführten  Sage  vom  Ursprünge 
derselben,  fragt  Menzel,  ob  nicht  dabei  an  den  Sieg  des  Themuresh  über  die 
Diws  gedacht  werden  dürfe  und  an  die  uralten  Kriege  der  beiden  ältesten  Cultur- 
völker  in  Babylon  und  Ägypten.  Ich  jedoch  sehe  darin  weiter  nichts  als  eine  aus  der 
englischen  Benennung  der  Zigeuner  (nämlich  Gipsies  für  Egyptians)  unter 
diesem  Volke  selbst  zur  Verherrlichung  ihrer  Abstammung  entstandenen  Sage.  — 
1,  2G4.  Daß  in  der  Befreiung  der  schönen  Sita  aus  der  Gewalt  des 
bösen  Riesenkönigs  Ravana  durch  den  Königssohn  Rama  „die  Befreiung  der 
Vegetation  und  insbesondere  der  Saaten  aus  der  schrecklichen  Gewalt  des  Winters 
zu  verstehen  sei,  leuchtet  ein,  wenn  man  erwägt,  daß  die  frommen  Indier  das 
jährliche  Fest  der  Befreiung  Sitas  im  April  feiern."  Vom  Winter  kann  eigentlich 
in  Indien  nicht  die  Rede  sein,  vielmehr  von  der  ausdörrenden  Sonnenglut  und 
deren  Bezwingung  dui-ch  die  Monsuns,  die  aber  oft  erst  Anfang  Juli  losbrechen. 
Ritter,  Asien  7,  94.  —  2,  12.  Jungbrunnen  S.  meine  Bem.  in  den  Gott. 
Gel.  Anz.  1864  S.  2066  f.;  füge  hinzu  Tylor  Urgesch.  der  Menschheit.  Deutsche 
Übers.  455 — 8. — 2,  19.  In  der  An  m.  wird  hier  die  bekannte  Antwort  der  Theano 
angeführt  in  Bezug  auf  eheliche  Umarmung  (statt  der  Worte  „dem  Feste  der 
Thesmophorien  vorstehen"  müßte  es  genauer  heißen:  „das  Thesmophorion  be- 
treten" SL'^  ro  Osaiiocpogiov  v.ärsiat).  Es  wird  nicht  unpassend  sein,  hieibei  auf 
die  mit  jener  vollkommen  übereinstimmende  Ansicht  Miltons  hinzuweisen  in  der 
schönen  Stelle  Parad.  Lost  4,  736  bes.  v.  758  —  9:  „Far  be  it,  that  I  should 
write  theo  sin  or  blame  —  Or  think  thee  unbefitting  holiest  place  —  Perpetual 
fountain  of  domestic  sweets  etc."  —  2,  29:  „Persephone  durfte  die 
Unterwelt  nicht  verlassen,  nachdem  sie  eine  Granate  gegessen." 
S.  meine  Bem.  oben  S.  218  zu  Simrocks  Mythologie  S.  427.  —  2,  46.  Eros 
und  Psyche  und  177  Zeus  und  Semele.  Die  ursprüngliche  Identität  dieser 
beiden  Älythen  habe  ich  nachgewiesen  in  Ad.  Kuhn's  Ztschrft.  18,  56  ff.  und 
dann  auch  in  den  Heid.  Jahrb.  1869  S.  502  gezeigt,  daß  erstere  Mythe  sich 
auch  in  Südafrika  bei  den  Zulu's  findet.  Der  ursprüngliche  Sinn  derselben 
war  sicher  ein  anderer  als  der  ethische,  welcher  erst  später  hineingetragen 
wurde. —  2,  99  Zusatz  dazu  auf  S.  394:  „Dionysische  Vor  Stellungen  kehrten 
noch  bei  den  ersten  Christen  in  Rom  wieder.  In  den  Katakomben  des  h.  Petrus 
und  Marcellinus  feiern  die  Seeligen  ein  Gastmahl."  Dergleichen  grobsinnliche 
Vorstellungen  von  Schmausereien  und  Tanzfesten  im  Himmel  fanden  sich  noch 
im  christlichen  Mittelalter  (s.  meine  Anzeige  von  Simrocks  Lauda  Sion  in  den 
GGA.  1868  S.  1426)  und  werden  auch  jetzt  noch  angetroffen  (so  z.  B.  heißt 
es  in  einem  schlesischen  Volksliedcheu:  „Und  im  Himmel  is  gutt  laben  [d.  h. 
leben],  da  gibts  lauter  Kuch'  und  Baben"  u.  s.  w.).  Auch  das  ewige  Allelujasingen 
und  Harfenieren  der  Engel  im  Himmel,  wovon  in  den  Kirchenliedern  so  oft 
die  Rede  ist,  bietet  eben  nur  eine  sehr  sinnliche  Vorstellung.  —  2,  144: 
„Edle  Geschlechter,  die  den  Schwan  zu  ihrem  Stammvater  machten,  wollten 
nicht  aus  dem  Grabe,  sondern  aus  der  Quelle  des  Lichts  herkommen."  Hierbei 
ist  aber  nicht  zu  übersehen,  daß  der  Schwanritter  nicht  eigentlich  aus  dem 
Grabe  kommen  soll,  sondern  aus  dem  Jenseits,  dem  Lande  der  Seeligen,  und 
dieß  ist  eben  „die  Quelle  des  Lichtes"  oder  „das  Naturcentrura",  wie  es  Menzel 
nennt;  er  kommt  aber  von  dort  zumal  wenn  er  ein  Gott  ist,  vgl.  Simrock 
Myth.  286  f.  (3.  Aufl.).  —  2,  153  ff.  Die  Sirenen.  Ein  Aufsatz  von 
F.  L.  W.  Schwartz   „Die  Sirenen  und  Hraesvelgr"   findet  sich   in  der  Zeitschrift 


578  MISCELLEN 

für  d.  Gyninasialwesen.  Jahrg.  XVII  S.  465  ff.  —  2,  158.  „Weder  der 
indische  Gott  Wischnu  als  Mannlöwe  noch  der  männliche  Sphinx 
der  Ägypter,  haben  die  geringste  Begriffsverwandschaft  mit  der  weiblichen 
Sphinx  der  Griechen."  Dagegen  S.  162:  ,Apollodor  beschreibt  die  Sphinx, 
vor  welcher  Oedipus  steht,  als  geflügelte  Löwin  mit  einem  Jungfrauenkopfe. 
Dieser  Jungfrauenkopf  bezeichnet  wahrscheinlich  die  Göttin  Pallas  Athene,  das 
ewig  jungfräuliche  Licht,  welches  die  Nacht  des  Todes  überwindet  und  alles 
Leben  bedingt.  Den  gleichen  Sinn  hat  aber  wahrscheinlich  auch  der  Sperber- 
kopf, den  zuweilen  die  ägyptische  Sphinx  trägt.  Der  Sperber  ist  der  Vogel 
des  höchsten  Lichtäthers  und  bedeutet  zugleich  das  geistige  Wesen  des  Lichtes." 
Der  Sperber  aber  geht  auf  Hör  (Horus).  Anderes  von  Menzel  mit  Bezug  auf 
die  Sphinx  Bemerkte  muß  ich  hier  übergehen.  —  2,  237.  Umhegung  von 
Seidenfäden.  S.  hier  oben  S.  224  zu  Simrock  Mythol.  492.  —  2,  275  Mai 
und  Beaflor.  Dieß  Gedicht  gehört  nicht  in  den  Sagenkreis  der  Florentia,  son- 
dern in  den  der  geduldigen  Helena. 

Ich  komme  nun  zu  der  Beigabe  jedes  deutschen  Gelehrtenwerkes,  nämlich 
den  Druckfehlern,  von  denen  hier  in  den  betreffenden  Verzeichnissen  nicht  alle 
gebessert  sind  und  ich  noch  einige  erheblichere  nachtragen  will;  so  Band  1 
S.  17  Z.  4  V.  u.  1.  Omphalos  —  30,  8  v.  o.  1.  poet.  (poeticon)  —  41,  17  v. 
o.  Elborus  (hat  Menzel  bei  Elborough  an  Lord  Ellenbor ough  gedacht?)  — 
46,  16  V.  u.  st.  myth.  1.  met.  —  ebend.  10.  11  v.  u.  st.  Grimm  D.  Myth.  1. 
Grimm  und  Schmeller  Lat.  Ged.  —  52,  14  v.  u.  Nicomach.  —  59,  14  v.  u. 
primus  —  67,  7  v.  u.  coelum  vitreum  —  ebend  5  v.  u.  781 — 89,  18  v.  u. 
st.  341  1.  295—95,  15  v.  u.  st.  a.  a.  0.  1.  1,  37  f.  —  125,  13  v.  o. 
UaupuqTtoQ  (Nonnos  41,  277)  —  126,  5  v.  u.  hregg  —  ebend.  3  v.  u.  Hildi- 
meidher  —  200,  5  v.  o.  Alfquarnar  —  244,  10  v.  o.  Anaitis  —  245,  13 
V.  u.  larvae  —  Bd.  II  S.  236  Z.  20  v.  o.  Porale  —  II  243,  10  v.  o.  Vry- 
maend  —  II  255,  16  v.  o.  st.  Eleusiuieu  1.  Thesmoi^horien  —  II  282,  8  v.  o. 
Pedauque. 

Nachdem  ich  nun  so  auf  die  mehr  oder  minder  hervortretenden  Mängel 
verschiedener  Art,  die  ich  in  vorliegendem  Werke  zu  bemerken  glaubte,  in  dem 
Obigen  hingewiesen,  bleibt  mir  nur  noch  übrig,  auf  die  mannigfachen  neuen 
und  jedenfalls  zu  weiterer  Forschung  anregenden  Ansichten,  die  darin  enthalten 
sind,  wiederholt  zurückzukommen  und  dem  Verf.,  dem  auf  zahlreichen  Feldern 
der  Forschung  längst  bewährten  Veteranen,  für  das  so  erworbene  neue  Verdienst 
die  gebührende  Anerkennung  zu  zollen. 

LÜTTICH.  FELIX  LIEBEECHT. 


MISCELLEN. 


Luthers  Handexemplar  seiner  Schrift:  An  die  Pfarrherrn  wider  den  Wucher 
zu  predigen.   Wittemb.    1540.  4. 

Bekanntlich    existieren    von    der    in    der    Überschrift    genannten    Schrift 
Luthers    zwei  verschiedene  Originaldrucke    aus  dem  Jahre   1540,    welche  beide 


MISCELLEN.  379 

aus  Joseph  Klugs  Officiu  hervorgiengen  *).  Schon  das  Titelblatt  zeigt  die  Ver- 
scliiedenheit  beider  Drucke.  Der  achtzeilige  Titel  des  einen  Druckes  ist  in 
folgender  Weise  abgetheilt:  An  die  |  Pfarrherrn,  Wi-  j  der  den  Wucher  [  zu 
predigen.  |  Vermanung  |  D.  Mart.  Luth.  [  Wittemberg.  |  M.  D.  XL.  Der  andere 
Druck  hingegen  hat  9  Zeilen:  An  die  |  Pfarrherrn  Wi-  |  der  den  Wu-  |  eher 
zu  predi-  |  gen.  j  Vermanung  D.  ]  Martini  Luther.  |  Wittemberg.  |  M.  D.  XXXX. 
Die  Titeleiufassung  (ein  Holzschnitt:  in  den  vier  Ecken,  von  Kreisen  um- 
schlossen ,  die  Embleme  der  vier  Evangelisten,  zwischen  den  beiden  obern 
[Mensch  und  Löwe  =  Matthäus  und  Marcus]  der  Apostel  Petrus,  zwischen  den 
beiden  untern  [Stier  und  Adler  =  Lucas  und  Johannes]  der  Apostel  Paulus, 
in  den  beiden  Seitentheilen  der  Papst,  zwei  Bischöfe  und  ein  Kirchenvater) 
ist  zwar  bei  beiden  dieselbe,  doch  ist  die  des  ersten  Druckes  bedeutend  klarer 
und  deutlicher,  als  die  des  zweiten.  Auch  in  der  Bogenzahl  weichen  beide 
Ausgaben  von  einander  ab,  indem  erstere  nur  11  Bogen  (Sig.  A — L,  letzte 
Seite  leer),  letztere  dagegen  12  Bogen   (Sig.  A — M,  letztes  Blatt  leer)  stark  ist. 

Beide  Ausgaben  gehören  gerade  nicht  zu  den  seltensten  der  Schriften 
Luthers;  letztere  befindet  sich  z.  B.  in  der  Waisenhaus-Bibliothek  zu  Halle, 
in  der  Wernigeiödischen  Bibliothek,  auch  in  der  meinigen;  erstere  hingegen  in 
der  Marienbibliothek  zu  Halle  und  in  der  Universitäts-Bibliothek  zu  Gießen. 
Gleichwohl  besitzt  die  letztgenannte  Bibliothek  in  ihrem  Exemplare  der  in 
Eede  stehenden  Schrift  einen  werth vollen  Schatz,  denn  dasselbe  enthält  eine 
ansehnliche  Reihe  von  L's.  Hand  eingetragener  Correcturen,  muß  mithin  L's. 
eigener  Bibliothek  entstammen.  Gegenwärtig  ist  es  mit  mehreren  andern  L. 'sehen 
Schriften  zusammen  gebunden,  welcher  Sammelband  die  Signatur  W.  9250  trägt. 

Da  der  zweite  Druck  diese  Corr. ,  wenige  ausgenommen,  sorgfältig  be- 
nutzte, so  mag  es  genügen,  hier  nur  einige  der  interessantesten  folgen  zu  lassen. 

Bl.  A  iiij*'  Z.  8  v.  u.  strich  L.  das  Wort  ausstreichen  (in  was  Oiristus 
recht  hie  antwortet,  wollen  wir  hernach  ein  wenig  ausstreichen)  und  schrieb  deutlich 
an  den  Kand  anstachen,  gleichwohl  hat  der  zweite  Druck  anstreichen  (sie),  an- 
stechen uneigentlich  für  kurz  berühren,  zur  Sprache  bringen,  begegnet  auch 
sonst    öfter    bei  L.  Vgl.   mein   Wtb.  zu  D.  Martin  Luthers  deutschen   Schriften 

I,  l02^ 

Bl.  B  j"  Z.  13  V.  0.  sollte  nach  ertrencken  noch  erhencken  eingeschaltet 
werden,  was  nicht  geschehen  ist. 

Bl.  B  ij"  Z.  1  7  f .  V.  0.  heißt  es  also  kan  itzt  niemand  mehr  louchern,  geitzen 
noch  böse  seien,  welche  Stelle  nach  L's.  Correctur  lauten  sollte:  also  kan  itzt 
niemand  mehr  Wucherer,  geitzig  noch  böse  sein  (von  wuchern  strich  L.  das  n  und 
setzte  dafür  er,  von  geitzen  en  und  schrieb  ig  dafür  an  den  Rand),  der  zweite 
Druck   änderte   zwar  touchern  in  Wucherer,    ließ   aber  geitzen  stehen. 

Bl.  B  iij"  Z.  4  V.  u.  wollte  L.  vor  derselben  noch  denn  eingeschoben 
haben ;   ebenso 

Bl.  B  iij     Z.  10   V.  0.  nemlich  vor  das  leihen.  Ist  beides  nicht  geschehen. 


*)  Vgl.  Bindseil  Verzeichniss  der  Original-Ausg;aben  der  Lutherischen  Über- 
s«tzung  sowohl  der  ganzen  Bibel,  als  auch  größerer  und  kleinerer  Theile  und  einzelner 
Stellen  derselben.  Halle,  1841.  S.  53'.  Irmisclier  gibt  in  der  Erl.  Ausg.  der  deutschen 
Schriften  L's.  Bd.  23  S.  282  vier  älteste  Ausgaben  an;  wie  viele  davon  Originaldnxcke 
sind,  läßt  sich  nach  den  dort  gegebenen  Titeln  nicht  bestimmen. 


380  MISCELLEN. 

Bl.  C  j*  Z.  11  V.  0.  steht  am  Rand  die  schuld  hundert  gülden^  was  zwi- 
schen mit  einem  hundert  gülden  und   hezalen  eingefügt  werden  sollte.   Nicht  corr. 

Bl.  C  ij*"  Z.  10  V.  0.  ist  nach  der  mal  eins  (ohne  Zweifel  durch  ein 
Versehen  des  Setzers  wegen  des  nochmals  folgenden  der  mal  eins)  ausgefallen 
solche  zween  schaden  leiden,  so  Icundte  ich  der  mal  eins.  Corr.,  aber  köndte  st.  hindfe, 
wie  L.  schrieb.  Ein  Beleg  dafür,  daß  auch  die  Originaldrucke  die  Schreibung 
L's.   nicht  überall  wiedergeben. 

Bl.  E  j*  Z.  7  V.  u.  ist  nach  tausent  ausgefallen  so  nimpt  er  ierlich  4  hundert 
tausent,  was  L.   an  den  Rand  schrieb.   Corr.,  aber  jherlich  gedr.   S.   vorher. 

Bl.  E  ij"  Z.  13  V.  u.  soll  nach  widergeben  eingeschaltet  werden  oder 
schuldig  sein  wider  zu  geben.   Corr.,  doch  odder  st.  oder;   ebenso 

Bl.  E  iij''  Z.  11  V.  u. ,  wo  L.  vnd  durchstrich  und  oder  an  den  Rand 
schrieb. 

Bl.  E  iiij*  Z.  14  V.  o.  sollte  nach  ein  tausent  floren  oder  zwey  eingeschoben 
werden  vnd  nemen  von  den  selben  funff  oder  sechs  am  hundert,  was  jedoch  nicht 
geschehen  ist.  Ebenso  ist 

Bl.  F  j*"  Z.  7  V.  u.  in  schendliehe  zwar  das  n  gestrichen,  aber  im  zweiten 
Druck  nicht    corr. 

Bl.  Gr  iij''  Z.  16  V.  0.  schrieb  L.  noch  das  Wort  dazu  an  den  Rand, 
welches  nach  etwas  eingeschoben  werden  sollte,  dazu  fehlt  zwar  im  zweiten 
Druck  nicht,  ist  aber  vor  etwas  gesetzt,  anstatt  hinter  dasselbe,  wie  L.  deutlich 
durch   ein  f  angedeutet  hatte. 

Bl.  J  j*  Z.  12  V.  0.  setzte  L.  noch  weltlich  an  den  Rand,  was  zwischen 
new  und  regiment  eingeschaltet  werden  sollte.  Ist  nicht  geschehen. 

151.  K  ij*  Z.  7  V.  u.  müßte  vor  ein  burger  den  andern  noch  stehen  ein 
adel  den  andern,  was  L.  an  den  Rand  schrieb,   aber  auch  im  zweiten  Druck  fehlt. 

Schließlich  mag  noch  bemerkt  werden,  daß  sämmtliche  Gesammtausgaben 
der  Schriften  L's.   den  Text  nach   dem  corr.   (zweiten)   Drucke  haben. 

MARBURG.  DIETZ. 


Beide. 


In  Germ.  IX,  457  sagte  ich,  daß  im  Englischen  kein  Beispiel  aufzufinden 
sein  möchte,  worin  'beide'  mit  drei  Gliedern  verbunden  sei.  Wenigstens  ist  mir 
im  neueren  Englisch  kein  solches  aufgestossen ;  doch  finde  ich  im  älteren  Eng- 
lisch bei  Hector  Boece  (1465 — 1536)  in  seiner  „englischen  Geschichte",  von 
der  ein  Bruchstück  in  den  Vorlesungen  Max  MüUer's  [deutsch  von  Böttger, 
II.  Serie  498]  citiert  wird,  folgende  dem  älteren  Gebrauche  von  'beide  gleiche 
Stelle:    „Sum  had  baith  heid,  feit,  and  wyngis." 

FRIEDBERG  i.  d.  W.  FR.  MÖLLER. 


Berichtigung.    S.    135,  20  lies  Magschaft;    142,  7    Stöcklein;   152,  11 
in  der  Hölle;   153,  3   v.  u.  urverwandt;    155,  4  perdere. 


DIE  NORDISCHE  EREXSAGA 
UND  IHRE  QUELLE. 


Unter  den  im  skandinavischen  Norden  existierenden  Rittersagen 
aus  dem  Sagenkreise  von  König  Artus  und  seiner  Tafelrunde  gibt  es 
meines  Wissens  nur  noch  zwei  *),  über  welche  bis  jetzt  nichts  Näheres 
bekannt  war,  die  Erexsaga  und  die  Gabonsaga  ok  Vigoles,  von  wel- 
cher letzteren  Nyerup  in  seinem  noch  immer  wichtigen  Buche :  Almin- 
delig  Morskabslsesning  i  Danmark  og  Norge  igjennem  Aarhundreder 
Kjöbenhavn  1816  p.  126  ss.,  Arni  Magnussen  folgend,  die  Behauptung 
aufstellt,  sie  sei  erst  am  Ende  des  17.  Jahrh.  nach  einem  dänischen, 
auf  unsern  Wigalois  zurückgehenden  Volksbuche  abgefasst,  ohne  jedoch 
eine  nähere  Begründung  hinzuzufügen.  Da  diese  Behauptung,  wie  ich 
mich  durch  eine  genaue  Vergleichung  des  isländischen  Textes  (ent- 
halten in  Cod.  Holm.  47  fol.  pap)  mit  dem  dänischen  überzeugt  habe, 
richtig  ist,  so  hat  diese  Saga,  die  übrigens  auch  von  Danismen  Avim- 
melt,  für  uns  nicht  den  mindesten  kritischen  Werth,  am  allerwenigsten 
zur  Untersuchung  über  die  etwaige  Vorlage  Wirnt's  von  Gravenberg. 
Weit  wichtiger  ist  aber  für  uns  die  Erexsaga,  über  deren  Überlieferung 
und  Quelle  ich  mich  deshalb  im  Folgenden  ausführlicher  verbreiten 
will,  in  ähnlicher  Weise,  wie  ich  in  dieser  Zeitschrift  XIV,  129 — 181 
über  die  Parzivalssaga  gehandelt  habe,  in  welcher  Abhandlung  —  bei- 
läufig erwähnt  —  leider  meinem  im  Corrigieren  damals  noch  wenig- 
geübten  Auge  eine  ganze  Anzahl  störender  Druckfehler  entgangen  sind. 

I.  Die  Überlieferung  der  Erexsaga. 
Über  d(>n  verschiedeneu  Bearbeitungen  der  Geschichte  von  Erec 
scheint  in  Bezug  auf  die  Überlieferung  ein  gewisser  Unstern  zu  walten. 


*)  Die  im  Cod.  A.  M.  perg  573  c.  Qn.  u.  Cod.  Holm,  chart.  47  erhalteue  Saga 
Artus  Bretakonungs  (vgl.  Möbiiis,  Cat.  p.  AS^  ^•)  hat  mit  diesem  Sageniu-eise  nicht  das 
Mindeste  zu  thun.  Sie  behandelt  den  bekannten  Märcheustoff  (vgl.  Nyerup  1.  c.  p.  227  s.) 
von  drei  englischen  Königssöhnen,  die  für  ihren  Vater  den  Vogel  Phönix  aus  Arabien 
holen  sollen,  da  dieser,  schwer  erkrankt,  nur  durch  den  Gesang  jenes  Vogels  Genesung 
EU  erwarten  liat. 

GERMANIA.  Neue  Reihe  IV.  (XVT.)  Jahrp.  26 


382  EUGEN  KÖLBING 

Während  die  beiden  uns  näher  bekannten  Handschriften  des  französi- 
sclien  Gedichtes  am  Schlüsse  nachweisHch  unvollständig  sind,  während 
Hartmaun's  Erec    uns    nur   in    der  verhältnissraäßig  jungen  Ambraser 
Handschrift  und  auch  hier  noch  lückenhaft  überliefert  ist,  ist  die  Erex- 
saga  im  Norden  die  einzige  ältere  Saga  aus  dem  Artuskreise,  von  der 
keine  Pergamenthandscirift   auf  uns   gekommen  ist.    Wir  besitzen  nur 
zwei  Papierhandschriften  mit  hie  und  da  modernisierter  Sprache. 
a)  Cod.  A.  M.  181  chart.  fol.  auf  der  Universitätsbibliothek  in  Kopen 
hagen.  Sie  enthält  folgende  Saga's:   1.  Ereksaga  p.  532 — 537  incl. 
2.  Samsonarsaga   fagra   p.  538 — 544   incl.    3.  Möttulssaga  p.  545 
bis  548.   Dieser  Handschrift  sind,  wenn  das  Gegentheil  nicht  be- 
sonders augemerkt  ist,  die  im  Folgenden-  angeführten  Stelleu  ent- 
nommen. 
h)  Cod.  Holm.  46  chart.  fol.,  zuerst  beschrieben  von  A.  J.  Arwidsson: 
Förteckning    öfver    Kongl.    Bibliothekets    i    /iStockholm    Isländska 
Handskrifter    p.  73,    dann   von   Stephens:    Samlingar    utgifna    of 
Svenska    fornskrift-sällskapet.    Andi'a    Delen    p.  CXXXIX,    end- 
lich von  mir:   Riddarasögur,    p.  IX  s.,  wo  specieller  über  die  in 
derselben    enthaltene    Iventssaga   gehandelt   wird.    Ein   Facsimile 
vom  Anfang  der  Erexsaga  nach  dieser  Handschrift  siehe  bei  Lady 
Guest:  The  Mabinogion  Vol.  H  p.  193.  Diese  Handschrift  ist  der 
Schreibweise  nach  entschieden  jünger  als  a,  auch  meist,  bes.  was 
Namen  angeht,  verderbter.  Doch  kann  h  an  manchen  Stellen  als 
Correctiv  für  a  gelten,  um  so  mehr,  da  beide,  nur  in  Einzelheiten 
im  Texte  von   einander   abweichend,    sicherlich   eine  gemeinsame 
Vorlage   gehabt   haben,    und  zwar  aller  Wahrscheinlichkeit  nach 
eine  Membrane. 

H.  Die  Quelle  der  Erexsaga. 

Die  Frage  nach  der  Quelle  der  Erexsaga  ist  nicht  nur  um  dieser 
selbst  Willen  interessant;  es  werden  bei  dieser  Erörterung  auch  manche 
Streiflichter  fallen  auf  das  Verhältniss  des  Crestien'schen  Erec  zu  dem 
Gedichte  Hartmann's  von  Aue,  das  nur  einmal  gründlich  erörtert  worden 
ist  von  Karl  Bartsch,  in  dieser  Zeitschrift  VH,  141—185.  Mit  Plülfe 
dieser  auf  das  Sorgfältigste  augestellten  Untersuchung,  sowie  des  fran- 
zösischen (ed.  Imm.  Bekker,  Haupt's  Ztschr.  X,  373  ss.)  und  deutschen 
Textes  (ed.  Fedor  Bech.  Leipzig  1867)  soll  nun  eine  Einzelvergleichung 
vorgenommen  werden. 

Die  Einleitung  des  franz.  Gedichtes,  v.  1 — 26  incl.  fehlt  in  der 
Saga.     Dagegen  vgl.: 


DIE  NORDISCHE  EREXSAGA  UND  IHRE  QUELLE. 


383 


Cr csti en  V.   27  SS.  Erexsaga. 

un  ior  de  pasque,  au  tens  nouel,  rat  er   upphaf  jiessai-ar  fräsögu,  at 

h.  Caradigaut  son  chastel  Artus  konungr   sat  i  sinum    kastala  er 

ot  li  rois  Artus  cort  tenue.  Kardigan    het.    rat   var    päskatid,    ok 

onc  si  bele  ne  fu  ueue  :  b^lt  p&v  inn   virduliga   si'na   hird ,    sem 

'  '       vandi  hans  var  til,   svk  einginn  )>6ttist 
set  hafa  slika  konungs  prydi. 

Selbstständig  ist  im  Nordischen  die  Erwähnung  von  12  spekingar: 
Med  hdnnm  vdru  XII  spekingar  hans  ok  räägjafar ,  er  dagliga.  riäti  üt. 
med  hdniim.  Hier  wird  nun  gleich  Erex  aufgeführt,  was,  abgesehen  von 
einer  kurzen  Erwähnung  in  der  Einleitung  (v.  19),  im  franz.  Text  erst 
bei  Schilderung  der  Jagd  geschieht.  Doch  stimmen  die  einzelnen  Züge: 


Erexsaga. 
Einn  af  Jieim  var  sonr  llax  konungs, 
mikill  kappi  i  riddaraskap,  fri'dr  synum, 
ok  i)5röttamadr  mikill ,  ei  eldri  en  hälf- 
Jiritugr,  er  saga  Jiessi  gerdist.  Hann  het 
Erex.  Hann  var  velvirdr  af  koiiungi  ok 
dröttningu  ok  allri  hirdinui. 


Cres tien  V.   82  ss. 
uns  clieualiers,  Erec  ot  non. 
de  la  taule  reonde  estoit. 
inout  grant  los  en  la  cort  auoit. 
de  tant  com  il  i  ot  este. 
n'i  ot  cheualier  plus  ame. 
et  fu  tant  beax  qu'en  nule  terre 
n'estuet  plus  bei  de  li  aquerre. 
mout  estoit  beax  et  prouz  et  genz ; 
[et]  se  n'auoit  pas  vint  cinq  anz. 

Sollte  nicht  vielleicht  dieser  letzten  Zeile  im  nordischen  Text:  af 
dröttningu  ok  allri  hirdinui  der  erste  Vers  bei  Hartmann  entsprechen, 
der  in  Haupt's  Ausgabe  noch  fehlt:  hi  ir  und  hl  iv  loihen,  nämlich:  war 
er  hoch  geehrt?  Zu:  er  saga  Jiessi  gerdist,  das  im  Französischen  fehlte 
stimmt  bei  H.  v.  4 :  durch  den  diu  rede  erhaben  ist.  —  Über  die  Ritter, 
die  an  Artus  Hofe  sind,  wird  in  der  Saga  mehr  gesagt,  als  bei  Cr., 
wo  man  v.  31  s.  vergleiche.  Es  heißt  in  der  Saga:  ])d  mdtti  sjd  margan 
gödan  riddara,  konunga  ok  jarla  ok  adra  dyra  menn,  hmdi  %mga  ok  gamla, 
ok  fusir  frammi  at  hafa  sinn  röskleika  fyrir  dijrum  mönnnm. 

Ganz  selbstständig  ist  ferner  in  der  Saga  folgende  Stelle :  Skemtan 
var  jiar  at  heyra  ok  hafa  sem  hverr  vildi  kjösa  (a),  Skemtan  skorti  Jjar 
ekki  d  hvern  hält  er  vildi  at  sjd  med  aiigum  ok  heyra  med  eyricm  (b). 
hveiT  var  vid  annan  eptirldtr  ok  gödviljadr ,  ok  sem  allir  vdru  sem  gla- 
dastir,  etc.  Es  ist  übrigens  interessant,  hier  die  Iventssaga  zu  ver- 
gleichen, wo  es  ebenfalls  vor  der  Katastrophe  ohne  Anhalt  im  franz. 
Text  heißt:  ok  fölkit  var  sem  gladasf,  Jid  etc.  (Riddarasögur  p.  75,  9  s.) 
Es  heißt  dann  von  den  Damen: 


Crestienv.   53  s. 
et  n'i  a  nule  n  ait  ami 
Chevalier  uaillant  et  hardi. 


Erexsaga. 
ok    varu    ]>aer    allfaar   er   eigi    höfdu 
kosit  ser  uniiasta. 

20  - 


384  EUGEN  KÖLBING 

Es  heiüt  dann  im  nordischen  Text,  stimmend  mit  einer  der  eben 
angeführten  vorausgehenden  Stelle: 

Crestien  v.   36  s.  Erexsaga. 

li  rois  ti  ses  Chevaliers  dist  Kvertr   konungr  sir  Iiljods  ok  ma?lti: 

qu'  il  voloit  le  blanc  cerf  chacier.  Yctr    er   kunuigt  at   hh-  ä  skoginum    er 

einn  hjörtr  er  ve'r  faum  aldri  veiddan. 

Im  Französischen  sagt  Gauiiain,  daß  der  Sieger  einen  Kuss  zu 
bekommen  habe^  im  Nordischen  Artus: 

Crestien  V.   45  SS.  Erexsaga. 

qui  le  blaiic  cerf  ocirre  puet,  Nu  sa  sem  Jiat  vinnr,  skal  kjösa  einn 

par  raison  baisier  li  estuet  koss  af  jieirri  frictustu  jungfrü  sem  i  er 

des  puceles  de  vostre  cort  hird  minni. 

la  plus  bele,  k  que  qu'  il  tort. 

In  beiden  Texten  macht  dann  Gauuain  (Valver)  als  Hinderniss 
geltend,  daß  es  schwer  sein  werde,  die  schönste  zu  finden.  Des  Königs 
Antwort  anlangend,  vgl.  man: 

Crestien  V.    59  ss.  Erexsaga. 

li  rois  respont:  „ce  sai  ie  bien,  Konungr     reiddist     orduni    hans    ok 

niais  por  ce  n'cn  lairai  ie  rien ;  nia>lti:    Hvurt    ))er    li'kar  vel    eda    illa, 

car  ne  doit  estre  contredite  Valver,    \>ii   skal    fara   sem   t'idr,    ]jviat 

parole  que  li  rois  a  dite".  einginn    jijönustumadr   ä    at   neita    Jjvi 

sem  hans  nioistari  bidr  hi'uuun. 

Als  es  sich  um  den  Beginn  der  Jagd  handelt,  wird  bei  Cr.  und 
in  der  Saga  Artus  ausgezeichnet: 

Crestien  v.   123  s,  Erexsaga. 

devant  aus  toz  chai^-a  li  rois  En  frenistr  aföllumvar  Artus  konungr 

sor  un  chaceor  Espanois.  4  einum  laupara  sterkum  ok  fljotum  sem 

svala  a  flugi.  (b.)  En  Artiis  konungr  er 
fremstr  k  hlanpara  einum  sterkum  ok 
mjök  skjötum.  (a.) 

Die  Notiz  über  die  Heimath  seines  Rosses  ist  im  Nordischen  auf 
das  des  Erex  übertragen:  .  .  .  med  lienni  hinn  vngi  Erex  d  gödu  erst 
er  komit  var  af  Spdnialandi.  —  Im  Folgenden,  wo  bei  Crestien  die 
Königin  nur  von  einer  Jungfrau  (v.  127),  bei  H.  von  mehreren  be- 
gleitet ist,  folgt  die  Saga  dem  ersteren:  Einginn  fykjdi  henni  nema  E^-ex 
ok  ein  jungfrü. 

Der  Eingang  der  Episode  mit  dem  fremden  Ritter  ist  im  Deut- 
scheu kürzer  gefasst;  die  Saga  stimmt  mit  dem  Französischen: 

Crestien  V.   136  s.  Erexsaga. 

tuit  troi  furcnt  en  un  essart  Pau  nema  stad  i  einu  rjödri. 

delez  le  chemin  areste. 


DIE  NORDISCHE  EREXSAGA  UND  IHRE  QUELLE. 


385 


Im  Deutscheu  fehlt: 


Erex  sa  ga. 
ok  höfdu  ebki  vapn  ncma  eitt  sveiiT, 


Cresti eu  v.  103  s. 
r  ;  ii'ot  arme  o  lui  ?portee 
foit  que  tant  soulement  s  espee. 

Selbststäudig  ist  im  Nordischen:    pau   stiga    af  sinum   hestam   ok 
l'ita  renna  af  peim  moeäi. 


Crestienv.    138  ss. 
miis  mout  i  oreiit  pou  estr, 
qrant  il  unent  un  cheual'e  • 
17  61  iv  nmd  sor  son  deetrier.  -  . 


ressu  iisest  ya  jiau  ri'cta  fratn  ur  sko- 
ginum  einn  riddar.i  alväpractan  ok  med 
hanum  eina  fn'da  mey,  ok  fyrir  ]ieim 
einn  Ijötr  dvergr  k  stöiam  hesti  haf.mdi 
[i  hendi  add.  h]  eina  alnar  svipa. 


V.  143  SS. 
dele«!  li  cheuauchoit  k  destre 
une  pucele  de  grant  estre; 
et  deuant  lor  sor  un  roncin 
uenoit  uns  nains  tot  le  chemin 
et  ot  en  sa  main  aportee 
i  le  corg!e  en  son  noee. 

Auch  hier  schließt  sich  das  Nordische  eng  an  Cr.  im,  denn  bei 
IL  wird  eist  der  Ritter,  dann  der  Zweig  und  dann  erst  die  Dame 
genannt  (vgl.  v.  10  sg.).  Erex  Anerbieten,  zu  ^agen,  wer  der  Ritter  ist, 
hat  weder  Cr.  noch  die  Saga,  ebenio  wenig  die  Anrede  der  Jungfrau 
an  den  Zwerg  (v.  17  ss). 

In  Erex  Bericht  an  die  Königin  schließt  sich  die  Darstellung 
des  Nordischen  auffallend  an  die  deutsche  Fassung  an.  „H.  fasst  die 
iei.>en  Felden  beschimpfende  Sii;aaäon  so  auf,  daß  sie  ihn  nicht  in  dem 
Maße  entehrt  wie  bei  Chrisfan;  bei  diesem  gesteht  Erec  ganz  treu- 
herzig, er  habe  sich  vor  dem  Ritte"  gefürchtet,  Aveil  er  seine  Waffen 
nicht  bei  sich  gehabt,  bei  H.  schmerzt  ihn  am  mesten  die  Schande, 
vor  den  Augen  der  Königin  geschlagen  worden  zu  sein.''  (Bartsch  1.  c. 
p.  142.)  Der  Verfasser  der  Saga  stimmt  hier  weder  mit  Bekkers 
Text  noch  mit  dem  von  San-Marte,  wo  v.  228—38  ganz  fehlen;  da- 
gegen vgl. 


H  avtuiann-A  .  114  S: 
mir  trii  vor  lu  geschehen 
eine  sehen'  le  also  groz, 
C  \z  ir  nie  dehein  min  genöü 
eines  hävcs  nie  gewan. 
daz  mich  ein  sus  wenic  man 
.  5  lästerlichen  hat  geslagen 
und  'h  im  d.»z  inuoz  verhagen, 
des  snhom  ich  mich  so  sere  etc. 
Vgl.  Cr.  v.  232  SS-,  wo  das  Wort  Schande  sich  nicht  tindet. 


E  r  e  X  s  a  g  a . 
Segir  diottningu  af  fentum  si'iuiin  ok 
Stil-  vaeri  til  falhiar  t.asr  skmnmir  on  sii 
\)6  einkavest  (scgir  drotti  'ngu  si'na  u'd 
ok  eru  nü  verri  (vter  skammir  en  ein,  ok 
l)at  verst,  M,  er  ek  jjortta  ekki  at  hcfna 
min. 


386  EUGEN  KÖLBING 

Von  dem  Holen  des  Harnischs  sagt  die  Saga  nichts,  wol  nur  um 
abzukürzen.  Auffallend  ist  dann  die  egale  Gedankenverbindung  im 
Nordischen  und  Deutschen. 

Hartmann  V.    134  ss.  Erexsaga. 

ir'n  geseht  mich  nimmer  mere,  Eii  Jiaäan  sver  ek ,   dröttning,   segir 

ich'n  gereche  mich  an  disem  man,  liann,   at  ek  skal  ei  fyrr  aptr  koma  til 

von  des  getwerge  ich  mal  gewan.  hirdar  Artiis  konungs,   en  ek  hefi  hefnt 

jiessarar    jiinnar    ok    minnar    skammar, 
eda  fä  adra  hälfu  meiri. 

Vgl.  Cr.  238  SS.:  mais  itant  prometre  liuiiü,  que,  se  ie  puis,  ie  vengerai 

ma  honte,  ou  ie  l'engignerai. 

Weder  bei  Cr.  noch  in  der  Saga   räth   ihm  die  Königin  von  der 

Reise  ab,  wie  bei  H.  Sie  verabschieden  sich  von  einander: 
Crestien  v.    265  ss.  Erexsaga. 

ä  dieu  vos  comant.  ok    lifit    i    guds    gledi.    Heiisa    Jiasr 

et  la  royne  ausimant  hänum  meir  en  hundrad  ti'd  at  skilnadi. 

h,  deu,  qui  de  mal  Ie  desfende. 

plus  de  cinq  cenz  foiz  Ie  commande. 

Crestien  V.   269.  Erexsaga. 

Erec  se  part  de  la  royne,  Nii  ridrErex  bort,  en  dröttning  dvald- 

dou  Chevalier  suire  ne  fine.  i.st  i  sköginum  eptir,  )iar  til  at  konungr 

et  la  royne  au  bois  remaint,  kemr  at  med  si'num  mönnum  ok  hafdi 

oü  li  rois  ot  Ie  cerf  ataint.  konungr  veidt  hjörtinn. 

ä  la  prise  dou  cerf  ain^ois 
vient  que  nuns  des  autres  li  rois. 

Erec  folgt  den  Spuren  des  Ritters  bis  zum  Abend: 
Hartmann  V.    172.  Erexsaga. 

unz  daz  der  Tibent  ane  gie.  allt  til  aptans. 

Diese  Zeitangabe  fehlt  bei  Cr.;  cf.  Bartsch  1.  c.  p.  142.  —  Dem 
Nordischen  eigenthümlich  ist  folgender  Zug  bei  der  Schilderung  der 
Burg:  y^«?'  var  margf  folk  ok  mikil  cfleäi,  en  hverr  ])eirra  ISt  sina  gledi,  pd 
peir  sau  pevna  vdpnacta  riddara,  oh  fylgäu  hdniim  til  lierhergja.  (Vgl. 
H.  176  SS.,  Cr.  355  ss.)  Das  Sperberfest  wird  im  Nordischen  ebenso  wie 
bei  Cr.  erst  später  erwähnt;  ebenso  wenig  wird  in  der  Saga  von  der 
Überfüllung  der  Stadt  gesprochen.  In  der  Beschreibung  des  alten  Mannes 
stimmt  die  Saga  mit  Cr.,  während  bei  H.  die  Beschreibung  ausführ- 
licher ist.  Auffallend  ist  aber,  daß  sowohl  bei  H.  als  in  der  Saga  der 
Alte  nur  seine  Tochter,  nicht  auch  seine  Frau  herbeiruft,  wie  es  bei  Cr. 
geschieht.  Ebenso  wird,  wie  bei  H.  so  in  der  Saga,  ihr  früher  der  Auf- 
trng,  das  Pferd  zu  nehmen,  ehe  über  ihre  Reize  gesprochen  ist  (vgl. 
Cr.  444-448,  H.  v.  315—320).  Die  Schilderung  der  Jungfrau  in  der 
Saga  schließt  sich  an  Cr.  an: 


DIE  NORDISCHE  EREXSAGA  UND  IHRE  QUELLE.  387 

Crestien  v.    396  s.  Erexsaga. 

.  .  .  sa  fiUe,  qui  fu  vestue  Ma^rin  var  i  eiuum    h'nkyitli   fornuni 

d'iine  chrmise  par  panz  lec  .     ,  .  ok  sHtnum,   en  ])6  eigi  at  si'tti-  var  allr 

lienuar  li'kami  sv4  fri'dr  at  etc. 

I'ar  fylgctu  allir  likamaus  burdir  ok 
poure  estoit  la  robe  defors,  kurteisi    svä    at    sjalf   nattdran     mundi 

mais  desoz  estoit  beax  li  cois.  .^^^^^^  ^^^  ^  ^.-^^^^  ^^^^.^^  ^^^  ^.^^  f^id 

mout  estoit  la  pucele  gente,  skömut 

que  tote  i  avoit  uiis  s'entente 
nature,  qui  faite  l'avoit. 

Erec's  Einwand  und  des  Alten  Entgegnung  hat  nur  H.  (vgl. 
Bartsch  1.  c.  p.  14.3),  Ira  Folgenden  weicht  die  Saga  von  den  anderen 
Texten  ab.  Es  heißt:  [En  er  hon  sd  Ei^ex,  ])a  feldi  hon  allan  sinn 
elskuga  til  hans  *)^  ok  pöfti  pö  nndarligt,  er  hon  skyldi  kunna  at  elska 
ökunnan  mann.  Stöä  nü  hvdrt  ok  horfdi  d  annaf.  retta  sSr  hüshöndinn; 
tekr  nü  hest  hans  ok  leixtir  hann  til  st  aus  ok  gefr  hdnmn  körn  ok  rnungdt. 
Vgl.  Cr.  V.  436  ss.  Bartsch  1.  e  Daß  der  hüshöndi,  als  er  das  Ein- 
verstcändniss  beider  bemerkt,  sich  mit  dem  Pferde  zu  thun  macht, 
um  beide  allein  zu  lassen,  ist  wol  Erfindung  des  Sagaschreibers.  Bei 
Cr.  folgt  nun  das  Essen,  ebenso  bei  H.;  in  der  Saga  erst  nach  den 
folgenden  Erörterungen;  hier  heißt  es  nur:  En  jungfrüin  pjönar  Ei-ex 
ok  leidir  hann  til  scetis  ok  skemtir  hvdrt  ödru  med  hlidii.  Erex  thnt,  als 
sein  Wirth  wieder  kommt,  folgende  unzarte  Frage: 

Crestien  v.    499.  Erexsaga. 

dites  moi,  beax  ostes,  fait  il,  ri'n  dottir  er  hin  fn'dasta  mser  i  allri 

de  tant  poure  robe  si  vil  veröldinni;  en  Jsat  uudra  ek,  at  hun  er 

por  qu'  est  vostre  fille  atornee,  svä  fdtoekliga  klajdd. 

qui  tant  par  est  bele  et  sennee? 

An  diese  Frage  schließt  sich  nun  gleich  die  Werbung:  En  ydr  af 
at  segja,  ])d  er  pat  minn  vili  ok  hoenarstadr,  at  ]ni  giptir  mer  pessa  jung- 
frü,  ok  hetr  ann  ek  henni  en  gulli  ok  riki  mins  födurs.  Hier  nennt  er 
auch  gleich  seinen  Namen,  was  bei  Cr.  allerdings  auch,  aber  erst  spcäter 
beijciner  ähnlichen  Gelegenheit  geschieht.  Man  vgl. 

Crestien  v.    641  ss.  Erexsaga. 

puis  dit:  sire,  uos  ne  sauez  Vil    ek    eigi    mi'nu   nafni    leyna;     ek 

quel  oste  lierbergie  avez,  '  heiti  Erex,    son  Ilax  konungs;   liefi   ck 

de  quel  afaire  et  de  quel  gent.  verit  inect  Arti'is  konungi  fimtn  är. 

fiz  sui  dun  riebe  roi  poissant. 
Eree  fliz  le  roi  Lac  ai  non; 
ensi  in'apelent  li  baron. 

de  la  cort  au  roi  Artus  sui ;  ,     . 

bien  ai  est^  trois  anz  o  lui. 


*)  ok  ]je<jar  feldi  hann  alla/ii  sinn  elsAnhtig  tili  hennar.  (b). 


388  EUGEN  KÖLBING 

Auch  die  Antwort,  die  natürlich  doppelt  sein  muß,  entspricht  den 
betreffenden  Stellen   im  französ.  Text: 

Crestien  v.    663.  Erexsaga. 

li  Ostes  molt  s'en  esioi,  Hüsböndi   varct   glactr  vid,    er  hans 

et  dit:  bien  auommes  oi  gett   var    hänum    vitanlig  (?)    ordin,    ok 

de  vos  parier  en  cest  pais.  maelti:    Opt  hefi  ek  heyrt  }iin  getit  at 

^,._  hreysti  ok  riddaraskap:  ok  öugum  kosti 

vil  ek  ]dvi  neyta  at  gipta  j^er  mina  dottur 
car  mout  estes  prouz  et  hardiz.  ^f  ^^^  e,.  hej^ar  vili. 

ia  de  moi  n'iroiz  escondiz. 
tot  a  vostre  commandement 
ma  fiUe  bele  vos  present. 

Crestien  v.   509  ss.  Erexsaga. 

tant  ai  este  toz  iors  en  gnerre.  Svä  leingi  hefi  ek  i  hernadi  verit  ok 

que  toute  ai  perdue  ma  terre  üfridi,  at  btedi  hefi  ek  tynt  eignum  ok 

et  engaigiee  et  uendue,  ödulum. 

Der  Name  ihres  Oheims  ist  bei  Cr.  hier  nicht  genannt,  in  der 
Saga  heißt  es:  eigi  er  hun  af  pvi  fdtcekliga  klcedd,  at  hun  se  proelborin, 
pvicd  Melan  jarlsson  vdr  mödurhrödir  hennar.  Vgl.  Hartmann  v  434  ss. 

der  juncfrowen  a?hein 
was  der  herzöge  Imain 
der  hei-re  von  dem  lande, 
ir  geburt  was  äne  schände. 

H.  und  die  Saga  stimmen  hier  entschieden  zusammen:  beide  sagen 
davon  nichts,  daß  sie  von  ihrem  Onkel,  dem  Grafen,  Kleider  genug 
bekommen  könne  (Bartsch  1.  c.  p.  144).  Schließlich  lobt  der  Ritter 
übereinstimmend  mit  Cr.  die  Schönheit  seiner  Tochter: 

Crestien  V.   531.  Erexsaga. 

mout  est  bele,  mes  plus  assez  En    j:)ess  vsentir    mik,    at   af  viti   ok 

vaut  ses  sauoirs  que  sa  beautez.  kvennligum  listum  hefi  (vitrar  ok  kvenn- 

ligar  i})röttir  hafi  b)  min  dottir  ei  si'dr 
en  v«nleik. 

Jetzt  folgt  in  der  Saga  das  Essen,  das  aber  hier  im  Gegensatz 
zu  den  beiden  übrigen  Texten  sehr  kurz  behandelt  wird :  Ganga  sidan 
tu  horcts  ok  eru  nü  glöd  ok  kdt.  Mit  Cr.  stimmt  das  Folgende: 

Crestien  v.   479,  Erexsaga. 

li  uauasors  seriant  n'auoit  Einn  steikari  var  ))ar  at  matgera ,  en 

fors  tin  tot  seul,  qui  le  seruoit,  öngvir  l^jönustumenn  adrir. 

ne  chamberiere  ne  meschine. 

Bei  H.  kann  er  nicht  einmal  diesen  halten  v.  412. 
Jezt  fragt  Erex  nach  dem  Ritter,    der   sich  auf  dem  Schloß  ein- 
quartiert hat.     Als   er  dies   erfahren,    sagt  er  bei  Cr.  nur  v.  596:    cest 


DIE  NORDISCHE  EREXSAGA  UND  IHRE  QUELLE.  389 

Chevalier  ne  aing  ie  pas.  In  der  Saga  heißt  es:  Nu  segir  Erex  hvat 
kann  dregr  tu  pessorar  ferctar  ok  hverju  Tiann  dtti  at  ömbmia  f)eim  ridd- 
ara;  also  H.  näher  stehend,  cf.  v.  480  ss.,  wo  Erec  die  Sache  aus- 
führlich berichtet.  Von  der  Mitnahme  Enidens  auf  das  Fest  ist  hier 
noch  nicht  die  Rede. 

H.  und  die  Saga  stimmen  zusammen  in  Bezug  auf  den  Morgen- 
imbiß, von  dem  Cr.  nichts  sagt.  In  der  Saga  heißt  es:  Ep,ir  dagdrykk- 
inn  stigr  \hann]  d  sitt  ess.  H.  667  do  was  hereif  der  imlnz.  Dagegen  fehlt 
der  Empfang  bei  Herzog  Imain.  Im  Übrigen  vgl: 

C res ti en  V.    691  SS.  Erexsaga. 

l'endemain  lues  que  l'aube  crieue,  Um  morguniun  [snemma  add.  b)  stendr 

isnelement  et  tost  se  lieue,  Erex  upp  ok  gengr  til  kirkjii  ok  heyrir 

et  ses  Ostes  ensamble  o  lui.  messu  {de  spiritu  saucto  add.  b).    Evi'da 

au  mostier  uont  orer  andui,  hans  minasta  kom  enn  ok  falu  sik  gucti 

et  firent  de  saint  esperite  ä  heiidr  (ok  fal  sik  giuti  ä  heudr  b). 

messe  chanter  h  un  hermite. 

Die  einzelnen  Momente,  die  Bartsch  I.  c.  p.  145  als  bei  Cr.  er- 
wähnt, bei  H.  nicht  erwähnt  aufführt,  das  Gedränge  des  Volkes,  das 
Verdrängen  des  fremden  Ritters  etc.  fehlen  ebenso  in  der  Saga.  Dieser 
Ritter  wird  bei  Cr.  Ydiers,  bei  H.  Yders,  in  der  Saga  aber  ganz  ab- 
weichend, aber  doch  auf  französischen  Ursprung  hinweisend^  Malpiraut 
genannt.  Von  diesem  heißt  es  v.  777  .  .  .  .ne  cuidoü^  q'ou  siegle  eicst 
Chevalier  qui  tant  hardi  fust  qui  contre  lui  s'osast  comhatre.  Dies  ist  in 
der  Saga  erzählend  gefasst:  ok  vogadi  eingi  at  rdda  til  hauksins,  («.)  ok 
pordi  einginn  til  hauksins  at  kalla,  (h.). 

Nach  dem  nordischen  Text  holt  Erex  die  sföng  selbst,  bei  Cr.  und 
H.  fordert  er  Eniden  dazu  auf.  Der  Kampf  zwischen  beiden  Kittern 
wird  in  den  verschiedenen  Texten  abweichend  geschildert.  Hervor- 
heben will  ich  nur,  daß  während  bei  Cr.  und  H.  Erex  den  von  Ydiors 
vorgeschlagenen  kurzen  Waffenstillstand  annimmt,  der  in  der  Saga 
von  Malpirant  gewünschte  verweigert  wird.  Es  heißt  da:  Malpirant 
modti  ])a  til  Erex:  Hvüumst  vit.  Nei,  sagdi  Eh-ex,  fyrr  skaltn  fd  her 
mavgt  stört  slag  [ok]  par  med  Idta  lifit,  elJa  skal  ek  daudr  Uggja.  Über- 
haupt ist  hier  der  Kampf  sehr  abgekürzt.  Das  Resultat  desselben  ist 
aber  bei  allen  drei  Dichtern  dasselbe.  Von  der  Bestrafung  des  Zwerges 
(H.  V.  104.3  ss.)  weiß  die  Saga  so  wenig  Avie  Cr.  Der  Auftrag,  den  Erex 
dem  Ritter  gibt,  ist  in  allen  drei  Gedichten  derselbe. 

Crestien  V.    1023  s.  Erexsaga. 

et  sanz  nul  respit  orendroit  Pa  skaitu   nu  f  statt   fara   til   minnar 

iras  ä  ma  dame  tot  droit.  unnustu 


390  EUGEN  KÖLBING 

V.  1025  s. 
(jue  s;iiiz  faille  ia  troueras 
;i  Caradigaiit,  se  Ik  ua.s.  i  kastala  Kardigan. 

Dieser  Auftrag  wird  ausgefülirt.  Was  bei  Cr.  Artus  der  Königin 
räth,  thnt  sie  bei  H.  und  in  der  Saga  von  selbst,  nur  ist  die  letztere 
viel  ausführlicher: 

Hartmann  V.    1278.  Erexsaga. 

iwcr  buoze  diu  sol  ringer  sin  Sannliga   ertu   dauda  verdr   fyrir  \ik 

danne  ir  doch  gearnet  liät.  akömm,    er   ]»inn    dvergr    gerdi    minni 

ich  wil  daz  ir  hie  best.at  mey  ok  mi'nuin  riddara,   ok   ert  öngrar 

und  unser  ing'-sindc  sit.  miskunnar  verdr  fyrir  05s;   en  af  pvi  at 

daz  muoz  oucli  wcsen  änc  sfrir.  pat  er  mestr  sigr  at  sigra  reidi  sjalfs 

si'ns,  en  hjalpa  uverdugum  J^eim  er  })arf, 
pk  stattu  npp,  riddari,  med  ])inni  fylgd 
ok  skaltu  Vera  her  velkoniinn. 
Bei  Cr.  fehlt  die  direc'.e  Rede  an  dieser  Stelle  ganz,  vgl.  v.  1226  ss.: 
auch  sagt  Cr.  nichts  von  der  Unwürdigkeit  des  Ritters. 
Die  Erzählung  kehrt  nun  zu  Erec  zurück: 

Crestienv.    1236  f<s.  Erexsaga. 

or  rcdeuons  d'  E-ec  parier,  Fat  er  nii  at  seigja  frä  Erex,  at  hann 

qui  encor  en  la  place  estoit  sat  i  sama  kasfala  eptir  j^etta  einvigi.  — 

oü  la  batailie  faito  auoit.  Jarl  einn  ])e.ssa  kastala  Jiät  Balsant  (Bas- 

lant  b). 
Diesen  letztgenannten  Namen,  Balsant,  kennt  das  Französische 
nicht  und  H.  ebenso  wenig.  Doch  ist  er  iiatürlich  französischen  Ursprungs. 
Dessen  Einladung  bei  ihm  zu  wohnen,  lehnt  E.  auch  in  der  Saga  ab, 
und  der  Graf  (hier  Balsant)  folgt  ihm  nun  selbst.  Die  Bemerkung 
über  die  Schämigkeit  der  Frauen  fehlt  in  der  Saga  wie  bei  Cr.  Die 
nächsten  Partien  sind  überhaupt  in  der  Saga  sehr  abgekürzt.  Sie 
kommen  an  Artus  Hof.  Die  Namen  der  Ritter,  die  Erec  und  seiner 
Dame  entgegengelien  (Cr.  v.  1515  ss.)  fehlen  in  der  Saga.  Erec's  Rede 
(Cr.  1544 — 71)  fehlt  in  der  Saga  und  bei  H.  Die  Königin  nimmt  sich 
Eniden's^an  und  kleidet  sie: 

Crestienv.    164  7  s.  Erexsaga. 

mais  plus  estoit  luisanz  ses  crins  ()k    birti  vida   af  J^eim    bünin^i;    en 

rjue  li  ors  qui  estoit  loz  fins.  ])ü   bar   meiii   Ijonii    af  hävi   meyarinnar 

en  af  gnllhlödunum. 
V.    IGGC)  s. 
l'une  a  l'autre  ])ar  hi  inain  piise.  Si'dan  tekr  dröttning  i  hönd  henni  ok 

se  sont  devant  le  roi  uenues.  leidir  liana  inn  med  si'num  meyjum  i  höll 

konungs. 

Die  ganze  nun  folgende  Aufzählung  der  Ritter,  die  an  König  Artus 
Tafel  sitzeu;  Cr.  r.  1670  ss.  fehlt  in  der  Saga,  wol  der  Abkürzung  halber. 


DIE  NOKDISCHE  EREXSAGA  UND  IHRE  QUELLE.  391 

Im  Folgciulen  zeigen  sich  mehrfache  Berühnnigcn  zwischen  der 
Darstellunj>;  Hartmanu's  und  der  KSaga.  Nicht  nur  das  Gleiclmiss  von 
der  Sonne ;  die  eine  Wolke  verhüllt,  das  Staunen  des  Ritters  über 
Emdens  Schönheit,  was  Bartsch  1.  c.  p.  152  als  Hartmann  allein  ge- 
hörig aufführt,  sondern  auch  der  Vergleich  mit  Rose  und  Lilie,  den 
Bartsch  übergeht,  hat  der  nordische  Text  mit  dem  Deutschen  ge- 
meinsam: 

Hartman  n  V.    1  700  SS.  Erexsaga. 

als  der  rosen  varwe  Ol;  var  hennar  andlits   litr    sein   hin 

undor  liljen  wize  güzze,  rauiia  rosa  [med  samteiiigdan  livi'tan  lit 

unde  daz  zcsamne  flüzzc .  .  .  sem  lilja  ^  eda  hit  rauda  blöd  i  [nyfall- 

inn   sna;  "    eda    aolar    birti   i    [heidri'kju 
V.    1  716  SS  ,  .  3 

vefri    . 

als  diu  sonne  in  liehtem  daee  ,  .,,.,-,    ,.,•      i        ■>      •  > 

"^  '  .samtpiii^f!  hinni  hvitu  hlju.  ''.  snio- 

ir  scliin  vil  voUechche  hat,  1,^,'^,.;  ,„•,,]  ^,       3  i,ey3skfm.  /*. 

und  gähes  da  für  gat 

ein  wölken  dünne  und  niht  breit, 

so  ist  ir  schin  niht  so  bereit  , 

als  man  in  vor  saeh. 

Die  Identität  dieser  Gleichnisse  in  beidon  Bearbeitungen  ist  wol 
einleuchtend.     Bei  Cr.  fehlen  sie  ganz. 

Ilartmannv.    1736  s.  P^icxsaga. 

Ton  ir  schoone  erschräken  die  Ok  horfdi  ä  hana  öU  liirdin 

zuo  der  tavelrnnde  säzen .  .  .  ok  undrudu  heimar  fegrd. 

und  kaphten  die  maget  an. 

Auch  dies  fehlt  bei  Cr. 

Bei  Christian  räth  man  (oder  vielmehr  die  Königin  [v.  17ö2])  dem 
Könige,  das  Recht  des  Kusses  nicht  länger  aufzuschieben  ,  bei  Hart- 
mann bedarf  es  dieser  Aufforderung  nicht.  (Bartsch  1.  c.  p,  lö3.) 
Ebenso  wenig  in  der  Saga,  wo,  nachdem  die  Königin  Erex  gelobt  hat, 
Artus  entgegnet:  Saft  er  j)at,  segir  Lonimgr ,  ok  ei  heß  ek  sH  fridari 
mey,  ok  ef  ]>at  er  sampykki  hirdarinnar  ok  allra  dömr,  at  hon  meigi  vel 
fridust  ok  kurteisust  heita  af  öllum  meyjum  i  vdrri  hird,  ])d  vil  ek  pann 
koss  af  henni  piggja,  sem  ek  vann  til  med  minu  sjyöti. 

Folgende  Stelle  wird  bei  H.  und  in  der  Saga  erzählend  aus- 
gedrückt, bei  Cr.  der  Königin  in  den  Mund  gelegt:  .  .  .at  allir  jdfa  med 
einni  rceddu^  at  hon  ein  muni  mäklig  at  piggja,  hessa  hcen;  sidan  vor  paf 
allra  dömr. 

Hartraanns  Vergleich  von  Mond  und  Sternen  hat  die  Saga  si»  wenig 
als  Crestien.  Die  vom  König  beim  Kuss  gesprochenen  Worte  fehlen 
bei  H.  Die  Saga  und  Cr.  haben  sie.  Von  den  Geschenken  an  Erec's 
Schwiegervater  weil.'«  die  Saga  nichts,  wol  um  abzukürzen.    Die  Stelle 


392  EUGEN  KÖLBING 

anlangend,  wo  es  sich  um  die  Hochzeit  handelt,  so  schließt  die  Saga 
sich  Cr.  an,  wenn  auch  Erec  Artus  nicht  gradezu  um  Erlaubniss  bittet, 
an  seinem  Hofe  Hochzeit  halten  zu  dürfen.  Es  heißt  in  der  Saga: 
Nu  hiär  En^ex  Artus  konung  at  veita  ser  hrürthlaup  ok  jdtar  konungr  pat, 
so  daß,  wenn  man  die  andern  beiden  Darstellungen  vergleicht,  gewisser- 
maßen eine  Mittelstraße  gewählt  ist  (vgl.  Bartsch  1.  c.  p.  153).  —  Es 
folct  nun  im  Nordischen  ein  Nameusverzeichniss.  Aber  diese  Namen 
sind  so  verderbt,  daß  von  ihnen  wol  mit  noch  mehr  Recht  behauptet 
werden  muß,  was  Haupt  (Ausgabe  des  Erec  p.  X)  von  den  ent- 
sprechenden deutschen  sagt,  daß  sie  ohne  eine  ältere  Handschrift 
„schwerlich  gezähmt  werden  können."  Die  Aufzählung  wird  eingeleitet 
durch : 

Crestien  v.    1920  s.  Erexsaga. 

ie  uos  dirai,  or  entendcz,  Kemr  J)ar  samau  mikit  fjölmenni  ok 

qui  fureut  li  conte  et  li  loi.  dyrir   böfdingjar  Jjeir  sem   ek  mun  nu 

fram  telja. 

Aber  wenn  auch  die  Namen  nicht  stimmen  (Avas  übrigens  Niemand 
Wunder  nehmen  wird,  der  die  Neigung  der  Nordländer^  fremde  Namen 
ihrer  Sprache  zu  assimilieren,  ja  statt  ausländischer  Namen  ähnlich 
klingende  inländische  zu  setzen,  kennt  [vgl.  Zeitschr.  für  deutsche 
Philologie  H  p.  444  s.,  wo  Maurer  einige  Beispiele  dafür  anführt],  so 
stimmen  doch  einzelne  beiläufige  Notizen,  z.  B. 

Crestien  v.    1933  ss. 
auec  ces  que  in'oez  nommer,  rar   iijest  kom  Arasadi '  jarl  af  ey 

uiiit  Maheloas,  uns  hauz  ber,  peh-ii  er  Wisi'o  "^  heitir,  med  UV  riddara, 

li  sires  de  l'isle  de  Uuirre.  [af  Jieirri    ey,    er   livÄiki    er  i  ormr    ne 

cn  cele  isle  n'ot  Ten  tonoirre,  padda^;  jiar  verdr  ok  hvärki  ofheitt  nc 

ne  n'i  cliiet  foudre  ne  tcmpeste;  ofkalt  ok  eingi  vetr. 

ne  boz  ne  serpenz  n'i  areste.  i  Nasäde  b.     '  Vera  (?)  h.     ^  i  Jiessari  ey 

n'i  fait  trop  chaut,  ne  n'i  yucrne.  eru  hvärki  ormar  [ue]  paddur.  b. 

Vgl.  H.  V.  1918  SS. 
Ferner : 

Crestien  V.    1981  s.  Erexsaga. 

les  barbes  ont  iusqu'as  centurs.  rä  kom   Artus    konungr   med  si'num 

ceus  tint  molt  eher  li  rois  Artus.  tveimr  sonum,   agaetura   ok  X  huudrud 


riddara.   ))eir  höfdu   allir  si'd  skegg  ok 
einginn  yngri  en  60  vetra. 


V.    1977  ss. 
ainz  ot  compaignons  tex  trois  cenz 
dont  li  moins  iones  ot  sept  uinz  anz. 
les  cliief  orent  ehenuz  et  blnns: 
car  vescu  auoient  loiic  tans. 

In  Bezug  auf  die  Nennung  von  Enitens  Namen  stimmt  die  Saga 
zu  Cr.,  nicht  zu  H. 


DIE  NORDISCHE  EREXSAGA  UND  IHRE  QUELLE.  393 

Crestien  V.   2015  SS.  Erexsaga. 

quaut  Erec  sa  fame  recut,  Ok  nd  er  pusanar  dagr  kemr,  er  eptir 

par  son  non  nominer  li  estut;  frdtt  nafni  meyjarinnar  sem  skyldugt  er 

q'autrement  n'est  fame  esposee,  1  guds  lögum,  en  hun  nefndist  Evi'da,  ok 

se  par  son  droit  non  n'est  nommee,  eigi  vissi  Erex  fyrr  liennar  nafn. 

encor  ne  savioit  nus  son  non  : 
lors  premierenient  le  sot  ou. 
Enide  ot  non  en  baptistere. 

Der  Erzbischof  von  Cauterbury  (Cr.  2022,  H.  2124)  segnet  sie 
ein:  Erkibiskup  af  Cantuaria  piisacti  Jtau  saman.  Die  Schilderung  des 
Festes  ist  im  Nordischen  sehr  kurz.  Bei  Erwähnung  des  darauf  folgen- 
den Turniers  werden  keine  Namen  genannt,  was  uns  nicht  auffjilleu 
kann,  da  dgl.  Beschreibungen  in  den  Sa<ia's  meist  sehr  abgekürzt  werden. 
Über  die  Gefühle  Emdens  bei  E.  WafFenthaten  schweigt  die  Saga. 

Erec  zieht  mit  seiner  Gemahlin  in  sein  Land.  Von  den  Geschenken 
die  ihm  die  Unterthanen  bei   seiner  Heimkehr   bringen,    berichtet  uns 
weder  H.  noch  die  Saga. 

Erec's  Vorliegen.  Die  entscheidende  Scene  verlegt  H.  auf:  einen 
mitten  tac,  Cr.  auf:  une  matinee  (v.  2462),  die  Saga  auf:  ein  morginn- 
Während,  wie  Bartsch  richtig  hervorhebt;,  es  bei  Cr.  heißt  v.  2467: 
Cil  dormi,  et  cele  vcilla,  heißt  es  bei  H.  v.  3025:  sl  loände  daz  er  sliefe. 
Der  nordische  Text  schließt  sich  Hartmanu's  Fassung  an :  ok  hun  hyggr, 
at  kann  sofi,  was  immerhin  bemerkenswerth  ist. 

Ihre  Worte  lauten : 

Crestien  v.   2  484.  Erexsaga. 

.  .  .lasse,  tant  mar  i  ui.  Harmr  er  mhr  Jjat,  herra  minn,  er  \}ü. 


V.   2486  s. 

bien  me  deuroit  sorbir  la  terre, 
quant  toz  li  mieudres  cheualiers 


fa?r  äniivli  fyrir  ]):i  äst  er  jju  hetir  4  nier. 


V.  2491  s. 
a  de  tout  eu  tout  relinquie 
por  moi  tote  cheualerie. 

Von  einer  Wiederholung  der  Beschuldigungen,  die  man  von  Erec 
sagt,  ist  in  der  Saga  nicht  die  Rede.  Es  heißt:  Erex  heyrdi  ord  hennar 
ok  spretfr  upp  ]>egar  i  stad,  klmdir  sik  ok  viailti  til  hennar: 
Crestien  V.    2566  ss.  Erexsaga. 

aparoillez  vos  orendroit  Bd  ))ik  i  slad  med  f)inum  bezta  bd- 

por  chevauclier  vos  aprestez.  nadi,  J)viat  1  dag  skulum  vit  af  ))essari 

levez  de  ci;  se  vos  vestez  borg  bsedi  n'da  ok  eigi  longr  vil  ek  }^>ola 

de  vostre  robe  la  plus  bele.  amajli  fyrir  raitt  lioglifi  af  ))eim   lands- 


v.   2565. 
car  eil  qui  me  blasment  ont  droit. 


monnum. 


394  EUGEN  KÖLBING 

Die  Abreise  ist  ziemlieh  kurz  s^eschildert,  wenn  {lucli,  Cr.  folgend, 
mit  einigen  Worten  Erec's  Vater  eingeführt  wird.  Von  einer  langen 
Klao-e  Evidas  oder  von  einer  Beschreibung  von  Erec's  Waffen  ist  nicht 
die  Rede.  Ebenso  wenig  reitet  Erex  unter  einem  Vorwande  ab,  sondern 
es  folgt  eine  wirkliche  Abschiedsscene ,  wenn  auch  sehr  kurz  gefasst. 
Hier  haben  wir  also  überall  Anschluß  der  Saga  an  Cr. 

Es  folgen  nun  die  Abenteuer  Erec's  auf  dem  Zuge.  Selbstständig 
heißt  es  in  der  Saga  zu  Anfang:  Hann  ridr  pd  mörk  er  Hervidu  heitir; 
j)d  Idgii  lUi  dtta  spülvirkjar,  er  drdpu  menn  oh  rcentu  fe  ok  pvi  eiddist 
almannavegr  ok  var  pat  mörgimi  mikit  mein. 

Den  Namen  Hervida  hat  allerdings  weder  Cr.  noch  H.  Doch  er- 
innert eine  Stelle  bei  H.,  wo  das  Treiben  der   drei  Räuber  geschildert 
wird,  deutlich  an  die  nordische  Fassung,  Hartmann  v.  3116  ss.: 
swer  so  in  wasre 
ze  den  ziten  widerriten 
dem  si  möhten  hau  gestriten, 
so  bäten  si  den  weg  belmot 
daz  si  im  umbe  daz  guot 
naemen  §re  unde  Hp. 
Bei  Cr.  heißt   es  nur  v.  2781:  qui  de  roberie  uiuoit.  —  Während 
dann  bei  Cr.  ein  Raubritter  mit  seinen  zwei  Genossen  erscheint,   sind 
es  bei  H.  und  in  der  Saga  drei  Räuber.  Man  vgl.; 

Cres  tie  n  V.    2780  SS.  ,  Erexsaga. 

uns  Chevaliers  du  bois  issi,  Bau  lida  nii  leingi  um  skoginn  f)ar 

qui  de  roberie  vivoit.  til  er  f)au  rida  svd  at  pau.  sja  einn  kast- 

deux  compaignons  o  lui  menoit,  ala,    ok    })ar    üti    fyrir    III    [alväpnada 

et  s'estoient  arme  tuit  troi.  adcl.  b)    riddarar   allir  sitjandi  a  gödum 

hestum,   ok  skemta  ser,   ok  veit  Evida 
at  peiv  eru  spillvii-kjar. 
Vgl.  H.  V.  3114:  den  häten  mit  gewalt  drie  rouhcere,  und  zu  den  Schluß- 
worten   des  Satzes  H.  v.  3121)  s. :    wan   sl  an   ir  gebcerden  sach   daz  st 
rouhoere  wären. 

Bei  Cr.   heißt  es   nur  v.  2815:   Enide   vif  les  robeors.  Vgl.  ferner: 
Hartmann  V.    3123  s.  Erexsaga. 

die  crsach  von  erste  da?,  wip,  jivint  hon  var  langt  fram  undan  i  veginn. 

wan  si  verre  vor  reit. 

Bei  Cr.  fehlt  diese  Motivierung,  so  gut  wie  die  später  von  H. 
beigebrachte  (vgl.  Bartsch  1.  c.  p.  162  und  182).  Von  dem  kastali,  vor 
welchem  die  Räuber  sich  befinden,  ist  nur  in  der  Saga  die  Rede.  Die 
drei  zuerst  genannten  Räuber  bilden  hier  mit  den  später  erwähnten 
fünf  (Cr.  2911)  eine  Gesellschaft,  wovon  Cr.  gar  nichts  Aveiß.  H.  er- 
wähnt es,  wenn  auch  erst  später,  als  die  Saga,  ausdrücklich,  vgl.  v. 
3298  SS,: 


DIE  NORDISCHE  EREXSAGA  UND  IHRE  QUELLE.  395 

man  saget  daz  ez  waeie 
ein  geselleschaft  under  in 
und  daz  si  teilten  ir  gowin 
mit  den  die  Erec  het  erslagen 
e  si'z  begunden  nndeisagen. 
dise  fünve  und  jene  dri  man 
von  den  i'u  e  gesagt  han 
die  beten  den  walt  in  ir  pbh'ge 
unde  lägen  bi  dem  wege, 
swer  die  einen  vermite, 
daz  ei'  den  andern  zuo  rite. 

Vergleichen  wir  diese  Stelle  in  H.  Gedieht  mit  der  vorhin  an- 
geführten Stelle  V.  3116  ss.,  so  ergibt  sich^  was  das  Sachliche  angeht, 
vollständige  Übereinstimmung  zwischen  H.  und  unserer  Saga.  Der 
Unterschied  ist  nur,  daß  die  acht  Räuber  in  der  Saga  schon  von  An- 
fang au  als  vereinigt  gedacht  werden,  in  Folge  wovon  auch  gleich  alle 
acht  ihre  Wünsche  in  Bezug  auf  die  zu  hoifende  Beute  aussprechen. 
Ich  gebe  diese  Stelle  vollständig  nach  dem  nordischen  Text,  da  sie 
diesem  eigeuthümlich  ist:  Ok  er  J)eir  sern^i  kastalanum  vdru,  sau  ferd 
hans,  kalla  peir  d  sina  kuinpäna  ok  seigjast  sjd  einn  riddara  vel  büinn 
ok  med  hd7ium  früta  mey.  pd  mcplti  einn:  paf  veit  trüa  min,  setgir  kann, 
at  ek  skal  eiga  hans  frii,  pviat  eh" er  ydvarr  hilsböndi;  pvi  d  ek  fyrstr 
at  kjösa  af  vdi'u  herfanqi.  Annarr  mcelti:  Ek  skal  eiga  hans  sverd;  pridi 
moßlti:  Ek  skal  eiga  hans  hrynju.  Inn  fjdrdi  mcelti:  ek  skal  eiga  hans 
skjöld  ok  spjöt.  Inn  fimti  mcelti:  ek  skal  eiga  hans  hjdlm,  merki  ok  gyrd- 
il;  enn  setti  mcßlti:  ek  skal  eiga  hans  all  kloe,di;  enn  sjaundt  mcelti:  Ek 
skal  eiga  hans  hest  ok  södidreidi.  pd  mcelti  hinn  dtti:  per  skiptit  djafnt 
vid  mik  ok  rangliga,  ok  med  pvi  ek  fa'  ekki  fe,  pa  skal  ek  eiga  hans 
hoegri  hönd,  fot  ok  lifit  med.  Nu  rida  pessir  pnr  fram  at  Erex,  sem 
hünir  vdru,  en  hinir  herklcedast  d  medan,  er  i  kastalanum  vdru  ok  hüast 
at  veita  lid  sinum  kumpdnum,  ef  Parf.  Bei  Cr.  und  H.  haben  wir  die 
beiden  Gruppen  von  Räubern  auseinanderzuhalten.  Von  den  ersten 
drei  Räubern  wählt  nur  der  Anführer,  und  zwar  bedingt  er  sich  bei 
Cr.  das  Ross  der  Frau«  aus,  v.  2797 :  li  palefroi  uuil  ie  auoir  (vielleicht 
selbstverständlich  mit  der,  die  ihn  reitet?);  was  H.  betrifft,  so  heißt  es 
bei  Bartsch  1.  c.  p.  159.  ungenau,  jener  sage,  er  wolle  nur  die  Wahl  am 
Raube  haben,  ohne  sich  näher  zu  entscheiden.  Denn  v.  3211  heißt  es 
ausdrücklich:  ist  daz  ich  im  benim  den  Up,  so'n  teil  ich  niht  ican  daz 
vnp, :  siner  habe  ger  ich  niht  mere.  Von  den  anderen  fünf  Räubern  wählt 
bei  Cr.  und  H.  ebenfalls  der  erste  die  Dame  (Cr.  v.  2929,  H.  v.  3332  ss.) 
Ebenso    der  Anführer   der  Räuber  in  der  Sagra.    Für  die  Wünsche  der 


396  EUGEN  KÖLBING 

Übrigen  lassen  sich  keine  Parallelen  mehr  aufstellen,   da  der  nordische 
Text  so  bedeutend  abweicht. 

Alle  drei  werden  besiegt,  aber  die  Darstellungen  sind  abweichend, 
wie  häufig  bei  der  Schilderung  von  Kämpfen.  Selbständ^'g  'st  besonders 
in  der  Saga  der  Schluß  des  ersten  Kampfes:  E.  slö  kann  med  sinni 
hurtstöng  svd  fast  d  hälsinn,  er  augun  hrutu  ur  hanuni.  Fell  hann  iil 
jardar  undir  fötum  iil  dmids.  Vgl.  Cr.  v.  2852  ss.  Beim  Kampf  mit  dem 
zweiten  schließt  die  Saga  sich  wenigstens  dem  Sinne  nach  an  Cr. 
Darstellung  an,  indem  diesem  durch  den  Schild  die  Todeswunde  bei- 
gebracht wird.  Ebenso  beim  Kampf  mit  dem  dritten.  Bei  H.  sind  alle 
drei  Kämpfe  sehr  kurz  geschildert  (v.  3215  ss.).  —  Der  Kampf  mit  den 
fünf  anderen  Räubern  ist  in  der  Saga  am  kürzesten  geschildert.  Es 
heißt:  Tekst  ]>ar  hin  snarpasta  orrosta;  oh  lauk  svd  at  E.  feldi  pd  alla, 
en  vard  litt  sdrr.  Kurz  ist  auch  die  Darstellung  bei  H.;  sehr  ausführ- 
lich bei  Cr.  v.  2997 — 3061.  —  In  Bezug  auf  das  nächste  Nachtquartier 
weichen  alle  drei  Bearbeitungen  von  einander  ab.  In  der  Saga  über- 
nachten Erec  und  Evida  auf  dem  Schlosse  der  Räuber,  bei  H.  scheinen 
sie  die  ganze  Nacht  durch  zu  reiten,  bei  Cr.  hält  Enide  bei  dem  unter 
einem  Baume  schlafenden  Ritter  Wache.  Im  Folgenden  zeigen  sich 
wieder  Differenzen.  Bei  Cr.  und  H.  muß  Enide  die  ei'beuteteu  Rosse 
führen,  in  der  Saga  heißt  es:  Ridr  hans  frü  fi^rir,  en  hann  rekr  hestana 
eptir^  ok  fara  svd  marga  daga,  en  Hggja  üti  um  noetr,  unz  pau  koma  i 
eina  borg,  er  Pnlchra  heitir;  Jiar  red  fyrir  Milan  jarl.  Von  dem  sie  ein- 
ladenden Knappen  (vgl.  Bartsch  1.  c.  p.  160  s.)  w^eiß  die  Saga  nichts. 
Die  angeführten  Namen  gehören  der  Saga  allein  an.  Der  Graf,  der 
Enida  für  sich  gewinnen  Avill,  legt  bei  Cr.  und  H.  besonderes  Gewicht 
auf  die  schlechte  Behandlimg,  die  Enida  von  Erec  zu  erfahren  habe, 
in  der  Saga  auf  seine  Liebe.  Auch  die  Antwort  der  Dame  ist  ziemlich 
abweichend.  Es  heißt  in  der  Saga:  Hon  sagdi:  Gud  gceti  pin,  jarl, 
pii  ert  rikr  höfdingi  ok  af  gud  skipadr  at  hefja  hans  kristni  ok  refsa 
rangldtum,  en  ek  er  bundin  hjüskapi;  ok  viunt  pü  ei  vilja  roiua  skaparami 
tveimr  sdlum  senn,  ok  kaupa  per  ok  mer  helviti.  Jarlinn  svarar:  Svd 
fastliga  er  mer  petta  i  vilja  komit,  at  ek  missi  eigi  penna  kost  fyrir  allt 
veraldar  gull;  ok  ek  skal  ])urfa  enn  pins  bönda  höfud  afsld,  pött  par 
liggi  guds  reidi  d,  ok  ertii  svd  oer  ok  villaus  at  per  pikkir  betra  at  fylgjci 
einum  falsara  fdioekum,  en  sifja  i  hdsoiti  hjd  mer  ok  styra  öllit  minu 
riki  med  mer.  Zu  dieser  Antwort  des  Grafen  vgl  Cr.  v.  3330  ss.  H. 
V.  3825  ss.  Eine  wörtliche  Übereinstimmung  wüsste  ich  auch  für  die 
folgende  Rede  Evidas  nicht  aufzuführen.  Ganz  eigen  ist  dem  Nordi- 
schen folgender  Zug;    Ok  haldit  ydar  ord  vidr  mik  ok  fdit  mer  ydvart 


DIE  NORDISCHE  EREXSAGA  UND  IHRE  QUELLE.  397 

insigli  d.  En  gefit  mei'  trii  at  halda  öll  ydvar  ord  ok  heit  vidr  mik  oh 
par  medr  ydvart  insigli  i  pant. 

Vgl.  Cr.  V,  3389  ss.,  H.  v.  3891  ss).  Dies  insigli  zeigt  sie  danu 
ihrem  Gemahl  als  Pfand  dessen,  was  sie  gesagt.  Bei  der  Abreise  gibt 
Erec  bei  Cr.  und  H.  dem  Wirthe  sieben  Pferde  (Cr.  v.  3492,  H.  v.  4013), 
in  der  Saga  gödan  hlmipara.  Als  der  Grraf  von  Erecs  Flucht  hört,  eilt 
er  ihm  nach  mit 

Crestien  v.  3507.  Erexsaga. 

Cent  cheualiers  d'armes  garniz.  ok  hans  riddarar  C  til  samans. 

bei  H.  sind  es  19  (v.  4041),  Der  „senechal"  ist  bei  Cr.  nicht  nament- 
lich genannt,  in  der  Saga  heißt  er  Bölvin.  Gegen  den  Grafen  selbst 
wäre  Erec  gefallen 

Cressien  v.   3592  s.  Erexsaga. 

mais  mout  fu  riches  li  haubers,        .  ef  brynjan  hefdi  ei  hilft  hanum. 

qiii  si  de  mort  le  garanti  etc. 

Erec  sticht  den  Gegner  vom  Rosse;  zu  H.  v.  4213:  dar  zuo  im  ahe 
der  arm  brach.,  vgl.  in  der  Saga:  ...  er  tök  svd  at  jarlinn  7nisti  hönd- 
ina.  Vgl. 

Crestien  V.   3605.  Erexsaga. 

ez  vos  Erec  eufori;ste.  Erex  fordar  ser  a  skoginn. 

Der  Graf  aber  hält  selbst  seinen  Reiter  auf: 

Crestien  V.   3619  s.  Erexsaga. 

seigneurs,  fait  il,  ä  toz  uos  di,  ok  kallar  harri  röddu,    bidr  öngvan 

qu'il  n'i  ait  un  seul  si  hardi ....  sv4  djarfan  at  eptir  hänum  ridi  edr  mein 

V.  3622.  geri. 

qui  ost  aler  aiiant  un  pas.  ' 

Bei  H.  fliehen  die  Ritter  des  Grafen  von  selbst,  während,  wie  die  Ver- 
gleichung  lehrt,  die  Saga  genau  zum  Cr.  stimmt. 

Selbständig  in  der  Saga  ist  dann  Folgendes:  En  Erex  ridr  nü 
sinn  veg  pann  dag  tim  skoginn,  ok  tekr  ndttstad  i  einu  rjödri  um  kveldit 
ok  hindr  sdr  sitt,  en  at  morgni  ridu  pau  af  sköginum  fram  hjd  einum 
kastala.  Eigenthümlich  ist  der  Widerspruch  in  Bezug  auf  die  Schilde- 
nmg  des  „Zwergkönigs"  zwischen  Cr.  und  H.  auf  der  erneu,  und  der 
Saga  auf  der  andern  Seite.  Während  Cr.  v.  3663  s.  lautet:  qu'il  esiolf 
de  cors  molt  petiz,  mais  de  grant  euer  estoit  hardiz,  (vgl.  H.  v.  4279  ss.), 
erzählt  die  Saga:  Äf  peim  kastala  ridr  üt  einn  riddari  svd  starr  ok 
prekligr,  at  Erex  pöttist  öngvan  annan  pvilikan  sei  hafa. 

Es  folgt  dann  die  Schilderung  der  Rüstung  des  Ritters;  danu, 
was  für  unseren  Zweck  interessant  ist,  ein  Gespräch  Erec's  mit  dem 
Ritter,  das  Cr.  am  betreffenden  Orte  (v.  3756)  nicht  hat,  das  sich  aber 
bei  H.  und  in  der  Saga  findet.    Beide  Texte  stimmen  wenigstens  dem 

GERUA.NIA..  Neue  Reihe  IV.  (XVI.)  Jabrg.  27 


398  EUGEN  KÖLBING 

Sinne  nach  übereiu.  Ich  gebe  hier  den  nord.  Text:  ...  talar  Hl  hans: 
^il  riddari,  sagäi  hann^  fd  7ner  pina  friäa  imnustu,  pviat  pat  sömir 
vel,  hon  skuli  min  vera,  ok  hana  vil  ek  gjarnan  fd  ok  par  lifit  leggja  d. 
Ei^ex  sagäi:  Ek  er  litt  til  einvigis  fcerr,  en  fyrr  vil  ek  herjast,  en  lata 
mina  unnustu,  pviat  ek  heß  rettara  atmceli. 

Der  Kampf  selbst  ist  in  der  Saga  kürzer  geschildert.  Als  es  sich 
dann  um  die  gegenseitige  Namennennung  handelt,  weicht  sie  etwas  ab: 
Nu  hidr  kastalamaärinn  hvildar  [ok  fcer  hann  pat  add.  bj  ok  spyrr  fhann 
nü  add.  hj  Erex  at  nafni,  en  hann  seigir  at  hann  skal  fyrri  seigja  sitt 
nafn.  Im  Gegensatz  dazu  wird  bei  H.  Guivreiz  in  den  Mund  gelegt 
V.  4455  s. :  sus  ist  ez  mir  unmcere  loer  din  vater  ivcere.  Doch  fragt  auch 
hier  G.  später  noch  nach  E.  Namen,  v.  4521  ss.  Der  Fremde  nennt  sich 
in  der  Saga  Guimar  (Gunnerus  verderbt  b),  bei  Cr.  Guiurez,  bei  H.  Guiv- 
reiz). Ganz  allein  der  Saga  angehörig  ist  der  Zug,  daß  sich  eine  nahe 
Verwandtschaft  zwischen  ihm  und  Erec  herausstellt;  Guimar  sagt:  ok 
er  ek  systurson  llax  konungs,  während  es  bei  H.  nur  heißt  v.  4549: 
iwer  vater  ist  mir  wol  erkant.  —  In  allen  drei  Bearbeitungen  fordert 
der  König  den  Helden  auf,  bei  ihm  Rast  zu  halten;  aber  während  bei 
Cr.  Erec  die  Einladung  ablehnt,  nimmt  er  sie  bei  H.  und  in  der  Saga 
an.  Freilich  nach  H.  Erzählung  verweilt  er  im  Schlosse  nur  bis  zum 
nächsten  Morgen  (v.  4573),  in  der  Saga  vierzehn  Tage :  Ok  rida  heim 
til  kastalans  ok  dvaldist  par  hdlfan  mdnud.  Grcedir  Erex  sdr  sin,  ok 
pegar  sem  hdnum  er  aptrbata,  byst  hann  boH  etc.  Vgl.  Cr.  v.  3885  ss., 
H.  V.  4615  SS.,  wo  der  König  denselben  Vorschlag  macht,  aber  von 
Erec  abschlägige  Antwort  erhält. 

Im  Folgenden  hat  die  Saga  eine  andere  Reihenfolge  der  Scenen, 
indem  im  Gegensatz  zu  den  beiden  übrigen  Bearbeitungen  zuerst  der 
Kampf  mit  dem  Riesen  vorgeführt  wird,  während  dort  der  Kampf  mit 
Ksei  und  Erec's  Überlistung  durch  Gawein  vorhergeht.  Im  Einzelnen 
zeigt  sich  mehrfach  Übereinstimmung: 

Crestien  V.  4286.  Erexsaga. 

en  une  forest  uenu  sont.  ...  til   J^ess    er   hann   kemr   ä   einn 

V.   4289.  eydiskög  f»ykkan  ok  vidan. 

qu'il  oirent  crier  molt  loing  .  .  .  Heyra  f)ar  mikinn  gr4t  ok  illaeti,  n'dr 

V.   4305  SS.  eptir  })eim  lätum  Jjar  til  er  hann  sär  eina 

si  s'en  ua  konu  grdtandi  [ok]  hlaupandi  um  sköginu. 

tant  que  la  pucele  troua,  Hon  reif  af  ser  klsedin  ok  {jreif  i  sitt 

qui  par  le  bois  aloit  braiant.  här. 

V.  4311  3. 
la  pucele  aloit  dessirant 
ses  dra8,  et  ses  crins  detirant. 


DIE  NORDISCHE  EREXSAGA  UND  IHRE  QUELLE.  ;i99 

Nur  der  nordische  Text  weiß  von  zwanzig  Rittern,  die  den  Gatten  der 
Dame  begleitet  haben  und  von  den  Riesen  erschlagen  worden  sind. 
In  der  Saga  ist  die  Darstellung  in  einzelnen  Punkten  ausführlicher, 
'als  in  den  andern  Bearbeitungen.  Es  heißt:  En  at  oss  kömu  tveAr  jötnar 
i  go'.r  kveld  ok  drdpu  alla  riddara,  en  töku  hönda  minn  hardUga  ok  hördv 
ok  hundu  d  hak,  en  ek  komst  nndan,  er  ek  nu  [fdtoßk  ok  aitm  add.  b]  vesöl 
ordin.   Tdku  ])eir  ok  vdra  hesta  ok  klcedi. 

Crestien  v.  4335.  Erexsaga. 

encor  sont  il  d'ici  molt  pres.  Eru  lieir  skamt  heclan. 

Vgl.  H.  V.  5361  s. 

Erec   verspricht    zu    helfen    und    eilt    den    Riesen    nach.    Er    er- 
reicht  sie 

Crestieu  V.   4364  SS.  Erexsaga. 

et  vit  le  cheualier  en  cors  .  .  hefir  best  i  togi ;  k  hamim  var  al- 

deschau  et  nu  sor  im  roncin,  naktr   mactr  ok  bundnar   hendr  ;i  bak 

con  s'il  fust  pris  ä  larrecin,  aptr,  en  foetr  nirtr  uudir  kvid. 
les  mains  liees  et  les  piez. 

Vgl.  Hartmann  v.  5401  ss.: 

im  wären  die  hende 
ze  rücke  mit  gebende 
und  die  füeze  unden 
zesamene  gebunden. 

Man  beachte  ze  rücke  =--  d  hak,  nnden  =  undir  kvid,  Zusätze,  die  bei 
Cr.  fehlen.  Der  eine  Riese  sagt: 

Crestien  v.   4411  s.  Erexsaga. 

n'auriez  uos  force  uers  nos  .  .  .  J^viat  ekki  hefir  f)u  meira  vid  mik 

ne  c'uns  aigneax  contre  deux  lous.  at  gera  en  lamb  vid  leon. 

Dieser  Vergleich  fehlt  bei  H.  Die  Darstellung  des  Kampfes  selbst 
schließt  sich,  wenn  auch  mit  Abkürzungen,  an  Cr.  an.  Am  Schlüsse 
des  Kampfes  mit  dem  zweiten  Riesen  zeigt  sich  wörtliche  Überein- 
stimmung : 

Crestien  v.   4452.  Erexsaga. 

qiii  fu  en  deux  moitiez  fenduz.  .  .  .  ok  snidr  bann  sundr  i  miftju. 

V.   4456.  Si'itan  leysir  bann  binn   bundna  rid- 

ä  tant  Erec  le  deslia.  dara  ok  frdttir  bann  at  nafni. 

V.   4491.  Nafn  mitt  er  Balvi'el;   ek   er  atfadr 

mais  nostre  non  sauoir  desir.  af  Karinlis.  [Cai-vib'a  h.) 

V.   4495. 
Cadoe  de  Tabriol  ai  non. 

Wenn  wir  H.  v.  5643  s. :  Sadoch  er  sich  nnnde  von  Bofriol  dem  lande, 
vergleichen,  so  liegt  die  Vermuthung  nahe,  daß  der  Sagaschreiber  den 


400  EUGEN  KÖLBING 

Namen  der  Localität  für  den  Namen  des  Ritters  gehalten  hat,  eine 
Verwechslung,  wie  sie  in  diesen  Saga's  öfters  vorkommt;  vgl.  Riddara- 
sögur  p.  33,  wo  ich  einen  ähnlichen  Irrthum  nachgewiesen  habe.  Die 
Saga  beglückt  uns  dann  noch  mit  einigen  Namen,  die  ich  in  den' 
anderen  Texten  nicht  finde.  Es  heißt:  Blin  unnusta  heitir  Favida,  dottir 
jarls  af  Guderis  borg.  En  ek  er  hertugi  af  Fölkhorg.  Nur  im  Nordischen 
weist  Erec  die  Dienste  des  Ritters  ab  mit:  segist  eigi  pann  prcelka 
sem  guit  heßr  frelsat  med  sinni  miskunn.   Dann  heißt  es : 

Crestien  v.   4506  s.  Erexsaga. 

donc  alez  tost,  sanz  demorer,  .  .  .  en  bad  hann  fram  n'cta  til  Artus 

ä  mon  seignor  le  roi  Artu.  konungs    ok   segja    hänum    sannindi   af 

V.   4512.  si'num  ferctum. 
alez  i  tost,  et  si  li  dites  etc. 

Es  folgen  jetzt  in  der  Saga  zwei  Abenteuer,  die  in  den  übrigen 
Texten  ganz  fehlen,  und  die  ich  darum  vollständig  mit  den  Varianten 
aus  h  mittheilen  will,  mag  man  über  ihren  Werth  denken  wie  man  will. 

Cap.  X.   Fra  Erex  er  J)at  '    at  seigja,    at  hann  ridr  ^  leingi  um 
sköginn   ok   hans  unnusta,    ok  hafa  öngva  foedu,    utan  aldinn  af  vidi. 
Ok  einn  dag  heyra  ]3au  ögurlig  Iseti.  J)vi  nsest  sau  ja  au  hvar  einn  flug- 
dreki    flygr    ok    hefir    [einn   mann  i  ser  ^    alväpuadan    ok   hefir    solgit 
hann   meir  en  i  beltisstadj    [hann  lifdi  ^,    en  drekauum  vard  madrinn 
jaungr  ok  flaug  •''  lagt.  Erex  harmar  nü  dauda  dyrligs  dreings  ok  heitr 
af  öllu  hjarta  a  *»  gud  ser  til  hjalpar,  en  manninum  til  lifs.  Ridr  sidan 
fram  at  hänum  med  öruggu  hjarta.  Vill  heldr  missa  sit  lif,  en  [leita  ei 
vid    at   hjälpa    J)eim   manni  ",    ok  höggr  ä  boexl    drekanum   svä   hann 
kiknadi  ^ ;   vid    ])etta   högg  Isetr   hann   upp    manninn  *    ok  vendir    sdr 
at  Erex  ok  hleypr  nü  at  hänum  med  gapanda  munui.    Erex  hleypr  af 
baki   hestinum  ok  leggr   sinu   spjoti  i  munn  drekans  af  öllu  afli  '  '^    til 
hjartans,  ok  feil  hann  daudr  ä  ers  Erex  ok  fekk  J)at  Jjegar  bana.  Nü 
geiugr  Erex  a  [])eira  manni  *  •    sem  a  vellinura  lä  i  üviti  '  ^ ,    ok  hans 
frü  Evida,  ok  leita  ])au  hänum  '^,  lifs,  sem  J)au  meiga;  ok  sem  hann 
vaknar  vid,    JDakkar   hann   jjeim  '*   hjartanliga  sina  lifgjöf.    [\)A  spyrja 
|)au  hann  ^^  at  nafni.  Hann  svarar:  Ek  heiti  Pläto,  Vigdoei  "'  borgar 
riddari  >',    hertugi,    systurson    herra  Valvens    af  Artus  "^    gardi.    En 
Jjessi  dreki  tök  mik  i  morgun  sofanda  af  minum  skildi,  ok  er  min  frü 
ok  hirdsveinar  *  ^  skamt  ä  burt  hedan  leitandi  min.  Nü  gef  ek  mitt  riki 
ok  mik  X  J)itt  vald.  Nü  ))akkar  Erex  ^o  g^di,  er  hann  hefir  frelsat  2' 
svä  gödan  '^'^  riddara,  jjviat  gerla  kennir  hverr  Jseira  annan,  ok  vard 
|)ar  ^^    fagnadarfuudr  med   ]3eim,    ok  skjott  koma  |3ar  menu  Pläto  ok 
hans  unnusta,  sorgmöd  '^^  af  hans  burthvarli,  [ok  setladi  "^  hann  dau- 


DIE  NORDISCHE  EKEXSAGA  ITND  IHEE  QUELLE.  401 

ftan,  ok  er  |iau  säu  hans  freist  ok  tbrmerktu  hann  lifs  vera  ok  vita 
hversu  at  helir  borit,  verda  }ian  fcgnari  en  frä  megi  segja,  fallandi  til 
f'ota  ok  [[lakkandi  liänura  merkiliga  "^  |)enna  sigr  ok  mildiverk,  bjod- 
andi  häniim  sina  lylgd  ok  Jjjonustu,  en  hann  ])vi  skjott  neitti  ok  bidr 
J)au  f'ara  til  Artiis  konungs  ok  segja  hänum  hvat  til  tidinda  hetir  borit 
i  |)essari  ferd,  en  Jiau  gera  svä  ok  jjö  naudig;  skilja  svä  vid  hann  at 
sinni,  en  Erex  ridr  um  skoginn  med  sina  unnustii  langa  hrid  unz  hann 
s^r,  hvar  rfda  VII  menn  alväpnada;  rcka  })eir  marga  hesta  kly^ada 
af  dyrum  gripum  til  eins  kastala  -"  er  skamt  stod  j^adan,  ok  }iser  ä 
Qora  riddara  bundna  ok  '^^  sära  ok  ^orar  jungfriir  hardla  vsenar,  ok 
j^eir  sjä  hvar  Erex  ridr,  ok  })egar  snüa  j^rir  at  hänum,  en  tjörar  rida 
til  kastalans  at  geyma  herfangit.  Sä  sem  fyrir  ^eim  var,  kallar  '^^ 
härri  röddu  ^^:  Jiü  riddari,  segir  hann,  ridr  sem  ^'  fol  i  hendr  oss 
ölhim,  en  ef  ])n  vilt  Hf  hafa,  J>ä  fä  oss  väpn  Jiin  ok  klfedi,  best  ok 
unnustu,  en  gakk  i  linklsedum  einum,  vilir  ])ü  lif  hafa  ok  berfoetr  ok 
))akka  oss  sefinliga  lifgjöf.  Erex  svarar:  jiessir  eru  iijafnir  kostir  ok 
dvrt  skulu  jjer  mitt  lif  ädr  kaupa,  en  J)er  fäit  }>at.  Nu  ridr  at  jaeim  ok 
leggr  sinu  spjoti  [fyrir  brjost  einum  •''^  Jieirra,  ok  hrindr  hänum  daudum 
af  hestinum,  en  til  annars  höggr  hann  sinni  hoegri  hendi  [ok  sneid 
hjälminn  svä  at  heilinn  lä  ä  jördinni  ^^,  en  hinn  Jjridi  sn^ri  undan 
vid  fall  sinna  f^laga,  ok  f?er  skjotan  dauda^  |5vi  at  Erex  höggr  ä  hans 
bak  svä  at  hann  tök  sundr  i  midju.  I  ]^)vi  k6mu  at  hänum  fjorir,  ok 
ridu  allir  senn  at  Erex;  ok  var  höfdingi  j:)eirra  verri  einn  vidreignar, 
en  hinir  allir.  Fser  Erex  nü  mörg  sär  ok  stör,  ok  svä  rifna  upp  [hin 
fornu  sär  ^^.  (Vgl.  H.  v.  5716  ss.  En  svä  lykr  ^^,  at  Erex  felHr  ^e 
])A  alla;  enda  er  hann  ]>ä  mjök  ylirkominn  af  särum  ok  moedi,  ok 
])6  ridr  hann  skjotliga  [jjangat  sem  hinir  bundnu  väru  ok  leysir  J)ä; 
spyrr  j^ä  sidan  at  nafni,  en  sä  seigir  er  fyrir  j^eim  var:  Ek  heiti  Jüben 
hertogi  af  Freiheimi  ^ '  ;  en  jsessir  eru  J>rir  minir  brcedr,  Perant  ok 
Jodim  -'^  ok  Malides  ^^  hertvigar  af  Mänaheimi:  eru  |)essir  värar  unn- 
ustur,  en  ver  frettum  til  JDessara  illvirkja  ok  hugdum  at  freista  med 
värri  frsegd,  en  viljum  \)er  nü  gjarna  J)j6na  *".  Erex  mselti:  ]jer  g6dir 
herrar,  sagdi  hann,  farit  i  guds  fridi  fyrir  göd  bod,  en  ydvara  jjjonostu 
vil  ek  ekki  hafa.  En  ef  jaer  vilit  m^r  nökkut '^ '  gera,  \)a,  fari  j^^r 
skjott  ok  segit  Artus  konungi  at  Erex  Ilaxson  hefir  j^ik  irelsat.  Eu 
[|)eirra  foringi  jätar  *-  J)vi  gjarnan  ok  bidr  *^  hann  af  baki  at  stiga 
ok  binda  sär  sin,  ok  hvilast  ])vi  hjä  J)eim  um  stund,  en  hann  vill  Jsat 
eigi  ^^  ok  snyr  ä  skoginn  med  Evida.  reir  vilja  Jiä  fylgja  hänum. 
Hann  fyrirbydr  ])e\m  jiat  ok  snüa  |)eir  aptr  i  kastalann  ok  binda  sär 
sin   ok   dveljast  Jjar   nökkrar   ncetr.   Ok    ridu   jiadan  ä  Artus  "*^    fund. 


402 


EUGEN  KOLBING 


')  jsat  om.  a.  Ergänzt  nach  h.  ')  nii  add.  h.  ^)  i  munni  einn  mann  h.  "•)  en 
hann  lifdi  J)6  enn  b.  ^)  hann  mjök  add.  h.  ")  allmättugan  add.  h.  ')  hjälpa  eigi  Jiessum 
manni  h.  ^)  af  tok  6.  ')  lausan  add.  h.  '")  allt  add.  h.  ")  Jjessum  manni  6.  '')  svä 
iiaer  at  bana  kominn  add.  b.  '^)  mi  add.  h.  '*)  Erex  6.  '^)  J)au  spyija  hann  enn  b. 
'")  Margelei.  * ")  riddari  om.  i.  '*)  konungs  ofZd.  6.  ")  skjaldsveinar  5.  '")  allmättigum 
add.  b.  ^')  fyrir  si'na  hönd  add,  b.  '')  ägsetan  b.  '')  mi  hinn  mesti  acZtZ.  b.  ^'')  hun 
sorgadi  mi  mjök  b.  '^^}  setlandi  b.  '*)  Jjakka  hänum  nü  mikilliga  b.  ^')  skäla  b. 
")  J)ä  alla  ad(Z,  6.  ")  k  Erex  acZcZ.  6.  ^o)  sv4  mfelandi  add.  b.  ^')  eitt  add.  b.  '^)  i 
gegnum  einn  b.  ^^)  medr  sverdi  um  })vert  andlitit  ok  i  simdr  hausinn  svä  at  heilinn 
f^ll  ä  jörd  b.  ^^)  hans  hin  gömlu  sär  b.  ^'')  bardaga  fiein-a  add.  b.  '*)  drepr  h. 
'•)  Forkheimi  b.  ^*)  Joachim  b.  ^^)  Malcheus  b.  ■'")  fyrir  lifgjöf  ok  frelsi  jjer  allii- 
])j6na  ok  värir  riddarar  b.  ^')  nökkuni  heidr  6.  ^')  ))eir  jäta  b.  '*)  bidja  ä.  **)  medr 
öngu  raöti  ä.     ■*')  konungs  <wZd.  &. 

Auf  diese  beiden  hier  eingeschobenen  Abenteuer  werde  ich  am 
8chhisse  noch  einmal  zurückkommen.  —  Alle  diese  Kämpfe  haben  in 
allen  drei  Bearbeitungen  Erec  sehr  angegriffen: 


Erexsaga. 

.  .  .  at  hann  fellr  af  si'num  hesti ;  en 
Jiat  üvit  var  svä  langt ,  at  Evi'da  aetlar 
hann  dau5an,  ok  aumkar  sik  alla  vega 
ok  graetr  särliga. 

Vesöl  er  ek  orrtin  af  dauda  bonda 
mi'ns  ok  Jiess  annars ,  at  med  minni 
tungu  kom  ek  hänum  a  J)essa  ferd,  er  ek 
])ag(la  eigi  yfir  rangligu  dmaeli  vändra 
manna. 

Etlr  hversii  mä  ek  lifa  vid  harra  eptir 
jivilikan  bonda?  J)vi  mun  ek  fa  mer  skjo- 
tan  dauda  med  hans  sverdi. 


Cr estien  v.   4567  s. 
chei  toz  ä  un  fais  aual 

iusques  sor  le  col  dou  cheual 

V,  4571  SS. 
et  chiet  pasmez  com  s'il  fust  mort. 
lors  commenQa  un  duel  si  fort 

Enide,  quant  chevir  le  uit 

V.  4577. 
en  haut  rescrie,^et  tort  ses  poinz. 

V.   4587  SS. 
he,  dist  ele,  dolente^Enide, 
de  mon  seignor  sui  homieide. 
par  ma  parole  Tai  ocis. 
encor  fust  or  mes  sire  uis, 
se  ie  com  outrageuse  et  fole 
n'eusse  dite  la  parole 
par  qoi  mes  sire  9a  s'esmut. 

V.   4619  8. 
dex,  que  ferai?  por  qoi  uif  tant? 
morz,  que  demores? 

V.   4630  s. 
l'espee  que  mes  sire  a  ceinte, 
par  raison  doit  sa  mort  uengier. 

Nur  bei  H.  redet  Enide  das  Schwert  an.  Hier  ist  überhaupt  die 
Darstellung  dieser  Scene  viel  ausführlicher,  als  in  den  beiden  anderen 
Texten.  Interessant  ist  der  Zug,  daß  die  Saga  über  die  Schwere  des 
Schwertes  sehr  ausführlich  ist.  Es  heißt  von  demselben:  Hon  vildi  reisa 
Patd  hjöltin,  en  Jjat  var  .wd  pungt,  at  hun  gat  varla  af  järdu  lypt,  ok 


DIE  NORDISCHE  EREXSAGA  ITND  IHEE  QUELLE.  403 

jafnan  er  hun  skeyndi  fingrna,  pa  kipti  hun  at  ser  hendinni,  ok  pa  mtlar 
hun  at  fallast  d  eggjarnar,  ok  er  hun  var  at  pessu  starfi  etc.  Wir  haben 
nämlich  hier  die  Begründung  einer  Notiz,  die  sich  sonst  nur  bei  H. 
Hndet,  nämHch,  daß  sie  sich  nicht  ersticht  mit  dem  Sehwert,  sondern 
sich  in  dasselbe  stürzen  will;  vgl.  v.  6113:  als  si  sich  wolde  ervallen 
dran.  Cr.  v.  4634  ss.  braucht  diesen  Ausdruck  überhaupt  nicht. 

Es  folgt  nun  das  Abenteuer  mit  dem  Grafen  (jarl),  bei  Cr.  und  H. 
Oringles  von  Limors,  in  der  Saga  Placidus  genannt.  Dieser  und  seine 
Begleiter,  heißt  es  selbstständig  in  der  Saga,  töldii  pat  ürdd,  at  htm 
tyndi  hcedi  lifi  ok  sdlu,  ok  missa  ]>ar  fyrir  himnariki.  (Vgl.  die  ähnliche, 
religiöse  Bemerkimg  dem  SchlossheiTn  gegenüber,  der  Evida  verführen 
will.)  Die  Trostrede  folgt,  wie  bei  Cr.,  noch  ehe  er  sich  mit  seinen 
Gesellen  berathen,  nicht  erst  dann,  wie  bei  H.  Sie  entspricht  dem 
Sinne  nach  der  in  den  anderen  Texten.  Das  Folgende  ist  in  der  Saga 
sehr  kurz  gefasst.  Unabhängig  von  den  andern  Texten  hebt  diese  her- 
vor, daß  er  einer  Unbekannten  sich  und  sein  Reich  anbietet:  en  pö 
veit  hann  ei  hennar  nafn.  Eigenthümlich  ist,  daß  hier  das  Gefolge,  das 
er  wegen  der  Vollziehung  der  Ehe  um  Rath  fragt,  antwortet:  Pat  eru 
guds  log  ei,  nema  hun  geß  leyfi  til,  en  '])at  fekkst  ei  af  henni.  Bei  Cr. 
findet  sich  nichts  Entsprechendes,  bei  H.  gerade  das  Gegentheil  v.  6210: 
nv  rieten  st  im'z  alle.  Der  Unwille  bricht  dann  erst  später  aus: 

Crestieu  v.    4790  ss.  Erexsaga. 

et  li  cuens  la  fiert  en  la  face.  Jarlinn     reiddist    m'i    ok    slaer    haua 

cele  s'escrie,  et  li  barou  piistr Hon  grsetr  sarliga;   en  hir- 

le  conte  blasment  enuirou.  dinni  likar  illa  tiltoeki  jarlsins,  ok  verdr 

af  jaessu  mikit  hark  i  höllinni. 

Zu  den  Worten  en-jarlsins  vergl.  Hartmann  v.  6525  ss.: 
so  dühte'z  se  alle  gliche, 
arme  uude  liche 
ein  michel  ungefuoge. 

Die  bei  Cr.  und  H.  in  die  Scene  mehrfach  eingeflochtenen  Reden 
hat  die  Saga  nicht,  wol  um  den  Text  abzukürzen. 

Erec's  Erwachen  wird  in  vollständiger  Übereinstimmung  mit  Cr. 
geschildert : 

Crestienv.   4817  s.  Erexsaga. 

entre  ces  diz  et  ces  tencons  Ok  Jjessu  nsest  tekr  Erex  at  vitkast, 

reuint  Erec  de  paumoisons.  ok    hleypr    af    bönmum    ok    bregdr 

V.   4824  s.  sverdi,    ok  höggr  til  jarlsins   i  höfudit 

dou  dois  ä  terre  descendi,  sva  at  heilinn  la  4  jördunni. 

et  trait  l'espee  isnelement. 

V.   4829. 
et  fiert  parmi.  .  .  .  le  conte. 


404  EUGEN  KÖLBING 

Nach  dieser  Übersetzung  i  höfvMt  ist  statt  Bartsch's  Ergänzung: 
et  fiert  parrrii  le  vis  le  conte,  1.  c.  p.  180  v.  4829  vielleicht  richtiger  so 
herzustellen:  et  fiert  parmi  la  teste  al  conte.  Der  deutsche  Text  gibt 
keinen  Anhalt  zu  einer  Verbessening. 

Crestien  v.   4833  s.  Erexsaga. 

li  cheualier  saillent  des  tables,  Af  Jsessu  verki   kemr  svä  mikill  otti 

qui  cuident  que  ce  soit  deables  ....  yflr  hirctina  alla,  at  hverr  hleypr  ut  af 

V.   4838  s.  höllinni,    sem  mest  ma,    svä  maelandi: 

li  uns  deuant  l'autre  s'enfuit,  Skundum  iindan  sem  mest  mögum  v^r, 

quanque  il  puet,  h  grant  eslais.  ^vlat  fjandinn  er  i  li'kinu  ok  hefir  drepit 

V.   4841  s.  J*''^^°°- 

et  Orient  tuit,  et  foible  et  fort, 
fuiez,  fuiez,  uez  ci  la  raort. 

H.  schildert  die  Flucht  ziemlich  selbständig  (vgl.  Bartsch  1.  c. 
p.  170). 

Über  die  Art,  wie  Erec  zu  seinem  Pferde  kommt,  sagt  die  Saga 
nichts;  es  heißt  nur:  sina  hesta  i  gardimcm.  skjött,  finnandi.  Die  Ver- 
söhnung findet  hier  bei  dieser  Gelegenheit  noch  nicht  statt.  Statt  dessen 
folgt  nun  im  nordischen  Text  die  Schilderung  des  Zusammentreffens 
mit  Kcei.  Diese  Scene  wird  mit  folgenden  Worten  eingeleitet :  ^au  taka 
ser  ndttstad  d  einum  fögrum  vöUmn  vid  sinn  hrnnn  vcenany  ok  htndr  Evida 
um.  sdr  Erex,  ok  sofa  siäan  til  dags,  ok  taka  siäan  hesta  sina,  rida 
sidan  til  eins  kastala,  ok  dvöldu  par  prjdr  noetr  ok  hvila  sik.  Padan  rida 
Pau  langan  veg.  Der  Anfang  der  Scene  selbst  stimmt  ganz  genau  zu  Cr. : 

Crestien  v.   3951  ss.  Erexsaga. 

tant  que  par  auenture  auint  Ok  einn  dagr  s^r  Erex,  hvar  ridr  einn 

que  Erec  encontre  lui  uint.  riddari,  ok  kennir  at  {\>k  er  kominn  add.  h) 

il  conut  bien  le  seneschal.  Ksei  raidismadr  Artus  konungs. 

V.   4036  s.  Fellir   bann  Kaei   rsedismann  af  baki 

tot  estendu  le  porte  h  terre.  ok  tekr  best  bans  ok  hefir  med  ser. 

puis  vint  au  destrier;  si  le  prent. 

Anzumerken  ist,  daß  bei  H.  Kfei  bei  der  Rücklcehr  zu  Artus 
V.  48.54  ss.  selbst  die  Vermuthung  ausspricht,  sein  Besieger  sei  Erec 
gewesen,  bei  Cr.  nicht,  während  es  in  der  Saga  gleich  nach  der  Schilde- 
rung des  Kampfes  heißt:  ok  pd  kennir  hann  Erex  at  vdpnalmnadi.  — 
Das  gegenseitige  Fragen  nach  den  Namen  hat  Cr.  und  die  Saga  nicht. 
Das  Ross  erhält  Ksei  erst  wieder,  als  er  hinzusetzt,  er  habe  es  von 
Valven  geliehen;  dies  ist  im  Nordischen  wenigstens  angedeutet:  Ok  hidr 
Erex,  gefa  ser  hest  sinn,  ok  fekkst  ei  Jjat  fyrr  en  hann  sagdi  at  Valven 
pann  hest  wtti  ok  skildust  med  pvi  at  sinni,  bei  H.  deutlich  ausgespro- 
chen, während  er  bei  Cr.  gleich  das  erste  Mal  vom  Eigenthümer  des 
Rosses  spricht.   Zu:   ok  skildust  med  "pvi  at  sinni  vgl.  H.  v.  4832:  Nu 


DIE  NORDISCHE  EEEXSAOA  UND  IHRE  QUELLE.  405 

schieden  st  sieh  ze  stund,  ein  Ausdruck ,  für  den  sich  bei  Cr.  nichts 
Entsprechendes  findet. 

Das  in  den  andern  Texten  nun  folgende  Abenteuer  mit  Gamlin 
fehlt  in  der  Saga  ganz.  Statt  dessen  folgt  jetzt  die  Aussöhnung,  die, 
wie  wir  vorhin  sahen,  in  den  andern  Texten  an  einer  anderen  Stelle 
steht.  Doch  stimmt  die  nordische  Fassung  offenbar  mit  Cr.: 

Crestien  v.   4885  ss.  Erexsaga. 

bien  uos  ai  dou  tot  essaie.  I  mörgum  |)rautum  liöfum  vit  um  h\iS 

ne  soiez  de  rien  esmaie;  verit  ok  hefir  gud  iir  ölhim  velleyst,  en 

q'or  uos  ain  plus  assez  et  pris,  nü  hefi  ek  reynt  af  f>er  sanna  ast,  dygd 

et  ie  resui  certains  et  fis  ok  trüfesti. 
que  uos  m'amez  parfaitement. 

Die  Saga  setzt  selbständig  hinzu:  Er  nü  ok  mein  vdn,  er  skjotr  verdi 
skilnaär  okkarr,  Jwiat  fast  anqra  nrik  stör  sdr  ok  langt  matleysi.  Ok  pessu 
ncest  fellr  hann  i  nvit. 

Guimar  erscheint  med  marga  riddara ,  Avährend  H.  und  Cr.  be- 
stimmte Zahlen  angeben.  Von  einem  Kampf  zwischen  beiden,  wie  bei 
Cr.  und  H.,  ist  im  Kordischen  nicht  die  Rede.  Es  heißt  von  Guimar: 
Hann  kennir  skjött  Fyrex  ok  Evidam  ok  huggar  hana  skjött,  en  Icetr  Erex 
i  hoegan  vagn  ok  fytr  hann  heim  ?  sina  horg.  Bei  Cr.  und  H.  wird  Erec 
von  Guivret's  zwei  Schwestern  geheilt,  in  der  Saga  von  einer:  ok  fa>rir 
hdnum  til  la>kningar  systnr  sina,  er  Godilna  hef,  pviat  hon  gaf  alli  heilt 
qrcedt,  indeü  ohne  die  Fämurgdn  zu  erwähnen.  Die  Schilderung  des 
Abschiedes  stimmt  mit  der  bei  Cr.:  Bidr  hann  konung  orlofs  [til  hrott- 
ferdar  add.  h]  ok  fa^r  ])at  med  'Jwi  at  hann  sjdlfr  vill  fylgjci  hdnum  ok 
pat  piggr  Erex.  Vgl.  Cr.  v.  5215,  v.  5238  ss.  In  der  Saga  erhält  nicht 
nur  Evida  ein  Ross,  sondern  auch  Erec  Es  heiüt:  Guimer  konungr 
gefr  Erex  XXX  riddara  alvdpnada  til  fylgdar  ok  gott  ess  komit  af  Lom.- 
hardi  ok  keypt  fyrir  XX  merkr  gulls.  Bei  der  Beschreibung  von  Evida's 
Rosse,  die  verhältnissmäßig  kürzer  gefasst  ist,  als  in  den  beiden  andern 
Texten,  stimmt  doch  manches  Einzelne  mit  denselben.  Statt  der  Auf- 
zählung der  einzelnen  Scenen  aus  Aeneas  Leben,  die  auf  dem  Sattel- 
bogen dargestellt  sind  (vgl.  Cr.  v,  5292  ss.  H.  v.  7544  ss.)  heißt  es  nur: 
d  södulhoganum  vdru  skrifud  öll  störmerki  Tröjumanna;  vgl.  H.  v.  7545. 
daz  lange  liet  von  Troyä.  Cr.  v.  5293:  coment  Enens  mut  de  Troie. 

Crestien  V.   5303  ss.  Erexsaga. 

uns  Grez  taillierres,  qui  la  fist,  ....  med    svä    miklum     haglcik    at 

au  taillier  plus  de  set  anz  mist,  hinn   fljotasti   ok  hinn  bezti  höfudsmidr 

qu'  ä  nule  autre  oeure  n'entendi.  i  öllu  Bretlandi    gat   Joat    ei   fullgert  ä 

sjö  ärum. 


406  EUGEN  KÖLBING 

Mau  vergleiche  Hartmann  v.   7461)  ss. : 

Ein  meister  hiez  Umbriz, 
der  doch  allen  sinen  fliz 
dar  leite  für  war 
wol  vierdehalbez  jär, 
unz  er  in  volbrähte 
dar  nach  als  er  gedähtc.  ^ 

Wir  sehen  also,  daß  sich  hier  die  Saga  enger  an  Cr.  anschließt,  als  H. 
Nach  dem  Abschied  von  Guimar  gelangt  Erec  mit  seiner  Gattin 
zur  Burg  Bartiga  {Brnndicjanz  bei  Gr.,  Brandigän  bei  H.),  die  ein  König 
Essuen  {Eysteynn  b)  in  der  Saga,  Eurains  bei  Gr.,  Ivreins  bei  H.  inne- 
hat. Der  Name  des  Abenteuers  ist  im  Nordischen  passender  gewählt  als 
in  den  anderen  Texten:  hardr  fagnadr  *)^  Gr.  b41d  joie  de  la  cort,  H.  8005 
des  hofes  freude,  eine  Übersetzung  des  franz.  Namens,  vgl.  v.  8001. 

Crestien  V.    5418  SS.  Erexsaga. 

1  aventure,  ce  vos  plevis,  I  )^»essari  borg  er  sa  stadr,   er  heitir 

la  joie  de  la  cort  a  non.  hardr  fagnadr ,  ok  bann   hefir  raörgum 

dex,  cn  joie  n'a  si  bien  nou.  gödum  riddara  ordit  ofagnadr,  ok  hefir 

V.   5390  s.  einginn  aptr  komit  s4  er  farit  hefir,  ]io 

que  doii  chastel  ne  rcuint  niis  alröskr  riddari  verit  hafi. 

qui  lauentu re  i  alest  qiierrc. 

V.    5393. 
cheualier  fier  et  corageus. 

Von  Tanz  und  Spiel  im  Schlosse,  von  den  Klagen  der  Bewohner 
(vgl.  Bartsch  1.  c.  p.  173)  weiß  die  Saga  nichts.  Beim  Empfang  heißt  es: 

Crestien  V.   5501  s.  Erexsaga. 

li  rois  Eurains  cn  mi  la  nie  Ok  er  {^eim  Jiar  vel  fagnat  ok  8j41fr 

vint  encontre ;  si  los  salue.  Essuen   kouungr  gengr  i  moti  }ieim  ok 

V.   5511.  leidir  \)ä,  til  sinnar  hallar,  ok  gerir  Jieim 

Ten  inainne  en  son  palais  amout.  agaeta  veizlu. 

V.   5532  s. 
li  rois  cominande  aprester  Ic  sopcr. 

Von  den  bei  H.  vorkommenden  achtzig  Frauen  (v.  8220 — 8357)  ist  in 
der  Saga  nichts  zu  lesen,  ebenso  wenig  werden  Namen  von  den  im 
Garten  erschlagenen  Rittern  angeführt. 

Bald  nach  seiner  Aufnahme  in  dem  Schloss  fragt  Erec  nach  dem 
gefährlichen  Platze: 

Crestien  v.   5555  ss.  Erexsaga. 

or  nou  puis  celer  en  auant.  Nu  spyrr  Erex ,   hvar  sä  stadr  er ,  er 

la  joie  de  la  cort  demant,  hardr   fagnadr  heitir,   ok  segir  Jiat  sitt 

que  nule  rien  tant  me  covoit. 


*)  Zu  dieser  Art  von  Namen  vgl.  tiiiuadi  atbur(!r  (nach  Stephens  Vermuthung 
[HeiTa  Ivan  lejon  -  riddaren  Stockholm  1849  p.  XYIT]  pmandi  zu  lesen),  vgl.  meine 
Anmerkung  zu  der  Stelle:  Riddarasögur  p.  128. 


DIE  NORDISCHE  EREXSAGA  UND  IHRE  QUELLE.  407 

V.   5560.  erindi  ))augat,  at  reyna  sik  )iar,  ef  nök- 

ccrtes,  fait  li  rois,  beax  arais,  knt  msetti  til  frfegdar  verda. 

V.   5562  s.  Konungr  svarar  svk:  Ek  vil  yctr  J)Vi 

ceste  chose  est  molt  perilleusc,  ei  leyna,   sagcli  bann,    at  j^jessi  heiäzla 

et  dolant  a  fait  maint  preudomme.  licfir  mörgum  raauni  at  skada  ordit. 

Was  die  Schilderung  des  Baumgartens  angeht,  so  findet  sich  ein 
auffallender  Widerspruch  zwischen  den  Worten  der  Saga  und  der 
Schilderung  von  Cr.  und  H.: 

Crestien  v.   5691  ss.  Erexsaga. 

<m  ucigier  n'auoit  enuiron  Um  j^funa  s^ad  var  cinn  uiiirr  ok  eitt 

nc  miir  ne  paliz  se  Tair  non:  port   med   sterkri  jarnhurd   ok  var  hun 

maie  de  l'air  ert  de  totes  parz  ei  laest,   |)vi'at  Iiana  geymdi  eiun  dvergr 

par  nigroinance  clos  li  iarz.  ok  let  upp  fyrir  ))eim  er  inn  vildu. 

H.  folgt  in  dieser  ganzen  Passage,  wie  Bartsch  1.  c.  p.  173  s. 
nachgewiesen  hat,  ziemlich  genau  Cr.  Während  hei  Cr.  alles  Volk  mit 
in  den  Garten  eintritt,  bei  H.  nur  Erec,  Ivreins,  Enide  imd  Guivrez, 
heißt  es  in  der  Saga  nur:  Nu  ridr  Erex  inn  um  J)dta  port  ok  hans  frü. 
Es  heißt  dann: 

Crestien  V.   5732  ss.  ^  Erexsaga. 

car  deuant  aus,  sor  peix  aguz,  Ütau  a  mürnum  varu  margar  steiigr 

auoit  hiaumes  luisanz  et  clers;         _  ok  jiar  ii  manna  liöfud. 

et  s'auoit  desor  Ics  cerclers 
teste  d'ome  desor  chascun. 

Die  Saga  setzt  selbständig  hinzu:  med  peim  smyrsbim,  al  aklri 
mdttu  füna.  Von  der  einen  leeren,  für  Erec  bestimmten  Stange  ist  hier 
nicht  die  Rede. 

Bemerkenswerth  ist,  daß  der  Pavillon,  von  dem  Cr.  nichts  weiß, 
sowol  von  H.  als  vom  Sagaschreiber  aufgeführt  wird.  Es  heißt  bei 
diesem:  ^au  ridu  (also  nicht  Erec  allein  [Cr.  5831,  H.  8895])  at  einum 
grasgardi  mjök  fHdum.  I  hdnum  stöd  eitt  t/jald  allt  gulUkoiit  med  eximi; 
vgl.  H.  V.  8900  SS. :  nü  sack  er  vor  im  dort  eine  pavilüne  stan,  rieh  unde 
wol  getan.  Gleich  darauf  haben  wir  aber  Anschluß  an  Cr. ;  man  ver- 
gleiche : 

Crestien  V.   5832  s.  ^  Erexsaga. 

tant  qu'il  troua  un  lit  d'argent,  j  ^vl  var  ein  sgeng  af  brendu  gulli  ger. 

couert  d'un  drap  bordö  ä  or.  I  henni  sat  ein  kona  svä  fögr  at  Erex 

V.   5835  ss.  jiöttist  öngva  fegri  set  hafa. 

et  sor  le  lit  une  pucele 
gente  de  cors  et  de  uis  bele. 
de  totes  beautez  k  deuise. 

H.  sagt  von  dem  Bett  nichts ;  es  heißt  nur  v.  8925  s. :  Hie  under 
er  gesitzm   sach   ein  wip  etc.    Sehr    beachtenswerth    ist,    daß    bei    der 


408  EUGEN  KÖLBING 

Schilderang:  von  der  Schönheit  der  Dame  H.  und  die  Saga  wieder  auf- 
fallend zusaramenptimnien,  indem  beide  Enite  über  dieselbe  stellen: 

Hartmann  V.    8927  ss.  Erexsaga. 

flaz  er  bi  sinen  ziten  .  .  .  at  Erex  Jiottist  öngva  fegri  set  hafa 

an  die  frowcn  Eniten  ütan  Evi'dam. 

nie  dehein  schoener  het  gesehen. 

Dem  herankommenden  Ritter,  den  Cr.  und  H.  etwas  ausführlicher 
schildern*),  gibt  der  Sagaschreiber  nur  die  Epitheta:  sterkligr  und 
alvdpnaär.  Der  Ton  des  Gespräches  zwischen  beiden  wird  bei  H.  und 
in  der  Saga  schon  vorher  angedeutet.  Es  heißt  in  der  Saga:  ok 
hefr  svd  sina  roedu  til  Erex  med  illyräum  svd  segjandi  etc.  H.  v.  9024  s.: 
und  gruozte  in  ein  teil  vaste,  gelich  einem  iiheln  man.  Bei  Cr.  heißt  es 
nur  V.  5858  s.:  aingois  qu'  Erec  ueu  l'eiist,  li  escria  etc.  Die  Schilde- 
rung des  Kampfes  ist  in  der  Saga  sehr  kurz  gehalten.  Der  besiegte 
Ritter  nennt  sich  dann  Malhanaring ,  bei  Cr.  Mahonagrains,  bei  H. 
Mdbonagrin,  also  offenbar  übereinstimmend.  Die  Gespräche  selbst  sind 
im  nordischen  Text  sehr  zusammengezogen.  So  fällt  z.  B.  das  Gespräch 
der  beiden  Frauen  ganz  weg.  Aus  der  Rede  des  Ritters  hebe  ich 
hervor : 

Crestien  v.    6027  sr.  E  r  exs  a  ga. 

et  dist  que  pleui  li  auoie  En  hiin  baft  mik  ijienna  stad  at  fara 

que  iames  de  ceanz  n'istroie  ok  h^r  vera  ok  aldri  vid  mik  skilja  fyrir 

tant  que  cheualiers  i  uenist  en  ek  yrdi  sigradr  af  einnm  riddara;  en 

qui  par  armes  me  conqueisf.  hon  aetladi  j^at  aldrigi  verda  mundn. 

V.    6044. 
ne  euida  pas  que  ä  nul  ior 
deust  en  cest  uergier  entrer 
uasaux  qui  me  deust  outrer. 

Selbständig  heißt  es  im  Nordischen:  En  hennar  fadir  er  Tracön 
jarl  af  Arnshorg,  rikr  ok  mikill  kappi.  Im  Folgenden  findet  sich  ein 
eigenthümliches  Missverständniss  des  nordischen  Bearbeiters: 

Crestien  V.   6295.  Erexsaga. 

Enide  sa  rosine  en  mainne  .  .  .  f)viatEvida  kennir  hersi'nafisend- 

plus  bele  que  ne  fu  Helaine.  konu  er  Elena  höt. 

Der  Grund  der  Zurückgezogenheit  des  Paares  wird  in  der  Saga 
anders  angegeben,  als  bei  Cr.  und  H.  Es  heißt:  Ok  gerdi  hon  svd  af 
henni  pötti  üscemd  i  at  menn  vissi  at  hon  dtti  einn  riddara,  en  öttadist 
at  hennar  fadir   mtindi  mik   med  miklu  fjölmenni  vinna,    ef  hann  vissi 

*)  Es  ist  unrichtig,  wenn  Bartsch  1.  c.  p.  175  behauptet,  bei  Cr.  finde  sich  keine 
Beschreibung  des  herankommenden  Ritters,  wie  sie  H.  (9010  —  22)  hat.  Diesen 
Versen  entsprechen  fast  vollständig  Cr.  5850  —  5857. 


DIE  NORDISCHE  EREXSAGA  UND  IHRE  QUELLE.  409 

kvar  ek  vcera.  Vgl.  Cr.  v.  6031 :  ainsi  me  cuida  retenir  ma  Sximoisele  ä 
lonc  seiw.  H.  v.  9567 :  so  rehte  Hure  dühte  ich  si. 

Nach  dem  sehr  kurz  geschiklerteu  Abschied  zieht  Erec  zu  Artus. 
Er  ist  der  Saga  nach  zehn  Tage  unterwegs,  was  bei  Cr.  u.  H.  nicht 
gesagt  wird.  Der  Empfang  wird  bei  Cr.  umständlicher  geschildert,  doch 
fast  wörtHch  stimmt: 

Crestienv.   6424  s.  Erexsaga. 

puis  enquiert  Erec,  et  demande  .  .  .  spyrjandiErex  tiäindaat'st^r  hvar- 

noveles  de  ses  aventures.  um  lians  ferdum. 

Die  achtzig  trauernden  Frauen  werden  in  der  Saga  hier  natiü'lich 
ebenso  gut  ignoriert  wie  vorher.  Dagegen  fehlt  bei  Cr.  und  H.  folgende 
Stelle:  rd  gengr  fram  fyrir  konunginn  Malhanaring,  ok  fellr  til  föta 
konunginum  seigjandi  hdmnn  sina  cpfisögu,  gefandi  sik  allan  d  hans  vald, 
hidjandi  ser  miskunnar ,  ok  fcer  pat  fyrir  hoenarstad  Erex;  gerist  kann 
nü  konungs  madr  ok  fcp,r  skjött  mikit  metord  fyrir  sina  hreysti,  pviat  kann 
pröfadist,  sein  var,  kinn  hezti  riddari  i  öllum  mannraunum. 

In  der  Saga  sagt  Artus  selbst  dem  Erec  den  Tod  seines  Vaters. 
Es  heißt:  .  .  .  ])viat  ek  kann  at  segja  ydr  at  llax  konungr,  fadir  ydarr  er 
andadr,  ok  stendr  hans  riki  geymslidaust  undir  margskonar  hdska  ok 
t'ifridi.  Bei  Cr.  melden  ihm  dies  zehn  Barone  (v.  6467),  bei  H.  kommt 
Erecke  nur  „ein  mcere^  (v.  9968).  Bei  H.  fordern  ihn  die  Boten  auf, 
in  sein  Reich  zu  kommen,  in  der  Saga  thut  dies  Artus:  Nw  er  pat 
mitt  rdd,  at  per  Idtit  pessi  üräd;  vil  ek  at  per  ridit  fyrst  heim  ok  frelsit 

yävart  riki  ok  hefit  par  til  ydvar  vdru  styrk Ok  eptir  lidinn  tinia 

tekr  hann  orlof  af  konungi  ok  dröttningu,  reid  hann  heim  i  riki  sitt.  Ver- 
gleiche H.  V.  9970  SS. : 

Nu  was  des  sinem  laude  uut 

daz  er  sich  abe  ttete 

solher  unstaäte 

und  daz  er  heim  füere: 

daz  waere  gefüere 

siuem  lande  und  siner  diet. 

mit  urloube  er  dö  danne  schiet 

von  dem  künege  Artuse 

ze  vanie  heim  ze  hiise. 
Bei  Cr.    steht   von    einer    derartigen  Aufforderung    nichts;    nicht 
einmal  die  Heimkehr  selbst  wird  hier  erwähnt,  was  Bartsch  (1.  c.  p.  177) 
mit  Recht  auffällig  findet. 

Die  nun  von  mir  anzuführende  Stelle  der  Saga  soll  besonders  der 
eigenthümlichen  Constructiou  wegen  Erwähnung  finden :  Beid  hann  heim 
i  riki  sitt,  fridandi  pat  ok  frebandi,  en  at  jölin  öllum  höfdingjum  sins 
lands  til  sin  stefnandi,  sidan  sina  ferd  til  Artiis  konimgs  hyrjandi,  jöla- 


410  EUGEN  KÖLBING 

dagimt  hiun  fyrsta  epiiv  kommgs  hodi  vied  miklu  fjölmenni  fjar  koniandi. 
par  miklum  fagnadi  af  komingi  ok  dröttningu  mcetandi.  Man  achte  auf 
die  auffallende  Häufung  von  Partieipien,  wie  sie  sich  in  den  Saga's 
guter  Zeit  nie  findet  *). 

Im  Folgenden  zeigen  sich  in  der  Saga  mehrfach  Abweichungen 
von  den  anderen  Texten,  die  überhaupt  nach  dem  Schlüsse  des  Ge- 
dichtes zu  mehr  auseinander  gehen.  Erstens  schließt  sich  die  Dar- 
stellung in  sofern  an  Cr.  an,  als  in  beiden  Texten  das  Fest  bei  König 
Artus,  bei  H.  in  Erec's  Lande  selbst  gehalten  wird.  Aber  bei  Cr.  setzt 
l'evesques  de  Nantes  meismes  Erec  die  Krone  auf,  in  der  Saga  Artus: 
Artus  konungr  gaf  Erex  körönu  af  gulli  gerva  i  vigslunni,  dyrligum  gimm- 
steinum  setta,  setjandi  hana  upp  d  hans  höfud.  Vgl.  Cr.  v.  6820  ss., 
H.  V.  10063.  Der  Saga  allein  gehört  folgender  Zusatz  an:  Hon  var  eigi 
minna  verdi  keypt  i  Africa  en  XXX  marka  gidls.  Ebenso  die  folgenden 
genauen  Zahlenangaben :  Annan  dag  jöla  var  Erex  tu  konungs  vigdr  af 
sjö  erkibiskupum  ok  prettdn  lydhiskupum.  Ebenso  endlich:  En  Evidu  gaf 
kann  dyrliga  skikkju;  par  vdrü  d  skrifadir  allar  höfudUstir;  hun  var 
oll  skinandi  ok  svd  dijr,  at  einginn  kawpmadr  kunni  Jiana  at  meta.  Hun 
var  ofin  IUI  [rastirj  i  jörd  nidr  af  fjörum  alfkomim  i  jördhüsi  par  er 
aldri  kom  dagsljös. 

Die  Beschreibung  des  Festes  selbst  stimmt  im  Allgemeinen  mit 
der  Cr.;  nur  kürzt  der  nordische  Bearbeiter  sehr. 

Daß  der  Bekker'sche  Text  wirklich  den  Schluß  von  Crestien's 
Gedicht  enthalte,  kann  ich  ebenso  wenig  glauben  als  Bartsch  1.  c.  p.  178. 
Und  nicht  viel  besser  steht  es  mit  ms.  27,  Cange,  dessen  Schluß  Hol- 
land, Crestien  von  Troies.  Tübingen  1854,  p.  25  anführt.  Doch  ver- 
gleiche man: 

Crestieu.  Erexsaga. 

Mult  lor  ont  donne  largement  Si'ctan  varu  höMingjar  velleystir  med 

Cevax  et  armes  et  argent,  dyrligum  gjöfum. 

draps  et  pailes  de  mainte  guise. 

Den  Schluß  der  Saga,  als  wenigstens  scheinbar  ganz  selbständig, 
lasse  ich  hier  folgen: 

Erex  konungr  ok  Evida  drottning  skilja  vid  Artus  konung  ok 
hans  drottning  med  miklum  vinskap  ok  heizt  hann  medan  )>au  lifdu. 
Sidan  ridu  |)au  heim  i  sitt  riki  ok  styrdu  |)vi  medr  scemd  ok  heidr 
ok  fuUum  fridi.   })au  gätu  H  sonu;  het  annari'  eptir  födur  Evidse,  an- 


*)  Man  vergleiche  folgende  Stelle  der  Parcev.nls  Saga,  Riddarasögiir  p.  14,  29  ss. : 
Aldri  verdr  m6r  hugr  fyllandi  vid  öngvau  jjanii  er  uü  er  lifandi:  skal  ek  aldri  vera 
fl^jandi,  medan  ek  er  upp  standandi. 


DIE  NORDISCHE  EREXSAGA  UND  IHRE  QUELLE.  411 

narr  eptir  föitur  Erex.  Urdu  peir  badir  k()iinni;ar  ok  aburdnnieim,  ok 
likir  födur  sinum  at  hreysti  ok  riddaraskap  ok  toku  riki  eptir  föduv 
sinn.  Lykr  h^r  |)essari  sögu  af  j|)eim  ägseta  P^rex  konungi  ok  hans 
frü  Evida. 


Ziehen  wir  nun  aus  dieser  längeren  Einzelvergleichung  das  Resultat. 

1.  Wir  sahen,  daß  im  Ganzen  unsere  Saga  sieh  dem  französischen 
Dichter  anschließt,  namentlich  an  vielen  Stellen,  wo  Hartmann's  Dar- 
stellung ausführlicher  und  breiter  ist,  und  daß,  wo  in  Einzelnheiten  die 
beiden  Gedichte  nicht  harmonierten,  die  Saga  Crestien  folgt,  mit  dem 
sie  häufig  wörtlich  übereinstimmt.  Wir  dürfen  daraus  gewiß  unbedenk- 
lich schließen,  das  dem  nordischen  Bearbeiter  das  französische  Gedicht 
vorgelegen  hat. 

2.  Wir  mussten  aber  auch  eine  Anzahl  von  Stelleu  hervorheben, 
wo  die  Saga  nicht  mit  Crestien,  sondern  mit  Hartmann  stimmte,  hie 
und  da  ebenfalls  fast  wörtlich,  so  daß  ein  gewisser  Zusammenhang 
zwischen  beiden  sich  nicht  wol  Avird  ableugnen  lassen.  Da  treten  nun 
zwei  Möglichkeiten  ein.  Zunächst  liegt  die  Annahme,  daß  der  Saga- 
schreiber außer  dem  französi:chen  Gedicht  noch  unsern  deutschen  Erec 
vor  sich  gehabt  habe,  an  den  er  sich,  wenn  es  ihm  convenierte,  an- 
geschlossen habe.  Indessen  haben  wir  Mehreres  geltend  zu  machen, 
was  dagegen  spricht.  Allerdings  ist  der  Einfluß  deutscher  Poesie  auf 
die  nordische  in  der  Zeit  der  Abfassung  dieser  romantischen  Saga's 
nicht  ganz  abzuleugnen.  Namentlich  ist,  wie  in  der  neuesten  Zeit 
B.  Döring  (Zeitschr.  ftir  deutsche  Philologie  II  p.  1 — 79)  erwiesen  hat, 
die  Thidrekssaga  großentheils  mit  Benützung  einer  Recension  unseres 
Nibelungenliedes  verfasst  *).  Ebenso  gibt  der  Verfasser  des  altschwedi- 
schen Gedichtes:  Hertig  Fredrik  af  Noimandie,  an,  daß  dasselbe  aus 
dem  Deutschen  übersetzt  sei;  vgl.  v.  3201  ss. :  ,  : 

Thenne  bok  ther  ij  hasr  höra, 

henne  lot  kesar  otte  göra 

ok  vaenda  afF  valsko  ij  thyzt  maal,  ,  ', 

gudh  nadhe  thaes  aedhla  första  sitel. 

mi  «r  hon  anuan  tiidh  giordh  til  rima 

nylika  innan  stuutan  tima 

äff  thyzko  ok  ij  swaenska  tungag. 


*)  Ob  nur  nach  mündlicher  Überlieferung  oder  nacli  einer  schriftlichen  Vorlage, 
wird  nach  den  vielen  wörtlichen  Übereinstimmungen,  die  sich  finden,  doch  wol  noch 
zweifelhaft  sein.  G.  Brynjiilfsson  übrigens  hält  es  dem  ganzen  Stil  der  Saga  nach  für 
wahrscheinlicher,  daß  dem  Autor  nicht  eine  deutsche,  sondern  eine  lateinische  Quelle 
desselben  Inhaltes  wie  das  Nibelungenlied  vorgelegen  habe. 


412  EUGEN  KÖLBING 

Andere  Angaben  sind  freilich  sehr  apokryphischer  Natur,  so  wenn 
die  Blomstrvallasaga   aus   dem  Deutschen  übersetzt  sein  soll,  vgl.  die 
Ausg.  von  Möbius  p.  2^  "":  En  cd  pessarri  veizlu  fyrir  haräi  heyräi  herra 
Bjarni  lesit  i  pyzku  mdli  petta  cefintyri  oh  foerdi  siäan  konungt  i  Noregi. 
Oder  wenn  es  zu  Anfang  der  Sigurdar  Saga  fötar  ok  Asmundar  Hüna- 
konungs  (Cod.  Holm,  perg  7  fol.)  heißt:    ^at  er  upphaf  einnar   Utillar 
sögu,  peirrar  er  skrifud  fannst  d  einum  steinvegg  i  Cölni,  at  Knütr  etc, 
Aber  wenn  wir  bedenken,  daß  die  dem  Erec  verwandten  Saga's, 
die  Parcevalssaga,   die  Iventssaga,    die  Tristramssaga,  die  Möttulssaga 
(vgl.   für   die  Quelle   dieser  beiden  Saga's  die  jetzt  erscheinende  Aus- 
gabe von  Gr.  Bryujiilfsson)    sämmtlich   nur   nach    den    entsprechenden 
französischen  Gedichten  verfasst    sind,    so   wird  es  schon  von    selbst 
wahrscheinlich,  daß  es  mit  dieser  Saga  ebenso  steht.  Und  es  steht  uns 
auch    noch   ein    anderer  Ausweg  offen;    nämlich  dasselbe  Resultat^    zu 
dem  Bartsch  bei  seiner  Vergleichung  von  Hartmann's  Erec  mit  Crestien's 
Gedicht   gelangte:    daß    dem  Verfasser    das   französische    Gedicht    als 
Quelle  gedient  hat,  aber  freilich  in  einer  Handschrift  aus  einer  anderen 
Gruppe  als  die,  der  der  Bekker'sche  Text  angehört,  und  zwar  in  einer 
Überlieferung,  die    der  nicht   fern   stand,    welche  Hartmann   benützte. 
So  würden  die  allerdings  unabweisbaren  Übereinstimmungen  zwischen 
Hartmann  und  der  Saga  sich  durch  Annahme  einer  gemeinsamen  Quelle 
sehr   einfach  erklären.   Zugleich  wird  dies  eine  Bestätigung  liefern  für 
Bartsch's  Behauptung,  indem  eine  ganze  Reihe  von  Abweichungen  des 
deutschen  Textes  vom    französischen    nicht    mehr    als    gegen  Bartsch 
sprechend  angeführt  werden  dürfen. 

3.  Allerdings  muß  aber  hier  noch  ein  Drittes  in's  Auge  gefasst 
werden.  Wir  hatten  nämlich  in  der  Saga  nicht  nur  solche  Abweichungen 
von  Cr.  Gedicht  zu  verzeichnen,  wo  jene  zu  H.  stimmte,  sondern  auch 
eine  ganze  Anzahl  anderer,  theils  Weglassungen,  theils  Zusätze,  sei  es 
ganzer  Abenteuer  oder  nur  einzelner  Momente.  Was  die  Weglassungen 
einzelner  Gespräche  und  einiger  unwichtigen  Ereignisse  angeht,  so  wer- 
den uns  diese  keine  große  Schwierigkeit  bereiten.  Wer  diese  Saga's 
in  ihrem  Verhältniss  zu  den  Quellen  nur  etwas  näher  in's  Auge  gefasst 
hat,  weiß,  daß  es  dem  Sagaschreiber  häiifig  wünschenswerth  gewesen 
ist,  die  Erzählung  abzukürzen,  weshalb  er  namentlich  in  Schilderungen 
sich  meist  auf  das  Nothwendigste  beschränkt.  —  Die  mehrfach  zu 
beobachtenden  Zusätze  dagegen,  ebenso  wie  einzelne  Veränderungen 
dürfen  wir  vielleicht  zum  Theil  der  Überlieferung  der  Saga  zuschieben, 
denn  es  ist  bekannt  genug,  daß  die  Abschreiber  der  Handschriften 
häuHg  ebenso  sehr  Producenten  wie  Reproduceuteu  waren  (vgl.  Möbius, 


DIE  NORDISCHE  EREXSAGA  UND  IH1{K  QUELLE.  413 

Blomstrvallasaga  p.  XXII).  Doch  kommt  dies  für  uiisern  Fall  darum 
weniger  iu  Betracht,  weil  wir  zwei  Handschriften  haben  ohne  verhältniss- 
mäßig sehr  bedeutende  Abweichungen.  Zudem  steht  die  Kopenhagener 
Abschrift  in  einer  Handschrift,  deren  Schreiber  sich  stets  auffallend 
genau  an  seine  Vorlage  gehalten  hat,  wie  sich  aus  anderen  Saga's,  wo 
die  Vorlagen  noch  erhalten  sind,  nachweisen  läßt.  —  Nun  ist  es  aber, 
schon  aus  dem  oben  angedeuteten  Streben  nach  Kürze  nicht  gerade 
wahrscheinlich,  daß  der  Verfasser  der  Saga  viel  willkürlich  hinzugesetzt 
haben  wird.  Die  meisten  der  Änderungen,  die  häufig  ganz  verständig- 
angebracht  sind,  werden  daher  wol  im  Texte  des  Originals  ihren  Grund 
haben.  Schwieriger  ist  es,  über  die  beiden  eingeschobenen  Abenteuer 
ein  Urtheil  zu  gewinnen.  Möglich,  daß  die  Vorlage  sie  ebenfalls  ent- 
halten, möglich  aber  auch,  daß  unser  Sagaschreiber  sie  erfunden  hat. 
Was  diese  letztere  Möglichkeit  betrifft,  so  will  ich  nur  bemerken,  daß 
i\[enschen  raubende  Drachen  in  den  romantischen  Saga's  öfters  vor- 
kommen; man  vergl.  z.  B.  Blomstrvallasaga  Cap.  XXIV,  wo  auch  ein 
dveki  fljügandi  einen  Menschen  raubt,  ferner  in  der  Saga  af  Flores  ok 
sonum  hans,  die  nach  dieser  Richtung  hin  mit  der  eben  erwähnten 
manche  Ähnlichkeit  hat.  Auch  der  Name  Fläto  ist  andern  ähnlichen 
Saga's  nicht  fremd;  ich  erinnere  nur  an  die  Fertraras  Saga  ok  Piatos, 
wo  dieser  letztere  ein  Sohn  des  Königs  Artus  von  Frakkland  ist:  das 
zweite  der  beiden  hier  zu  besprechenden  Abenteuer  ist  noch  weniger 
charakteristisch,  und  kann  sehr  leicht  aus  der  Feder  eines  Abschreibers 
geflossen  sein.  Daß  besiegte  Ritter  oder  Männer,  die  Ai'tusrittern  Dank 
schulden,  zu  Artus  geschickt  werden,  konnte  er  aus  dieser  Saga  selbst, 
ebenso  aus  der  Parcevalssaga  wissen.  (Vgl.  auch  hierüber  Holland: 
Li  romans  dou  chevalier  au  lyon.  Hannover  1862  p.  164  s.  Anmerkung.) 
Sonstige  Beispiele  für  von  einem  Abschreiber  eingeschmuggelte  Aben- 
teuer vermag  ich  allerdings  nicht  aufzuweisen,  auch  ist  dies  sehr 
schwierig,  da  wir  bei  zu  wenigen  die  Quellen  kenneu.  —  Den 
Schluß  der  Saga  angehend,  so  läßt  sich  in  Folge  des  oben  erörterten 
Zustandes  der  französischen  Handschriften,  über  die  Selbständigkeit 
oder  Unselbständigkeit  derselben  ein  abschließendes  Urtheil  nicht  fällen. 
Bemerken  will  ich  nur,  daß  der  Schluß  der  Anlage  nach  mit  denen 
fast  sämmtlicher  romantischen  Saga's  identisch  ist,  indem  es  in  diesen 
üblich  ist,  die  Söhne  nach  den  Großvätern  zu  nennen.  So  wird  in 
der  Elissaga  (Cod.  Holm.  6,  4")  der  Sohn  des  Elis  und  der  Rosa- 
munda  nach  Elis  Vater  Julien  genannt,  in  der  Remundarsaga  keisara- 
sonar  (Cod.  Holm,  chart.  47  fol.)  der  eine  Sohn  des  Renunidr  und  der 
Elena  Rikardr    genannt    nach  Remunds  Vater,    der    andere  Jon    nach 

GERMANIA.  Neue  Reihe  IV.  (XVI.  Jahr^.)  28 


414  E.  FÖRSTEMANN 

Elenas  Vater,  in  der  Saga  af  Nitida  frfegu  (Cod.  A.  M.  perg.  529.  4°) 
der  Sohn  des  Livorius  und  der  Nitida  Rikardr  nach  Nitida's  Vater, 
in  der  Sigurdarsaga  ins  ]3ögla  (Cod.  A.  M.  perg.  152  fol.)  der  Sohn 
des  ^igurdr  mid  der  Seditiäna  Flöres  nach  Seditiäna's  Vater,  in  der 
Alaflekssaga  (Cod.  Hohn,  chart.  47)  der  Sohn  des  Alaflek  und  der 
j)örbjörg  Rikardr  nach  Alafleks  Vater,  in  der  Jarlraannssaga  ok  Her- 
mans  (A.  M.  perg.  529,  4")  Herraann's  Sohn  Rikardr  nach  Hermann's 
Vater  u.  s.  w. 

Wenn  Avir  eine  kritische  Ausgabe  von  Crestien's  Erec  mit  Verzeich- 
nung sämmthcher  Variauten  besäßen,  so  würde  sich  höchst  wahrschein- 
hch  ermittehi  lassen,  welche  Handschrift  es  war  oder  wenigstens  zu  wel- 
cher Gruppe  die  Handschrift  gehört  hat,  die  dem  nordischen  Bearbeiter 
vorlag.  —  Ebenso  wird  aber  auch  diese  Erörterung  über  die  Saga 
berücksichtigt  werden  müssen,  wenn  es  sich  um  eine  neue  Ausgabe 
von  Crestiens  Gedicht  handelt.  Denn  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  ist 
doch  die  Handschrift  unter  die  besten  zu  rechnen,  von  der  schon  im 
13.  Jahrhundert  Abschriften  zu  fremden  Bearbeitungen  benutzt  worden 
sind.  —  So  gewinnen  die  bis  jetzt  ganz  unbeachtet  gebliebenen  nor- 
dischen Sagen,  welche  Stoffe  aus  dem  Artussagenkreise  behandeln, 
gerade  für  iras  i  Sudrlöndiira  eine  Wichtigkeit,  die  bisher  allerdings 
erwähnt  (Strengleikar  eda  Ijodabok.  Udgivet  af  R.  Keyser  og  C.  R. 
Unger.  Christiania  1850,  p.  IV  s.),  aber  nicht  im  Geringsten  ausgebeutet 
worden  ist. 

CHEMNITZ    im  Jimi  1871.  EUGEN  KÖLBING. 


DER  ÜRDEUTSCHE  SPRACHSCHATZ 

VON 

E.  FÖRSTEMANN. 

(Vgl.  Germania  XIV,  337—372;  XV,  385     410.) 


DRITTER  ARTIKEL. 

Wir  haben  in  zwei  früheren  Abhandlungen  zuerst  dasjenige  deutsche 

Spracheigenthum  betrachtet,  welches  wir  mit  den  Lituslaven  und  andern 

verwandten  Völkern  theilen,   dann  dasjenige,  welches  uns  bloß  mit  den 

Lituslaven   gemeinsam   ist;    in  diesem  dritten  Abschnitte  haben  wir  es 


DER  URDEUTSCHE  SPRACHSCHATZ.  415 

mit  unserm,  so  weit  wir  bis  jetzt  sehen,  eigensten  und  ausschließlichen 
Besitze  zu  thun. 

III.  Die  germanische  Schicht. 

Bei  dieser  dritten  Schicht  des  urdeutschen  Sprachschatzes  erwächst 
eine  Schwierigkeit,  die  bei  Darlegung  der  beiden  andern  Schichten 
nicht  vorhanden  war  Dort  nämlich  brauchte  man  einen  (nicht  ent- 
lehnten) Ausdruck  nur  in  einer  einzigen  germanischen  und  in  einer 
einzigen  ungermanischen  Sprache  nachzuweisen,  und  hatte  damit  gleich 
seine  Existenz  für  das  Urdeutsche  geradezu  bewiesen;  hier  dagegen, 
wo  uns  exoterische  Verwandte  der  germanischen  Wörter  für  jetzt  noch 
fehlen,  entsteht  die  Frage:  welchem  der  vier  germanischen  Sprach- 
zweige muß  ein  Wort  gemeinsam  angehören,  um  daraus  den  Schluß 
ziehen  zu  können,  daß  es  auch  schon  urdeutsch  gewesen  sei?  Genau 
genommen  sind  wir  zu  diesem  Sclilusse  nur  dann  berechtigt,  wenn 
wir  das  Wort  in  allen  vier  Sprachzweigeu  nachweisen  können.  Diese 
Forderung  aber  müssen  wir  als  viel  zu  streng  abweisen,  denn  dann 
müssten  von  diesem  Verzeichnisse  alle  die  Wörter  ausgeschlossen  wer- 
den, die  gewil.'i  im  Gothischen  vorhanden  waren,  uns  aber  in  dem 
Fragmente  des  gothischen  Sprachschatzes,  welches  wir  kennen _,  nur 
zufällig  nicht  überliefert  sind.  Und  selbst  wenn  ein  Wort,  das  wir  im 
Nordischen,  Hochdeutschen  luid  Sächsischen  finden,  wirklich  dem 
Gothischen  gefehlt  hat,  ist  es  fast  wahrscheinlicher  anzunehmen,  daß 
CS  urdeutsch  vorhanden  gewesen,  im  Gothischen  aber  verloren  sei,  als 
daß  es  urdeutsch  noch  gefehlt  und  sich  erst  nach  der  Absonderung 
des  Gothischen  gebildet  habe.  Genug,  wir  liaben  eine  gewisse  Berech- 
tigung auch  solche  Wörter  dem  Urdeutschen  zuzuschreiben,  die  wir 
im  (iothischen  nicht  kennen. 

Wie  aber,  Avenn  wir  ein  Wort  weder  im  Gothischen  noch  im 
nordischen  Zweige,  sondern  niir  im  Hochdeutschen  und  Sächsischen 
nachweisen  können?  dürfen  Avir  es  auch  da  dem  urdeutschen  Sprach- 
schätze zuschreiben?  im  Ganzen  gewiß  nicht.  Es  mag  ja  zufällig  einer 
oder  der  andere  Ausdruck  in  dem  einen  wie  in  dem  andern  Sprach- 
zweige verloren  gegangen  sein,  im  Ganzen  aber  tritt  hier  eine  viel 
größere  Wahrscheinlichkeit  ein,  daf.^  dieser  Ausdruck  sich  erst  nach 
der  Sonderuug  des  Gothischen  laid  Nordischen  gebildet  habe,  als 
das  Hochdeutsche  und  Sächsische  noch  eine  Einheit  ausmachten,  also 
in  derjenigen  Zeit,  die  ich  (vgl.  Kubus  Ztschr.  XVHI,  1(31)  die  neu- 
urdeutsche  zu  nennen  gewagt  habe. 

28* 


41  (i  E.  FÖRSTEMANN 

Aus  diesen  Erwägungen  ei'wächst  von  selbst  die  Kegel,  nach 
welcher  Avir  das  folgende  Verzeichniss  zusammengestellt  haben.  Wir 
schreiben  einen  bis  jetzt  nur  im  (Termanischen  nachgewiesenen  Aus- 
druck dann  schon  dem  Urdeutschen  zu,  wenn  er  sich  mindestens  in 
zweien  der  vier  germanischen  Sprachzweige  vorfindet,  unter  Avelchen 
zAveicn  aber  entweder  der  Gothische  od  er  der  Nordische  nicht  fehlen 
darf;  blos  hochdeutsch-sächsische  Wörter  werden  im  Allgemeinen  aus- 
geschlossen und  nur  dann  dem  Urdeutschen  zugeschrieben,  wenn  wir 
zwar  nicht  sie  selbst,  avoI  aber  eine  Ableitung  \'on  ihnen  im  Gothischen 
oder  Nordischen  nacliAveisen  können 

Diese  Regel  ist  natürlich  nur  ein  Versuch,  sich  der  Wahrheit  zu 
nähern;  nicht  im  Mindesten  darf  man  daran  denken,  damit  die  Wahr- 
heit zu  erreichen. 

Näher  betrachtet  zerfällt  aber  die  nach  dieser  Regel  zusammen- 
gestellte dritte  Schicht  unseres  urdeutschen  Sprachschatzes  Avieder  in 
zAvei  A^erschiedene  Lagen,  die  wir  vorsuchen  müssen  von  einander  zu 
trennen.  Der  eine  Thoil  nämlich  besteht  aus  solchen  Wörtern,  für 
Avelche  Avir  Aveder  in  der  indogermanischen  noch  in  der  slavogermani- 
schen,  noch  in  dieser  dritten  Schicht  des  Deutschen  selbst  Primitive 
fividen  ;  sie  kommen  in  unser  Deutsches  auf  räthselhafte  Weise  hinein- 
geschneit, und  Avir  müssen  ernstlich  darauf  denken,  sie  künftig  ein- 
mal entweder  der  indogermanischen  odov  der  slavogermanischen  Schicht 
zuzuAveisen,  oder  sie  endlich  als  unai'ischc  Fremdwih'ter  (z.  B.  finnische) 
zu  erkennen.  Der  zAveite  Theil  dagegen  macht  uns  AA''eniger  Sorge;  er 
besteht  aus  deutlichen  Ableitungen  oder  Zusanimensetzungen  solcher 
Wörter,  die  Avir  in  den  beiden  älteren  Schichten  unseres  Sprachschatzes 
oder  in  dieser  dritten  Schicht  selbst  finden. 

Was  ich  im  Folgenden  biete,  bezieht  sich  zunächst  nur  auf  den 
eben  erAvähnten  ersten  Theil  dieser  dritten  Schicht,  also  auf  die 
tiefere  Lage  dieser  tertiären  Bildungen  imserer  Sprache.  Das  Ver- 
zeichniss ist  ganz  so  geordnet  Avie  die  beiden  früheren,  und  eingerichtet 
neben  ihnen  aufgeschlagen  zu  Averden.  Auf  Vollständigkeit  macht  es 
natürlich  keinen  Anspruch.  Auch  wird  bei  jedem  Worte  nur  beabsichtigt 
nachzuweisen,  in  Avelchem  der  vier  deutschen  Sprachzweige  es  bisher 
belegt  ist ;  alles  Aveitere  Verfolgen  durch  die  Mundarten  ist  unnütz ; 
höchstens  in  einzelnen  Fällen  führe  ich  zAvei  Sprachen  desselben 
SprachzAveiges  an. 

SUBSTANTIVA.   Säugethiere. 

Altn.  bokkr  (aries),  ahd.  hoch,  ags.  bucca. 

Goth.  lamb  (agnus),  altn.  ahd.  ags.  lamb. 


DEE  TJRDEITTSCHE  SPRACHSCHATZ.  417 

Altn.  borgr  (verris),  abd.  bare,  paruc  xi.  s.  w.,  ags.  bearb. 

VgL  farah  in  der  ersten  Abbandkmg.  Der  Anknüpfung  an  skr. 
varaba,  bat.  verres,  gr.  sqqkos-,  sqqcoo':;  ist  wobl  uiclit  beizustimmen. 

Altii.  berr  (verres),  abd.  per,  ags.  bar  (engb  boar). 

Ahn.  göltr  (verresi  und  gilta  (sucula),  abd.  galza  (sucuba). 

Altn.  hros,  hors,  abd.  bros,  ags.  bors. 

Ahn    vigg  (equus),  ags.  vieg,   alts.  wigg. 

Abu    bvelpr  (m.,  catukis),  alid.  bualf  (n.),  ags.  bvelp  (m.) 

Die  Verbindung  mit  altir.  euilenn  (eatulus)  bleibt  unsieber  mid 
ist  jedenfalls  nicbt  eine  enge. 

Unter  den  Avilden  Säugetbieren  zeigen  sieb  hier: 

Altn.  björn,  abd.   bero,  ags.  bera. 

Unsieber  ist  Avobl  die  Anknüpfung  an  lat.  fera. 

Gütb.  faidio,  altn.  foa,  abd.  foba. 

Das  Wort  niaebt  den  Eindruek,  als  sei  es  auf  sonst  ungewöbn- 
licbem  Wege  aus  dem  Verbum  falian  eapcre  entsprungen. 

Altn.  ikorni,  abd.  oieborn,  ags.  äcwern. 

Hier  mulJ  ich  mich  aller  Erörterungen  über  das  viel  besprochene 
räthselbafte  Woi-t  entbalten;  mit  Grimm  Wbeb.  Entstellung  aus  axLOJ'Qog 
anzunebmen  vermag  ich  nicht;  lebrreich  ist,  was  Pictet  in  Kuhns  Ztscbr. 
VI;,   188  f.,  anknüpfend  an  eine  trübere  Deutung  von  mir,  erörtert. 

Altn.  bind  (eerva),  abd.  binta,  ags.  bind. 

Altn.  breinn  (cervus  tai'andus),  ags.  brau. 

Altn.  hvalr,  abd.  wal,   ags.  bväl. 

Ob  wirklich  mit  (fccXaiva  balaena   zu  verbinden? 

Altn.  selr  (phoea),  abd.   selab,   ags.  seolb. 

Nun  zu  den  Vögeln: 

Goth.  fugls,  altn.  fugl,  abd.  fogal,  ags.   fugol. 

Die  Anknüpfung  an  lat.  pullus  ist  wobl  abzulehnen,  die  Ver- 
wandtschaft mit  fliegen  höchst  dunkel  und  anziehend. 

Goth.  hanin  (Nom.  bana),  altn.  bani,  abd.  bano,   ags.  baua. 

Altn.  svala,  abd.  swalawa^  ags,  svaleve. 

Altn.  levirki,  abd.  leraha,  ags.  laverc. 

Ganz  ähnliche  linguistiscbe  Fragen  wie  Eichbom  unter  den 
Säugetbieren  erregt  Lerche  unter  den  Vögeln;  vgl.  aueli  bier  Pictet 
in  Kuhns  Ztscbr.  VI,   192. 

Altn.  haukr,  abd.  habub,  ags.  bafoc. 

Vgl.  ir.  seabhae,  welsch  hebog;  vielleicht  ist  das  deutscbe  Wort 
als  keltiscbes  Fremdwort  anzusehen. 

Altn.  düfa,  abd.  tüba,  ags.  düva  (alts.  düfa). 


418  E.  FÖRSTEMANN 

Unter   den   bisher  versuchten    exoterischen  Vergleichungen    habe 
ich  keine  gefunden,  die  mir  glaubwürdig  wäre. 

Altn.  heigri  (ardea),  ahd.  heigir  (ardea),  ags.  higre   (picus). 
Altn.  svanr,  ahd.  swan,  ags.  svan. 

Niedere  Thiere  : 
Altn.  linni  und  linnr  (serpens),  ahd.  lint. 

Altn.  nadr  (m.)  und  nadra  (f.),  ahd.  natra  (f.),  ags.  nädre  (f.). 
Lat.  natrix  ist  eine  vollständige  italische  Bildung. 
Altn.  ahd.  ags.  lüs. 
Der  Mensch: 
Altn.  halr  (vir),  ags.  häle. 
Altn.  karl  imas),  ahd.  charal,  ags.  ceorl. 
Altn.  vif,  ahd.  wib,  ags.  vif. 

Altn.  dis  (femina),  ahd.  itis  (selten),  ags.  ides  (alts.  idis). 
Altn.  dvergr,  ahd.  twerc,  ags.  dveorg. 
Goth.   bruths,  altn.  brudr,  ahd.  brut,  ags.  brid,  bryd. 
Goth.  frauja  (dominus),  altn.  Freyr,  ahd.  fro,  ags.  fred. 
Altn.  vinr  (amicus),  ahd.  wini,  ags.  vine. 
Altn.  gisl  (obses),  ahd.  gisal,  ags.  gisel. 

Altn.  sveinn  (servus,  ursprünglich  wohl  pucr),  ahd.  swein,  ags.  svän. 
Altn.  thraell  (servus),  ahd.  drigil  (zu  schließen  aus  Wolfdrigil). 
Goth,  sibja  (consanguinitas),  altn.  sif,  ahd.  sibbja,  sibba,  ags.  sibb. 
Goth.  hansa  (cohors),  ahd.  hansa,  ags.  hosu. 

Ob  altpreuss.  amsis  (populus)  damit  zu  vergleichen? 
Unter  den  Völkernamen  scheint  den  deutschen  Stämmen  der  der 
Gothen  (urdeutsch  Gutanas)  gemeinsam  gewesen  zu  sein  und  ur- 
sprünglich wohl  das  ganze  ungetheiltc  Volk  bezeichnet  zu  haben :  so 
erklärt  es  sich,  daß  er  sowol  im  Süden  als  an  der  Weichsel  als  in 
Skandinavien  bei  einzelnen  Stämmen  bestehen  blieb. 

Es  folgt   nun    der    thicrischc  Körper;  wegen    der  Anordnung 
vergleiche  mau  hier  wie  überall  stets  die  erste  Abhandlung: 
Altn.  lif  (vita),  ahd.  lib,  ags.   lif. 
Altn.  lior  (vita),  ahd.  ferah,  ags.  feorh. 
Altn.  vangi  (m.)^  ahd.   wanga  (n.),   ags.  vange  (n.). 
Altn.  gomr,  ahd.  goumo,  ags.   goma. 
Altn.  müli,  mhd.  mül,  müle. 
Altn.  nef  (rostrum,  nasus),  ags.  neb. 

Goth.  vairilö  (labiura),  altn.  vor,  ags.  veler  (altfries.  were). 
Altn.  hlyr  i^gena),  alts./hlear. 
Ahd.  dümo    pollex),  ags.  thuma:  altn,  thuniall,  thumalhngr. 


DER  URDEUTSCHE  SPRACHSCHATZ.  419 

Altn.  klo,  ahd.  klawa,  ags.  clavu. 

Altn.  thio  (femur),  ahd.  dioh,  ags.  theoL,  theo. 

Altn.  ökull,  ökli  (talus),  ahd.  anchal,  ags.  ancleov. 

Gotli.  laists  (vestigium ,    solea^  vgl.    ahd.  leisa),    altn.  leistr,  ahd. 
laist,  ags.  laeste,  last. 

Altn.  ahd.  ags.  spor  (vestigium). 

Altn.  hold  (cadaver,  caro,  cutis),  ags.  hold. 

Altn.   dünn  (msc,  nhd.  daune),  ahd.   colnduni. 

Altn.  mön  (juba),  ahd.  mana 

Altn.  toppr,  mild,  zopf,  altf'ries.  top. 

Altn.  bükr  (corpus)^  ahd.  buh  (venter),  ags.  büc 

Goth.  bruöts,  altn.  briost,  ahd.  brüst,  ags.  breost. 

Das  altsl.  prusi   ist  vielleicht  zu  vergleichen. 

Altn.  bak  (tergura) ,    ags.    bäc     Das    ahd.    baciiu    (gcua)   könnte 
trotz  der  veränderten  Bedeutung  dazu  gehören. 

Altn.  limr  (artus),  ags.  lim,   leom. 

Goth.  lithus  (artus),  altn.  lidr,  ahd.  lid,  ags.  lidu. 

Der  Vergleichung  des  Wortes  mit  dem   lat,  arlus,    die  man  ver- 
sucht hat,  wage  ich  nicht  beizustimmen.  • 

Golh.   tagl  (crinis),  altn.  tagl,  ahd.  zagal,  ags.   tägel. 

Altn.  barmr  (gremium),  ahd.  baram,  ags.  bearra. 

Altn.  tharmr,  ahd.  daram,  ags.   tliearm. 

Ahn.  bein,  ahd.  bein,  ags.  bän  (alts.  ben). 

Altn.  aedr,  ahd.  ädara,  ags.  aedra. 

Die  bisher   aufgestellten   exoterischen  Vergleichungen  wollen  mir 
noch  nicht  einleuchten. 

Altn.  milti,  ahd.  milzi,  ags.  milte. 

Altn.  magi,  ahd.  raago,  ags.  maga. 

Altn.  lünga,  ahd.  lunga,  ags.  plur.  taut,  lungen. 

Goth.  huhrus  (m ),  altn.  hüngr  (n.),   ahd.  liungar  (m  ),  ags.  hun- 
gur  ym.). 

Altn.  kvöl,  ahd.  quala,  ags.  cvalu. 

Altn.  sar  (dolor,  vulnus),  ahd.  ser,  ags.   sär. 

Altn.  und,  ahd    wunta,  ags.  vund. 

Altn.  ben  (vulnus),  ags.  benn. 

Pflanzen;  zuerst  Allgeraeines: 

Goth.  fraiv  (semen),  altn.  friof,  frio.  * 

Ahn.  blad,  ahd.  blat,  ags.   bläd. 

Goth.  ahs,  altn.  ax,  ahd.  ahir,  ags.  ear  (Ähre). 

Altn.,  ahd.,  ags.  hris. 


420  E.  FÖRSTEMANN 

Goth.  tains  (ramns),  altn.  teinn,  ahd.  zein,  ags.  tau. 
Altn.  stofn,  alid.  starU;,  ags.  stemm. 
Vgl.  altsl.  stiblo  (»Stengel,  Stamm),  Miklosich. 
Altn.  vit1r  (arbor,  lignum),  ahd.  witu,  ags.  vudu. 
Goth.  basi,  altn.  ber,  ahd.  beri,  ags.  berie. 

Bopp  Gramm.  III,  o4o  möchte  das  Wort  zu  skr.  bhaksjan  Speise 
fzu  essendes)  setzen. 

Einzelne  Pflanzen: 
Altn.  hafri,  ahd.  habaro,  alts.  havoro. 
Goth.,  altn.,  ahd.  gras,  ags.  gras,  gärs. 
Goth,  rans,  altn.  reyr,  reyrr,  hraer,  ahd.  ror. 
Island,  thistill,  ahd.  distil,  ags.  thistel. 

Minerale. 
Goth.  hallus  (lapis),  altn.  hallr. 

Das  fem.  halla  ist  nur  verwandt,  nicht  dasselbe  Wort;  Miklosich 
vergleicht  altsl.  skala  lapis. 

Sclnved.  kisel,  ahd.  chisil,  ags.    ceosel. 

Altn.  klif  und  klcif  (rupes,  chvus),  ahd.  clep,  ags.  clif,  cliof . 
Altn.  gier  (vitrum),  ahd.  glas,  ags.  glaes  (urdeutsch  glesum). 
Altn.  stäl,  ahd.  stahal,  ags.  steh 

Nähr  u  n  g. 
Goth.  mats  (cibus),  altn.  matr,  ahd.  maz,  ags.  mete. 
Altn.  födr,  ahd.  fotar,  ags.  fodur. 

Goth.  smairthr  [jttotrjs),  altn.  smiör,  ahd.  sracro,  ags.  smeru. 
Altn.  spik,  ahd.  spec,  ags.  spie. 
Altn.  hunaug,  ahd.  honang,  ags.  hunig. 
Goth.  leithus  (Obstwein),  altn.  lid,  ahd.  lidu,  ags.  Itd. 
Lit.   lytus    Regen    und  zcnd.  raetu  Flüssigkeit  liegen   begrifflich 
doch  zu  fern. 

Altn.  sumbl  (conviviuni),  alts.  sumbl,  ags.   symbel. 

Kleidung. 
Altn.    smokkr    (vestis   pectoralis,    indusium  etc.),    ahd.    sraoccho, 
ags.  smoc. 

Altn.  väd,  vod,  ahd.  wät,  ags.  vaed. 

Altn.  klaedi,  mhd.  kleit,  ags.  clad,  fries.    kläth  (noch  nicht  nach- 
gewiesen im  Goth.,  Ahd.,  Alts.). 

Lit.  kleida,  lett.  IcTeite  nach  Grimm  Wbch.  entlehnt. 
Altn.  hosa,  ahd.  hosa,  ags.  hosa. 
Möglicherweise  :=  lat.  casa;  s.  Germania  IV,   168. 
Altn.  hüfa,  ahd.  hüba,  ags.  hüfe. 


DER  UKDEÜTSrHE  SPRACHSCHATZ.  421 

Die  Verglcichung   mit  skr.    kakublia,    gr.    xv(pr]    u.  s.  w.  ist    mir 
noch  nicht  sicher  genug. 

Gotli.  skohs,  altn.  skör,  ahd.  scuoli,  ags.  sco. 

Altn.  flukr,  ahd.  tuoh,  alts.  dok. 

Zu  skr.  dhvaga  Fahne?  Fick. 

Altn.  nKittull;,  ahd.  mantah 

Aus  \i\t.  mantele,   manteluiny  vgL  Germania  IV,    1H4. 

Altn.  lindi  (m.,  balteus.  zoua),  ags.  Hndc  (n.?),  ijid.  DiaL  hnt  (f.). 

Altn.  vöttr  (Handschuh),  ahd.  want  (franz.  gant). 

Altn.  posi,  ahd.  phoso,  ags.  posa  Beutel. 
W  o  h  n  u  n  g. 

Güth.  razn  (domus),  altn.  rann  (donnis),  ags.  räsn  (asser,  laquear). 

Altn.  inni,  ags.  inne  domus. 

Altn.  hörgar  (arac),  ahd.  haruc,  ags.  hearg. 

Altn.  höll  (domus),  ahd.  halla,  ags.  heal. 

Ist  skr.  cäla  (Haus,  Halle)  zu  vergleichen? 

Altn.  salr,  ahd.  sal,  ags.  sal. 

Goth.  ubizva  (Halle)  altn.  ups,  uss,  ahd.  obisa,  opasa,  ags.  efese. 

Altn.  i,iald,  ahd.  zeit,  ags.  teld. 

Altn.  hlid  (ostium,  operculuni),  ahd.  hlil,  lit,  ags    hlid. 

Goth.  haurds  (fores),  altn.  hurd,  ahd.  hurt. 

Altn.  balkr,  ahd.  balcho,  alts.  balco, 

Altn.   svalir  (plur.,   Gebidk),  ahd.   swelli   Schwelle. 

Vielleicht  =  lat.  solum;  s'.  Kuhns  Ztschr.  XVIII,  262. 

Altn.  süla,  ahd.  siili,  ags.    syl. 

Altn.  flet  (cidnle,  area,  casa),  ahd.  tlezzi,  ags.  flett. 
Feuer,  Licht,  War  nie. 

Altn.  eldr  (ignis)  oder  ildi,  ags.  aeled. 

Altn.  kul  [n.],  ahd.  kol,  kolo  (ni.,   und  n.?j,  ags.  col. 

Wegen  des  skr.    gvara  (Gluth)  und   des   griech.    ygvvog  (Brand) 
das  Wort  in   die  erste  Schicht  zu  versetzen  wage  ich  noch  nicht. 

Altn,  einmyrja  (cinis,  ignis),  ahd.  eimurra,  ags.  arayrie. 
LuH. 

Goth.  luftus  (m.),  altn.  Io])l  (n.),  ahd.  luft  (f.  und  n.),  ags.   lyft  [f.). 
W  a  s  s  e  r. 

Altn.  haf,  mhd.  hap,  habe,  ags.  h(-af  aequor. 

Goth.   sküra  (iinbcr),  altn.  skur,  nhd.    schauer,  ags.  scür. 

Altn.  hagl  (n.),   ahd.  hagal,  ags.  hagal. 

Altn.  iss  (m.),  ahd.  is  (n.),  ags.  is  (n.). 

Es  mag  mit  Fick  an  das  zend.  ici,  huzvar.  jah  erinnert  werden. 


422  E.  FÖRSTEMANN 

Altn.  bekkr,  ahd.  bach,  ags.  becc. 

Mit  Grimms  Wbch.  an  griech.  jcyjyr}  zu  denken  ist  höchst  gewagt. 

Goth.  brunnan,   altn.  brunnr,  ahd.   brunno,  ags.  burna. 

Gricch.  <pQsuQ  und  lat.  funs  herbeizuziehen  (Kuhn  Ztsch.  XII,  417) 
ist  bedenklich. 

Altn.  sik,  ahd.  gisik,  ags.  sie  palus  fossa. 

Goth.  fani,  altn.  fen,  ahd.  fenna,   ags    faenn  palus,  mare. 

Altn.  elfr,  urdeutsch  Albis,  ags.  elf. 

Goth.  saivs^  altn.  saer,  sjor,  ahd.  seo,  ags.  sac. 

Altn.  laug,  ahd.  lauga. 

Ist  eine  Ableitung    von  dem   altn.   Verbum  loa  (s.  erste  Abhand- 
lung) zu  denken? 
Land. 

Altn.   veidi,  ahd.  weida.  ags.   väde. 

(ioth.  haithi,  altn.  heidi,  ahd.  heidi,  ags.   haed. 

Goth.  vinja  (Weide),  ahd.  winni. 

Goth.  vaggs  (campus),  altn.  vängr,  vengi,  ahd.  wanc,  ags.  vong. 

Goth.  stubjus  (pulvis),  ahd.  stubbi,  stuppi. 

Altn.  strönd,  rahd.  strant,  ags.  Strand. 

Goth.  malhl  (Versammlungsorl,  ^larkt j,  ahd.  I\Iadal-  in  Personen- 
namen, ags.  mädel  sermo. 

Altn.   skogr,  ahd.  scah  i^silva). 

Isl.  dammr,  rahd.  tarn,  engl,  dam  agger. 
Himmel  und  Zeit. 

Goth.  himins,  altn.  himinn,  ahd.  himil,  alts.  himil. 

Altn.  hihnn,  ags.  heofun,  heofou,  hiofon,  alts.  heTian,  heban,  hevan. 

Altn.  tüngl,  ahd.  zungal,  alts.  tungal  sidus. 

Goth.  guth,  altn.  gud,  god^  ahd.  got,  ags.  god. 

Eine  Etymologie  des  schwierigen  Wortes  wird  versucht  m  Kuhns 
Ztschr.  VII,  16. 

Anses  bei  Jörn.,  altn.  Aesir  ( Sing.  AssV 

Goth.  *airman  (Airmanareiks  u.  s.  w.),  altn.  iormun,  ahd.  irraiu 
ags.   eormen. 

Eine  Anknüpfung  an  skr.  arjaraan  u.  s.  w.  (eigentlich  Genossen- 
schaft) wird  versucht  in  der  Kieler  Monatsschrift  1854,  S.  788  ff., 
während  Fiek  das  Wort  mit  lat.  armeatuin,  altn.  jormuni  (Pferd,  Rind) 
in  Verbindung  bringt. 

Altn.  timi  (tempus),  ags.  tima. 

Altn.  tid,  ahd.  zit,  ags.  tid. 

Altn.  frest^  ahd.  frist,  ags.  first  (tempus,  mora). 


DER  ÜRDEUTSCHE  SPRACHSCHATZ.  423 

Vgl.  das  altsl.  prestati  (Präs.  pro-stanu)  aufhören. 

Gotli.  mel  (tempus),  altn.   )näl,  ahd.  niäl,   ags.  macl. 

(loth,  hveila  (altn.  hvila  lectiis),  ahd.   hwila,  ags.  hvii. 

Wohl  weiß  ich  von  den  Versuchen  exoterischer  Vergleichungen, 
doch  bewegt  mich  keine  das  Wort  schon  in  eine  ältere  Gruppe  zu 
bringen. 

Goth.  dags,  altn.  dagr,  ahd.  tac,  ags.  däg. 

Goth.  maurgius,  altn.  morgin,  ahd.  luorgan,  ags.  morgen. 

Goth.  uhtvo  (diluculum),  altn.  otta,  ahd.  uohta,  ags.  uhte. 

Goth.  dulths  (Fest),  ahd.  dult. 

Ahd.  herbist,  ags.  hearfest;  Grimm  Gramm.  II,  368  will  damit 
auch  das  altn.  haust  (n.)  vereinen. 

Mit  griech.  xaQjtos  und  skr.  W.  srap  wird  das  Wort  zusammen- 
gestellt in  Kulms  Ztschr.  XVIII,  211. 

Altn.  muspell,  ahd.  muspilli,  alts.  mudspelli,  mutspelli. 
Waffen. 

Goth.  vepn,  altn.  vapn,  ahd.  wäfan,  ags.   vaepen. 

Goth.  skildus,  altn.   skialdr,  skiöldr,  ahd.   seilt,  ags.  scild. 

Vgl.  lit.  skyda  (scutum). 

Altn.  fleinn  (telum,   sagitta),   ags.  tlan. 

Altn.  sverd,  ahd.  swert,  ags.  sveord.  ^ 

Altn.  spiot,  ahd.  spioz,   ags.   spitu. 

Altn.  hialt  (n.),  ahd.  helza  (f.),  ags.   hilt  (m.)  capulus  gladii. 
Werkzeuge. 

Altn.  fiöturr  (vinculum),  ahd.  fczzara,  ags.  fetor. 

Vgl.  fezzil  in  der  ersten  Abhandlung. 

Altn.  aungull  (hamus),  ahd.  angul,  ags.  angel. 

Altn.  toung,  töng,  ahd.  zanga,  ags.  tange. 

Altn.  kntfr  (culter),  ags.  cnif 

Altn.  sleif  (cochlear),  dän.  slev,  plattd.  siel. 

Altn.  fat,  ahd.  vaz,  ags.   fät. 

Altn.  hverr  (Kessel),  ahd.  huer,  ags.  hver.  " 

Altn.  möskvi  (Masche,  Netz),  ahd.  masca.  • 

Goth.  nati,  altu.  net,  ahd.  nezi,  ags.  nete. 

Altn.  kjölr  (Kiel),  ahd.  kiol,  ags.   ceol. 

Altn.  kuggi  (uavis),  ahd.  kocho. 

Altn.  knörr  (navis),  ahd.  chnar,  ags.  cnear. 

Altn.  masir,  ahd.  mast,  ags.  mäst. 

Altn.  thofta  (transtrum,  Ruderbank),  ahd.  dofta,  ags.  thofte. 

Goth.  biuds  (^meusa),  altn.   bjöd,  ahd.  biut,  ags.  beod. 


424  E.  FÖESTEMANN 

Goth.  badi  (lectus),  altti.  bedr,  ahd.  betti,  ags.  bed. 

Altn.  bekkr,  ahd.  bauch,  ags.  benc. 

Altn.  kumbl  (signimi  militare),  ahd.  kunipal,  ags.  cumbol. 

Altn.  kerti  (n.),  ahd.  karza,  kerzc  (f.),  nhd.  Kerze. 

Altn.  klukka  (canipana),  ahd.  glokka,  ags.   elucge. 

Altn.  liarpa,  abd.  harfa,  ags.  hearpe. 

Goth.  galga  (patibiilum),  altn.  galgi,  ahd.  galgo,  ags.  galga. 

Altn.  spori,  ahd.  sporo,  ags.  spura,  spora. 

Altn.  kambr,  ahd.  cliamp,  ags.  camb. 
Besitz,  Gewinn,  Verlust. 

Altn.  adal  (nobilitas),  ahd.  adal,  ags.  adeln. 

Goth.  *aud  (opes,  facultas),  altn.  audr,  ahd.  öt,  ags.  eäd. 

Goth.  huzd  (n.)j  altn.  hodd  (f.,  aurum),  ahd.  hört  (n.),  ags.  hord  (m.) 

Gotli.  vadi  (Wette),  altn.  ved,  ahd.  wetti,  ags.  vcdd. 

Goth.  laun,  altn.  laun,  ahd.  Ion,  ags.  lean. 

Goth.  maithms  (donura),  altn.  mcidni,  (nihd.  nieidcm  equus),  ags. 
madm. 

Vgl.  über  das  Wort  besonders  j\Iüller-Zarncke  Wörterbuch. 

Goth.  skathis  (n.),   altn.   skadi.  ahd.  scado,  ags.  scadi. 

Auf   die  Untersuchung j    ob    das  W^ort    nicht   zunächst    eine    per- 
sönliche Bedeutung   gehabt  habe,    sowie    auf  die  in  diesem  Falle   sich 
darbietende  Verwandtschaft  gehe  ich  hier  nicht  ein. 
Form,  Ort. 

Altn,  rönd  (i\),  ahd.  rant  (m.),  ags.  raud,  rond  (m.). 

Altn.  sida  (latus),  ahd.  sita,  ags.   side. 

Altn.  spor  (n.,  Spur),  ahd.  spor  (n.),  ags.  spor  (n.). 

Goth.  haidus  (m.,  zQoitog)^  altn.  heidr  (m. ,  honor);,  ahd.  heit 
(m.  u.  f.,  sexus,  ordo,  ])ersona),  ags.  had  (m  ,  persona,  sexus).  Wenn 
wir  die  älteste  Bedeutung  des  Ausdrucks  sicher  kannten,  so  wäre  er 
vielleicht  an  einer  andern  Stelle  einzuordnen. 

Altn.  oddr  (locus,  acumen);  ahd.  ort,  ags.   ord. 

Goth.  rums  (m.),  altn.  rum  (n.),  ahd.  rinn,  rüini  (m.  u.  f.),  ags   rum. 

Lit.  ruimas  u.  s.  w.  wol  entlehnt. 
Ruhe,  Bewegung. 

Altn.  rö,  ahd.  rnowa  (ags.  mu'  das  Adj.  röv  suavis,  liberalis). 

Goth.   sinth  (iter),  altn.   sinn  und  sinni,  ahd.   sind,  ags.   sid. 
V  e  r  }n  i  s  c  h  t  e  G  c  g  e  n  s  t  ä  n  d  e. 

Altn.  bryggja,  ahd.  brucca,  ags.  bricg,  brigge. 

Altn.  flekkr  (macula),  ahd.  fleccho. 

Altn.,  ahd.,  ags.  lim  gluteu. 


DER  URDETTTSCHE  SPRACHSCHATZ.  425 

That  uud  Kraft. 

Goth.  aljan  (robus),  altn.  eljan,  ahd.  ellan,  ags.  ellan. 

AJtii    tlirekr  (robur),  ags.  thräc  (alts.  thrak,  threki). 

Altn.  magn,  megin,  ahd.  niag-an,  ags.  mägeii. 

Altn.  gunnr  und  gudr  (bellum),  ahd.  guut,  ags.  gud. 

Die  Gleichstellung  mit  skr.  hatja  oder  mit  lit.  ginczas  möchte 
ich  noch  als  unsicher  bezeichnen. 

Altn.  böd  (pugna),  ahd.  *badn,  ags.  beado. 

Altn.  vig,  vigi  (pugua),  ahd.  wig,  ags.  vih,  vig  (goth.  vaihjo, 
vigans). 

Goth.  sigis  (n.),  altn.  sigr  (m.),  ahd.  sign  (ni.),  ags.  sige  (m.). 

Ob  zu  skr.  sahas  Gewalt?  oder  zu  ahd.  sign  sinke? 

Sprache.  '  ' 

Altn.  tal  (n.)  und  tala  (f.  sermo,  numerus),  ahd.  zala,  ags.  talu  ff.). 

Goth.  razda  (sermo),  altn.  Wkld,  ahd.  rarta,  ags.  reort. 

Goth.   spill   (v<'rl)um,  narratio),  altn.  spiall,  ahd.  spei,  ags.  spell. 

Goth.  aiths,  altn.  eidr,  ahd.  eit,  ags.  ad. 

Altn.  li(kt,  ahd.  liod,  ags.    liod. 

Altn.  galdr  (m.,  cantus),  ags.  galdor  (n.,  sonitus),  ahd.  nicht  ganz 
identisch  galstar  (n.,   incantatio). 

Goth.  hliutli  (silentium),  altn.  hliud. 
Geist. 

Goth.  hugs  (animus),  altn.  hugr,  ahd.  hugu,  hugi,  ahd.  hyge. 

Da  hievon  erst  das  Verbum  hugja  gebildet  ist,  so  mag  die  Über- 
einstimmung mit  lat.  cogito  (s.  erste  Abhandlung)  doch  vielleicht  nur 
eine  zufällige  sein. 

Goth.  lustus  (cupiditas),  altn.  lyst,  ahd.  lust,  ags.  lust,  lyst. 

Altn.  und  (f.,  Spiritus,  animus,  zelus),  ahd.  anado  (m.),  ags.  auda, 
ondn  (m.). 

Goth.  ragin  (eonsilium),  altn.  regin  (N.  PI,  numina),  ahd.  Regin-, 
alts.  regin-. 

Altn.  koss  (oscidum),  ahd.  kus,  ags.  coss. 

Altn.  gaman  (jocus),  ahd.  gaman,  ags.  gamen. 

Altn.  spil   (ludus),   ahd.  spil. 

Altn.  rom  (gloria),  ahd.  hrOm,  ags.  hreäm  (alts.  hrom)  von  der 
skr.  Wurzel   cru. 

Altn.  aera  (honor),  ahd.  era,  ags.  ar,  are. 

Nicht  ganz  sicher  wird  das  Wort  mit  skr.  e.sä  Wunsch  und  griecb- 
cxlöa  verbunden. 


426  E.  FÖRSTEMANN 

Groth.  *hroths  (laus,  gloria,  Adj.  hrotheigs),  altn.  hrodr,  ahd.  Hrot-, 
ags.  lii'üd.     Zur  Wurzel  9ru. 

Goth.  vens  (Wahn),  altn.  van,  ahd.  wän,  ags.  ven. 

Vgl.  lat.  Venus  Kuhns  Ztschr.  XVIII,  307. 

Altn.  undr  (miraculuni),  ahd.  Avuntar,  ags.  vundor. 

Goth.  runa  (raysterium,  litera),  altn.   run,  ahd.  rCiua,  ags.  rün. 

Goth.  *balv  (malum),  altn.  böl,  ahd.  balw  (Nora,  balo),  ags.  bealeve. 

Altn.  mein  (noxa,  pei'uieies),  ahd.  mein,  ags.  man. 

Goth.   saurga  (cura),  altn.  sorg,  ahd.  sorga,  ags.  sorg. 

Vgl.  altsl.  strega  (observare  etc);  s.  Miklosich. 

Goth.  kara  (cura),  ahd.  chara,  ags.  cearu. 

Altn.  spott  (ludibrium),  ahd.  spot. 

Ahd.    scama  (pudor),    ags.    scamu    (goth.  Verbum    scaman,    altn. 
skammaz);  vgl.  auch  das  Adj.  scam  parvus. 

Goth.  neith  (invidia),  ahd.  nid,  ags.  nu1. 

Goth.  faii-ina  ((jrimen),  altn.  firin(-vork),  ahd.   tiriua,  ags.  firen. 
AD.JKCTIVA.    Raum  und  M.-nge. 

Altn.    kleii    (teuer,    gracilis),    ahd.    khuni    (gracilis),    ags.    claene 
(mundus,  castus). 

Goth.  braids,  altn.   breidr,  ahd.  breit,  ags.   brad. 

Altn.  snjar.  ahd.  smah  parvus. 

Die  Gleichheit  mit  griech.  öaixoo^  ist  mir  zweiielhaft. 

Goth.  hauhs,  altn.  harr,  ahd.  höh,  ags.  heäh. 

Ahd.  her  (altus,  excelsus);  das  Vorhandensein  im  Goth.  und  Ags. 
wird  durch  die  Verba  hazjan  und  herjan   bewiesen. 

Goth.  leitils  (parvus),  altn.  litill,  ahd.  luzil,   ags.  lytel,  litel. 

Goth.  nehv  (Adv.),  altn.  näinn  (Adj.),  ahd    nah,  ags.  neah. 

Altn.  vidr  (amplus),  ahd.  wit,  ags.  vid. 

Goth.  thvairhs,  ahd.  duerah,  ags.  thveoi-. 

Altn.  vinstri    (sinistra),  ahd.   winistra  (alts.  ebenso),    ags.    vinstra 
(fries.  winistere). 

Setzen  vinstri    und    lat.    sinister    ein    gemeinsames   svin-    voraus? 
Der  Abfall  des  Anlauts  im  Deutschen  Aväre  auffallend. 

Goth.  halbs  (dimidius),  altn.  hälfr,  hälbr^  ahd.  halb,  ags.  half,  healf. 

Ist  hier  kein   verwandtes  Wort  zu  Hnden,    so   muß    noch  ein  ur- 
deutsches /?«  im  Sinne  von  eins  bestanden  haben. 

Altn.  skarpr,  ahd.  scarf,  ags.  scearp. 

Altn.  slettr,  ahd.  sieht. 

Licht,  Farbe,  Wärme,  SchalL 

Altn.  heitr,  ahd.  haiz,  ags.  hat 


DER  URDEUTSCHE  SPRACHSCHATZ.  427 

Altn.  hlaer  (tepidus),  alid.  lawer. 

Goth.  bairhts,  altn.  biartr,  ahd.  beraht,  ags    beorht. 
Zeit,  Alter. 

Altn.  gamall  (vetus),  ahd.  Gamal-  in  Eigennamen,  ags.  ganiol. 

Goth.  spedists,  ahd.  späti  serus. 

Gefühl,  Geschmack,  Geruch. 

Goth.  hardus,  altn.  hardr,  hörd,  ahd.  hart,  ags.  heard. 

Vgl.  altsl.  credu  firmus,  cvrustu  solidus. 

Altn.   svarr,  ahd.  swäri,  ags.  svaer  gravis;  dagegen  hat  das  goth. 
svers  eine   abgeleitete,  jüngere  Bedeutung   angenommen  =  honoratus. 

Altn.  fostr,  ahd.  tasti,  ags.  fast. 

Daß  das  Wort  gleich  dem  lat.  positus  sei  (Kuhns  Ztschr    XI,   184), 
ist  mir  nicht  glaubhaft. 
Stoff,  Form 

Goth.  fuls,  altn.  füll,  ahd.  fül,  ags.  fül. 

Gleich  dem  lat.  Stamme  put  -\    SufF.  -1?  -        - 

Ahd.  drubi  (trübe),  ags.  drof,    für  das  Goth.   durch  das  Verbum 
drobjan  bewiesen. 

Goth.  ibns  (aequus),  altn.  iafn.  ahd.   eban,  ags.  efen. 

Ahd.  naz  (madidus),  im  Goth.  aus  natjan  u.  s.  w.  zu  erschließen. 
Bewegung,  Kraft,  Leben. 

Altn.  hradr,  radr  (celer),  ahd.  hradi,  ags.  hräd. 

Altn.  sniallr,  ahd.  snel,  ags.  snell. 

Ahd.  stilli,  ags.  stille,  im  Altn.  durch  das  Verbum  stilla  erwiesen. 

Altn.  sterkr,  ahd.  starah,  ags.  stearc. 

Altn.  strangr,  ahd.  strangi,  ags.  sträng,  strong. 

Vgl.  das  lat.  Verbum  stringo. 

Goth.  balths  (audax),  altn.  ballr,   ahd.,  ags.  bald. 

Goth.  lasivs  (iufirmus),   dazu  Compar.  altn.  les,  ags.  lässa  minor; 
vgl.  Diefenbach  goth.  Wbch. 

Goth.  arms,  altn.  armr,  ahd.  aram,  ags.  earm.  ■    >. 

Altn.  krank,   ahd.  krank. 

Goth.  siuks,  altn.  siükr ,  ahd    siuh ,  ags.  si6c,  se6k,   s^c  (siukan 
ist  im  Goth.  stark). 

Altn.  lamr,  ahd.  lam,  ags.  lam. 

Goth,  daubs,  altn.   daufr,  ahd.  taub,  ags.  deaf 

Goth,  blinds,  altn.  bliudr,  ahd.  blint,  ags.  blind. 
Geist. 

Goth.  batiza,  altn.  betri,  ahd,  beziro,  ags    betera, 

Goth,  veihs  (altn.  ve  numen),  ahd.  wih  (ags.  vih  idolum) 


428  1^-  FÖRSTEMANN 

(loth.  ubils,  ahn.   illr,   alid.  ubil,  ags.  yfel,  eofel. 

(Toth.   v^iirsiza,  altu.   vei'ri,   alid.  wirsiro,   ags.  vyrsa, 

Altn.  argr  und  ragr,  ahd.   arac,  arc,  ags.  earg. 

Altu.  hyri"  (comis),  ahd.  hiuri. 

Ahn.  sattr  (concors).  ahd.  sanfti,  ags.  softe. 

Ahn.  dyrr  (carus),  ahd.  tiuri,  ags.   deor. 

Ahn.  gramr,  ahd.   gram,  ags.  gram. 

Ahn.  grimmr,  ahd.  grhiimi,  ags.  grimm. 

Ahn.  ghidr  (splendens,  mitis,  hxetus),  ahd.  glat,  ags.  gläd. 

Ahn.  fegmu  (Laetus),  ahd.  fagin,  ags.  faegen;  goth.  davon  faginön. 

Ahn.  tehr  (hietus),  ahd.  zeiz. 

Ahn.  fagr  (pulcher),  ahd.  fagar,  ags.  faegr. 

(jroth.  skauni  (pulcherj,  scliwed.  skön,  ahd.  sconi,  ags.  soeone. 

Die  Anknüpfung   an    skr.    sjona   ist  zweifehiaft;  vieheicht  ist  das 
"S^'ort  abgeleitet  von  skavja  video   (s.  erste  Abliandlnng). 

Goth.  (faihu-)frik  (avarus),    ahn.  frekr,    ahd.    freh,  ags.  fraee,  free. 

Ahn.  klökr,  ndid.  khioe,  nnl.  kloek. 

j\Iit  Wackernagel  des  griech.  yXvxi'g  herbeizuziehen,  lehne  ich  ab. 

Goth.  snutrs  (sapiens),  altn.  suotr,  ahd.  .»^notar,  ag.s.  suotor. 
Übrige  Adjectiva. 

Goth.  raids  (bestimmt),  ahd.  reiti,  ags.   raede. 

Goth.  auths,  altn.  audr,  ahd.  odi,  ags.  eiid. 
Mit  lat.  otium  zu  verbinden? 

Goth.  tils  (passend),    ags.   til.  Vgl.   ahn.  die  Präpos.  til,  ahd.  das 
Verbum  zilen  niti. 

Goth.  ganohs  (satis),  altn.  gnOgr,  ahd.  ganog,  ags.  genoh. 

Altn.  görr  (paratus,  Adv.  görva),  ahd.  garo  (Thema  garaw),  ags. 
gearu  (Thema  gearv). 
PRONOMINA. 

Goth.  unsar,  altn.  vor,  ahd.  unsar,  ags.  user. 

Goth.  izvar,   altn.  ydliar,  ahd.  iwar.  ags.  eöver. 

Bopp  versucht  vergl.  Gramui.  il,  227    unsar    und    izvar  mit  skr. 
asmadija,  jusmadija  zu  vereinen,  wohl  nicht  mit  Recht. 

Goth.  sums,  altn.  sumr,  ahd.  sumer,  ags.  sum. 

VERBA.   Essen  und  trinken  (incl.  der  Causativa). 

Goth.  niutan  (frui,    adipisci),  altn.    niota,  nyta,  ahd.  niuzan,  ags. 
neötan. 

Die  Verbindung   mit  skr.    nandarai  (gaudeo)  und  griech.  ovivrnn, 
ist  sehr  unsicher. 

Goth.  snarpjan  (rodere),  ahd.  snerfan  (contrahere). 


DER  URDEUTSCHE  SPRACHSCHATZ.  429 

G-oth.  slindan  (deglutire),  ahd.  sliudau. 

Goth.  födjan  (nutrire),  altn.  faeda,  ahd.  fötjau,  ags.  fedan. 

Altn.  süpa,  ahd,  süfan. 

Goth.  driggkan,  altn.  drecka,  ahd.  triuchan,  ags.  alts.  drincan. 

Am  nächsten  stellt  lit.  trenkn.  trinku,  wasche,  bade. 

Stimme,  Sinne,  vermischte  Körperfuuctionen. 
Goth.  sviglon  (pfeifen),  ahd.  suegalon. 

Goth,  mundon  (intueri),  ahd.  mundon,  ags.  mundjan.  •-  ''^ 
Altn.  gapa  (pandi,  hiare),  ahd.  kaphen,  ags.  geapan.  <■"  * 
Altn.  hniosa  (sternutare),  ahd.  niusjau,  ags.  neosan.  ;;''-' 
Goth.  nisan  (genesen),  ahd.  ganesan,  ags.  genesan,     '  '• 

Goth.  slepan  (dorraire),  ahd.  släfan,  ags.  slaepan.  i-.vi." 

Goth.  sviltan  (mori),  altn.  svelta,  ags.  sveltan.  •' 

Goth.  divan  (mori),  altn.  deyja,  ahd.  towjan,  alts.  dojan.    -' 

Nehmen,  geben,  fassen,  halten. 
Altn.  hliota  (sortiri,  adipisci),  ahd.  hliozan,  ags.  hleötan. 
Goth.  blotan  (dare,  sacrificare),  altn.  blota,  ahd.  blozan,  ags.  blotan. 
Goth.  saljan  (dare,  sacrificare),  altn.  selja,  ahd.  saljau,  ags.  sellan. 
Goth.  hinthan  (capere),  altn.  lienda, 

Goth.  haldan  (tenere),  altn.  halda,  ahd.  haltan,  ags.  healdan.     '  * 
Goth.  finthan  (inveuire),  altn.  fiuna,  ahd.,  ags.  findan.        ••        "' ' 
Die  Zusammenstellung  mit  skr.    patami    (falle,  fliege),  gr.  niTtta, 
lat.  peto  ist  mir  noch  nicht  sicher. 

Decke n,  schützen.  '-*■ 

Goth.  freidjan  (parcere),  altn.  frida^  ahd.  fridon,  ags.  fridjan. 
Altn.  haga  (hegen),  ahd.  hagjan,  ags.  hagjau. 
Goth.  filhan  (condere,  servare),  altn.  fela,  ahd,  felhan,  alts,  fellian. 
Man  hat  das  Wort  einerseits  gewiß  unrichtig  mit  cpvldoGco,  ander- 
seits wenig  wahrscheinlich  mit  sepelio  verbunden. 

Werfen,  schlagen,  ziehen,  biegen.         •-  -'^  .(!  lA 
Goth.  vinthjan  (worfeln),  ags.  vindvjau. 
Goth,  thinsan  (trahere),  ahd.   diusan. 

Goth.  dreiban  (impellere),  altn.  drifa,  ahd.  triban,  ags.  drifan. 
Goth.  raupjan  (raufen),  altn.  raufa,  ahd.  raufjan,  ags.  reäfjan. 
Goth.  gairdan  (cingere),  altn,  girda,  ags,  gyrdan,  (ahd.  gurtjan). 

Verbinden,  trennen. 
Goth.  lükan  (claudo),  altn.  liüka,  ahd.  lühhan,  ags.  lücan. 
Goth.  hahan  (pendere),  ahd.  hähan,  ags.  hun. 
Die   bisher    aufgestellten    exoterischen  Vergleichmigen    erwecken 
noch  wenig  Vertrauen. 

GERMANIA.  Neue  Reihe  IV.  (XVI.)  Jahrg.  29 


430  E.  FÖRSTEMANN 

Goth.  maitan  (scindere),  altn.  meita,  ahd.  meizan. 

Altn.  bresta  (frangere)^  ahd.  bi'estan,  ags.  berstan. 

Altu.  bryta  (frangere),  ags.   breotan. 

Groth.  qvistjan  (verderben),  ahd.  quistjan. 
Ackerbau,  Technologie. 

Goth.  viuuan  (der  ursprüngliche  Sinn  ist  wohl  der  von  laborare), 
altn.  vinna,  ahd.  winnan,  ags.  vinnan. 

Altn.  sioda,  ahd.  siodan,  ags.  seodan. 

Goth.  supon  (condire),  ahd.  sofon. 

Goth.  svairban  (tergere),  altn.  sverfa,  ahd.  swerban,  alts.  swerban. 

Altn.  vaska,  ahd.  wascan,  ags.  vascan. 

Goth.  spinnan,  altn.  spinna,  ahd.  spinnan,  ags.  spinnan. 

Goth.  smithon,  altn.  smida,  ahd.  smidon,  ags.  smidjan. 

Goth.  meljan  (scribere),  altn.  mala,  ahd.  mälon,  malen. 

Altn.  rita  (scribo),  ahd.  rizan,  ags.  vritan. 
Licht,  Wärme,  Schall. 

Goth.  brinnan  (ardere),  altn.  brenna,  ahd.  brinnan,  ags.  birnan. 

Sollte  nicht  brinnan  aus  briknan  entstanden  und  eine  der  be- 
kannten mit  dem  Suffix  -n  gebildeten  Passivformationen  sein,  so  daß 
es  zu  dem  z.  B.  im  Mhd.  als  brehen  bekannten  Verbum  gehört  und 
eigentlich  bedeutet   angesteckt  werden? 

Altn.  glita  (spien dere),  ahd.  glizan,  ags.  glitan. 

Altn.  gloa  (candere),  ahd.  glojan,  ags.  glovan  (alle  drei  gehen 
schwach). 

Goth.  skeinan,  altn.  skina,  ahd.  scinan,  ags.  scinan. 

Altn.  friosa,  ahd.  friusan,  ags.  frysan. 

Altn.  skellan  (sonare),  ahd.  scellan. 

Altn.  thiota  (sonare),  ahd.  diozan,  ags.  theotan. 
Luft,  Wasser. 

Altn.  riuka  (olere),  ahd.  riuhhan,  ags.  reocan. 

Goth.  bauljan  (inflare),  ags.  byljan. 

Altn.  driupa  (stillare),  ahd.  triufan,  alts.,  ags.  driopan. 

Altn.  skenkja  (infundere),  ahd.  scencan,  ags.  scencan, 

Altn.  svimma,  ahd.  svimman,  ags.  svimman. 
VergrÖsseruug,  Verkleinerung. 

Altn.  svella  (tumere),  ahd.  swellan,  ags.  svellan. 

Goth.  liudan  (crescere),  ags.  leodan. 

Vgl.  liut  in  der  ersten  Abhandlung,  dessen  Verwandtschaft  mit 
Aoro'i?  damit  zweifelhaft  wird. 

Bewegung,  Ruhe. 

Altn.  skrida  (gradi),  ahd.  scritan,  ags.  scridan,  scridau. 


DER  ÜEDEUTSCHE  SPRACHSCHATZ.  V481 

Gotli,  trudan  (calcare),  altn.  troiJa,  alid.  tretan,  ags.  tredan. 

Goth.  leithau  (ire),  altu,  lida  (ferri),  alid.  lidau  (ire),  ags.  lidan  (ire). 

Goth.  liunan  (cedere),  ahd.,  ags.  linnan. 

Goth.  snivan  (festinare),  ags.  sueovan. 

Goth.  hlaupan  (currere),  alta.  hhiupa,  ahd.  hlaufan,  ags.  hleäpau. 

Altü.  springa  (salire),  ahd.,  ags.  springan. 

Goth.  reisan  (surgere),  altn.  risa,  ahd.  risan,  ags.  reosan. 

Altn.  bregda  (movere),  ags.  bregdan. 

Goth.  hvah'ban  (so  movere),  altu.  liverfa,  ahd.  hwerban,  ags. 
hveorfan. 

Altn.  skaka  (quatere),  ags.  scacan.  .} 

Altn.  rida  (se  movere,  equitare),  ahd.  ritan,  ags.  ridan. 

Goth.  dreiban   (incitare  etc.),  altu.  drifa,  ahd.  triban,  ags.  drifan. 

Ahd.  swingan  (vibrare,  flagellare),  ags.  svingan;  im  Goth.  davon 
das  Causat.  svagg\;jau. 

Altu.  thrjngja  (m'gere),  ahd.  dringau,  ags.  tliringan  (vgl.  gotk. 
threihan  drängen).  .    ,     :      ■     ,       ,>.i.i 

Altn.  kriupa  (repere),  ahd.  krifan  (selten),  ags.  creopan. 

Goth.  knussjan  (auf  die  Kuie  fallen);  in  den  andern  Sprach- 
zweigen etwas  zweifelhaft;  vgl.  altu.  knosa  contundere?  ahd.  chnusjan 
allidere?  ags.  cnyssian  contundere?  ■  . 

Altn.  fylgja  (sequi),  ahd.  folgen,  ags.  folgjan.  '        .' 

Wäre  es  wol  möglich,  das  Verbum  als  ein  Causativura  von  f  1  ie  h  e  u 
anzusehen?  Das  sprachliche  Veriiältniss  von  fliegen,  fliehen,  folgen 
bedarf  einer  Aufhellung  und  verspricht  anziehende  Ergebnisse. 

Goth.  vrikan  (persequi),  altn.  reka,  ahd.  rehhan,  ags.  vrecan. 

Goth.  thliuhan  (fugere),  ahd.  fliohan,  ags.  fleöhan.         cf  •• 

Altn.  fliuga  (volare),  ahd.  fliogan,  ags.  fleogan. 

Goth.  motjan  (obviam  venire),  altn.  maeta,  ags.  metan. 

Altn.  roa  (remigare),  ags.  rövan. 

Altn.  slyngja  (jacere,  vincire),  ahd.  slingan,  ags.  slingan. 

Goth.  niuhsjau  (visitare),  altn.  nysa,  ahd.  niusjan,  ags.  neosjau. 

Vgl.  skr.  naksämi  herbeikommen.  ' 

Goth.  briggan  (afferre),  schwed.  bringa,  ahd.,  ags.  bringan. 

Altn.  dvelja  (morari),  ahd.  twelau  (torpere),  alts.  duelan,  ags. 
dveljan  (errare).  ,   ,  p   j;  m:;,        uli  •;. 

Beginn,  Ende,  Erhöhung,  Erniedrigung. 

Goth.  du-ginnan  (iucipere),  ahd.  bi-ginnan,  ags.  ginnan. 

Altn.  Olga  (cadere),  ahd.  sigan,  ags.  sigan.      j,;:„;-,,ii      ■ 
Goth.  driusan  (cadere),  ags.  dreösan. 

29* 


432  E.  FÖRSTEMANN 

Goth.  haunjan  (humiliare),  ahd.  honjan,  ags,  henan,  hyüau. 

Goth.  sigqvan  (sinken),  schwed.  sjunka,  ahd.  sinchan,  ags.  sincan. 

Nahe  verwandt  mit  dem  obigen  altu.  siga? 
Besitz,  Gewinn,  Verlust. 

Altn.  missa  (missen),  ahd.  missjan,  ags.  missjan. 

Goth.  Husan  (verlieren),  ahd.  liusan,  ags.  leosau. 

Wol  schon  in  eine  frühere  Sprachperiode  gehörig,  da  das  Adj. 
los  in  der  zweiten,  das  Verbum  lösen  in  der  ersten  Abhandlung  er- 
wähnt ist. 

Lachen,  Weinen. 

Goth.  qvainon  (flere),   altn.   kveina,   ahd.   weinon,   ags.    cvänjan, 
vänjan. 
;■•       Bedenken  erregt  das  Altir.  coinim  (deploro)  wegen  der  mangeln- 
den Lautverschiebung. 
Sprache. 

Goth.  bidjau  (petere),  altn.  bidja,  ahd.  bitjän,  ags.  biddan. 

Lat.  peto  ist  hier  fern  zu  halten. 

Goth.  baidjan  (jubere),  altn.  beida,  ahd.  beitjan,  ags.  baedan. 

Goth.  flautjan  (gloriari),  ahd.  flOzjan. 

Goth.  hröpjan  (vocare),  altn.  hropa,  ahd,  hrofan,  ags.  hreopan. 

Die  von  Benfey  in  der  Kieler  Monatschrift  1854,  20  aufgestellte 
Vergleichung  mit  skr.  *cropajämi  verdient  alle  Beachtung,  doch  scheint 
in  beiden  Sprachen  das  Wort  vollständig  in  gleicher  Weise  gebildet 
zu  sein. 

Goth.  levjan  (prodere),  ahd.  l&wan,  läjan,  ags.  laevau. 

Goth.  hiufan  (queri),  ahd.  hiufan,  ags.  heofan. 

Goth.  vrohjan  (accusare),  altn.  roegja,  ahd.  rogjan,  ags.  vregean. 

Goth.  slavan  (tacere),  altn.  slaeva  (mitigare),  ahd.  slewen  (tabes- 
oere),  ags.  slavjan  (pigrum  esse). 

Altn.  gala  (canere),  ags.  galan.  Im  Ahd.  vgl.  gellau  (gellen). 

Goth.  svaran  (jurare),  altn.  sverja,  ahd.  swarjan,  ags.  sverjau. 

Altn.  tina  (legere),  ahd.  zeinjan  (monstrare). 
Geißt. 

Goth.  agljan  (tristem  facere),  ags.  egljan. 

Goth.  airzjan  (irre  machen),  ahd.  irreon.  Ags.  irsian  irasci  ist 
zweifelhaft,  auch  wegen  des  s. 

Goth.  laubjan  (credere),  altn.  leyfa,  ahd.  galaubjan,  ags.  gelefan, 
gelyfan. 

Altn.  raerkja  (sentire),  ahd.  markjan,  markon,  raarkSn,  ags. 
mearcjau. 


DER  URDEUTSCHE  SPRACHSCHATZ.  483 

Goth.  leisan  (experiri),    in    den    andern  Sprachen    nur  noch  das 
Causativum  davon  laera,  leran,  laeran. 

Goth.    inarzjan    (iratum   reddere),    ahd.  marrjan    (impedire),  ags. 
mearrjan. 

Goth.  rahujan  (ratiocinari),  altn.  reikna,  ahd.  rechanon,  ags.  recnjan. 

Goth.  fi-aisan  (sciscitari),  ahd.  freison,  ags.  fräsian;  vgl.  altn.  freista. 

Goth.  beidan  (exspectare),  ahd.  bitan,  ags.  bidan. 

Goth.  stojan  (judicare),  ahd.  stawan^  stowan,  stowön. 

Goth.  vargjan  (condemuare),  ags.  virgjan. 

Goth.  sakan  (litigare),  ahd.  varsahhan  (abnegare),  ags.  saoan. 

Altn.  venja  (adsuefacere),  ahd.  wenjau,  ags.  venjan. 

Goth.  varjan  (arcere),  altn.  verja,  ahd.  warjan,  ags,  varjau. 

Die  bisher  aufgestellten    exoterischeu  Vergleichungen   sind  noch 
nicht  recht  überzeugend. 

Goth.  aistau  (aestimare),  altn.  aesta  (petere). 

Goth.  leikan  Cplacere),  altn.  lika,  ahd.  liehen,  ags.  licjau. 

Goth.  maurnan  (sollicitum  esse),  ahd.  mornen,  ags.  murnan,  meornau. 

Goth.  sifan  (laetari),  ags.  sifjan. 

Goth.  luton  (fallere),   altn.   lyta  (dedecorare).  ahd.  luzen  (latere), 
ags.  lütjan  (latere). 

Altn.  svikja  (fallere),  ahd.  swihhan,  ags.  svican. 
Sein,  tliun. 

Goth.  taujan  (facere),  ahd.  zouwen,  ags.  tavian. 

Goth.  (ga-)fahrjan  (parare),  altn.  fegra,  ags.  gefaegerjan. 
Übrige  Verba. 

Altn.  groa  (crescere,  virere),  ahd.  groen,  grojan,  ags.  grovan. 

Goth.  letan  (sinere),  altn.  lata,  ahd.  läzan,  ags.  laetan. 

Altn.  reita  (irritari),  ahd.  reizjan. 

Goth.  sauljan  (comnjacul^re) ,   altn.  söla^   ahd.  solon,  suljan,  ags. 

Goth.  vammjan  (cominaculare),  ahd.  wemmjan,  ags,  vemraan. 

Goth.  driugan  (militare,  pugnare),  ags.  dreögan. 

Altn.  spara  (parcerc),  ahd.  sparen,  sparon,  ags.  sparjan. 

Adverbia. 
Goth.  ufta  (saepe),  altn.  opt,  ahd.  ofto,  ags.  oft. 
Altn.  sjaldan  (raro),  ahd.  seltan,  ags.  seldan. 
Goth.  air  (mane),  altn.  är,  ahd.  er,  ags.  aere.  ,. 

Goth.  jai,  altn.,  ahd.  ja,  ags.  gea. 
Lit.  je  scheint  wol  nur  entlehnt  zu  sein. 


434  E.  FÖESTEMANN 

Präpositionen. 

Goth.  tliairh  (per),  ahd.  durah,  ags.  tliurh. 

Die  Wurzel  ist  sicher  das  indogermanische  tar  (transgredi),  die 
Bildung  aber  eine  speciell  deutsche. 

Altn.  gegn  (contra),  ahd.  gagan,  ags.   gägn,  geön. 

Entweder  im  Gothischen ,  wo  nur  vithra  gilt,  früh  verloren  oder 
erst  in  der  mittelurdeutschcn  Periode  gebildet. 

Goth.  und  (usque),  altn,  und,  ahd.  unz,  ags.  od. 
Conjunctionen. 

Altn.  enn  (etiam),  ahd.  auti,  ags.   and. 

Eben  so  wie  das  vorhergehende  gegen  zu  beurtheilen. 

Goth.  auk  (enira),  altn.  auk,  6k  (et),  ahd.  auh,  ags.  eäc  (etiam). 

Das  Wort  gehört  zu  dem  im  Deutschon  sonst  verloreneu  Pro- 
nominalstamm ava  und  setzt  ein  indogermanisches  ava-ga  (=  griech. 
ys)  voraus ;  das  altslavische  ovako  (ita)  ist  wol  fern  zu  halten. 

So  weit  dieses  Verzeichniss,  dem  ich  reichliche  Erweiterung  und 
Berichtigung  von  allen  Seiten  her  und  nach  allen  Seiten  hin  wünsche. 
Wenn  wir  aber  schon  jetzt  aus  diesem  Entwürfe  einige  Bemerkungen 
über  die  Culturstufe  zu  gewinnen  wagen,  welche  die  Germanen  mit 
der  hier  behandelten  Sprachschicht  erreicht  haben,  so  darf  das  nur  in 
dem  Bewußtsein  geschehen,  daß  hiemit  viel  gewagt  wird.  Jenes  Voca- 
bular  liefert  uns  nämlich,  abgesehen  von  seiner  Unvollständigkeit,  nicht 
ein  Bild,  sondern  ein  Zerrbild  jener  Culturstufe;  besonders  insofern 
manche  Wörter  viel  älter  sind  als  sie  hier  erscheinen,  von  uns  aber 
noch  nicht  in  ihrer  vollen  Alterthümlichkeit  erkannt  werden,  manche 
andere  Ausdrücke  dagegen  in  der  That  erst  einer  weit  jüngeren  Zeit 
angehören  und  von  einem  deutschen  Volkszweige  zum  andern  als 
Fremdwörter  hinübergewandert  sind,  wodurch  sie  den  falschen  Schein 
gewinnen,  als  gehörten  sie  schon  der  Periode  des  ungetheilten  Ur- 
deutschen an.  Solche  Erwägungen  dürfen  uns  aber  nicht  entmuthigen; 
auch  aus  dem  Zerrbilde  läßt  sich  auf  das  Bild,  aus  dem  Blicke  durch 
ein  trübes  strahlenbrechendes  Medium  auf  den  vollen  klaren  Anblick 
schließen. 

Was  ich  über  den  Unterschied  der  urdeutschen  Culturstufe  von 
der  slavogermanischen  andeuten  möchte,  wäre  etwa  Folgendes. 

Nur  wenige  Begriffssphären  sind  schon  in  der  vorhergehenden 
Periode  ganz  abgeschlossen,  so  daß  sie  einer  Erweiterung  nicht  mehr 
fähig  sind;  ich  rechne  dahin  die  Bezeichnungen  der  Verwandtschafts- 
grade, die  Adjectiva  für  die  Farben  und  die  Zahlwörter.  Auf 
allen  drei  Gebieten  zeichnet  die  Natur  eine   gewisse  Grenze  vor  und 


DER  URDEUTSCfiE  SPRACHSCHATZ.  435 

diese  ist  bereits  in  der  slavogermamschen  Periode  erreicht,  seitdem 
auch  nur  in  künstlicher  Weise  überschritten  worden. 

Das  erste,  wonach  wir  zu  fragen  haben,  ist  die  Weise,  in  welcher 
sich  die  Natur  dem  von  den  verwandten  Völkern  gesonderten  Ger- 
manen darstellte.  Täuscht  mich  nicht  Alles,  so  nahm  sie  einen  nörd- 
licheren Typus  an  als  vorher.  Neue  Pflanzenarten  mangeln  fast 
völlig  in  unserem  obigen  Register,  nur  der  Hafer,  dieses  im  Süden 
wenig  gebaute,  recht  eigentlich  nordische  Getreide  tritt  auf.  Unter  den 
Thieren  fallen  uns  gleich  in  die  Augen  das  Rennthier  (hreinn),  das 
ja  früher  weit  südlicher  als  jetzt  vorkam,  der  Walfisch  (hvalr)  und 
der  Seehund  (selr).  Auch  Eichhorn  ist  ein  neuer  Ausdruck.  Für 
den  Bären  und  den  Fuchs  sind  die  altindogermanischeu  Ausdrücke 
verloren  und  neue  gebildet,  als  hätte  man  in  der  Zwischenzeit  diese 
Thiere  nicht  mehr  zu  Gesicht  bekommen.  Daß  neben  dem  Hirsch  sich 
die  Hin  de  als  besonderes  Wort  nöthig  erweist,  deutet  auf  die  Häufig- 
keit oder  Wichtigkeit  dieses  Wildprets  in  den  neuen  Wohnsitzen. 
Wenn  sich  neben  dem  älteren  albiz  ein  neues  Wort  Schwan  geltend 
macht,  weist  das  nicht  zunächst  auf  den  Unterschied  zwischen  dem 
gemeinen  und  dem  nordischen  Singschwan?  Echt  nordisch  sieht  es  auch 
aus,  dalJ  die  Wörter  Eis  und  frieren  speciell  germanisches  Eigenthum 
sind,  ja  auch  den  Hunger  möchte  ich  mit  in  dieser  Reihe  nennen, 
womit  ich  natürlich  nicht  meine,  daß  die  Slavogermanen  noch  nicht 
gefroren  oder  gehunirert  hätten;  aber  die  Bildung  eines  neuen  Wortes 
zeigt  auf  die  Wichtigkeit  des  Begriffes  hin.  Zu  dieser  nordischen  Natur 
gehört  auch  das  Ufer  des  nordischen  Meeres  und  in  Folge  der  neu  in 
den  Gesichtskreis  tretenden  Erscheinung  entwickelt  sich  das  echt 
deutsche  Wort  Strand;  selbst  der  Ausdruck  Kiesel  scheint  zunächst 
die  in  der  Brandung  abgerundeten  und  ausgeworfenen  Steine  zu  be- 
zeichnen. Höchst  wahrscheinlich  ist  es,  daß  bei  dieser  Wanderung 
nach  Norden  eine  Berührung  oder  Durchdringung  mit  finnischen  Völkern 
stattfand.  Mir  ist  es  immer  glaubhaft  erschienen,  daß  entgegengesetzt 
wie  bekanntlich  in  verschiedenen  Bezeichnungen  für  die  Riesen,  so 
auch  in  dem  deutschen  Zwerg  sich  der  verächtliche  Ausdruck  für 
ein  schwächlicher  gebildetes  Volk  verberge ;  es  hilft  nichts,  schon  jetzt 
etwa  an  die  Turcae  oder  an  die  TvQtyhai  (TvQayiTai  etc.)  zu  erinnern, 
doch  mag  es  eben  so  gut  geschehen,  Avie  unserm  Grimm  in  der  ]\Iytho- 
logie  dabei  das  griech.  ^Eovgyos  einfiel. 

Tn  Hinsicht  auf  die  Viehzucht,  welche  das  neu  entstandene 
Germanen  Volk  trieb,  scheinen  die  oben  für  die  Thierwelt  verzeichneten 
Ausdrücke  darauf  hinzudeuten,  daß  zwar  die  Zucht  des  altehrwürdigen 


436  E-  FÖRSTEMANN 

Rindviehs  auf  ihrer  früh  erreichten  Stufe  verharrt,  daß  aber  die  des 
Pferdes,  Schafes,  und  besonders  des  Schweines  ein  so  gesteigertes 
Interesse  erregte,  daß  hier  neue  Ausdrücke  nothwendig  wurden;  für 
das  letzte  Thier  spricht  auch,  daß  Speck  und  Schmer  als  sprach- 
liche Neubildungen  erscheinen.  In  Hinsicht  des  Geflügels  mögen  Andere 
weiter  erwägen,  was  es  geschichtlich  bedeute,  daß  wir  die  Gans  und 
die  Ente  noch  mit  altindogermanischen  Wörtern  bezeichnen,  für  den 
Hahn  aber  (also  auch  für  Huhn  und  Henne j  deutsches  Specialeigen- 
thum  geschaffen  haben.  Überraschend  ist  es,  wie  die  Kenntniss  der 
einzelnen  Theile  des  thierischen  Körpers  auf  diesem  Standpunkte  zu- 
nimmt, und  damit  die  Fülle  ihrer  sprachlichen  Benennungen;  es  ist  als 
wenn  .eine  weniger  üppige  Natur  die  Menschen  gezwungen  habe,  die 
einzelnen  Theile,  auch  die  Eingeweide,  besser  auszunutzen,  als  es 
früher  geschehen  sein  mochte.  Ich  bemerke  gleich,  daß  das  deutsche 
Daume  auch  auf  den  ersten  Schritt  zu  Benennungen  für  die  einzelnen 
Finder  der  Menschenhand  hinweist.  Als  äussersten  Ausläufer  der  Vieh- 
zucht  möchte  man  auch  schon  für  jene  Zeit  eine  Bienenzucht  vermuthen; 
das  deutsche  Honig  tritt  neben  das  altindogermanische  Wort  so,  als 
sei  damit  ein  auf  anderem  Wege,  nicht  mehr  von  wilden  Waldbienen 
gewonnenes  Product  gemeint. 

Nichts  neues  bietet  der  Acker-  und  Gartenbau,  es  müßte 
denn  sein,  daß  das  goth.  leithus  auf  ein  neues  aus  den  Gartenfrüchten 
gewonnenes  Getränke  deutet. 

Die  Wohnungen  müssen  bei  rauher  werdendem  Klima  mit 
immer  größerer  Sorgfalt  angelegt  worden  sein,  und  in  der  That  über- 
rascht die  oben  angeführte  große  Zahl  Wörter  für  die  einzelnen  Theile 
des  Hauses. 

Für  das  Gebiet  der  Technologie  mag  es  nicht  gleichgültig  sein, 
daß  der  Stahl  als  Product,  die  Zange  als  Werkzeug  und  das  Verbum 
schmieden  als  Zeichen  für  die  Thätigkeit  mit  ihren  echt  deutschen 
Ausdrücken  im  obigen  Verzeichnisse  erscheinen;  damit  tritt  die  Schmiede- 
kunst an  die  Spitze  der  Handwerke,  und  zwar  als  etwas  Neues  und 
Staunenerregendes,  so  daß  sie  für  ihre  Rolle  in  der  Mythologie  be- 
fähigt wird.  Ganz  parallel  damit  läuft  es,  daß  sich  die  Cultur  nun 
auch  auf  die  Erzeugung  und  Benutzung  des  Glases  ausdehnt.  Das 
zu  dem  älteren  weben  hinzutretende  deutsche  spinnen  zeigt  auf  tech- 
nologische Fortschritte.  Kamm  und  Kerze  sind,  Avenn  auch  auf  sehr 
verschiedenem  Gebiete,  Zeichen  für  die  Weiterbildung  der  Geräthe. 

Von  Musik  und  Schreibekunst  boten  uns  die  beiden  früheren 
Verzeichnisse  keine  Spur;    in   unserm   dritten  wird   jene  durch  Sang, 


DER  URDEUTSCHE  SPRACHSCHATZ.  437 

Lied,  Harfe  (auf  Glocke  .^ebe  ich  nichts)  und  das  Verbum  gala, 
diese  durch  die  beiden  Verba  meljau  und  ritan  deutlich  angezeigt. 
Das  Seewesen  mag  gleichfalls  nicht  stehen  geblieben  sein;  wer 
es  weiß,  mit  welcher  Verachtung  die  Anwohner  der  Seeküste  noch 
jetzt  auf  die  kiellosen  Fahrzeuge  biuneuläiidischer  Gewässer  herabsehen, 
wird  dem  Worte  Kiel,  das  in  unserem  Verzeichnisse  auftritt,  immer- 
hin eine  gewisse  Aufmerksamkeit  schenken.  Auch  finden  sich  in  jenem 
Verzeichnisse  Spuren  davon,  daß  man  schon  begonnen  hat,  verschiedene 
Arten  von  Schiffen  zu  unterscheiden.  War  auch  das  Kader  schon  lange 
bekannt,  so  scheint  doch  erst  die  urdeutsche  Sprache  ein  besonderes 
Verbum  für  das  Fortbewegen  durch  das  Ruder  gebildet  zu  haben. 
Man  erwäge  endlich  die  beiden  oben  verzeichneten  Ausdrücke  mastr 
und  thöfta. 

Auf  solchem  Standpunkte  darf  man  nun  schon  nach  dem  suchen, 
was  etwa  dem  heutigen  Begriffe  des  Staates  entspricht.  Oben  findet 
man  mehrere  Ausdrücke,  welche  es  bekunden,  daß  sich  schon  das 
Verhältniss  zwischen  einer  herrschenden  und  einer  dienenden  Menschen- 
classe  mehr  ausgebildet  hat.  Auf  eine  gewisse  Rechtspflege  führen 
uns  die  Verba  stojan,  vargjan  und  sakan,  auch  das  Substantivum 
Eid  und  in  Übereinstimmung  damit  das  Verbum  schwören.  EndHch 
mag  auch  der  Galgen  hier  erwähnt  werden. 

Die  Zeitverhältnisse  werden  gewiß  der  Ausbildung  des  Kriegs- 
wesens nicht  ungünstig  gewesen  sein.  Die  Begriffe  von  Kampf  und 
Sieg  (s.  auch  das  Verbum  driugan)  treten  hervor  wie  früher  noch 
nicht,  Ruhm  und  Ehre  finden  Avir  früher  kaum  angedeutet,  jetzt  in 
drei  Ausdrücken.  Ebenso  mangelt  früher  ganz  ein  Wort  für  Wunde, 
während  uns  hier  drei  Wörter  dafür  begegnen.  Daß  die  Massen  der 
Streiter  schon  geordnet  waren,  zeigt  das  Wort  kumbl,  der  Sporn 
beweist  den  früher  ,noch  nicht  sicheren  Gebrauch  des  Rosses  zum 
Reiten.  Und  aus  den  älteren  Ausdrücken  für  die  einzelnen  Theile  der 
Bewaffnung  hebt  sich  jetzt  schon  ein  wie  es  scheint  von  Anfang  an 
allgemeinerer  und  damit  auf.  einen  gewissen  Organismus  hinweisender 
Ausdruck  Waffe  ab. 

Wo  so  wie  in  dem  letztgenannten  Worte  das  Einzelne  ins  All- 
gemeine^ das  Concreto  ins  Abstracto  zusammengefasst  wird,  da  zeigt 
sich  überhaupt  ein  geistiger  Fortschritt.  Zu  Helm  und  Speer 
und  Schwert  tritt  die  Waffe  wie  zu  Gans  und  Ente  und  Staar  der 
Vogel,  wie  zu  Nacht  und  Woche  und  Jahr  die  Zeit,  ein  Wort,  das 
wohl  schon  sehr  früh  diesen  abstracten  Sinn  gehabt  hat,  noch  früher 
freilich  gewiß  nicht.  Und  daß  der  große  Weltenzeitmesser,  der  Himmel; 


438  RICHARD  WÜLCKER 

auch  dem  jungen  Germanenvolke  ein  Gegenstand  der  Beobachtung 
war,  darauf  weisen  ebenso  himins,  hifinn  und  tüngl  wie  die  ge- 
naueren Bestimmungen  für  die  Zeiteiutheilung,  deren  wir  oben  mehrere 
finden.  Von  den  Himmlischen  aber  müssen  die  Anses  und  Irmin  in 
diesem  Zusammenhang  noch  weiter  ins  Auge  gefasst  werden. 

So  entfernt  sich  unser  Volk  um  Stufe  auf  Stufe  mehr  von  der 
Thierwelt  und  ihrem  Gesichtskreise;  sollten  nicht  die  Germanen  in 
raats  und  fodr  einen  Gegensatz  zwischen  menschlich  bereiteter  und 
thierisch  roher  Speise  haben  ausdrücken  wollen,  der  freilich  nicht 
immer  beachtet  wurde?  Diejenigen  Substantiva,  Adjectiva  und  Verba, 
welche  in  meinem  diesmaligen  Register  unter  der  Rubrik  G  e  i  s  t  stehen, 
übertreffen  in  ihrer  Gesammtzahl  die  entsprechenden  des  Verzeichnisses 
in  meiner  ersten  Abhandlung,  ein  deutliches  Zeichen  vom  Geistesfort- 
schritt der  Germanen  nach  ihrer  Trennung  von  den  Slaven. 

Ich  habe  mir  selbst  absichtlich  eine  Fessel  angelegt,  um  dies  neue 
Culturbild  nicht  zu  weit  auszumalen  und  damit  höher  zu  fliegen  als 
gut  ist.  Oben  bemerkte  ich,  daß  diese  dritte  Schicht  unseres  Sprach- 
schatzes sich  in  zwei  Theile  sondern  lasse  und  habe  von  diesen  beiden 
nur  den  ersten  gemustert^  den  andern  Theil  aber,  der  die  von  den 
bisher  erwähnten  Ausdrücken  abgeleiteten  oder  mit  ihnen  zusammen- 
gesetzten Wörter  umfasst,  nicht  mit  hineingemischt. 

Da  nun  die  Scheidung  dieser  beiden  Wortclassen  nur  eine  gram- 
matische ist,  beide  also  historisch  genommen  wol  als  gleichzeitig  auf- 
getreten anzusehen  sind,  so  wird  die  ]\Tusterung  der  zweiten  Classe 
in  culturhistorischer  Hinsicht  eine  Probe  auf  die  Musterung  der  ersten 
geben  müssen,  Diese  Probe  darf  ich  mir  vielleicht  für  künftig  vor- 
behalten. 

DRESDEN,  den  30.  November  1870. 


LIED  DER  RITTER  WIDER  DIE  STÄDTE. 


Liliencron  veröffentlicht  im  I.  Bande  seiner  historischen  Volks- 
lieder (unter  Nr.  89—93)  fünf  Lieder,  di«  den  Krieg  der  süddeutschen 
Städte  gegen  die  Fürsten  und  Ritter  behandeln  und  theils  den  Städten 
günstig,  theils  ihnen  feindlich  lauten. 


LIED  DER  RITTER  WIDER  DIE  STÄDTE.  439 

Als  Nachtrag  hierzu  gebe  ich  ein  Gredicht,  welches  sich  im  Archive 
zu  Frankfurt  am  Main  gefunden  hat.  Ueberschrieben  ist  es:  ,, Nicolas 
ein  liedchen  geschanckt  de)'  ritter  toegen  icider  die  stede.'^  Es  ist  in  Brief- 
form zusammengelegt  und  führt  die  Aufschrift:  „Dem  Ersamen  Nicolae 
statschriber  czii  Franckenfurt  mynem  liehen  herren  und  hesundern  guten 
fninde.'^  Der  Schreiber  unterzeichnet  sich  Jacobus.  —  Obgleich  nun 
nach  alledem  Schreiber  und  Empfänger  des  Gedichtes  gut  städtisch 
gesinnt  waren,  ist  der  Inhalt  desselben  trotzdem  gegen  die  Städte  ge- 
richtet, wie  schon  der  Name,  den  sich  der  Dichter  beilegt,  Burenfiendt, 
andeutet. 

Zur  Bestimmung  der  Hs.  dient,  daß  es  an  Stadtschreiber  Nicolaus 
gerichtet  ist.  Es  muß  dies  Nicolaus  Uffsteiner  gewesen  sein,  der  von 
14.31 — 1470  das  Stadtschreiberamt  bekleidete. 

Weist  also  schon  die  Abschrift  des  Liedes  auf  die  Mitte  des  15.  Jh. 
hin,  so  kann  das  Gedicht  selbst  nach  den  darin  enthaltenen  Andeu- 
tungen auch  nicht  zu  anderer  Zeit  entstanden  sein.  Sehen  wir  uns  nun 
nach  den  Beweisen  um ! 

Nach  dem  blutigen  Kriege  der  Städte  gegen  die  Herren  im  Jahre 
1389,  der  mit  der  Niederlage  der  ersteren  endete,  blieb  es  einige  Jahr- 
zehnte ruhig.  Doch  in  den  vierziger  Jahren  des  neuen  Jahrhunderts 
entbrannte  von  neuem   der  Kampf. 

War  auch  das  Jahr  1440  ungünstig  für  die  Städter,  um  so  gün- 
stiger war  das  folgende  Jahr  für  dieselben.  Ende  März  1441  wurde 
Neuenfels  (über  der  Kupfer),  anfangs  September  Maienfels  (über  der 
Brettach)  (vgl.  Chronik,  d.  Städte:  die  fränkischen  Städte,  Nürnberg 
II.  Bd.  pag.  236,  17)  unter  Anführung  des  Hauptmanns  Ehinger  von  Ulm 
zerstört.  Vergeblich  suchten  Erzbischof  Dietrich  von  Mainz  und  andere 
Fürsten  zu  vermitteln,  auch  der  1441  zu  Frankfurt  unter  persönlichem 
Vorsitze  der  drei  geistlichen  Kurfürsten  abgehaltene  Tag  führte  zu 
keinem  Ziele.  Die  kleinen  Fehden  dauerten  immer  fort. 

Am  22.  März  1446  schloßen  31  Städte  ein  Bündniss,  um  sich  der 
Übergriffe  des  Adels  zu  erwehren,  selbst  einige  Fürsten  traten  bei. 
Doch  schnell  gelang  es  auch  dem  rastlosen  Eifer  des  Markgrafen 
Albrecht  von  Brandenburg- Ansbach,  des  Hauptgegners  der  Städte,  da- 
gegen einen  Fürstenbund  ins  Leben  zu  rufen,  so  mächtig,  wie  vorher 
keiner  war.  Selbst  weitentfernte  Herrscher  traten  dem  Bündnisse  bei, 
wie  Heinrich  von  Mecklenburg,  die  Fürsten  von  Pommern  und  Rügen 
u.  a.  (Vgl.  Chr.  d.  Städte.  Nürnberg  II.  pag.  467  ff.)  Ein  Grund,  den 
Städten  den  Krieg  zu  erklären,  fand  sich  leicht,  hatte  doch  f;)st  jeder 
Ritter  irgend  einen  Streit  mit  einer  der  verbündeten  Städte.    So  z.  B. 


440  EICHARD  WÜLCKER 

beanspruchte  Markgraf  Albrecht  die  Auslieferung  Konrads  v.  Heideck 
von  den  Nürnbergern  (vgl.  a.  a.  O.  pag.  123  ff.),  Erzbischof  Dietrich 
von  Mainz  Entschädigung  wegen  Zerstörung  von  Neuenfels.  (Vgl.  die 
Richtiguug  u.  a.  O.  p.  236.) 

Ich  übergehe  die  langen  Verhandlungen,  welche  Nürnberg  und 
die  Städte  mit  Albrecht  nutzlos  führten  und  die  sich  bis  zum  Juni  1449 
hinauszogen.  Endlich  Ende  Juni  schickte  Albrecht  und  der  Bischof  von 
Bamberg,  als  die  ersten,  ihre  Absagebriefe  an  Nürnberg  (datiert  sind 
dieselben  vom  29.  Juni),  schnell  folgte  die  übrige  Menge  der  Ritter. 
Doch  auch  die  Städte  ließen  nicht  auf  sich  warten:  am  2.  Juli  erklärten 
sie  die  Fehde,  schon  der  nächste  Tag  brachte  den  Beginn  des  Kampfes, 
indem  Erhard  Schiirstab  von  Nürnberg  (a.  a.  0.  pag.  148)  das  Schloss 
Malmsbach  zerstörte. 

Zum  Glücke  ist  uns  in  Nürnberg  noch  das  Verzeichniss  sämmt- 
licher  Herren,  die  absagten,  erhalten  (über  die  Hs.  desselben  vgl.  a.  a.  0. 
p.  420.  421)  und  darin  finden  sich  alle  Namen,  die  in  unserm  Liede 
genannt  sind. 

Unter  den  rittern,  die  mit  Albrecht  absagten,  sind  genannt: 
(pag.  428,  25)  Ritter  Eberhart  von  Urbach,  der  Ältere  und 
(pag.  433,  23)  Eberhart  Rüde  von  Kollenberg. 
Jakob,  Bernhard  und  Karl  von  Baden  standen  bei: 
(pag.  446,  21)  Hans  von  Berchten,  genannt  Hasenki'öz, 
(pag.  446,  24)  Hans  von  Klingenau,  genannt  Swiczer. 
Der  Kampf  schwankte  hin  und  her,   endlich   am  11.  März  1450 
erfochten  die  Nürnberger  einen  bedeutenden  Sieg  bei  dem  Pillenreuter 
Weiher  über  Albrecht,  und  wurden  sie  auch  am  14.  April  beim  Kloster 
Sulz  geschlagen,    so   überwanden   sie   doch  abermals   am  20.  Juni  bei 
Rednitzhembach  die  Fürstenpartei.    Dieser  letzte  Sieg  wirkte  entschei- 
dend auf  die  während  des  ganzen  Krieges  geführten  Unterhandlungen: 
am  22.  Juni  kam  eine  Richtigung  in  Bamberg  zu  Staude..  (Abgedruckt 
in  Erhart  Schürstabs  Bericht  über  den  Krieg  pag.  230 — 239  a.  a.  O.) 
Hiermit   hörte  die  offene  Fehde   auf,   wenn   auch   erst  1453  der  Streit 
vollständig  beigelegt  wurde. 

Nach  dem  bisher  Angegebenen  läßt  sich  die  Zeit  der  Entstehung 
unsers  Liedes  genau  angeben. 

Eberhart  von  Urbach,  sagt  der  Dichter,  hat  schon  ritterlich  die 
Reichsstädte  angegriffen  und  streitet  kräftig  gegen  sie.  Eberhart  Rüde 
von  Collemberg  ist  auch  ein  tapferer  Ritter,  der  viele  Heri-en  unter 
sich  hatj  doch  diese,  statt  ihm  gegen  die  Bürger  kämpfen  zu  helfen, 
helfen  ihm  nur  beim  Essen  und  Trinken.  Alles  steht  jetzt  günstig  für 


LIED  DER  RITTER  WIDER  DIE  STÄDTE.  441 

die  Ritter:  die  Wirapfener  haben  verloren  und  die  Städte  sind  darüber 
niedergesolilagen.  Mächtige  Herren  bekämpfen  die  Bürger,  vor  allem 
der  Erzbiscliof  von  Mainz,  Swiczer  streitet  gegen  die  Städte  und  ver- 
wüstet ihr  Gebiet  und  Hasenkröz  ist  dabei  sein  Helfer. 

Darum,  mein  lieber  Rüde,  fährt  der  Dichter  fort,  ist  jetzt  die 
Gelegenheit,  die  städtischen  Bauern,  die  schon  auf  ihre  festen  Mauern 
vertrauend  glauben,  sie  könnten  den  ganzen  Adel  vernichten,  nieder- 
zuwerfen und  ihren  Hochmuth  zu  brechen. 

Da  die  meisten  der  Ritter  im  Juli  1449  entsagten  (vgl.  pag.  433 
a.  a.  O.),  Rüde  voti  Collemberg  aber  erst  am  6.  December,  so  muß  in 
dieser  Zeit  unser  Gedicht  entstanden  sein.  Mit  dieser  Zeitbestimmung 
fällt  auch  zusammen,  daß  Nicolaus  Uffsteiner  von  1431—1470  Stadt- 
schreiber war. 

Ueber  die  Person  des  Dichters  ist,  da  Burenfiendt  sicher  nur  ein 
angenommener  Name ,  einzig  aus  den  Worten  7nyn  herre  von  Mencze 
der  heißt  nit  Jieinfz  zu  schließen,  daß  er  ein  Unterthau  des  Mainzer 
Erzbischofs  und  in  dessen  Auftrag  vielleicht  das  ganze  Lied  verfasst 
hat.  Dieß  gewinnt  noch  dadurch  an  Wahrscheinlichkeit,  daß  die  Collem- 
berger  Herren   Maiuzische   Dieustmannen  waren.  —  Das  Lied   lautet* 

Eherhart  von  nrhdch  ist  ein  mann  Er  grifft  die  richstete  redelich 
an  I  er  thvt  ine  vil  czu  leide  \  das  er  sie  nicht  czu  recht  wag  hrengen  nu  ist 
er  doch  keyn  heyde  j|  Der  edel  knecht  Bnt  ere  vnd  recht  \fur  fursten  herren 
vnd  mannich  gesiecht  das  sagt  mann  inn  dem  lande  j  das  im  das  nicht 
gedyen  mag  das  ist  den  fursten  eyn  schände. 

In  irem  lande  mochte  er  sich  neren  \  darinn  solte  er  sinen  phenniy 
czeren  so  findet  man  vil  der  czagen  \  sie  suchen  vil  rencke  vnd  hoser  wengke  \ 
■wer  mochts  in  alles  vertragen  |  Eherhart  Ende  ist  lool  hekant  \  er  hat  gute 
ritter  an  der  hant  |  czu  Collenherg  ist  er  geseßen  \  sie  ryfen  hie  im  uß  vnd 
inn  vnd  helffen  im  das  rintfleisch  eßen. 

Das  die  von  Wympfen  han  verloren  \  das  tkut  den  andern  steten  czorn  f 
vjie  eß  sich  hat  ergangen  \  das  schaffet  ir  sfolczer  ohermnt  |  darczu  ir  ffi'oß 
gehrangen  \  Das  luder  ligt  schon  an  der  löge  |  die  richstete  haheii  vil  der 
frage  wie  Collemherg  sy  geschaffen  \  sie  achten  aller  herren  nicht  vnd  furch- 
ten eyns  fursten  straffen. 

Sie  czogen  alle  gerne  darfur  .so  ligts  dem  hischoff  für  der  fhur  \  sie 
dorff'en  den  drotz  nicht  brechen  |  Myn  herre  von  Mencze  \  der  heißt  nit  heintz 
E'  %vurde  villicht  Nuioenfels  rechen. 

Des  adels  gut  hat  nicht  verhluet  \  So  horß  dran  myn  lieher  Rüde  | 
mann  giht  dir  die  huren  czu  treffen  \  heczalestu  mit  rechter  mnncze  so  histu 
nit  gut  czu  fffen\\  WUJielm  Stoiczer  ist  er  genant  \  er  rennet  gar  f rißlich 


442  LITTERATUE. 

hin  das  lant )  den  abunt  vnd  den  morgen  j  er  rennet  gar  fiißlich  nach  dem 
gut  vnd  leßet  die  fogelin  sorgen. 

Hasenkroß  ist  sin  geselle  \  das  brenget  noch  manchem  vngefelle  \  Sie 
laßen  ir  roßelin  lauffen  \  vnd  wollen  der  ricJistete  ßlczgebuwer  \  umb  das 
vnrecht  stra,j(fen. 

Den  richsteten  den  ist  nit  czu  getruwen  keyn  bederman  sal  vf  sie 
btiioen  Sie  vberheben  sich  der  hohen  muren  \  sie  achten  aller  herren  nicht  \ 
vnd  sint  doch  filczgehuren  Ir  obermut  ist  also  groß  \  sie  tragen  dem  adel 
alle  gehaß  sie  meynen  ine  czu  vertriben  |  Nv  hiljf  glücke  eß  ist  an  der 
czyt  so  wollen  wir  wol  bliben  Der  vns  dieß  liedlin  macht  Burenßendt  der 
hats  erdacht  \  er  solte  sin  dorheit  masßen  \  so  tribet  er  gar  vil  der  narren- 
spil  vnd  wil  sich  sin  nicht  erlaßen.  Jakobus  vester  servitor. 

FRANKFURT  am  Main,  November  1870.  RICHARD  WÜLCKER. 


LITTERATUE. 


Die  Programme  der  gelehrten  Schule  Islands. 

Die  Bewohnei*  Islands  sind  bekanntlich  wenig  zahlreich,  und  außerhalb 
der  Insel  ist  die  Kenntniss  ihrer  Sprache  nur  wenig  verbreitet.  Auf  ein  Absatz- 
gebiet von  höchstens  70,000  Seelen  beschränkt,  welche  noch  obendrein  weit 
zerstreut  und  in  wenig  günstigen  wirthschaftlichen  Verhältnissen  leben ,  kann 
die  isländische  Litteratur  begreiflich  nur  mühsam  gedeihen,  da  die  Herausgabe 
selbst  i'echt  tüchtiger  Werke  nur  sehr  ausnahmsweise  sich  lohnt,  und  fach- 
Avissenschaftliche  Bücher  zumal  können  fast  nur  mit  Unterstützung  aus  öffent- 
lichen Mitteln  zum  Drucke  befördert  werden.  Um  so  bedeutsamer  wird  für  das 
Land  die  Wirksamkeit,  welche  die  Zeitschriften  einerseits  und  die  Publicationen 
von  Vereinen  oder  Körperschaften  anderei-seits  entfalten ,  denn  in  sie  flüchten 
sich  so  manche  recht  sehr  brauchbare  Arbeiten,  um  nur  überhaupt  das  Tages- 
licht erblicken  zu  dürfen.  Unter  den  derartigen  Publicationen  nehmen  aber  die 
Programme  der  gelehrten  Schule  des  Landes  einen  sehr  bedeutenden  ßang  ein. 

Während  in  der  katholischen  Zeit  schon  ziemlich  frühe  Domschulen  an 
den  beiden  Kathedralen  zu  Skälholt  und  zu  Hölar,  dann  Klostevschulen  an  den 
neun  Klöstern  des  Landes  entstanden  waren,  diese  wie  jene  freilich  nur  wenig 
gesicherten  Bestandes,  musste  in  Folge  der  Köformation  der  Staat,  indem  er  die 
Kirchengüter  gutentheils  einzog,  sich  wohl  oder  übel  dazu  bequemen,  auch  die 
Sorge  für  den  gelehrten  Unterricht  zu  übernehmen.  Nach  ein  paar  vergeblichen 
Anläufen,  w^elche  in  den  Jahren  1542  und  1550  genommen  worden  waren, 
wurde    endlich    im  Jahre   1552  an  die  Errichtung  zweier  Domschulen  zu   Skäl- 


LITTERATUR.  443 

holt  und  zu  Holar  ernsthaft  Hand  angelegt,  und  von  da  ab  bestanden  beide 
neben  einander  fort,  bis  gegen  das  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  herab.  Auf 
Grund  eines  kgl.  Rescriptes  vom  29.  April  1785  *),  welches  die  Verlegung  des 
Bisthumes  sowol  als  der  Schule  von  Skdlholt  nach  Reykjavik  verfügte,  erfolgte 
die  Verlegung  der  letzteren  nach  der  nunmehrigen  Hauptstadt  der  Insel,  im 
Jahre  1787;  durch  ein  weiteres  Rescript  vom  2.  October  1801  '^1,  welches  das 
Bisthum  und  die  Domschule  zu  Holar  unterdrückte,  wurde  ferner  jene  Schule 
zu  Reykjavik  zur  einzigen  und  gemeinsamen  höheren  Unterrichtsanstalt  des 
ganzen  Landes  erhoben.  Nachdem  dieselbe  wegen  gänzlichen  Verfalles  ihrer 
Baulichkeiten  im  Jahre  1805  interimistisch  nach  Bessastadir  hatte  verlegt  werden 
müssen  ^),  wurde  unterm  7.  Juni  1841  deren  Zurückverlegung  nach  Reykjavik 
angeordnet  '*),  und  unterm  24.  April  1846  deren  Eröffnung  auf  den  1.  October 
desselben  Jahres  anberaumt  ^),  an  welchem  Tage  dieselbe  denn  auch  wirklich 
in  feierlichster  Weise  stattfand  ").  Seit  jenem  Tage  ist  die  gelehrte  Schule 
Islands  an  dem  genannten  Orte  verblieben;  von  Pi-ogrammen  derselben  ist  aber 
erst  in  den  beiden  letzten  Stadien  ihres  Bestandes  die  Rede. 

In  einzelnen  gelehrten  Schulen  Dänemarks  hatte  sich  schon  frühzeitig 
der  Gebrauch  ausgebildet,  durch  eigene  Programme  zu  ihren  öflFentlichen 
Prüfungen  einzuladen,  und  diese  Einladung  von  einer  wissenschaftlichen  Ab- 
handlung begleiten  zu  lassen.  Eine  Verordnung  vom  7.  November  1809 
hatte,  §.  89,  diese  Übung  für  diejenigen  Anstalten  bestätigt,  an  denen  sie 
bestehe  '),  für  Island  aber  konnte  diese  Bestätigung,  ganz  abgesehen  davon, 
daß  die  betreffende  Verordnung  auf  der  Insel  niemals  publiciert  wurde,  schon 
darum  keine  Bedeutung  haben,  weil  an  den  isländischen  Schulen  das  Ausgeben 
von  Programmen  niemals  gebräuchlich  gewesen  war.  Dagegen  wurde  zufolge 
einer  vom  damaligen  Stiftsamtmanne  P.  F.  Hoppe  und  vom  Bischöfe  Stein- 
grimur  Jönsson  gegebenen  Anregung  unterm  8.  September  1827  angeordnet*), 
daß  an  der  gelehrten  Schule  Islands  der  Geburtstag  des  Königs  in  Zukunft 
öffentlich  gefeiert,  und  daß  zu  dieser  Feier  durch  ein  öffentliches  Programm 
eingeladen  werden  solle,  und  vom  Jahre  1828  beginnt  demgemäß  die  Reihe 
der  von  dieser  Anstalt  ausgegebenen  Programme.  Durch  eine  Verfügung  vom 
14.  September  1839  wurde  sodann  angeordnet  ^),  daß  diese  Programme  jeden- 
falls einen  Bericht  über  alle  die  Schule  berührenden  Ereignisse  des  Vorjahres 
zu  enthalten  hätten,  außerdem  aber  wo  möglich  noch  eine  wissenschaftliche 
Abhandlung  enthalten  .sollten,  und  damit  erhielten  dieselben  einen  weiteren 
Inhalt,  während  bisher  jener  Rechenschaftsbericht  nur  mündlich  gelegentlich 
des  Schulfestes  vorzutragen  gewesen  war.  Aber  gerade  um  dieselbe  Zeit  ergab 
sich  ein  wunderlicher  Zufall.  Am  3.  December  1839  starb  K.  Friedrich  VI; 
aber  auf  Island  erfuhr  man  hievon  nichts,  tmd  feierte  demnach  getrost  dessen 
auf  den  18.  Januar  fallendes  Geburtsfest.  Als  mau  dann  von  dem  eingetreteneu 
Thronwechsel  Nachricht  erhielt,  glaubte  man  auch  K.  Christians  VIII  Geburts- 
fest, welches    auf   den    18.   September    fiel,    noch  feiern  zu  sollen,    und   bekam 


*)  Lovsamling  for  Island,  V,  S.  182—7,  '')  Ebenda,  VI,  8.  530—31. 

^)  Ebenda,  S.  680—1,  und  752—55.  ')  Ebenda,  XII,  S.  134-5.  ^)  Eben- 
da, XIII,  S.  413—4.  ^)  Reykjavikur  itosturinn,  I,  S.  7—8.  '')  Lovsam- 
ling for  Island,  VII,  S.  291.  *)  Ebenda,  IX,  S.  208—9.  »)  Ebenda,  XI, 
S.  392-3. 


444  LITTERATUR. 

somit  zwei  Schulfeste  uud  zwei  Programme  in  einem  Jahre;  andererseits  hatten 
Anfragen  über  das  Format,  in  welchem  die  Programme  gedruckt,  und  über 
die  Sprache,  in  der  sie  geschrieben  werden  sollten,  zur  Folge,  daß  keines  der 
beiden  Programme  den  neuerdings  vorgeschriebenen  Rechenschaftsbericht  ent- 
hielt. Erst  nachdem  ein  das  Format  der  Programme  regelnder  Erlass  vom 
16.  November  1839  und  ein  das  Schulfest  auf  das  Ende  Mai  jeden  Jahres  zu 
haltende  Schlußexamen  verlegender  vom  15.  December  1840  '")  auf  Island 
bekannt  geworden  waren,  nachdem  ferner  die  Stiftsobrigkeit  ihrerseits  unterm 
31.  Mai  1841  erklärt  hatte,  das  gelehrte  Programm,  welches  für  den  1.  October 
1840  ausgegeben  worden  sei,  solle  für  das  Jahr  1841  gelten,  und  nur  am 
Schlüsse  des  Mai's  dieses  Jahres  der  erforderliche  Rechenschaftsbericht,  und 
zwar  in  isländischer  Sprache,  ausgegeben  werden  ^^),  kam  wieder  feste  Ordnung 
in  das  Programmenwesen  der  Schule,  indem  gelegentlich  des  Schlußexamens, 
welches  zu  Ende  Mai  jeden  Jahres  gehalten  zu  werden  pflegte,  ein  in  isländi- 
scher Sprache  geschriebenes  Programm  ausgegeben  wurde,  welches  neben  dem 
vorschriftsmüßigen  Rechenschaftsberichte  des  Rectors  zugleich  eine  wissenschaft- 
liche Abhandlung  irgend  eines  der  an  der  Schule  angestellten  Lehrer  enthält. 
Ein  provisorisches  Reglement  für  die  gelehrte  Schule  zu  Reykjavik,  welches 
am  30.  Mai  1846  ausgegeben  wurde,  änderte,  §.  9,  sub  1,  hierannur  so  viel  "*), 
daß  dem  isländischen  Programme  fortan  auch  eine  dänische  Übersetzung  bei- 
gegeben werden  sollte,  während  zugleich  der  Exaraenstermin  auf  den  Schluß 
des  Juni's  verlegt  wurde,  ersteres  eine  Bestimmung,  welche  unterm  7.  December 
1847  neuerdings  eingeschärft'"'),  unterm  24.  Juli  1849  aber  auf  Antrag  der 
Stiftsobrigkeit  dahin  modificiert  wurde  '*),  daß  die  dänische  Übersetzung  in 
Zukunft  nur  noch  für  den  Rechenschaftsbericht  festgehalten,  für  den  wissen- 
schaftlichen Theil  der  Programme  dagegen  nicht  mehr  gefordert  werden  solle. 
Das  definitive  Schulregulativ  vom  30.  Juli  1850  fordert  in  seinem  §.  9,  Nr.  1 
ein  Programm  der  bisherigen  Art,  und  läßt  somit  Alles  bei  den  bisherigen 
Bestimmungen  '^) ;  neuere  Bestimmungen  aber  sind  meines  Wissens  über  den 
Gegenstand  überhaupt  nicht  mehr  ergangen. 

Nach  diesen  einleitenden  Bemerkungen  lasse  ich  ein  Verzeichniss  der 
Programme  folgen,  welche  die  Lateinschule  Islands  herausgegeben  hat.  Da  gar 
manche  von  diesen  hohen  wissenschaftlichen  Werth  beanspruchen  können,  anderer- 
seits aber  deren  Existenz  und  Inhalt  nur  Wenigen  bekannt  sein  dürfte,  trotz- 
dem daß  mit  den  gelehrten  Schulen  Schleswig-Holsteins  nicht  nur,  sondern  auch 
Preussens  bereits  seit  dem  Jahre  1843  ein  Programmaustausch  eing.eleitet 
wurde  '^),  mag  eine  solche  Zusammenstellung  für  manchen  Leser  der  Germania 
nicht  ohne  luterese  sein,  und  erlaube  ich  mir  an  deren  Schluß  noch  auf  die- 
jenigen Abhandlungen  besonders  aufmerksam  zu  machen,  welchen  ich  eine  mehr 
als  gewöhnliche  Bedeutung  beilegen  möchte. 


'")  Ebenda,  XI,  S.  402,  und  710—11.  ")  Vgl.  die  Skyrsla  um  Bessa- 

stada-skola,  fyrir  sköla-ärid,  1840-41,  S.  10.  •^)  Lovsamling  for  Island, 

Xni,  S.  440.  •*)  Ebenda,  S.  774.  '*)  Ebenda,  XIV,  S.  325.  '^)  Ang.  O., 
S.  521.  "')  Vgl.  die  Erlasse  der  Schuldirection  vom  11.  Juli  und  9.  December  18-13, 

dann  vom  7.  December  1847,  Ang.  O.,  XII,  S.  624—25,  mid  669—70,  dann  XIII, 
S.  774 — 75;  femer  das  Schreiben  des  Ministeriums  für  Kirche  und  Unterricht  vom 
28.  April  1849,  Ebenda,  XIV,  S.  257. 


LITTERATUR.  445 

1828.  Solemnia  scholastica  ad  celebrandum  Uiem  28.  Januurli  1828  regi  nostro 
augustissimo  Frederico  Sexto  natalem  habenda  die  3.  Februarii  1828  hocce 
libello  indicunt  scholaj  Bessastadensiis  magistri.  Regulas  (juasdam  siraplicio- 
res  ad  computandum  motum  luna;  scripsit:  Bjöinus  GInnnlaugi  filius, 
coUega  scbolse  Bessastadensis.  In  iiionasterio  Videyensi  1828.  Typiß  ei- 
pressit  factor  et  typograpbus  G.  J.  Schagfjord.  Sumtibus  .schoke  Bessa- 
stadensis.  —    20  pp.   in  4'\ 

1829.  Skola-bdti'd  i  minningu  fedi'ugar-ilags  vors  alh-anadugasta  Kouiings  Fridrik.s 
Sjötta,  ])anu  28.  da  Janüan'i  1829,  bodud  af  Könnurum  Bessastada  Sköla. 
Fyrsta  og  önnur  bok  af  Homeri  Odyssea,  ä  Islenzku  litlügd  af  Svein- 
birui  Egils.synI.  Videyar  Klaustri,  1829.  Prentadar  af  Fakt,  og  Buk- 
]iryckjara  Schagfjord,   a  kostnad   Bessastada  Skohi.    4   und  .36  SS.   in  8°. 

1830.  pridja  og  Qorda  bok  af  Homeri  Odyssea,  a  Islenzku  iitlagdar  af  Svein-^ 
birni  Egilssyni.   4  und  48   SS.    8»  '^). 

1831.  Hugsvinnsmäl ,  äsamt  })eiiTa  Idtinska  Frumriti,  i'itgeün  af  Ilallgruui 
Sch^vi'ng,  Dr.  —  Prentud  af  B(jk])ryckjara  Helga  Helgasyni.  —  36  SS. 
in   8".        ^ 

1832.  Olafs  drdpa  Tryggvasonar,  er  Hallfredr  orti  Vundnudaskäld,  i'itg^fin  af 
Sveinbirni  Egilssyni.  —   24   SS.  in   8". 

1833.  Brot  af  Placidus-drapu,  ütgefid  af  Sveinbirni  Egilssyni.  ~  68  SS 
in   8". 

1834.  Solemnia  scholastica  etc.  De  mcnsiua  et  delineatione  Islaudiaj  interioris, 
cura  societatis  litterariai  islandica.'  bis  temporibus  facienda  scripsit  B  j  ü  r- 
nus  Gunnlaugi  filius,  collega  scholai  Bessastadensis.  —  40  SS.  in  8". 

1835.  Skola-hati'd,  etc.  Fimta,  sjötta,  sjöunda  og  ättunda  b6k  af  Homeri  Odyssea, 
&  islenzku  ütlagdar  af  Sveinbirni  Egilssyni,  Adjunkt.  —  64  SS.  in  8*^. 

1836.  Töblur  yiir  Solavinnar  syuilega  gäng  4  Isl.andi,  af  Birni  Gunnlaugs- 
syni.   —    16   SS.   in  4". 

1837.  ForspjallslioJ),   ütgefin  af  Hallgrinii  Scheving,   Dr.   —   56  SS.  in  8". 

1838.  Nmnda,  tnmda,  ellefta  og  tölfta  bok  af  Homeri  Odyssea,  4  islenzku  üt- 
lagdar af  Sveinbirni  Egilssyni,  Adjunkt.  —  80   SS.    8". 

1839.  })rettanda,  fjortdnda,  finitända  og  sextända  bök  af  Homeri  Odyssea,  a  islenzku 
ütlagdar  af  Sveinbirni  Egilssyni,   Adjunkt.  —   76   SS.   in  8®. 

1840.  Seytjanda,  ätjdnda,  nitjanda  og  tuttugaata  bok  af  Homeri  Odyssea,  ä  islenzku 
ütlagdar  af  Sveinbirni  Egilssyni,   Adjunkt.    —   80   SS.   in   8"  "^). 

1840.  Tuttugasta  og  fyrsta,  tuttugasta  og  önnur,  tuttugasta  og  jn-idja,  tuttugasta 
og  fjörda  buk  af  IToineri  Odyssea,  k  i'slenzku  ütlagdar  af  Sveinbirni 
Egilssyni,  Adjunkt.  —   72  SS.  in  8". 

1841.  Ski'rsla  um  Bessastada- Skola  fyrir  sköla-ärid  184U — 1841.  Samin  äf 
Juni  Jonssyni,  Lector  theologiiL-  K.  af  D.  Videyar  Klaustri.  Prentud 
ä  kostnad  Bessastada  sköla,   1841.  —   24  SS.  in   8°  ''-'). 


")  Ich  gebe  fort;iu  von  den  Formalien  des  'J'itels  nur  nocli  ;iii,  was  .sieli  ;ui  den- 
selben ändert,  mit  Ausnahme  des  variierenden  Tages,  auf  welchen  die  Einladuno-  lautet 
n.  dgl.  "*)  Die  Angabe  des  Druckers  fehlt  diesem  und  den  zunächst  folgenden  Pru- 
grammeu;  warum  auf  das  Jahr  1840  zwei  Programme  kommen,  erklärt  sich  aus  dem 
Eingangs  Bemerkten.  '^}  Von  jetzt  ab  beginnen  die  Berichte  über  den  Zastand  der 
ÜKEMAKIA.  Neue  ßeiUt  IV.  (XVI.)  Jahrf.  3Q 


446  LITTEEATUl. 

1842.  Bodsrit  til  ad  hlusta  4  pk  opinberu  yfirheyrslu  i  Bessastada  sköla  pann 
23. — 28.  Maji  1842.  Videyar  Klaustri,  Prentad  -k  ko'stnad  Bessastada 
sköla.  1842.  —  Innihald:  1.  Njöla,  edur  audveld  skodun  hirainsins,  med 
Jjar  af  fljötandi  hugle'dingum  um  hatign  Guds  og  alheims  äformid,  eda 
hans  tilgäng  med  heiminn;  af  Birni  Gunnlaugssyni  Adj.  2.  Skola- 
skyrsla  af  Herra  Jöni  Jonssyni,  Lector  Theol.  og  R.  af  D.  —  104 
und    16   SS.   in   S^. 

1843.  Islendskir  m&Ishsfettir  safnadir,  utvaldir  og  i  stafrofsröd  foerdir  af  Skola- 
kinnara  Dr.   H.    Scbeving.    -    60  und   14  SS.  in   8**  ^O)^ 

1844.  Fjögur  grömul  kvaedi,  ütg.   af  S.  Egilssyui.   —   76   und   40   SS.  in  8". 

1845.  Lei'^arvisir  til  ad  jjekkja  stjörnur.  Fyrri  parturinn.  Sarainn  af  B.  Gunn- 
laugssyni.  —   68  und   14   SS.  in  8° '^'). 

1846.  Leidamsir  til  ad  Jjckkja  stjörnur.  Sidari  parturinn,  saminn  af  B.  Gunn- 
laugssyni.   —   4   und   100   SS.   in   8". 

1847.  Islenzkir  mälshaettir  safnadir,  utvaldir  og  i  stafröfsröd  fserdir  af  Dr. 
H.   Scbeving.  —  40  und   16   SS.    in  8"'^'^). 

1848.  Edda  Snorra  Sturlusonar,  eda  Gylfaginning,  Skä.ldskaparmäl  og  Hättatal. 
Utgefin  af  Sveinbirni  Egilssyni,  Rector  og  Dr.  Theol.  —  VIIl  und 
156   SS.   in  8», 

1849.  Ritgjördir,  tilheyrandi   Snorra  Edda.  —  S.    157—252   in   8*'^^;. 

1850.  In  diesem  Jahre  scheint  weder  ein  Programm  noch  ein  Rechenschafts- 
bericht über  den  Zustand  der  Schule  ausgegeben  worden  zu  sein ,  in 
Folge  derselben  Unruhen  in  der  Anstalt,  welche  zur  Cassierung  dieses 
Schuljahres  durch  Ministerialerlass  vom  18.  Mai  desselben  Jahres  führten  ^^). 

1851.  Tvö  brot  af  Haustlaung  og  {lörsdräpa  (Se.  bis.  59.  61  —  64),  fserd  til 
retts  mäls,  og  ütskyrd  med  glösum  i  stafröfsröd,  af  Dr.  theol.  rector  Svb. 
Egilssyni.  —  32   und   28   SS.  in   8". 

1852 — 56  erschienen  meines  Wissens  lediglich  vom  Rector  Bjarni  Jonsson  redi- 
gierte, und  bei  dem  Buchdrucker  Einarr  Jjördarson  in  Reykjavik  gedi-uckte 
Rechenschaftsberichte,  ohne  irgend  welche  wissenschaftliche  Beigabe ;  ich 
halte    die  Angabe    ihrer  Seitenzahlen    für  überflüssig,    bemerke   übrigens, 


Schule  (Sköla-skyrslur)  die  Programme  zu  begleiten ;  warum  im  Jahre  1841  der  Bericht 
allein  ausgieng,  ist  aus  den  Eingangsbemerkungen  zu  entnehmen.  ^'')  Ich  erwähne 

fortan  der  sköla-skyrslur  nicht  mehr,  die  übrigens  für  die  Lilterargeschichte  der  Insel 
nicht  ohne  Werth  sind;  sie  sind  bis  zum  Jahre  1846  einschließlich  von  Jon  Jönsson 
verfasst.  ^'    Als  Druckort  figuriert  von  jetzt  ab  Reykjavik,  und  als  Drucker  wird 

wieder  Helgi  Helgason   genannt,   wie  auch   im   folgenden  Jahre.  ^*)  Von  hier  ab 

sind  die  sköla-skyrslur  von  Dr.  Sveinbjöm  Egilsson  verfasst,  und  zwar  bis  zum  Jahre 
1851  einschheßlich.  ^')  Das  Programm  von  diesem  und  dem  letztvorhergehenden 

Jahre  liegt  mir  nicht  als  solches,  sondern  nur  in  der  bekannten  Separatausgabe  vor, 
und  die  Skyrslur  beider  Jahre  fehlen  mir  völlig;  die  Seitenangabe  bezieht  sich  somit 
auch  nur  auf  jene  Ausgabe.  Jon  })orkelsson  schreibt  mir,  daß  jene  beiden  Programme 
überhaupt  nicht  mehr  zu  bekommen  seien,  da  Rector  Bjarni  Jönsson  die  ganze  Auflage 
derselben  nach  Dänemark  geschickt  hat.  *^)  Vgl.  Miuisterialschreiben  vom  25.  Sep- 
tember 1850  in  der  Lovsamling,  XIV,  S.  619,  und  Jon  Ärnason  in  dem  Lebens- 
abrisse, welchen  er  den  Rit  Sveinbjarnar  Egilssonar,  Bd.  TI,  vorangesetzt  hat,  S.  XL 
bis  XLI. 


LITTERATUR.  447 

daß  sie  mehrentheils  erst  im  nächstfolgenden  Jahre  erschienen/  oder  doch 
lange  nach  der  Festlichkeit,  zu  welcher  sie  einladen  sollten.  Sie  tragen 
übrigens  auch  nur  den  Titel  „Skyrsla  um  hinn  Iserda  sköla  i  Reykjavik" 
u.    6.  w. 

1N57  (1858).  Synishorn  af  ütleggingu  af  norroi'nu  ;'i  ensku  og  frakknesku.  (S.  47 
bis  55).  --   56  SS.   in   8". 

1858.  Synishorn  u.  s.  w.   (S.   47—55.)   56   S.   in    8«  ''% 

1859   (1860)  und    1860  Bloße  Rechenschaftsberichte. 

1861  (1862).  Athugascmdir  vi(t  Islenzka  mälmyndalysing  eptir  Iversen,  gjördar 
af  Jöni  })orkeIssyni.  (S.   51  —  71.)  —   72  SS.  in  8**. 

1862.  Bloßer  Rechenschaftsbericht. 

1863.  Um  r  og  ur  i  nirtrlagi  orda  og  orclstofna  i  islenzku,  eptir  Jou  jiorkels- 
sou.   —  32  und  160  SS.  in  8"-*^). 

1864.  Bloßer  Rechenschaftsbericht. 

1*^65.  Austurför  Kyrosar  eptir  Xenofon.  islenzkud  af  Halldöri  Kr.  Fridriks- 
syni   og  G-isla  Magnüssyni.    —    80  und   66   SS.   iu   8". 

1866.  Austurför  Kyrosar  eptir  Xenofon   u.  s.  w.   p.   81 — 160. 

1867.  Von  diesem  Jahre  ist  mir  nur  die  Skyrsla  zugekommen;  da  iudeß  durch 
eine  Ministerialentschlicßung  vom  30.  August  1865"'^)  die  Genehmigung 
ertheilt  wurde,  die  obige  Übersetzung  der  Anabasis  in  drei  Theileu  als 
Schulprogramm  zu  veröffentlichen,  wird  wol  der  Schluß  dieser  Übersetzung 
dem  Rechenschaftsberichte  dieses  Jahres  beigegeben  worden  sein. 

1868.  Skyringar  k  visum  i  nokkurum  islenzkum  sögum,  samdar  af  Jöni  \>  ov- 
kelssyni.  —  48  und   G4   SS.   in   8"^®). 

1869.  Ein  bloßer  Rechenschaftsbericht,  welchem  unter  dem  Titel  „Vidbsetir  vid 
registur  yfir  bökasafn  Reykjavikur  Is^rda  sköla  sidan  1862"  ein  Nachtrag 
zu  dem  im  Jahre  1862  von  Jon  Arnason  herausgegebenen  Verzeichnisse 
der  in  der  Schulbibhothek  entliallenen  Bücher  beigegeben  ist.  —  68  und 
92   SS. 

1870.  Skyringar  k  vi'sum  i'  Xjäls  sögu,  samdai  af  Jöui  }» or  kel  ssy  ni.  —  52 
und   32   SS.  in   8  . 

So  weit  1  eichen  bis  jetzt  die  Programme  der  isländischen  Lateinschule. 
In  den  43  Jahren,  welche  hier  überhaupt  in  Betracht  kommen  (1828 — 70), 
ist  demnach  eines  zu  nennen,  in  welchem,  so  viel  mir  bekannt,  überhaupt  kein 
Programm,  weder  wissenschaftlichen  noch  administrativen  Inhaltes  erschienen 
ist  (1850;;  in  11  Jahren  sind,  so  viel  ich  v/eiß,  nur  Rechenschaftsberichte  über 
den  Zustand  der  Schule,  aber  keine  wissenschaftlichen  Arbeiten  veröffentlicht 
worden:  1841,  1852-56,  1859—60,  1862,  1864  und  1869,  und  in  13  Jahren 
umgekehrt  nur  wissenschaftliche  Programme   ohne   administrativen   Inhalt  (1828 


*^)  Beide  Übersetzuugspioben  voiu  Kector  Bjarni  Jönssou  selbst,  welcher  auch 
ilif    Keclieuscliaftsberichte  verfasst    hat  vom  Jahre    1852    ab    bis    1867    einschließlich. 

")  Der  Bericht  des  Rectors  Bjarni  enthält,  §.  6 — 14,  eine  meines  Eraclitens  sehr 
unglückliche  Vertheidigung  gegen  Angriffe,  welche  er  wegen  des  Weglassens  des  wissen- 
schaftlichen  Theiles    in    seinem   Programme    in    isländischen    Blättern    erfahren    hatte. 

'')  Tidindi  um  stjöraarmälefni  Islands,  11,  S.  204.  "*)  Der  Rechenschafts- 

bericht für  dieses  und  die  folgenden  Jahre  vom  derzeitigen  Rector  Jens  Sigurdsson. 
ainem  Bnider  dc<  vielverdienten  Arcliivares  Jon  Sigurdsson  in  Kopenhagen. 


#ß 


LITTERATÜR. 


bis  1840),  darunter  in  dem  letzten  Jahre  (1840)  deren  zwei.  Von  den  32  Pro- 
grammen wissenschaftlichen  Inhalts,  welche  sich  hiernach  entziffern,  sind  6  dem 
philologischen  Gebiete  völlig  fremd,  nämlich  Björn  Gunnlaugsson's  Regeln  zur 
Berechnung  der  Bewegung  des  Mondes  (1828),  dessen  Bericht  über  die  Landes- 
vermessung auf  Island  (1834),  dessen  Tabellen  über  den  Gang  der  Sonne  auf 
Island  (1836),  dessen  naturphilosophisches  Gedicht  „Njola,"  d.  h.  Nacht,  wel- 
ches bis  auf  die  neuere  Zeit  herab  zu  so  manchen  Streitigkeiten  in  isländischen 
Zeitschriften  Veranlassung  gegeben  hat  (1842),  endlich  dessen  Anleitung  zur 
Sternkunde  (1845  und  46).  Wenig  Interesse  bieten  ferner  dem  ausländischen 
Leser  die  7  Programme,  welche  Sveinbjörn  Egilsson's  prosaische  Übersetzung 
der  Odyssee  enthalten  (1829 — 30,  1835,  38  und  39,  sowie  aus  dem  doppelten 
Jahre  1840),  die  isländische  Übersetzung  der  Anabasis  von  Halldörr  Fridriks- 
6on  und  Gi'sli  Magnussen  (1865 — 67),  sowie  Bjarui  Jonsson's  Übersetzungen 
einzelner  Sagenstücke  iu's  Englische  und  Französische  (1857  und  58).  Um  so 
interessanter  sind  dagegen  auch  für  uns  die  14  übrigen  Programme,  von  denen 
6  den  Rector  Sveinbjörn  Egilsson  (f  1852),  4  den  Dr.  Hallgn'mr  Scheving 
(t  1861),  endlich  4  den  Lehrer  Jon  Jjorkelsson  zum  Verfasser  haben. 

Sveinbjörn  Egilsson's  tüchtige  Handausgabe  der  Snorra-Edda  (1848 
bis  1849)  ist  Jedermann  bekannt,  so  daß  über  sie  kein  Wort  zu  verlieren  ist. 
Seine  Ausgabe  der  Olafsdräpa  Tryggvasonar  (1832)  ist  in  Munch  und  Unger's 
Oldnorsk  Lacsebog  reproduciert  worden,  und  in  diesem  Abdrucke  wol  auch 
ziemlich  verbreitet;  die  Verfasserschaft  Hallfred's  ist  freilich  inzwischen  bestritten 
worden  "'•').  Weniger  bekannt  dürfte  seine  Ausgabe  der  fragmentarischen  Placidus 
drapa  sein  (1833),  dann  seine  Ausgabe  vier  anderer  geistlicher  Lieder,  Harm- 
sol,  Liknarbraut,  Heilags  anda  vi'sur  (Bruchstück),  und  Leidarvisan  (1844), 
endlich  auch  seine  Ausgabe  der  Fragmente  der  j^orsdräpa  des  Eilifr  Gudrünarson 
und  der  Haustlaung  des  J:)j6d61fr  hvinverski  (1851),  welche  freilich  Sküli  JDorl- 
aci'us  beide  schon  vor  ihm  ediert  hatte.  Abgesehen  von  den  tüchtig  edierten 
Texten  bieten  auch  die  einleitenden  Bemerkungen,  dann  die  Anmerkungen,  wo- 
mit der  Herausgeber  dieselben  begleitet  hat,  gar  viel  des  Trefflichen,  wie  dieses 
von  dem  Verfasser  des  Lexicon  poeticum  nicht  anders  zu  erwarten  ist,  und  um 
derentwillen  werden  die  einschlägigen  Programme  auch  dann  noch  ihren  Werth 
behalten,  wenn  die  betreffenden  Texte  längst  in  andere  und  zugänglichere  Aus- 
gaben übergegangen  sein  werden. 

Von  Dr.  Hallgrfmr  Scheving  sind  zunächst  ebenfalls  zwei  Ausgaben 
von  älteren  Gedichten  zu  erwähnen,  nämlich  einmal  der  Hugsvinnsmäl  (1831) 
d.  h.  einer  isländischen  Bearbeitung  der  Disticha  de  moribus  des  Dionysius 
Cato,  deren  Original  denn  auch  der  Bearbeitung  in  der  Ausgabe  beigegeben 
wird,  und  zweitens  der  Forspjallsljöd  (1837),  oder  des  Hrafnagaldr  Odins. 
Sophus  Bugge  hat  letzteres  Lied  in  seiner  trefflichen  Ausgabe  der  älteren  Edda 
mit  erschöpfender  Umsicht  ediert,  und  zugleich  in  seinem  Vorworte,  S.  XLVI 
bis  IX,  meines  Erachtens  vollkommen  überzeugend  dargethan,  daß  dasselbe 
erst  im  Anfange  des  17.  Jahrhunderts  gedichtet  sein  könne;  immerhin  be- 
haupten aber  Dr.  Scheving's  Ausführungen  in  seinem  Vorworte,  zumal  S.  9 
und  fgg.,    dann  in  seinen  Anmerkungen    auch  jetzt   noch    ihren  hohen  Werth 


^')  Von    Gudbr  au  dr  Vigfüss  ou,    in    deu    Fonisögm*,    S.   XIII;    aber    aufh 
Möhius  setÄt  suhon  iu  steinern  Catalogus,  S.  135,  ein  Fragezeichen. 


LtTtEEÄtUif.  449 

Weiterhin  verdanken  wir  aber  demselben  erfahrenen  Kenner  und  treuen  Freuüde 
aller  volksthütnlichen  Züge  im  Leben  seiner  Landsleute  zwei  sehr  schätzbare 
Sammlungen  isländischer  Sprichwörter  (1843  und  47).  welche  eine  willkommene 
Ergänzung  des  älteren,  von  Gudmundr  Jöusson  veranstalteten  und  vom  Bök- 
menta-f61ag  herausgegebenen  ,,Safn  af  isleuzkum  ordskvidum,  fornma?lum"  etc. 
(1830)  bilden. 

Endlich  von  Jon  f)orkelsson,  dem  noch  in  rüstigster  Manneskraft 
wirkenden  Lehrer  und  Schriftsteller,  bringen  die  Programme  zunächst  eine 
Kritik  über  C.  Iversen's,  im  Jahre  1861  zu  Hadersleben  erschienene  „Kort- 
fattet  islandsk  Formlajre  for  de  forste  Begjndere"  (1861),  welche  sich  zwar 
nur  auf  eine  Reihe  ganz  vereinzelter  Punkte  einläßt,  diese  aber  auf  eminent 
solide  Weise,  nämlich  durch  Vorführung  sehr  reichhaltiger  Belegstellen  für  die 
einzelnen  in  Frage  stehenden  Wortformen  zu  erledigen  weiß.  In  ähnlich  gründ- 
licher Weise  wird  in  einer  zweiten  Abhandlung  die  Endung  -r  und  -ur  be- 
handelt (1863);  eine  dritte  aber  gibt  Auslegungen  einer  Reihe  schwieriger 
Verse  in  verschiedenen  Sagen  (1868),  nämlich  aus  der  Holmverja  s.,  Gunn- 
laugs  s.  ormstungu,  Heictarviga  s.  und  Landndma,  und  eine  vierte:  Auslegungen 
schwieriger  Verse  aus  der  Njäla  (1870),  Auslegungen,  welche  nicht  nur  das 
Verständniss  der  betreffenden  einzelnen  Strophen  berichtigen,  sondern  auch  die 
Lexicographie  der  älteren  isländischen  Dichtersprache  mehrfach  bereichern 
dürften. 

Ich  kann  nicht  von  dem  Gegenstande,  den  ich  hier  besprochen,  scheiden, 
ohne  einem  Wunsche  Ausdruck  zu  geben,  den  ich  in  Bezug  auf  denselben  auf 
dem  Herzen  habe.  Allerwärts  pflegen  Schulprogramme  mehr  als  andere  littera- 
rische Producte  der  Aufmerksamkeit  selbst  der  Männer  vom  Fache  sich  zu 
entziehen ;  allerwärts  sind  solche  einem  rascheren  Untergange  durch  die  Un- 
achtsamkeit derjenigen  ausgesetzt,  denen  der  Zufall  ihrer  äußeren  Stellung  sie 
im  ersten  Augenblicke  in  die  Hand  spielt.  Die  Entlegenheit  des  Landes,  die 
geringe  Zahl  seiner  Bewohner  sowol  als  der  Ausländer,  welche  für  deren  Sprache 
ernsteres  Interesse  zeigen,  die  höchst  mangelhafte  Beschaffenheit  endlich  der 
buchhändierischen  Verbindungen  mit  der  Insel  stellen  die  Programme  einer 
isländischen  Schule  in  beiden  Richtungen  noch  ganz  besonders  ungünstig. 
Möchte  es  den  Leitern  der  Lateinschule  zu  Reykjavik  gefallen,  für  eine  band- 
weise Ausgabe  der  erheblicheren  wissenschaftlichen  Programme  dieser  Anstalt 
je  nach  Verlauf  einer  längeren  Reihe  von  Jahren  Sorge  zu  tragen,  und  diese 
dadurch  auch  auswärtigen  Freunden  der  isländischen  Litteratur  leichter  zu- 
gänglich zu  machen;  das  Ausland  würde  von  solcher  Einrichtung  vielfachen 
Vortheil,  die  eigene  Heimat  aber  Ehre  und  Anerkennung  in  weiterem  Umkreise 
haben! 

MÜNCHEN,  den  26.  Mai  1870.  KONRAD  MAURER. 


ZenO,  oder  die  Legende  von  den  heiligen  drei  Königen.  Ancelraus  vom  Leiden 
Christi.  Nach  Handschriften  herausgegeben  von  August  Lübben.  Bremen 
1869.   8. 

Eine  neue  Ausgabe  des  Zeno  haben  wir  mit  großer  Freude  begrüßt.   Nicht 
nur   sprachlich  gehört  der  Zeno  zu  den  interessantesten  niederdeutschen  Dich» 


45(J  LITTERATUR. 

tungen,  —  aucli  stofflich,  sollte  man  meinen,  müsste  die  Legende  von  den 
heiligen  drei  Königen  des  Anziehenden  und  Wissenswerthen  genug  bieten.  Zu 
unserm  Bedauern  aber  hat  sich  der  Herausgeber  des  Zeno  der  einen  Hälfte 
seiner  Aufgabe  völlig  entschlagen:  er  hat  darauf  verzichtet,  „das  Gedicht  nach 
seinem  historischen,  resp.  sagenhaften  Inhalte  zu  untersuchen."  Damit  hat  aber 
der  Herausg.  gegen  ein  sehr  löbliches  Herkommen  Verstössen;  ja  noch  mehr: 
wir  fürchten  keinem  Widerspruch  zu  begegnen,  wenn  wir  es  für  die  unabweis- 
liche  Pflicht  eines  Herausg.  betrachten,  ein  Gedicht  historischen  oder  sagen- 
haften Inhalts  auch  nach  eben  dieser  Seite  hin  zu  erläutern  und  sich  nicht 
auf  die  „engsten  Grenzen  philologischer  Thätigkeit"  zu  beschränken.  Am 
Wenigsten  aber  sollte  man  sich   durch   einen  Mangel  an  Zeit  bestimmen   lassen ! 

Sonst  hat  im  Übrigen  der  Herausg.  den  philologischen  Theil  seiner  Ein- 
leitung sehr  eingehend  behandelt.  Ihm  lagen  bei  seiner  Bearbeitung  vier  Hss. 
vor,  zwei  niederdeutsche  und  zwei  hochdeutsche,  welche  unter  sich  in  keiner 
Abhängigkeit  stehen  und  ziemlich  selbständige  Eedactionen  bieten ;  es  war  also 
bei  der  Frage ,  welche  Hs.  der  Edition  zu  Grunde  zu  legen  sei ,  zunächst  zu 
untersuchen,  ob  da»  Original  ursprünglich  niederdeutsch  oder  hochdeutsch  ab- 
gefasst  war.  Das  Resultat  dieser  sehr  sorgfältigen  Untersuchung  ist,  daß,  so 
sehr  auch  „der  ganze  Habitus  so  zu  sagen  des  Gedichtes  niederdeutsch  ist," 
doch  ein  Schwanken  der  Formen  nicht  verk.annt  werden  kann,  eine  Ei-scheinung, 
die  sich  nach  der  Meinung  des  Herausg.  daraus  erklärt,  „daß  eine  ältere  Hand- 
schrift, die  auf  der  Gi'enzscheide  beider  Dialecte  mit  überwiegender  Hinneigung 
zum  Niederdeutschen,  etwa  am  Niederrhein,  geschrieben  ist,  allen  diesen  vier 
Handschriften  zu  Grunde  gelegen  hat."  Dieser  Auffassung  können  wir  uns  nur 
anschließen.  Auf  solche  niederrheinische  Vorlage  weisen  zunächst  sprachlich, 
dann  auch  sachlich  alle  Merkmale  hin ,  und  wo  dürfen  wir  denn  auch  unsere 
Vorlage  anders  suchen  als  im  heiligen  Köln?  Was  war  natürlicher,  als  daß  ein 
so  bedeutendes  Ereigniss,  wie  es  die  Transferierung  der  heiligen  drei  Könige 
für  Köln  war,  alsbald  seinen  Sänger  fand,  wobei  dann  die  Legende  von  Zeno 
den  natürlichen  Ausgangspunkt  bot.  Mit  diesem  Ereigniss  (1160)  wäre  dann 
auch  die  Abfassungszeit  der  ältesten  deutschen  Bearbeitung  des  Zeno  ziemlich 
scharf  bestimmt. 

Was  die  Ausgabe  selbst  betrifft,  so  wollen  wir  zunächst  anerkennen,  daß 
die  Herstellung  des  Textes  im  Ganzen  und  Großen  gelungen  erscheint:  offen- 
bare Fehler  sind  verbessert,  manche  verdorbene  Lesung  ist  wiederhergestellt 
und  der  Text  von  mancherlei  Schreiberzuthat  gereinigt.  Im  Einzelnen  aber 
können  wir  uns  mit  der  Art  zu  edieren,  wie  sie  Hr.  L.  befolgt,  nicht  ein- 
verstanden erklären.  Hr.  L.  hat  seiner  Ausgabe  die  hannoverische  Hs.  H  zu 
Grunde  gelegt,  „aber  ohne  ihr  damit  die  erste  Autorität  einzuräumen."  Da- 
gegen kann  man  natürlich  nichts  haben,  obwol  wir  für  die  Wolfenbütteler  Hs. 
(W)  mehr  Sympathien  haben ;  selbstverständlich  musste  bei  fehlerhafter  Lesung 
auf  W  zurückgegangen  und  manche  Lücke  in  H  aus  W  ergänzt  werden;  auch 
daß  den  Dresdener  (D)  und  Zeitzcr  (Z)  Hss.,  obwol  diese  schon  viel  ferner  lie- 
gen, ab  und  zu  ein  Einfluß  auf  die  Gestaltung  des  Textes  eingeräumt  wurde, 
ist  natürlich.  Aber  es  musste  doch  die  Hs.  H,  wenn  einmal  gewählt,  die  Grund- 
lage bilden,  von  der  nur  da  abzuweichen  war,  wo  ein  zwingender  Grund  ver- 
jag;  die  Hs.  H  mit  aller  ihrer  Eigenthümlichkeit ,  nur  gereinigt,  musste  zum 
Abdruck   gebracht  werden,    und  alle  Abweichungen  in  Schrift  und  Lesung  ge» 


LITTERATUR.  451 

hörten  in  die  Varianten,  welche,  wenn  sie  recht  vollständig  gegeben  werden, 
einen  ,, synoptischen"  Abdruck  der  verschiedenen  Texte  überflüssig  machen, 
Die  Richtigkeit  dieses  Verfahrens  scheint  auch  Hr.  L.  im  Princip  anzuerkennen, 
nur  gestaltet  sich  bei  ihm  die  Sache  in  praxi  erheblich  anders.  Gleich  die 
ersten  Zeilen  des  Gedichtes  mögen  als  Probe  dienen.  Es  lauten  dort  die 
Anfangsverse  in  der  Lesung  von  H  folgendermaßen:  De  dat  gerne  vornemen,  j 
Wo  dat  de  hilligen  dre  koninge  to  lande  quemen,  |  De  schullen  dat  toeten  vorwär  etc. 
In  diesen  Versen  liegt  absolut  nichts,  was  einen  Herausg.  nöthigte,  an  seiner 
Vorlage  zu  ändern.  Dennoch  kann  Hr.  L.,  der  sich  „Änderungen  im  Text  nur 
sehr  sparsam  erlaubt"  und  der  Verlockung,  „das  metrische  Gefüge  besser  zu 
gestalten,''  aus  dem  Wege  gegangen  ist,  diese  Verse  unmöglich  passieren  lassen, 
sondern  schreibt  so :  We  dat  gerne  ivolde  vornemen,  |  Wo  de  hilgen  dre  konin'je  to 
lande  quemen,  \  De  schal  dat  weten  vorivär  etc.,  —  wobei  nichts  gewonnen,  wol 
aber  durch  das  gestrichene  dat  eine  sehr  charakteristische  Wendung  verloren 
und  durch  das  geänderte  de  und  eingeschobene  wolde  der  Reim  verschlechtert 
wird,  indem  das  bessere  vornemen  (:  quSmen)  einem  vornemen  weichen  muß. 

V.  59  liest  H:  unde  schnede  also  ein  kint  düt.  Was  hat  es  für  einen 
Zweck,  fragen  wir,  schrlede  zu  streichen  und  wenede  zu  setzen?  Etwa  bloß, 
weil  wenede  noch  ein  paar  Male  vorkommt?  Was  die  Änderung  düt  in  döt 
anlangt,  so  läßt  sich  auch  hier  kein  genügender  Grund  beibringen,  da  es  eine 
entschiedene  Eigenthümlichkeit  der  Hs.  H  ist,  .sich  der  Formen  müt  (505.  661), 
vürde  (547),  grüt  (1392),  bedrüvet  (101.  661)  etc.  zu  bedienen.  Ist  doch  die 
Schreibung  gut  die  allgemein  herrschende  geworden. 

V.  162  heißt  es  in  H:  vil  schere  se  to  der  dore  quam.  W^as  in  aller  Welt 
kann  den  Herausg.  veranlassen,  dafür  wo  dräde  zu  setzen?  Ist  denn  schere  ein 
anrüchiges  Wort?  Fast  möchte  es  so  scheinen,  denn  v.  263  ist  abermals  in  H 
die  Lesung  lil  schere  getilgt  und  dräde  in  den  Text   gesetzt. 

V.  187.  Warum  ist  die  Lesung  he  wart  to  male  vrn  in  H  unzulässig? 
Hr.  L.  ändert  in  ran  herten  vro. 

V.  248.  We  willen  (oder  meinethalb  en  willen)  des  nicht  Pden  ist  ein  tadel- 
loser Vers;  dadurch,  daß  Hr.  L.  eigenmächtijr  nicht  mir  liden  liest  —  wozu 
keine  Hs.   einen   Anlaß  bot  —  ist  der  Vers  metrisch  verdorben. 

V.  272  bietet  einen  ganz  analogen  Fall.  Die  Lesung  in  H  ist  fehlerlos: 
Ik  en  wil  drinken  noch  eten,  Ik  ivil  de  wärheit  weten.  Hr.  L.  aber  glaubt  aus 
einer  —  ohnehin  lückenhaften  —  Hs.  ein  des  und  aus  einer  andern  ein  erst 
zusammenstoppeln  zu  müssen,  und  liest  nun:  ik  loil  des  erst  de  wärheit  weten, 
W^elcher   Vers   besser  ist,   überlassen   wir  dem   Leser  zur   Beurtheilung. 

V.  289.  Zeno  wird  vom  Bischof  benachrichtigt,  daß  draußen  für  ihn  ein 
hochwichtiger  Brief  liege.  H  schreibt  hier:  Dö  wart  Zeno  crö  shi  möt  ^  Und  tö 
lopende  he  sik  hnf:  \  He  häkle  den  bref  etc.  Diese  Lesung  muß  Hr.  L.  wol  für 
ganz  unmöglich  halten,  denn  er  componiert  sich  eine  andere  mit  Hülfe  der 
Hs.  D:  unde  im  ivandelte  wedlr  sin  blüt,  und  liest  nun  v.  29'":  unde  kpende 
sin  llöt.  Wie  stimmt  das  zu  den  „nur  höclist  sparsam"  erlaubten  Änderungen 
im  Text  p.  XVI?  Sollte  Hr.  L.  etwa  Ans  oß  nehmen  an  der  Assonanz  möt  : 
höf,   so   wüiden   wir  ihn   auf  p.   XV   seiner  Einleitung   hinweist  n. 

V.  324.  H  hat:  und  hören  sik  hen  mit  yrotem  schalle.  Hr.  L.  setzt  dafür: 
unde  gingen  hen  e^^c.  Wo  hier  eine  Nöthigung  zu  ändern  liegt,  ist  scL.  r  zu 
sehen ;  so  viel  aber  scheint  gewiß,  daß  Hrn.  L's  Verbesserung  recht  "^    ftlos  ist. 


452  LTTTERATUK. 

V.  413.  Se  (jink  hiden  de  stat  up  den  graven  ist  unseres  Eraclitens  eine 
durchaus  verständliche  Lesung,  die  einer  Änderung  se  gink  Cd  dem  dore  up  d.  g. 
ganz  und  gar  nicht  bedürftig  ist. 

V.  504.  Ebenso  scheint  uns  der  Vers:  dat  gl  den  lof  vnd  ere  hdn  so  völlig 
richtig,  daß  eine  förmliche  Manie  dazu  gehört,  hier  zu  ändern:  dat  gr  des  schullen 
ere  hän. 

V.  979.  H  lautet:  Dat  ivas  mt  ungelucl;e  rorwur^\Dat  !k  dat  wort  sprak 
opcnhar.  Wir  finden  au  diesen  Versen  nichts  auszusetzen,  denn  eine  kleine  metrische 
Unebenheit  lernt  man  im  Niederdeutschen  übersehen.  Weshalb  daher  Hr.  L. 
so  bedeutend  ändert,  bleibt  unklar,  zumal  da  er  keine  Hs.  anführt,  mit  der  er 
seine  sog.  Emendation  stützen  könnte.  Hr.  L.  liest  nämlich:  It  v:as  mi  ein 
ynluckich  dach,  \  Dat  ik  dat  vnrt  jü  sprak ^  ein  Vers,  der  übrigens  metrisch 
gleichfalls  nicht  Stich  hält. 

V.  1163.  D6  dat  te.ken  dar  schacl,  \  Jegen  den  trnn  he  upwart  sach  heißt 
es  in  H.  Hr.  L.  schreibt:  Do  he  dnsfiC  fekene  sach,  |  Jegen  ....  upinert  sprak.  Es 
ist  nur  von  Einern  Zeichen  die  Rede,  eine  Änderung  also  gar  nicht  geboten. 
Upwart  entspricht  durchaus  der  mundartlichen  Färbung  der  Hs.  H,  welche 
a  vor  r  besonders  liebt  —  s.  z.  B.  market  v.  17.  arfgut  v.  517.  532  —  und 
deshalb  besser  beibehalten  wird. 

V.  1181.  Do  de  hischop  dat  vornam,\Dat  her  Zeno  fö  lande  quam  etc. 
ist  die  Lesung  in  H.  Wir  fordern  Jeden  auf,  uns  zu  sagen,  weshalb  der  Hs. 
nicht  gefolgt  werden  soll.  Augenscheinlich  ist  es  nur  das  bon  plaisir  des  Hrn.  L., 
wenn  er  eine  totale  Änderung  vornimmt,  nämlich:  Do  dem  bischoppc  de  bode 
quam,  |  Den  drom  he  dö  to  herten  nam  etc.,  eine  Änderung,  die,  bei  dem  völligen 
Schweigen  der  Varianten,  gar  nicht  einmal  auf  Hss.  gestützt  erscheint.  In  dem 
nun  folgenden  Verse  ist,  beiläufig  bemerkt,  das  einfache  bot  der  Hss.  in  enbot 
geändert  und  die  Reihenfolge  der  moniken  und  kanoniken  vertauscht,  —  man 
möchte  glauben  aus  Spielerei,  denn  ein  Grund  ist  nicht  ersichtlich. 

V.  1236.  Alle  de  hilligen  de  in  dem  himmel  sint  liest  H  und  AI  de  hilgen 
de  mit  godde  sint  liest  W.  Es  kann  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß  der  Hs.  H 
zu  folgen  ist,  da  sie  zu  Grunde  liegt  und  in  keiner  Weise  verdächtig  ist; 
völlig  unberechtigt  ist  daher  die  Aufnahme  der  Lesung  W.  Nahezu  komisch 
wirkt  die  Pietät  des  Herausg. ,  der  alle  de  hilligen  (H)  beibehält,  —  W  hat 
al  de  hilgev,  —  sonst  aber  den  Vers  mir  nichts  dir  nichts  ändert.  Hr.  L.  war 
doch  V.  2  nicht  so  schüchtern,  sondern  schrieb  ruhig  hilgen  gegen  handschrift- 
liches hilligen'i  Und  wie  gewissenhaft  Hr.  L.  darauf  bedacht  ist,  in  dem  Text, 
den  er  willkürlich  ändert,  keinen  Verstoß  gegen  die  Mundart  der  Hs.  zu  machen ! 
Er  schiebt  aus  W  die  Worte  de  mit  godde  ein  und  verstümmelt  die  Hs.  H, 
aber  er  trägt  doch  Sorge,  daß  die  Form  godde  modificiert  wird,  weil  H  gewöhn- 
lich gode  schreibt!  Doch  wir  kommen  auf  die  Mundarten  zurück. 

V.  1393.  Was  für  ein  Grund  liegt  vor,  die  Lesung  H:  edd  Jiere  in 
eddele  keiser  (W)  zu  verwandeln? 

V.  1481  fi".  Diese  Stelle  ist  besonders  charakteristisch  für  das  Verfahren 
des  Hrn.  L.  In  H  lauten  diese  Verse:  Ik  dö  di  dtlhaft  \  Miner  geistliken  kraft:  | 
De  vmlt  dede  ml  is  gegeven  |  De  wUe  dat  ik  mach  leven.  Der  Bischof  von  Köln 
nimmt  also  den  Kaiser  in  die  geistliche  Brüderschaft  auf,  wozu  er  die  Gewalt 
hat.  Die  Stelle  scheint  ganz  klar  und  zweifelsohne.  Hr.  L.  aber  fühlt  sich 
beunruhigt  dadurch,   daß  die  Auturität  des  Papstes  nicht  genügend  gewahrt  ist; 


LITTEKATUR.  453 

er  schreibt  schlankweg:  de,  mi  de  päwea  lieft  gegeven,  ohne  ehie  handschriftliche 
Lesung  für  seine  Emendatiou  beizubringen!  — 

Wen  unser  Verzeichnis  etwas  lang  dünkt,  der  nehme  die  Versicherung, 
daß  wir  dasselbe  mit  Leichtigkeit  verdoppeln  und  verdreifachen  könnten,  nament- 
lich wenn  wir  auch  die  zahlreichen  Stelleu  einer  Besprechung  unterwerfen  wür- 
den, wo  bloß  ein  Wort  geändert  ist,  wo  z.  B.  fruntliken  für  vroliken  (218), 
heren  für  grcven  (237),  unde  für  he  (360),  bagine  für  siister  (420)  gesetzt  ist, 
wo  lachen  in  scräken  (442),  bringen  in  nemen  (464),  walt  in  macht  (1295), 
vorstä  in  vornim  (1362)  etc.  verändert  ist,  ohne  daß  ein  vernünftiger  Grund 
vorliegt.  Eines  aber  müssen  wir  noch  berühren,  weil  wir  besonderen  Werth 
darauf  legen:  wir  meinen  die  Stellung,  die  Hr.  L.  in  seiner  Ausgabe  den  mund- 
artlichen Formen  gegenüber  einnimmt. 

Wer  überhaupt  die  niederdeutschen  Mundarten  etwas  näher  betrachtet, 
der  muß  wahrnehmen,  daß  das  Gesammtgebiet  niederdeutscher  Zunge  viel  mannig- 
faltiger schattiert  ist  als  man  zu  glauben  pflegt.  Wir  sprechen  hier  nicht  von 
den  ganz  groben  und  in  die  Ohren  fallenden  mundartlichen  Unterschieden, 
wie  z.  B.  tk  und  ik  u.  dgl. ;  aber  es  gibt  doch  auch  sehr  subtile  Unterschei- 
dungen, deren  sich  nicht  Jeder  bewusst  wiid,  ohne  daß  man  ihm  daraus  einen 
Vorwurf  machen  könnte.  Wir  würden  es  z.  B.  für  leichtfertig  halten ,  Jeman- 
dem die  Kenntnis  des  mecklenburgischen  Dialectes  absprechen  zu  wollen,  bloß 
weil  er  den  dat.  pl.  cn  und  ene  promiscue  gebraucht  hätte,  —  und  doch  hat 
Nerger  in  seiner  trefflichen  Grammatik  des  meckl.  Dialectes  dargethan,  daß 
die  Form  ene  in  der  mecklenburgischen  Mundart  unzulässig  ist  (§.  1 4.5),  wäh- 
rend in  dem  engbenachbarten  Hamburg  beide  Formen  sich  finden.  (S.  Van  d. 
holte  des  hill.  Cruzes  meiner  Ausg.  im  Wörterbuch  s.  v.  he.)  Die  nieder- 
deutschen Mundarten  bedürfen  noch  sehr  detaillierter  Forschung,  bis  wir  zur 
klaren  Unterscheidung  ihrer  Gebifete  gelangen:  an  seinem  Theile  dazu  mitzu- 
wirken, sollte  jeder  Herausg.  als  seine  Pflicht  betrachten.  Dazu  gehört  aber 
vor  allen  Dingen  nicht  ein  Verwischen  und  Gleichmachen  mundartlicher  Unter- 
schiede :  im  Gegentheil  hat  der  Herausg.  der  Mundart  in  allen  ihren  Schattie- 
rungen und  Nuancen  nachzugehen.  Nur  durch  engstes  Anschmiegen  an  die 
Vorlage  wird  es  möglich,  nach  und  nach  das  Gebiet  eines  Lautes,  einer  Form 
fest  zu  bestimmen. 

Wir  würden  hierüber  gar  kein  Wort  yerlieren,  wenn  nicht  Hr.  L.  in 
seiner  Ausgabe  anders  zur  Sache  stünde.  Wir  haben  schon  oben  Gelegenheit 
gehabt,  einer  besondern  Vorliebe  der  Hs.  für  die  Form  ü  statt  ö  zu  gedenken, 
und  wir  stehen  nicht  an,  hierin  eine  durchaus  berechtigte  Eigenthüralichkeit  zu 
erblicken.  Auch  die  Schreibung  itpwart  für  upioert  ist  bereits  erwähnt.  Ebenso 
verhält  es  sich  mit  einer  Menge  von  andern  Lauten.  Die  Hs.  H  liebt  ei  =  t 
(z.  B.  heit  13,  heilt  200,  reit  1527,  weit  1578  etc.)  —  doch  gewiß  nicht 
ganz  ohne  Grund,  sondern  weil  die  Aussprache  des  e  im  Sprachgebiet  der 
Hs.  H  eine  breitere  war;  ist  es  nicht  von  Interesse,  einer  reineren  Aussprache 
gegenüber  das  zu  constatieren?  H  schreibt  mit  besonderer  Vorliebe  a  für  o 
(z.  B.  apenhäre  335,  luven  :  daven  435,  aver  500,  have  :  lave  517,  laren 
828,  namen  1539  etc.)  —  abermals  ein  deutlicher  Beweis,  daß  da,  wo  H 
geschrieben  wurde,  die  Sprache  dem  a  zuneigte,  während  W  durchweg  o  schreibt. 
In  der  mecklenburgischen  Mundart  beginnt  dieses  Überwiegen  des  a  über  an- 
iäugliches  o  mit   dem  15.  Jb.    (Nerger  §.  28),  —  waon   begann  es  links   der 


454  LITTERATUE. 

Elbe?    Oder  war  diese   Aussprache  dem  Dialect  von  je  eigenthümlicb ?  Keines- 
falls, so   will  uns  scheinen,  dürfen  wir  der  Hs.   die  Lesung  o  aufzwingen. 

Ein    anderes  Beispiel.    H  schreibt    stemme  (161):    Hr.   L.   corrigiert    nach 
W  sfempne  und  läßt  auch   diese  Lesung  stehen,   nachdem  ihm  doch  durch  den 
Reim  stemme  :  grimme  (561)  der  Beweis  geliefert  ist,   daß  H  richtig  stemme  liest. 
Somit  haben  wir  also  einen  Mischmasch  verschiedener  Lesungen,  die  kein  Mensch 
für  etwas  Gutes  halten  wird.   Weiter:    die  Hs.  H  weist  durch  die  überwiegend 
gebrauchte  Schreibung  unt  im  Präfix  auf  eine  andere  Gegend  als  W  ,   —   was 
berechtigt  uns,   diese  Form  zu  Gunsten  von  ent  zu  opfern?  Beide  Hss.  H  und 
W  halten  u.  a.  fast    durchgehends  an  der  Schreibung  sc  fest  (z.   B.   scöne  15, 
we^kerinne    158,    eskeden   758   etc.)   —   warum    also    die    freilich  etwas  glattere 
Schreibung    seh    durchführen,  wenn    sich    beide  Hss.  weigern    und    die  offenbar 
ältere  Form  verloren    geht?  Warum    die  Formen  mi  dl  jü  allein  gelten  lassen, 
wenn  doch   einmal  nachgewiesenermaßen  die  Hs.  mik  (101.  154.  224),  dik  (287. 
352.     439),    fjik-    (1136)    braucht?     Über    das    leidige  Zuschneiden    nach    der 
Schablone!  Und  doch  möchte  das  noch  hingehen,   wenn  nur  wenigstens  Methode 
drin  wäre!  Wenn  Hr.  L.  durch   den  Reim  genöthigt  war.  Formen  wie  mik  und 
dik  aufzunehmen,   so  ist  es  thöricht,   dieselben,   da  wo  kein  Reim  steht,  zu  tilgen. 
Wollte  Hr.  L.   die  Form  om  durchführen,  wie  er  in  der  That  v.    1259   em   (H) 
in  om  ändert,   so  durfte   er  auch  v.    116   em  nicht  stehen  lassen.   Ebenso  wenig 
durfte  die  Form  desse  (560.    1356)  stehen  bleiben,  wenn  es  des  Herausg.   Absicht 
war,  was  ja  aus  den  andern  Änderungen  von    desse  in  dusse  (v.   6.    123.    757 
u.  öfter)  hervorzugehen  scheint,    die  Lesung  dusse  durchzuführen,  freilich  zum 
Schaden  der  Hs.  und  zum  Nutzen  keines  Menschen.    Noch  weiter:   H  kennt  in 
3.  sg.    praet.    nur    die  Form    heyunde.    Diese  Form    bevorzugt    auch  W,    doch 
findet  sich  dort  auch  zweimal  die  Lesung  heyan  (1209.   1605)  und  Hr.  L.   hat 
nichts  eiligeres  zu  thun,  als  die  beiden  hegan  aus  W  in  seinen  Text  zu  setzen, 
vermuthlich  weil  er    fürchtete,    seine  Leser    könnten    am  Ende  vergessen,    daß 
man   auch   manchmal   hegan  sagt.   Ganz  derselbe  Fall  ist  es  mit  der  3.  sg.  praet. 
künde,  welche  in  H  immer  künde,  in  W  immer  konde  lautet,  wie  Hr.  L.   selbst 
in  deip  Varianten  zu  v.   86   angibt.   Mit  dieser  Angabe  wäre  füglich   die  Sache 
zu  Ende;  indeß  scheint  es  Hrn.  L.   doch  leid  zu  sein  um  die  arme  Form  konde, 
und  so  setzt  er  sie  doch  noch  zu  guter  Letzt  in  den  Text  und  zwar  im  Reime 
konde  :  heyunde  (v.  1301)!  Ähnlich  ist  es  endlich  mit  dem  Gebrauch  der  Formen 
fink  und  fenk,  hink  und  henk  etc.   Beide  Formen  kommen  in  H  wie  in  W,  und 
zwar   ungefähr  gleich   oft  vor,   —  natürlich  hatte  der  Herausg.   der  Lesung  zu 
folgen    und  die   Varianten    in   W  anzugeben.    Statt  dessen  hat  sich  Hr.  L.  bei 
dem   Bewußtsein  beruhigt,   daß  beide  Formen  gebräuchlich   seien,   und  setzt  fink 
und  fenk  etc.   darauf  los,   wie  es  ihm  in  die  Feder   kommt.    Sachlich  mag  das 
ja  in  diesem  Falle    einerlei    sein ;    für    einen  Editor  aber  ist  es   immerhin  eine 
sonderbare   Praxis. 

Einige  Worte  müssen  wir  noch  über  die  Längenbezeichnung  des  Hrn.  L. 
sagen.  Er  stützt  sich  hier  wie  bei  seinen  früheren  Ausgaben  mit  seiner  Methode 
auf  die  Autorität  von  Jacob  Grimm,  Grammatik  l'*,  251  f.  Daß  J.  Grimm  in 
diesem  Falle  einem  Irrthum  unterlag,  darüber  möge  man  Nerger  a.  a.  0.  §.  33 
nachsehen.  Zugegeben  aber  auch,  Hr.  L.  wäre  im  Princip  im  Rechte,  so  müssen 
wir  doch  verschiedene  Verstösse  gegen  eben  dieses  Princip  constatieren:  es  ist 
iw  lesen  ok  (47   u.  oft),  moste  (64  u.  oft),  Mr  (94  u.  c),  mer  (96  u.  c),  erst 


LITTERATUE.  455 

(397   u.   0.),  gutlik   (313,   vielleicht  nur  ein  Druckfehler),  gunde  :  stände  (723), 
most  (804),  süf  :  tut  (1048),  Mlden  (1084),  vel  (1230). 

SchlieLUich  beiläufig  und  in  aller  Bescheidenheit  ein  paar  Anderungs- 
vorschläge. 

V.  63  heißt  es  vom  Teufel  in  Kindesgestalt:  He  soch  so  sere  ut  m'en 
hntsten  |  Dat  men  se  (d.  h.  der  Frau)  lauen  moste.  Mir  scheint  die  Lesart  luteti 
hesser:  man  musste  die  Frau  lassen,  weil  sie  beim  Säugen  Schaden  nahm;  die 
Fortsetzung  stimmt  dazu:  Se  wunnev  mennir/e  vrowen  edder  vyif\De  alle  vor- 
loren  ore  Vif. 

V.  212  scheint  mir  im  Ausdruck  etwas  ungeschickt:  ivent  he  de  swarten 
kinist  bcschrrf.  De  sir.  k.  heschr'wen  ist  hart;  wie  wäre  es  mit  der  Lesung 
hedr^ff 

V.  751  (H)  redet  davon,  daß  der  Teufel  in  des  Königs  Tochter  gefahren 
ist,  und  fährt  fort:  Is  de  konink  sus  nd  bi  Jiulden,\So  wart  mi  mm  arf  tvol 
gülden.  Hr.  L.  liest  nach  dem  Vorgang  von  D  und  Z:  Is  he  dem  k.  so  nä  bi  h. 
und  erklärt:  Steht  er,  der  Teufel,  so  hoch  in  des  Königs  Gunst.  Es  scheint 
durchaus  geboten ,  he  (der  Teufel)  in  se  (die  Tochter)  zu  ändern ;  es  würde 
dann  heißen:  Ist  sie  dem  König  so  viel  werth,  so  kann  ich  mir  durch  die 
Heilung  etwas  Tüchtiges  verdienen. 

V.  1348.  H  schreibt:  Unde  hüt  dem  bröder  tnen  vroliken  dn.  Die  Varianten 
bieten  keine  bessere  Lesung.  Wir  schlagen  vor:  unde  hat  den  hroder  vrolit  sm. 
Metrisch  ist  diese  Lesung  sicher  besser;  auch  im  Ausdruck  scheint  sie  uns 
fließender.  — 

Dem  Zeno  beigegeben  erscheint  hier  noch  ein  Gedicht,  welches  mit  dem 
Zeno  in  keinem  Zusammenhange  steht  und  nur  in  besonderer  Veranlassung 
gelegentlich  mit  abgedruckt  ist,  nämlich  das  aus  Schade's  Geistlichen  Gedichten 
vom  Niederrhein  (Hannover  1854)  bekannte  Anselmus  hoich,  in  niederdeutscher 
Fassung.  Dasselbe  beansprucht  in  sofern  ein  besonderes  Interesse,  als  hier  der 
Nachweis  geliefert  ist,  daß  unser  niederdeutsches  Gedicht  nicht  etwa  aus  dem 
Niederrheinischen  übertragen  ist:  vielmehr  liegt  hier  das  Origin.al  vor  und  das 
niederrheinische  Gedicht  erweist  sich  als  Copie.  So  mögen  also  die  beiden  Mund- 
arten in  Betreff  der  Originalität  der  Dichtungen  Zeno  und  Anselmus  abrechnen. 
Was  nun  das  Gedicht  anlaugt,  so  macht  dasselbe  einen  überaus  wohlthuenden 
Eindruck;  die  Erzählung  ist,  die  etwas  monotonen  Zwischenfragen  abgerechnet, 
durchaus  würdig  gehalten,  ja  stellenweise  nicht  ohne  poetische  Weihe,  dabei 
von  großem  Fluß  der  Diction.  Auch  der  Schreiber  verdient  alles  Lob:  die 
Überlieferung  ist  nahezu  musterhaft.  Hr.  L.  hat  keine  Ausgabe  des  Gedichtes 
veranstalten  wollen,  sondern  nur  einen  Abdruck  beabsichtigt,  —  zu  unserer 
Befriedigung:  so  weiß  man   doch,   woran  man  mit  seinem  Texte  ist. 

Was  Hr.  L.  dem  Abdrucke  hinzugefügt  hat,  ist  nur  wenig:  Berichtigungen 
und  Worterklärungen,  die  ganz  an  ihrem  Platze  sind.  Nur  Eines  sei  bemerkt: 
p.  145  steht  zu  v.  525:  Lies  07ie.  Diese  Besserung  von  one  statt  ome  scheint 
uns  so  durchaus  unzulässig,  ja  so  ganz  unmöglicli,  daß  wir  ohne  Weiteres  einen 
übersehenen  Di  uckfehler  annehmen. 

RUDOLSTADT.  KARL  SCHRÖDER. 


456  LITTERATUR. 

Regel.  Karl,   Die  Ruhlaer  Mundart  dargestellt.  Weimar,  Böhlau  1868.  VIII, 

314  S.  8". 

Bücher  wie  das  vorliegende  veralten  nicht,  darum  wird  eine  Anzeige  und 
Beurtheilung,  die  sich  nicht  unmittelbar  an  die  Zeit  seines  Erscheinens  knüpft, 
immer  noch   eine  gute  Stelle  finden  können. 

Schon  längst  ist  es  bekannt,  daß  Herr  Professor  Regel  in  Gotha  an  einem 
thüringischen  Idiotikon  arbeitet.  Daß  ein  solches  Werk  nur  langsam  reifen 
kann,  weiß  jeder  Einsichtige,  und  dennoch  wird  mancher  mit  einer  gewissen 
Ungeduld  die  endliche  Ausführung  jenes  Vorhabens  ersehnt  haben.  Denn  während 
die  Erforschung  der  mitteldeutschen  und  insbesondere  thüringischen  Dialecte 
recht  wacker  betrieben  wurde,  geschah  für  die  der  Gegenwart  und  jüngsten 
Vergangenheit  verschwindend  wenig.  Wie  eine  Mundartforschung  nicht  ohne 
historisch-grammatische  Grundlage  gedeihen  kann,  so  wird  die  Erkenntniss  der 
mundartlich  gefärbten  Sprache  der  Vorzeit  immer  unlebendig  bleiben,  wenn  ihr 
die  der  geschichtlichen  Entwickelung  und  des  heutigen  Gebrauchs  nicht  zu 
Hülfe  kommt.  Für  einen  ganzen  Studienkreis  also  ist  Eegefs  Unternehmen 
geradezu  eine  Nothwendigkeit. 

Werden  unsere  Wünsche  auch  noch  nicht  in  allernächster  Zeit  erfüllt,  bo 
haben  wir  in  dem  vorliegenden  Buche  über  die  Ruhlaer  Mundart  einen  Vorläufer 
jenes  umfassenden  Werkes  erhalten,  den  wir  freudig  willkommen  heißen  müssen. 
Einmal  um  seiner  selbst  willen,  dann  aber  auch  weil  er  uns  trotz  seines  mono- 
graphischen Charakters  ein  Bild  gibt  von  der  Anlage  und  der  Ausführung  des 
künftigen  gesammten  thüringischen  Idiotikons,  für  dessen  Vollendung  der  Ver- 
fasser nach  seinem  eigenen  Bekenntnisse  in  nicht  mehr  ferner  Zeit  die  nöthige 
Kraft  und  Muße  zu  finden  hofft. 

Ursprünglich  lag  es  nicht  im  Plane  Regel's,  mit  einer  Einzelstudie  vor 
Vollendung  und  Veröffentlichung  des  Hauptwerkes  hervorzutreten ,  sondern 
Anlaß  und  Anregung  zu  seiner  vorliegenden  Schrift  verdankt  er  dem  bekannten 
Reiseschriftsteller  Alexander  Ziegler,  welcher  ihn  für  ein  früher  von  ihm  in 
Angriff  genommenes  umfassendes  Werk  über  seinen  Geburtsort  Ruhla  zu  einem 
Beitrag  durch  eine  Abhandlung  über  die  Ruler  sprach  aufgefordert  hatte. 
Dieser  anfänglich  beabsichtigte  Beitrag  wuchs  aber  zu  einem  selbständigen 
Buche  an  und  fand  erst  nach  Überwindung  manigfacber  Hemmnisse  seinen  Weg 
an  die  Öffentlichkeit.  Für  uns  ist  diese  Wendung  des  äußern  Schicksals  der 
Arbeit  gewiß  erwünscht;  denn  inmitten  eines  umfassenden  culturgeschichtlichen 
und  topographischen  Werkes  hätte  diese  sprachliche  Studie  leicht  übersehen  und 
vergessen  werden  können. 

Wenn  irgend  eine  Volksmundart  verdient  und  geeignet  ist,  monographisch 
dargestellt  zu  werden,  so  ist  es  die  Rahlaer.  Denn  sie  ist  nicht  bloß  ein  be- 
sonderes Charakteristicum  eines  bestimmten  Dialects,  sondern  sie  ist  a;ich  des- 
halb so  eigenartig,  weil  sie  verschiedene  von  einander  abweichende,  wenn  auch 
vielfach  verwandte,  Idiome  in  sich  vereinigt.  Sie  ist  wol  eine  mitteldeutsche 
und  zwar  thüringische  Mundart,  aber  ihr  Grundcharakter  ist  hennebergisch,  also 
fränkisch,  also  auch  oberdeutsch.  Dazu  kommt  noch  eine  ganz  besondere  Eigen- 
thümiichkeit.  Das  Ruhlaische  nämlich  „bezeugt  durch  den  Sonderbesitz  einer 
nicht  ganz  unerheblichen  Anzahl  von  Wörtern  slavischer  Herkunft,  daß  ein  ur- 
sprünglich  an  diesem  Orte  vorhanden    gewesenes   sorbisches  Volkselement  auch 


LITTERATUR.  457 

nach  langer  Überwucherung  durch  den  germanischen  Hauptbestand  des  Stammes 
nicht  ganz  bis  auf  die  letzte  Spur  hat  aufgrezehrt  werden  können." 

Erheischten  diese  verschiedenen  Elemente  eine  eingehendere  und  ausge- 
dehntere Betrachtung,  als  sie  einer  einheitlich  organischen  Mundart  gewidmet 
zu  werden  braucht,  so  ist  die  vorliegende  Monographie  Regel's  auch  deshalb 
etwas  umfänglich  ausgefallen,  weil  der  Verfasser  sich  nicht  bloß  an  die  Fach- 
genossen wandte  und  durum  in  seiner  Darstellung  einer  ausführlicheren  Aus- 
drucksweise anstatt  einer  lakonischen  bedurfte.  Gerade  darin  liegt  aber  auch 
der  Hauptreiz  des  Buches.  Obwohl  ich  das  Hauptresultat,  welches  doch  von 
wesentlichem  Einfluß  auf  den  Umfang  sein  mußte,  im  Voraus  kannte,  wollte 
mir  doch  anfänglich  diese  Abhandlung  über  eine  einzelne  Mundart  etwas  zu 
weit  angelegt  erscheinen,  und  diesen  Eindruck  hat  das  Buch  wohl  auch  auf 
andere  gemacht.  Als  ich  aber  nicht  bloß  blätterte  und  hie  und  da  auch  hinein- 
sah, sondern  an  die  zusammenhängende  Leetüre  schritt,  habe  ich  gerade  in 
der  darstellenden  Weise  des  Buches  einen  besonderen  Vorzug  finden  müssen. 
Es  thut  wohl,  wenn  die  grammatischen  Thatsachen  auch  ihre  Ei'klärung  finden. 
wenn  sie  in  den  Zusammenhang  mit  andern  Erscheinungen  gestellt  werden.  Auf 
solche  Weise  hat  Regel  seine  Darstellung  belebt  und  ihre  Leetüre  zu  einer 
wirklich  genußreichen  gemacht. 

Dabei  ist  diese  Darstellung  auch  durchaus  wissenschaftlich.  Nicht  bloß 
der  heutige  Gebrauch  wird  uns  vor  Augen  geführt,  sondern  der  Verfasser  weist 
zugleich  wo  es  nöthi^  scheint  auf  die  ältere  Sprache  zurück.  Andererseits 
werden  die  gelehrten  Forschungen  vielfach  citiert,  welche  den  Gebrauch  in  der 
Kuhlaer  Mundart  bestätigen  oder  erklären  helfen.  So  hauptsächlich  Reinwald's 
hennebergisches  Idiotikon,  Vilmar's  Idiotikon  von  Kurhessen  nebst  Bech's  Nach- 
trägen, und  die  Arbeiten  Georg  Brücknor's  und  der  Gebrüder  Stertzing  über  die 
heunebergische  Mundart  in  Frommanns  Zeitschrift.  Beispiele  sind  reichlich  ge- 
geben, sowohl  einzelne  Formen  und  Worte  als  Redewendungen.  Zu  ihrer  Er- 
klärung ist  das  Schriftdeutsche  meist  beigesetzt,  nur  selten  begegnet  ein  Citat, 
welches  dem  unkundigen  Leser  unverständlich  sein  wird,  weil  ihm  die  Über- 
setzung mangelt.  Mitunter,  habe  ich  gefunden,  ist  die  Übersetzung  zu  frei, 
indem  sie  den  Sinn  wiedergibt,  ohne  das  Wort  herüberzunehmen  oder  zu  über- 
tragen. 

Die  Anordnung  des  reichhaltigen  Stoßes  ist  durchaus  angemessen  und 
dabei  übersichtlich.  Die  vier  Capitel  des  Buches  repräsentieren  zwei  Haupttheile, 
einen  grammatischen  und  einen  lexicalischeu.  Der  grammatische  behandelt  in 
drei  Capiteln  die  Laute,  die  Wortbildung  und  Wortbiegrung.  Das  vierte  Capitel 
„Wortvorrath"  handelt  zuerst  vom  volksthümlichen  Ausdruck,  dann  folgt  unter 
dem  lexicalischen  Wortschatz  die  Anführung  der  niclitgormanisclien,  dann  der 
einheimischen   Elemente. 

Unter  den  Lauten  bespricht  der  Verfasser  natürlich  zuerst  die  Vucale  und 
.sagt  da  im  Eingang  über  den  Ruhlaer  Vocalismus  im  Allgemeinen,  daß  er 
einen  Reichthum  und  eine  Manigfaltigkeit  zeige ,  welche  den  Dialeet  nicht  nur 
gegen  das  cisrentlich  Thüringische  und  Henncbergischc,  sondern  auch  gegen  die 
nhd.  Schriftsprache  hinsichtlich  der  lautlichen  Lebendigkeit  vielfach  in  ent- 
schiedenen Vortheil  setzen;  „denn  während  er  auf  der  einen  Seite  viele  der 
alten  Laute  mit  zäher  Treue  bewahrt  hat,  sind  ihm  durch  eine  Reihe  von  Um- 
gestaltungen zum  Theil  sehr  merkwürdiger  Art  viele  neue  Laute  zugewachsen, 


458  LITTERATUR. 

die  aber,  weil  sie  meist  mit  gesetzmäßiger  Consequenz  eintreten,  dem  Klang 
der  Mundart  nicht  den  widrigen  Charakter  zweckloser  Vergröberung  oder  Ver- 
wilderung, sondern  den  lebensvollen  Hauch  einer  wohlabgestuften  originellen 
Lautentwickelung  Terleihen." 

Erst  werden  „die  einfachen  Kürzen,"'  dann  „die  einfachen  Längen"  be- 
sprochen. Hier  heißt  es  unter  b):  „Hinsichtlich  des  aus  uo  verengten  «  steht 
die  Mundart,  sofern  nicht  auch  hier  Kürzung  oder  Ausweichung  eingetreten 
ist,  auf  rein  mitteld.  Stufe,  während  das  eigentlich  Thüringische  den  mhd.  Laut 
meist  in  seinem  üe  durchklingen  läßt."  So  viel  ich  beobachtet,  kommt  dieser 
Diphthong  üe  allerdings  vor  im  Thüringischen,  aber  daneben  auch  der  reine 
Vocal  ü  ohne  Nachschlag.  Und  wenn  ein  e  nach  u  zu  hören  ist,  so  fragt  es 
sich,  welcher  Consonant  folgt,  ob  seine  Aussprache  eine  vorhergehende  Pause 
erfordert  oder  nicht,  —  Unter  c)  werden  die  „alten  Diphthongen,"  unter  d) 
die  „Steigerung"  betrachtet.  Die  Steigerung  des  echten  ü  zu  au  zeigt  sich 
auch  im  Personalpronomen  dau  im  Gegensatz  zum  Mhd.  Aber  diese  Steigerung 
tritt  doch  wohl  nur  ein,  wenn  das  Pronomen  demonstrativ  steht,  was  kurz  liätte 
bemerkt  werden  können,  sonst  steht  die  Kürzung  de.  —  Es  folgt:  e)  Brechung, 
/)  Verdunkelung,  g)  Ausweichung  (ein  inhaltreicher  Abschnitt),  hj  Dehnung  und 
i)  Kürzung.  Hier  unter  Kürzung  heißt  es  im  Anfang:  „Das  mhd.  oder  auch  nur 
nhd.  A,  welches  vor  auslautendem  r  in  oi  ausgewichen  war,  tritt  vor  rn  in 
denselben  Wörtern  zu  reinem  a  gekürzt  wieder  hervor,  und  nun  folgen  Beispiele, 
die  besser  etymologisch  auseinander  gehalten  worden  wären.  —  Unter  6  werden 
die  Kürzungen  des  ie  respective  i  in  i  vorgeführt,  nach  ihnen  auch  se  gingen, 
vu-  fingen.  Diesen  Formen  gehen  die  Nebenformen  gengen ,  /engen  zur  Seite, 
weshalb  auf  e)  3.  (S.  20)  verwiesen  werden  konnte.  Diese  Beispiele  wären 
übrigens  besser  nicht  zuletzt,  sondern  im  Anfang  zu  nennen  gewesen,  weil  sie 
einen  sprachlichen  Vorgang  zeigen,  der  in  der  nhd.  Umgangssprache  sanctioniert 
ist.  Bei  der  Kürzung  des  ico  respective  u  in  u  hätte  in  gleicher  Weise  für 
die  Leser,  die  nicht  die  grammatischen  Verhältnisse  gleich  bei  der  Hand  haben, 
auf  die  nhd.  Wandlungen  von  Mutter,  Futter  als  Analogien  hingewiesen  werden 
sollen. 

Die  übci  sichtliche  Betrachtung  des  ruhlaischen  Umlauts  hat  der  Verfasser 
erst  am  Schlüsse  des  Vocalismus  gegeben,  weil  der  Umlaut  auf  den  verschieden- 
artigen Erscheinungen  desselben  ruhe  und  sich  nur  nach  deren  vorgängiger  Be- 
sprechung verständlich  darstellen  lasse.  Unter  1.  c)  wäre  eine  Trennung  der 
Beispiele  von  Vortheil  gewesen,  wo  der  Umlaut  Berechtigung  hat,  wo  er  auf 
Analogie  beruht,   wo  er  auf  eine  Nebenform  zurückgeht. 

Im  Consonautismus  werden  1.  die  Liquidae,  2.  die  Labiales  abgehandelt. 
Das  Ruhlaische  zeigt  hier  im  Widerspruche  gegen  die  thür.  Art  und  überein- 
stimmend mit  dem  Henueb.  eine  Abneigung  gegen  b  nach  Vocal  und  nach  l  und  r. 
Das  Beispiel  gdl  gelb,  dessen  mhd.  Form  gel  auch  angeführt  wird,  scheint  mir 
deshalb  nicht  hierher  zu  gehören,  weil  die  Form  ohne  b  alt  ist,  und  weil  das  h 
gar  nicht  organisch  ist,  sondern  erst  in  jüngerer  Zeit  aus  w  nach  dem  Gesetze 
der  Lautabstufung  verdichtet  wurde,  aber  nur  im  Nominativ,  d.  h.  im  Auslaut, 
während  das  w  in  der  Aussprache  trotz  der  Schrift  in  den  übrigen  Casus  im  Inlaute 
verblieben  ist.  In  diesem  Falle  weicht  auch  das  Ruhlaische  nicht  vom  Thüringi- 
schen ab.  —  Die  Form  A«  haben,  im  hatt,  ihr  habt,  (jehät,  gehabt,  stehen  aller- 
dings  etymologisch   auf  einer  Stufe  wie  drä,    traben,  gelät,   gelabt,    allein  die 


LITTERATUE.  459 

Syncope  und  die  Ausstoßung  des  i-Lautes  ist  schon  so  früh  vor  sich  gegangen, 
daß  hier  wohl  Alterthümlichkeit  anzunehmen  ist.  Diese  Formen  von  haben  hätten 
passend  im  Anfang  genannt  werden  können,  um  an  ihnen  als  an  einem  schrift- 
gemäßen und  zum  Theil  auch  noch  heute  gültigen  Beispiel  die  andern  auf  dem- 
selben Princip  beruhenden  Vorkommnisse  zu  erläutern.  —  Unter  den  Gutturalen 
wird  auch  der  Verhärtung  des  j  zu  q  gedacht  und  als  Beispiel  r/emiei-  -^^  jener 
angeführt.  Ist  dies  der  einzige  Fall?  —  Unter  den  Dentalen  kommt  der  Ver- 
fasser (S.  77)  auf  eine  ganz  besonders  interessante  Erscheinung:  zu  sprechen. 
Im  Ruhlaischen  wie  in  verschiedenen  Theilen  des  hennebergischeu  Dialects 
heißt  es:  äü  mutt ,  ihr  müPt,  ä  mvM,  er  mußte  u.  s.  w. ;  laft,  laßt,  ä  Uitt,  er 
läßt.  „Daß  hier,"  sagt  Regel,  „nicht  von  einer  nd.  Lautstufe,  sondern  lediglich 
von  Ausstoßung  des  .9,  z  vor  dem  f  die  Rede  sein  kann,  das  beweisen  die 
ruhl-  Grundformen  ich  müss,  mäi  müssen,  ich  lass,  mäi  lassen,  ä  liss,  er  ließ, 
sowie  der  klare  Wegfall  des  z  im  mhd.  Idzen  (er  läl  u.  s.  w.),  und  es  darf 
daher  auch  g.wiß  bei  dem  höchst  merkwürdigen  ruhl.  Prät.  Conj.  {ä,  litt,  er 
ließe,  me  litt,  man  ließe,  mäi,  sü  litten,  wir,  sie  ließen)  nicht  an  einen  Rest 
niedprd.  Charakters  gedacht  werden,  sondern  diese  Anomalie  kann  nur  aus 
Verirrung  des  Sprachgefühls  im  Anschluß  an  das  Präs.  ä  Uitt,  äü  latt  erklärt 
werden."  Ebenso  deutet  Re^el  den  mhd.  Infin.  mütten,  müssen  und  das  licnneb. 
Präs.  mrii  matte,  wir  müssen.  Bei  den  Präsens-Formen  mit  t  von  lassoi,  wird 
man  schwerlich  an  niederdeutsches  Element  denken ,  sondern  Alterthümlichkeit 
annehmen;  sie  wären  daher  bei  dieser  Erörterung  nicht  in  einer  Reihe  mit  den 
Formen  von  müssen  als  Beispiele,  sondern  nur  als  Analogien  und  Beweise  an- 
zuführen gewesen.  Es  handelt  sich  um  alle  /-Formen  von  müssen  und  den 
Conjunctiv  von  lassen.  Mir  waren  aus  der  hennebergischeu  Mundart  bis  jetzt 
nur  die  Formen  von  müssen  bekannt  und  ich  hielt  sie  allerdings  für  Reste  des 
Niederdeutschen.  Wenn  Regel's  Beweis  auch  nicht  zwingend  sein  kann,  da  es 
sich  um  Analogien  handelt,  so  glaube  ich  doch,  daß  er  diese  seltsame  Erscheinung 
treffend  gedeutet  und  erklärt  hat.  Anstatt  eine  Alterthümlichkeit  zu  sein,  ist 
nun  jede  dieser  Formen  eine  Neuerung.  Es  wäre  daher  nachzuspüren,  wann 
sie  zuerst  auftreten.  Dies  dürfte  aber  insofern  schwierig  sein,  als  sie  in  der 
Litteratur  und  in  urkundlichen  Aufzeichnungen  gewiß  vermieden  worden  sind.  — 
Auch  im  folgenden  Abschnitte  (5.  b)  findet  Regel  Anlaß,  mundartliche  Er- 
scheinungen etymologisch  zu  erklären.  Die  in  Thüringen  und  Henneberg  sehr 
gebräuchliche  Partikel  änn  in  der  Bedeutung  von :  denn,  wohl,  wird  gewöhnlich 
aufgefasst,  als  sei  sie  =  de7in,  in  welchem  das  d  durch  Aphäresis  abgefallen 
sei:  ebenso  bei  och  =  doch.  (Ich  habe  mir  dieses  och  immer  aus  jock  erklärt.) 
Regel  dagegen  sieht  in  änn  das  ahd.  Fragewort  eno,  enonn,  enoni,  in  och  die 
mhd.  Partikel  oht,  ot,  cht,  gibt  aber  eine  Vermischung  mit  denn  und  doch  zu. 
Im  Gebiete  der  Wortbildung  (Capitel  TI)  möchte  ich  das  als  besonders 
charakteristisch  hervorheben,  daß  im  Ruhlaischen  das  Suffix  -chen  für  die  Ver- 
kleinerungswörter herrscht  wie  im  Thüring.  und  Thür-Henneb.  und  im  Gegen- 
satze zum  Frank. -Henneb.    -le. 

In  der  Lehre  von  der  Wortbiegung  (Capitel  III)  wird  zuerst  das  Sub- 
stantivum  besprochen.  Ein  überaus  interessanter  Vorgang  in  der  Ruhlaer  Mund- 
art ist  die  Bildung  des  Dativs  in  der  starken  Singular-Declination.  Jeder,  der 
sich  mit  deutscher  Grammatik  beschäftiei-t.  muß  von  Regel's  Beobachtungen  die 
in  dieser  Weise  noch  niemals  gemacht  sind,  nothwendig  Kenntnis»  nehmen. 
Die  Flexion  -e  hat   der  Euhlaer  Dialect  aufgegeben. 


460  LITTERATUR. 

Hierin  stellt  sich  das  Ruhlaische  dem  Hennebergischen  zur  Seite,  während 
das  Thüringische,  wenn  auch  nicht  durchaus,  mit  dem  Meißnischen  an  der 
vollen  Form  festzuhalten  pflegt.  Während  in  der  Schriftsprache  und  so  auch 
in  vielen  Mundarten  durch  den  Abfall  des  e  der  Dativ  dem  Nominativ  und 
Accusativ  gleich  wird,  sucht  das  Ruhlaische  eine  von  dieeem  Casus  prägnant 
geschiedene  Form  zu  schaifen,  und  zwar  auf  dreierlei  Weise:  1.  durch  Vocal- 
kürzung,  beziehungsweise  Bewahrung  der  Kürze;  2.  durch  Vocalkürzung  und 
Consonantenveränderung;  3.  durch  Abwerfung  des  auslautenden  Gutturalen  ohne 
Veränderung  des  Stammvocals.  Was  aber  von  den  Gutturalen  gilt,  ist  zum  Theil 
auch  bei  den  Labialen  der  Fall,  darum  wäre  vielleicht  auf  p.  68.  69  zu  ver- 
weisen gewesen. 

In  der  Flexion  des  Zeitworts  ist  ebenfalls  eine  höchst  cigen4;hümliche 
Erscheinung  hervorzuheben.  Der  Infinitiv  nämlich  begegnet  in  drei  Formen: 
1.  die  gewöhnliche  ist  die  ganz  endungslose;  2.  dieser  endungslose  Infinitiv 
wird  ganz  regelmäßig  durch  das  alte  Präfix  ge-  zu  einer  zweiten  Form  verstärkt 
bei  den  Hülfszeitwörtern  können  und  mögen  (z.  B.  ich  Itin  mich  net  laut/  Cif- 
gehall,  ich  kann  mich  nicht  lange  aufhalten);  3.  die  dritte  Form  ist  die  auf 
-em,  -n,  und  diese  dritte  Form,  welche  sich  einmal  in  der  Verbindung  des  In- 
finitivs mit  zu,  sodann  nach  den  Zeitwörtern  bleiben  und  werden,  auch  nach 
sehen  und  hören  findet,  ist  nach  Eegel's  sicher  zutreffender  Ausführung  im 
ersten  Falle  der  Dativ  des  Infinitivs  (früher  auf  enne,  ene  ausgehend),  im 
zweiten  Falle  nur  scheinbar  der  Infinitiv,  vielmehr  ursprünglich   das  Part.  präs. 

Sehr  anziehend  ist  von  Kegel  über  den  volksthümlichen  Ausdruck  ge- 
handelt. Hier  werden  uns  eine  Menge  treffender  Redensarten ,  bildlicher  und 
formelliafter  Ausdrucksweisen,  Sprichwörter,  Wettersprüche  und  Zeitregeln  vor- 
geführt. In  einer  Wendung  scheint  mir  der  Sinn  zu  speciell  wiedergegeben  zu 
sein;  ü  säk  cCn  himmel  für  an  duidelsuk  {in  (er  sah  den  Himmel  für  einen 
Dudelsack  an)  wird  übersetzt:  war  so  betrunken,  daß  er  nichts  mehr  unterscheiden 
konnte.  Soweit  ich  diese  Redensart  kenne,  so  wird  sie  nicht  bloß  von  der 
Trunkenheit  gesagt,  sondern  überhaupt  von  dem  Zustande,,  in  welchem  einem, 
um  wiederum  einen  volksthümlichen  Ausdruck  zu  gebrauchen,  der  Kopf  brummt. 
So  heißt's  bei  Sommer  in  den  Bildern  und  Klängen  aus  Rudolstadt  von  dem 
Lehrjungen,  der  von  seiner  Meisterin  eine  Schelle  ei'hielt:  da  hafr  aber  änne 
Schalle  von  ir  kröcht,  dajfr  'n  Himmel  fer  änn  Dudelsack  hätt  möcht  ansih.  — 
Bei  Anführung  der  Sprichwörter  hätte  sich  vielleicht  die  Trennung  in  reimlose 
und  gereimte  empfohlen.  Die  Druckeinrichtung  wäre  hier  auch  übersichtlicher, 
wenn  diese  Sprüche  mit  ihren  Übersetzungen  nicht  fortlaufend  stünden,  sondern 
links  das  Ruhlaische,   rechts  das   Schriftdeutsche  seinen  Plate  fände. 

In  den  Verwünschungsformeln  finden  sich  Reste  heidnischen  Glaubens; 
hieran  knüpft  der  Verfasser  eine  Besprechung  solcher  Wörter  und  Wendungen, 
in  denen  alte  mythische  Vorstellungen  haften  geblieben  sind.  Regel  erwähnt 
auch  den  Härscheklds  (der  heilige  Nicolaus  und  Knecht  Ruprecht)  und  möchte 
den  ersten  dunkeln  Theil  des  sonderbaren  Wortes  aus  einem  zweiten  ebenfalls 
entstellten  Namen  z.  B.  Hieronymus  erklären.  Ich  habe  harsche  in  Tllurscheklas 
immer  für  das  Adjectiv  hfrsch,  herisch,  Bildung  von  htr  genommen,  in  der  Be- 
deutung von  heilig  =  sanct,  habe  aber  freilich  dafür  keine  Analogien  zur 
Hand,     Im  Hennebergischen  kommt  nur  daneben  vor:  Hersche-Rupperich,  d.  i. 


LiTTERATUß.  461 

der  Knecht  Kuprecht  (s.  Spieß,  VolksthümlicLtes  aus  dem  Fränkisch- Henne- 
bergischen S.    101  fg.). 

Die  nichtgermanischen  Elemente  im  lexicalischen  Wortschatze  der  Euhlaer 
Mundart  bestehen  zunächst  in  einer  Anzahl  von  lateinischen  oder  französischen 
Lehnwörtern,  welche  nach  Regel's  Urtheil  die  ruhl.  Mundart  wohl  zum  großen 
Theile  mehr  in  Folge  der  Meßreisen  und  des  ausgebreiteten  Gewerbeverkehrs 
der  Ruhlaer  als  in  Folge  des  gesteigerten  Fremdenbesuches  der  neuesten  Zeit 
aufzuweisen  hat.  „Viel  wesentlicher  aber  für  die  Beurtheilung  der  ruhl.  Mund- 
art ist  es,  daß  in  ihr  eine  Eeihe  von  ^Vörtern  erscheint,  welche  sich  zwanglos 
aus  dem  Slavischen  und  zwar  speciell  aus  dem  Böhmischen  erklären ,  während 
sie  sich  jeder  gesunden  Etymologie  auf  germanischem  Boden  hartnäckig  ver- 
schließen. Ihre  Anzahl  ist  nicht  groß,  aber  sie  sind  zum  Theil  so  eigenthümlich 
und  weisen  so  deutlich  auf  lange  Einbürgerung  in  Ruhla  hin,  daß  man  sie  als 
einen  unwiderleglichen  Beweis  für  ein  hier  altbestehendes  slavisches  Volkaelement 
ansehen  darf,"  Auch  der  Name  „Ruhl"  oder  vielmehr  „die  Ruhl"  läßt  sich 
ungesueht  aus  dem  Slavischen  eiklären  (s.  S.  157).  Die  Ruhl  ist  eigentlich 
„das   Feld".    Der   Ortsname    findet  sich   auch   noch   öfter  auf  slavischem    Boden. 

Das  Einheimische  im  lexicalischen  Wortschatze  dos  Ruhlaischen  nimmt 
den  verhältnissmäßig  größten  Raum  in  Regel  s  Buche  ein.  Die  Zusammenstellung 
ist  alphabetisch ,  dabei  ist  trotz  des  lexicalischen  Charakters  dieses  Theils  im 
Buche  jeder  Artikel  durch  die  zahlreich  beigebrachten  Beispiele,  durch  die  Ver- 
weisungen auf  ältere  oder  verwandte  Mundarten,  durch  die  Bestimuiung  der 
hennebergischen  oder  thüringischen  Heimat  eines  Wortes,  durch  historische  und 
culturhistorische  Fingerzeige  geradezu  unterhaltend  zu  nennen.  —  Zu  hatzen 
(S.  162):  Bei  mir  in  Meiningen  gilt  der  Batzen  5  Kreuzer,  der  Halbbatzen 
2-2  Kreuzer,  was  ziemlich  so  viel  ist  als  G  Pfennige,  wenn  Regel  nach  Gothaischen 
Pfenningen  gerechnet  hat,  aber  mehr,  wenn  man  6  leichte  Pfemiige  {=  1\  Kreuzer) 
oder  6  preußische  Pfennige  (=  \'\  Kreuzer)  annimmt.  —  Zu  berzel,  birzel 
(S.  1(54):  ist  im  Hennebergischen  (hier  hörzel)  nicht  der  Rücken,  sondern  nur 
das  Steißstück  der  Vögel.  Die  Beispiele,  die  Regel  anführt,  sind  als  Belege  für 
die  allgemeinere  Bedeutung  „Rücken"  nicht  zwingend,  berzelstück  ist  nur  über- 
tragen: die  Rückseite.  —  Zu  döitscher  (S.  173):  Die  Erklärung  Kartoffelgebäck 
ist  wohl  zu  allgemein.  Es  kommt  im  Hennebergischen  auch  die  Zusammensetzung 
vor:  Kartoffeldätscher \  c^äiscAer  geht  auch  auf  die  Form ;  denn  nicht  jedes  Gebäck 
ist  dätscher.  Eine  genauere  Erklärung  bei  Spieß  S.  6.  —  Zu  hütz  (S.  203). 
Die  Bedeutung  des  Wortes  =^  große  Menge  i«t  nl'ht  allein  thüringisch ,  sondern 
auch  hennebergisch.  —  Zu  äü^s  (S.  209):  Der  Hutes  ist  allerdings  vorzugsweise 
der  Kloß  von  rohen  Kartoffeln ,  aber  das  Wort  bezeichnet  auch  jeden  andern 
Kloß,  wie  auch  die  Zusammensetzungen  Kartoffelhütes  und  Mahl-(Mehl-)hütes 
zeigen.  Den  Segensspruch  «Jott  hüte's  möchte  ich  nicht  so  deuten  wie  Regel: 
Gott  lasse  uns  die  schwere  Speise  wohlbekommen ;  denn  schwer  ist  die  Speise 
nicht,  am  wenigsten  ist  es  der  Kloß  von  rolien  Kartoffeln,  der  zu  den  leicht- 
verdaulichsten Speisen  gehört,  sondern  der  Segensspruch  ist  ganz  allgemein  zu 
nehmen.  Da  die  Klöße  eine  häufige  und  beliebte  Speise  in  jener  Gegend  sind, 
auch  vielfach  ohne  Fleisch  oder  Braten  genossen  werden,  so  konnte  sich  leicht 
ein  Segensspruch  gerade  an  diese  Kost  anheften.  —  Zu  säft  (255):  Auf  S.  3 
ist  unter  den  einfachen  Kürzen  mit  a  auch  das  Wort  sacht  genannt;  im  Wörter- 

ÜERMANIA.  Neue  Ueihe  IV.  (X\J.)  JaUrg.  31 


462  LITTERATUR. 

buch  ist  es  nicht  mit  eingereiht  als  Artikel.  Dieses  niederdeutsche  Zwillingswort 
vom  hochdeutschen  mnft  ist  ziemlich  weit  südwärts  schon  vorgedrungen  auch 
in  die  Mundarten.  Über  seinen  Gebrauch  mögen  daher  die  Dialectforscher 
Beobachtungen  anstellen.  Regel  führt  unter  säft  =:  sanft  als  Synonym  die  Bil- 
dung Süchtig  an,  erwähnt  aber  das  einfache  Wort  sacht  nicht ;  darnach  scheint 
es  in  der  Kühl  nicht  heimisch.  —  Zu  schmorr  (S.  263):  Das  hess.-henneb. 
schmwgen ,  ohne  Noth  spuren  und  darben ,  ist  doch  auch  schriftgemäß ,  wenn 
auch  selten.  Hier  sei  nur  erinnert  an  die  Stelle  in  Göthe's  Ergo  bibamns:  „Und 
was  auch  der  Filz  von  dem  Leibe  sich  schmorfjt,  so  bleibt  für  den  Heitern  doch 
immer  gesorgt."  —  Zu  iväs  (S.  284):  Ist  was  im  Kuhlaischen  nur  allgemein: 
Tante?  Hat  sich  nicht  der  bestimmte  Begriff  „Vaters  Schwester"  erhalten,  und 
geht  nicht  daneben  mum  her?  —  An  vielen  Stellen  sind  in  Eegel's  ruhlaischem 
Idiotikon  schwierige  und  dunkle  Worte  zum  erstenmale  befriedigend  erklärt  und 
aufgehellt.  Ich  weise  in  dieser  Beziehung  auf  die  lehrreichen  Artikel:  dribsch 
(S.    177),  er  (S.    181),  hMich  (S.    207),  nach  nöden  (S.   244),  schärz  (S.   257). 

Der  Anhang  des  Buches  bringt  Kinderverschen'  und  andere  volksthümliche 
Verschen'.  Den  Schluß  bildet  Der  Riwwerskuchen',  ein  Gedicht  in  Ruhlaer  Mund- 
art von  Ludwig  Storch,  dem   bekannten  Dichter  und  Erzähler. 

In  der  Reihe  der  dialectologischen  Monographien  steht  Regel's  Darstellung 
der  Ruhlaer  Mundart  mit  obenan.  Wird  sie  dem  Dialectforscher  unentbehrlich 
sein,  so  werden  auch  alle  aus  ihr  Belehrung  schöpfen  und  sich  an  ihr  erfreuen 
können,  denen  eine  tiefere  Erkenntniss  der  deutschen  Sprache  und  des  deutschen 
Volksthums  am  Herzen   liegt. 

JENA,  August  1870.  REINHOLD  BECKSTEIN. 


Nachtrag  zu  S.  317—333. 

Zu  dem  von  Svend  Grundtvig  beigebrachten  Belege  für  den  Gebrauch 
des  Speeres  bei  einer  Hochzeit,  welche  in  Schweden  im  Jahre  1654  gefeiert 
wurde,  kann  ich  nunmehr  noch  einen  weiteren  fügen,  welchen  mir  Hr.  Dr.  Hans 
Olof  Hildebrand   Hildebrand  in  Stockholm  freundlichst  nachgewiesen   hat. 

In  Follstrup,  Beskrivning  om  Södermanland  (Stockholm,  1837) 
S.  79,  findet  man  nämlich  folgende  Angabe:  „Sedan  det  blef  aflagt  att  gifva 
hustrun  vapen ,  brukades  länge,  i  synnerhet  bland  de  förnäma,  tili  och  med  i 
Carl  XI.  tid  tili  ett  minne  deraf  att  andra  dagen  nedlägga  en  lans  prydd  med 
silkesband,  hvilken  sedan  af  nägon  af  marschalkarne  utkastades  genom  fönstret, 
tili  et  tecken,  at  inga  vapen  mellan  makar  mer  behöfdes.  Den  sista  gangen 
man  vet  att  detta  skett,  var  da  laudshöfding  grefve  Douglas  och  grefvinna 
Beata  Stenbock  blefvo  gifta  i  Stockhohn." 

Hr.  Dr.  Hildebrand  bemerkt  mir  dazu,  daß  Graf  Gustav  Douglas  am 
4.  August  1680  mit  Gräfin  Beata  Margaretha  Stenbock  sich  verheiratete.  Man 
sieht,  der  Vorgang  fällt  um  26  Jahre  später  als  der  von  Sv.  Grundtvig  er- 
wähnte, ist  diesem  aber  durchaus  gleichartig;  der  Name  des  vapnatak  wird  aber 
dabei  nicht  genannt,  und  die  Deutung,  welche  dem  Gebrauclie  gegeben  werden 
will,  mag  sie  nun  richtig  oder  falsch  sein,  führt  in  keiner  Weise  auf  dieses 
zurück.  Eine  weitere  Verfolgung  gerade  der  schwedischen  Rechtssitte  wäre  sehr 
erwünscht.  K.  MAÜßEB. 


463 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT 

DER 

ERSCHEINUNGEN  AUF  DEM  GEBIETE  DER  GERMANISCHEN 
PHILOLOGIE  IM  JAHRE  1870. 


KARL  BARTSCH*). 


I.   Begriff  uud  Geschichte  der  germanischen   Philologie. 

1.  Raumer,  Rudolf  v.,  Geschichte  der  germanischen  Philologie,  vorzugs- 
weise in  Deutschland,  gr.  8.  (XIl,  743  S.)  München  1870.  Oldenbourg.  3  Rthlr. 
6   Sgr. 

Auch  11.  d.  Titel:  Geschichte  der  Wissenschaften  in  Deutschland.  Neuere  Zeit. 
9.  Band.  —  Vgl.  Zeitschrift  für  deutsche  phüologie  3,  481—483  (Weinhold);  Blätter 
für  literar.  Unterhaltung  1871,  Nr.  2G  (Riickert);  Saturday  Review  Nr.  807, 

2.  Haym,  R. ,  die  romantische  Schule.  Ein  Beitrag  zur  Geschichte  des 
menschlichen  Geistes,  gr.   8.    (XII,   951   S.)   Berlin   1870.  Gärtner.   4  Rthlr. 

Enthält  einen  Abschnitt  über  die  germanistischen  Studien,  die  von  den  Roman- 
tikern angert'gt  wurden,  namentlich  der  Brüder  Grimm.  Vgl.  Literar.  Centralbl.  1871, 
Nr.   18 ;  Theolog.  Literaturblatt  Nr.  1 ;  Zeitschrift  für  Plülosophie  LVIII,  2  (Ulrici)  u.  s.  w. 

3.  Bouterwek.  —  Crecelius,  W.,  Karl  Wilhelm  Bouterwek.  Ein 
Nekrolog. 

Zeitsclirift  des  Bergischen  Geschichtsvereins,  5,  365 — 389. 

4.  Diemer.   —   Bartsch,  K.,  Joseph  Diemer. 
Germania  15,  460—462. 

5.  J.  Grimm.  —  Andresen,  Karl  Gust.,  Über  die  Sprache  Jacob 
Grimms,  gr.   8.   (VIII,   299   S.j  Leipzig  1870.   Teubner.   2%   Rthlr. 

Vgl.  Zeitschrift  für  deutsche  philologie  2,  376  (Weinhold). 

6.  HofFmann  v.  Fallersleben.  —  Wagner,  J.  M.,  Hoffmann  von  Fallers- 
ieben.  Nachtrag,   gr.   8.   (8   S.)  Dresden   1870.  Schönfeld.   4   Ngr. 

Abgedruckt  aus  Petzhold's  N.  Anzeiger  für  Bibliographie  und  Bibliothekswissenschaft. 

7.  Holtrop.   —  Campbell,  J.   A.  G.,  Levensbericht  van  J.W.  Holtrop. 
In:  Levensberichten  der  afgestorvene  medeleden  van  de  Maatschappij   der  Ned. 

Letterkvmde  te  Leiden.  Leiden  1870.  48  S.  . 

8.  Holtzmann.   —   Thal  er,  Karl  von,   Adolf  Holtzmann. ' 
Neue  freie  Presse  1870,  12.  Juli.  ,, 

9.  Professor  Holtzmann   f. 
Allgemeine  Zeitung  1870,  Beilage  188. 

10.  Koberstein.   —   Zacher,  J.,   August  Koberstein. 
Zeitschrift  für  deutsche  philologie  2,  507  —  515. 

11.  August  Koberstein. 

Allgemeine  Zeitung  1870,  Beilage  75.  ,:  , 

12.  R(ichter),  A.,  August  Koberstein. 
Illustrirte  Zeitung  Nr.  1400. 


*)  Mit  Unterstützung  meiner  Freunde  K.  Gislason,  Th.  Möbius,  E.  Verwijs, 

31* 


464  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

13.  liebrecht.  —  The  Hterary  labours  of  Dr.  Felix  Liebrecht.  A  con- 
tribution  towards  the  bibliography  of  the  science  of  comparative  mythology  and 
folk    lore. 

Trübner's  Americau  and  Oriental  literary  record  1870,  Nr.  57. 

14.  Pfeiffer.—  Schmidt,  Job.,  Pfeifferfeier  in  Bettlach  29.  Mai   1870. 
Germania  15,  252—260, 

15.  Schröer,  Bettlacher  Fest  sum  Andenken  Franz  Pfeiffers. 
Neue  Freie  Presse  1870,  7.  Juli. 

16.  Pfeifferfeier  in  Bettlach. 

Blätter  für  literar.  Unterhaltung  1870,  Nr.  44. 

17.  Roth.  —  Bartsch,  K.,  Franz  Roth. 
Germania  15,  108—109. 

18.  Schleicher.  —  Lefmann,  Privatdoc.  Dr.  Salom.,  August  Schleicher. 
Skizze,  gr.   8.   (VIII,   104  S.)  Leipzig   1870.  Teubner.   %  Rthlr. 

Vgl.  Heidelb.  Jahrbücher  1871,  Nr.  2  (Spiegel);  Saturday  Review  Nr.  768;  Zeit- 
schrift f.  Völkerpsychologie  7.  Bd.,  3.  Heft  (Stcinthal);  Allgem.  Liter.  Zeitung  1871, 
Nr.  14;  Blätter  f.  liter.  Unterh.  Nr.  43. 

19.  Wackernagel.  —  Zacher,  J.,  J.  6.  Wackernagel  und  L.  Sie- 
ber,  Wilhelm   Wackernagel, 

Zeitschrift  für  deutsche  philologie  2,  329—342. 

20.  Zur  Erinnerung  an  Wilhelm  Wackernagel.   8.  Basel   1870. 

21.  Blätter  ans  W.   Wackernagels  poetischem  Nachlasse. 
Monatsblätter  für  innere  Zeitgeschichte  von  Geltzer  1870,  S,  109—118. 

22.  Wilhelm  Wackernagel. 
Unsere  Zeit  1870,  14.  Heft. 

23.  R(ichter),  A,,  Wilhelm  Wackemagel. 
Illustrirte  Zeitung  Nr,  1358. 

24.  Wilhelm  Wackernagel.  ^ 
Beilage  des  Preussischen  Staats-Anzeigers  1870,  Nr.  22. 

25.  Wilhelm  Wackemagel. 
Allgem.  Kirchenzeitung  1870,  Nr.  4. 

26.  te  Winkel.  —  Bartsch,  K.,  Lammert  Allard  te  Winkel. 
Germania  15,  107—108. 

27.  R(ichter),  A.,    das    Grimm'scbe  Wörterbuch    und    seine   Fortsetzer. 
Illustrirte  Zeitung  Nr.  1411;  mit  Skizzen  nnd  Porträts  von  Hildebrand ,  Weigand 

und  Heyne. 

28.  Freybe,  A.,  Bericht  über  die  Sitzungen  der  germanistischen  Section 
der  XXVI,  Philologeuversammlung  zu  Kiel,  27.  bis  30.  Sept.   1869. 

Germania  15,  109—128. 

II.  Handschriftenkunde  und  Bibliographie. 

29.  Rieger,  Max,  Reste  altdeutscher  Handschriften  zu  Darmstadt. 
Germania  15,  203—206. 

30.  Handschriften  der  Kieler  Universitätsbibliothek,  die  in  sprachlicher 
Beziehung  Interesse  haben. 

Serapeum  1870,  Nr.  20  fg.  Enthält  K,  B.  21,  perg.  8.  14,  Jahrh.  ein  latein. 
deutsches  Glossar;  K.  B,  22  Alani  ab  Insulis  Anticlaudianus;  23*  ein  latein,  Gedicht 
Stella  clericorum;  29  ein  niedersäcbs,  Gebetbuch  des  15,  Jahrb.;  30  ein  solches  in 
vläraischer  Sprache. 

31.  Tabulae  codicum  manu  scriptorum  praeter  graecos  et  orientales  in 
bibliotheca  palatina  Vindobonensi  asservatorum ,  edidit  academia  caesarea  Vin- 
dobouensis.  Vol.  IV.  gr.  8,  (490  S.)  Wien  1870.  Gerold.  3%  Rthlr.  (Enthält 
Nr,  5001—6500.)^ 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870.  465 

32.  Bartsch,  Karl,  Bibliographische  Übersicht  der  Erscheinungen  auf  dem 
Gebiete  der  germanischen  Philologie  im  Jahre   1869. 

Germania  15,  463—508. 

33.  Bibliotheca  philologica,  oder  geordnete  Übersicht  aller  auf  dem 
Gebiete  der  classischen  Alterthumswissenschaft  wie  der  älteren  und  neueren  Sprach- 
wissenschaft in  Deutschland  und  dem  Ausland  neu  erschienenen  Bücher.  Heraus- 
gegeben von  Dr.  W.  Müldener  22.  Jahrg.  2.  Heft  gr.  8.  (II,  u.  S.  113—277). 
Göttingen   1870.  Vandenhoeck  und  Ruprecht.   13  Ngr. 

34.  Wiechmann,  C.  M. ,  Meklenburgs  altuiedersächsische  Literatur. 
Ein  bibliographisches  Repertorium  der  seit  der  Erfindung  der  Buchdruckerkunst 
bis  zum  dreißigjährigen  Kriege  in  Meklenburg  gedruckten  niedersächsischen 
oder  plattdeutschen  Bücher,  Verordnungen  und  Flugschriften.  2.  Theil.  Zweite 
Hälfte    des    16.    Jahrhunderts.   8,    (VII,    152   S.)   Schwerin    1870.   Bärensprung. 

35.  Weller,  E.,  Ergänzungen  zu  K.  Gödeke's  Grundrisa  zur  Geschichte 
der  deutschen  Dichtung. 

Serapeum  1870,  Nr.  22  ff.  ^ 

36.  Well  er,  E.,  weltliche  Lieder-  und  Gedichtsammlungen.  Beiträge  zu 
Gödeke's  Grundriss  und  Weller's  Annalen. 

Serapeum  1870,  Nr.  15. 

37.  Well  er,  E.,  einige  Lieder,   Gedichte  und  Reimzeitungen. 
Serapeum  1870,  Nr.  15. 

38.  Doorninck,  J.  J.  van,  Bibliotheek  van  Nederlandsche  Anonymen 
en  Pseudonymen,  roy.  8.  Schluß  (XII  S.,  Sp.  769  —  838).  's  Gravenhage  1870. 
Nijhoff. 

39.  Haan,  Dr.  Wilh.,  sächsisches  Schriftsteller-Lexicon.  Ein  Verzeichniss 
der  von  den  jetzt  lebenden  Universitäts-Professoren  [theol.  und  phil.  Facultät], 
Geistlichen ,  Gymnasial-Professoren  u.  s.  w.  des  Königr.  Sachsen  herausgegeb. 
Druckschriften  u.  s.w.  1.  u.  2.  Lief.  8.  (IV,  1  —  192).  Leipzig  1870.  Serbe. 
k   \  Rthlr. 

III.  Sprachwissenschaft  und  Sprachvergleichung. 

40.  Müller,  Max,  Vorlesungen  über  die  Wissenschaft  der  Sprache.  Für 
das  deutsche  Publikum  bearb.  von  Prof.  Dr.  Karl  Böttger.  2.  Serie  von  zwölf 
Vorlesungen.  2.  verm.  Auflage.  8.  (VIII,  636  S.)  Leipzig  1870.  Klinkhardt. 
273   Rthlr. 

41.  Bleek,  W.  H.  J.,  on  the  origin  of  language.  Edited  with  a  preface 
by  E.  Haeckel.  Translated  by  S.  Davidson.  8.  London  1870.  William  and  Nor- 
gates.   2   s. 

42.  Faucher,  Jul.,  Gedanken  über  die  Herkunft  der  Sprache. 
Vierteljahrschrift    für  Volkswirthschaft    und    Kulturgeschichte    herausg.  von  Jul. 

Faucher.  8.  Band. 

43.  Donders,  F.  G.,  De  physiologie  der  spraakklanken,  in  het  bijzon- 
der  van  die  der  Nederlandsche  taal  geschetst.  8.  (24  S.)  Utrecht  1870.  v.  d. 
Post.  f.   0,  30. 

44.  Sprachwissenschaft  und  Sprachvergleichung. 
Unsere  Zeit  1870.  11.  Heft.  S.  770  ff. 

45.  Wedewer,  H.,  das  Christeuthum  und  die  neuere  Sprachwissenschaft. 
Programm  der  Selektenschule  zu  Frankfurt  am  M.   1870.  4.   25   S. 

Vgl.  Archiv  f.  d.  Studium  der  neueren  Sprachen  47,  328, 


466  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

46.  Naphegyi,  G-,  the  album  of  language.  lUustrated  by  the  Lord's 
Prayer  in  one  hundred  languages,  with  historical  descriptions  of  the  principal 
languages,   interlinear  translation  etc.  fol.  (322  S.)  London  1870.   Trübner.  52  s. 

47.  Lagus,   En  ny  äsigt  cm   de  indogermanska  sprakens   urhein. 
Öfversigt  af  Finska  Vetenskaps  Sucietetens  Förhandlingar  XII,  10  ff. 

48.  Hickmann,  die  indogermanischeu   Sprachen  Europas.    8.    17    S. 
Programm  der  Handelsschule  in  Eeichenberg. 

49.  Müller,  Prof.  Dr.  Friedr.,  Indogermanisch  und  Semitisch.  Ein 
Beitrag  zur  Würdigung  dieser  beiden  Sprachstämme.  [Aus  den  Sitzungsberichten 
der  k.  Akad.   der  Wiss.]   Lex.   8   (16  S.)  Wien    1870.   Gerold  in  Comm.   3  Ngr. 

50.  Bopp,  Franz,  vergleichende  Grammatik  des  Sanskrit,  Send,  Armeni- 
schen, Griechischen,  Lateinischen,  Litauischen,  Altslavischen,  Gothischen  und 
Deutschen.     3.  Ausg.   2.  Bd.  gr.   8.   (570   S.)  Berlin   1870.   Dümmler.   4  Rthlr. 

51.  Pott,  Prof.  Dr.  Aug.  Frdr.,  Etymologische  Forschungen  auf  dem  Ge- 
biete der  indogermanischen  Sprachen  unter  Berücksichtigung  ihrer  Hauptformen, 
Sanskrit,  Zend-Persisch,  Griechisch-Lateinisch  etc.  2.  Aufl.  in  völlig  neuer  Um- 
arbeitung.  2.  Theil,  4.  Abth.  Detmold   1870.  Meyer.   5^/3  Rthlr. 

A.  u.  d.  T. :  Wurzel-Wörterbuch  der  mdogermanischen  Sprachen.  2.  Bd.:  Wurzeln 
mit  consonantischem  Ausgange.  2.  Abth.:  Win-zeln  auf  die  Nasale  und  Zischlaute,  gr.  8. 
(LXTV,  600  S.)  Vgl.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  2. 

52.  Fick,  Aug.,  vergleichendes  Wörterbuch  der  indogermanischen  Sprachen. 
Ein  sprachgeschichtlicher  Versuch.  (In  2  Abtheilungen).  1.  Abth.  [2.  umgearb. 
Auflage  des  „Wörterbuchs  der  indogerman.  Grundsprache."  Göttingen  1868.] 
gr.  8.   (V,   418   S.)   Göttingen   1870.  Vandenhoeck  und  Ruprecht.   2  Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  17. 

53.  Förstemann,  E.,  der  urdeutsche  Sprachschatz.   Zweiter  Artikel. 
Germania  15,  385 — 410. 

54.  Förstemann,  E.,  Altnordisch  und  Litauisch. 
Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  19,  353  —  381. 

55.  Thoraseu,  Dr.  Wilh.,  Über  den  Einfluß  der  germanischen  Sprachen 
auf  die  finnisch-lappischen.  Eine  sprachgeschichtliche  Untersuchung.  Aus  dem 
Dänischen  übersetzt  von  E.  Sievers.  gr.  8.  (IV,  188  S.)  Halle  1870.  Buchhandl. 
d.  Waisenhauses.    1   Rthlr. 

Vgl.  Saturday.Review  1870,  10.  Nov.;  Academy  15.  Nov, 

56.  Bugge,  Sophus,  Zur  etymologischen  Wortforschung. 
Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung.  29,  1 — 50. 

57.  Key,  On  the  derivation  of  son,  nurus,  anus,  uxor,  wife,  näg,  omuis, 
solus,  every,  all,  oXog.  Transactions  of  the  philolog.  society  1868  —  69.  Part.  II. 
London   1870.  p.   257   flt. 

58.  Culmann,  F.  W. ,  zur  Etymologie  der  Worte  gehen  und  stehen. 
Ein  Wort  über  indogermanische  Wortbildung.  8.  (72  S.)  Leipzig  1870.  Fr. 
Fleischer.    12  Ngr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  1. 

59.  Culmann,  F.  W.,  die  Namen  der  Raubthiere  in  verschiedenen  Spra- 
chen. Ein  Beitrag  zur  Theorie  der  primitiven  oder  seelisch -organischen  Wort- 
bildung, gr.   8.   (66   S.)  Leipzig  1870.  Fr.  Fleischer.   12  Ngr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1870,  Nr.  22. 

60.  Müller,  Friedr.,  die  Vocalsteigerung  der  indogermanischen  Sprachen. 
Sitzungsberichte   der   k.   k.    Akademie    der  Wissenschaften,   phil.    histor.    Classe, 

66.  Band. 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870.  467 

61.  Schmidt,  Johannes,  la  foiTtiation  des  futurs  dnns  les  huigues  indo- 
germaniques.   8.   (39   S.)  Paris   1870. 

Abdruck  aus  der  Re\nie  de  linguistique,  .3.  Jalirg.  Nr.  3. 

62.  Tob  1er,  Gerlaud's  Abhandlung  über  Intensiva  und  Iterativa. 
Zeitschrift  für  Völkerpsychologie  7.  Bd.,  2.  Heft 

IV.  Grammatik. 

63.  Holtzmaiin,  Adolf,  altdeutsche  Grammatik,  umfassend  die  gothisclie, 
altnordische,  altsächsische,  angelsächsische  und  althochdeutsche  Sprache.  1.  Band, 
1.  Abtheiluug.  Die  specielle  Lautlehre,  gr.  8.  (XVII,  349  S.)  Leipzig  1870. 
Brockhaus.    1  ^j^   Rthlr. 

Vgl.  Allgem.  Liter.  Zeitung  1871,  Nr.  2.5;  Saturdav  -  Review  1870,  17.  Sept.; 
Allgem.  Zeitung,  Beilage   190;  Herrio's  Archiv  47,  221— 22;{. 

64.  Heyne,  Moritz,  kurze  Grammatik  der  altgermauischen  Dialecte, 
Gothisch,  Althochdeutsch,  Altsächsisch,  Angelsächsisch,  Altfriesisch,  Altnordisch. 
1.  Theil.  Kurze  Laut-  und  Flexionslehre  der  altgermanischen  Dialecte.  2.  ver- 
besserte Auflage,  gr.  8.  (X,  354  S.)  Paderborn  1870.  Schöningb.   1  Rthlr.  12  Ngr. 

Vgl.  Allgem.  Liter.  Zeitung  1871,  Nr.  7;  Blätter  f.  d.  bayer.  Gvmuasial-Schul- 
wesen  VII,  2.  3. 

65.  Helfenstein,  James,  a  comparative  grannnar  of  the  teutonic  lan- 
guages,  being  at  the  same  time  a  historical  grammar  of  the  english  language 
and  comprising  Gothic,  Anglo-Saxon,  Early  English,  Modern  English,  Icelandic, 
Danish,  Swedish,  Cid  High  German,  Middle  High  German,  Modern  German,  Old 
Saxon,   Old  Frisian,   Dutch.  gr.   8.  London   (Berlin,  Asher)    1870.    18  s. 

Eine  Anzeige  bringt  die  Germania  demnäch.st. 

66.  Zur  Geschichte   der  deutschen   Sprache. 
Preußischer  Staatsanzeiger  1870,  Beilage  38. 

67.  Hildebrand,  R. ,  zur  geschichte  des  Sprachgefühls  bei  den  Deut- 
schen und  Römern. 

Zeitschrift  für  deutsche  philologie  2,  253 — 26.5. 

68.  Niki,  Professor,  Blicke  in  die  Etymologie  der  deutschen  Sprache, 
ein  Beitrag  zum  Vcrständniss  derselben  für  Studierende.    29   S.    8. 

Programm  des  Gymnasiums  zu  Neuburg  a.  d.  Donau  1870. 

69.  Hahn's,  K.  A.,  althochdeutsche  Grammatik.  Neb.st  einigen  Lese- 
stücken und  einem  Glossar.  Mit  Rücksicht  auf  die  Fortschritte  der  Wissenschaft 
bearbeitet  von  Adalb.  Jeitteles.  3.  vielfach  veränd.  und  verm.  Aufl.  gr.  8. 
(XV,   132  S.)  Prag   1870.  Tempsky.   27   Ngr. 

Vgl,  Allgem.  Liter.  Zeitung  1870,  Nr.  .SO;  Blätter  f.  d.  bayer.  Gymnasial-Sclml- 
wesen  VII,  7. 

70.  March,  Francis  A.,  a  comparative  grammar  of  the  anglosaxon  lan- 
guage, in  which  its  forms  are  illustrated  by  those  of  the  Sanskrit,  Greek,  Latin, 
Gothic,  Old  Saxon,  Old  Friesic,  Old  Norse  and  Old  High  German.  8.  (262  S.) 
New  York   1870.    8   s.    6   d. 

Vgl.  Academy  1870,  Nr.  13. 

71.  Nilsson,  L.  G,,  Anglosaxisk  (forueugelsk)  Grnmmatika,  Senare 
Haft,   8.   (S.   40 — 121).  Lund    1870,   Gleerup,    1   rigsd.   50   örc. 

72.  Loth,  J.,  ftymologischo  angelsächsisch-englische  firammatik.  irr.  8. 
(,XII,   481    8.)  Elberfeld    1870.   Friderichs.    2%   Rthlr. 

Vgl.  Liter.  Centralbl.  1871.  Nr.  6;  Herrig's  Archiv  47,  179—188  (Stimming); 
Saturday  Review  Nr.  747;  Atheuaeum  1870,  27.  August;  Academy  1871,  Nr,  27. 


468  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870- 

73.  Fleming,  J.  P.,  Analysis  of  the  english  language.  8.  (XII,  306  S.) 
London   1869.   2   RtUr. 

74.  Diekmann,  0.,  a  treatise  on  the  origin  and  development  of  the 
english  language.   8.   Göttingen   1870.  Dissertation. 

75.  Silling,   Oberlehrer,   Origin  and  development  of  the  english  language. 
Osterprogramm  der  Realschule  in  Zwickau  1870. 

76.  Thorer,  Carol.  Aemil.,  quae  ratio  intercedat  inter  anglicam  recen- 
tioris  aetatis  linguam  ejusque  fontes  requiritur.  Dissertatio.  8.  (VI,  33  S.) 
Görlitz   1870. 

77.  Wood,  H.  T.  W. ,  Changes  in  the  english  language  between  the 
publication  of  Wiclif  s  Bible  and  that  of  the  authorised  version,  a.  d.  1400  to 
a.  d.   1600.   8.   (70  S.)   2  s.   6   d. 

78.  Payne,  the  norman  dement  in  the  spoken  and  written  English  of 
the  12""  13"'  and  14"'  centuries,  and  in  our  provincial  dialects  (with  an  exa- 
mination  of  Chaucer's  use  of  the  final  e  p.   428 — 447). 

In  Transactions  of  the  philol.  Society  1868—69,  London  1870,  p.  352  ff. 

79.  Knobeisdorf,  Otto  v. ,  die  keltischen  Bestandtheile  in  der  eng- 
lischen Sprache.  Eine  Skizze.   8.   (73   S.)  Berlin   1870.    Weber.    Vs  Rthlr. 

80.  Wimmer,  Ludv.  F.  A.,  Oldnordisk  Formisere  til  brug  ved  under- 
visning  og  selvstudium.  8.  (VIII,   134  S.)  Köbenh.   1870.   Steen. 

V^l.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  12.  Eine  deutsche  Bearbeitung  von  E.  Sievers, 
mit  Zusätzen  des  Verf.,  hat  das  Werk  inzwischen  auch  deutschen  Lesern  zugänglich 
gemacht. 

81.  Bayldon,  Gco. ,  an  elementaiy  grammar  of  the  Old  Norse  or  Ice- 
laudic  language.  8,   (X,   117   S.)  London   1870.  Williams  a.  Norgate. 

82.  Södervall,  K.  F.,  hufvudepokema  af  svenska  spräkets  utbildning. 
8.  (130   S.^  Lund   1870.  Gleerup. 

Vgl.  Zeitschrift  für  deutsche  pjiilologie  3,  233—236  (Möbius). 

83.  Bjursten,  Herman,  Ofversigt  af  svenska  spräkets  och  litteraturens 
historia.  Uppl.  3,  efter  författarens  död  bearbetad  och  tillökt.  Mit  denna  läro- 
bok  svarar  en  af  H.  Bjursten  efter  samma  plan  anordnad  lasebok.  8.  (123  S.) 
Stockholm   1869.  Norstedt  &  Söner.  Ekd.   1,   25. 

84.  Claeson,  G.,  Ofversigt  af  svenska  spräkets  och  litteraturens  historia 
pa  grundvalen  af  H.  Bjurstens  lärobok  i  ämnet  utarbetad.  8,  (140  S.)  Stock- 
holm  1870.  Norstedt  &  Söner. 

85.  Rydqvist,  Job,  Er.,  Svenska  spräkets  lagar,  kritisk  afhandling. 
IV,   2.   8.   (S.  229 — 552.)  Stockholm  1870.  Klemming. 

8G.  Rydqvist,  Job.  Er.,  Ljudlagar  och  skriftlagar.  (Utdrag  ur  4""  bandet 
af  'Svenska  spräkets  lagar').  8.  (153   S.)  Stockholm   1870.  Klemming. 


87.  Höfer,  Alb.,  der  Rückumlaut. 
Germania   15,  50—53. 

88.  Sweet,   Criticism  on  Prof.  Koch's  papers  on  as.   ea  and  eä. 
Transactions  of  the  philol.  society  1870,  S.  1  ff.  Vgl.  Bibliographie  1869,  Nr.  69. 

89.  Treitz,  Guil.,  de  vocalibus  neoanglosaxonicis  commentatio.   4.  (52  S.) 
Marburg   1869.   Akademisches  Programm. 

90.  Michaelis,   G.,   zur  geschichte  der  consonantenverdoppelung. 
Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  19,  265 — 267. 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870.  469 . 

91.  Delbrück,    B.,    die  decHnation    der   substantiva   im  Germanischen, 
insonderheit  im  Gotischen. 

Zeitschrift  für  deutsche  philologie  2,  381  —  407. 

92.  Rumpelt,  Privatdoc.  Dr.  H.  B.,   die  deutschen  Pronomina  und  Zahl- 
wörter historiscli  dargestellt,   gr.  8.  (XII,   179  S.)  Leipzig  1870.  Vogel.    1  Rthlr. 

Vgl.  Blätter    f.  bayer.    Gymnasial  -  Schulwesen  VII.  Bd.;  Allg.    Lehrer  -  Zeitung 
1871,  Nr.  20.  —  Über  die  angelsächs.  Pronomina  vgl.  auch  unten  Nr.  164. 

93.  Schröder,   C. ,    niederländische  Einwirkungen    auf   die  Formen    der 
Ordinalia  am  Niederrhein  und  im  Elsaß. 

Germania  15,  419—424. 

94.  Höfer,   Alb.,  Unsich  im  Niederdeutschen. 
Germania  15,  73—74. 

95.  Zacher,  J.,  Unaich  im  Niederdeutschen. 
Zeitschrift  f.  deutsche  philologie  2,  506.  ,     ■ 

96.  Höfer,   Alb.,   das  Pronomen  diser. 
Germania  15,  70—72. 

97.  Bech,  F.,  der  umgelautete  Conjunctivus  Praeteriti  rückumlautender 
Zeitwörter. 

Germania  15,  129-157. 

98.  Höfer,  Alb.,  zu  Particip  und  Gerundium. 
Germania  15,  53—61. 

99.  Bernhardt,  E.,  über  den  genetivus  partitivus  nach  transitiven  ver- 
ben  im   Gotischen. 

Zeitschrift  f.  deutsche  philologie  2,  292—294. 

100.  Hof  er,   Alb.,   das  intensive  in. 
Germania   15,  61—65. 

101.  Höfer,  Alb.,   Verstärkung  durch  ander«?  Wörter,  insbesondere  durch 
PraeiJositioni'n. 

Germania  15,  65 — 67. 

102.  Höfer,  Alb.,  binnen  und  büten  und  deren  Steigerungen. 
Germania  15,  67—68. 

103.  Cauer,  Ed.,  zur  Geschichte   der  Wortbedeutungen  in  der  deutschen 
Sprache.   4.  (25   S.) 

Programm    des  Gyuniasiums    zu  Hamm  1870.  Vgl.  Archiv    für    das  Studium    d. 
neueren  Sprachen  48,  193 — 194. 


V.  Lexicographie. 

104.  Deutsches  Wörterbuch  von  Jacob  Grimm  und  Wilhelm  Grimm» 
Fortgesetzt  von  Dr.  Rud.  Hildebrand  und  Dr.  Karl  Weigand.  4.  Bd.  2.  Alith. 
2.  u.  3.  Lieferung.  [Halmenmeer — Hebemutter]  bearb.  von  Dr.  M.  Heyne;  und 
5.  Bd.  9.  Liefg.  [krachen — Kreistag]  bearb.  von  Dr.  R.  Hildebrand.  Lex.  8. 
(sp.   241  —  720  u.    1921—2160.)  Leipzig   1870.   Hirzel.   h   %   Rthlr. 

105.  Diez,  Friedr. ,  etymologisches  Wörterbuch  der  romanischen  Spra- 
chen.   3.  verb.   u.   verm.   Ausgabe,  gr.    8.   2   Bde.   Bonn   1870.  Marcus. 

106.  Lexer,  Prof.  Dr.  Matthias,  Mittelhochdeutsches  Handwörterbuch. 
Zugleich  als  Supplement  und  alphabetischer  Index  zum  mitteliiochdeutschen 
Wörterbuche  von  Benecke-Müller-Zarncke.  2.  u,  3.  Liefg.  Lex.  8.  (Sp.  321  bis 
9G0.)  Leipzig    1870.   Hirzel.   k   1   Rthlr. 

Vgl.  Jaiirbücher  f.  Philol.  und  Pädagogik   1870.  9.  Heft  (Schweizer-Sidler). 


470  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

107.  Glossarium  des  XTV.  oder  XV.  Jahrhunderts,  herausgegeben  von 
Oberlehrer  Dr.   Sachse.  8.   (27   S.)  Berlin   1870. 

Programm.  Vgl.  Zeitschrift  f.  deutsche  philologie  2,  628—530  (Steinmeyer). 

108.  Burda,   W. ,    zum  deutsch-preußischen   Vocabular  von   Nesselmaun. 
Beiträge  zur  vergleich.  Sprachforschung  6.  Bd.,  4.  Heft. 

109.  Dietz,  Ph.,  Wörterbuch  zu  Dr.  Martin  Luthers  deutschen  Schriften. 
4.  Lief.  gr.  8.  (1.  Bd.  LXXXVII  u.  S.  625—772,  Schluß.)  Leipzig  1870. 
Vogel.   IV3  Rthlr. 

Vgl.  Zeitschrift  für  d.  österr.  Gymnasien  1870,  S.  409—412  (Scherer);  Zeitschrift 
für  deutsche  philologie  2,  358—365  (Hildebrand);  Blätter  f.  liter.  Unterhaltung  Nr.  39. 

110.  Vries,  M.  de,  en  L.  A.  te  Winkel,  Woordenboek  der  Neder- 
landsche  Taal.  Aflev.  9.  (Sp.  1281  —  1440):  Africhten— Afsluiten.  's  Graven- 
hage   1870.   16  Ngr. 

Vries,  M.  de,  en  E.  Verwijs,  Woordenboek  etc.  Tweede  reeks.  Aflev. 
2.   3.  loy.   8.   (Sp.   161  —  480):  Om— Omschittereu.  Ebenda. 

111.  Oudemans,  A.  C,  Bijdrage  tot  een  Middel-  en  Oudnederlandsch 
Woordenboek.  Uit  vele  glossaria  en  andere  bronnen  bijeeuverzameld.  8.  Aflev.  2. 
(S.   273-857.)  Arnhem   1870.   Nijhoft". 

112.  Ordbok  öfver  sveuska  spraket,  utg.  uf  sveuska  akademien.  Heft  1.  4. 
(VIII,   358   S.)   Stockholm    1870.   Samsou   &  Valiin.    1   Rthlr.    14  Ngr. 

113.  Svensk  ordbok  med  angifvande  af  ordens  härleduing.  12.  (256  S.) 
Stockholm    1870.  L.  J.   Hierta. 

114.  Kindblad,  K.  E.  Ordbok  öfver  sveuska  spraket.  II,  2  —  4.  imp.  8. 
(S.    113—448).   Stockholm    1870.   Palnuivist. 

115.  Dal  in,  G. ,  fullständig  förklariug  öfver  fiämmaude  orJ,  som  före- 
komma  i  svenska  tal-   och  skriftspräket.  Heft    1  —  3.  (480  S.j   Stockholm   1870. 

116.  Dal  in,  A.  F.,  svenska  sprakets  synonymer.  12.  (404  S.)  Stock- 
holm   1870.   Beckman. 

117.  Rydqvist,  J.  E.,  svenska  akademieus  ordbok,  historiskt  och 
kritiskt  betraktad.   8.   (75   S.)  Stockholm    1870.   Norsted  &  Söucr. 

Aus  den  Abhandl.  d.  Schwed.  Akademie,  Bd.  45. 


118.  Jänicke,  Oberlehrer  Osk. ,  über  die  niederdeutschen  Elemente  in 
unserer  Schriftsprache,  gr.   4.   (35   S.)   Berlin   1870.   Calvary.    Vs  Kthlr. 

Vgl.  Archiv  für  das  Studium  d.  neueren  Sprachen  47,  330. 

119.  Boltz,  Aug.,  das  Fremdwort  in  seiner  kulturhistorischen  Entstehung 
und    Bedeutung.  Vortrag.   8.   (34  S.)  Berlin    1870,   Gärtner.    6  Ngr. 

Vgl.  Zeit.schrift  f.  d.  Österreich.  Gymnasien  1870,  S.  412  (Scherer). 

120.  Das  Fremdwort  in   der  deutschen   Sprache. 
Beilage  des  preußischen  Staats-Anzeigers  1870,  Nr.  21. 

121.  Bacmeister,  Adolf,  Germanistische  Kleinigkeiten.  8.  (102  S.) 
Stuttgart   1870.  Kröner. 

Inhalt:  Alte  Familiemiamen.  Das  Fremdwort  im  Deutscheu.  Stab  oder  Meter? 
Stenotelegraphie.  Deutsche  Schlecht-  und  Rechtschreibung.  Der  Ursprung  der  Sprache. 
Vgl.  AUgem.  Zeitung  1870,  Nr.  354  Beilage;  Trtibner's  Kecord  1871,  28.  Febr. ;  Ham- 
burg. Naclnicbten  Nr.   19. 

122.  Deccke,  Dr.  Wilh.,  die  deutschen  Verwandtschaftsnamen.  Eine 
sprachwissenschaftliche  Untersuchung,  nebst  vergleichenden  Anmerkungen,  gr.  8. 
(VIII,    223  S.)   Weimar   1870.   Böhlau.    1    Rthlr.    6   Ngr. 

Vgl.  Ac»demy  Nr.  19;  Saturd.iy-Review  1870,  15.  Octnb. 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870.  471 

V23.  Höfer,  Alb.,  Brot-  und  Semraelnamen. 
Germania  15,  79— 8;5. 

124.  Berliner,  Dr.  A.,  Mittelhochdeutsches  in  jüdischen   Quellen. 
Literaturhlatt  der  Wochenschrift  'die  jüdische  Presse',  1870.  Nr.  1. 

125.  Birlinper,  A.,  1.  bairische  Orthographie,  15.  Jahrh.  2.  Hand- 
werker- u.  s.  w.  Namen,  bairisch.  3.  Struot.  4.  in  Eichelweiß.  5.  Fürhäß. 
6.   Über  Monatnamen.    7.   Digge,  Dickhe,  Tigew. 

Zeitschrift  für  vergrleichende  Sprachforschung  19,  311 — 3'_*0. 

126.  Woeste,  F.,  Beiträge  aus  dem  Niederdeutscheu. 
Zeitschrift  für  deutsche  philologie  2,  326—328. 

127.  Höfer,  Alb.,   Zu  Germau.    12,   325   und    13,    160 
Germania  15,  78 — 79.  Über  nalen  und  vorhien. 

128.  Wedgwood,  english  etymologies  (adaw,  boulders,  buxom,  charcoal, 
doit,   forcemeat,  fulsome,  gewgaw,   go  to  pot,  tadpole). 

Transactions  of  the  philol.  society  1870,  S.  288  ff. 

129.  Brinkmann,  Fr.,  der  Hund  in  den  romanischen  Sprachen  und 
im  Englischen. 

Archiv  für  das  Studium  der  neuereu  8praclien  46,  425  —  464. 

130.  Höfer,   Alb.,  Brav. 
Germania  15.  72  —  73. 

131.  Delbrück.   B.,  Über  das  gotische  dauhtar. 
Zeitschrift  für  vergleichende  Si)rachforschung  19,  241 — 247. 

132.  Höfer,  Alb.,   Fander.   Fauner. 
Germania  15,  416. 

133.  Höfor,  Alb.,  Nd.   reröf,  reröven.  ^     ' 
GeiTuania  15,  75. 

134.  Höfer,   Alb.,  Gotisch  skaudaraip,   Lederriemen. 
Germania  15,  69 — 70. 

135.  Höfer,   Alb.,  So  vro  also  u.   anderes  Niederdeutsche. 
Germania  15,  76 — 77. 

136.  Meyer,  Leo,  Spange. 

Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  19,  390 — 392. 

137.  Jilnicke,  0.,  und  J.   Zacher,  vergiseln. 
Zeitschrift  für  deutsche  philolugie  2,  496 — 506. 


138.  Obermüll  er,  Wilhelm,  Deutsch- keltisches,  geschichtlich  geographi- 
sches Wörterbuch  zur  Erklärung  der  Fluß-,  Berg-,  Orts-,  Gau-,  Völker-  und  Per- 
sonennamen Eui-oiias,  West- Asiens  und  Nord-Afrikas  im  Allgemeinen,  wie  Deutsch- 
lands insbesondere.  Nebst  den  daraus  sich  ergebenden  Folgerungen  für  die 
Urgeschichte  der  Menschheit.  11.  Lief.  gr.  8.  (2.  Band,  S.  885  —  480).  Leipzig 
1870.   Denicke.    '  „   Ethlr. 

139.  Koth,  Dr.  Karl,  kleine  Beiträge  zur  deutschen  Sprach-,  Geschichts- 
und Ortsforschung.  20.  Heft,  dazu  als  Anhang:  Inhalt  des  1.  und  2.  Bdchcns. 
8.  (S.    193—240  u    LXIV  S.)  München   1870-  Finsterlin.    %   Rthlr. 

140.  Höger,  Beiträge  zur  mittelalterlichen  Ortsforschung. 
Verhandlungen  des  histor.  Vereins  für  Niederbayern  15,  267 — 290. 

141.  Sartori,  Hermann,  unsere  Ortsnamen.   I.   (5   S.) 
Progiamm  der  Mittelschule  zu  Schwartau. 

142.  Bazing,  H.,  zur  Deutung  von   Ortsnamen. 

Zei  tschrift  des  histor.  Vereins  für  das  wirtemberg.  Franken.  8.  Bd.,  2.  lieft. 


472  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

143.  Kellner,    Dr.   W.,    über    eine  Hinweisung    auf    die    große    Zahl 
Niederlassungen  am  Rhein  mit  der  Zusammeusetzung  donk   in  Namen. 

Jahrbücher  des  Vereins  von  Alterthumsfreunden  im  Rheinland,  47.  und  48.  Heft, 
S.  201—203. 

144.  Bück,  Dr.  R.,   über  die  Bedeutung  der  alten  Namen  des  Bodensees 
Schriften  des  Vereins  für  Geschichte  des  Bodensees,   1870,  2.  Heft. 

145.  Müller,   Max,  The  nanie  of  the  Danube. 
Revue  celtique  1870,  Mai,  Nr.  1. 

146.  Crecelius,  W.,   Godesberg  =  Wodensbe  rg. 
Zeitschrift  des  bergischen  Qeschichtsvereins  7.  Band     Bonn  1670. 

147.  Brandes,  Dr.  H.   K.,    der  Name    des  Badeortes  Pyrmont   erklärt. 
8.   (23  S.)  Detmold    1870.  Meyer.   12  Gr. 


148.  Hesekiel,  Ludovica,  zur  Geschichte  deutscher  Frauennameu. 
Bazar  1870,  Nr.  14. 

149.  Steub,  Dr.  Ludwig,  die  oberdeutschen  Familiennamen.  8.  (XI, 
216   S.)  München    1870.   Oldenbourg.    1    Rthlr. 

Vgl.  Kuhns  Zeitschrift  20.  Bd.  2.  Heft;  Reusch,  theolog.  Literaturblatt  1870,  Nr.  19  ; 
St.  Galler  Blätter  Nr.  46;  Sprachwart  1871,  Nr.  1. 

1.50.  Reich el,  R.,   Marburger  Namenbüchlein. 

Programm  des  Gymnasiums  zu  Marburg  in  Steiermark  1870.  Vgl.  Archiv  f.  d. 
Studium  d.  neueren  Sprachen  47,  467. 

151.  Pauli,  Dr.  Carl,  über  Familiennamen,  insbesondere  die  von  Mundes. 
T.   4.   (28   S.)   Münden    1870,   Augustin.   8  Ngr. 

Vgl.  Archiv  f.  d.  Studium  d.  neueren  Sprachen  47,  46G. 

152.  Höfer,  A.,  Benennung  nach  der  Mutter  u.  a.  — Namen  mit  Vor- 
namenbuchstaben verbunden? 

Germania  15,  83—89. 

153.  Meyer,  Franz,  der  Name  Meyer  und  seine  Zusammensetzungen. 
gr.   4.   (22   S.)  Osnabrück    1870.   Rackhorst  in  Comm.    Ve  Hthr. 

154.  Charnok,  R.  P.,  Patronymica  Cornu-Britannica,  or  the  Etymology 
of  Cornish  Names.   8.   London    1870.   Longmans.    7   s.   6   d. 

155.  Gislason,  Konr.,  Tillisgsbemjerkninger  om   -ri'dr. 
Aarböger  for  nordisk  Oldkyndighed  1870,  2.  Heft. 

VL   Mundarten. 

156.  Mi  eck,  Dr.,  über  Gemination  und  Reduplication  in  den  Volks- 
muudarten  und  in   der  Kindorsprache. 

Archiv  für  das  Studium  der  neueren  Sprachen  46,   293  -  302. 

157.  Schnell,  Eugen,  der  historische  Übergang  des  alemannischen  in 
den   schwäbischen   Dialekt. 

Preußischer  Staats-Anzeiger  1870,  Beilage  Nr.  1.3. 

158.  Krassnig,  Job.,  Versuch  einer  Lautlehre  des  oberkärntischen 
Dialekts.   Programm   des   Unter- Realgymnasiums   zu   Villach    1870. 

Vgl.  Archiv  für  d.  Studium  d.  neueren  Sprachen  47,  4G6. 

159.  Jarißch,  Anton,  Harfensaiten  zu  den  „Heiraathsklängen"  oder  der 
Dialekt  der  Deutschen  in  Böhmen.  Systematisch  dargestellt.  Nebst  einem  An- 
hange.   16.    (IV,   84  S.)   Wien   1870.  Klemm.    16   Ngr. 

160.  Gradl,   H.,   der  ostfränkische  dialekt  in  Böhmen. 
Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  19,  321—352. 


BIßLIOGRAPHIE  VON  1870.  473 

161.  Knötel,  A.,  die  Mundart  in  und  um  Frankenstein.  Mit  Wörter- 
sammlung. 

Rübezahl  1870. 

162.  Dunger,  Dr.  Hermann,  über  Dialekt  und  Volkslied  des  Vogtlands. 
Ein  Vortrag,  gr.   8.  (24  S.)  Plauen   1870.   Neupert.    Vg  Rthlr. 

Vgl.   Blätter  f.  literar.  Unterhaltung  1870,  Nr.  21. 

163.  Winkler,  Johann,  over  de  Taal  en  de  Tongvallen  der  Friezen. 
8.  (48   S.)  Leeuwarden   1870. 

164.  Jennings,  James,  tbe  dialect  of  the  West  of  England,  particularly 
Somersetshire.  With  a  glossary  of  words  now  in  use  there.  Also  with  poems 
and  other  pieces,  exemplifying  the  dialect.  2.  edition,  with  two  dissertations 
on  the  anglosaxon  pronouns  and  other  pieces.  8.  (XXIV,  167  S.)  London  1870. 
Smith.  4   s.   6    d. 

165.  Uppränning  tili  grammatik  for  delsboraalet,  utg.  af  Helsinglands 
fornminnessiillskap.   2.  Aufl.   8.   (5^   S.)  Hudiksvall    1870.  Hellström. 

166.  Freudcnthal,  A.  O.,  om  svenska  allmogemälet  i  Nyland.  8.  (IV^ 
110  S.)   Helsingfors   1870. 

Alis:  Bidrag  tili  kHnnedom  af  Finnlands  Natur  och  Folk. 


167.  Bühler,  Valent.,  Davos  in  seinem  Walserdialekt.  Ein  Beitrag  zur 
Kenntniss  dieses  Hochthaies  und  zum  schweizerischen  Idiotikon,  I.  Lexicogra- 
phischer  Theil.  gr.  8.  (XLIV,  258  S.)  Heidelberg  (Aarau,  Sauerländer)  1870. 
2  Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralblatt  1870,  Nr.  32;  1871,  Nr.  9. 

168.  Schmeller,  J.  Andr.,  Bayrisches  Wörterbuch.  Zweite,  mit  des 
Verfassers  Nachträgen  vermehrte  Ausgabe  im  Auftrage  der  historischen  Com- 
mission  bei  der  k.  Akad.  d.  Wiss.  bearbeitet  von  G.  K.  Frommann.  4.  Lief. 
(Sp.   769  —  1024).  München   1870.  Oldenbourg.   24  Ngr. 

168*.  Schröer,  K.  J. ,  Wörterbuch  der  Mundart  von  Gottschee.  8. 
Wien   1870.   Gerold  in   Comm. 

169.  Sundermanu,  Fr.,  Volksthümliche  Thiernamen  in  Ostfriesland. 
Ostfriesisches  Jahrbuch  1.  Band,  2.  Heft. 

170.  De  Bo,  L.  L.,  Westvlaamsch  Idioticon.  1.  und  2.  Lief.  (S.  1 — 208.) 
A— D.  roy.  8.  Brügge   1870.  Gailliard.  fr.   4,  25. 

171.  Slang  Dictionary  or  the  vulgär  words,  street  phrases  and  fast 
expressions  of  high  and  low  society.  New  edition.  8.  (XXI,  305  S.)  London 
1870.  Hotten.  6  s.  6  d. 


172.  Burns,  Robert,  Lieder.  In  das  Schweizerdeutsche  übertragen  von 
Aug.   Corrodi.    16.  (VII,    103  S.)  Winterthur  1870.  Bleuler-Hausheer.    1  V3  Rthlr. 

173.  Scheifele,  Joh.  Geo.,  [vulgo  Jörg  von  Spitzispui]  neue  Gedichte. 
3.  Abth.  1.  Gedichte  In  schwäbischer  Mundart.  2.  Gedichte  in  reindeutscher 
Sprache.  3.  Grammatische  und  sonstige  Bemerkungen.  2.  Aufl.  gr.  16.  (VII, 
119   S.)  Lindau    1870.   Stettner.   6    Ngr. 

174.  Michel,  der  schwäbische,  als  AUerwelts-Spassmacher.  Ausgewählte 
Sammlung  der  beliebtesten  Gedichte  und  Erzählungen  in  schwäbischer  Mund- 
art etc.  Nebst  einem  Anhang  von  schwäbischen  Spruch  Wörtern  und  Redensarten 
mit  ihrer  Erklärung.   16.   (283   S.)  Stuttgart   1870.  FiscUhaber.   12  Ngr. 


474  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870, 

175.  Dewils,  Heinz,  der  Heedclberger  Draguner  -  Wachtmeester.  En 
humoristisch-satyrisches  Saldotebild.  8.  (V,  254  S.)  München  1870.  1  Rthlr. 

176.  Datterich.  Localposse  in  der  Mundart  der  Darmstädter.  4.  Aufl. 
8.   (108   S.)  Friedberg   1870.  Scriba.   V3  Rthlr. 

177.  Kobell,  Fr.  v.,  der  Türken-Hänsl,  a'  Gschichtl  aus'n  Krieg  vo'  1870. 
[Oberbayerisch].   8.  (8.   S.)  Stuttgart  1870.  HoflFmann.    Ve  Rthlr. 

178.  Rosegger,  P.  K.,  Tannenharz  und  Fichtennadeln.  Geschichten, 
Schwanke,  Skizzen  und  Lieder  in  obersteierischer  Mundart.  8.  (216  S.)  Graz 
1870.  Pock.   24  Ngr. 

179.  Jarisch,  Ant. ,  Heimatbsklänge.  Eine  Sammlung  von  Gedichten 
in  der  Mundart  der  Deutschen  in  Nordböhmen  und  Schlesien.  3.  Aufl.  16. 
(VIII,   134  S.)  Wien   1870.   Klemm  in  Comm.   16   Ngr. 

180.  Heiteres  aus  Hessen.  Altes  und  Neues  in  Altcasseler  und  Nieder- 
hessischer Mundart.   8,   (32    S.)   Cassel    1870.  Vollmann,    '/g   Rthlr. 

181.  Kienner,  de  plattdütsche,  up  dat  Jahr  1871,  unner  Byhulp  van 
Jan  van  Buten,  Kassen  Dukdal,  Dr.  Swerenoth  etc.  herutgewen  v.  K.  Fr.  B — n. 
8.   (XVI,    104   S.)  Jever   1870.   Mettcker.    '/^   Rthlr. 

182.  Moor,  Jan  van,  König  Wilhelms  Besük    in  Bremen  am   15.  Juny 

1869.  Humoreske.   7.   u.   8.   Aufl.    16.   (11    S.)  Bremen   1870.  Tannen.     3   Ngr. 

183.  Fr  icke,  W.,  Wat  möt,  dat  möt.  Eine  lustige  Geschichte  in  nieder- 
sächsischer Mundart.  2  Bde.  8.  (IV,  217  u.  IV,  247  S.)  Jena  1870.  Costenoble. 
IV2  Rthlr. 

184.  Tiek,  Karl,  wecke  Leiw  is  de  grötst?  Tau  Ihren  van  uns'  leiwes, 
dütsches  Vaderland,  van  de  richtigen  Dütschen,  vörut  äver:  de  echten,  dütschen 
Mudders  schräben.   8.   (180   S.)  Altona   1870.   Mentzel.    '/^   Rthlr. 

185.  Geschieht  van  den  rieken  Hamborger  Kopmann  Peter  Stahl,  nach 
Vatting  Möllern  sine  Verteilung  un  in  sine  Mundwies  dalschreben  in  säben- 
teigen  Verpustungen  van  Mi,  Verf.  v.  „Dumm  Hans."  gr.  8.  (IV,  163  S.) 
Schwerin   1870.   Stiller.   7^   Rthlr. 

186.  Piening,  Th.,  de  Reis  naa'n  Hamborger  Dom.  6.  Oplaag.  gr.  16. 
(III,   121   S.)  Hamburg   1870.  Richter.   Vg  Rthlr. 

187.  Brinckman,  John,  Uns'  Herrgott  up  Reisen.  Ein  Stippstürken, 
gr.   16.   (248   S.)   Rostock   1870.  Leopold.   27   Ngr. 

188.  Schröder,  Willem,  Swinegels  Reise  nah  Paris  as  Friedensstifter. 
Eene  putzige  plattdütsche  Historje  in  tein  Kapitteln.    2.  Aufl.   4.   (106  S.)  Berlin 

1870.  HauBfreund-Exped.   Ve  J^t^ilr. 

189.  Gilow,  Chr.,  de  Minsch.  8.  (VII,  100  S.)  Anclam  1869.  Krüger 
in  Comm.    V3  Rthlr. 

190.  Gilow,  Chr.,    de  Pulteabend.  2  Theile.  8.  Ebenda.   2%  Rthlr. 

191.  Dalmer,  Karl,  Ernst  Muritz  Arndt,  wur  he  na  100  Jähren  syne 
Wannerung  dörch  Dütschland  wedder  antreten  will  im  plattdütschen  Rock  m. 
synen  Rügenschen  Stock,  gr.    8.   (III,   82  S.)  Stralsund   1870.  Hingst.  Vg  Rthlr. 

192.  Swanneblummen.  Jierboekje  for  it  jier  i869.  Utjown  fen  't 
Selscip  foar  P'rysce  Taal  in  Scriftenkinnisse.  8.  Liowerd  1870.  Akkeringa.  f.  0,30. 

193.  Iduna.  Frisk  rim  end  ünrim.  Utjown  fen't  selskip  for  Friske  taal 
end  skriftenkinnesse.   Garde  Rige.   26.  Jierg.  Liowerd  1870.  Akkeringa.  f.  1,00. 

194.  Dijkstra,  Waliug,  Twee  grappige  stikken.  Frits  Reuter  nei  for- 
telt.  1.  Ho  ik  aan  en  wijf  kaem.  2.  Uut  de  franse  tijd.  1,  Heft.  8.  (48  S.) 
Heereuween  1870.  Jüdfest.  fl.  0,30. 


ßlBLIOGRAPHIE  VON  1870.  475 

195.  Dijkstra,  Waliug,  in  utfenhuser  by  de  bakker.  Blyspil  mei  sang. 
Oarde  printiuge.  8.  (64  S.)   Bolswerd   1870.  Cuperus.  fl.  0,50. 

196.  De  Byckoer,  Frisk  jierboekje  for  1871.  26.  Jiergong.  8.  (XVI, 
80  S.)  Freantsjcr   1870.  Telenga.  f.   0,30. 

197.  The  poetry  of  provincialisms. 
English  Essays,  4.  Band.  Hamburg,  Meißner. 

198.  Axon,  William  E.  A.,  the  literature  of  the  Lancashire  dialect. 
A  bibliographical  essay.   8.   (24   S.)  London   1870.  Trübner.   1   s. 

199.  Axon,  W.  E.  A.,  Folk-song  and  folk-speech  of  Lancashire.  8. 
London   1870.  Trübner.   1    s.   6  d. 

200.  Evangelium  etter  Markus.   Björgvin    1870. 

201.  Bajer,  Fredrik,  til  Dalvisan    „kristallen  dann  fina." 
Tidskrift  f.  Philol.  og  Pädag.  IX,  60—61. 

VIL  Mythologie. 

202.  Dorph,  C. ,  Omrid.s  af  den  nordiske  Mythologie.  Til  akolebrug. 
5.  Aufl.   8.  (40  S.)  Kopenhagen    1870. 

203.  Barfod,  F.,  Ledetrad  i  Norden»  Gudetere.  12.  (GO  S.)  Kjüben- 
havn   1870.   Gyldendal. 

204.  Cox,  G.  W.,  the  mythology  of  the  Arian  nations.  2  Bde.  8.  (460 
u.   397   S.)  London   1870.   Longmans.    28   sli. 

Vgl.  Allgem.  Zeitung  1871,  Beilage  165. 

205.  Minckwitz,  Job.,  Katechismus  der  Mythologie  aller  Culturvölker. 
Mit   72  Abbild.    2.  Aufl.    8.  (VIII,   263   S.)    Leipzig   1870,   Weber.    V„  Rthlr. 

206.  Gottesidee  und  Cultus  bei  den  alten  Preußen.  Ein  Beitrag  zur 
vergleichenden  Sprachforschung,    gr.   8.   (79   S.)  Berlin    1870.    Peiser.     12   Ngr, 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1870,  Nr.  34  (A.  Kulm). 

207.  Populäre  Mythologie.  ,  ^. 
Europa  1870,  Sp.  1271—1280. 

208.  Kern,  H.,   Nehalennia. 
De  Taal-en  Letterbode  2,  89—100. 

209.  Heitz,  A. ,  Beiträge  zum  Fro-Mythus,  aus  Mure  und  Sitte  der 
Deutschen  in  Siebenbürgen.  4.  (35  S.)  Programm  des  Gymnasiums  zu  Mühl- 
bach  1870. 

210.  Rochholz,  E.  L.,  drei  Gaugöttinnen  Walburg,  Verena  und  Gertrud 
als  deutsche  Kirchenheilige.  Sittenbilder  aus  dem  gennanischen  Frauenleben, 
gr.   8.  (X,   202  S.)  Leipzig   1870.   Fleischer.   1   Rthlr. 

Vgl.  Heidelb.  Jahib.  1871,  S.  397-399  (Liebrecht);  Anzeige  f.  Kunde  d.  deut- 
schen Vorzeit  Nr.  6. 

211.  Hör  mann,  L.  v. ,  mythologische  Beiträge  aus  Wälschtirol.  Mit 
einem  Anhange  wälschtirol.   Sprichwörter  und  Volkslieder.    8.   (3C  S.)  Innsbruck 

1870.  Wagner. 

Aus  der  Zeitschrift  des  Ferdinandeums  3.  Folge,  15.  Heft.  Vgl.  liter.ir.  Centralbl. 

1871,  Nr.  5  (E.  Kuhn);  Reusch,   theolog.  Literaturblatt  1870,  Nr.  20. 

212.  Schuster,  Friedr.  Wilh.,  Deutsche  Mj'then  aus  siebenbürgisch- 
sächsischen   Quellen. 

Archiv  des  Vereins  f.  siebenbürg.  Landeskunde,  N.  Folge  9.  Band,  2.  Heft, 
Ki-onstadt  1870. 

213.  Leverkus,   W.,  Sagen  wider  molkenzauber. 
Zeitschrift  f.  deutsches  alterthum  16,  149—161. 


476  BIBLIOGKAPHIE  VON  1870. 

214.  Frischbier,  H.,  Heienspiuch  uud  Zauberbann.  Ein  Beitrag  sur 
Geschichte  des  Aberglaubens  in  der  Provinz  Preußen.  8.  (XI,  167  S.)  Berlin 
1870.  Enslin.    %   Kthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1870,  Nr.  34. 

Vni.  Märchen  und  Sagen. 

215.  Grimm,  Brüder,  Kinder-  und  Hausmärchen.  Kleine  Ausgabe. 
15.  Aufl.   16.   (VI,   311   S.)  Berlin   1870.  Dümmler.    V^  Rthlr. 

216.  Grimm,  Brüder,  Kinder-  und  Hausmärchen.  Große  Ausgabe. 
9.  Aufl.  8.   (XX,   704  S.)  Berlin   1870.  Hertz.   2  Rthlr. 

217.  Grimms  Eventyr.  Tredie  samling.  Oversatte  af  J.  B.  Gandrup.  8. 
(252   S.)  Kopenhagen   1870.    1   rd. 

218.  Grimms  Folke  Eventyr.  Oversatte  af  J.  F.  Lindencrone.  8.  (366  S.) 
Kopenhagen   1870.    Gyldendal, 

219.  Grimm,  Bröderna,  barn-och  folk-sagor.  Ofversättning.  Andra  uppl. 
tillökad  och  illustrerad.   8.  (267    S.)  Stockholm   1870.  Flodin.   2   rd.    50  öre. 

220.  Bechsteins,  Ludwig,  Märchenbuch.  Mit  187  Holzschn.  3.  Ausg. 
8.  (VIII,  296   S.)  Leipzig  1871.  G.   Wigand.  2  Rthlr. 

221.  Bechstein,  Ludw.,  Neues  deutsches  Märchenbuch.  17.  u.  18.  Aufl. 
8.  (IV,   271   S.)  Wien   1870—71.   Ilartleben.   12  Ngr. 

222.  Vernaleken,  Theodor,  österreichische  Kinder-  und  Hausmärchen. 
Treu  nach  mündlicher  Überlieferung.  Neue  Ausgabe.  8.  (XII,  355  S.)  Wien 
1870.  Brauraüller.    1 V3  Rthlr. 

223.  Zingerle,  J.  V.,  Kinder-  und  Hausmärchen  aus  Tirol,  gesammelt 
durch  die  Brüder  Zingerle.  2.  Aufl.  16.  (XI,  284  S.)  Gera  1870.  Amthor. 
V3   Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  5  (E.  Kuhn);  Allgem.  Zeitung  1870,  Nr.  354, 
Beilage;  lUustr.  Zeitung  Nr.  1462;  Allgem.  Famil.  Zeitung  1871,  Nr.  25. 

224.  Musäus'  Volksmärchen  der  Deutschen.  Volksausgabe  in  1  Band. 
8.  Gesammtausgabe.  8.  (XV,  496  S.)  Altona  1870.  Haendcke  u.  Lehmkuhl. 
24  Ngr. 

225.  Musäus,  J.  K.  A.,  Legenden  vom  Rübezahl.  16.  (89  S.)  Leipzig 
1870.  Reclam.   2  Ngr. 

254.  Band  der  Universal-Bibliothek. 

226.  Hoff  mann,  J.,  Märchenbuch  für  die  Jugend.  Eine  Auswahl  der 
schönsten  deutschen  Märchen  gesammelt.  4.  (III,  68  S.)  Stuttgart  1870.  Thiene- 
mann.   2  Rthlr. 

227.  Löhr,  J.  A.  C,  großes  Märchenbuch.  Neu  geordnet  von  G.  Harrer. 
8.  (V,  481   S.)  Stuttgart   1871.   Chelius.   1   Rthlr. 

228.  Pflaume,  Karl,  Märchenbuch.  8.  (IV,  228  S.)  Aschersleben  1870. 
Huch   in   Comm.    ^3   Rthlr. 

229.  Hilgenfeld ,  Emma.  Frau  Kätzchen.  Ein  Märchen  dem  Volksmunde 
nacherzählt.   4.   (lO   S.)   Chemnitz    1870.  Pocke.    1    Rthlr. 

230.  Asbjörnsen,  P.  Chr.,  Norske  Huld re- Eventyr  og  Folkesagn,  for- 
talte.  3.   Udgave.   8.   (VI,   391    S.)   Christiania   1870.   Steensball. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  37  (A.  Kuhn). 

231.  Populär  Tales  of  Hindostau  and  Germany. 
English  Essays.  3.  Vol.  Hamburg  1870.  Meißner. 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870.  477 

232.  Gronzenbach,  Laura,   sicüianische  Märchen.   Aus  dem  Volksmund 

gesammelt.  Mit  Anmerkungen  R.  Kühlers  u.  e.  Einleitung  herausg.  von  0.  Hartwig. 

2  Theile.   8.   (LV,   368  u.  IV,   263   S.)  Leipzig   1870.   Engelmann.  3   Rthlr. 

Vgl.  Literar.   Centralbl.  1870,  Nr.  21;  Keusch,  theolog.  Literaturbl.  Nr.   13. 
'      233.   Liebrecht,  Felix,  Lappländische  Märchen. 

Germania  15,  161—192. 


234.  Ethö,  Dr.  H.,  Beiträge  zur  neuesten  vergleichenden  Sagenforschung 
auf  indogermanischem  Gebiet. 

Ergänzungsblätter  zur  Kenntniss  der   Gegenwart  1870. 

235.  Schwartz,  Prof.  Dr.  W.,  die  ethische  Bedeutung  der  Sage  für 
das  Volksleben  im  Alterthum  und  in  der  Neuzeit.  8.  (36  S.)  Berlin  1870. 
Heinersdorff.    Vg   Rthlr. 

Sammlung  wissenschaftlicher  Vorträge    1.  Heft.  —  Vgl.  Berliner  Revue    62,  10. 

236.  Der  sittliche  Zug  in  der  deutschen  Sage. 

Beilage  des  PreulJischen  Staatsanzeigers  1870,  Nr.  28 ;  an  Schwartz  anknüpfend. 

237.  Sago  Verl  den.  Sagor  och  äfventyr  fra  främande  länder.  Ett  urva.1 
ur  alla  folkslags  sago-Iitteratur  samlade  och  öfveraatta  af  H.  Hörner.  I,  8.- (166  S.) 
Stockholm   1869,    2   rd. 

238.  Steger,  Dr.  Friedr.,  das  Elsaß  und  Deutsch-Lothi-ingen.  Land  und 
Leute,  Ortsbeschreibung,  Geschichte  und  Sage.  8.  (VIII,  91  S.)  Leipzig  1870. 
Quandt.    15  Ngr. 

239.  Mayer,  Jos.  Mar.,  Das  Bayern-Buch.  Geschichtsbücher  und  Sagen 
aus  der  Vorzeit  der  Bayern,  Franken  und  Schwaben.  2.  Halbband.  8.  (IV, 
u.   385—710   S.)  München    1870.   Lindauer.    %   Rthlr. 

240.  Priem,  J.,  Nürnberger  Sagen  und  Geschichten.  8.  (VIII,  194  S.) 
Nürnberg   1870.  Ebner.    7^   Rthlr. 

241.  Fuchs,   Fritz,   die  Burg  Rodenstein  und   die  Sage  vom  wilden  Heer. 
Die  illustrirte  Welt  1870,  Nr.   18. 

242.  Gerber,  Mor.,  erzgebirgische  und  voigtländische  Volksklänge,  Sagen 
und  Geschichten.  In  zwanglosen  Heften.  1.  2,  Heft.  8.  (S.  1 — 64.)  Aue  1870. 
ä  2V2   Ngr. 

243.  Landschau,   Sagen  aus  der  Umgegend  von  Dobran. 
Mittheilungen   des  A^'ereins   für  Geschichte  der  Deutschen  in  Böhmen.    9,  278  ff. 

244.  Födisch,   die  Sage  vom  Hassenstein. 
Ebenda  9,  277. 

245.  Grässe,  Dr.  J.  G.  Th.,  Sagenbuch  des  preußischen  Staates.  15.  bis 
18.   Liefg.  gr.    8.   (2,   321  —  640.)   Glogau   1870.   Flemming.  k   V4   Rthlr. 

Vgl.  N.  Preuß.  Zeitung  1871,  Nr.  258. 

246.  Groß,  Karl,  Holzlandsagen.  Sagen,  Märchen  und  Geschichten  aus 
den  Vorbeigen  des  Thüringer  Waldes.  8.  (VIII,  135  S.)  Leipzig  1870.  Wartig. 
%   Rthlr. 

Vgl.  AUgem.  Liter.  Anzeiger  VI,  1 ;  Volksblatt  f.  Stadt  u.  Land,  Nr.  96. 

247.  Erfurter  Schnozeln.  3  Bändchen.  Erfurt  1867 — 70.  Körner, 
ä   V3   Rthlr. 

248.  Kaufmann,  Alex.,  Nachträge  zu  Alex.  Kaufmann,  Quellenangaben 
und  Bemerkungen  zu  K.    Simrock's   Rheinsagen. 

Archiv  des  histor.  Vereins  von  Uuterfranken.  20.  Bd.  3.  Heft  (1870). 

249.  Herchenbach,  Wilh.,  der  Schwanenritter  von  Cleve.  Eine  nieder- 
rheinische Volkssage.   8.  (80  S.)  Mühlheim  a.  d.  R.    1870.  Bagel.    '/ß   Rthlr, 

QEßUANIA.  Nene  Reihe  IV,  (XVI.)  Jahrg.  32 


478  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

250.  Kristensen,  E.  T. ,  jydske  folkeminder ,  isasr  fra  Hammeruoi 
Herred.   8.   (80  S.)  Kjöbenhave   1870. 

251.  Daae,  L.,  Norske  Bygdesagn.   Christiania   1870. 

252.  Fomnordiska  sagor.  Ofversättning  mid  förklaraude  anmärkningar 
af  C.  J.  L.   Lönnberg.   Med  en  karta.   12.   (146  S.)  Norrköping  1870.  Vallberg. 

253.  Asbjörnsen,  Chr.,  och  Jörgen  Moe,  10  norska  folksagor  och 
ihentyr.  Svenek  öfversattDing  af  H.  Hörner.  (Öreskrifter  för  folket  35).  8.  (48  S.) 
Stockholm  1869.  20  öre. 

254.  Dasselbe,  andere  Auswahl.  (Öreskr.  36.  37.)  8.  (48  u.  64  S.) 
Ebenda.  20  u.  25  öre. 

255.  Svenska  folksagor,  samlade  af  J.  L.  12.  (92  S.)  Stockholm  1870. 
Carlson. 

256.  Nägra  fo  rnlemningar  och  foiksägner  i  Misterhults  socken.  Smäland, 
Dybeck,  Rana    3.  Heft.  Stockh.  1870,  S.  39—40. 

257.  Sägner  om  troll.  (Smaskrifter  för  folket  4.)  8.  (16  S.)  Stockholm 
1870.  Norstedt  &  Söner. 

Ebenso  Nr.  6;  Sägner  om  jättar;  Nr.  6:  S.  om  tomtar;  Nr.  7:   S.  om  Necken. 


258.  Fischer,  E.,  zur  deutschen  Thiersage  in  poetischer  Beziehung. 
4.  35  S. 

Programm  des  Gymnasiums  zu  Ratzeburg  1869.  Vgl.  Archiv  f.  d.  Studium  der 
neueren  Sprachen  47,  337. 

259.  Säve,  Karl,  zur  Nibelungensage.  Siegfriedbilder  beschrieben  und 
erklärt.  Aus  dem  Schwedischen  übersetzt  und  mit  Nachträgen  versehen  von 
J.  Mestorf.  Mit  4  Taf.  Abbild.   8.   (88   S.)  Hamburg   1870.  Meißner.    24  Ngr. 

Vgl.  Bibliographie  1869,  Nr.  245;  Heidelb.  Jahrbücher  1870,  10.  Heft;  Saturday- 
Review  10.  Nov.;  Hamburger  Nachr.  133;  Anz.  f.  Kunde  d.  deutschen  Vorzeit  1871,  Nr.  6. 

260.  Bär,  Wilhelm,  die  Quelle  der  Sagen  von  den  Riesen  und  Drachen. 
Kulturgeschichtliche  Skizze. 

AUgem.  Familien-Zeitung  1870,  Nr.  37. 

261.  Mussafia,  Ad.,  suUa  legenda  del  Legno  della  Croce.  Studio.  Lex. 
8.  (54  S.)  Wien   1870.   Gerold  in  Oomm.    V^  Rthlr. 

Aus  den  Sitzungsberichten  der  k.  Akademie.  Vgl.  Revue  critique  1870,  Nr.  32 
(G.  Paris). 

262.  Köhler,  R.,  zur  Legende  von  Gregorius  auf  dem  Steine. 
Germania  15,  284-291. 

263.  Oesterley,  H.,  zu  Gesta  Romanorum. 
Germania  16,  104—105. 

264.  Historie  von  dem  Zauberer  Virgilius.  Auf's  Neue  erzählt  von 
Bello  Pileo.   8.  (60  S.)  Reutlingen   1870.  Fleischhauer.   2  Ngr. 

265.  Oppert,  Dr.  Gustav,  der  Presbyter  Johannes  in  Sage  und  Ge- 
schichte. Ein  Beitrag  zur  Völker-  und  Kirchenhistorie  und  zur  Heldendichtung 
des  Mittelalters.   2.  Aufl.   8.  (VIII,   228   S.)  Berlin    1870.  Springer.   3  Rthlr. 

Vgl.  Athenaeum  1870,  15.  October. 

266.  Bergmann.  F.  G.,  the  San  Greal:  an  inquiry  into  the  origin  and 
»ignification  of  the  San  Greal.  Edinburgh   1870. 

Vgl.  Athenaeum  1870,  9.  April. 

267.  Köhler,  R.,  die  Griseldis-Novelle  als  Volksmärchen.  1.  deutsch. 
2,   dänisch.    3.   russisch.   4.  isländisch. 

Oosche's  Archiv  für  Literaturgeschichte  1,  409  —  427, 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870.  479 

268.  Axoti,  W.  E.  A.,  the  legend  of  the  disguiaed  kuight.  8.  Loadon 
(1870).  Trübner. 

Aus  den  Transactions  of  the  royal  society  of  literature.  Vgl.  Trübners  Record 
1871,  28.  Februar. 

269.  Marc-Monnier,  Guillaume  Teil  et  lea  trois  Suiases,  la  legende  et 
l'hiatoire. 

Revue  des  deux  mondes  1870,  Janvier,  p.  214  flf. 

270.  Zinzow,  Ad.,  Vineta  und  Palnatoke.  Der  nordische  Teil. 
Pädagogisches  Archiv  12.  Jahrgang,  8.  Heft. 

271.  Sage  und  Geschichte  der  weißen  Frau. 
Historisch-politische  Blätter  66,  299—313.     Nach  Kraußold. 

272.  Über  die  Sage  der  weißen  Frau. 

Die  Biene  1870,  Nr.  10.  '■ 

273.  Födisch,  J.  E.,  die  Sage  von  der  weißen  Frau  in  Böhmen. 
Mittheilungen   des  Vereins   für  Geschichte   der  Deutschen   in  Böhmen,    9.  Jahr- 
gang 3.  Heft. 

274.  Bäßler,  Ferd.,  Über  die  Sage  vom  ewigen  Juden.  8,  (24  S.) 
Berlin   1870.   Heinersdorflf.    '/,   Ethlr. 

Sammlung  wissenschaftlicher  Vorträge.  5.  Heft.  Vgl.  Allgem.  Liter.  Anzeiger 
1871,  Nr.  48. 

275.  Blaas,  C.  M.,  der  ewige  Jude  in  Deutschland.  Eine  culturgeschicht- 
liche   Skizze.    8.  (13   -S.)   Programm   des  Gymnasiums  zu  Stockerau    1870.' 

Vgl.  Archiv  f.  d.  Studium  der  neueren  Sprachen  47,  468. 

276.  Deutschlands   Schild  und  Wappensagen. 
Illustrirte  Zeitung  Nr.  1386—1414. 

277.  Uetterodt,  Ludw.,  Graf,  Promemoria  eine  angebliche  Wappen» 
und  Schildsage    der  Grafen  von  Schwarzburg  betreflfend. 

Deutscher  Herold.  Monatsschrift  für  Heraldik.  1.  Jahrgang  (lf70). 

IX.  Volks-  und  Kinderlieder,  Sprich wörter,  Sitten  und  Gebräuche. 

278.  Liliencron,  v.,  Nachträge  zu  Nr.  40  der  historischen  Volkslieder 
und  zu  den   Bruchstücken  der  Simon'öchen  Reimchronik  bei  Lorenz  Fries. 

Sitzungsberichte  der  bair.  Akad.  d    Wiss.  1870,  II,  373—393. 

279.  Wormser  Lied  auf  Franz  von  Sickingen  aus  dem  Jahre  1515. 
Rlitgetheilt  von  H.  Ulmann. 

Forschungen  zur  deutschen  Geschichte  10,  656 — 660. 

280.  Tobler,  über  die  historischeu   Voikslieder  der  Schweiz. 

Archiv  des  historischen  Vereins  in  Bern  6,  305-362.  Vgl.  Archiv  f.  d.  Studium 
d.  neueren  Sprachen  47,  350. 

281.  Deutsche  Volkslieder  aus  Kärnten.  Gesammilt  von  Dr.  V.  Po- 
gatschnigg  und  Dr.  Em.  Herrmaun.  2.  Band,  a.  u.  d.  T. :  Lieder  vermischten 
Inhaltes.    16.   (244   S.)   Graz    1870.    Pock.    1    Rthlr. 

Vgl.  Wissenschaft!.  Beilage  der  Leipz.  Zeitung  1869,  Nr.  27. 

282.  Das  Volkslied  im  Voigtland. 

Europa  1870,  Nr.  13;  im  Anschluß  an  Dunger,  oben  Nr.  162. 

283.  Album  polnischer  Volkslieder  der  Oberschlesier.  Übertragen  von 
Emil  Erbrich.   8.  (XIV,   66   S.)  Breslau    1870.   Gebhardi.    Vj   Rthlr. 

284.  Chambers,  R. ,  populär  rhymes  of  Scotland.  New  edition.  8. 
(408   S.)  London,   Chambers. 

285.  Grundtvig,  Sv.,  Danmarks  gamle  Folkeviser.  4.  Bd.,  2.  Heft. 
(S.  J 93— 400).  Köbenh.   1870. 

32* 


480  BiBLIOGRAPHrE  VON  187Ö. 

286.  Vallvisor,  och  barusänger.    (Smäekrifter    für  folket.  9.)  8.  (8  S.) 
Stockholm   1870.   Norstedt  &  Söner. 

287.  Svenska  folkmelo  dier. 
Dybeck,  Runa  3,  52. 

288.  Svenska  gissegator. 
Dybeck,  Runa  3,  48-50. 

289.  ür  program  et    tili  aftonunderhällningen    med    nordisk    folkmusik. 
Dybeck,  Runa  3,  50-52. 


290.  Rochholz,  Prof.  Dr.  E.,  Zwei  Kinderreime  gedeutet. 
Verhandlungen  d.  Vereins  für  Kunst  und  Alterthura  in  Ulm.  Ulm  1870.  Heft  3, 

S.  42  ff. 

291.  Elliott,  J.  W.,  national  nursery  rhymes  and  nursery  songs  set  to 
muaic.   With  illustrations.   kl.   fol.   London  (Berlin,   Asher)    1870.    2 '/^  Rthlr. 

292.  Englisch  nursery  rhymes  translated  into  French  by  John  Roberts. 
Rivingtons. 

Vgl.  Athenaeum  1871,  8.  Juli. 


293.  Wand  er,  K.  F.  W. ,  Deutsches  Sprichwörter  -  Lexicon.  28.— 30. 
Lieferung,  hoch  4.  (Band  2,  Sp.  1537—1886).  Leipzig  1870.  Brockhaus. 
k  Va  Rthlr. 

294.  Hof  er,  Edm.,  Wie  das  Volk  spricht.  Sprichwörtliche  Redensarten. 
6.   stark  verm.  Aufl.   16.  (XVI,   212   S.)  Stuttgart   1870.  Krabbe.   24  Ngr. 

295.  Birlinger,  A.,  Sprichwörter  und  Sprüche. 
Gennania  15,    102-104. 

296.  Köhler,  R.,  Zum  Spruch  vom  Nagel  im  Hufeisen. 
Germania  15,  105-106. 

297.  Deutsches  Wesen  in  Sprüchwörtern,  Sprüchen,  Inschriften  und 
Devisen.  I. 

Beilage  des  preussischen  Staats-Anzeigers  1870,  Nr.  43. 

298.  Der  schwäbische  Michel  s.  Nr.    174. 

299.  Münz,  Taufnamen  als  Gattungsnamen  in  sprichwörtlichen  Redens- 
arten. 

Annalen  des  Vereins  für  Nassauische  Alterthumskunde  10.  Band. 

300.  Der  Krieg  im  Munde  des  deutscheu  Volkes. 
Wochenblatt  der  Johanniter-Ordens-Balley  Brandenburg  1870,  Nr.  48. 

301.  Die  sociale  Stellung  des  Pferdes  in  Sprichwort  und  Fabel. 
Europa  1870,  Nr.  19,  Sp.  595-604. 

302.  Tunnicius.  —  Die  älteste  niederdeutsche  Sprichwörtersammlung  von 
Antonius  Tunnicius  gesammelt  und  in  latein.  Verse  übersetzt.  Hsg.  mit  hochd. 
Übersetzung,  Anmerk.  und  Wörterbuch  von  Hoffmann  v.  Fallersleben.  gr.  8. 
(224   S.)  Berlin   1870.  Oppenheim.   V/^   Rthlr. 

Vgl.  Archiv  f.  d.  Studium  d.  neueren  Sprachen  47,  171;  Liter.  Centralbl.  1870, 
Nr.  22;  Magazin  f.  d.  Liter,   d.  Auslandes  Nr.  29. 

303.  Hoffmann  von  Fallersleben,  die  erste  Ausgabe  der  Sprich- 
wörtersammlung des  Antonius  Tunnicius. 

Germania  15,  195 — 197. 

304.  Eichwald,  K.,  niederdeutsche  Sprichwörter  und  Redensarten  ge- 
sammelt und  mit  einem  Glossar  versehen.  4.  Aufl.  8.  (III,  92  S.)  Bremen  1870. 
Tannen.   Va  ^thlr. 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870,  481 

305.  So  spröäken  de  norddütsche  Bu'rn.  Röädenaoarten,  Sprüchwüö'r, 
Bu'rröäthsel,  Riemsel  un  Singsang  van  de  Göären.  16.  (IV,  200  S.)  Berlin  1870. 
Schlingmann.    V3   Kthlr. 

306.  Harrebom^e,  P.  J. ,  Spreekwoordenboek  der  Nederlandsche  taal, 
of  verzamling  van  Nederlandsche  spreekwoorden  en  spreekwoordelijke  nitdrukkingen 
van  vroegeren  en  lateren  tijd.   3.  Th.    Utrecht   1870.  Kemink.  f.    30,95. 

307.  Hislop,  Alex.,  the  proverbs  ol  Scotland  :  with  explanatory  and  illustra- 
tive notes  and  a  glossary.    3.  edition.   8.  (XII,  367  S.)  Edinburgh  1870.    2  s.  6  d. 

308.  Kok,  J.,  danske  Ordsprog  og  Talemäder  fra  Sönderjylland.  Sana- 
lede  og  samnaenstillede  med  gamle  og  nyere  nordiske  ordsprog.  8.  (208  S.) 
Köbenhavn   1870.  

309.  Wil manne,  W. ,    ein  fragebüchlein  aus  dem  neunten  Jahrhundert. 
Zeitschrift  für  deutsches  alterthum  15,  166 — 186. 


310.  Weller,  Emil,   unbekannte  Ausgaben  bekannter  Volksbücher. 
Serapeum  1870,  Nr.  22,  Intell.  Blatt. 

311.  Tettau,  W.  Freiherr  v.,  über  einige  bis  jetzt  unbekannte  Erfurter 
Drucke  aus  dem   15.  Jahrhundert.    8.   Erfurt    1870. 

312.  Schönhuth,  0.  F.  H. ,  Hugdietrichs  Brautfahrt  und  Hochzeit. 
Wieland  der  kunstreiche  Schmied.  Zwei  sehr  ergötzliche  und  abenteuerliche 
Historien.  Aus  alter  Geschrift  gezogen  und  auf's  Neue  erzählt.  8.  (72  S.)  Reut- 
lingen  1870.  Fleischhauer.   2  Ngr. 

313.  Historie  von  der  schönen  Hirlande  oder  Sieg  der  Unschuld  über 
die  Bosheit.    16.  (48   S.)  Reutlingen   1870.  Enslin  u.  Laiblin.   1   Ngr. 

314.  Magelona,  die  schöne,  und  Graf  Peter  mit  den  silbernen  Schlüsseln 
aus  der  Provence.  Eine  anmuthige  Geschichte  aus  alter  Zeit.  16.  (64  S.) 
Ebenda   1870.   2  Ngr. 

315.  Schönhuth,  0.  F.  H. ,  Historie  von  Heinrich  dem  Löwen.  Gar 
wunderbarlich  zu  lesen.  Mit  schönen  Figuren.  Aus  alter  Geschrift  auf's  Neue 
an's  Licht  gestellt,   8.   (40   S.)  Reutlingen   1870.   Fleischhauer.    1    Ngr. 

316.  Birlinger,  A.,   Zu  den   Volksbüchern.    Schwäbische  Zeugnisse. 
Germania  15,  99-102. 

317.  Folkböger,  gamla  svenska,  auyo  utgifna.  1.  Melusina.  2.  De  sju 
vise  Mästare.  3.  Kejsar  Octaviauus.  4.  Jesu  barudomsbok.  5.  Grisilla.  6.  Fortu- 
uatus.    16.   Orebro   1869.  


318.  Volksüberlieferungen. 
Ostfriesisches  Jahrbuch  1,  2.  Heft. 

319.  Ros egger,  P.  K.,  Sittenbilder  aus  dem  steierischen  Oberlande.  8. 
(VII,   262   S.)   Graz    1870.   Verlag  d.   'Leykam'.    28   Ngr. 

Enthält.  Volkslieder,  Sprichwörter  und  Gebräuche,  Vgl.  Neue  evang.  Kirchen- 
zeitung 1870,  Nr.  42. 

320.  Waizer,  Rudolf,  der  Aberglaube  in  Kärntens   Bergen. 
Die  Biene  1870,  Nr.  5. 

321.  Födisch,  Dr.  J.  E.,  aus  dem  nordwestlichen  Böhmen.  Beiträge 
zur  Kenntniss  des  deu'.schen  Volkslebens  in  Böhmen.  8.  (30  S.)  Programm  der 
deutschen   Ober-Real-Schule  in  Prag   1869. 

Vgl.  Archiv  f.  d.  Studium  d.  neuereo  Spracheu  47,  332, 


482  BffiLIOGRAPHIE  VON  1870. 

322.  Dornick,  Pastor  emer. ,    kirchliche  Sitten  in  der  südlichen  Ober» 
Laneitz. 

N.  Lausitzisches  Magazin  47.  Bd  ,  1.  Heft. 

323.  Jacobs,  Ed.,  die  Bedeutung  des  Brockens  für  die  Volksvorstellung 
als  Geisterberg  etc. 

Zeitschrift  des  Harz- Vereins  f.  Geschichte  u.  Alterthumskunde,  3.  Jahrgang  (1870). 

324.  Reinhard,  L.,  Aberglaube  in  Mecklenburg. 
Buch  der  Welt  1870,  Nr.  2. 

325.  Zorn,  Th.,  Aberglaube  bei  den   Mönchsgutern  auf  der  Insel  Rügen. 
Globus,  von  K.  Andree,  18.  Band. 

326.  Kristensen,    E.  T. ,    jydske    folkeminder,     isser    fra    Hammerum 
Herred.  3.  Heft.   (80  S.)  Köbenh.   1870. 

327.  Altbayerische  Cultur skizzen.  Die  Bauernhochzeit.  IX.  Der  Hoch- 
Keitstag. 

Augsburger  Postzeitung,  Sonntagsblatt,  1871,  Nr.  23. 

328.  Hochzeitsbräuche  auf  Mönchsgut. 
Sonntagsblatt  von  Duncker  1870,  Nr.  12. 

329.  T  bemann,  0.,  westfälische  Bauernhochzeit. 
Daheim  1870,  S.  572—574. 

330.  Winkler,  Johann,  de  bruidshoogten  op  het  Noord-Friesche  eiland 
Sylt,  naar  C.  F.  Hansen. 

De  Vrije  Fries  12.  Deel.  Leeuwarden  1870. 

331.  Reinsberg-Düringsfeld,    Frh.    v.,  Heirathsorakel    in  England. 
Der  Bazar  1870,  Nr.  26.  28. 

332.  Die    sieben  Wochentage    in    Glauben    und    Brauch    des   Volks, 
Von  E.   S. 

ninstrirte  Zeitung  Nr.  1383. 

333.  Lichtmeß  (v.  H.). 
niustrirte  Zeitung  Nr.  1387, 

334.  Hörmann,  L.  v.,  tirolische  Ostern. 
Der  Hausfreund  1870,  Nr.  29,  S.  457  ff. 

335.  Hörmann,   L.   v.,   Christi  Himmelfahrt  und   Pfingsten   in  Tirol. 
Der  Hausfreund  1870,  Nr.  36,  S.  569  ff. 

336.  St.  Johannisblumen. 

Europa  1870,  Nr.  26,  Sp.  825—32.  Nach  J.  Nathusius. 

337.  R(ein8berg)  D(üringsf eld),  v.,  der  St.   Nikolaustag, 
niustrirte  Zeitung  Nr,  1431. 

838.   Hör  mann,  L.  v.,   das  Julfest  der  alten  Germanen. 

niustrirte  Zeitung  Nr,  1435. 

339.  Lang,  H.,  Geschichte  der  Weihnacht. 

Zeitstimmen  aus  der  reformirten  Kirche  der  Schweiz,  12.  Jahrgang,  Nr.  1  ff. 


340.  Weinhold,  K.,   Weihnachts-Spiele  und  Lieder  aus  Süddeutschland 
und  Schlesien.  Neue  (Titel-) Ausgabe.   Graz   1870.  Leuschner.   '^/g   Rthlr. 

341.  Brunner,   S.,  das  Passionsspiel  zu  Oberammergau  in  den  J.    1860 
und    1870,   3.  Aufl.   8,  Wien   187Ü,    Braumüller.   24   Ngr. 

342.  Forsch,  J.,  das  Passionsspiel  zu  Oberammergau  in  Bayern,   gr,  16. 
(IV,    124  S.)  Bamberg   1870.   Buchner.   14   Ngr. 

Vgl.  Allgem.  Liter.  Zeitung  1870,  Nr.  26;  Keusch,  theolog.  Literaturblatt  Nr.  11. 

343.  Holland,  Hyacinth,    das    Ainmergauer    Passionsspiel    im  J,    1870. 
Iknn  den  „Zeitgemäßen  Broschüren]."   8.  (28  S.)  Münster  1870.  Russell.  2  Ngr. 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870.  4gg 

544.  Lainpert,  Friedr.,  das  Passionespiel  in  Oberammergau.  Zur  Füh« 
rang  und   Orientirung.    8.   (IV,    67   S.)  VTürzburg   1870.   Stuber,    V^   Rthlr. 

Vgl.  Allgem.  Liter.  Zeitung  Nr.  22;  Blätter  f.  liter.  Unterhalt.  Nr.  42;  Z.  theolot 
Literaturbl.  Nr.  24. 

345.  Das  PassionsSchauspiel  im  Oberammergau.  Mit  dem  voll- 
ständigen Texte  der  Chorgesänge.   8.   (72   S)  Augsburg   1870.   Schmid.   6  Ngr. 

346.  Schöberl,  Franz,  das  Oberammergauer  Passions-Spiel  mit  den 
Passionsbildern  von  A.  Dürer.    16.   (^90   S.)  Eichstätt   1870.  Krüll.    Vs  ßthlr. 

Vgl.  Allgem,  Liter.  Zeitung  Nr.  31 ;  Heindl,  Repertorium  Nr.  7 ;  Magaz.  f.  Päda- 
gogik Nr.  30. 

347.  Aus  dem  Zuckmantler  Passionsspiel. 

Allgem.  Evang,  Luther.  Kirchenzeitung  1870,  Nr.  34,  S.  629—639. 

X.  Alterthümer  und  Culturgeschichte. 

34^.  Müllen  hoff,  Karl,  deutsche  Alterthumskunde.  1.  Band.  gr.  8. 
(501    S.)  Berlin    1870.   Weidmann.   SVg   Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  21  (A.  v.  Gutschmid);  Zeitschrift  für  d.  Öster- 
reich. Gymnas.  S.  153  —  181;  Saturday  Review  Nr.  791;  Blätter  f.  liter.  Unterhalt.  1870, 
Nr.  38;  "Preußische  Jahrbücher  1871,  S.  178—183  (Scherer). 

349.  Lecky,  W.  E.  H. ,  history  of  European  morals,  from  Augustas  to 
Charlemagne.   2   voll.   8.   (930   S.) 

Vgl.  Edinburgh  Review  Nr.  265,  S.  36  ff. 

350.  Lecky,  W.  E.  H. ,  Sittengeschichte  Europas  von  Augustus  bis 
auf  Karl  den  Grossen.  Nach  der  2.  verb.  Aufl.  mit  Bewill.  d.  Verf.  übersetzt 
von  Dr.  H.  Jolowicz.  1.  Band.  gr.  8.  (XH,  405  S.)  Leipzig  1870.  C.  F. 
Winter.    1    Rthlr.   24    Ngr. 

Vgl  Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutschen  Vorzeit  1871,  Nr.  6;  Magazin  f.  d.  Liter, 
d.  Ausl.  Nr.  30;  N.  evang.  Kirchenzeitung  Nr.  38;  Zimmermanns  theol.  Literaturbl. 
Nr.  .30;  Dorpat.  Zeitschr.  f  Theol.  XII,  3;   Hauck's   theolog.  Jahresber.  1871,  Nr.  10. 

351.  Scberr,  Job.,  deutsche  Kultur-  und  Sittengeschichte.  4.  Auflage, 
gr.   8.   (XIV,   625  S.)  Leipzig   1870.   0.   Wigand.   2V3   Rthlr. 

Vgl.  Xationalzeitung  Nr.  145;  Europa  Nr.  11;  Hall.  Zeitung  Nr.  59;  Hessische 
Morgenzeitnng  Nr.  3693.  3929;  Hamburg.  Nachricht.  Nr.  57;  Zeitung  f  Norddeutschi. 
6476;  Breslauer  Zeitung  Nr.  203;  Blätter  f.  liter.  Unterh.  1871,  Nr.  9;  Musikliteraturbl. 
1870,  Nr.   12. 

352.  Müller,  J.,  der  Aargau.  Seine  politische,  Rechts-,  Kultur-  und  Sitten- 
geschichte.   1.   Band.   Zürich   1870.   Schulthess.    2  Rthlr. 

353.  Kasiski,  Major,  die  Pfahlbauten  in  dem  ehemaligen  Persanzig-See. 
Baltische  Studien  23.  Jahrgang. 

354.  Hartmann,  R.,  über  Pfahlbauten  namentlich  der  Schweiz  sowie 
über  noch   einige  andere,  die  Alterthumskunde  Europa's  betreflPende  Gegenstände. 

Zeitschrift  für  Ethnologie  v.  A.  Bastian  n.  R.  Hartmann,  2.  Jahrgang,  1.  2.  4.  Heft. 

355.  Dederich,  Oberl.  Prof.  A.,  Julius  Caesar  am  Rhein.  Nebst  An- 
hang über  die  Germani  des  Tacitus  (Germ.  2)  und  über  die  Franci  der  Peu- 
tinger' sehen   Tafel.   8.   (IV,    87   S.)  Paderborn    1870.   Schöningh.    V3   Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1870,  Nr.  52. 

356.  Tacitus,  Agricola,  Germania,  Dialogus  de  oratoribus.  Recogn. 
Ant.   Bonzö.    16.  (77   S.)  Milano   1869.  fr.   0,40. 

357.  Planck,  Adolf,  Beiträge  zur  Erklärung  der  Taciteischen  Germania, 
4.   (42   S.)   Heilbronn  (Tübingen,  Fues)   1867.    7,,  Rthlr. 

Erst  jetzt  (1870'i  in  den  Handel  gekommen. 


484  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

358.  Usinger,  Prof.  K.,  zu  Tacitus  Germania  cap.   2. 
Forschungen  zur  deutschen  Geschichte  11,  595  —  616. 

359.  Wiedemann,  Th.,  Nachtrag  zu  der  Abhandlung  'über  eine  Quelle 
von  Tacitus  Germania. 

Forschimgen  zur  deutschen  Geschichte  10,  595  —  601. 

360.  Waitz,  G.,  Über  angebliche  Benutzung  von  Tacitus  Germania 
im  Mittelalter. 

Forschungen  zur  deutschen  Geschichte  10,  602. 

361.  Watterich,  Prof.  Dr.,  der  deutsche  Name  Germanen  und  die 
ethnographische  Frage  vom  linken  Rheinufer.  Eine  historische  Untersuchung. 
gr.    8.   (VIII,    112   S.)  Mit  einer  Karte.   Paderborn   1870.   Schöningh.    7^  Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  12;  Blätter  f.  liter.  Unterh.  Nr.  6  (Eückert); 
Herrigs  Archiv  47,  456  (Mahn);  Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutsch.  Vorzeit  1871,  April; 
N.  Preuß.  Zeitung  1870,  Nr.  250. 

862.  Kellner,  Dr.  Wilhelm,  Chatten  und  Hessen.  Eine  Untersuchung 
über  die  Herleituug  des  Namens  der  Hessen  aus  dem  der  Chatten. 

Hassel's  Zeitschrift  f.  preußische  Geschichte  7,  425  —  442. 

363.  Pallmann,  Dr.  Rud. ,  die  Cimbern  und  Teutonen.  Ein  Beitrag 
zur  altdeutschen  Geschichte  und  zur  deutschen  Alterthumskunde.  gr.  8.  (III, 
70   S.)  Berlin   1870.   Klönne  u.   Meyer.    %   Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1870,  Nr.  37. 

364.  Die  Alterthümer  unserer  heidnischen  Vorzeit.  Nach  den  in  öffent- 
lichen und  Privatsammlungen  befindlichen  Originalien  zusammengestellt  und  heraus- 
gegeben von  dem  römisch-germanischen  Centralmuseum  in  Mainz  durch  dessen 
Conservator  L.  Lindenschmit.  2.  Band,  12.  (Schluß-)  Heft.  gr.  4,  (6  Steintafeln 
und   19   S.  Erklärungen.)  Mainz    1870.  v.   Zabern.    %  Rthlr. 

365.  Grabhügel  aus  heidnischer  Vorzeit  bei  Frankfurt. 
Mittheilungen   an   die  Mitglieder  d.  Vereins  f.  Geschichte   und  Alterthumskunde 

zu  Frankfurt  a.  M.  4.  Bd.,  Nr.  1. 

366.  Peter,   Anton,  heidnische   Grabalterthümer  in  Schlesien. 
Mittheilungen  der  k.  k.  Central-Commission  etc.   15.  Jahrgang  (1870). 

367.  Vedel,  E.,  om  de  bornholmske  Brandpletter,  Begravelser  fra  den 
seldre  Jernalder. 

Aarböger  f.  nordisk  Oldkyndighed   1870,    1.  Heft. 

368.  Feddersen,   Arthur,   Nogle  viborgske  Oldsager  og  Udgravinger. 
Aarböger  f  nordisk  Oldkyndighed  1870,  3.   Heft. 

369.  Eugelhardt,   C,   Om  Stendysser  og  deres  geografiske  Udbredelse. 
Aarböger  f.  nordisk  Oldkyndighed  1870,  2.  Heft. 

370.  Worsaae,  J.  J.  A.,  Om  Forestillingerne  paa  Guldbracteaterne.  Et 
Tydningsforsög. 

Aarböger  f.  nordisk  Oldkyndighed  1870,  4.  Heft.  Mit  Figuren  im  Texte  und  10 
Tafehi. 

371.  Ein  norwegisches  Fahrzeug  aus  der  Wikinger  Zeit. 
llhistrirte  Zeitung  Nr.   1280. 

372.  Wein  hold,  Prof.  Dr.  Karl,  die  gotische  Sprache  im  Dienste  des 
Kristenthums.  Festschrift.  8.  (38  S.)  Halle  1870.  Buchhaudl.  d.  Waisenhauses. 
y4   Rthlr. 

Vgl.  Heidelb.  .Jahrbücher  1871.  S.  646—648  (K.  Bartsch);  Zeitschrift  f.  deutsche 
Philologie  2,  236 — 237  (Bernhardt);  Keusch,  theolog.  Literaturbl.  Nr.  11   (Birlinger). 

373.  Waitz,  Georg,  deutsche  Verfassungsgeschichte.  2.  Band,  2.  um- 
gearb.  Auflage,  gr.   8.   (VIII,    738   S.)  Kiel   1870.  Homann.   5  Rthlr. 

374.  Roseustei  n,  über  das  altgermaniscbe  Königthum. 
Zeitschrift  für  Völkerpsychologie  7.  Baad,  2.  Heft. 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870.  485 

375.  Maurer,  G.  L.  v.,  Geschichte  der  Städteverfassung  in  Deutsch- 
land.   1.    2.   Band.   gr.    8.   Erlangen    1869-70.  Enke.   8   Rthlr.    9   Ngr. 

Vo-l.  Literar.  Centralbl.  1870,  Nr.  43;  Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutschen  Vorzeit 
Nr.  7;  Allg-em.  Zeitung,  Beil.  277  ff. 

376.  Hegel,   C,   zur  Geschichte  der  Städteverfassuug  im  Mittelalter. 
Sybel's   historische   Zeitschrift    12.   Jahrg.    (1870)  3,  1 — 21.   Essay  über  Maurer. 
577.  Usinger,  R.,  der  Haushalt  der  Stadt  Hamburg  im  14.  Jahrhundert. 
Sybel's  historische  Zeitschrift,  Jahrgang  1870,  3,  22 — 42.  Essay  über  Koppraann 

(Bibliogr.  1869,  371). 

378.  Barbeck^  Hugo,  Patrizierleben,  insbesondere  Nürnbergisches  im 
Allgemeinen. 

Album  des  Literar.  Vereins  in  Nürnberg   1870,  S.   15     48. 

379.  Köhler,  A.,  über  den  Stand  berufsmäßiger  Sänger  im  nationalen 
Epo.9  germanischer  Völker. 

Germania  1-5,  27—50. 

380.  Weiniuger,  H.,  Die  Barbarei  des  Mittelalters.  CulturListorische 
Skizze. 

Allgera.  Familien-Zeitung  1870,  Nr.  5. 

381.  Kälund,  Kr.,  Familielivet  pä  Island  i  den  forste  Sagaperiode 
(indtil    1030),   säledes  som  det  fremtsajder  i  de  historiske  sagaer. 

Aarböger  f.  nordisk  Oldkyndiglicd  1870,  4.  lieft. 

382.  Maurer,  K,  Islands  und  Norwegens  verkehr  mit  dem  süden  vom 
IX.   bis  XIII.  Jahrhundert. 

Zeitschrift  für  deutsehe  philologie  2,  440-  468. 

383.  Stephan,  Heinrich,  kgl.  preuß.  Geh.  Oberpostrafh ,  das  Verkehrs- 
lebcn   im   Mittelalter. 

Raumer's  historisciies  Taschenbuch  4.  Folge,  10.  Jahrgang  (1870). 

384.  Stephan,   da.s  Verkchrsleben  des  Mittelalters. 
Beilage  des  k.  preußischen  Staats-Anzeiger.s  1870,  Nr.  33 — 35. 

385.  Jahns,   Max,  der  Pferdehandel. 

Faucher"s  Vierteljahrschrift  für  Volkswirthschaft  8,  50—62. 

386.  Deppiug,  Guillaume,  Wunder  der  Körperkraft  und  Geschicklich- 
keit der  Menschen.  Historische  Darstellung  der  Leibesübungen  bei  den  alten 
und  neuen  Völkern.  Aus  dem  Franz.  von  R.  Springer,  Mit  69  Illustr.  gr.  8. 
(412    S.)   Berlin   1869—70.  Saccoo.   1%  Rthlr. 

Vgl.  Europa  1870,  Nr.  26. 

387.  Die  Ringkunst  des  deutschen  Mittelalters  mit  119  Ringerpaaren 
von  Albrecht  Dürer.  Aus  den  deutschen  Fechthandschriften  zum  ersten  Mal 
herausg.  v.  Karl  Wassmannsdorff.  gr.  8.  (XXIII,  203  S.)  Leipzig  1870.  Priber. 
2  Rthlr. 

388.  Wassmannsdorff,  K.,  sechs  Fechtschulen  [d.  i.  Schau-  und  Preis- 
fechten] der  Marxbrüder  und  Federfechter  aus  d.  J.  1573 — 1614;  Nürnberger 
Fechtschulreime  V.  J.  1579  u.  Rösener's  Gedicht:  Ehrentitel  u.  Lobspruch  der 
Fechtkunst  v.  J.  1589.  Eine  Vorarbeit  z.  e.  Geschichte  der  Marxbrüder  und 
Federfechter.   8.   (VII,    58    S.)  Heidelberg   1870.   Groos.    16   Ngr. 

389.  Macphersou,  J.,  the  baths  and  wells  of  Europe.  London    1869. 

390.  Baths  and   Bathing  Places,   ancient  and  moderne. 

Quarterly  Review  Nr.  257,  S.  151—182.  Referat  über  Macpherson's  u.  a.  Schriften. 

391.  Köhler,  Oberstlieutenant,  eine  Handschrift  über  Kriegskunst  aus 
der  Mitte   des    1 5.   Jahrhunderts. 

Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1870.  Sp.  6-10;  37-41;  73—79; 
113—118.  .... 


486  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

392.  Specht,  F.  A.  C.  v.,  Gen.  Lieut.  a.  D.,  Geschichte  der  Waffen. 
Nachgewiesen  u.  erläutert  durch  die  Culturentwickelung  der  Völker  u.  Beschrei- 
bung der  Waffen  aus  allen  Zeiten.  In  4  Bänden.  1.  Bd.  8.  (IV,  527  S.)  Cassel 
1870.   Luckhardt. 

V^l.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  45. 

393.  Hilde brand,  R.,   Zu  Germania  IX,   45. 
Germania  15,  236.     Über  dringen. 

394.  Eichwald,  Karl,  Cumpelmenteerbook  vun't  J.  1572.  Tor  lust  und 
lerre  upt  Nee  'nitgewen.   2.   Aufl.    16.  (11   S.)  Bremen  1870.   Tannen.    3  Ngr. 

395.  Zapp,  Dr.,  Geschichte  der  deutschen  Frauen.  Vier  Vorträge  gehalten 
in  Berlin  im  Winter   1870.   8.  (XII,   216   S.)  Berlin    1870.  Henschel.    1   Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  5. 

396.  Escher,  Dr.  Heinr. ,  Prof.,  die  Rechtsverhältnisse,  der  Einfluß  und 
die  Sitten  der  Frauen  in  den  Gegenden,  welche  jetzt  das  Gebiet  der  schweizeri- 
schen Eidgenossenschaft  bilden,  in  der  zweiten  Hälfte  des  Mittelalters,  gr.  8. 
(76   S.)  Aarau    1870.   Sauerländer.    12   Ngr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1870,  Nr.  28. 

397.  Aus  deutscher  Vergangenheit.   I.   Die  Frau  im  Mittelalter. 
Illustr.  Familien-Zeitung  1870,  Nr.  40,  S.  630  fg. 

398.  Hofmann,  Dr.  F.,  Privatdocent,  über  den  Verlobungs-  und  Trau- 
ring.   8.  Wien   1870.   Gerold  in   Comm. 

Sitzungsberichte  d.  k.  Akad.  d.  Wissensch.  65.  Band. 

399.  Richter,  Albert,  zur  Geschichte  des  deutschen  Kinderspiels.   Cultur- 

geschichtliche  Skizze. 

Westermanns  illustrirte  Monatshefte,  October  1870,  S.  37 — 47. 

400.  Das  deutsche  Kinderspiel. 
Ewopa  1870,  Sp.  679—688.  Nach  A.  Richter. 

401.  Über  den  Ursprung  unserer  geselligen   Spiele. 
Allgem.  Modenzeitung  1870,  Nr.  22. 

402.  Ursprung  der  Spielkarten. 

Illustrirte  Zeitung  Nr.  1399.  1400.  Mit  Abbildungen. 

403.  Gouw,  J.  ter.  De  volksvermaken.  3.  Lief,  bis  Schluß.  8.  Haarlem 
1870.   Erven  Bohn.   ä  f.    0,40;   compl.   f.    8,80. 

404.  Köhler,  Ernst,  Hrabanus  Maurus  und  die  Schule  zu  Fulda.  8. 
(40   S.)   Leipzig   1870. 

Dissertation.  Vgl.  Allgem.  Liter.  Anzeiger  V,  426;  Jahrbücher  f.  Philol.  und 
Pädag.  102,  515. 

405.  Colombel,  Gymnas.  Oberl.,  die  Burgen  und  die  Burgfrieden  des 
deutschen  Mittelalters. 

Annalen  d.  Vereins  f.  Nassauische  Alterthumskunde  10.  Band.  Wiesbaden  1870. 

406.  Pike,  G.  H.,  ancient  meeting-houses,  or  memorial  pictures  of  non- 
conforTTiity   in  old  London.    8.    (504   S.)  London    1870.   Partridge. 

407.  Tafel-   und  Zimraergeräth  vrr  fünfhundert  Jahren. 
Europa  1870,  Sp.  271-278.  Nach  Weili. 

408.  Zahn,   Dr.  A.  v.,  altdeutscher  Teppich   auf  der  Wartburg. 
Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutschen  Vorzeit  1870,   Nr.  92 — 94.    Mit  Abbildung    und 

folgenden  deutschen  Versen : 

woluf  ale  meine  wilden  man 

wir  wellent  festen  und  buirge  ha(n). 

schiesen  alle  nieman  los  abe 

an  büte  gewinnent  wil  einne  habe. 

unser  vesten  die  ist  wol  behüt 

mit  gügeu  klewea  rosenblüt. 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870.  487 

409.  Curtze,   Oswald,   die  Hausinschriften  im   Fürstenthum  Waldeck. 
Beiträge    zur   Geschichte    der   Fürstenthümer  Waldeck    und  Pvrmont.    3.  Band, 

1.  Heft.  Arolsen  1870. 

410.  Homeyer,  G.,  die  Haus-  und  Hofmarken.  Mit  XLIV  Tafeln.  8. 
(XXIV,   423   S.)  Berlin   1870.   Ober-Hofbuchdruckerei.    2'/^   Rthlr 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  5;  Im  neuen  Reich,  Nr.  20  (Emminghans); 
Zeitschr.  f.  Gesetzgebung  u.  Rei-htspflege  in  Preu!ien  V,  2.  3;  Anzeiger  f.  Kunde  d. 
deutsohen  Vorzeit,  Nr.  6;  Heidelberger  Jahrb.  S.  161—185  (Zöpfl);  kritische  Viertel- 
jahrsschrift 13.  Jahrg.,  3.  Heft:  Allgem.  liter.  Anzeiger  VII,  2;  Grenzboten  1870,  Nr.  25; 
Preuß.  Staatsanzeiger  1871,  Beilage  10. 

411.  Homeyer,   über  Hausmarken. 
Monatsbericht  der  Berliner  Akademie,  März  1870. 

412.  Voß,  über  die  Rolandsbilder. 

Blätter  z.  näheren  Kunde  Westfalens,  8.  Jahrgang. 

413.  Ilg,  Albert,    zur    Philosophie    der  Todesvorstellung    im  Mittelalter. 
Mittheilungen  der  k.  k.  Central-Commission  etc.  15.  Jahrgang  (1870). 


414.  English  Gilds.  The  original  ordinances  of  more  tban  one  hun- 
dred early  English  Gilds:  together  with  the  olde  usages  of  the  cite  of  Wyn- 
chestre  etc.  Edited  by  T.  Smith.   8.   (CXCIX,   483  .S.)  London   1870.   Trübner. 

Publication  der  Early  English  Text  Society. 

415.  Förstemann.E.,  Straßennamen  nach  Gewerben.  Zweite  Sammlung. 
Germania  15,  261—284. 

416.  Frankfurter  Straßennamen. 
Beilage  des  Preuß.  Staatsanzeigers  1870,  Nr.  52. 

417.  Staub,  L.,  die  Buchdruckerkunst.  Eine  historisch-technische  Skizze 
mit  Rücksicht  auf  die  Schweiz,  speciell  auf  Zug.   4.   (22   S.) 

Programm  der  Cantonsschule  in  Zug  1870. 

418.  Weiß,  Karl,  Nachrichten  über  den  Anfang  der  Buchdruckerkunst 
in  Speier  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  ersten  Druckerfamilie  Drach. 
2  Abth.   4.   (32   S.) 

Programm  des  Gymnasiums  in  Speier  1870. 

419.  Linde,  Dr.  A.  van  der,  de  Haarlemsche  Costerlegende  wetenschap- 
pelijk  onderzocht.  2'  uitgaaf.  8.  (X,  352  S.)  's  Gravenhage  1870.  Nijhoff. 
f.    3,50. 

420.  Meurs,  Dr.  F.  van,  de  Keulsche  kroniek  en  de  Costerlegende  van 
Dr.  A.  van  der  Linde  te  samen  getoetst.  8.  (VIH,  65  S.)  Haarlem  1870. 
Kruseman.  f.   0,75. 

421.  Weiß,  Hermann,  Kostümkunde  (III.  Abschnitt).  Handbuch  der 
Geschichte  der  Tracht  und  des  Geräthes  vom  14.  Jahrhundert  bis  auf  die 
Gegenwart.  Mit  Illustrationen.  7.  u.  8.  Lief.  gr.  8.  (S.  673  —  880.)  Stuttgart 
1870.   Ebner  und   Seubert.   k  24  Ngr. 

422.  Der  Hut  in  der  Culturgeschichte. 
Novellenzeitimg  1870,  Nr.  2. 

XI.   Kunst. 

423.  Camesina,  A.  Ritter  v.,  über  Glasmalerei. 
Mittheilungen  der  k.  k.  Central-Commission  etc.  15.  Jahrgang  (1870). 

424.  Der  Todtentanz,  wie  derselbe  in  der  weitberühmten  Stadt  Basel 
aLs  ein  Spiegel    menschlicher  Beschaffenheit  ganz  künstlich  mit  lebend.  Farben 


488  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

gemahlet,  nicht  ohne  nützliche  Verwunderung  zu  sehen  ist.  Orig.  Holzschn.  des 
16.  Jahrb.  Mit  den  deutschen  Versen.  8.  (XII,  83  S.  m.  eingedr.  Holzschn.) 
Leipzig   1870.  Danz.    1  Rthlr. 

425.  Lübke,  Wilh.,  Geschichte  der  Plastik.  2.  stark  verm.  und  verb. 
Aufl.  Mite.  350  (eingedr.)  Holzschn.  1. — 4  Lief.  Lex.  8.  (S.  1  —  176.)  Leipzig 
1870.   Seemann,   ä    %   Rthlr. 

426.  Kirch,  G.,  die  Räthselbilder  an  der  Broncethür  der  Domkirche  zu 
Augsburg.   4.   Würzburg   1870.   Woerl  in   Comm.    18  Ngr. 

427.  Kornerup,  J.,  Om  nogle  af  de  gaadefulde  Menneske-  og  Dyre- 
skikk eiser,  som  forekomme  i  vor  Middelalders  konst. 

Aarböger  f.  nordisk  Oldkyndighed  1870,  3.  Heft.  Mit  Abbild. 

428.  Lübke,  Wilh.,  Geschichte  der  Architektur.  4.  stark  verm.  u.  verb. 
Aufl.  Mit  etwa  700  Illustr.  in  Holzschn.  1.— 4.  Lief.  Lex.  8.  (S.  1  —  176.) 
Leipzig   1870.   Seemann,  k   Yg  Rthlr. 

429.  Baudenkmäler,  die  mittelalterlichen,  Niedersachseus.  Herausg.  von 
dem  Architekten-  u.  Ingenieur- Verein  für  das  Königreich  Hannover.  13. —  15.  Heft. 
Imp.   4.  Hannover   1869 — 70.   Schmorl  u.  Seefeld. 

430.  Baudenkmale,  Rheinlands,  des  Mittelalters.  Herausg.  von  Fr. 
Bock.   2.  Serie.   12  Lieferungen,  gr.   8.  Köln   1870.   Schwann.   2  Rthlr. 

431.  Kornerup,  J.,  Materialet  i  de  aeldste  danske  kirker. 
Aarböger  f.  nordisk  Oldkyndighed  1870,  2.  Heft.  Mit  6  Bildern, 

432.  Weber,  Gustav,  Pfarrer,  der  Dom  des  heil.  Gral.  Neuer  Abdruck. 
16.   (31   S.)   Quedlinburg  1868.  Franke.   6   Ngr. 

Vgl.  Allgem.  literar.  Anzeiger  1870,  S.  221. 

433.  Naumann,  Emil,  die  Tonkunst  in  der  Culturgeschichte.  1.  Band, 
2.  Hälfte,  gr.   8.   (S.   399-772.)   Berlin    1870.   Behr.   2  Rthlr. 

Vgl.  Magazin  f.  d.  Lit.  d.  Ausl.  1871,  Nr.  30;  Spenersche  Zeitung  Nr.  206;  Bl.  f. 
liter.  Unterh.  Nr.  43, 

XII.  Rechtsgeschichte  und  Rechtsalte rthümer. 

434.  Schulte,  Prof.  Dr.  Joh.  Fr.  Ritter  v. ,  Lehrbuch  der  deutschen 
Reichs-  und  Rechtsgeschichte  2.  umgearb.  Auflage,  gr.  8.  (XII,  588  S.)  Stutt- 
gart 1870.  Nitzschke.   3V3  Rthlr. 

435.  Wyß,  Fr.  v.,  Beiträge  zur  schweizerischen  Rechtsgeschichte.  8, 
(88  S.)  Basel  1870. 

Abdruck  ans  der  Zeitschr.  f,  Schweiz.  Rechtsgeschichte.  Vgl.  Götting.  Gel.  Auz. 
1870,  Nr.  26. 

436.  Stemann,  C.  L.  E, ,  den  danske  Retshistorie  indtil  Christian  V's 
Lov.   3.   Heft,   8.  (240   S.)   Köbenhavn   1870,   Gyldendal. 

437.  Beseler,  Prof.  Dr.,   der  Judex  im  bairischen  Volksrechte. 
Zeitschrift  f.  Rechtsgeschichtc  9,  244  —  261. 

438.  Sohm,    Rud. ,    die   geistliche   Gerichtsbarkeit  im   fränkischen   Reich. 
Zeitschrift  f.  Kirchenrecht  9,  193—271. 

439.  Stüve,  Dr.  C,  Untersuchungen  über  die  Gogerichte  in  Westfalen 
und  Niedersachsen.   8.   (VIII,    151    S.)  Jena   1870.  Frommann.    24  Ngr. 

Vgl,  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  17;  Zeitschr.  f.  hannöv.  Recht  3;  Anzeiger 
f.  K.  d.  d.  Vorzeit  Nr.  6;  historische  Zeitschrift  1871,  2,  392-395  (Waitz). 

440.  Böhlau,  H.,  .aus  der  Praxis  des  Magdeburger  Schöffenstuhls  wäh- 
rend des   14,  u.    15.  Jahrhunderts. 

Zeitgchnft  f.  Recht8g«3chichte  9,  Band,  1,  Heft. 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870.  489 

441.  Hahn,  H.,  altdeutsches  Eügegeiicbt  lu  deu  Harzer  Bergen. 
Die  Gartenlaube  1870,  Ö.  436—438. 

442.  Maldaga  B«kur  Hoola  donikyrkiu. 

In:  Timarit  gefid  üt  af  J.  Püturssyni  1,  57     73    2,  73-92, 

443.  Tzschirner,  K.,  de  iiidole  ac  natura  promisaionis  popularis^ 
Auslobung  quam  vocant.  Dissertatio.  Berlin  1870.  Puttkammer  in  Comm. 
Vj   Rthlr. 

444.  Wasserschieben,  geh.  Justiz-R.  Prof.  Dr.  H. ,  das  Princip  der 
Erbenfolge  nach  den  älteren  deutschen  und  verwandten  Rechten.  Eine  rechts- 
geschichtliche  Untersuchung.  8.  (VI,  312  S.)  Leipzig  1870.  Breitkopf  u.  Härtel. 
iVa   Rthli. 

445.  Kayser,  Paulus,  quid  veteris  juris  Lubecensis  Codices,  quales 
a.  1839  Hachii  curis  prodierunt,  de  hereditatibus  statuerint.  Dissertatio,  8. 
(VI,   lOÜ   S.)  Berlin.    Puttkammer  in  Comm.    '/g  Rthlr. 

446.  Schröder,  Rieh.,  zur  Geschichte  des  Warterechts  der  Erben. 
Zeitschrift  f.  Eechtsgeschichte  9,  410—421. 

447.  Bülow,  Paul.,  utium  ad  dominium  rerum  immobilium  transferen- 
dum  aecundum  jus  saxonicum  medii  aevi  resignatione  solemni  in  judicio  facto 
opus  fuerit  nee  ne.   Dissertatio.   8.  (.S7   S.)   Königsberg   1870. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1870,  Nr.  27. 

448.  Um  J)ridjüngam6t  f  Rdngar  fifngi  og  Arness  J)ingi  &  söguöldinni  og 
ymislegt  f>ar  ad  lutandi. 

In  Timarit  af  J.  Peturssyni  1,  73—88;  2,  92—114. 

449.  Zingerle,  kleine  beitrage  zu  den  deutschen  recbtsalterthümern. 
Zeitschrift  für  deutsche  pbilologie  2,  324 — 326. 

450.  Luchs,    Dr.   H.,    über  die  kirchlichen  Rechtsalterthümer  Breslaus. 
Schlesiens  Vorzeit  in  Bild  und  Kunst,  Bd.  2,  Heft  1. 


451.  Roth,  P.,  zur  Geschichte  des  bayrischen  Volksrechtes.  4.  (VI, 
23   S.)  München   1870.  Franz  in  Comm.   V4  Rthh-. 

Vgl.  Eeusch,  Literaturblatt  1869,  Nr.  17. 

452.  Muth,  Rieh.  Friedr.  v. ,  das  bairische  Volksrecht.  .Eine  rechts- 
historische Abhandlung.   8.    22   S. 

Programm  des  Gymnasiums  zu  Krems  1870.  Vgl.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  3 
(Laband). 

453.  Edictus  ceteraeque  Langobardorum  leges.  Cum  constitutionibus 
et  pactis  principum  Beneventanorum.  Ex  majore  editione  monumentis  Germaniae 
inserta  correctiores  recudi  ferit  Fr.  Bluhme.  8.  (III,  224  S.)  Hannover  1870, 
Hahn.    18  Ngr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1870,  Nr.  36. 

454.  Summa  legis  Longobardorum.  Longobardisches  Rechtsbuch  aus 
dem  XII.  Jahrhundert.  Nach  den  Handschriften  herausg.  von  Prof.  Dr.  Aug. 
Anschütz.   8.   (58   S.)  Halle  1870.  Buchh.  des  Waisenhauses.   ^3  Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1870,  Nr.  11. 

455.  Der  Sachsenspiegel  nach  der  ältesten  Leipziger  Handschrift 
herausg.  von  Prof.  Dr.  Jul.  Weiske.  4.  Aufl.,  neu  bearb.  von  Prof.  Dr.  Hilde- 
brand. 8.  (XVI,   181   S.)  Leipzig   1870.  Hartknoch.   %  Rthlr. 

456.  Bohl  au,  H.,  Fragmente  einer  Sachsenspiegel-Handschrift. 
Zeitschrift  für  Rechtsgeschichte  9,  476.  Pap.  14/15.  Jahrh. 


490  ÖIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

457.  Hnupt,  K.  J.  Th.,  der  Alvil  des  Sachsenspiegels  und  seine  Ver- 
wandten. Ein  Beitrag  zur  vergleichenden  Mythologie.  8.  (39  S.)  Liegnitz  1870. 
Cohn.   8   Ngr. 

Abdruck  aus  dem  N.  Lausitz.  Magazin,  47.  Band,  Der  Verf.  führt  das  Wort  auf 
Albe,  Elfe,  zurück.  Vgl.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  37. 

458.  Hof  er,  A.,    Altvile  im  Sachsenspiegel. 
Germania  15,  417 — 419. 

459.  Volckmann,  Dr.  E.,  das  älteste  geschriebene  polnische  Rechts- 
denkmal. 4.    (24   S.)    Elbing   1869.   Saunier. 

460.  Staradowne  prawa  polskiego  ponniki  wy-dal  Antoni  Zygmunt 
Helcel  (Alte  polnische  Rechtsdenkmäler,  herausg.  von  A.  S.  Helcel).  2.  Band. 
4.    (XIX,    960   S.)   Krakau    1870.   L.   Helcel. 

Darin  eine  deutsche  Aufzeichnung  des  polnischen  Gewohnheitsrechtes  aus  dem 
13.  Jahrb.  S.  1-33,  derselbe  Text,  den  Nr.  459  auch  enthält.  Vgl.  Sybels  historische 
Zeitschrift  1871,  4,  492. 

461.  Landbuch,  Appenzellisches ,  v.  J.  1409.  Ältestes  Landbuch  der 
schweizerischen    Demokratien.    Herausg.    von    J.   B.    Rusch.     8.     Zürich     1869. 

Schultheß. 

Mit  einem  freilich  sehr  ungenügenden  Glossar.  Vgl  kritische  Vierteljahrsschrift 
12,  95 — 98.   (Osenbrüggen  ) 

462.  Das  Barrecht    von    Pottenstein.    Mitgetheilt    von  Th.    Wiedemann. 
Österr.  Vierteljahrsschrift  f.  kathol.  Theologie,  9.  Band,  1.  Heft. 

463.  Böhlau,  Dr.   Hugo,   Beiträge  zum   Schweriner  Stadtrecht. 
Zeitschrift  für  Rechtsgeschichte  9,  261-286. 

464.  Bech,  F.,  die  bischöflichen  Satzungen  über  das  Eidgeschoss  in 
Zeitz   aus   dem   14.   und  dem    15.   Jahrhundert.   4.   (24   S.) 

Programm  des  Gymna.siums  in  Zeitz   1870. 

465.  Franklin,  0.,  Sententiae  curiae  regiae.  Rechtssprüche  des  Reichs- 
hofes im  Mittelalter.   8.   (XVI,    148   S.)  Hannover    1870.  Hahn.    1   Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  2;  histor.  Zeitschr.  13.  Jahrg.  3.  Heft;  Kritische 
Vierteljahrsscbrift  13.  Jahrgang,  3.  Heft. 

466.  Ältester  Hofrodel  von  Jona,  c.    1400,    mitgetheilt  von  Helbling. 
Mittheiluugen  f.   vaterläud.    Geschichte    v.    histor.  Verein   in    St.    Gallen,    NF.    2. 

Heft.  (187U). 

467.  Crecelius,   W.,   Urkunden  aus  Deutsch-Lothringen. 

Zeitschrift  des  Bergischen  Geschiclitsvereins,  7  Band.  Enthält  eine  deutsche 
Urkunde  von  1306,  eine  von  1341,  ein  Weisthum  von  St.  Nabor;  vgl.  Grimms  VVeis- 
thümer  II,  38. 

468.  Kirch  hoff,  Alfr. ,  die  ältesten  Weisthümer  der  Stadt  Erfurt  über 
ihre  Stellung  zum  Erzstift  Mainz  aus  den  Hss.  heiausg.,  erklärt  und  mit  aus- 
führlichen Abhandlungen  versehen.  Nebst  e.  Plan  der  Stadt  Erfurt  um  1300. 
8.  (IX,   314   S.)  Halle    1870.   Buchh.   d.   Waisenhauses.    2   Rthlr. 

\  gl.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  45;  Histor.  Zeitschrift  XHI,  396  —  399  (Laband); 
Heidelb.  Jahrbücher  1871,  S.  263     269  (Koppmann);  Spenersche  Zeitung  Nr.  168. 

469.  Weisthümer,  niederrheinische.  2.  .^btheil.  Jülisch-Bergische  Weis- 
thümer. A.  Jülische  Weisthümer.   B.   Bergische   Weisthümer. 

Archiv  für  die  Geschichte  des  Niederrheins  N.  Folge,  2.  Bd.,  1.  2.  Heft. 

470.  Schröder,  Rieh.,  Specimen  libri  sententiarum  Clivensis.   4.  (16  S.) 

Bonn   1870. 

Akademische  Abhandlung. 

471.  Schröder,  R.,  Mittheilungen  über  Clevischc  Rechtsquellen  des   lö, 

Jahrhunderts. 

Zeitschrift  für  Rechtsgeschichte  9,  421—476. 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870.  491 

472.  K euren  en  ordonnantien  der  stad  Delft.  Van  den  aanvang  der  XVI" 
eeuw  tot  het  jaar  1536.  Naar  twee  Hss.  gecopieerd  en  met  eenige  aantekenin- 
gen  voorzien   door  J.  Soutendam.   8.  (257   S.)  Delft  1870.   Molenbroch.  f.  3,00. 

473.  Hellwald,  F.   v.,  iets  over  een  oud  Brugsch  Handschrift. 
De  Taal-  en  Letterbode  2,  229—236. 

474.  Maurer,   K.,  über  das  Alter  einiger  isländischer  Rechtsbücher. 
Germania  15,   1 — 17. 

XIII.   Li tteraturgeschichte  und  Sprachdenkmäler. 

475.  Gödeke,  Karl,  Grundriß  zur  Geschichte  der  deutschen  Dichtung  aus 
den  Quellen.   3.  Band.   3.  Heft.  gr.   8.  Dresden   1870.  Ehlermann.    1   Rthlr. 

476.  Heinrich,  G.  A.,  Histoire  de  la  litterature  allemande.  8.  Paris 
1870.  3  Bände. 

Vgl.  Historisch-polit.  Blätter,  67.  Band,  8.  Heft. 

477.  Kurz,  Heinr.,  Leitfaden  zur  Geschichte  der  deutschen  Literatur. 
3.  verb.  Aufl.    8.  (XVIII,   319   S.)  Leipzig   1870.  Teubner.   1   Rthlr. 

Vgl.  Allgem.  Liter.  Zeitung  1870,  Nr.  48;  Literar.  Handweiser  Nr.  93-94. 

478.  Hahn,  Werner,  Geschichte  der  poetischen  Literatur  der  Deutschen. 
5.  Aufl.   8.   (VIII;   331   S.)   Berlin   1870.   Hertz.   1  Va   Rthlr. 

Vgl.  Herrigs  Archiv  46,  323. 

479.  Weber,  G.,  tyska  litteraturen,  dess  upkomst,  utveckling  och  historia. 
Ifran  äldsta  tiderna  intill  vara  dagar.  Kort  sammandrag.  Ofversatt  af  B.  F. 
Olsson.   8.  (178  S.)  Stockholm   1870.    1    rd.   25   öre. 

480.  Kluge,  Prof.  Dr.  Herm.,  Geschichte  der  deutschen  National-Literatur. 
Zum  Gebrauche  an  höheren  Unterrichtsanstalten  bearbeitet.  2.  Aufl.  gr.  8. 
(VIII,   168    S.)  Altenburg   1870.   Bonde.   14  Ngr. 

Vgl.  Germania  16,  346—357  (Bechstein) ;  Blätter  f.  d.  bayr.  Gymnasialschulw. 
Vn,  6;  Jahrbüciier  f.  Philol.  u.  Pädag.  1871,  2.  Heft;  Herrigs  Archiv  47,  167;  Wis- 
sensch.  Beilage  d.  liCipz.  Ztg.  Nr.  46;  Allgem.  Liter.  Anzeiger  VIT,  6;  Academy  Nr.  24. 

481.  Horst,  Klotilde  v.  d.,  Geschichte  der  deutschen  Literatur  von  der 
ältesten  bis  auf  die  neuere  Zeit  mit  Beispielen  aus  den  besten  Werken  der  Poesie 
und  Prosa.  Zum  Gebrauche  für  Schulen  und  zum  Selbstunterricht.  3.  Theil. 
gr.   8.   (XII,   648   S.)  Detmold    1870.   Meyer.    Vj^   Rthlr. 

482.  Schäfer,  Prof.  Dr.  J.  W.,  Grundriß  der  Geschichte  der  deutschen 
Literatur.    11.  Auflage.   8.  (VIII,    204   S.)  Bremen  1870.    Geisler.    12  72   Ngr. 

483.  Burkhardt,  J.  G  E.,  Geschichte  der  deutschen  Literatur.  I.  Poesie. 
Für  Schulen  und  zum  Selbstunterrichte.  2.  Aufl.  (XII,  271  S.)  Leipzig  1870. 
Klinkhardt.   18   Ngr. 

484.  Dietlein,  W. ,  Leitfaden  zur  deutschen  Literaturgeschichte.  Mit 
Berücksichtigung  der  poetischen  Gattungen  und  Formen.  Für  höhere  Töchter- 
und  Bürgerschulen.  4.  verb.  Auflage,  gr.  8.  (VIII,  136  S.)  Quedlinburg  1870. 
Franke.   Va  Rthlr. 

485.  Evans,  Dr.  E.  P.,  Abriß  der  deutschen  Literaturgeschichte.  8. 
(236   S.)  New- York  1869.   6  s. 

486.  Reuter,  Dr.  Wilh.,  Literaturkunde,  enthaltend  Abriß  der  Poetik 
und  Geschichte  der  deutschen  Poesie.  4.  Aufl.  gr,  8.  (X,  154  S.)  Freiburg 
i.  B.   1870.   Herder.    12  Ngr. 

Vgl.  Allgem.  liter.  Anzeiger  Nr.  44 ;  Musik-  u.  Literaturbl.  Nr.  1 ;  Kathol.  Zeit- 
;scbrift  f,  Erziehung  und  Unterricht  Nr,  1.       . 


492  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

487.  Frickc,  Dr.  Willi.,  Tiiuclleii  7-ur  Geschichte  der  deutschen  Lite- 
ratur und   Kunst.    8.   (X,   54   S.)   Leipzig    1870.   Klinkhardt.    '/^   Rthlr. 

Vgl.  Herrigs  Archiv  47,  310;  Allgem.  Literar.  Anzeiger  VI,  4;  Jessen.  Central- 
blatt  1870,  Nr.   9. 

488.  Lange,  Otto,  literaturgeschichtliche  Lebensbilder  und  Charakteri- 
stiken. Biographisches  Repertorium  der  Geschichte  der  deutschen  Literatur.  8. 
(VIII,   332   S.)  Berlin   1870.   Gärtner.    1   Rthlr. 

Vgl.  Blätter  f.  liter.  Unterhaltung  1871,  Nr.  21. 

489.  Scheinpflug,  Bernhard,  die  Dichtungsarten  und  ihre  Literatur  für 
Mittelschulen  zusammengestellt.   2.  Auflage.   8.   Prag  1870.   Dominikus.   22  Ngr. 

490.  Jonckbloet,  W.  J.  A.,  Geschiedeuis  der  Xederlandsche  Letter- 
kunde.  2,    1.   8.   (336   S.)   Groningen    1870.  Wolters. 

491.  Jone  kblo  et's,  W.  J.  A-,  Geschichte  der  niederländischen  Lite- 
ratur. Von  Verf.  und  Verleger  des  Originalwerkes  autorisierte  deutsche  Ausg. 
von  W.  Berg.  Mit  einem  Vorwort  und  einem  Verzeichniss  der  niederland. 
Schriftsteller  und  ihrer  Werke  von  E.  Martin.  1.  Band.  8.  (XVI,  468  S.) 
Leipzig   1870.  Vogel.   2-3   Rthlr. 

Vgl.  Ergänzungsblätter  VI,  271 — 274  (Glaser);  Gosche's  Archiv  f.  Liter.  Gesch. 

1,  509—514;  Blätter  f.  liter.  Unterh.  1871,  Nr.  21;  Saturday  Review  Nr.  760;  Leh- 
mann's  Magazin  1870,  Nr.  32;  Westermanns  Monatshefte,  Nov.;  Weserzeitung  Nr.  8325; 
Nation.  Zeitung  Nr.  255;  Hamburg.  Nachricht.  Nr.   102. 

492.  V loten,  J.  van,  beknopte  Geschiedeuis  der  Nederlandsche  Letteren, 
ten  dienste  van  het  hooger  en  middelbaar  onderwijs,  en  alle  vordere  belangstel- 
lenden.  2.   Druk.   r  stuk    8.   (208   S.)  Tiel   1870.  f.   1,60. 

493.  Schets  van  de  geschiedeuis  der  Nederlandsche  Letterkunde.  I. 
Inleiding  in  de  middeleeuwen.  8.  (IV,  31  S.)  Delft   1869.  Waltmann.  f.   0,40. 

494.  Bakhuizen  van  den  ßrink,  R.  C,  Studien  en  schetsen  over  vader- 
landsche  geschiedeuis  en  letteren.  Verzameld  eu  uitgegeven  door  E.  J.  Potgieter. 

2.  Deel,   2  —  5.  Aflev.  8.  's  Gravenhage   1870.  Nijhoff. 

495.  Deutschland  und  die  Niederlande  in  ihren  ältesten  literarischen 
Beziehungen. 

Die  Grenzboten  1870,  Nr.  38—39.  Ajiknüpfend  an  Nr.  491. 

496.  Meijer,  J.  H.,  History  of  english  literature  for  the  use  of  Dutch 
schools  gathered  from  the  works  of  Spalding,  Shaw,  Pride  a.  others.  8.  (IX, 
227    S.)   Groningen   1870.  W^olters.  f.    1,50. 

497.  Smith,  Will.,  a  smaller  history  of  English  literature  for  the  use 
of  schools,    8.   (VII,   268   S.)  London   1870.   Murray.    3   s.    6   d. 

498.  Allibone,  S.  A.,  a  critical  dictionary  of  English  literature  and 
British  and  American  authors,  living  and  deceased,  from  the  earliest  account 
to  the  latter  half  of  the   19.  Century.  Vol.  I.  IL  Lex.  8.  London  1870.  Trübner. 

499.  s.   Nr.   83.   84. 

500.  Atterbom,  P.  D.  A.,  litterära  karakteristiker.  2  Theile.  (426  u. 
347   S.)   Örebro    1870.   Bohlin. 


501.  Uhlands  Schriften  zur  Geschichte  der  Dichtung  und  Sage.   5.  Band, 
gr.   8.   (VIII,   343   S.)   Stuttgart   1870.   Cotta.   2   Rthlr.    24  Ngr. 

Vgl.  Gott.   Gel.  Anzeigen  1870,  S.  1769—74  (Liebrecht). 

502.  Spach,  L.,    oeuvres    choisies.   T.  IV.    8.   (X,    615   S.)   Strasbourg 
1870.    15   fr. 

Behandelt  u.  a.  Lamprecht,  H.  v.  Veldeke,  Wolfram,  Hartmann,  Rudolf  v.  Ems, 
Konrad  v.  Würzburg,  Walther,  und  34  andere  LyrUser.  Vgl.  Kevue  critique  1870,  Nr.  28, 


BIBLIOGRAPHIE  VON  18t0.  493 

503.  Altmüller,  K.,  deutsches  Schriftthum  im  Elsaß. 
Ergänzuugsblätter  z.  Kenatniss  der  Gegenwart  6,  420 — 426. 

504.  Petersen,  N.  M.,  Saralede  Afhandlinger.  1.  Theil.  8.  (IX,  388  S.) 
Kjöbenh.   1870. 

505.  Günther,  E.  A.  W. ,  die  deutsche  Heldensage  des  Mittelalters. 
Für  Schule  und  Haus  bearbeitet.  8.  (XIII,  246  S.)  Hannover  1870.  Brandes. 
V2  Kthlr. 

Vgl.  Saturday  Review  1870,    20.  Aug.;  Allgem.    deutsche  Lehrerzeitung  Nr.  44. 

506.  Klaiber,  Julius,  die  Frauen  der  deutschen  Heldensage.  16.  (27  S.) 
Stuttgart   1870.  Grüninger.    Ve  ^^tblr. 

507.  Dony,  Oberl.  Dr.,  das  weibliche  Ideal  nach  Homer  mit  ßücksicht 
auf  andere  National-Epen,  Programm  der  Realschule  I.  Ordnung  zu  Perleberg 
1870. 

Vgl.  Herrig's  Archiv  47,  334. 

508.  Fritzner,  Job.,  bevise  navnene  i  de  nordisk  Völsungasagn ,  at 
disse  ere  laante  fra  Tydskerne?  Kristiania   1870. 

Aus  histor.  Tidskrift  1,  179-186. 

509.  Egermann,  Josef,  Auf  welchen  Bedingungen  beruht  die  erste  Blüthe- 
periode  der  deutschen  Literatur?  Ein  literargeschichtlicher  Überblick.   8.   (30  S.) 

Programm  der  Realschule  in  Böhmisch-Leipa  1870. 

510.  Lortzing,  zum  Verständniss  des  Ritterthums  und  seiner  Poesie. 
4.  (24  S.) 

Programm  des  Progymnasiums  zu  Bochum  1870. 

511.  Riezler,  Dr.   S.    0.,   der  Kreuzzug  Kaiser  Friedrich  I. 

In:  Forschungen  zur  deutschen  Geschichte  10,  1 — 149.  Darin  als  7.  Beilage 
(Ö.  115 — 119) 'Minnesinger,  die  sich  auf  die  genannte  Kreuzfahrt  bezieheo.  8. 'Deutsche 
Epen  fS  119—125).  9.  'Elegia  de  morte  Friderici.'  (S.  125  fg.),  lateinisch,  und  S.  126 
bis  140  'das  Ende  des  Kaisers  in  Geschichte  und  Sage. 

512.  Gödeke,  K. ,  zur  Geschichte  des  Meistergesanges.  1.  Der  unerkannte 
Ton.  2.   Schnach  Regilräu. 

Germania  15,  197—202. 

513.  Koch,  Ed.  Emil,  Geschichte  des  Kirchenlieds  und  Kirchengesangs 
der  christlichen,  insbesondere  der  deutschen  evangelischen  Kirche.  3.  Auflage. 
6.   Bd.  gr.   8.  (X,  558   S.)  Stuttgart   1870.    Belser.   1    Rthlr.   6   Ngr. 

Vgl   Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  10;  Hauck's  Jahresbericht  V,  4. 

514.  Wackernagel,  Philipp,  Das  deutsche  Kirchenlied  von  der  ältesten 
Zeit  bis  zum  Anfang  des  17.  Jahrhundei'ts.  29 — 31.  Lieferung  (3.  Bd.,  S.  865  bis 
1184).  Leipzig   1870.  Teubner.  ä  Va  Rthlr. 

515.  Leitritz,  Wilh.,  Beiträge  zu  eiuer  fruchtbaren  Behandlung  der 
deutsch-evangelischen  Kirchenlieder  von  Luther  bis  auf  die  Gegenwart.  4.  Aufl. 
8.   (XVI,   596   S.)  Berlin   1870.   Beck.    iV^   Rthlr. 

516.  Biedermann,  A.,  das  religiöse  Drama.    1 — 3. 
Zeitstimmen  aus  der  reformirten  Kirche  der  Schweiz  12,  Jahrgang. 

517.  Leibing,  Dr.  Franz,  die  Regie  eines  großen  Osterspiels  im  J,  1583. 
Europa  1870,  Nr.   16;  vgl.  Bibliogr.  1869,  Nr.  495. 

518.  Inscenierung  eines  geistlichen  Schauspiels  im  Mittelalter. 
Europa  1870,  S.  59—64  (nach  Leibing). 

519.  Delepierre,  Octave,  la  parodie  chez  les  Grecs,  les  Romains  et 
chez  les  modernes,  kl.   4.  (182  S.)  London   1870.  Trübner. 

Behandelt  namentlich  auch  die  mittelalt.  latein.  Parodien.  Vgl.  Revue  critique 
1870,  Nr.  18;  Athenaeum  1871,  1.  Juli. 

GERMANIA.  Neue  Reihe  IV.  (XVI.  Jahrg.)  33 


494  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

520.  Oesterley,  H.,  Romulus,  die  Paraphrasen  des  Phädrus  und  die 
aesopisehe  Fabel  im  Mittelalter.   8.  (124  S.)   Berlin   1870.  Weidmann. 

Vgl.  Gott.  Gel.  Anz.  1870,  Nr.  42  fSelbstanzeige) ;  Liter.  Centralbl.  1871.  Nr.  23; 
Allgem.  Liter.  Zeitung  Nr,  9. 

521.  Wendeler,  Camillus.  de  praeambulis  eorumque  .historia  in  Ger- 
mania. Part.  I.  de  praeambulorum  indole,  nomine,  origine.  8.  (III,  55  S.) 
Halle   1870.  Buchhandl.  d.  Waisenhauses.   Yg   Rthlr. 

522.  Müllenhoff,  K.,  altdeutsche  Sprachproben.  2.  Aufl.  8.  Berlin  1870. 
Weidmann,    -/g   Rthlr. 

523.  Neumann,  Alois,  mittelhochdeutsches  Lesebuch  mit  einleitenden 
und  erklärenden  Bemerkungen  und  einem  Glossar.  8.  (VI,  264  S.)  Wien  1870. 
Beck.   28  Ngr. 

Vgl.  Zeitschrift  f.  rl.  Österreich.  Gymnasien  1870,  S.  754 — 764  (Greistorfer) ;  1871, 
S.  280—285  (Jeitteles);  Knhns  Zeitschrift  20.  Bd.,  2.  Heft;  AUgem.  Liter.  Zeitung 
1871,  Nr.  5. 

524.  Viehoff,  Prof.  Dr.  Heinr..  Handbuch  der  deutschen  Nationallite- 
ratur nebst  einem  Abriß  der  Literaturgeschichte,  Verslehre,  Poetik  und  Stylistik 
und  Aufgabensammlung.  3.  Theil.  Proben  der  älteren  Prosa  und  Poesie.  6.  Aufl. 
8.    (IX,    181    S.)   Braunschweig   1870.   Westermannn.   12  Ngr. 

525.  Weber,  Georg,  Lesebuch  zur  Geschichte  der  deutschen  Literatur 
alter  und  neuer  Zeit.  3.  unveränd.  n.  erweit.  Auflage.  8.  (XXIII,  520  S.) 
Leipzig   1870.  Engelmann.   1   Rthlr. 

526.  Schau enburg,  Dr.  Ed.,  und  Dr.  R.  Ho  che,  Deutsches  Lese- 
buch für  die  Oberklassen  höherer  Schulen  herausg.  2  Theile.  8.  Essen  1870. 
Bädeker. 

1;  Theil:   13—16.  Jahihundert. 

527.  March,  Fr.  A.,  introduction  to  Anglo-Saxon.  An  anglo-saxon  reader, 
with  philological  notes,  a  brief  grammar  and  a  vocabulary.  8.  (VIII,  166  S.) 
New- York  1870.   7   s.   6   d. 

528.  Sprachproben,  altenglische,  nebst  einem  Wörterbuche.  Unter  Mit- 
wirkung von  K.  Goldbeck  herausgegeben  von  E.  Mätzner.  1.  Band:  Sprachproben. 
2.   Abtheilung:  Prosa,   gr.    8.   (416   S.)   Berlin    1870.  AVeidmann.   4  Rthlr. 

Vgl.  Athaeneum  2207;  North  Brit.  Review  104. 

529.  Wimmer,  L.  F.  A. ,  oldnordisk  liesebog  med  tilhörende  ordsam- 
ling.   8.   (VIII,   220   S.)  Kjöbenhavn  1870. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1871,  Nr.  12. 

530.  Vilmar,  A.  F.  C,  Anfangsgründe  der  deutschen  Grammatik.  II. 
Die  deutsche  Verskunst  nach  ihrer  geschichtlichen  Entwickelung.  Mit  Benutzung 
des  Nachlasses  von  Dr.  A.  F.  C.  Vilmar  bearb.  von  Dr.  C.  W.  M.  Grein.  8. 
(XIV,   245   8.)   Marburg   1870.  Elwert.    1   Rthlr. 

531.  Schubert,  Herm.,  de  Anglosasorum  arte  metrica.  Dissertatio.  8. 
(55   S.)  Berlin   1870.   (Calvary).    12  Ngr. 

532.  Valentin,  Dr.  Veit,  der  Rhytlimus  als  Grundlage  einer  wissen- 
schaftlichen Poetik.   8.  (13  S.) 

Programm  der  Handelsschule  zu  Frankfurt  a.  M.  1870.  Vgl.  Herrig's  Archiv 
47,  327. 

533.  Dannehl,  Dr.,  Geschichte  und  Bedeutung  des  reimlosen  fünfi'üiMgen 
jambischen  Verses  in  der  deutschen  Dichtung.  4.  (21   S.) 

Programm  tlcs  Gymnasiums  iu  Kudülstadt   1870.  Vgl,  Herrig's  Archiv  48,  198. 


BIBLIOGRArHIE  VON  1870.  495 

534.  Kurz,  Hermann,   der  Kappenzipfel. 
Germania  15,  95  —  %. 

535.  Zarnckc,  zur  Geschichte  des  fünffüßigen  Jambus. 
Berichte  der  sächs.  Gesellsch.  d.  Wiss.  1870,  S.  207—212. 

536.  Kachel,  Dr.  Max,  Reimbrechung  und  Dreireim  im  Drama  des  Hans 
Sachs  und  andrer  gleichzeitiger  Dramatiker.   4.   (30  S.)  Freiberg   1870.    8  Ngr. 

Programm  des  Gymnasiums,  Vgl.  Herrig's  Archiv  48,  199. 

A.   Gothisch. 

537.  Meyer,  G.,  Über  Lukas  15,  in  Ullilas  gothischer  Bibelübersetzung. 
4.  (8  S.) 

Programm  der  höheren  Bürgerschule    in  Hannover. 

538.  Bernhardt,  E.,  ein  beitrag  zur  geschichte  des  textes  der  gotischen 
bibelübersetzung. 

Zeitschrift  für  deutsche  philologie  2,  294— .302. 

B.  Althochdeutsch. 

539.  Meyer,  Karl,  das  Hildebrandslied. 
Germania  15,   17—26. 

540.  Zarncke,  zum  Hildebrandsliede. 

Berichte  der  sächs.  Gesellsch.  d.  Wis^.  1870,  S.  197-198. 

541.  Otfried,  Leben  Christi  und  Lehre  besungen  von  — .  Aus  dem  alt- 
hochd.   übersetzt  von  Joh.  Kelle.    8.  (VII,  512  S.)  Prag  1870.   Tempsky.   2  Rthlr. 

Vgl.  Zeitschrift  für  deutsche  philologie  2.  246  (Zupitza);  Reusch,  tlieolog.  Lite- 
raturbl.  1870,  Nr.  15;  N.  Preuß.  Zeitung  Nr.  114;  Kathol.  Blätter  aus  Tirol  Nr.  21; 
Hauck,  Jahresbericht  1871,  Nr.  7. 

542.  Behringer,  Edmund,  Krist  und  Heliand.  Eine  Studie,  gr.  4. 
(62   S.)  Berlin    1870.   Ebeling  u.   Plahn.    'Vg    Kihlr. 

Vgl.  Zum  Literaturblatt  1870,  Nr.  42  (Brandes) ;  Uauck,  theol.  Jahresber.  1871, 
7.  Heft;  Reusch,  theol.  Literaturbl.  1871,  Nr.  14  (Lindemann);  Allgem.  Zeitung,  Bei- 
lage 172. 

543.  Wolfgramm,  Fr.,  Otfrieds  Evangelienbuch,  ein  Denkmal  der 
deutschen  Literatur.    4.   (13   S.) 

Programm  des  Gymnasiums  zu  Stargard  in  Pommern  1869.  Vgl.  Herrig's  Archiv 
47,  334. 

544.  Die  Sprache  Otfrieds  von  Weissenburg. 
Allgem.  Zeitung  1870,  Beilage  73. 

545.  Hof  mann,   Über  ein  Notkerfragment. 

Sitzungsberichte  der  k.  bayer.  Akademie  1870,  I,  529 — 531,  Aus  der  Schrift  de 
octo  tonis. 

546.  Hof  mann,   Studien  über  die  Vorauer  Handschrift. 
Sitzungsberichte    der  k.  bayer.    Akademie   1870,    II,    18.3  —  196.     Behandelt    die 

Schöpfung  (=  Summa  theologiae),  welche  in  32  zehnzeilige  Strophen  zerlegt  wird. 

547.  Sievers,  E.,  zum  Vocabularius  Sancti  Galli  und  den  Glossae  Keronis. 
Zeitschrift  für  deutsches  alterthum  15,  119—125. 

548.  Steinmeyer,  E. ,  die   deutschen  Virgilglossen. 
Zeitschrift  für  deutsches  alterthum  15,  1  —  119. 

549.  Keinz.   Fr.,   Mittheilungen   aus  der  Münchener  k.   Bibliothek. 
Germania  15,  3-15—357.  Hauptsächlich  aus  ahd.  Glo.s.senhandschriften. 

550.  Pfannerer,  Dir.  Maur. ,  altdeutsche  Beicht-  und  Gebetfoimel  aus 
einem   Codex  des   Stifts  Tepel.  Programm  des   Gymnasiuiri.>^  zu   Pilsen   1870. 

Dieselbe,  die  Pfeiffer,  Forschung  und  Kritik  II,  bereits  mitgetheilt.  Vgl.  Herrig's 
Archiv  47,  468. 

33* 


496  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

C.  Mittelhochdeutsch. 

551.  Äntelail.  Von  W.   Scherer. 

Zeitschrift  für  deutsches  alterthum  15,  140 — 149.  Aus  der  Hs.  des  Piaristen- 
collegiums  zu  Wien  herausgegeben. 

552.  Arzneibuch.  —  Hofmann,  über  das  Zürcher  Arzneibuch  des  XII. 
Jahrhunderts. 

Sitzungsberichte  der  k.    bayer.  Akademie  1870,  I,  511 — 526. 

553.  Burgliart  von  Hohenfels.  —  Richter,  0.,  Burghart  von  Hohen- 
felsj   eine  literar.-historische  Skizze  aus  der  Blüthezeit  des  Minnegesangs. 

Neues  Lausitz.  Magazin  47.  Bd.,   l.  Heft  (1870). 

554.  Barack,  Dr.,  über  den  Minnegesang  am  Bodensee  und  den  Minne- 
sänger Burkhard  von  Hohenfels.  Schriften  des  Vereins  für  Geschichte  des 
Bodensees.    2.   Heft.   Lindau   1870. 

555.  Chroniken,  die,  der  deutschen  Städte  vom  14.  bis  ins  16.  Jahr- 
hundert. 8.  Band:  Die  Chroniken  der  oberrheinischen  Städte.  Straßburg,  1.  Bd. 
gr.   P.   (XI,   498   S.)  Leipzig   1870.   Hirzel.   3  Rthlr. 

Vgl.  Sybels  histor.  Zeitschr.  XIII,  3,  258  ff.;  Literar.  Centralbl.  1870,  Nr.  22; 
Keusch,  Literaturbl.  Nr.  17  (Birlinger);  Saturday  Review  19.  Nov.;  Gott.  Gel.  Anz. 
Nr.  21    (Frensdorff);  Trübner's  liter.  Record  Nr.  70. 

556.  Lorenz,  0.,  Deutschlands  Geschichtsquellen  im  Mittelalter  von  der 
Mitte  des  13.  bis  zur  Mitte  des  14.  Jahrhunderts.  In  Anschluss  an  W.  Watten- 
bachs Werk.    8.   (IX,   339   S.)  Berlin   1870.   Hertz.   2  Kthlr. 

557.  Erlösung.  —  Bartsch,  K.,  Bruchstücke  einer  Handschrift  der 
Erlösung. 

Germania  15,  357—358. 

558.  Ernst.  —  Jäuicke,  0.,  über  die  abfassungszeit  der  beiden  deut- 
schen  gedichte  von  herzog  Ernst. 

Zeitschrift  für  deutsches  alterthum  15,  151—166. 

559.  Freidank.  —  Paul,  Hennann,  über  die  ursprüngliche  Anordnung 
von  Freidanks  Bescheidenheit.    Inauguraldissertation.   8.   (66   S.)  Leipzig   1870. 

560.  Grion,    Dr.  Justus,  Fridanc. 

Zeitschrift  für  deutsche  philologie  2,  408  —  440.  Voll  der  wunderlichsten  Einfälle. 

561.  Friedrich  von  Schwaben  s.  Nr.  549. 
Gedichte. 

562.  Höfler,   C,  Gedicht  auf  Meister  Eckhart. 
Germania  15,  97—99. 

563.  Keinz,  altdeutsche  Denkmäler. 

Sitzungsberichte  d.  bayer.  Akademie  1870,  II,  109—119.  Religiöse  Dichtungen 
des  12.  Jahrb.,  eingetragen  in  die  Münchener  Hs.  lat.  935;  daninter  zum  Theil  die 
Sequenz  von  Muri. 

564.  Ein  Seel  vor  Gottes  Füßen  lag.  Gedicht  aus  dem  Anfang  des 
14.  Jahrb.,  übertragen  von  A.  Freybe.  gr.  16.  (V,  68  S.)  Leipzig  1870.  Nau- 
mann.   12   Ngr. 

Vgl.  Allgem.  Lit.  Zeitung  Nr.  37;  Braunschw.  Hannov.  Luther.  Kirchenbl.  39; 
Volksblatt  f.  Stadt  u.  Land  94;  Christenbote  34;  Hauck,  theol.  Jahresber.  1871,  1.  Heft. 

565.  Gottfried  von  Strassburg.  —  Kurz,  Herrn.,  Zum  Leben  Gott- 
frieds von   Straßburg. 

Germania  15,  207—236.  322-345. 

566.  Ja  nicke,   0.,   Setmunt. 
Zeitschrift  für  deutsche  philologie  2,  495. 

567.  Halbsuter.  —  Liebenau,  der  Dichter  Hans  Halbsuter  von  Luzern. 
Monatsrosen  des  Scbweiser  Studentenvereins  15,  186-200. 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870  497 

568.  Hartmann  von  Aue.  Herausgegeben  von  Fedor  Bech.  1.  Theil. 
Ärec    der  Wunderaere.     2,  Aufl.    8.    (XX,    356   S.)    Leipzig   1870.    Brockhau«. 

1  Rthlr. 

Auch  u,  d.  T. :  Deutsche  Classiker  des  Mittelalters.  4.  Band. 

569.  Heinz el,  R.,  über  die  lieder  Hartmanns  von  Aue. 
Zeitschrift  für  deutsches  alterthum  15,  125 — 140. 

570.  Höfer,  Alb.,  Hen-  und  Frau  Hacke. 
Germania  15,  411 — 416. 

571.  Gütb,  Dr.,  das  Verhältniss  des  Hartmann'schen  Iwein  zu  seiner 
altfranzösischen  Quelle. 

Archiv  für  das  Studium  der  neueren  Sprachen  46,  251 — 292, 

572.  Heinrich  VI.  —   Meyer,  Karl,    die  Lieder  Kaiser  Heinrichs  VI. 
Germania  15,  424—431. 

573.  Heinrich  von  Morungen.  — Bartsch,  K.,  zu  Heinrich  von  Morungen. 
Germania  15,  375—376. 

574.  Heldenbuch,  deutsches.  5.  Teil,  gr  8.  Berlin  1870.  Weidmann. 
273  Rthlr. 

Inhalt:  Dietrichs  Abenteuer  von  Albrecht  von  Kemenaten  nebst  den  Bruchstücken 
von  Dietrich  und  Wenezian.  Herausgeg.  von  Jul.  Zupitza.  (LV,  296  S )  Vgl.  Zeitschrift 
für    deutsche    philologie   2,  237 — 244  (Steinmeyer);    Zeitschr.    f.  d.    österr.  Gymnasien 

1870,  556—561  (Heinzel). 

575.  Zarncke,  Kaspar  von   der  Rhön. 

Berichte  der  k.  sächs.  Gesellschaft  d.  Wissenschaften  1870,  S.  207. 

576.  Hesler,  Heinrich,  s.   Nr.    29. 

577.  Historienbibeln,  die  deutschen,  des  Mittelalters,  nach  vierzig  Hand- 
schriften zum  ersten   Male  herausgegeben   von  Dr.  J.  L.  F.  Theodor  Merzdorf. 

2  Bde.   8.   (914   S.)  Stuttgart   1870.  Litterar.  Verein. 

100.  und  101.  Publication  des  litter.  Vereins.  Vgl,  Keusch,  theolog.  Literaturbl. 

1871,  Nr.   17  (Birlinger). 

578.  Johann  von  Wiirzburg.  —  Regel,  K.,  ein  dichterisches  Zeugniss 
für    einige  Persönlichkeiten   des  thüring.   fränkischeti   Gebietes. 

Zeitschrift  d.  Vereins  f.  thüiing.   Gescliichte  7.  Bd.,  4.  Heft. 

579.  Johannesminne  und  deutsche  Sprichwörter  aus  Handschriften  der 
Schwabacher  Kirchenbibliothek.   Von   C.   Hofmann. 

Sitzuujjjsbcrichte  der  Münchener  Akad.  1870.  II,  15—38.  Die  Sprichwörter  aup 
einer  latein.  Predigtsanimlung  des  14.  .Jahrh. 

580.  Konrad  von  Heimesfurt.  —  Wülcker,  R.,  und  K.  Bartsch, 
der  Dichter  der  Urstende. 

Germania  15,  157 — 161. 

581.  Kudrun.   —   Hildebrand,  R.,  Zur  Gudrun. 
Zeitschrift  für  deutsche  philologie  2,  468  —  478. 

582.  Mariendichtung.  —  Narrationes  de  vita  et  conversatioue  b.  Mariae 
virginis  et  de  pueritia  et  adolescentia  salvatoris  ex  cod.  Gisscnsi  ed.  0.  Sch.ide. 
i.   (28   S.)   Königsberg   1870. 

Als  Quelle  deutscher  Mariendichtunj^en  hier  anzuführen. 

583.  Mechthild.  —  Offenbarungen  der  Schwester  Mechthild  von 
Magdeburg,  oder  das  fließende  Licht  der  Gottheit,  aus  der  einzigen  Handschrift 
des  Stiftes  Einsiedeln  herausg.  von  P.  Gall  Morel.  8.  (XXXII,  287  S.)  Regens- 
burg 1869.   Manz. 

Vgl.  Literar    Centralbl.  187u,  iS'r.  U 

584.  Minnesänger.  —  Müller,  Max,  Old  Germjin  Love 
In  M.  Müllers  Chips  from  a  Gennan  Workshop,  Bd.  IIl. 


498  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

585.  Mönch  von  Heilsbronn,  der.  Zum  ersten  Male  vollständig  her- 
ausgegeben von  Oberbibl.  Dr.  J.  F.  L.  Theodor  Merzdorf.  gr.  8.  (XXVII, 
170  S.)  Berlin   1870.  Ebeling  u.  Plahu.   sVa   Rthlr. 

Vgl.  Heidelberger  Jahrbücher  1870,  8.  Heft. 

586.  Neidhard.  —  Keinz,  Fr.,  und  Fr.  Wieser,   zu  Neidhard's  Liedern. 
Germania  15,  431—434. 

587.  Bergmann,  Jos.  v.,  ein  lateinisches  Epitaphium  Neidhardi. 
Mittheilungen  der  k.,  k.  Central-Commission  etc.  15.  Bd. 

588.  Nibelunge,  der,  Not,  mit  den  Abweichungen  von  der  Nibelunge 
Lied ,  den  Lesarten  sämmtlicher  Handschriften  und  einem  Wörterbuche,  her- 
ausgegeben von  K.  Bartsch.  1.  Theil.  Text.  8.  (XXIII,  394  S.)  Leipzig  1870. 
Brockhaus,   l^a   Rthlr. 

Vgl.  Allgem.  Liter.  Zeitung  1871,  Nr.  25;  Ällgem., Zeitung  1870,  Nr.  214;  Zeit- 
schi-ift  f.  d.  österr,  Gymnasien  1870,  S.  403—409  (Scherer). 

589.  Hofmann,  Beiträge  zur  Textkritik  der  Nibelungen  (als  Probe  aus 
einer  später  in  den  Denkschriften  erscheinenden  größeren  Abhandlung). 

Sitzungsberichte  der  k.  bayer.  Akademie  1870,  I,  527 — 528.  Über  die  in  A  fehlen- 
den Strophen. 

590.  Briefwechsel  über  das  Nibelungenlied  von  C.  Lachmann  und 
Wilhelm  Grimm.   (Fortsetzung  und   Schluß.) 

Zeitschrift  f.  deutsche  philologie  2,  343— 3C5.  515—628. 

591.  Huß,  H.,  über  den  ethischen   Werth  des  Nibelungenliedes. 
Zeitschrift  f.  d.  österr.  Gymnasien  1870,  831—856. 

592.  Stolte,  Gymnasiallehrer,  Dr.,  der  Nibelunge  Not  verglichen  mit 
der  Ilias.   4.   (26   S.)  Programm  des  Gymnasiums  zu  Rietberg   1869. 

Vgl.  Herrig's  Archiv  47,  335. 

593.  Zarncke,  Friedrich  der  Große  und  das  Nibelungenlied. 
Berichte  der  k.  säcbs.  Akademie  d.  Wissenschaften  1870,  203 — 206. 

594.  Meyer,  Karl,   die  dramatischen  Bearbeitungen  der  Nibelungensage. 
Deutsche  Vierteljahrsschrift  Nr.  130  (1870),  S.  140  ff. 

595.  Oswald.  —  Strobl,  Jos.,  über  das  Spielmaunsgedicht  von  St.  Os- 
wald. (Aus  den  Sitzungsber.  der  Akademie.]  Lex.  8.  (III,  48  S.)  Wien  1870. 
Gerold  in   Comm.    ^/^   Rthlr. 

596.  Oswald  von  Wolkenstein.  —  Zingerle,  Dr.  J.  V.,  Beiträge  zur 
älteren  tirolischen  Literatur.  I.  Oswald  von  Wolkenstein.  [Aus  den  Sitzungsber. 
der  Akad.]  Lex.   8.   (78   S.)  Wien   1870.   Gerold  in  Comm.   12  Ngr. 

597.  Ottacker  von  Steier.  —  Karajan,  Th.  Ritter  v. ,  zu  Seifried 
Helbling  und  Ottacker  von  Steiermark.  Zwei  Vorträge.  [Aus  den  Sitzungsber. 
d.  Akad.]   Lex.  8.  (26   S.)  Wien   1870.  Gerold  in  Comm. 

598.  Lütolf,  A.,  Herr  Otto  vom  Turne,  der  Minnesinger  zu  Lucern.  (Ab- 
druck aus  dem  Geschichtsfreund  Bd.  XXV.)  Einsiedeln  1870.  Benzinger.    32  S.   8. 

Mit  dem  Bilde  ans  der  Pariser  Hs.   Vgl.  Kölnische  Volkszeitung  1870,  Nr  293. 

599.  Passionaldichter.  —  Zingerle,  Dr.  J.  V.,  Findlinge.  Heft  H. 
[Aus  den  Sitzungsber.  d.  Akad.j  Lex.  8.  (140  S.)  Wien  1870.  Gerold  in  Comm. 
%  Rthlr. 

Stücke  aus  dem  Leben  der  Altväter. 

600.  Reinmar  von  Zweter.  —  Deutsche  Lieder  von  R.  v.  Zw. 
Allgem.  Evang.  luther.  Kirchenzeitung  1870,  Nr.  23.  24. 

601.  Rothe.  —  Funkhänel,  Dr.,  zu  Rothe's  düringischer  Chronik 
S.  466  ff.  der  v.  Liliencron  sehen  Ausgabe. 

Zeitschrift  d,  Vereins  f.  thüring,  Geschichte  7.  Bd.,  4.  Heft. 


BTBLTOGEAPHIE  VON  1870.  499 

602.  Witzschel,  Dr,  A.,  Nachtrag  über  das  Lebeu  der  heil.  Elisabeth 
von  Rothe. 

Zeitschrift  d.  Vereins  f.  thüring.  Geschichte  7.  Bd  ,  4.  Heft. 

603.  Schauspiel.  —  Das  Spiel  von  den  zehn  Jungfrauen,  eine  Opera  seria, 
gegeben  zu  Eiseuach  am  24.  April  1322,  übertragen  u.  zeitgeschichtlich  behandelt 
von  A.  Freybe.  16.  (V,  99  S.)  Leipzit?  1870.  Naumann,  '/a  Rthlr. 

Vgl.  ßraunschw.  hannov.  luther.  Kirchenbl.  Nr.  39;  Christenbote  43. 

604.  Bechstein,  R.,  das  Spiel  von  den  zehn  Jungfrauen. 
Allgem.  Zeitung  1870,  Beilage  316. 

605.  Schneider's,  Hans,  historisches  Gedicht  auf  die  Hinrichtung  des  Augs- 
burger Bürgermeisters  Schwarz.  Von  C.  Hofmann. 

Sitzungsberichte  d.  Münchener  Akad.  1870,  I,  öOO-öll.  Vom  Jahre  1478. 

606.  Seifried  Helbling  s.  Nr.  .597. 

607.  Spervogel.  —  Scherer,  Wilh.,  Deutsche  Studien.  I.  Spervogel.  [Aus 
den  Sitzungsbor.  d.  Akad]  Lex.  8.  (73  S.j  Wien  1870.  Gerold  in  Comm.  '4  Rthlr. 

608.  Weihnachtslied  von  Spervogel  (12.  Jahrhundert). 
Lutherische  Kirchenzeitung  2.  Bd.  5.  Heft. 

609.  W. ,  zwei  EgerUlndische  Geschlechter,   die  Spervogel  und  die  Juncker. 
Mittheiluugen  d.  Vereins  f.  Geschichte  d.  Deutschen  in  Böhmen,  9.  Jahrg.  5.  Heft., 

Vgl.  Bibliogr.  1869,  Nr.  588. 

610.  Thomasin.  —  Eugene  Oswald,  Early  German  Courtesy-Books. 
An  account  of  the  Italian  Guest  by  Thomasin  von  Zirilaria  (sie !),  of  How  the 
knight  of  Winsbeke  tought  bis  son,  and  the  Lady  of  VVinsbeke  her  daughter,  the 
German  Cato  and  Tannhaeusers  Courtly  Breeding.  1869. 

Vgl.  Magazin  f.  d.  Liter,  d.  Auslandes  187].  Nr.  46. 

611.  Ulrich  von  Zatzikhoven.  —  Bächtold,  J.,  der  Lanzelet  des  Ulrich 
von  Zatzikhoven.  Dissertation.  8.  (56  S.)  Frauenfeld  1870.  Huber.  '/g  Rthlr. 

A'gl.  N.  Zürcher  Zeitung  1870,  Nr.  387. 

612.  Walther  von  Klingen.  —  Pupikofer,  Decan  J.  A.,  Walther  III, 
Freiherr  von  Klingen  zu  Klingnau,  Ritter  und  Minnesänger. 

Schriften  d.  Vereins  f.  Geschichte  d.  Bodensees.  2.  Heft.  Lindau   1870. 

613.  Walther  von  der  Vogelweide.  Herausgegeben  von  Franz  Pfeiffer. 
3.  Aufl.,  herausgeg.  von  K.  Bartsch.  8.  (LXIV,  344  S.)  Leipzig  1870.  Brockhaus. 
1  Rthlr. 

Deutsche  Classiker  d.  Mittelalters  1.  Bd.  Vgl.  Allgem.  Zeitung  1870,  Beilage  108. 

614.  Walther  von  der  Vogelweide.  Herau.sgeg.,  geordnet  und  erklärt 
von  K.  Simrock.  8.  (XII,  254  S.)  Bonn  1870.  Marcus.  Vg  Rthlr. 

615.  Walther  von  der  Vogelweide,  Auswahl  aus  den  Liedern,  heraus- 
gegeben u.  mit  Anmerkungen  u.  einem  Glossar  versehen  von  Beruh.  Schulz.  8. 
(XV,   124  S.)  Leipzig  1870.   Teubner. 

616.  Bechstein,  Reinh.,  zu  Walthers  Vocalspiel. 
Germania  15,  434—438. 

617.  Anzoletti,  Patriz,  ist  Walther  von   der  Vogelweide   ein  Tiroler?   8. 

(46  S.)  Programm  des  Gymnasiums  zu  Bozen  1870. 

Vgl.  Zeitschrift  f.  d.  östeiT.  Gymnasien  1871,  363—365  (Job.  Schmidt);  Herrio-'.s 
Archiv  47,  468. 

618.  Scharlach,  Dr.,  Walther  von  der  Vogelweide  als  nationaler  Dichter. 
Görlitz  1870.  Programm  der  höheren  Töchterschule. 

619.  Wernher  der  Gartenaere  s.  Nr.  549. 

620.  Schröder,  Rieh.,  Corpus  juris  germanicum  poeticum.  II.  Wernhcf 
der  gartenaere  und  bruder  Wernher. 

Zeitschrift  f.  deutsche  philologie  2,  302—305, 


500  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

621.  Wolfdictrich.  —  Liebrecht,  F.,  zur  Litteraturgeschichte  des  Wolf- 
dietrich. (Nachtrag  zu  Germ.  14,  226). 

Germania  l.o,  192  —  194. 

622.  Wolfram's  von  Eschenbach  Parzival  und  Titurel.  Herausgegeben 
von  K.  Bartsch.  1.  Theil.  8.  (XXXVII,  362  S.)  Leipzig  1870.  Brockhaus.  1  Rthlr. 

Deutsche  Classiker  d.  Mittelalters.  9.  Bd.  Vgl.  Liter.  Centralbl.  1871,  Nr.  20; 
Allgem.  Liter.  Zeitung  Nr.   13. 

623.  Zarncke,  zu  Wolfram's  Parzival.  —  Zu  Wolfram's  Leben. 
Berichte  der  k.  sächs.  Gesellschaft  d.  Wissenschaften  1870,  S.   199—202. 

624.  Strobl,  Jos.,  zu  Wolfram's  Willehalm. 
Germania  15,  95. 

Zur  Litteratur  des  16.  Jahrhunderts. 

625.  Fischait.  —  Wackernagel,  Wilh.,  Johann  Fischart  von  Straßburg 
und  Basels  Anthcil  au  ihm.  8.  (VIII,  214  S.)  Basel  1870.  Schweighauser. 
1  '/2  Rthlr. 

Vgl.  Revue  critique   1870,  Nr.  6. 

626.  Fischart's     Nachtrabe.   Ein   300jahriges   literar.   Juhilaeum. 
Europa  1870.  Nr.  20. 

627.  Kirchhoff,  Hans  Wilh.,  Wenduumuth.  Herausgeg  von  H.  Österley. 
5  Bände.  8.   Stuttgart   1869. 

96—99.  Pnblicat.  d.  litter.  Vereins.  Vgl.  Heidelb.  Jahrb.  1871,  S.  391—396 
(Liebrecht). 

628.  Luther.  —  Schnorr  v.  Carolsfeld.  Fr.,  über  die  Dresdner 
Hes.   der  Tischreden  Luthers. 

Serapeum   1870,  Nr.   11. 

629.  Luther,  M.,  ob  Kriegsleute  raicli  in  seligem  Stande  sein  können. 
Wittenberg  1526.  Neu  durchgesehen  und  bevorwortet  von  Dr.  G.  C.  A.  v.  Harlel.^. 
8.   (43   S.)  Leipzig    1870.   Fritzsche.    2  7^  Ngr. 

6-'»0.  Paulus  AemiliuB.  —  Zamcke,  des  Paulus  Aemilius  Romanus 
Übersetzung  der  Bücher  Samuelis. 

Berichte  der  k.  sächs.  Gesellscli.    d.   Wi.sseuscli.    1870,  Ö.  212  —  22*5. 

631.  Sachs,  Hans,  herausgegeben  von  A.  von  Keller.  1 — 5.  Band.  8. 
Stuttgart   1870. 

102—106.  Publication  des  Litterar.  Vereines. 

632.  Hans  Sachs,  Dichtungen.  1.  Theil.  Geistliche  und  vreltliche  Lieder. 
Hersiusg.  v.  K.  Goedeke.  2.  Theil.  Spruchgedichte.  Herausg.  v.  J.  Tittmann.  8. 
(L,   322;  XXXVI,   264   S.)  Leipzig   1870.    Brockhaus.   2  Rthlr. 

Deutsche  Dichter  des  16.  Jainhunderts.  4.  5.  Band.  Vgl.  Presse  1870,  Nr.  157; 
Süddeutsch.  Sonntagsblatt  Nr.  24. 

633.  Sachs,  Hans,  Kampfgespräch  zwischen  Sommer  und  Winter.  Mit 
einer   Einleitung  von   C.  Lützelberger. 

Album  des  literar.   Vereins  in  Nürnberg  1870.  S.   1      14. 

634.  Hans   Sachs    als   Meistersinger. 
Allgemeine  Zeitung  1870,  Beilage  283. 

63.5.   Die  Wohnhäuser  des   Hans   Sachs. 
Korrespondent  von  und  für  Deutschland  1870,  Nr.  57.  5^ 

636.  Waldis,    B.   —   Weller,   E.,  Barkard    Waldis  nicht  katholisch. 
Serapeum  1870,   Nr.  13. 

637.  Eine  Warnung  an   das  Teutschland.    1572.   Von  E.   Weller. 
Anzeiger  für  K\%\Nde  der  deutschen  Vorzeit  1870,  Sp.  243  —  244. 

638.  Kuczynski,  Arnold,  thesaurus  libellorum  historiam  reformationis 
illujtrantium.     Verzeichniss    einer    Sammlung    von    nahezu    3000    Flugschriften 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870.  501 

Luthers  und  seiner  Zeitgenossen.  Nach  den  Original,  aufgenommen  und  be- 
arbeitet. Supplement  zu  den  Handbüchern  von  Panzer,  Weller,  Gödeke  und 
Heyse.   8.   (IV,   262  S.)  Leipzig   1870.  T.   0.  Weigel.   1   Rthlr. 

D.   Altsächsisch. 

639.  Heiland  s.  Nr.  542. 

E.  Mittelniederdeutsch. 

640.  Aesopus,  Niederdeutscher.  20  Fabeln  und  Erzählungen  aus  einer 
Wolf  >  nbütteler  Hs.  des  15.  Jahrh.  herausg.  von  HofFmann  von  Fallersleben. 
gr.    8.   (83   S.)  Berlin    1870.   Oppenheim.    18   Ngr. 

Vgl.  Götting.  Gel.  Anzeig.  1870,  Nr.  9  (Österley):  Herrig"s  Archiv  47,  172 
(Ranch);  Academy  Nr.  19,  Lehmanns  Magazin  Nr.  29. 

641.  Hofmann,  Über  ein  niederdeutsches  Lancelotfragment  und  einige 
daran   sich  knüpfende  literargeschichtliche  Frapen. 

Sitzungfsberichte  der  bayer.  Akademie  1870,  II,  39 — 52. 

642.  Hoffmann  von  Fallersleben,  Jesui  und  seine  junge  Braut. — 
Marien  Himmelfahrt. 

Germania  15,  366—37,'}, 

F.  Mittelniederländisch. 

643.  Beatrijs.  Eine  Legende  aus  dem  14.  Jahrhundert.  Hochdeutsche 
metrische  Übersetzung  von  Wilh.  Berg.  8.  (XII,  35  S.)  Haag  1870.  Nijhoff. 
12  Ngr. 

644.  Bruchstück  aus  dem  Boek  van  den  Hoiite.   Von  A.  Birlinger. 
Gei-mania  15,  360—64. 

645.  Willems,  Alf.,  het  Brusselsch  fragment  van  den  Cassanus. 
De  Taal-  en  Letterbode  2,  158-166. 

646.  Eyssonius  Wichers,  E.  W.  L.,   iets   over  den   Perguut. 
Dietsche  Warande  IX,  72—85. 

647.  Hellwald,  F.  v.,  Zwei  neue  Maerlandt-Fragmente. 
AltpreuIHsche  Monatssclirift  1870,  3.  Heft. 

648.  Verwijs,  E.,  Jacob  van  Maerlant  en  Jacob  van  Oostvoorne. 
De  Taal-en  Letterbode  ü.  73—88. 

649.  Frommann,   Dr.,  ein  mittelniederländisches  Minnelied. 
Anzeiger  für  Kxmde  der  deutschen  Vorzeit  1870,  Sp.  242. 

650.  Vlooten,  J.  van,  onuitgegeven  Middelnederlandsche  Verzen. 
(Haagsche   Hs.  Nr.   721.) 

Dietsche  Warande  IX,  6-25.  142-157. 

651.  Moltzer,  H.  E.,  de  middelnederlandsche  dramatische  Poezie.  2' 
gedeelte.   8.   (VTIL   S.    141—255).   Groningen   1870.  Wolters,  f.    1,50. 

Enthält:  Lanseloet,  Die  hexe,  Drie  dagfhe  here,  De  tniwanten,  Winter  ende 
Sommer,  Rubben.  A.  u.   d.  T.  Bibliotheek  van  Middelnederl.  Letterknnde,  3.  Aflevering. 

652.  Den  boom  der  schriftueren  van  VI.  personagien  ghespeelt  tot 
Middelburch  in  Zeelant,  den  eersten  Augusto  ent  jaer  1539.  Opt  nieuw  uitgeg. 
met  een  ophelderende  woordenlijst  door  Dr.  G.  D.  J.  Schotel.  8.  (VTII,  52  S.) 
Utrecht  1870.  Kemink.  f.   0,50. 

653.  Hoffmann    van  Fallersleben,   Thomas   a  Kempis. 
Germania  15,  365—366. 

654.  Willem  van  Hildegaarsberch,  Gedichten  van,  van  wege  de 
Maatschappij  der  Nederl.  Letterkunde  uitgeg.  door  Dr.  W.  Bisschop  en  Dr. 
E.    Verwijs.  8.   (XXVIU,   331   S.)  '«  Gravenhage   1870.  Nijhoff.  f.   6,00. 


502  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

G.   Angelsächsisch. 

655.  Köhler,  Artur,  die  einleitung  des  Beovulfliedes.  Ein  Beitrag  zur 
frage    über    die   liedertheorie.    Zeitschrift  für  deutsche  philologie   2,   305 — 314. 

656.  Köhler,  Artur,  die  beiden  episoden  von  Heremod  im  Beovulfliede. 
(V.   901—915  und   1709  —  1722.) 

Zeitschrift  für  deutsche  philologie  2,  314 — 321. 

657.  Birliuger,   A.,  Bruchstück  aus  Alfrics  angelsächsischer  Grammatik. 
Germania  15,  359. 

H.  Mittelenglisch. 

658.  Bell's    English    poets.  Vol.    29.    Chaucer.    Vol.  8.   12.    1   s.   3   d. 

659.  The  Text  of  Chaucer. 
Edinburgh  Review  Nr.  269,  S.  1-45. 

660.  Chaucer's  Translation  of  Boethius'  De  consolatione  philosophiae. 
Edited   by  Richard  Morris.   8.  (XXIII,   205    S.)  London,  Trübner.    12  s. 

Early  English  Text  Society,  Extra-Series  Nr.  5. 

661.  Brink,  Beruh,  ten,  Chaucer.  Studien  zur  Geschichte  seiner  Ent- 
wicklung und  zur  Chronologie  seiner  Schriften.  1.  Theil.  8.  (VIII,  222  S.) 
Münster  1870.  Russelt.    1 V3   Rthlr. 

Vgl.  Götting.  Gel.  Anz.  1870,  Nr.  26  (Pauli);  Athenaeum  20.  Aug.;  Academy 
Nr.  14;  Hcrrig's  Archiv  47,  318—321  (Asher). 

662.  The  „Gest  Hystoriale"  of  the  destruction  ofTroy:  an  allitera- 
tive romance  translated  from  Guido  de  Colonna's  historia  Troiana  ed.  by  G. 
A.  Panton  and   D.   Donaldson.   Part   I.  London   1869.   8.  (VI.   288  S.)    10 V2   s- 

Publication  der  Early  English  Text  Society. 

663.  Child,  Francis  James,  Observations  on  the  language  of  Gower's 
Confessio  Amantis.  A  Supplement  to  Observations  on  the  language  of  Chaucer. 
Memoirs  of  the  American  Academy,   New  Series,   Vol.  IX,  p.   265. 

Vgl.  Herrigs  Archiv  47,  322 — 326  (Stimming). 

664.  Cur  Ladys'  Lament,  and  the  Lamentation  of  Saint  Mary  Magda- 
lena. Edited  by  C.  E.  Tarne.  London,   Washburne. 

1.  Theil  der  Serie:  Early  English  Religious  Literature.  Vgl.  Athenaeum  1871, 
Mai,  S.  556. 

665.  The  vision  of  William  concerning  Piers  the  Plowman.  Edited  by 
W.  Skeat.   8.  London   1869.  Trübner. 

Publication  der  Early  English  Text  Society. 

I.  Altnordisch. 

Runen. 

666.  Bugge,  Sophus,  Lidt  om  de  icldste  nordiske  runeindskrifters  sprog- 

lige   stilling. 

Aarböger  f.  nordisk  Oldkyndighed  1870,  3.  Heft. 

667.  Möbius,  Th.,  zur  kenntniss  der  ältestesten  runen. 
Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  19,  208 — 215. 

668.  Stephens,  George,  the  copies  of  some  runic  stones. 
Tidskrift  for  Philol.  og  Pädag.  8,  307— .309. 

669.  Thorsen,  P.   G.,  Virring-Runesten en. 
Aarböger  for  nord.  Oldkyndighed  1870,  4.  Heft. 

670.  Dybeck,  Rieh.,  Sverikes  runurkunder,  granskade  och  utgifna.  II. 
Stockholms  län.   5.  Haft.  fol.   (pl.   48  —  59  und  Text  23—26).  Stockholm   1870. 


BIBLIOGRAPHIE  VON  1870.  503 

671.  Nyfunne  svenske  runstenar. 
Dybeck,  Runa.  3.  Heft.  S.  47—48.  Mit  1  Tafel. 

672.  Dybeck,  Richard,  Runa.  tbl.  3.  Heft.  Stockholm   1870,  S.  39—46 
und   3  Tafeln. 

Edda. 

673.  Zarncke,   Zum  zweiten   Helgiliede. 

Berichte  der  k.  sächs.  Gesellsch.  d.  Wissensch.  1870,  193—197. 

674.  Thors    färd    til  JUttehem.    (Smäskrifter    för    folket    2)   8.   (16   S.) 
Stockholm   1870.  Norstedt. 

Skalden. 

675.  Thorkelson,    Jöu,  Skvringar   a    vi'sum  i    Njäls    sögu.   8.  (32   S.) 
Reykjavik   1870.  Programm. 


676.  Maurer,  Konrad,   Über  Ari  Thorgilssou  und  seiu  Isländerbuch. 
Germania  15,  291—321. 

677.  Heimskringia  eda  sögur  Noregs  konunga  Snorra  Sturlusonar. 
3   Theilc.  Uppsala   1870.   Schultz. 

678.  Norges  Konge-Sagaer  fra  de  asldste  Tider  indtil  anden  Halvdeel 
af  det  13de  Aarhundrede  efter  Christi  Födsel,  forfattedc  af  Suorre  Sturlasön, 
Sturla  Thordssön  o.  fl.  og  oversatte  af  P.  A.  Munch.  2.  Bindet  udg.  og  fortsat 
af  0.  Rygh.   2—4.   Heft.   Christiania   1870. 

679.  Kon  unga-Boken  eller  Sagor  om  Ynglingarue  och  Norges  konungar 
intill  är  1177  af  Snorre  Sturleson.  Öfversatt  och  förklarad  af  Hans  Olof  Hildebraud 
Hildebrand.   6—7   Heft.   (S.   241—344;   1  —  128.)   Örebro   1870. 

Vgl.  Germania  15,  449--  459.  (K.  Maurer.) 

680.  Lilja  (the  Lily),  an  Icelandic  religious  poem  of  i he  XIV.  Century, 
by  Eystein  Asgrimsson.  Edited  by  Eirikr  Magnussou.  8.  (LVI,  124  S.)  London 
1870.   V^illiams  a.  Norgate. 

Vgl.  The  Academy  1871,  Nr.  25  (Th.  Möbius). 

681.  Döring,  B.,  Die  quellen  der  Niflungasaga  in  der  darstellung  der 
Thidrekssaga  und  der  von  dieser  abhängigen  fassungen.   (Schluß.) 

Zeitschrift  für  deutsche  philologie  2,  265—292. 

682.  Om  Njäl  och  hans  söner.  (Smäskrifter  för  folket  3.)  8.  (24  S.) 
Stockholm   1870.  Norstedt. 

683.  Kölbing,  E.,  Nachtrag  zur  Parzivalssaga. 
Germania  15,  89 — 94. 

684.  Völsunga  saga:  The  story  of  the  Volsung  and  Niblung  with 
certain  songs  from  the  eider  Edda,  translated  from  the  Icelandic  by  Eirikr 
Magnuisson  and  W.  Morris.   8.   (286   S.)  London   1870.   Ellis.    12   s. 

Vgl.  Athenaeum  1870,  11.  Juni. 

685.  Gfslason,  Konr.,  Smäbemyerkninger  til  de  tvende  udgavcr  af  den 
arnamagnseanske  membrn.  nr.   674  A. 

Aarböger  f,  nordisk  Oldkyndighed  1870,  3.  Heft. 

686.  Holm,  F.  W.,  Nordboemes  Reiser  til  Amerika,  fortalt  efter  islandske 
kilder.   8.  (20  S.)  Kopenh.   1870.  Abdruck  aus  'Folkelsesning    1869. 

687.  Eptirrit  af  nokkrum  gömlum  skjölum. 

Ti'marit  gefid  i'it  af  J.  Peturssyni   1,  36—45.    2,  39—51.    Isländische  Urkunden, 

688.  Literae  testamenti  Thorstani  Eiulphi  (1386.    Lslandicc), 
Ti'marit  u.  s.  w.  2,  115—117. 


504  BIBLIOGRAPHIE  VON  1870. 

K.  Altdänisch. 

689.  Romantisk  Digtning  fra  Middelalderen ,  udg.  af  C.  J.  Brandt. 
1—2.  Bind.  8.  (XIV,  356;  VII,   382   S.)  Kjöbenh.   1869—70. 

Auf  drei  Bände  berechnet. 

L.  Mittellateinische   Poesie. 

690.  Waitz,  G. ,  das  Carmen  de  hello  Saxonico  oder  Gesta  Heinrici  IV, 
neu  herausgegeben,  kl.  4.  (86  S.)  Göttingen  1870.  Dieterich.  1  Rthlr.  6  Ngr. 

Aus  den  Abhandl.  d.  GesellHcbaft  d.  Wissenschaften.  Vgl.  Literar.  Centralblatt 
1870,  Nr.  38;  Philol.  Anzeiger  II,  5;  Gott.  Gel.  Anz.  Ö.  1201-2  (Waitz);  Heidelb. 
Jahrb.  1871,  S.  259-263  (Wattenbach). 

691.  Zarncke,  eine  vierte  Umarbeitung  der  s.  g.  Disticha  Catonis. 
Berichte  der  k.  sächs.  Gesellschaft  d.  Wissenschaften  1870,  S.  181—192. 

692.  Bartsch,  K.,  zur  Hroswithafrage. 
Germania  15,  194. 

693.  Marbach,  J. ,   die  Nonne  Roswit  —    die  älteste  deutsche  Dichterin. 
Norddeutsch.  Protestantenblatt  1870,  Nr.  2. 

694.  Grotefend,  Dr.  H.,  Laurea  sanctorum,  ein  lateinischer  Cisiojanus 
des  Hugo  von  Trimberg. 

Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1870,  Sp.  279—284.  301—311. 

695.  Höfig,  Dr.  Herrn.,  lateinische  Hymnen  aus  angeblichen  Liturgien 
des  Tempelordens  Icritlsch  und  exegetisch  bearbeitet,  gr.  8.  (VIII,  58  S.)  Par- 
cbim  1870,  Wehdemann.  12ya  Ngr. 

Vgl.  Theolog.  Jahresber.  1870,  4.  Heft. 

696.  Buch  der  Hymnen.  Altere  Kirchenlieder  aus  dem  Lateinischen  ins 
Deutsche  übertragen  von  Ed.  Hobein.  2.  Auflage.  4.  (XXIV,  335  S.)  Halle  a.  S. 
1870.  Schwabe. 

697.  Kays  er,  Prof.  Dr.  Joh. ,  Beiträge  zur  Geschichte  und  Erklärung  der 
Kirchenhymnen.  3.  Heft.  gr.  8.  (III,  311—435.)  Paderborn  1869.  Junfermann. 
17V2Ngr. 

698.  Nicolai  de  Biber a  carmen  satiricum  ed.  Theob.  Fischer,  gr.  8. 
(VIH,  305  S.)  Halle  a.  S.  1870.  Buchh.  d.  Waisenhauses. 

Im  1.  Bande  der  Geschichtsquellen  der  Provinz  Sachsen,  herausgeg.  von  den 
geschichtl.  Vereinen  der  Provinz. 

699.  Hubatsch,  Oscar,  die  lateinischen  Vagantenlieder  des  Mittelalters. 
8.  (V,  100  S.)  Görlitz  1870.  Remei.  16  Ngr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1870,  Nr.  28;  Heidelb.  Jahrb.  Nr.  33;  Magazin  f.  d. 
Liter,  d.  Auslandes  Nr.  20. 

700.  Planctus  de  corrupto  saeculi  et  ecclesiae  statu. 

Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutscheu  Vorzeit  1870,  Sp.  368—370.  Aus  einer  Einsiedler 
Hs.  des  15.  Jahrh. 

701.  Wattenbach,  W.,  lateinische  Reime  des  Mittelalters. 
Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutschen  Vorzeit  1870,  Nr.  1  S, 


Berichtigungen.  Lies  78,  15  v.  u.  foutre;  101,  2  lies  Erpfma7i  statt 
Erqfman;  16  Manius  st.  Manir ;  17  Zmiber  des  st.  Zaubeudes;  Z.  6.  v.  u.  1856 
st.  1855;  102,  14  Hut  st.  luit;  23  Narnjuangeli  und  Mingmiggeli ;  28  uuitua 
st.  mitua;  103,  21  1.  Hausnamen  st.  Hausnarren;  36  Hikieshusun-^  104,  14  1. 
Maudio  st.  Mandio;  16  gaiija  st.  ganja;  10  Eckeo  st.  Erkeo;  105,  7  Crecelius 
8t.  Freccius';  29  Tant  st.  Tarih ;  106,  11  1.  ^J'ffrjj:  12  'ÄQCaxri-^  107,  16 
'i  8t.  e  ;   109,  19  1.   3.  und  8.  Jahrg.;   259,    14  grennast. 

jgo«  Uiezu  eine  Beilage. 


PF       Germania 
3003 

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